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Als der junge Schwarze am Neujahrstag tot aus dem Fluss gefischt wurde, waren Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr gerade im Urlaub. Das Urteil war eindeutig: Tod durch Ertrinken, wahrscheinlich Selbstmord. Umso unwilliger ist Jacobson, als ihn vier Monate später ein prominenter Journalist beim Feierabend-Bier anspricht, und ihm erklärt: »Der Mann ist ermordet worden, von weißen Rassisten.« Zwei Tage später liegt der Journalist selbst tot im Fluss.
Gibt es wirklich eine Verschwörung in Crowby, diesem unscheinbaren Provinznest in England?
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2020
Iain McDowall, in Kilmarnock, Schottland, geboren, war Universitätsdozent für Philosophie und Computerfachmann, ehe er als Autor von Kriminalromanen bekannt wurde. Heute lebt er in Worcester, England, wo sich auch die fiktive Stadt Crowby befindet, in der seine Kriminalromane allesamt spielen.
Als der junge Schwarze am Neujahrstag tot aus dem Fluss gefischt wurde, waren Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr gerade im Urlaub. Das Urteil war eindeutig: Tod durch Ertrinken, wahrscheinlich Selbstmord. Umso unwilliger ist Jacobson, als ihn vier Monate später ein prominenter Journalist beim Feierabend-Bier anspricht, und ihm erklärt: »Der Mann ist ermordet worden, von weißen Rassisten.« Zwei Tage später liegt der Journalist selbst tot im Fluss. Gibt es wirklich eine Verschwörung in Crowby, diesem unscheinbaren Provinznest in England?
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Iain McDowall
Zwei Tote im Fluss
Kriminalroman
Deutsch vonWerner Löcher-Lawrence
Über Iain McDowall
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Prolog
1. Kapitel
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3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
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Anmerkungen des Autors
Impressum
Für Jake
Neujahr
Trotz der starken Strömung war die Leiche nicht weit abgetrieben worden. Anfang Dezember hatte es ein Unwetter mit schweren Böen gegeben. Zahlreiche entwurzelte Bäume und Treibgut wurden den Fluss heruntergespült. Dort, wo die Crow durch das nach ihr benannte Crowby floss, waren ihre Ufer immer noch mit abgerissenen Ästen und Baumstämmen übersät, und in diesen Trümmern hatte sich die Leiche Darren McGees verfangen, zwischen aufgeweichter Eichenrinde und den verbogenen Überbleibseln eines verrosteten Mountainbikes.
Die Crowby-Diehards, die Härtesten weit und breit, hatten die Leiche entdeckt und aus Respekt vor dem Toten ihr berühmtes Neujahrsschwimmen zum ersten Mal abgesagt. Seit einundfünfzig Jahren trafen sie sich jedes Jahr zur gleichen Zeit am selben Ort: am Neujahrstag, morgens um 8.30 Uhr auf dem Riverside Walk, gegenüber vom »Riverside-Hotel«, gleich neben der Memorial Bridge. Rund zwanzig Schwimmer mit einer kleinen Truppe Schaulustiger und Helfer. Zwar hatte die Beteiligung über die Jahre geschwankt, aber drei Schwimmer der ersten Stunde waren noch immer dabei, und das mit großem Erfolg. »Nischt als Badehosen hatten wir damals an«, sagte Harold Fletcher gern. Er war der Älteste, aber beileibe nicht der Langsamste. Heute trug er, wie alle anderen auch, einen Neoprenanzug – und ein Schlauchboot mit Außenborder fuhr in Reichweite mit, für den Fall, dass einer der Schwimmer Probleme bekam. Selbst Fletcher sagte, das sei vernünftig. Die Crow floss breit und eiskalt dahin, so kalt, dass einem das Herz stehen bleiben konnte. Kalt genug, um Bewusstsein und Leben zu verlieren.
Fletcher hatte die Leiche jedoch nicht entdeckt. Das ging auf Gemma Reads Konto. Das Neujahrsschwimmen war schon lange keine rein männliche Veranstaltung mehr, und es traf sich gut, dass Gemma gerade ihre ersten sechs Monate in Uniform absolvierte. Sie ging in einem Einkaufszentrum Streife, wo Halbwüchsige Zigaretten klauten und die Gänge zumüllten, aber sie wusste gleich, was die Stunde geschlagen hatte. »Alle treten vom Ufer zurück, bis auf dich, Geoff, und dich, Keith. Alle anderen bitte ein paar Schritte zurück. Wer hat ein Handy dabei? Nun gib schon her.« Sie rief an, und dann zogen sie Darren McGee zu dritt aufs Trockene. Sein Kopf hatte mit dem Gesicht ein Stück unter der Wasseroberfläche gelegen, und es bestand kein Zweifel, dass er tot war. Aber sie dachte an ihre Ausbildung, an das, was man ihr eingetrichtert hatte. Dem Opfer den Puls zu fühlen und einen Spiegel vor den Mund zu halten, war das Erste, was man tat. In jedem Fall. Immer. Ohne Unterschied. Die erste Priorität besteht darin, alle möglichen, notwendigen lebensrettenden Maßnahmen zu ergreifen. Erst dann kam die Sorge darum, keine Spuren am potentiellen Ort des Verbrechens zu verwischen. Vermeiden Sie anschließend jeden unnötigen weiteren Kontakt. »Okay, damit ist klar, er ist tot. Alle halten Abstand, bis die Experten hier sind.« Sie legten ihn am Ufer ab und traten zurück. Errichten Sie so schnell wie möglich eine vorläufige Absperrung. Es war ihre erste Leiche, sah man von dem obligatorischen Ausbildungsbesuch in der Leichenhalle ab. Aber das war etwas anderes, das war geplant und voraussehbar gewesen. Der Tote im Fluss kam überraschend, aus dem Nichts, war ein Ernstfall. Natürlich musste sie näher dranbleiben als die anderen. Es waren zwar ihre Kumpel, aber doch auch Zivilisten. Sie selbst war ein Profi, musste aufpassen, die Augen offenhalten.
Seine Kleider waren durchnässt, voller Grünzeug, dennoch hatte die Art, wie sie an seiner großen, schlaksigen Gestalt hingen, etwas Ordentliches. Ihr war klar, dass er nicht lange im Wasser gelegen haben konnte. Er hatte keine Beißspuren im Gesicht und weder Kopf noch Leib waren geschwollen. Dafür gab es eine Menge hässlicher, entstellender Flecken und Wunden. Wahrscheinlich vom Zusammenprall mit Felsen, Ästen und vielleicht auch vom Schlag gegen die Brückenpfeiler, falls er von da oben in den Fluss gelangt war. Während sie noch dastand und ihn nicht aus den Augen ließ, kroch etwas Ekliges, Schneckengleiches aus seinem linken Nasenloch. Oh, lieber Gott, mach, dass ich mich nicht übergeben muss.
Mittwoch, 20. April
Detective Chief Inspector Jacobson verließ Punkt sechs sein Büro, froh darüber, endlich Feierabend zu haben. Im Moment waren seine Fälle Routine, unerheblich, nervtötend. Das wirklich Böse war vom Radarschirm gerutscht, wartete ab, schöpfte Atem. Als Bürger war das nur zu begrüßen, aber als Kriminaler drehte man Däumchen, räumte ständig den Schreibtisch neu auf und wartete und wartete. Wie immer kaufte er auf dem Platz vor dem Präsidium eine Ausgabe des ›Evening Argus‹. Gegenüber erhob sich die angenehm anzusehende Fassade des Rathauses, die übrigen Gebäude rings um den nur Fußgängern zugänglichen Platz waren weniger hübsch: Der mehrstöckige Koloss aus Bücherei und Parkhaus, die fleckige Rückwand des Einkaufszentrums und das Polizeipräsidium nahmen sich da nicht viel.
»Steht mal wieder nichts drin«, sagte der Mann in seinem Kiosk enttäuscht.
Jacobson hatte schon bessere Verkäufer erlebt. Er steckte sein Wechselgeld ein, klemmte sich die Zeitung unter den Arm und ging quer über den Platz Richtung Silver Street, dem schnellsten Weg zum dunklen, verrauchten Inneren des »Brewer’s Rest«.
