Gleich bist Du tot - Iain McDowall - E-Book
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Gleich bist Du tot E-Book

Iain McDowall

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Beschreibung

Als Brady sie in die Bar hereinkommen sah, wusste er: das ist sie. Sie war genau die Art Blondine, die er gerne zu Tode erschrecken würde. Sie war auf was Besonderes aus. Und er, Brady, würde persönlich dafür sorgen, dass sie es auch bekam!

Brady, Annabel, Maria und Adrian haben einem gemeinsamen »Hobby«: Sie machen sich einen Spaß daraus, junge Frauen zu entführen und sie in aufwendigen Inszenierungen mit dem Tod zu bedrohen. Für die vier gutaussehenden twenty-somethings aus Birmingham ist dies »hohe Kunst«. Ihren Aktionsradius haben sie nun auf Crowby ausgeweitet. Noch lassen sie die Frauen im letzten Moment laufen. Doch vielleicht begehen sie bald ihren ersten Mord, wenn Detective Chief Inspector Jacobson und sein Team sie nicht rechtzeitig schnappen …

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über Iain McDowall

Iain McDowall, in Kilmarnock, Schottland, geboren, war Universitätsdozent für Philosophie und Computerfachmann, ehe er als Autor von Kriminalromanen bekannt wurde. Heute lebt er in Worcester, England, wo sich auch die fiktive Stadt Crowby befindet, in der seine Kriminalromane allesamt spielen.

Informationen zum Buch

Als Brady sie in die Bar hereinkommen sah, wusste er: das ist sie. Sie war genau die Art Blondine, die er gerne zu Tode erschrecken würde. Sie war auf was Besonderes aus. Und er, Brady, würde persönlich dafür sorgen, dass sie es auch bekam... Brady, Annabel, Maria und Adrian haben einem gemeinsamen »Hobby«: Sie machen sich einen Spaß daraus, junge Frauen zu entführen und sie in aufwendigen Inszenierungen mit dem Tod zu bedrohen. Für die vier gutaussehenden twenty-somethings aus Birmingham ist dies »hohe Kunst«. Ihren Aktionsradius haben sie nun auf Crowby ausgeweitet. Noch lassen sie die Frauen im letzten Moment laufen. Doch vielleicht begehen sie bald ihren ersten Mord, wenn Detective Chief Inspector Jacobson und sein Team sie nicht rechtzeitig schnappen …

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Iain McDowall

Gleich bist du tot

Kriminalroman

Deutsch vonWerner Löcher-Lawrence

Inhaltsübersicht

Über Iain McDowall

Informationen zum Buch

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Teil I. Die Kunst schläft nie

 1. Kapitel

 2. Kapitel

 3. Kapitel

 4. Kapitel

 5. Kapitel

 6. Kapitel

 7. Kapitel

 8. Kapitel

 9. Kapitel

 10. Kapitel

 11. Kapitel

 12. Kapitel

 13. Kapitel

 14. Kapitel

 15. Kapitel

 16. Kapitel

Teil II. Mädchen auf Video

 17. Kapitel

 18. Kapitel

 19. Kapitel

 20. Kapitel

 21. Kapitel

 22. Kapitel

 23. Kapitel

 24. Kapitel

 25. Kapitel

 26. Kapitel

 27. Kapitel

 28. Kapitel

 29. Kapitel

 30. Kapitel

 31. Kapitel

 32. Kapitel

 33. Kapitel

Teil III. Schlitz sie auf

 34. Kapitel

 35. Kapitel

 36. Kapitel

 37. Kapitel

 38. Kapitel

 39. Kapitel

 40. Kapitel

 41. Kapitel

 42. Kapitel

Impressum

»Unsere Hauptaufgabe muss also darin liegen, zu beweisen,

dass alle Dinge, denen wir eine Identität zuschreiben,

ohne dass wir eine Unveränderlichkeit

oder Ununterbrochenheit beobachten,

aus einer Abfolge miteinander in

Bezug stehender Dinge bestehen.«

David Hume, Traktat über die menschliche Natur, 1739

Teil I Die Kunst schläft nie

1

Das ist sie. Brady wusste es in dem Moment, als er sie in die Bar hereinkommen sah. Sie war genau die Art Mädchen, die er gerne zu Tode erschrecken würde. Der er wehtun wollte. Sie war blond und auf irrsinnig gewöhnliche Weise hübsch. So wie sie sich gab, war klar, dass sie sich für den Langweilerschuppen hier extra rausgeputzt hatte. Sie war auf was Besonderes aus, und Brady würde dafür sorgen, ganz persönlich würde er dafür sorgen, dass sie es auch bekam.

Er nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. Maria und Annabel tranken beide, was in diesem Provinznest als Margarita durchging. Brady blieb da lieber bei reinem Mineralwasser und fischte das schäbige Stück Limone aus dem Glas, wenn eine neue Runde kam.

Maria war sich nicht so sicher, auch Annabel nicht.

»Die hat einen Typen dabei, Brady«, sagte Maria, »und wir wollen keine Probleme.«

Brady grinste genüsslich.

»Der Kerl säuft, Maria«, antwortete er. »Sieh nur, wie er die Biere kippt. Hat wahrscheinlich auch was eingeworfen, oder legt später noch ’ne Schaufel drauf. Der Typ ist kein Problem, glaub’s mir.«

Sie stritten nicht weiter mit ihm. Schließlich war es seine Show. Es war immer seine Show, und er hatte es noch kein einziges Mal versaut.

Zwei Margaritas später verkündete Annabel, dass ihr langweilig werde. Wenn es so weitergehe, werde sie sich einen Dorfschönen angeln und aufs Klo zerren, nur um nicht einzuschlafen. Brady grinste wieder. Wenn das Opfer erst mal ausgewählt sei, erinnerte er sie, komme es darauf an, die richtige Gelegenheit abzuwarten. Der richtige Moment war der Schlüssel.

Casper hatte es nicht riskiert, mit dem gestohlenen Wagen weiter als bis zur Mill Street zu fahren. Er fuhr nie in den inneren, videoüberwachten Bereich, es sei denn, es ging nicht anders. Nicht weit vom Freigängerhaus hatte er geparkt und war dabei mit den Reifen blöd am Bordstein lang gekratzt. Es war ein alter Käfer, der aber neu gespritzt und umgebaut worden war, der Motor nett frisiert, und drinnen glänzte und glitzerte es nur so. Die Karre war voller geiler Aufkleber und hatte sogar einen von Greenpeace auf der Heckscheibe. Das war zweifellos das Fickmobil von irgend so ’nem Studentenwichser, dem sein Daddy die Rechnungen zahlte.

»Bis hier und nicht weiter, Süße. Wir nehmen ’n Taxi«, sagte Casper und drückte die Fahrertür weit auf, ohne auf den nachkommenden Verkehr zu achten.

Tracey warf ihm einen ihrer Schmollblicke zu, tat aber, was er sagte. Sie stieg aus und schlug die Tür hinter sich zu. Am Lenkrad hatte eine Diebstahlsicherung gehangen, einer von den altmodischen Knüppeln, die das Steuern unmöglich machen sollten. Nur dass das Schloss noch altmodischer gewesen war und von jeder halbblinden Großmutter hätte geknackt werden können. Im Schlaf. Casper nahm den Schwengel mit aus dem Wagen, und als sie den Käfer gute zehn Meter hinter sich gelassen hatten, schleuderte er das Ding locker zurück und traf doch tatsächlich voll die Windschutzscheibe des Fickmobils. Jetzt konnte sich jeder, der Bock hatte, am Inventar der Karre bedienen und den CD-Spieler, oder was immer ihm gefiel, mitgehen lassen. Scheiß auf die Wichser, die solche Kisten fahren, dachte er. Wichser, die so leben. Die verdienen es nicht anders.

Sie gingen kurz in den »Bricklayer’s Arms«, und Casper sagte Tracey, sie solle mit ihrem Handy ein Taxi rufen. Am Ende musste sie drei Taxen kommen und wieder abziehen lassen, weil Casper in eine komplizierte Serie Pool-Spiele reingezogen wurde, die er samt und sonders verlor. Es war fast halb elf, als sie sich vom vierten Taxi in die Stadt bringen und vorm »Club Zoo« am Holt’s Way absetzen ließen. Casper hasste die Bude. Geschniegelt, langweilig und dazu auch noch arschteuer. Er kam nur mit, um Tracey zu beschwichtigen und von sich abzulenken. Ihm war noch nicht ganz wohl wegen gestern. Er versuchte noch rauszukriegen, ob sie ihn echt ertappt hatte oder nicht. Casper drückte dem Fahrer einen Zehner in die Hand, markierte den großen Max und gab mehr Trinkgeld, als die Fahrt gekostet hatte. Der Club hatte eine Türsteherin, die sie nach Waffen absuchte, was nach Caspers Meinung ein absoluter, verdammter Witz war, obwohl, wenn er ehrlich war, die beiden hinter ihr an der Kasse, das waren schon zwei ausgewachsene Gorillas. Der eine von ihnen fummelte an seinen Manschetten herum, und der andere säuselte was in das Mikro rein, das an seinem fetten Robbenkopf klebte. Der »Club Zoo« bestand aus einem Raum mit einer riesigen Tanzfläche, einer großen Neon-Bar und ein paar kleineren Räumen zum Abhängen. So früh am Abend war nur in der Bar was los. Casper holte sich noch ein Bier und einen Red Bull mit Wodka für Tracey.

