Die Toten von Crowcross - Iain McDowall - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Toten von Crowcross E-Book

Iain McDowall

0,0
8,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Zwanzig Jahre saß Martin Grove unschuldig im Gefängnis. Als er endlich freikommt, zieht er zurück nach Crowby, um Claire Oldhams wahren Mörder zu finden. Kurz bevor er ihn überführt, wird er jedoch brutal ermordet. Nahe dem Tatort finden Jacobson und Kerr bald noch eine Tote, auf identische Weise umgebracht. Sie hat für eine Privatdetektei gearbeitet. Aber wie hängen die beiden Fälle zusammen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über Iain McDowall

Iain McDowall, in Kilmarnock, Schottland, geboren, war Universitätsdozent für Philosophie und Computerfachmann, ehe er als Autor von Kriminalromanen bekannt wurde. Heute lebt er in Worcester, England, wo sich auch die fiktive Stadt Crowby befindet, in der seine Kriminalromane allesamt spielen.

Informationen zum Buch

Zwanzig Jahre saß Martin Grove unschuldig im Gefängnis. Als er freikommt, zieht er zurück nach Crowby, um Claire Oldhams wahren Mörder zu finden. Kurz bevor er ihn überführt, wird er jedoch brutal ermordet. Nahe dem Tatort finden Jacobson und Kerr bald noch eine Tote, auf identische Weise umgebracht. Sie hat für eine Privatdetektei gearbeitet. Aber wie hängen die beiden Fälle zusammen?

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Iain McDowall

Die Toten von Crowcross

Kriminalroman

Deutsch vonWerner Löcher-Lawrence

Inhaltsübersicht

Über Iain McDowall

Informationen zum Buch

Newsletter

Dienstag

 1. Kapitel

 2. Kapitel

 3. Kapitel

 4. Kapitel

 5. Kapitel

 6. Kapitel

 7. Kapitel

 8. Kapitel

 9. Kapitel

 10. Kapitel

 11. Kapitel

 12. Kapitel

 13. Kapitel

 14. Kapitel

 15. Kapitel

 16. Kapitel

 17. Kapitel

Mittwoch

 18. Kapitel

 19. Kapitel

 20. Kapitel

 21. Kapitel

 22. Kapitel

 23. Kapitel

 24. Kapitel

 25. Kapitel

 26. Kapitel

 27. Kapitel

 28. Kapitel

 29. Kapitel

 30. Kapitel

 31. Kapitel

 32. Kapitel

 33. Kapitel

 34. Kapitel

 35. Kapitel

 36. Kapitel

Donnerstag

 37. Kapitel

 38. Kapitel

 39. Kapitel

 40. Kapitel

 41. Kapitel

 42. Kapitel

 43. Kapitel

 44. Kapitel

 45. Kapitel

Zeitlicher Ablauf

Impressum

Für meine Frau Rory

»The survivors will envy the dead«

CND-Spruchband, Hyde Park, London,

Samstag, 22. Oktober 1983

Dienstag

1

Auf den ersten Blick hatte die Leiche nichts Besonderes. Martin Grove war aus nächster Nähe mit einem Kopfschuss hingerichtet worden. Aus den beiden Löchern in seinem Schädel war Blut auf die italienischen Fliesen gelaufen, aber erst als Robinson, der Pathologe, ihn umdrehte und genauer anschaute, gab der tote Körper seine grausige Verstümmelung preis: Die halbe Zunge war aus dem Rachen geschnitten, vielleicht auch gerissen worden.

Zehn Minuten später fanden zwei Beamte der Spurensicherung das fehlende Stück in einer der Mülltonnen hinten auf dem Grundstück. Es war überraschend groß, immer noch blutig und steckte in einer ansonsten leeren orangefarbenen Plastiktüte von Sainsbury’s.

»Ist ihm die vorher oder hinterher …?«, fragte Jacobson.