Narzissen blühten in den Beeten rund um den Platz und der Himmel war provozierend blau. Für den Normalmenschen war der Frühling eine gute Sache, ein Vorbote, etwas, worauf man sich nach den grauen Monaten des englischen Winters freute. Für Jacobson hingegen war es immer schon die Jahreszeit gewesen, die er am wenigsten mochte. Die plötzliche Helligkeit der Tage schreckte ihn auf wie ein Wecker, den er ganz und gar vergessen hatte. Zudem befand sich zu viel im Übergang und war schwer einzuschätzen. Nie wusste man, ob man den Mantel mitnehmen sollte oder nicht. Ob die Sonne scheinen oder es in Strömen regnen würde. Die Grußkartenindustrie und die sentimentaleren unter den Naturdichtern sahen das natürlich anders, die fanden den Frühling fantastisch: Die Säfte stiegen und überall brach sich neues Leben Bahn. Als wucherte es nicht sowieso schon an allen Ecken und Kanten. Strotzend, vielfältig, gierig. Das eine fraß das andere. Oder wurde gefressen.
Er ließ sich von Henry Pelling, dem Polizeireporter des ›Evening Argus‹, zu einem Glas einladen, als Einleitung zu ihrem gewohnten, vorsichtigen Informationsaustausch, zu dem beide heute wenig beizutragen hatten. Schließlich strömten Pellings Arbeitskollegen herein und brachten den neuesten Redaktionstratsch und die üblichen Eifersüchteleien mit. Obwohl der ›Argus‹ mittlerweile draußen im Waitrose-Komplex untergebracht war, zogen die Schreiberlinge abends die Innenstadt vor. Jacobson fiel ein neues Gesicht unter ihnen auf. Ein Mann, knapp über zwanzig, elegant gekleidet. Jacobson zollte ihm kaum mehr Beachtung als den anderen, registrierte jedoch, dass er schwarz war. Von seinem Intellekt und seiner Einstellung her war Jacobson das genaue Gegenteil eines Rassisten, aber er konnte nicht aus seiner Haut. Er war weiß und hatte sein ganzes Leben in England gelebt. Auf den Etiketten seiner Schulhemden hatte »Made in the British Empire« gestanden, und immer noch bemerkte er das andere, es war wie ein Reflex. Genau den Regeln folgend, bestellte er jetzt seinerseits ein Guinness für Pelling und zog sich mit seinem zweiten Glas in eine ruhige Ecke zurück.
Im »Brewer’s Rest« gab es neuerdings echtes tschechisches »Budweiser« vom Fass, ein Bier, das Jacobsons Meinung nach nicht mit dem bekannteren »Bud« zu verwechseln war, das halbwüchsige Strolche und verirrte Amis so gerne tranken. Das »Budweiser« entschädigte für einige der Neuerungen im BR – Karaoke und eine Playstation mit Riesenleinwand –, die ein Versuch waren, im Wettbewerb der Fun-Pubs, Sports-Bars und Pole-Dancing-Clubs mitzuhalten, die das Nachtleben in der Innenstadt immer mehr beherrschten. Jacobson nippte an seinem Bier und warf einen Blick auf die Gerichtsberichte. Seine Schachtel B&H und das silberne Feuerzeug steckten sicher in seiner Jacketttasche und er gab sich alle Mühe, beides möglichst lange unberührt zu lassen. Wie ernst es ihm damit war, würde man noch sehen. Womöglich hatte der Mann schon minutenlang dort gestanden, als Jacobson endlich aufsah und begriff, dass da jemand mit ihm sprechen wollte.
»Chief Inspector Jacobson?«, fragte Pellings neuer Kollege. Er war nicht unbedingt nervös. Es schien eher so, dass er genau wusste, wie wichtig und entscheidend der weitere Verlauf ihres Austauschs sein würde.
»Wer sind Sie?«, fragte Jacobson und nahm noch einen Schluck.
»Mein Name ist Paul Shaw.«
Er zog eine Karte hervor und reichte sie Jacobson: Es war sein Journalistenausweis. Er war gültig und echt, soweit Jacobson das beurteilen konnte, ohne erst extra seine Lesebrille hervorzuholen. Jacobson gab den Ausweis zurück und hielt dabei immer noch den ›Argus‹ in der rechten Hand.
»Der alte Henry stellt mir seine neuen Leute normalerweise persönlich vor …«
Shaw hatte sich einen Stuhl herangezogen. Er setzte sich und rückte an den Tisch.
»Ich bin nicht beim ›Argus‹, Chief Inspector. Ich komme aus London und arbeite als freier Journalist. Bis letzte Woche war ich nie in Crowby.«
»Meinen Glückwunsch. Und warum plötzlich dieser Ausrutscher?«
Shaw hustete und räusperte sich. Sein Anzug sah nicht billig aus, auch das Hemd nicht. Der oberste Knopf war offen. Shaw legte eine Laptoptasche vor sich auf den Tisch. Es war eine von den Taschen, die groß genug waren, um nicht nur einen Computer darin unterzubringen, sondern auch noch reichlich andere Dinge: Dokumente, Handys und Sandwiches von »Prêt à Manger«. Shaw zog einen Reißverschluss auf, holte einen ›Argus‹ hervor und hielt den Aufmacher hoch. Es war eine alte Ausgabe vom Anfang des Jahres, von Januar, soweit Jacobson das ohne Brille entziffern konnte. Er sollte sich wirklich angewöhnen, beim Lesen die Brille aufzusetzen. Aber die Schlagzeile konnte er auch ohne lesen: »Neujahrstragödie: Es war Selbstmord, sagt der Untersuchungsrichter.«
Paul Shaw lächelte wie einer, dem gerade die Katze gestorben oder dessen Frau ihn wegen der Nachbarin verlassen hatte.
»Ich möchte Ihnen von einem Mord berichten, Chief Inspector. Hier in Ihrer Stadt. Von einem Schwarzen, der von weißen Rassisten umgebracht wurde.«
Mittwoch, 20. April
»Darren McGee?« Jacobson legte seinen ›Argus‹ auf den Tisch und sah auch Shaws Ausgabe nicht näher an. »Ein unglücklicher junger Mann, vorsichtig ausgedrückt, mit psychischen Problemen, die am Ende zum Selbstmord führten. Detective Chief Superintendent Salter hat die Untersuchung höchstpersönlich geleitet.«
Er nahm einen weiteren Schluck und schwieg. Im Zeitalter der Nanotechnologie – mit Kameras und Mikrofonen nicht größer als ein Mückenschwanz – war man besser vorsichtig, was man der Presse sagte. Besonders Journalisten gegenüber, die man noch nie getroffen hatte. Shaw behielt sein schmerzliches Lächeln bei.
»Der offizielle Untersuchungsbericht ist mir bekannt, Inspector Jacobson. Ich habe ihn gelesen. Genau wie die Vernehmungsprotokolle.«
»Und?«
»Sie haben mit der Wahrheit nichts zu tun. Aber auch gar nichts.«
Jacobson überlegte, ob er die gerade erst begonnene Unterhaltung gleich wieder abbrechen sollte. Er hatte seinen Jahresurlaub gemacht, als der junge Mann – also gut, der schwarze junge Mann – aus der Crow gefischt worden war. Tot. Weil er, Jacobson, nicht da gewesen war, hatte Greg Salter, der Schleimer, zum ersten und hoffentlich letzten Mal, seit er zu Crowbys Chief of Detectives aufgestiegen war, die Untersuchung in einem möglichen Mordfall an sich gerissen. Aber selbst Salter hatte einen Fall, der so klar und einfach war, nicht versauen können. Obwohl bei Jacobsons Rückkehr alles längst abgeschlossen war, hatte er die Unterlagen doch noch einmal gegengelesen – mehr als das, um ehrlich zu sein. Es wäre zu schön gewesen, Salter Fehler und Inkompetenz nachweisen zu können. Aber die Tatsachen sprachen eine andere Sprache.
Es stimmte, McGee hatte verschiedentlich Schwierigkeiten mit seinen Nachbarn und Arbeitskollegen gehabt. Dabei hatte es durchaus rassistische Untertöne gegeben, doch den ausschlaggebenden Faktor in diesem Fall stellte McGees psychische Verfassung dar. Mehr als einmal war er stationär behandelt worden, die Diagnose lautete auf Schizophrenie. Nach Crowby war er nur gekommen, weil er hinter einer Freundin her war, die ihn rausgeschmissen und als gewalttätig angezeigt hatte. Sie hatte bei Gericht eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt, nach der ihm jeder Kontakt zu ihr untersagt wurde. Die Ergebnisse der Gerichtsmediziner hatten in die gleiche Richtung gedeutet: Es gab keinen zwingenden Hinweis auf Verletzungen, die Darren McGee vor dem Eintauchen ins Wasser zugefügt worden waren. Er war eindeutig nicht gefesselt oder mit Gewichten beschwert worden. Zudem stimmten die mikroskopisch kleinen Kieselalgen in seiner Lunge überzeugend mit den Populationen in dem Teil des Flusses überein, in dem er gefunden worden war.