»Genau, Kumpel, gib ’n Doppelten rein.«

Tracey suchte einen Tisch aus und steckte sich eine Lambert & Butler an, während sie wartete. Gut, dass der verlogene Sack flüssig ist, dachte sie, sonst hätte sie ihn gestern Abend schon rausgeschmissen. Er konnte sagen, was er wollte, sie wusste, wo er gestern Nachmittag gewesen war, als er behauptet hatte, er müsste weg, weil es da für einen Job gut was bar auf die Hand gäbe. Das hat sich ganz plötzlich ergeben, Süße. Der verlogene, falsche Sack. Da hatte sich was ergeben, genau. Traceys Mutter hatte ihn selbst gesehen – und er hatte gesehen, dass sie ihn gesehen hatte. Um halb vier, hatte ihre Mutter gesagt. Da war Casper aus einer Haustür am Shelley Court gekommen, und nicht aus irgendeiner, nein, natürlich nicht, aus Nummer neunundzwanzig war er gekommen. Da wohnte sie, Dirty Laura, die Schlampe, bei der er am Ende immer wieder landete, als schaffte er es einfach nicht, ihr von der Wäsche zu bleiben, als hätte die ihm so ’ne Art Rückführautomatik ans Ende seines dicken, blöden Schwanzes gebaut. Natürlich hatte er es lachend abtun wollen und gesagt, ihre Mum müsse sich getäuscht haben. Aber ihre Mum brauchte noch keine Brille, und Tracey hatte noch nie erlebt, dass sie von ihr wegen was Wichtigem angelogen worden wäre. Sie nahm einen tiefen Zug und sah, wie Casper mit den Drinks zu ihr rüberkam. Sollte Laura, das Dreckstück, sich ihn doch einpökeln. Gott sei Dank war sie, Tracey, ihn damit verdammt noch mal los. Aber erst wollte sie das Wochenende genießen, um die Häuser ziehen und nicht in Woodlands vorm Fernseher hocken und ihrer Mutter durch die dünne Wand bei ihrem ekelhaften Altweibersex zuhören müssen.

Sie steckte ihm eine Zigarette an, als er sich zu ihr setzte, nippte an ihrem Glas und hörte nur mit halbem Ohr seinem üblichen Gesülze zu, über Geschäfte, die gut gelaufen waren, größere Geschäfte, die nur auf ihn warteten, und die irre tolle Zukunft, die er für sie beide plante. Tracey hatte auch ihre Pläne, oder wenigstens einen, und zwar gleich für heute Abend: Wenn Casper sein Geld ausgegeben hatte, vielleicht so um zwölf, wollte sie sich nach einem besseren Angebot umsehen.

»Ich hab dir gesagt, ich war da nicht«, versuchte Casper es wieder, »was immer deine Alte sagt, da liegt sie falsch.«

Tracey machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Sollte er doch ins Grübeln kommen. Noch sechs Bier, und er dachte wahrscheinlich, dass sie drüber weg wäre und ihn damit durchkommen ließe. Es wäre schließlich nicht das erste Mal. Aber Tracey war längst eins weiter, sie beobachtete einen Typen hinten in der Ecke. Der Bursche war fit. F-I-T. Die Haare hatte er ein bisschen so wie der Sänger von Coldplay. Zu blöde, dass er nicht allein war. Er hatte gleich zwei Tussen dabei und nicht nur eine. Vielleicht hatte ihn sich ja noch keine von beiden so richtig gekrallt. Die Mädels schienen ihm echt jedes Wort von den Lippen zu lesen, und was immer er sagte, brachte sie zum Gackern. Tracey konnte es nicht hören, aber die Körpersprache war eindeutig. Da bestand kein Zweifel. Die drei waren natürlich top angezogen. In den Laden hier kam das bessere Publikum, weshalb sie ja unbedingt hergewollt hatte: um den überflüssigen Casper loszuwerden und sich was Annehmbares zu angeln. Und damit meinte sie nicht nur das Aussehen. Casper sah auch gut aus, aber was half ihr das? Was sie wollte, und da stand ihr Entschluss fest, war ein anspruchsvoller Typ mit einem Auto, das nicht geklaut war, und richtigen Kreditkarten. Warum denn auch nicht? Bloß weil sie in Woodlands auf gewachsen war, musste sie doch nicht ewig da bleiben. Sie war gerade mal achtzehn, das war verdammt zu früh für einmal lebenslänglich.

Sie tranken weiter, und der Laden wurde langsam voller und lauter. Da ging was ab. Zwischendurch, wenn sie sicher war, dass Casper es nicht merkte, sah sie zu dem Typen rüber. Schnell und unauffällig. Die waren immer noch da. Alle drei. Und sie wusste, dass auch sie dem Typen aufgefallen war. Er hatte sie gesehen. Sie wusste, dass er ihr zulächelte, wenn sie ihn ansah. Sie wusste es einfach.

2

Gegen Mitternacht, da war Casper bei seinem zehnten Bier und spülte schon seit einiger Zeit mit Bacardi nach, fiel es ihm endlich auf.

»Wen stierst du da die ganze Zeit an, Trace?«, fragte er. »Den Wichser dahinten in der Ecke? Sieht aus wie ’n verdammter Immobilienmakler. Warum bumst du ihn nicht, wenn du so scharf auf ihn bist? Hat wahrscheinlich ’n Schwanz wie ’n Zigarettenstummel.«

Casper lachte über seinen eigenen Witz. Er fühlte sich mittlerweile ganz entspannt und war sicher, dass es wieder mal falscher Alarm gewesen war. Selbst wenn sie von Laura wusste, scheiß doch drauf. Schließlich war es nicht so, als wären sie miteinander verheiratet, verlobt oder an den Hüften zusammengewachsen. Es gab ja nicht mal ’n Kind, schönen Dank auch. Und ernst nehmen konnte man Laura sowieso nicht, oder? Mann, Laura, die war doch ein Witz, eine geile, alte Pfanne, die man an ’nem verregneten Freitagnachmittag eben mal rannahm.

»Du bist die, mit der es mir ernst ist«, sagte er laut und riskierte damit etwas, das einem Geständnis gleichkam.

Junge, ich hab dich so über, dachte Tracey. Trotzdem war da immer noch was in ihr, das stach und ihr wehtat. Er gab’s zu. Und lachte nur drüber. Als wenn es ein Witz wäre. Als wenn es komisch wäre.

Er rückte mit seinem Stuhl näher und legte ihr den Arm um die Schultern. Ihr kam es fast hoch, so sehr stank er nach Bier, Nikotin, Bacardi und CK One. Letzteres hatte ihm wahrscheinlich sein Langfinger-Bruder bei Boots geklaut.

»Mach dir keine Sorgen, Trace«, hörte sie ihn jetzt sagen, und es klang fast schon wieder wie Angeberei. »Ich hab ihr gesagt, nie wieder. Echt, ich versprech’s dir.«

Mit seiner freien Hand griff er nach seinem Bier und hob es bis halb an den Mund.

»Mann, die Alte wabbelt beim Vögeln wie ’ne verfluchte Hüpfburg. Ich schwör’s dir.«

Seit einer Stunde überlegte Tracey jetzt, wie genau sie die Sache beenden, was sie sagen, wie sie’s machen sollte. Und plötzlich sah sie, dass sie kaum eine bessere Gelegenheit bekommen würde. Das Ganze würde dramatischer ausfallen, als sie es sich vorgestellt hatte, aber er hatte es mehr als verdient. Eigentlich war es noch viel zu wenig. Betrogen zu werden, war das eine, mit ’ner ausgeleierten alten Matratze betrogen und zum Gespött gemacht zu werden, was ganz anderes. Und wenn sie die Sache mal ganz praktisch betrachtete, hatte Casper schon auf dem Weg in die Stadt jede Menge Benzos eingeworfen. So wie es ihm gefiel, wenn sie samstags zusammen loszogen, um einen draufzumachen. Dann schoss er sich so richtig ab. Seine Augen waren längst völlig pillenstarr, und er hing nur noch auf seinem Stuhl. Jede Schildkröte reagierte jetzt schneller als er.

Sie schob sich seinen Arm von den Schultern und wartete, dass er sein Bier abstellte. Dann war sie auf den Beinen, und die verbliebenen drei Viertel seines kühlen, hellen Foster’s ergossen sich über seinen Kopf, sein Gesicht und immer weiter: schwappten satt über seine Tommy-Hilfiger-Jacke, die er wegen ihr angezogen hatte, weil sie meinte, sie würden heute Abend zur Abwechslung mal in einen besseren Laden gehen.

»Bye, Casper«, sagte Tracey ganz ruhig.