Jacobson, Kerr und Robinson standen im Wohnzimmer. Der Mord hatte in der Küche stattgefunden, auf die die Spurensicherung ihre ersten Anstrengungen konzentrierte. Den Rest des Hauses würden sie sich später vornehmen, vom Keller bis zum Dach.

Robinson kratzte sich mit dem Stift an der Nase und schrieb etwas auf das Blatt Papier auf seinem Klemmbrett, bevor er antwortete.

»Das lässt sich im Moment unmöglich sagen, Frank. Vielleicht nach der Obduktion. Hoffen wir für ihn, dass es hinterher passiert ist.«

»Das gebe Gott, alter Knabe«, sagte Jacobson.

Damit hatte Robinson seine Inspektion des Tatorts beendet. Jacobson und Kerr folgten ihm durch die Diele hinaus in den Vorgarten. Es war ein Dienstagmorgen im Juni, und trotz der frühen Stunde war es schon ziemlich warm. Der Himmel war nahezu wolkenlos. Robinson beeilte sich, die Schutzkleidung loszuwerden; er streifte die Schuhhüllen ab und stieg aus dem Overall. Was sein Job vor Ort von ihm verlangte, hatte er erledigt. Das nächste Mal würde er die Leiche auf dem Seziertisch sehen. Er versprach, Jacobson zu benachrichtigen, sobald er einen Termin für die Obduktion hatte.

Mit einem gezwungenen Lächeln hob Jacobson dankend die Hand und sah ihm nach, als er zum Auto ging. Dass Robinson Aufgaben an Untergebene delegierte, war neu. Genau wie sein fahrbarer Untersatz. Er hatte seinen heruntergekommenen, sicher noch aus Studentenzeiten stammenden VW-Käfer gegen einen matt schimmernden Saab eingetauscht. Von dem eilfertigen, manchmal etwas unbeholfenen Verhalten eines frisch von der Uni gekommenen Mediziners war nicht mehr viel übrig; neuerdings trug Robinson Anzug und Krawatte und versuchte sich besonnen und kompetent zu geben. Nur sein leicht gebeugter Rücken schien der Runderneuerung widerstanden zu haben.

In der geteerten Einfahrt standen noch ein halbes Dutzend Streifenwagen und zivile Einsatzfahrzeuge. Gleich nach seiner Ankunft hatte Jacobson eine Mobile Incident Unit, kurz MIU, angefordert: zwei Container mit allem, was vor Ort wichtig war, von der Kaffeemaschine bis zum Computer. Allerdings würde es wegen Bauarbeiten auf der Straße hinaus nach Wynarth mindestens eine Stunde dauern, bis diese MIU kam, hatten sie im Wachraum geschätzt. Jacobson sah auf die Uhr. Er brauchte unbedingt einen Kaffee, selbst wenn es das übliche Automatengebräu war. Von einer Zigarette gar nicht zu reden. Aber sosehr er auch auf einen Kaffee hoffen durfte, mit dem Rauchen war es unwiderruflich vorbei. Zwei Monate hielten Alison und er jetzt schon ohne Zigaretten durch, und sie hatten sich geschworen, nicht wieder schwach zu werden. Alison benutzte Pflaster, aber Jacobson hasste die Dinger, er vertrug sie nicht. Ohnehin war er immer der Auffassung gewesen, sich das Rauchen abzugewöhnen sei eher ein psychologisches als ein körperliches Problem. Als einen mehr als dürftigen Ersatz steckte er sich deshalb den Daumennagel in den Mund und fuhr sich damit ein paar nutzlose Sekunden lang über die Zähne.