Nein, entschied Jacobson, es lohnte sich kaum, Shaw in dieser Sache zuzuhören. Entweder lechzte Shaw danach, seinen Namen an prominenter Stelle in der Zeitung zu lesen – ganz gleich, wie die Sachlage aussah –, oder er war ein verrückter, zwanghafter Verschwörungstheoretiker. Vielleicht auch beides. Andererseits bestand keine Eile, nach Hause in die leere Wohnung zu kommen und sich vorher noch etwas aus dem chinesischen Take-away zu holen. Warum sollte Jacobson diesem jungen Mann nicht zuhören, während er sein Bier austrank?
Er sah auf die Uhr.
»Ich gebe Ihnen fünf Minuten, Mr Shaw«, sagte Jacobson. »Gehen Sie sorgsam damit um.«
»Darren McGee war mein Cousin, Mr Jacobson. Ich bin nicht hinter einer Story her. Es geht um die Wahrheit – und um Gerechtigkeit. Darren zog im November nach Crowby. Im Januar war er tot, und bis dahin hatte er täglich mit rassistischen Drohungen zu kämpfen.«
»Täglich? Nun, vielleicht. Aber das verschweigt der Untersuchungsbericht ja auch gar nicht, mein Junge. Der Untersuchungsrichter hat die Schuldigen kritisiert und festgestellt, dass die Feindseligkeit, die Darren McGee entgegenschlug, ein weiterer Stressfaktor war, der seine Labilität sicher noch verschlimmerte.«
Paul Shaw hatte kein Glas und holte auch keine Zigaretten hervor. Es hatte den Anschein, als speiste er sich allein aus seiner eigenen, nervösen Energie.
»Besonders, als ihn das rassistische Gesindel von der Brücke warf. Über das Geländer hielt und fallen ließ.«
Jacobson studierte Shaws Gesicht. Wie ein Verrückter sah er nicht aus.
»Der einzige Rassismus, der im Bericht genannt wird, ist die gewöhnliche, dumme Alltagshetze«, fuhr Shaw fort. »Ich rede von etwas, das im Bericht weggelassen wurde. Ernsten Drohungen gegen Darren. Wirklich ernsten Drohungen, die am Ende wahr gemacht wurden.«
»Wenn Sie den Bericht so eingehend studiert haben, wie Sie sagen, Mr Shaw, dann wissen Sie auch, dass die Spurensicherung die Brücke genauestens untersucht hat, ohne auch nur einen einzigen Hinweis darauf zu finden, dass Darren McGee mit Gewalt ins Wasser befördert worden sein könnte. Einen Hinweis auf eine Auseinandersetzung. Einen Schuhabrieb oder sonst etwas. Es war absolut nichts zu finden.«
»Vielleicht haben sie nicht gründlich genug gesucht«, entgegnete Shaw. »Es gab in der ganzen Untersuchung nichts, das den politischen Willen hätte erkennen lassen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Darrens labiler Zustand machte es äußerst einfach – und verlockend –, seinen Tod als Selbstmord abzuhaken. Ich gehe nicht davon aus, dass Ihr Vorgesetzter, Chief Salter, ernsthaft daran interessiert war, zu einem anderen Schluss zu kommen. Es hätte eine Menge Arbeit verlangt und ziemlich unangenehm werden können, die Mörder zu überführen.«
Jacobson nahm einen kräftigen Schluck. Shaw wusste ganz offenbar, wie man in seinem Job vorging. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht, und Henry Pelling, oder einer seiner Kollegen, hatte ihn nicht nur an Jacobson verwiesen, sondern auch über das eher gespannte Verhältnis zwischen Jacobson und Schleimer-Greg ins Bild gesetzt.
»Das ist eine schwerwiegende Anschuldigung, Mr Shaw, und ich bin bereit, so zu tun, als hätte ich sie nicht gehört. Wie ich schon sagte: Es gibt absolut keine Spur, keinen äußeren Hinweis, der Ihre Theorie unterstützen würde.«
Paul Shaw ließ von seinem Lächeln nicht ab.
»Professor Merchant hat die Obduktion vorgenommen. Nach allem, was ich höre, war man bei Ihnen weit glücklicher, wenn Peter Robinsons Unterschrift unter einem Bericht stand.«
Jacobson nahm einen weiteren Schluck Bier, bevor er antwortete.
»Professor Merchant galt als einer der besten sechs Kriminalpathologen in diesem Land.«
»Aber in den letzten Jahren hat er etwas nachgelassen oder täusche ich mich da?«
Da hast du wohl Recht, mein Junge, dachte Jacobson. Plötzlich gewann die Aussicht auf ein Entengericht vom »Yellow River Take-away« an Attraktivität. Anschließend würde er noch eine Stunde mit einem guten Buch verbringen. Das war allemal besser, als hier nach Feierabend zwei der größten Trottel verteidigen zu müssen, mit denen er in seinem Arbeitsleben je zu tun gehabt hatte.
»Warum bohren Sie da erst jetzt nach?«, fragte Jacobson. »Die Untersuchung fand im Januar statt. Warum haben Sie bis heute gewartet, wenn Sie Bedenken anzumelden hatten?«
»Ich war sehr beschäftigt und im Januar im Ausland. Ich hatte jetzt erst Gelegenheit, mich näher darum zu kümmern, was mit Darren passiert ist.«
Shaw zog den Reißverschluss eines weiteren Fachs seiner Laptoptasche auf. Jacobson konnte einen Stapel Papiere darin erkennen.
»Einen Moment, mein Junge«, sagte er. »Warum erzählen Sie mir das eigentlich alles? Mal abgesehen davon, dass ich nicht gerade DCS Salters bester Freund bin – was kaum die Story des Jahres ist.«
»Weil Sie den Ruf haben, fair zu sein, Inspector. Ich dachte, wenn ich Ihnen zeige, worauf ich gestoßen bin, sehen Sie vielleicht eine Möglichkeit, wie man den Fall noch einmal aufrollen könnte.«
Shaw hatte seine Papiere bereits halb aus der Tasche. Er zog ein einzelnes Blatt daraus hervor und legte es neben Jacobsons Bierglas. Auf dem Blatt stand eine Liste mit vier Namen, vier Vornamen und vier Zunamen. Jacobson ließ den Blick schnell darübergleiten. Keiner der Namen sagte ihm etwas.
Shaw sah sich um, als würde ihm mit einem Mal bewusst, dass sie sich an einem öffentlichen Ort befanden. Seine sowieso nicht laute Stimme senkte sich zu einem Flüstern.
»Das sind die vier, die ihn umgebracht haben. Sie haben es ihm angedroht, es angekündigt – und dann haben sie es getan.«
Wie ein Mantra spulten sich in Jacobsons Kopf die Hauptergebnisse der Untersuchung ab: keine Anzeichen eines Kampfes, keine vorausgehenden Verletzungen und keinerlei Zeugen.
»Wie wurden die Drohungen hauptsächlich gemacht?«
»Direkt, auf der Straße. Manchmal haben sie ihn auch auf dem Handy angerufen. Alle vier haben Verbindungen zur extremen Rechten. Zu wem genau, weiß ich nicht. Nicht zur British National Party oder zur National Front, sondern zu einer neuen Gruppe.«
»Und Sie haben Zeugen, die diese Drohungen bestätigen können?«
Shaw sah sich erneut um.
»Bis jetzt noch nicht. Die Leute, mit denen ich im Moment spreche, sind unbeteiligte Dritte und wollen noch keine Aussage machen. Bis jetzt wenigstens nicht. Aber ich arbeite daran.«
Bis jetzt nicht. Noch keine Aussage. Das war’s. Das und das Blicke-um-sich-Werfen, das Flüstern und das Innehalten. Es war ein Fehler gewesen, Shaw zuzuhören. Der Junge wirkte normal, war aber ganz offenbar genauso durchgeknallt wie sein ertrunkener Cousin. Jacobson trank sein Glas mit einem letzten, geübten Schluck aus.