Von den Tischen rundum war Applaus zu hören. Tracey schob sich durch die Menge, die sich vor der langen, falschen Retro-Theke des »Club Zoo« drängte, und steuerte auf die Toilette zu, wo sie erst mal für sich sein und sich ihren nächsten Schritt überlegen konnte. Sich an Casper zu rächen, war okay, aber deswegen wollte sie sich nicht gleich den Abend ruinieren und nach Hause abziehen müssen. Fünf Minuten später kam sie wieder heraus, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich Casper vergebens dagegen wehrte, von zwei Rausschmeißern, einem Mann und einer Frau, an die Luft befördert zu werden.

Maria stellte sich an die Theke, ganz ans Ende, direkt neben das Mädchen. Der Auftritt hatte ihr gefallen, genau wie Brady und Annabel. Einen Moment lang hatten sie allerdings Sorge gehabt, die Rausschmeißer würden sich auch das Mädchen greifen. Aber entweder wussten die nicht, wie sie aussah, schließlich waren sie, alarmiert vom aufbrandenden Tumult, erst auf der Bildfläche erschienen, als alles längst vorbei war, oder es war ihnen egal. Der Typ war draußen, und sonst schien keiner mehr Ärger machen zu wollen. Warum sollten sie da noch jemanden raus werfen? Aus ihrer Sicht ist ihr Job erledigt, dachte Maria.

»Dem hast du’s gegeben«, sagte sie mit einem Lächeln.

»Das war schon lange fällig«, antwortete Tracey und bemerkte gleich, dass das eine von den beiden war, die bei ihm saßen.

So aus der Nähe sah man, dass sie eine Perücke trug. Lang, schwarz, leicht gothic. Trotzdem sieht sie gut aus, dachte Tracey. Schlank und mittelgroß wie sie selbst. Mit einem netten Lächeln. Hatte schöne weiße Zähne.

Maria bestand darauf, Traceys Drink zu bezahlen, und wenn sie wolle, könne sie gerne mit zu ihnen an den Tisch kommen. War doch besser, als hier allein rumzustehen, oder? Tracey zögerte einen Moment und willigte dann ein. Okay, klar. So einfach geht das, dachte Maria. Genauso einfach, wie Brady es vorausgesagt hatte. Deshalb hatte er sie losgeschickt.

3

Brady wohnte in der alten Hutfabrik, wie er ihr erklärte. Ganz oben. Tracey nickte und sagte, sie hätte gehört, die Wohnungen seien echt cool. Ganz beiläufig sagte sie das, als könnte sie da auch wohnen, wenn sie Bock drauf hätte. Wenn. Dabei hatte sie bisher höchstens mal durch den Immobilienteil des ›Argus‹ geblättert und ein bisschen herumgeträumt, wie es wäre, reich zu sein, oder wenigstens nicht drecksarm. In der ganzen Innenstadt, das wusste sie, wurden derzeit heruntergekommene alte viktorianische Häuser ausgeweidet und yuppiefiziert. »Moderne Wohnbereiche für die Welt von morgen« entstanden da. Brady war gerade erst eingezogen, wie er sagte. Er kam aus London. Annabel war seine Schwester, und sie und Maria teilten sich eine Wohnung. Unten in Putney, sagte er und log das Blaue vom Himmel herunter. Sie waren übers Wochenende gekommen, um ihm beim Einzug zu helfen. Heute werde es noch eine Party geben. Zum Abschluss des Abends. Allerdings nur mit wenigen Leuten, so viele kenne er hier noch nicht. Aber immerhin, eine kleine Einzugsfete. Sie könne gerne mitkommen, wenn es ihr nicht zu langweilig klinge. Tracey schluckte ihre Nervosität herunter, als sie ihm antwortete. Nein, sagte sie, das klinge ganz und gar nicht langweilig.

Der Wagen glitt samtweich in die Nacht. Ein BMW. Tracey hatte gleich gesehen, was für eine Marke es war, und auch dass er neu aussah, fast noch unbenutzt. Sie saß vorne und sah Brady beim Fahren zu. Es gefiel ihr, wie er sicher durch die Gänge schaltete. An seinem linken Handgelenk glitzerte eine teuer aussehende Uhr im Halbdunkel. Seine Schwester Annabel und ihre Freundin Maria saßen hinten. Maria drehte einen Joint. »Rauchst du, Tracey?«, fragte sie mit ihrem weichen, höflichen Akzent. »Yeah, ’türlich«, antwortete Tracey. Tatsächlich kiffte sie kaum mal. Dope, das war das Ding von ihrer Mutter, was Altes, Langweiliges. Da stand sie schon eher auf Koks und Speed, aber auch nicht mehr so sehr wie früher. Heute zum Beispiel, wo sie so sauer auf Casper gewesen war und ihn endlich zum Teufel schicken wollte, da hatte sie lieber einen klaren Kopf behalten.

Brady schob eine CD in die Anlage. Mozart, das Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll. Nur um ein bisschen gemein zu sein und etwas zu spielen, das sie noch nie gehört hatte. Um sie dabei zu beobachten, wie sie so tat, als gefiele es ihr. Er drehte die Lautstärke auf, als sie unter den Laternen der Abzweigung Flowers Street durchkamen und dann mitten durch die Stadt fuhren. Die Hutfabrik hatte ein sicheres, unterirdisches Parkhaus. Brady gab den Code ein, und sie schwebten die Rampe hinunter auf den nummerierten Stellplatz.

Der Wagen blinkte noch einmal auf, als er ihn abschloss und zum Aufzug voranging. Annabel und Maria liefen hinter Tracey, und Maria reichte den Joint an Annabel weiter, während Brady den Aufzugknopf drückte.

Bradys große, geräumige Wohnung lag im obersten Stock. Minimalistischer Plüsch. Tracey bewunderte die Aussicht durch das wandhohe Fenster, Brady schenkte ein paar Drinks ein, und Annabel und Maria verschwanden in einem der Bäder und sagten, sie wollten sich für die Party frisch machen. Es sah aus, als läge Tracey ganz Crowby zu Füßen. Die nächtliche Geografie tausender Laternen und Scheinwerfer. Sie sah, wie die Autos durch die Straßen rasten. Sicher lauter Jungs, die es krachen ließen. Obwohl sie ihre wummernden, dröhnenden Musikanlagen bis hier oben nicht hören konnte. Dann war plötzlich Brady neben ihr und hielt ihr ein geschliffenes Kristallglas hin.

»Champagner«, sagte er. »Cheers.«

»Cheers«, antwortete Tracey und nahm das Glas.

Ihr war kaum aufgefallen, dass Annabel und Maria mit ihrem Joint verschwunden waren, aber jetzt ließ sie eine Bemerkung dazu fallen.

»Die kleinen Biester«, sagte Brady. »Ich glaube, meine Schwester könnte … nun, lesbisch sein.«

Tracey lächelte und dachte mit einem Mal, dass Brady nichts als ein Schleimer war, ein eingebildeter Mittelklasse-Schleimer. Da hatte Casper ausnahmsweise mal recht gehabt. Brady war ein waschechter Yuppie mit reichlich Geld, der es gewohnt war, seinen Willen zu bekommen. Und so aus der Nähe betrachtet, war er auch älter, als quer durch die Bar zu erkennen gewesen war. Der Typ geht sicher auf die fünfundzwanzig zu, dachte sie, oder hat sie sogar schon hinter sich gelassen. Okay, sie konnte mit ihm ins Bett steigen, die Signale dafür hatte er längst ausgesandt. Aber was dann? Wahrscheinlich nichts, nur ein verlogenes »Bis dann«, wenn sie sich am Morgen nach Hause verabschieden würde. Sie nahm einen Schluck Champagner, der ihr angenehm im Hals kitzelte. Was soll’s, Mädchen. Trink das Zeugs, amüsier dich und ruf dir ein Taxi. Sieh zu, dass du nach Hause kommst.

Brady stand jetzt ganz dicht neben ihr, und sein Arm, da war sie sicher, würde sich gleich schon um ihre Schultern legen. Sie trat einen Schritt zur Seite und tat so, als wäre sie an der Einrichtung des Zimmers interessiert. Es klingelte, und der kleine Bildschirm neben der Wechselsprechanlage leuchtete auf, aber sie schaute nicht näher hin, wer darauf zu sehen war. Klar, komm rauf, hörte sie Brady sagen. In einer Nische beim Fenster stand eine ganze Reihe gerahmter Fotos. Parks, Springbrunnen, Straßenszenen. Vielleicht in Paris, dachte sie, oder Rom. Auf jeden Fall nicht im verdammten Crowby. Sie betrachtete sie eingehend. Brady war nicht mehr im Zimmer, als sie sich wieder umdrehte. Die Wohnungstür öffnete und schloss sich, und jetzt konnte Tracey Stimmen von nebenan hören. Das war womöglich die Küche. Sie beschloss, hinüberzugehen und zu sehen, was es da gab.

Als sie etwa auf halbem Weg war, öffnete sich die Küchentür. Brady kam heraus, gefolgt von Annabel und Maria. Dann kam jemand, den sie noch nicht gesehen hatte. Groß, sicher ein Mann. Das war allerdings schwer zu sagen, da er einen bodenlangen Umhang mit Kapuze trug und wie ein irrer Mönch in einem Horrorstreifen hinter den anderen aufragte.

»Soll das hier ’ne Kostümparty werden?«, fragte Tracey unsicher.