Für die Lage war es ein einfacher, trostlos moderner Bungalow. Im »Crowcross Arms«, dem örtlichen Pub, erzählte man sich, Grove sei mit Rucksack und in Wanderstiefeln, die Hose in derbe Socken gestopft, zu den unterschiedlichsten Zeiten entlang der Hecken über die Felder gewandert. Tag für Tag und immer allein, trotz der Frau, die nie einer zu sehen bekommen habe; sie wussten nur, dass es sie gab. All diese Informationen stammten von der örtlichen Polizistin Helen Dawson. Dawson teilte sich das Revier nördlich von Wynarth mit einem weiteren Streifenpolizisten. Beide hatten die Aufgabe gehabt, Groves Haus diskret im Auge zu behalten, wobei der Job auf ihrer Prioritätenliste wohl ziemlich weit unten gestanden hatte. Dawson erklärte jedoch, noch am Abend zuvor, gegen elf, am Haus vorbeigefahren zu sein. Das Außenlicht habe gebrannt, und auch das Wohnzimmerfenster sei erleuchtet gewesen. Alles habe normal ausgesehen.

Jacobson hatte sie noch nicht gründlicher befragt. Dafür war noch Zeit. Zunächst wollte er vor allem mit der Frau sprechen, die in dem cremefarbenen Pavillon saß, den Grove in einer schattigen Ecke errichtet hatte. PC Dawson war bei ihr und versuchte sie zu beruhigen. Das war kein leichter Job, hatte die Frau doch, wie sie behauptete, beim Nach-Hause-Kommen das Gehirn ihres Geliebten am Wäschetrockner herunterrinnen sehen. Die Frau war die Einzige mit einem Drink, einem Brandy. PC Dawson hatte immer eine Flasche im Kofferraum, was nicht unbedingt den Vorschriften entsprach, für sie aber zur Notfallausrüstung gehörte.

Jacobson erinnerte sich vom vergangenen Jahr noch an sie, da hatte er im Fall der Videobande mit ihr zu tun gehabt. Und die Erinnerung hatte nicht allein mit ihrem guten Aussehen zu tun: Helen Dawson hatte ihn mit ihren Fähigkeiten beeindruckt, ihrem Einfallsreichtum und ihrer praktischen Ader. Auf Jacobsons Aufforderung hin hatte Kerr ihr eben sein neues Handy zugesteckt, im Aufnahmemodus und auf Nichterreichbar geschaltet. Sollte die Frau in Anwesenheit von PC Dawson etwas Wissenswertes von sich geben, würde Kerrs Handy es ihnen später gesetzeswidrig und gegen alle Moral vorspielen. Genau wie jedes Stöhnen und jeden unterdrückten kleinen Schluchzer.

2

Jacobsons eigenes Handy klingelte, als sie quer über den Rasen in Richtung Pavillon gingen. Es war DC Mick Hume, der aus dem Präsidium anrief: Im CID sei ein Einsatzraum eingerichtet worden. Hume hatte Ray Williams und Emma Smith bei sich sowie eine Handvoll weiterer Detective Constables. Hume hatte bereits sämtliche in Crowby und der nationalen Datenbank der Polizei, der PNC, verfügbaren Daten über Martin Grove zusammengesucht und las sie Jacobson nun vor. Die Überraschung war die Frau, deren Namen er gleich mit überprüft hatte. Sie war offenbar nicht nur als Groves Freundin bekannt, sondern hatte sogar eine eigene Akte: ein paar kleinere Verurteilungen wegen Drogenhandels und Prostitution. Aber das lag einige Zeit zurück. Während der vergangenen drei Jahre war sie nicht mehr aufgefallen.

Jacobson nickte. Maureen Bright (wenigstens schien sie die zu sein, die zu sein sie vorgab), ledig, keine Kinder, zweiunddreißig Jahre alt. Seit drei Jahren nicht mehr auffällig: An diesem Punkt blieb Jacobson kurz hängen. So lange kannte sie Grove, wie sie Dawson erklärt hatte.

»Dann läuft bei Ihnen also alles?«, fragte Jacobson, als Hume mit seinem Bericht fertig war.