»Das hier ist immer noch ein freies Land, Mr Shaw«, sagte er, »trotz aller gegenläufigen Versuche unseres Innenministers. Sehen Sie sich in Crowby um, so viel Sie mögen. Kurbeln Sie die örtliche Wirtschaft an. Aber stehlen Sie mir nicht wieder die Zeit – es sei denn, Sie haben etwas Überzeugenderes zu bieten als die Einflüsterungen von ein paar scheinheiligen Dreckschleudern und armen Irren.«
Jacobson stand auf. Er ließ das Blatt Papier liegen, wo es lag. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Shaw doch nicht verrückt war, zog er eine seiner Visitenkarten hervor und legte sie auf die Namensliste.
»Und das nächste Mal, wenn es denn ein nächstes Mal geben sollte, versuchen Sie sich an die vorgeschriebenen Wege zu halten, mein Junge. Rufen Sie an und machen Sie einen Termin aus.«
Donnerstag, 21. April
Donnerstag. Ein klarer, sonniger Morgen. Aber nicht warm. Jacobson duschte nach dem Frühstück und rasierte sich sorgfältiger als gewöhnlich. Er trug immer einen Anzug zur Arbeit. Mit Krawatte. Für gewöhnlich allerdings keinen schwarzen.
Das Hauptereignis war für halb elf angesetzt. Zu spät am Morgen, als dass er sich vorher seinen Gang ins Büro hätte sparen können. Die Sache war absolut typisch: Merchant schaffte es, bis ganz zuletzt den nervenden, ärgerlichen Mistkerl zu geben. Jacobson zog sich die Krawatte vor dem Flurspiegel zurecht und beschloss, nicht ohne Mantel aus dem Haus zu gehen.
Auf der Fahrt in die Stadt schaltete er das Morgenmagazin ›Today‹ ein. Um zehn vor neun saß er hinter seinem Schreibtisch. Er ging die Ereignisse der Nacht durch und suchte seine Aufzeichnungen zum Fall Sheila Cassidy zusammen, der nächste Woche vor Gericht kommen sollte. Die unglückliche Mrs Cassidy war eine gutbürgerliche Hausfrau, wie direkt der Werbung entsprungen, nur dass sie ihren Ehemann im Streit um ihre Kochkünste erstochen hatte. Der Gute hatte sich beschwert, sie sei ja geradezu besessen von ihrem ›River-Café‹-Kochbuch, und hatte einmal zu oft nach Würsten mit Kartoffelpüree statt nach ihrem feinen baccala con carciofi verlangt. Natürlich hatte sie ihn nicht umbringen wollen. Gleich nach dem Krankenwagen rief sie die Polizei und legte ein umfassendes, verängstigtes Geständnis ab. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre es gar nicht so weit gekommen, wären die äußeren Umstände nicht förderlich gewesen: hätte der Streit nicht in der Küche stattgefunden und die blitzende Reihe Sabatier-Küchenmesser nicht in Reichweite gehangen. Hätte sie nicht ausgerechnet eine Schlagader erwischt. Aber das Gesetz ging seinen Gang, und Jacobson, der die Vernehmung geleitet und die Anklage vorbereitet hatte, musste in den Zeugenstand.
Er arbeitete bis kurz vor zehn. Detective Chief Inspector »Clean« Harry Fields war einer der Männer im Lift, mit denen er nach unten fuhr. Fields bot an, ihn mitzunehmen, und Jacobson war dumm genug, Ja zu sagen und seinen eigenen Wagen auf dem Dienstparkplatz zurückzulassen. Der schnellste Weg zum Krematorium führte am Krankenhaus vorbei und über den Ring. Aber Clean Harry hatte seine eigene seltsame Route, die einen zusätzlichen, unergründlichen Abstecher durch Longtown mit einschloss. Ihnen blieben nur noch wenige Minuten, als sie schließlich hinten in die Friedhofskapelle schlüpften.
Merchants Familie hatte immer brav ihre Kirchenbeiträge bezahlt, und so war in Wynarth erst noch eine Messe gefeiert worden, bevor sich der Trauerzug ins Krematorium begab. Merchant selbst hatte seinen Fuß kaum einmal in die Kirche gesetzt, aber seine Frau Elspeth war eine regelmäßige Kirchgängerin. Jacobsons unschöner Beerdigungsgedanke Nummer eins war: Als Lebenspartnerin von Alasdair Merchant hatte die arme Frau religiösen Trost sicher bitter nötig gehabt, am besten gleich den ökumenischen, allumfassenden Trost eines halben Dutzends Religionen.
Er blickte über die vollen Bankreihen. Elspeth, in Schwarz, saß ganz vorne, sichtlich Halt suchend an den ältesten ihrer drei Söhne gelehnt. Um sich herum Freunde und Verwandte: etwa drei Reihen voll. Dahinter kamen die, die Merchant beruflich gekannt hatten und sich schon aus beruflichen Gründen auf seiner Beerdigung sehen lassen mussten. Medizinerkollegen, die örtliche Gerichtsbarkeit und natürlich die Polizei. Dudley »Dud« Bentham, der Chief Constable, hatte einen Einpeitscher-Dreizeiler geschrieben: Alle Mitarbeiter bis hinab zum Inspector hätten zu kommen, allein dringende Dienstgeschäfte würden als Entschuldigung akzeptiert. Jacobsons unschöner Beerdigungsgedanke Nummer zwei: Psychophatische Serienmörder schlugen nie zu, wenn man sie brauchte. Er sah Greg Salter am Ende der Bank, in der Bentham und sein Gefolge aus Assistant Chief Constables saßen. Wie vorauszusehen, war Salter der einzige Superintendent, der es so nahe an die Quelle der Macht und Bevorzugung gebracht hatte. Zu den anwesenden Gerichtsgrößen gehörte Alan Slingsby mit seiner ständig wachsenden Mitarbeiterzahl. In dem medizinischen Kontingent konnte Jacobson die Rückansicht von Peter Robinson ausmachen, erkennbar an seinem wilden kupferroten Haarschopf. Robinson war Crowbys zweiter Pathologe, bisher Merchants Untergebener, zumindest offiziell und der Theorie nach.
Musik erklang, als der Sarg hereingetragen wurde. Jacobson kannte das Stück, musste aber nachsehen, um sagen zu können, dass es das ›Sanctus‹ aus Mozarts ›Requiem in d-Moll‹ war. Er hatte gehört, dass die Familie für zwei Einheiten auf dem Stundenplan des Krematoriums bezahlt hatte. Das war die einzige Möglichkeit, um von den Angestellten nach der Zeremonie nicht ungebührlich schnell hinaus in den »Garten der Erinnerung« befördert zu werden – noch bevor die zweite Hälfte der ›Desert-Island‹-Platte des Verblichenen über den Verstärker gegangen war. An manchen Tagen war nicht mal Zeit zu warten, bis sich der Vorhang ganz vor dem Ofen geschlossen hatte. Die Vikarin trat ans Lesepult und raschelte mit ihren Notizen. Gleich würde die Musik aufhören und sie zu reden beginnen. Wir sind hier heute zusammengekommen … und so weiter und so weiter.
Jacobson machte sich nicht die Mühe zuzuhören, sondern versuchte sich an das letzte Mal zu erinnern, als er mit Merchant gesprochen hatte. Es musste etwa ein halbes Jahr her sein. Merchant hatte die nicht gerade anspruchsvolle Obduktion von Sheila Cassidys Mann vorgenommen, aber Jacobson konnte sich an kein einziges Wort der Unterhaltung erinnern. Zweifellos war Merchant voller Spott und Hohn gewesen und ebenso zweifellos hatte Jacobson ungehalten und grob reagiert. Sie waren vom allerersten Tag an schlecht miteinander ausgekommen und sich in den letzten Jahren bewusst aus dem Weg gegangen, soweit Crowbys Mordrate das erlaubte. Dass Merchant immer wieder zu internationalen Konferenzen eingeladen wurde, hatte ihnen in dieser Hinsicht geholfen. Seit dem Fall Roger Harvey war ihr Verhältnis nicht mehr zu retten gewesen: Damals hatte Merchant bewusst wichtige Fakten verschwiegen, weil er Angst hatte, dass seine bemerkenswert naive Frau sonst von seinem nur zwanghaft zu nennenden Fremdgehen erfahren könnte. Noch heute bedauerte Jacobson, dass er Merchants Fehlverhalten nicht publik gemacht und so den schönen Schein seines übertriebenen Rufs zerstört hatte. Umgekehrt hatte Merchant es gehasst, dass er seit diesem Fall tief in Jacobsons Schuld stand – und Jacobson den Schlüssel zu seiner Entzauberung besaß.