Wie sie sah, trugen die anderen ähnliche Umhänge über dem Arm, in die sie jetzt hineinschlüpften. Ihre normalen Sachen ließen sie an.

»Ist sie das, Brady?«, fragte der Neuankömmling, und seine Stimme war fraglos die eines Mannes.

Brady rückte sich die Kapuze zurecht, bevor er antwortete: »Ja, das ist sie. Das Opferlamm.«

Brady machte einen Schritt auf sie zu, und Tracey begriff, dass es ein böser Fehler gewesen war, herzukommen. Was genau sie sich da eingebrockt hatte, war allerdings noch nicht klar. Sie schoss um das lange weiße Sofa Richtung Flur, aber da stand schon der Neue. Sie versetzte ihm einen Tritt gegen das Schienbein und rannte an ihm vorbei, direkt in Annabel und Maria hinein. Sie ging auf die beiden los, aber eine von ihnen, es war wohl Maria, packte sie grob bei den Haaren, und die andere hielt etwas Kleines, Glitzerndes in der Hand. Eine Art Sprühdose.

»Verpiss dich«, schrie Tracey, versuchte Maria zu treten und außer Reichweite von Annabel zu bleiben. Aber es war zu spät. Traceys Blick verschwamm, und ihre Augen begannen fürchterlich zu brennen, heiß und unerträglich, und in diesem Moment packte sie jemand von hinten, Brady oder der andere, sie konnte es nicht sagen, und schon wurden ihre Hände zurückgerissen und mit so was wie Handschellen versehen.

Jemand schlug ihr ins Gesicht. Kräftig.

»Sag mir nicht noch mal, ich soll mich verpissen, du erbärmliche kleine Nutte.«

Tracey spuckte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Es war Annabels, nahm sie an, aber vor ihren brennenden Augen war immer noch alles rot.

Noch ein Schlag ins Gesicht, diesmal noch fester.

»Nicht, wenn du weißt, was gut für dich ist. Nicht, wenn du hier lebend rauskommen willst.«

4

Es war nicht nur das Körperliche. Ganz und gar nicht. Natürlich mussten sie ihr Opfer zunächst mal unter Kontrolle und in genau die hilflose Position bringen, in der sie es haben wollten und haben mussten. Aber das war nur der erste Schritt. Nur eine notwendige Vorkehrung, bevor der Spaß richtig losging. Sobald sie ihr die Handschellen angelegt und ihren schreienden, fluchenden Mund mit einem breiten Stück Klebeband verschlossen hatten, stießen sie Tracey aufs Sofa. Annabel hielt sie fest, während ihr Maria, fast schon sanft, die Augen ausspülte.

Kaum, dass sie wieder sehen konnte, bäumte sich Tracey auf, um zurück auf die Beine zu kommen. Brady stieß sie zurück.

»Ich glaube, du kapierst es noch nicht ganz, Tracey«, sagte er. »Deine einzige Chance, das hier zu überleben, besteht darin, dich zu benehmen: genau das zu tun, was wir dir sagen, und nichts sonst.«

»Lüg sie nicht an, Brady«, sagte der Neue. »Sie ist längst totes Fleisch, und wir alle wissen es. Dein Leben ist um, Schätzchen«, sagte er und gab seiner Stimme einen komischen Tonfall, »deine Zeit ist abgelaufen.«

Brady beugte sich zu ihr vor, und sie konnte die nadelkleinen Pupillen seiner blauen Augen sehen. Sonst fiel es nicht auf, aber seine Augen verrieten ihn: Er musste was eingeworfen haben.

»Mein Kollege hat die Neigung, die Dinge zu dramatisieren, Tracey. Trotzdem fürchte ich, er hat Recht. Sehr bald schon werden wir dich lebendig begraben, mein hübsches Kind, und deinem letzten Nach-Luft-Schnappen lauschen. Das wird uns so einen Spaß machen, was, ihr Lieben?«

Seine Stimme und die Art, wie er sprach, hatten sich ebenfalls verändert. Er klang überdreht wie ein schlechter Schauspieler.

»So einen Spaß«, sagte auch Annabel, trat einen Schritt vor und fuhr Tracey mit der Hand über die Brust.

»Tzz, tzz«, machte Brady und schob ihre Hand weg. »Wir sind hier, um sie umzubringen, und nicht, um sie zu betatschen.«

Tracey trat wieder um sich, erst nach Annabel, dann nach Brady, verfehlte aber beide.

Brady grinste wie ein Zeremonienmeister, der den nächsten Akt ansagt.

»Es ist Zeit für ein paar zusätzliche Fesseln, denke ich«, sagte er und nickte dem Neuen zu.

Tracey sah, wie der Bursche in die Küche ging und mit einem Stück Strick zurückkam.

Brady und Annabel hielten ihr die Beine fest, und der Neue fesselte ihre Füße.

Tracey ließ ihre Entführer nicht aus den Augen und gab sich alle Mühe, bei ihrer Wut zu bleiben, aber die wurde gegen ihren Willen immer mehr von Angst durchsetzt. Alle steckten jetzt ganz in ihren Umhängen und Kapuzen, sodass man sie fast nur noch über die Größe unterscheiden konnte. Der Zweitgrößte, Brady, nahm eine Fernbedienung von der Lehne des Sofas. Ganz hinten im Raum erwachte ein großer Plasmabildschirm zum Leben. Tracey sah hinüber: Das war sie selbst, hier und jetzt, gefesselt und geknebelt.

»Schade, dass du nicht in die Kamera lächeln kannst, Tracey«, sagte Brady, »aber die Hauptsache ist, dass wir dich filmen. Jedes ängstliche kleine Zucken deines Gesichts, Schätzchen.«

»Ist es noch nicht so weit?«, fragte der Neue, und da schwang eine gehörige Portion Ärger in seiner Stimme mit. Brady schien ihm zu viel Theater um die Sache zu machen.

»Richtig, Adrian, ich glaube, es ist so weit«, sagte Brady.

Er hat also auch einen Namen, dachte Tracey. Adrian. Adrian und Brady. Annabel und Maria. Brady hat blondes Haar, genauer gesagt, ist er eigentlich tuntenblond. Annabel ist schwarz, und Maria könnte unter der Perücke rot sein. Das Nummernschild hatte hinten ein »S« und noch zwei Buchstaben. »SGN« vielleicht. Es würde später wichtig sein, sich an möglichst viel zu erinnern. Es würde ein Später geben, sagte sie sich und versuchte, tief zu atmen, um sich zu beruhigen. Daran musste sie glauben, sie musste.

Casper war stocksauer. Nachdem sie ihn rausgeschmissen hatten, hing er sicher noch eine gute halbe Stunde gegenüber vom »Club Zoo« herum. Er überlegte, ob er noch mal reinsollte, wenn nötig mit Gewalt. Am Ende entschied er sich dagegen und lief quer durch die Stadt zurück zum »Bricklayer’s«, der freitags und samstags bis zwei Uhr morgens geöffnet hatte. Da traf er Mad Billy Briers und seine Kumpels. Billy hatte einen Megane geknackt, und sie beschlossen, in einen Club in der Nähe von Coventry zu fahren, aber dann stellte sich heraus, dass mit dem Wagen ernsthaft was nicht stimmte, mit dem Getriebe oder der Kupplung, meinte Mad Billy, und so mussten sie die Scheißkarre am Ende auf dem Zubringer zur Nordumgehung stehen lassen und die verdammte, verschissene Strecke bis nach Woodlands zu Fuß zurücklatschen. Dort angekommen, überlegte Casper, ob er Dirty Laura einen Besuch abstatten sollte, entschied sich aber dagegen. Tracey war ein gutes Mädchen, das kapierte er langsam. Sie war die Beste, die er bislang gehabt hatte, wenn er ehrlich war. Vielleicht, wenn er die Finger von Laura ließ und klarmachte, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, vielleicht kam Tracey dann in ein, zwei Tagen zu ihm zurück. Was ihm allerdings immer noch Sorgen machte, war, dass er Tracey ganz allein im »Club Zoo« zurückgelassen hatte, als willkommene Beute für irgend so ’nen Großkotz-Yuppie, der mit Geldbündeln vor ihr rumwedelte, um ihr unter den Rock zu kommen. Klar, es war sein eigener Fehler, das begriff er, aber es hätte, ernsthaft betrachtet, keine Möglichkeit gegeben, noch mal in den Club zu kommen, nicht, ohne dass sie ihn hopsgenommen hätten. Was ’ne satte Runde Knast bedeutet hätte, wie es ihm der Richter beim letzten Mal eindringlich erklärt hatte. So stand er jetzt da, völlig abgebrannt, und schloss die Tür zur Wohnung seiner Mutter auf, ohne Freundin, ohne Action, und das an einem Samstagabend. Er war fast schon wieder nüchtern und längst nicht mehr so neben der Kappe. Er ging in die Küche, schaltete das Licht ein und suchte im Kühlschrank nach einem kleinen Imbiss. Morgen früh würde er nach ihr sehen und sich vergewissern, dass sie gut nach Hause gekommen war. Nicht, dass er sich wegen ihr wirklich Sorgen machen musste, oder? Mann, Tracey war schließlich in Woodlands aufgewachsen, Scheiße noch mal, genau wie er. Da wusste man auf sich aufzupassen, oder? Natürlich wusste sie das, verdammt. Er zog ein paar Scheiben Speck aus einer Vorratspackung und suchte nach einem Ei. Ein bisschen was aus der Pfanne würde seiner Laune gut tun.