Harry Fields Ellbogen bohrte sich in seinen Arm. Jetzt wurde gesungen, und zwar Psalm 23: ›Gott ist mein Hirte‹. Natürlich kannte Fields die Texte sämtlicher einschlägiger Psalmen, ohne sie vom Blatt ablesen zu müssen, von den Melodien und der Frage, welcher Psalm zu welchem Anlass passte, gar nicht zu reden. Jacobson musste die Verse ablesen, um stumm den Mund mitbewegen zu können. Bei einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen er ein halbwegs vernünftiges Gespräch mit Merchant zustande gebracht hatte, bei einer Feier im Präsidium, als sie beide nicht mehr nüchtern gewesen waren, hatte sich Merchant als glühender Atheist erwiesen: »Wir sind nur Fleisch, Frank,« hatte er gesagt, »und irgendwann totes Fleisch.« Jacobson musste lächeln. Angesichts der Tatsache, dass Merchants Ehe eine einzige lange, heuchlerische Betrugsgeschichte gewesen war, schien es nur folgerichtig, dass seine endgültige Verabschiedung im völligen Gegensatz zu seiner eigentlichen Überzeugung stand.
Nach der Zeremonie beobachtete er Elspeth, wie sie mit einem tapferen Funkeln in den Augen die Beileidsbezeugungen der Trauergäste entgegennahm. Gemäß offizieller Lesart war Professor Merchant nach erfolgreicher Teilnahme an einem Pathologenkongress in Chicago in seinem Hotel einem Herzanfall erlegen. Im Präsidium kursierte allerdings die Geschichte, dass Merchant in flagranti vom Tod erwischt worden sei und eine junge Pathologin aus Mailand verstört, aber um einiges klüger ihre Rückreise nach Europa angetreten habe.
Jacobson gab Fields für die Fahrt zurück in die Stadt einen Korb. Er wollte im »Riverside Hotel« ankommen, bevor die Vol-au-Vents alle weg waren, und er lechzte nach seiner, so unglaublich es war, ersten Zigarette des Tages. Brian Fairbanks, ein harmloser und etwas langweiliger Verkehrspolizist, nahm ihn mit und ließ Jacobsons Wünsche Wirklichkeit werden. Jacobson steckte erst Fairbanks und dann sich selbst eine B&H an. Fairbanks steuerte seinen Wagen, eine Limousine, die wie speziell für ihn angefertigt wirkte, in den Strom der davonfahrenden Trauergäste. Das plötzliche Inhalieren von Teer und Nikotin ließ Jacobson husten. Merchant war mehr oder weniger in seinem Alter gewesen. Aber groß, schlank und fit. Jacobson war durchschnittlich groß. Übergewichtig und außer Form. Wer immer die beiden nebeneinander gesehen hätte – wenn sie zuletzt überhaupt noch zusammen zu sehen gewesen waren –, hätte ohne Zögern Jacobson zum sicheren ersten Abtrittskandidaten erklärt. Jacobson zog noch einmal an seiner Zigarette, inhalierte aber nicht so tief. Merchants unerwarteter Tod war eine Anomalie und stand in völligem Gegensatz zu den bekannten Regeln von Fitness und Gesundheit. Dennoch nahm sich Jacobson hier und jetzt vor, nicht in seinen Anstrengungen nachzulassen, weniger zu rauchen und öfter die Treppe zu benutzen.
Die Einäscherungsfeier fand im großen Festsaal des Hotels statt. Nach Reden und Häppchen stand es den Trauernden frei, sich miteinander zu unterhalten. Jacobson traf Peter Robinson in der angrenzenden Bar. Robinson hatte im letzten Sommer geheiratet und seine Frau mitgebracht. Wie ihr Mann war sie etwa Ende zwanzig, dunkelhaarig, hübsch und eindeutig schwanger. Jacobson wünschte den beiden, dass ihre Ehe besser sein würde als die von Merchant. Oder seine eigene, um ehrlich zu sein. Er kannte Robinson mittlerweile gut genug, um sich nicht hinter irgendwelchen Förmlichkeiten verstecken zu müssen, wenn sie miteinander sprachen.
»Hat man Ihnen seinen Job angeboten, Peter?«, fragte er.
»Es heißt, ich soll mich bewerben«, antwortete Robinson.
»Tun Sie das, mein Junge. Sie wollen doch sicher nicht, dass Ihnen einer von außen vor die Nase gesetzt wird.«
»Das sage ich ihm auch«, stimmte ihm Mrs Robinson zu, die besitzergreifend den Arm ihres Mannes umfasst hielt.
Genau das war Jacobson innerhalb des Criminal Investigation Department mit Greg Salter passiert. Erst hatte Jacobson gedacht, er selbst wolle den Job nicht, später hatte er begriffen, dass es zwei verschiedene Dinge waren, einen Job nicht zu wollen oder ihn sich von einem Idioten vor der Nase wegschnappen zu lassen.
Um sich von diesem wunden Punkt abzulenken, kam er auf das Gespräch mit dem Londoner Journalisten zu sprechen. Robinson sagte, dass er sich noch gut an die wichtigen Einzelheiten des Falls erinnern könne, obwohl Merchant die Autopsie durchgeführt habe.
»Um die Wahrheit zu sagen, habe ich seine Berichte im letzten Jahr immer noch einmal durchgesehen, bevor sie abgelegt wurden. Er war ein begnadeter Pathologe, daran besteht absolut kein Zweifel, aber wenn ihm ein Fall uninteressant vorkam oder er gerade mit etwas anderem beschäftigt war, ließ er auch schon mal fünfe gerade sein.«
»›Mit etwas anderem‹ heißt, wenn er gerade mit seinen Forschungen oder einem Vortrag beschäftigt war?«
Robinson nickte und nahm einen Schluck Gin Tonic.
»Darren McGee hatte natürlich seine volle Aufmerksamkeit.«
»Warum ›natürlich‹?«
»Tod durch Ertrinken«, sagte Mrs Robinson, die ein Glas Tonic, ohne Gin, in ihrer freien Hand hielt. »Von dem Thema können Pathologen nicht genug bekommen. Das ist für sie wie Fußball oder Politik, und bei Peter war es ganz sicher so.«
Robinson sah lächelnd auf seine zierliche Frau hinunter. Die Ehe würde ihn sicher auch nicht von seinem Lesebuckel befreien, dachte Jacobson.
»Das liegt daran, Frank«, sagte er, »dass Wasserleichen mit zu den schwierigsten Kandidaten gehören, wenn es darum geht, ihre genaue Todesursache festzustellen. Weil der Tod durch Ertrinken klare pathologische Charakteristika vermissen lässt, wie es in der Fachliteratur gerne heißt.«
»Der Fall war also nicht unter Merchants Würde?«
»Eindeutig nicht. Soweit ich das beurteilen kann, hat er bei der Untersuchung alle Register gezogen. Der Bericht war ein fundiertes Stück Arbeit.«
»Und reicht aus, um sagen zu können, dass Paul Shaws Geschichte aus der Luft gegriffen ist?«
Robinson nippte an seinem Glas. Er zögerte.
»Nein«, sagte er endlich. »So klar lässt sich das nicht sagen. Den Ausschlag gaben am Ende die allgemeine Beweislage und die psychiatrischen Gutachten. Theoretisch könnte McGee tatsächlich so zu Tode gekommen sein, wie Ihr Journalist es behauptet.«
Detective Sergeant Ian Kerr war zu spät aus dem Präsidium gegangen und Richtung Wynarth gefahren, um das vornehme Dahinschleichen des Trauerkorsos auf der Gegenfahrbahn noch mitzuerleben. In Wynarth angekommen, kreiste er zweimal um den Marktplatz, bis er die Parklücke eines davonfahrenden Range Rovers ergattern konnte, schloss sein Auto ab und ging hinüber zum Bank House. Mit kaum einhundertzwanzig Jahren war es das jüngste Gebäude im Zentrum von Wynarth und die meiste Zeit tatsächlich eine Bank gewesen. Heute jedoch wurde die eine Hälfte von einem Häusermakler und Bauträger genutzt, die andere Hälfte beherbergte Kerrs Ziel: das »Viceroy Tandoori«.
Kerr klopfte an das vordere Fenster. Hinter der Scheibe hing eine eingeschweißte Speisekarte. Das Restaurant öffnete um zwölf, und bis dahin war es noch eine halbe Stunde. Kerr konnte Kellner erkennen, die damit beschäftigt waren, die Tische zu decken, und Randeep Parmeer, den Besitzer, der zur Tür gelaufen kam, um ihn hereinzulassen. Sie sprachen hinten im Büro. An einigen der letzten Freitage hatte es abends Ärger mit rechten Rowdys gegeben, und jetzt hatte Parmeer zu Hause am Telefon auch noch Morddrohungen erhalten, womit die Angelegenheit zu einem potentiellen Fall für das CID, das Criminal Investigation Department, wurde.
Kerr akzeptierte die Tasse Tee, die Parmeer ihm anbot, ließ den Teller mit Samosas aber unberührt. Als ehemaliger Streifenpolizist kannte er das Gesindel, das fremdländische Restaurants heimsuchte, um Ärger und Aufruhr zu stiften. Die Kerle beleidigten die Kellner, warfen mit Essen herum und stritten wegen der Rechnung, wenn es überhaupt so weit kam. Scheiß-Pakis, Scheiß-Schlitzaugen. Verpestet die Luft in eurem eigenen Drecksland. Sie legten sich mit den anderen Gästen an und schlugen sich auch schon mal gegenseitig die Köpfe ein. Aber so etwas gab es in Crowby, nicht in Wynarth, diesem ländlichen Idyll, dessen Bewohner allesamt Antiquitätenhändler, pensionierte Popstars, vegetarische Buchhalter oder Reiki-Schüler zu sein schienen.
Randeep Parmeer hatte seinen Anrufbeantworter von zu Hause mitgebracht. Er stöpselte ihn in die Steckdose neben dem Schreibtisch ein, während Kerr seinen Tee umrührte.
»Sind Sie bereit?«, fragte Parmeer.
Er war ein kleiner, lebhafter Mann in einem dunkelblauen Anzug. Kerr schätzte ihn auf Mitte, Ende dreißig.
»Aber ja«, sagte Kerr und legte den Löffel auf die Untertasse. »Nur zu.«
Parmeer drückte den Wiedergabeknopf. Die Tonqualität war gut und die Worte waren laut und hässlich deutlich zu verstehen.
»Gehst du heute nicht ran, Parmeer? Du bist ein dreckiger kleiner Paki, Parmeer, ob du rangehst oder nicht. Weißt du das? Ein dreckiger, stinkender kleiner Paki. Ihr habt nichts in unserem Land zu suchen, ihr Pakigesocks. Du und deine fette Alte und deine Pakinutten-Töchter. Wir wissen, wo du wohnst, du stinkender Scheißhaufen.«
Kerr schüttelte den Kopf. Die Menschheit hatte das menschliche Genom entschlüsselt und war zum Mond geflogen, und doch war die Welt immer noch voller ignoranter, dummer, bösartiger Dreckskerle.
»Das war der dritte Anruf, den Sie bekommen haben, Mr Parmeer?«
»So ist es«, antwortete Parmeer. »Sonntagabend kam der erste, dann Dienstag einer und der jetzt gestern Abend. Da habe ich nicht abgenommen.«
»Und immer gegen halb eins?«
»Ja. Jedes Mal. Wenn ich gerade aus dem Restaurant zurück war.«
Kerr stellte die naheliegenden Fragen. Hatte es früher schon einmal solche Anrufe gegeben? Nein, hatte es nicht. Kannte Parmeer die Stimme? Nein, eindeutig nicht.
Er nippte an seinem Tee: Earl Grey in genau der richtigen Stärke.
»Sie sagen, Sie stehen nicht im Telefonbuch?«
Parmeer nickte.
»Das macht mir ja solche Sorgen, Sergeant. Abgesehen von ein paar Geschäftspartnern, kennen nur meine Freunde und Verwandten die Nummer. Woher können diese … diese Rassisten sie nur bekommen haben?«
»Dem sollten wir nachgehen, Mr Parmeer.«
Kerr stellte die Tasse ab und zog Notizbuch und Kugelschreiber hervor. Die Leute, vor allem die ängstlicheren unter ihnen, fanden es beruhigend, wenn sie sahen, dass er sich Notizen machte, während sie redeten. Er fragte Parmeer nach seiner Familie.
»Das sind meine Frau und ich und unsere drei Töchter im Alter von acht, zehn und siebzehn. Und ich habe einen Jungen. Ashraf. Aber der wohnt in Leeds und studiert Medizin.«
»Gab es schon ähnliche Vorfälle? Vorfälle, die mit Ihrer Frau oder Ihren Töchtern zu tun hatten?«
Der Gedanke schien Parmeer zusätzlich zu besorgen. Aber er sagte, nein, da habe es nie etwas gegeben. Er habe sich dessen wieder und wieder versichert.
»Nur diese fürchterlichen Anrufe, und die Kerle hier im Restaurant natürlich.«
Kerr wiederholte noch einmal die Entschuldigung, die er beim Hereinkommen bereits abgegeben hatte. Es gab in Wynarth keine Polizeiwache mehr und pro Schicht nur einen einzigen überlasteten Streifenwagen, der für Crowbys ländliche Umgebung abgestellt war. Beide Male, als Parmeer wegen der Strolche in seinem Restaurant angerufen hatte, waren die längst johlend und lachend in der Nacht verschwunden, als die Polizei endlich aus der Stadt angerückt kam. Die Art und Weise, wie das Innenministerium seine Finanzmittel verteilte, war so schwachsinnig, dass man der Polizei selbst kaum einen Vorwurf für die Zustände machen konnte. Aber Kerr war klar, dass er das dem Besitzer des »Viceroy« jetzt nicht erklären konnte. Er kritzelte noch etwas in sein Notizbuch und nahm einen weiteren Schluck Tee.
»Wahrscheinlich handelt es sich nur um einen harmlosen Irren, Mr Parmeer. Harmlos in dem Sinn, dass er nicht vorhat, seine Drohungen wahr zu machen. Dennoch sollten Sie und Ihre Familie vorerst besonders vorsichtig sein. Vor allem Sie selbst. Vielleicht sollten Sie Ihre Gewohnheiten ändern. Nachts immer zur gleichen Zeit das Restaurant zu verlassen ist zum Beispiel keine so gute Idee.«
Parmeer hatte eine altmodische goldene Zigarettendose auf dem Tisch stehen. Ein Sammlerstück mit eingebautem Feuerzeug. Er öffnete den Deckel und bot Kerr eine Zigarette an. Kerr lehnte ab und Parmeer steckte sich allein eine an.
»Sie glauben also nicht, dass die Anrufe mit dem Ärger hier im Lokal zu tun haben?«
»Natürlich lässt sich das nicht ausschließen. Aber einer, der telefonisch solche Drohungen ausstößt, macht wahrscheinlich öffentlich keinen Stunk. Was die Strolche angeht, die hier im Lokal waren, würde ich vorschlagen, wir machen einen Termin aus und Sie kommen ins Präsidium in Crowby und sehen ein paar Bilder durch. Vielleicht finden Sie ja einen von denen in unserer Sammlung.«
Parmeer paffte seine Zigarette.
»Wann immer es Ihnen passt, Sergeant. Je eher, desto besser. Diese Schwachköpfe. Meine Familie stammt aus Indien, aus Mysore. Ich war in meinem Leben noch nicht in Pakistan.«
Parmeer hatte eine höfliche, leise Stimme und eine Aussprache, der nur ganz leicht um die Vokale herum anzuhören war, dass seine Familie nun schon in zweiter Generation im Raum Birmingham ansässig war.
»Gut«, sagte Kerr und schrieb immer noch. »Ich kläre das und rufe Sie hoffentlich heute noch mit einem Terminvorschlag zurück.«
Eigentlich hätten das die Streifenhörnchen längst organisieren müssen, dachte er. Wenn man denen letztlich auch keinen Vorwurf machen konnte, dass sie es nicht getan hatten. Weder im »Viceroy« noch auf dem Markt draußen hingen Kameras, und falls Parmeer die Strolche tatsächlich identifizieren sollte, würde es äußerst schwierig werden, zusätzliche Zeugen und genügend Beweise zu finden, um Anklage zu erheben. Aus der Sicht überarbeiteter Streifenpolizisten war es weit einfacher und weniger zeitaufwendig, Parksünder zu jagen, als sich mit Fällen herumzuschlagen, die womöglich nie zu einem Ergebnis führten.
»Und die Anrufe?«, fragte Parmeer.
Kerr steckte Notizbuch und Kugelschreiber weg.
»Lassen Sie uns eins nach dem anderen angehen, Mr Parmeer. Wenn weitere Anrufe kommen, würde ich vorschlagen, sie Ihrem Anrufbeantworter zu überlassen, damit wir noch mehr von der Stimme auf Band bekommen – und irgendwann sollten wir eine Fangschaltung legen. Aber das wäre jetzt sicher noch etwas verfrüht.«
Kerr griff nach seiner Tasse und fragte, ob er die Aufnahme noch einmal hören könne.