Brady und Adrian brachten den Sarg aus einem der Nebenräume herein. Er war einigermaßen leicht, von der selbstgemachten Sorte. Trotzdem schien es für die beiden nicht ganz einfach, ihn durch die Türe zu kriegen, ohne anzuecken. Sie stellten ihn mit feierlicher Miene mitten im Wohnzimmer ab. Brady hob den Deckel und zeigte auf ein Halbrund kleiner Löcher, die er tagsüber ins Holz gebohrt hatte.

»Atemlöcher, Tracey. Du wirst erst zur ausgemachten Zeit sterben. Nicht vorher. Nicht aus Versehen.«

Tracey kam irgendwie auf die Füße, aber Annabel stieß sie zurück aufs Sofa.

»Ich glaube, die kleine Nutte will nicht sterben.«

»Das hätte sie sich vorher überlegen sollen«, sagte Maria.

»Genug, meine Damen«, verkündete Brady. »Sperren wir den Teufel in die Kiste.«

Brady und der Neue namens Adrian fassten sie bei Schultern und Armen, und Annabel und Maria nahmen ihre Beine. Langsam trugen sie Tracey hinüber zum Sarg und legten sie hinein. Sie wehrte sich vergeblich und versuchte sich auf die Ellbogen zu stemmen. Aber dann schob einer von ihnen, sie sah nicht, wer es war, den Deckel auf den Sarg. Tracey hörte, wie die Riegel geschlossen wurden. Sie konnte immer noch alles hören, doch abgesehen von den kleinen, nutzlosen Lichtpunkten, die durch die Atemlöcher stachen, nichts mehr sehen. Rein gar nichts mehr, und mit einem Mal war kein Halten mehr. Aller Mut und aller Widerstandsgeist waren verflogen, und da war nur noch Panik. Nichts, rein gar nichts war mehr zu sehen.

5

Jim Hallam parkte seinen Vectra auf dem Parkplatz am Fuß von Crow Hill. Es war halb acht Uhr morgens, Sonntag, und sonst war kein Auto zu sehen. Hallam hatte eine wuchtige Figur und ging auf die vierzig zu. Fett war er nicht, eher muskulös. Er verbrachte etliche seiner Wochenenden außerhalb von Crowby und fuhr zu Bergläufen nach Wales oder in den Lake District. Im College hatte er mit dem Sport angefangen und seitdem nicht wieder damit aufgehört. Hallam war ein Glückspilz: Er mochte seine Arbeit, führte eine glückliche Ehe und hatte darüber hinaus in der Lauferei eine Leidenschaft gefunden, die sein Leben erfüllte. An diesem Wochenende gab es jedoch besondere, das heißt familiäre Gründe, warum er hatte hierbleiben müssen. Um es beim Namen zu nennen: Die Heirat seiner Schwester, es war ihre dritte, hatte den gestrigen Nachmittag in Beschlag genommen, der anschließende Empfang den Abend. Das Ganze war der sprichwörtliche Triumph der Hoffnung über die Erfahrung, hatte er gedacht, aber er war nicht der Mensch, der seine Familie oder seine Verwandten im Stich ließ. Diane, seine Frau, hatte vorgeschlagen, er solle heute Morgen doch mal ausschlafen, schließlich seien sie erst nach zwei nach Hause gekommen, aber Hallam hatte der Versuchung widerstanden. Ende des Monats sollte es einen großen Wettkampf in den Brecons geben, und bis dahin wollte er sich, wenn eben möglich, seine Fitness erhalten.

Er stieg aus dem Vectra, schloss ihn ab und verstaute den Schlüssel in seinem geliebten Minirucksack, den er bei Trainingsläufen wie diesem immer dabeihatte. Er konnte darin alles unterbringen, was er früher in Jacken- und Hosentaschen mitgenommen hatte, vor allem seine Brieftasche und sein Handy. Dazu einen Liter Wasser, um der Dehydrierung entgegenzuwirken, die heute Morgen wahrscheinlich ein größeres Risiko darstellte als sonst. Normalerweise trank er nicht viel, aber ausnahmsweise hatte Diane es gestern geschafft, ihn in Feierlaune zu versetzen, und als er aufgewacht war, hatte er sich miserabel gefühlt. Champagner, Bier, selbst ein paar große Brandys hatte er sich genehmigt. Hallam ging über den Parkplatz zum Beginn des markierten Pfads, der hinauf auf den Gipfel führte. Nach den örtlichen Maßstäben war der Crow Hill so etwas wie ein richtiger Berg. Den Parkplatz hatten sie aus dem Wald an seinem Fuß herausgeschlagen. Es gab hier etliche Wege mit Bänken und Picknicktischen, und alles in allem kam Hallam die Natur etwas zu gezähmt vor, aber der Weg zum Gipfel war steil genug, um die Beinmuskeln zu trainieren, wenn man nur ein ausreichendes Tempo vorlegte. Einen Moment blieb er noch stehen, machte ein paar Rumpfbeugen und dehnte die Beinmuskeln, um den Körper ausreichend aufzuwärmen. Er war so gut wie fertig mit seinen Übungen, als er ein erstes, unerwartetes Knacken hörte. Knack. Da bewegte sich etwas ziemlich wild zwischen den nahen Bäumen. Knack, knack. Es klang fast wie ein Wüten, knack, und eigentlich zu laut und ganz sicher zu ungelenk für eines der Tiere, die man hier finden mochte, Kaninchen, Füchse oder, das allerdings sehr, sehr selten, ein Reh oder gar einen Hirsch.

Er rührte sich nicht und wartete. Und dann war sie da und rannte ins Freie: eine junge Frau. Mittelgroß, schlank, blond. Und nackt. Lehm- und schmutzüberzogen. Die Haut hier und da aufgerissen, verletzt. Blutend. Als sie ihn sah, blieb sie stehen.

»Hilfe«, sagte sie leise, und es klang wie eine verängstigte Frage, mit der Betonung auf der zweiten Silbe, als wäre das Letzte, was ihm einfallen könnte, ihr zu helfen.

Er lief zum Auto und holte die karierte Decke von Halfords aus dem Kofferraum, die Diane dort hineingelegt hatte, um immer für ein Picknick ausgerüstet zu sein.

»Ganz ruhig, Mädchen, ist ja alles gut«, sagte er und war sich absolut nicht sicher, ob das tatsächlich stimmte. Er hielt ihr die Decke hin, aber jetzt, da ihre wilde Flucht ein Ende gefunden hatte, schien sie wie gelähmt und abwesend. Sie hatte ihre Brüste schützend mit den Armen bedeckt, wirkte aber unfähig, oder unwillig, noch eine weitere Bewegung zu machen. Also legte er ihr mit der schwerfälligen Behutsamkeit seiner massigen Gestalt die Decke selbst um die Schultern. Ihm kam der Gedanke, dass sie Hunger oder Durst haben könne, und so nahm er die Wasserflasche aus seinem Rucksack und hielt sie ihr an die Lippen. Sie trank gierig, das Wasser rann ihr übers Kinn. Als sie einen Augenblick innehielt, holte er sein Handy heraus und wählte den Notruf.

»Ja, genau, hören Sie, einen Krankenwagen. Und ich glaube, die Polizei brauchen wir auch.«

6

Detective Constable Emma Smith war die eine Hälfte der unterbesetzten Sonntagsbereitschaft des Criminal Investigation Department, kurz CID, DC Ray Williams die andere. Das war aus Emmas Sicht nicht das beste Doppel, nachdem ihre kurze Liebesbeziehung zu Ray Williams ein unrühmliches Ende gefunden hatte. Aber Schichtdienst und Arbeitsanforderungen konnten auf Persönliches, auch delikaterer Natur, keine Rücksicht nehmen. Finde dich damit ab oder halt wenigstens den Mund. Und für Emma war die Sache klar, sie würde sich wegen ihrer amourösen Verirrung nicht auch noch beruflich einen Splitter einziehen. Smith und Williams saßen im Büro für Vergewaltigungsopfer und Familienhilfe und warteten auf Carole Briggs, die zuständige Beamtin. An Wochenenden war die Opferhilfe immer stark ausgelastet, und so hatten sie Glück, dass Briggs verfügbar war. Emma hatte schon mit ihr gearbeitet und hielt sie für eine Frau, die wusste, wie man den feinen Grat zwischen Opferschutz und den Einsatzerfordernissen einer polizeilichen Untersuchung beschritt.

»Du glaubst also nicht, dass wir Jacobson verständigen sollten, Emma?«, fragte Williams.

Emma erinnerte ihn daran, dass es sowieso nicht möglich sei. Es war nicht einfach nur Jacobsons freies Wochenende, sondern er war mit seiner Freundin für zwei Tage nach Paris gefahren.