Es war eine tiefe Männerstimme. Sonst ließ sich kaum etwas sagen. Dem Akzent nach stammte der Anrufer aus der Gegend und schien durchaus gebildet. Klang nicht wirklich jung und nicht wirklich alt. Die Stimme konnte zu fast jedem passen, der da draußen auf der Straße vorbeiging, an der Kasse im Supermarkt stand oder im Pub am Nebentisch saß. Man sah, wie er seinen Einkauf bezahlte, sein Bier trank, und hatte doch keine Ahnung von der vergifteten Jauchegrube unter seiner Schädeldecke.
Kerr wartete, bis er aus dem »Viceroy Tandoori« heraus war, und rief dann Rachel an, von Handy zu Handy. Es gehörte zu ihren Regeln, dass er sie nie unangekündigt besuchte, nicht einmal, wenn ihn seine Arbeit, so wie heute, fast bis in ihre Wohnung in der Thomas Holt Street brachte. Aber sie saß sowieso gerade im Zug nach Birmingham, wie sie sagte. Sie wolle sich mit einem alten Freund von der Kunstakademie zum Mittagessen in der »Ikon Gallery« treffen. Daraus, wie sie sorgfältig alle weiteren Angaben über diesen Freund vermied, schloss Kerr, dass es sich um Tony Scruton handeln musste, den Mann, dessen Platz er in Rachels Gefühlen eingenommen hatte, ohne ihn komplett aus ihrem Leben verdrängen zu können. Der mit dem Cottage auf dem Land, den vollgeklecksten Leinwänden und dem ordentlich gestutzten Spitzbärtchen, dessen Anblick Kerr jedes Mal neu zum Kochen brachte. Rachels platonische Freundschaft mit Scruton störte Kerr weit mehr als alle Liebhaber, die sie zwischenzeitlich zu sich ins Bett gelassen hatte, um der Affäre mit ihm ein Ende zu setzen. Scruton war Rachels Typ, er führte ihre Art Leben, was auf Kerr, wie er wusste, absolut nicht zutraf. Als Rachel zum Beispiel das erste Mal von der »Custard Factory« gesprochen hatte, nahm er das wörtlich und dachte, sie meine eine Fabrik, weil er noch nie von Birminghams angesagtestem Kunst- und Mediencenter gehört hatte.
Cathy, seine Frau, war sicher auch beschäftigt. Was er sich nicht erst per Telefon bestätigen lassen musste. Jetzt, wo die Zwillinge in den Kindergarten gingen, hatte Cathy ihren alten Bürojob wieder aufgenommen, wenn auch nur auf Teilzeitbasis und genau in ihren Tagesablauf eingepasst. Sie argumentierte damit, dass sie das Geld bestens brauchen könnten. Besonders, nachdem der Winterurlaub um einiges teurer ausgefallen war als erwartet. Tatsächlich aber wollte sie nur aus dem Haus, zurück in die Welt. Sie wollte sich wieder unabhängig und erwachsen fühlen.
Er fuhr auf dem gleichen Weg zurück nach Crowby, auf dem er gekommen war, über die Wynarth Road. Allerdings unternahm er diesmal einen Abstecher in sein leeres Zuhause in Bovis, wo er sich ein paar Schinkensandwiches machte. Als er die Hi-Fi-Anlage im Wohnzimmer mit einem neuen CD-Spieler und einem netten Paar Celeston-Lautsprechern ausgestattet hatte, waren die alten Boxen und der alte CD-Spieler in die Küche gekommen. Er schob Lucinda Williams’ ›Essence‹ in den Player und setzte sich an den Tisch. Wenigstens die Katze schien sich zu freuen, dass er da war. Sie hatte ihren Sonnenplatz auf der Veranda verlassen und war ihm nach drinnen gefolgt. Er gab ihr ein Schälchen frische Milch und die Speckränder vom Schinken, die ihr so gut schmeckten, dass sie vor lauter Schnurren kaum zum Fressen kam.
Nach dem Essen fragte er im Präsidium nach Amanda Singhs Telefonnummer und rief sie auf gut Glück an. Sie sagte, sie habe um zwei Uhr noch eine Lücke. Wunderbar, sagte er, das passe bestens, er werde pünktlich da sein. Bevor er das Haus verließ, sah er noch schnell die Post durch: Rechnungen, Cathys Bankauszüge und ein Ferienkatalog von dem Reisebüro, in dem sie ihren Weihnachtsurlaub gebucht hatten. Zehn Tage hatten sie sich in Florida in der Sonne braten lassen. Kerr wäre lieber nach New York, San Francisco oder mit dem Auto quer durch Arizona gefahren. Besser als Crowby, wo es zu der Zeit Bindfäden regnete, eiskalt war und sogar schneien konnte, war Florida aber allemal. Den Zwillingen hatte es jedenfalls bestens gefallen, und das war das Wichtigste. Besonders Disneyland. Das war die Art von Familienerlebnis gewesen, die er in seinem Gedächtnis konservieren wollte. Irgendwann würde Cathy von Rachel erfahren, da war er sich sicher, und dann verlor er die Zwillinge, würde nur noch alle vierzehn Tage oder einmal im Monat mit ihnen zusammen sein und einer jener verzweifelten Samstagnachmittagsväter werden, die ihre Kinder mit Big Macs und Kino verwöhnten, um Schmerz, Zerrissenheit und Trennung vergessen zu machen.
Jacobson war nicht sicher, wie er zurück ins Präsidium kommen sollte. Er konnte ein Taxi rufen oder sehen, ob es einen Bus gab. Rein theoretisch konnte er auch laufen. Theoretisch. Das war das Wort, das ihn ins Grübeln gebracht und nach Ende des Leichenschmauses noch eine Weile beim Hotel hatte verweilen lassen. »Theoretisch könnte McGee tatsächlich so zu Tode gekommen sein, wie Ihr Journalist es behauptet.« Natürlich hatte Robinson gleich anschließend noch einmal deutlich auf das oberste Prinzip seiner Arbeit hingewiesen: »Alles, was wir Pathologen tun können, Frank, ist, die Parameter des Möglichen und Unmöglichen abzustecken. Die Sache der Polizei ist es, angesichts dieser Parameter herauszufinden, was tatsächlich passiert ist.« Als Jacobson ihn daraufhin fragte, was er denn vom polizeilichen Schluss im Fall McGee halte – eine Frage, auf die Merchant mit höhnischer Verachtung geantwortet hätte –, sagte Robinson durchaus überzeugt, dass die Selbstmordthese am besten zu den verfügbaren Fakten passe. Dennoch verspürte Jacobson den plötzlichen Wunsch, sich die Szene von Darren McGees Abtritt selbst einmal anzusehen.
Das »Riverside-Hotel« lag etwa zweieinhalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Der Garten des Hotels reichte bis ans Ufer der Crow. Man konnte aber auch, wie es Jacobson gerade getan hatte, über die Memorial Bridge auf den Riverside Walk auf der anderen Seite des Flusses wechseln, der von großen, gut erhaltenen viktorianischen Villen gesäumt wurde. Von ihm aus gelangte man durch einen baumbestandenen Durchgang – und über zwei kleinere Fußgängerbrücken – in den Memorial Park. So weit lief Jacobson aber nicht. Er stieg die breiten Stufen direkt neben der Memorial Bridge zu dem kleinen, hölzernen Steg hinunter, der vom Ruderclub Crowby genutzt und instand gehalten wurde. Hier trafen sich auch die masochistischen Irren zu ihrem Neujahrsschwimmen in der Crow. Das Ufer neben dem Steg lag im Schein der kühlen Aprilsonne und wirkte ordentlich und gepflegt. Als die Diehards den Toten aus dem Wasser gefischt hatten, hatte es wild und verwahrlost ausgesehen.
Ein paar Schwäne steuerten interessiert auf den Steg zu. Schade, dass er ihnen nichts vom Leichenschmaus mitgebracht hatte. Er sah auf die Uhr. Von der automatischen Tür des Hotels bis hierher hatte er nicht einmal viereinhalb Minuten gebraucht. McGee würde natürlich nicht vorne aus dem Hotel, sondern aus dem Mitarbeitereingang gekommen sein. Wenn Jacobson sich recht erinnerte, sollte McGee die Hotelküche, in der er als Aushilfe gearbeitet hatte, um halb fünf Uhr morgens verlassen haben. Mit dem Job sei er gerade so zurechtgekommen. Greg Salter und damit am Ende auch der Bericht des Untersuchungsrichters waren zu dem Schluss gekommen, dass McGee auf die Brücke gelaufen sei und sich von ihr ins Wasser gestürzt habe.
Jacobson beobachtete, wie die Schwäne den Fluss hinunterglitten. Die Crow hatte das ganze Jahr über eine kräftige Strömung. Im Januar war sie das reinste Wildwasser gewesen und McGees Körper war von den Wirbeln ans Ufer gespült worden. In einem ruhigeren Gewässer wäre der Körper bei der Jahreszeit hinunter auf den Grund gesunken und dort Wochen, vielleicht auch länger, liegen geblieben. Der Verwesungsprozess setzte Gase frei, die den Körper zurück an die Oberfläche trugen. Bei großer Kälte verzögerte sich dieser Prozess aber erheblich. Irgendwo hatte Jacobson gelesen, dass Ertrunkene in wirklich tiefem Wasser – sagen wir, in einem der großen Seen drüben in Kanada – oft nie wieder an die Oberfläche kamen. Das galt für Mordopfer gleichermaßen.
Der Gedanke ließ ihn frösteln. Er war nicht sicher, warum er hier herunter gekommen war. Zwar begannen all seine Untersuchungen von Todesfällen am Ort des Geschehens, aber dieser Fall war bereits untersucht worden und Jacobson hatte den Bericht durchgesehen, ohne auf Unstimmigkeiten zu stoßen. Vielleicht lag es daran, dass er im Moment nichts Dringlicheres – nein, nichts Interessanteres – zu tun hatte. Theoretisch, das war das Wort, das es zu unterstreichen galt. Theoretisch, hatte Robinson gesagt. Theoretisch war es möglich, dass Darren McGee völlig überrumpelt gewesen und dann in den Fluss geworfen worden war, ohne dass es zu einem Kampf kam, der Spuren an seinem Körper oder sonst wo hinterlassen hätte.
Jacobson sah zur Brücke hinauf. Es war nicht leicht, dieser Theorie zu folgen. Zum einen: Woher hätten die geheimnisvollen Angreifer so unbemerkt und überraschend kommen können? Irgendein Fahrzeug schien noch am wahrscheinlichsten. Aber McGee hätte es herankommen sehen – oder hören – und sicher geahnt, was für eine Gefahr ihm da drohte. Oder etwa nicht? Selbst wenn er nicht mehr hätte entkommen können, hätte er sich doch gewehrt, wäre verletzt worden, Blut wäre geflossen, seines oder das eines seiner Angreifer. Es hatte aber keinerlei Anzeichen für einen Kampf gegeben. Es stimmte, wenn ein Körper erst einmal im Wasser gelandet war, wurde die Unterscheidung zwischen Ante-mortem- und Post-mortem-Verletzungen schwer. Für gewöhnlich deutete eine blutende Wunde auf eine Verletzung vor Eintritt des Todes, wie Robinson ihm noch einmal in Erinnerung gerufen hatte. Aber ein Ertrunkener, der von der Strömung gegen Felsen geschlagen wurde, konnte ebenfalls bluten, heftig sogar. Besonders, wenn es sich wie in McGees Fall um Kopf- und Gesichtsverletzungen handelte. »Alles in allem ist die Theorie ihres Journalisten deshalb nicht ganz unplausibel, Frank. Rein wissenschaftlich lässt sich ein Mord nicht hundertprozentig ausschließen«, hatte Robinson gesagt.
Zu dumm, dass sich kein Zeuge gefunden hatte, der Anlass zu Zweifeln gegeben hätte. Andererseits war das kein Wunder, dachte man an die vermutliche Tatzeit. Der Silvesterball, den McGees Küchenmannschaft versorgt hatte, war um drei Uhr zu Ende gegangen. Die Festgäste mit einem Zimmer im Hotel hatten um halb fünf längst in den Federn gelegen, alle anderen hatten sich ein Taxi genommen oder von jemandem, der nüchtern geblieben war, nach Hause fahren lassen. In der Innenstadt ging es in der Neujahrsnacht wild zu, aber hier am Fluss fanden die Partys hinter verschlossenen Türen statt. Hier war man eingeladen und streifte nicht einfach so durch die Gegend.
Er beschloss zu Fuß zu gehen. Der Bus war eine dumme Idee und ein Taxi zu nehmen reine Faulheit. Diese Art Gewohnheit versuchte er gerade loszuwerden. Paul Shaw ließ da einen riesengroßen Drachen steigen. Nein, einen wahrhaftigen, verdammten Zeppelin. Selbst wenn er seine Behauptungen, was die Todesdrohungen betraf, untermauern konnte, war es von da an noch ein fürchterlich langer Weg zu beweisen, dass sie wahr gemacht worden waren. Jacobson erinnerte sich daran, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Er war Polizist, Teil des CID, mit Kriminalfällen gefasst und kein Philosoph, der sich um letzte Wahrheiten kümmerte. Wenn eine Erklärung solide war, wenn sie die Tatsachen nicht verdrehte oder Unschuldige hinter Gitter brachte, dann war sie gut. Dafür wurde er bezahlt, das dankte man ihm. Wenn sich denn überhaupt mal einer bedankte.
Amanda Singhs Büro befand sich in Crowby Central, der Wache für den Innenstadtbereich, ein Stück hinter dem Präsidium, mehr am Rand des Zentrums. Kerr stellte den Wagen auf dem Präsidiumsparkplatz ab und ging zu Fuß. Er nahm die Abkürzung durchs Einkaufszentrum, das voller Leute war, die hier offenbar ihre Mittagspause verbrachten. Er kam etwas zu früh, es war kaum zehn vor zwei, aber das schien Detective Sergeant Singh nichts auszumachen. Sie holte ihn vom Eingang ab und führte ihn in ihr enges, vollgepacktes Büro. Er hatte sie nie zuvor gesehen und nicht damit gerechnet, dass sie so ein Hingucker war. Blonder als Cathy. Größer als Rachel. Er versuchte, ihr nicht zu offensichtlich auf die Beine zu starren, als er ihr die Treppe hinauffolgte.
Die Hate Crimes Unit, HCU: ein einzelnes Büro im ersten Stock, für das es ansonsten keine Verwendung gab. Besetzt mit einem einzigen Detective Sergeant, Amanda Singh, und unterstützt von zwei uniformierten Police Constables. Verantwortlich für das gesamte County. Das Ganze war eigentlich nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Andere HCUs waren operativ, was bedeutete, dass sie die personelle Ausstattung und auch die Befugnis hatten, selbst Untersuchungen zu übernehmen, in denen rassistische, religiöse oder sexuelle Vorurteile als Hauptmotive galten. Die örtliche HCU befand sich am anderen Ende der Skala. Singh und ihr Minimalteam verbrachten die meiste Zeit an ihren Schreibtischen und waren mit Kontrollfunktionen beschäftigt: Wenn Hass und Vorurteile eine Tat motiviert hatten, fügten sie ihren Unterlagen akribisch alle neuen Einzelheiten hinzu, aktualisierten ihre Statistiken und hielten Kontakt zu möglichen Hilfsgruppen für die Opfer. Die nachgeordnete Stellung der Einheit zeigte sich bereits in der Tatsache, dass sie hier auf dem Revier untergebracht war und nicht im Präsidium oder gar in der Zentrale des Countys.
Einer der Constables telefonierte, der andere hockte vor einem Computerbildschirm. Amanda Singh klemmte sich hinter ihren Schreibtisch, Kerr setzte sich auf einen der beiden Plastikstühle. Den am Fenster. Der am weitesten von ihren wahnsinnig blauen Augen entfernt war. An der Wand hinter ihr hing ein kleines, gerahmtes Foto. Amanda Singh, wie sie an der Seite eines dunkelhäutigen Mannes in den Wellen irgendeines Meeres planschte.
»Goa«, sagte sie und folgte dabei seinem Blick, als prüfte sie seine Reaktion. »Unsere Flitterwochen.«
»Meine Schwester war letztes Jahr auch da und fand es toll«, sagte Kerr. Er fragte sich, ob er damit den Test bestanden hatte, wenn es denn überhaupt ein Test gewesen war.
Er erzählte ihr von Randeep Parmeers Ärger in seinem Restaurant und den anonymen Anrufen. Der Polizist am Computer klickte mit seiner Maus und drehte sich mit seinem Stuhl zu Kerr um.