»Richtig«, sagte Williams. »Ich vergesse ständig, dass der Chef plötzlich wieder ein Privatleben hat. Und was ist mit DS Kerr?«

»Ja, vielleicht sollten wir ihn verständigen. Aber lass uns erst die Befragung abwarten, okay? Wir müssen nichts nach oben durchreichen, womit wir auch selbst fertig werden können.«

»Da hast du Recht«, stimmte ihr Williams zu.

Emma goss sich einen Becher eisgekühltes Wasser aus dem Wasserkühler ein und hoffte, alles richtig in die Wege geleitet zu haben. Sie hatten zwei uniformierte Kollegen zum Crow Hill geschickt, damit sie den abgesperrten Bereich bewachten, bis die diensthabenden Kollegen von der Spurensicherung eintrafen. Im Moment war der Polizeiarzt, oder korrekter: der gerichtsmedizinische Kollege, bei dem Mädchen. Alles lief genau wie nach Lehrbuch, warum also Kerr und seine bessere Hälfte aus den Laken holen, wenn es keinen unmittelbaren Grund dafür gab? Keinen wirklichen Grund, nahm sie an. Wenn allerdings nur die Hälfte von dem stimmte, was das Mädchen der Krankenwagenbesatzung und den Uniformierten vorgestottert hatte, dann hatten sie es mit ein paar besonders üblen Mistkerlen zu tun – mit Mistkerlen von der Sorte, der man vor Gericht keinerlei Blöße bieten wollte, weil irgendwas von Seiten des CID schlampig gemacht oder gar vergessen worden war, so unbedeutend es sein mochte.

Die Stelle für Vergewaltigungsopfer war noch keine drei Jahre alt und lag im zweiten Stock des Präsidiums, am Ende des hinteren Flurs. Hier gab es die entsprechende medizinische Ausstattung und einen Gesprächsraum, der eher wie ein Wohnzimmer wirkte, in dem das Opfer zwischen den Untersuchungen mit Freunden und Verwandten sitzen konnte, und wo sich die Gespräche mit Arzt, Berater oder Polizei, also denen führen ließen, die sich des Falles angenommen hatten. Angesichts der Umstände hatte Emma das für den geeignetsten Ort gehalten, und Williams hatte ihr zugestimmt. Nichts sprach dagegen, und er bemühte sich dieser Tage, der lieben Emma gegenüber besonders aufgeschlossen zu sein. Es bestand überhaupt kein Anlass, irgendwelche Feindseligkeiten neu aufleben zu lassen, und im Übrigen war sie es, dachte er, die den Vertiefungskurs »Ermittlung in Vergewaltigungsfällen« mitgemacht hatte. Nicht, dass es hier um eine Vergewaltigung ging. Nicht genau. Nicht im wörtlichen Sinn. Aber wie immer man es nennen wollte, es ging um eine junge Frau in traumatisiertem Zustand, die eindeutig die Art Betreuung brauchte, bei der die Wunden nicht nur medizinisch versorgt, sondern auch als mögliche Beweise betrachtet wurden.

Sie erwarteten Carole Briggs, aber tatsächlich war es der FME selbst, der Gerichtsmediziner, der den Kopf durch die Tür streckte. Colin Naylor. Eher jung, unverheiratet, noch neu auf dem Posten. Ganz bei der Sache.

»Die Schwester hilft ihr gerade, sich zu säubern. Carole ist auch noch bei ihr«, sagte er. »Sie würde gerne bei Ihrem Gespräch dabei sein und dem Opfer die Hand halten, wenn nötig.«

»Gute Idee«, sagte Emma.

Alles, Durchsuchungsbefehle, Haftbefehle, die Anklageformulierung, alles hing von der Genauigkeit der Aussage ab, und das betraf jede einzelne Behauptung, die das Mädchen abgab. Wenn da irgendetwas vergessen oder verschwiegen wurde, hingen sie völlig in der Luft und konnten nichts machen.

Williams nickte ebenfalls pflichtbewusst.

»Was können Sie uns zu dem Fall sagen, Doc?«, fragte er.

Naylor trat jetzt ganz ins Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.

»Sie ist in verhältnismäßig guter Verfassung. Körperlich auf jeden Fall. Die Abschürfungen und Verletzungen sind nicht gravierend, viele davon scheint sie sich selbst zugefügt zu haben, als sie durch den Wald gerannt ist. Die einzige Ausnahme, die ich anführen möchte, sind die Blutergüsse an ihren Handgelenken, die sind ziemlich böse. Es war ein großes Risiko, sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen in einen engen Raum einzuschließen. Selbst bei einer gesunden jungen Frau besteht da die Gefahr einer Embolie.«

Emma trank ihr Wasser aus. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie es ihr anstelle des Mädchens gegangen wäre. Durchmachen zu müssen, was Tracey Heald nach eigener Aussage durchgemacht hatte. Nicht eine Sekunde wollte sie sich das vorstellen.

»Und sie hat auch der Intimuntersuchung zugestimmt?«, fragte Emma.

»Ja, das hat sie. Alles, um die Typen zu erwischen, sagte sie.«

Naylor warf einen Blick auf sein Klemmbrett und zog sich am linken Ohrläppchen. Das war ein nervöser Tick, dessen er sich nicht bewusst war.

»Was, soweit ich das sehen kann, zu ihrer Geschichte passt. Es war kein konventioneller sexueller Übergriff, weder vaginal noch anal. Ich habe sie dennoch untersucht wie ein Vergewaltigungsopfer und sämtliche Proben fürs Labor genommen, falls sie am Ende doch noch gebraucht werden sollten.«

Die Behauptungen des Opfers waren so bizarr, dass die Annahme durchaus nahelag, sie sei konventionell angegriffen worden, versuche das Geschehene aber auf irgendeine Weise zu verdrängen. Naylor hatte sie auch auf Drogen untersucht, weil er Klarheit über den Zustand wollte, in dem sie gewesen war.

»Und Sie haben nichts dagegen, wenn sie jetzt mit uns sprechen will?«, fragte Williams.

»Solange Sie es langsam angehen lassen und ihr so viele Pausen gewähren, wie sie will. Folgen Sie ihrem Rhythmus.«

Tracey Heald hockte in sich zusammengesunken auf dem gelben Sofa des Gesprächsraums und kümmerte sich nicht um den Becher Tee, der vor ihr auf dem niedrigen Kieferntisch stand. Sie trug einen weiten, hellblauen Trainingsanzug, den ihr Carole Briggs herausgesucht hatte. Im Schrank ihres Büros gab es ein ganzes Sortiment davon. Gewöhnlich tauschten die Opfer sie gegen die eigenen Kleider ein, die ins Labor geschickt und spurentechnisch untersucht werden mussten. Carole Briggs saß neben ihr, und wann immer Tracey nach einer Zigarette fragte, was alle paar Sekunden der Fall zu sein schien, holte sie eine aus der Tasche hervor. Der Raum war mit einer diskreten Videoaufzeichnung ausgestattet. Jeder auf dem Sofa saß mit im Kamerabereich. Williams sah nach, ob ein frisches Band eingelegt war, und drückte den Aufnahmeknopf.

»Wann immer Sie so weit sind«, sagte Emma, »erzählen Sie uns doch bitte noch einmal alles vom ›Club Zoo‹ an. Sie waren mit Ihrem Freund da, aber dann kam es zu einem Streit, richtig?«

Tracey probierte endlich den Tee. Es war nicht genug Zucker drin, aber wenigstens war er heiß. Sie nippte ein paar Mal daran, zog an ihrer Zigarette, einer leichten Marke mit wenig Teer, die nach nichts schmeckte, und sah die beiden Detectives an, einen Mann und eine Frau. Die Frau sah nicht viel älter aus als sie selbst, sie war auf jeden Fall noch unter dreißig. Neben Tracey saß das Muttertier Carole, von der nicht klar war, wozu sie eigentlich da war. Sie war eine Art Profihenne, die ständig herumtat und grinste und ewig im Weg zu sein schien. Während sie hier herumsaßen und quatschten, dachte Tracey, konnte sich Brady mit seiner schmierigen Mannschaft nach überall davonmachen. Das hatte sie ihnen bereits gesagt. Jetzt versuchte sie es noch einmal.

»Wie oft müssen Sie es noch hören? Haben Sie schon jemanden hingeschickt?«

»Sobald wir Ihre Aussage haben, Tracey«, antwortete die Polizistin, »können wir das Entsprechende unternehmen.«

»Die haben mich in eine verfluchte Kiste gesperrt und gesagt, sie wollen mich umbringen. Was sonst müssen Sie noch wissen?«

»Wir wollen die Leute fassen, die Ihnen das angetan haben, Tracey, glauben Sie mir. Wir wollen sie festnageln. Aber das heißt, eins nach dem anderen, fürchte ich. Wenn Sie uns also noch einmal erzählen könnten, was passiert ist, angefangen mit dem ›Club Zoo‹, wo Sie mit … Casper hieß er, richtig? Wo Sie mit Ihrem Freund Casper waren.«

Sie wusste nicht, wie lange sie in dem Sarg gelegen hatte. Tatsache war, dass sie da drin durchgedreht war, und zwar völlig. Ihre Gedanken waren nach überall und nirgends geschossen. An Orte, wo sie schon mal gewesen war, und andere, von denen sie noch nicht mal gehört hatte. Sie kam auf Dinge, die vor Jahren oder auch nie passiert waren. Alles nur, um auszublenden, wo sie war, und den Schmerz auszusperren, der jeden Millimeter ihres Körpers erfüllte. Mit dem Klebeband über dem Mund konnte sie nicht mal schreien. Eine Weile lang hatte sie mit dem Kopf von unten an den Deckel geschlagen, aber das war natürlich hoffnungslos. Bis der Schmerz im Nacken und den Schultern zu groß wurde. Wenn ihre Gedanken nicht gerade wild unterwegs waren, in komisch schwebenden Momenten, in denen sie über Angst und Schrecken erhaben schien, konnte sie hören, wie sich die Schweine draußen um sie herumbewegten und alle auf einmal sprachen, als wäre es irgendein verfluchter Gesang oder so was. Und im Hintergrund spielte verrückte Musik. Nicht modern verrückt, sondern altmodisch. Wie etwas, das sie noch nie gehört hatte und hoffentlich auch nie wieder hören würde.

Und dann war Licht her eingeströmt und hatte sie geblendet, sodass sie die Augen zukneifen musste. Sie hatten sie herausgehoben, und sie konnte nicht stehen und war zusammengebrochen, und einer von denen hatte sie mit kaltem Wasser überschüttet und so wieder zu Sinnen gebracht. Sie waren wieder normal angezogen, und sie konnte sich das Gesicht von dem Neuen, Adrian, genau ansehen. Er sah nicht schlecht aus, hatte sie gedacht, obwohl es ihr völlig übergeschnappt vorkam, so was zu denken. Keiner von den vieren hatte wie ein Monster ausgesehen. Dann erinnerte sie sich daran, irgendwo gesehen zu haben, in einer Fernsehserie oder im Kino, dass es ein schlechtes Zeichen war, wenn man als Entführter seine Kidnapper sehen durfte. Nur wenn sie dich umbrachten, mussten sie sich keine Sorgen machen, dass du sie identifizieren konntest. Sie sah weg, als sie das gedacht hatte, und versuchte eine Weile ihren Gesichtern auszuweichen. Maria lehnte sich daraufhin über sie, Maria, die ihr an der Theke im »Zoo« so nett und freundlich vorgekommen war. Sie hielt ein scharf aussehendes Küchenmesser in der Hand. Die Klinge war groß und blitzte.

»Das war nur ein kleiner Vorgeschmack, Tracey. Auf das, was bösen Mädchen passiert, wenn sie nicht genau tun, was man ihnen sagt. Verstehst du?«

Tracey hatte genickt, oder es wenigstens versucht, ihre Augen hatten völlige Unterwerfung signalisiert. Sie waren jetzt irgendwo ganz anders, nicht mehr im selben Raum, und doch schien der Ort nicht nur in ihrer Vorstellung zu existieren, in der sie sich mit freien Händen sah, wie sie den Griff des Messers zu fassen bekam, das Miststück bei den Haaren packte und ihr tief durch die Kehle schnitt. Danach hatten sie ihr das Klebeband vom Mund gezogen, sie aber gewarnt, ruhig zu bleiben, nicht ein Wort zu sagen oder ein Geräusch zu machen, sonst … Sie war zusammengezuckt, als sie ihr das Klebeband herunterzogen, und das andere Dreckstück, Annabel, hatte sie dafür geschlagen, hatte ihr brutal ins Gesicht geschlagen.

»Und zu dem Zeitpunkt dann haben sie das erste Mal davon gesprochen, hinaus zum Crow Hill zu fahren?«, fragte die Polizistin.

»Da haben sie von einer Fahrt geredet«, korrigierte Tracey sie und nahm noch eine Zigarette von Carole Briggs. »Wohin, haben sie nicht gesagt. Nur, dass ich mich normal benehmen sollte auf dem Weg hinunter zu ihrem Auto. Falls uns jemand begegnete, sollte ich nicht irgendwas versuchen. Sie wären zu viert und ich alleine, sagte Brady. Sag absolut nichts, wenn du weißt, was gut für dich ist.«

»Und genau das haben Sie getan? Sie haben nicht versucht, Hilfe zu bekommen?«

»Wann denn, verdammt noch mal?«, sagte Tracey. »Von der Wohnung bis unten zum Wagen war keine Menschenseele zu sehen. Im Aufzug nicht und auch in der Tiefgarage nicht. Da hatten sie Glück, würde ich sagen.«

Tracey nahm schnell zwei Züge. Mit das Übelste war, dass sie niemals wissen würde, ob sie was versucht hätte, wenn die Situation danach gewesen wäre. Ob sie den nötigen Mut aufgebracht hätte oder nicht.

»Und Sie sahen keine Möglichkeit wegzulaufen?«

Nur die Frau schien hier Fragen zu stellen. Der Mann hockte wortlos neben ihr. Zu nichts nütze und völlig überflüssig.

»Gott, ich konnte ja kaum gehen, nachdem ich in der Kiste gelegen hatte. Dieser Brady ging voraus und sein Kumpel hinter mir. Ich war in der Mitte, mit Annabel und Maria links und rechts. Die beiden hielten mich aufrecht. Wenn uns einer gesehen hätte, hätte er mich sicher für völlig besoffen oder bekifft gehalten.«

»Und sie haben Ihnen die Handschellen die ganze Zeit nicht abgenommen?«

Endlich hatte der Mann auch eine Frage herausgebracht. Er klang walisisch oder so. Jedenfalls nicht wie einer aus der Gegend. Die Bullen wurden überallhin versetzt. Wenigstens hatte sie das gehört. Das machte es leichter, Distanz zu wahren, nahm sie an, und dich hopszunehmen, solange alles normal lief. Aber das tat es hier nicht. Ganz und gar nicht.

»Nein, nicht die ganze Zeit. Vorm Rausgehen oben haben sie mir die Dinger abgenommen und sie mir im Auto unten wieder angelegt. Sie nahmen wohl an, das würde weniger verdächtig wirken.«

Diesmal hatte Tracey hinten gesessen, mit dem großen Adrian auf der einen Seite neben sich und dem Miststück Annahel auf der anderen. Sie hatte versucht, mit ihnen zu reden, dachte, jetzt dürfte sie es, so eng im Auto eingeschlossen und von der Welt draußen getrennt. Sie wisse nicht, was sie gegen sie hätten, erklärte sie ihnen, sie habe ihnen doch nichts getan, sie kenne sie ja nicht mal. Aber wenn sie sie jetzt rausließen, sie einfach gehen ließen, dann würde sie nach Hause fahren und die ganze Sache vergessen. Niemandem würde sie ein Wort davon sagen, das schwöre sie ihnen. Brady hatte ihr daraufhin im Rückspiegel einen Blick zugeworfen und mit mehr oder weniger normaler Stimme gesagt: »Das hat mit dir nichts zu tun, Tracey. Es geht um uns. Und jetzt sei still, oder du kriegst wieder eine Lage Klebeband über deinen hübschen kleinen Mund.« Danach hatte sie nichts mehr gesagt, sondern sich nur zu merken versucht, wohin sie fuhren. Als sie den Crow Hill erreichten, war Brady nicht auf den Parkplatz gefahren, wahrscheinlich, weil sich vor allem an den Wochenenden zu viele Liebespaare dahin verirrten. Bestimmt stand da immer noch ein Dutzend Autos. Nach der Uhr im Armaturenbrett war es kurz nach vier Uhr morgens, wenn sie das Ding auch leicht hätten verstellen können, wie sie dachte, einfach, um sie zu desorientieren und zu verwirren. An einer ruhigen Stelle, die er zu kennen schien und nach der er offenbar Ausschau gehalten hatte, bog Brady von der Straße. Der Platz zwischen den Bäumen war gerade groß genug, um das Auto hindurchzuzwängen und es vor dem vorbeikommenden Verkehr zu verbergen. Tracey glaubte sich allerdings daran erinnern zu können, dass er beim Reinfahren mit der Seite an was langgeschrappt war. Diesmal hatte sie wegzulaufen versucht, kaum dass sie ausgestiegen waren. Aber ihre Beine waren immer noch wie aus Gummi, und Annabel und Maria konnten sie leicht wieder einfangen. Maria packte sie bei den Haaren, und Annabel haute ihr eine rein. Ungefähr da war Tracey auf die Videokamera aufmerksam geworden, die sie immer dabeizuhaben schienen. Sie wechselten sich damit ab, je nachdem, was gerade passierte und wer was machte. Als sie das bereits ausgehobene Grab erreichten, schien allerdings nur noch Adrian zu filmen, wobei er die Kamera genauso auf die anderen richtete wie auf sie.

»Und Sie denken, es war knapp einen Meter tief?«

Die Frau stellte jetzt wieder die Fragen.

Tracey hatte um eine zweite Tasse Tee gebeten, und sie hatten das Gespräch unterbrochen, bis Carole Briggs mit dem Gewünschten zurückkam. Sie brachte auch noch ein paar mehr Kekse mit, obwohl Tracey die anderen gar nicht angerührt hatte.

»Ich glaube schon. Es ging mir bis zur Hüfte, als ich mich reinstellen musste. Die Erde und so weiter lag daneben aufgehäuft.«

»Sie mussten also hineinsteigen und sich dann hinlegen?«

Tracey fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen strömte. Sie spürte Verlegenheit, Zorn, und da war auch die Angst wieder.

»Das war, nachdem Annabel und Maria mich ausgezogen hatten. Maria hielt mir ein Messer an die Kehle, und Annabel zog mich aus, nur bei den Ärmeln unten, da half sie mit dem Messer nach.«

»In diesem Moment waren Sie nicht geknebelt. Dachten Sie da nicht daran, um Hilfe zu rufen?«

Tracey sah sie an. Diese verdammte, selbstgefällige Zicke mit ihrem Bullengehalt. Die hatte doch noch nie so eine Angst gehabt.

»Natürlich habe ich dran gedacht. Aber wer hätte mich gehört? Und wer verdammt hätte da kommen sollen?«

»Beim Ausziehen, Tracey, ist ganz sicher nichts Sexuelles vorgefallen?«

»Nein. Nur, dass sie mich angestarrt und gefilmt haben. Annabel hat mir kurz die Titten getätschelt, aber Brady sagte, sie solle aufhören.«

»Und das tat sie auch?«

»Was immer Brady ihnen gesagt hat, haben sie getan. Als wäre er der verdammte Allmächtige oder so was.«

Sie hatte sich auf die kalte Erde legen müssen, und sie hatten ihr erneut die Füße gefesselt. Brady hatte einen Spaten genommen, der, wie sie annahm, bereits dort gewesen war, weil sie nicht gesehen hatte, dass sie ihn aus dem Auto mitgenommen hätten. Damit hatte er angefangen, Erde auf sie zu schaufeln.

»Das hält die Spinnen von dir fern, Tracey, wenigstens für eine Weile.« Da war sie wieder durchgedreht, hatte geweint und gewimmert und gebettelt, sie doch gehen zu lassen. Brady schien der Lärm jetzt nichts auszumachen, er schaufelte einfach immer weiter, während die beiden Frauen dabeistanden und zusahen. Adrian filmte. Brady ging systematisch vor und sparte allein ihren Kopf und ihr Gesicht aus, und am Ende war ihr gesamter Körper mit Erde bedeckt. Wie immer sie sich auch zu bewegen versuchte, die Erde lastete zu schwer auf ihr und hielt sie gefangen.

»Wer will schon einen Sarg«, sagte Brady, ohne jemanden direkt anzusprechen. »Soll die Natur doch ihren Lauf nehmen. Im direkten Kontakt mit Mutter Erde. Das ist die ehrliche Art. Fleisch und Dreck. Schmutz zu Schmutz.«

Er beugte sich zu ihr, kam ihr ganz nahe, und auch Adrian kam mit der Kamera an sie heran.

»Die Sache ist die, Tracey. Ich werde dir jetzt den Kopf zuschaufeln. Mit Erde und Würmern, so wie ich das sehe, und du wirst ersticken und sterben, fürchte ich. Also, mein hübsches Kind, gibt’s noch ein paar große letzte Worte für die Kamera?«

Tracey hatte ein letztes Mal aufbegehrt, hatte versucht, die Füße zu bewegen, den Rücken durchzudrücken, um irgendwie genug Kraft zu entwickeln. Aber nichts. Rein gar nichts. Sie hatte ihm direkt ins Gesicht geblickt, das scheußlich kalt im blassen Mondlicht schimmerte. Sie war jetzt absolut hoffnungslos, fühlte, was dieses Wort wirklich bedeutete.

»Meine Mum«, sagte sie leise, sie flüsterte fast. »Sag meiner Mum, dass ich sie liebe.«

7

Sie überließen Tracey Heald der Obhut von Carole Briggs, die sie nach Hause fahren und mit ihrer Mutter reden sollte. Tracey brauchte jemanden, der sich um sie kümmerte. Sie würden sehen, was sich arrangieren ließ. Naylor hatte Tracey ein Beruhigungsmittel angeboten, aber sie hatte es abgelehnt. Sie wolle nicht verdrängen, was ihr passiert sei, sagte sie. Sie werde sich dem stellen, damit umgehen lernen und kein gottverdammter Zombie werden. Eine tapfere Frau, dachte Emma. Oder vielleicht auch einfach nur unbesonnen.

Sie fuhren zur Hutfabrik, mit einem zivilen Astra, und parkten ein Stück die Straße hinunter auf der gegenüberliegenden Seite. Von dort konnte man in den Haupteingang hineinsehen und hatte Ein- und Ausfahrt der Tiefgarage im Blick. Sie warteten auf zwei Streifenwagen mit je zwei uniformierten Kollegen. Zur Rückendeckung. Darüber hinaus erwarteten sie einen Anruf aus dem Wachraum, der ihnen den Sicherheitscode des Notausgangs geben sollte, damit sie keinen der Hausbewohner aufscheuchen mussten.

DC Williams saß auf dem Beifahrersitz, fummelte an seinem Handy herum und wartete nervös darauf, dass es endlich klingelte.

»Da kommen die Kollegen«, sagte er, als er den ersten Streifenwagen im Seitenspiegel auftauchen sah.

Emma Smith ließ die Rücklichter aufleuchten und verfolgte, wie der Wagen langsam hinter sie rollte. Eine Minute verging, dann noch eine und noch eine. Niemand betrat das Gebäude oder verließ es. Endlich kam auch der zweite Streifenwagen, und im gleichen Augenblick klingelte Williams’ Handy. Er wiederholte den Code laut, sodass sie ihn sich beide merken konnten.

Zwei der Uniformierten blieben, wo sie waren: bereit, in die Geschehnisse einzugreifen, sollte es nötig werden. Die anderen beiden folgten Willliams und Smith zu der breiten steinernen Treppe, die ehedem, in viktorianischen Zeiten, ins Büro der Hutfabrik geführt hatte. Sie nahmen den Aufzug, statt zu laufen, und wunderten sich, wie eng es darin war, befanden sie sich doch in einem »Luxusobjekt«. Einer der uniformierten Kollegen war gut 1,90 Meter groß und musste gehörig den Kopf einziehen, um in die Kabine zu passen. Im obersten Stock schien es nur drei Wohnungen zu geben. Zweiunddreißig, dreiunddreißig und die, die sie interessierte: Nummer vierunddreißig. Der große Polizist sondierte zunächst das Terrain. Neben den Aufzügen und der Treppe, die im Brandfall auch als Fluchtweg diente, gab es keinen weiteren Weg nach unten. An der Tür war weder eine Klingel noch ein Klopfer. Die meisten Besucher erhielten wahrscheinlich über die Sprechanlage Zutritt, und das hier war ganz sicher kein Haus, wo man sich vom Nachbarn ein Ei oder etwas Zucker auslieh. Es gab einen Spion in der Tür, als zusätzliches Sicherheitselement, und Williams und die beiden Streifenbeamten hielten sich seitlich und ließen Emma allein im Blickfeld zurück. Eine Frau allein wirkte auf den ersten Blick weniger bedrohlich, weniger verdächtig und längst nicht so offiziell. Emma klopfte kräftig. Und gleich noch einmal. Und ein drittes Mal. Keine Antwort. Auch durch den Briefschlitz war nichts zu sehen, nur eine weitere geschlossene Tür. Emma versuchte es noch ein viertes Mal und rief dann in den Briefschlitz.

»Polizei, wir müssen Sie sprechen.«

Schweigen. Bis sich die Tür von Nummer zweiunddreißig hinter ihnen öffnete. Ein Mann in den Dreißigern mit einer Kaffeetasse in der Hand und einem schreiend bunten Sonntagsbademantel, der zwei Knie mit dürren Waden sehen ließ, erschien auf der Schwelle. DC Williams zeigte ihm seinen Ausweis, sagte, sie müssten mit den Nachbarn von Nummer vierunddreißig sprechen, und fragte, wann er sie zuletzt gesehen habe.

»Soweit ich weiß, ist da schon seit August niemand mehr. Der Mann war alleinstehend, Architekt. Er ist ins Ausland gegangen, arbeitet in Australien. Nicht schlecht, wenn Sie mich fragen. Ich glaube, er ist mit einem Büro in Sydney verbandelt.«

Williams wechselte einen Blick mit Emma Smith. Es war fast schon Oktober.

»Sind Sie da sicher? Mr … äh …«

Der Nachbar gab ihnen bereitwillig seine Personalien und wiederholte, dass die Wohnung seit fünf, sechs Wochen unbewohnt war. Der Mann, der nach Australien gegangen war, habe Marshall geheißen, denke er. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall habe der Name mit einem »M« angefangen.

»Und Sie haben während der ganzen Zeit nie jemanden kommen oder gehen gehört?«

Nein, das hatte der Nachbar nicht. Wobei er selbst nicht immer da gewesen war, und das Haus war besonders gut lärmgedämmt, was bei den Preisen zu erwarten sein sollte. Es sei auch durchaus möglich, nehme er an, dass jemand Neues eingezogen sei. In dem Fall habe er ihn oder sie einfach noch nicht gesehen.