»So gut wie, Chef. Einer der Computer will noch nicht so richtig, aber die IT-Fritzen kümmern sich darum. Ansonsten steht alles in den Startlöchern.«

Hume fügte noch hinzu, er und DC Williams könnten zum Tatort kommen, sobald Jacobson sie brauche. Emma Smith habe sich freiwillig bereit erklärt, im Einsatzraum zu bleiben, bis das Computersystem voll funktionsfähig sei. Freiwillig?, dachte Jacobson, aber er sagte nichts dazu. Die Aufteilung gefiel ihm. Smith war die Tüchtigste von den dreien und würde den Job in der Zentrale am besten machen. Hume und Williams konnten derweil die erste Befragung in der Nachbarschaft in Angriff nehmen. Das Klinkenputzen bei den Nachbarn gehörte zur Routine, und Jacobson wollte, dass im Umkreis von zwei Meilen keine Tür ausgelassen wurde. Bis ins Dorf, nach Crowcross hinein, sollten alle Anwohner befragt werden.

»Okay«, sagte er, »aber lassen Sie Ray fahren.«

Hume gehörte zur alten Schule. Er war ein solider, verlässlicher Polizist, sein Fahrstil taugte allerdings eher für die Rallye Lissabon-Dakar als für die Landstraßen nördlich von Wynarth.

Maureen Bright schien kaum zu registrieren, dass Jacobson und Kerr Stühle heranzogen und sich zu ihr setzten. Helen Dawson füllte ihr den Starbucks-Pappbecher, den sie in ihrem Handschuhfach gefunden hatte, noch einmal mit Brandy auf.

»Kann ich zu ihm?«, fragte Groves Freundin Jacobson plötzlich mit abwesendem Blick. »Ich will ihn noch mal sehen.«

Den weiten blauen Jogginganzug hatte sie von der Spurensicherung bekommen. Sie hatte den Toten umarmt, ihn an sich gedrückt – so ihre Worte –, bevor sie sich eingestand, dass er tot war, und sie völlig außer sich bei der Polizei anrief. Ihre Kleider waren voller Blut gewesen und in einem Plastikbeutel zur spurentechnischen Untersuchung gegeben worden.

»Es tut mir Leid, Maureen«, antwortete Jacobson, »aber vorerst leider nicht. Später werden Sie aber noch ausreichend Gelegenheit haben, sich von ihm zu verabschieden.«

Immer den Vornamen benutzen, sagte er sich. Sobald es geht.

Sie biss sich auf die Lippe, trank einen Schluck Brandy und hustete.

»Maureen möchte keinen Arzt«, meldete sich PC Dawson zu Wort und lieferte Jacobson damit einen Anknüpfungspunkt, einen möglichen Zugang zu ihr.

»Sind Sie sicher, Maureen?«, fragte er. »Bei so einer Sache … Ich meine, es muss doch ein Schock für Sie gewesen sein. Vielleicht würde ein Beruhigungsmittel …«

Ihr Blick war leer, aber sie fiel ihm mit großer Entschiedenheit ins Wort.

»Beruhigungsmittel darf ich nicht nehmen, und das Zeugs hier sollte ich auch nicht trinken«, sagte sie und deutete auf den Brandy. In der Linken hielt sie eine Dunhill. Jacobson sah die Glut aufleuchten, als sie einen schnellen Zug machte, und sog neidisch die Luft ein.

Er ging die Hauptpunkte dessen durch, was sie Dawson bereits erzählt hatte. Dawson war als Erste am Tatort gewesen. Er sagte, sobald sie sich dazu in der Lage fühle, brauche er eine offizielle Aussage. Sie habe angegeben, kurz vor sieben nach Hause gekommen zu sein. Zunächst sei ihr nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Wie immer habe sie die Tür aufgeschlossen. Als sie Grove auf dem Küchenfußboden entdeckt habe, sei sie in Panik geraten. Sie habe erklärt, nicht sagen zu können, wie lange sie ihn gehalten habe, ihr Verstand habe ausgesetzt, doch irgendwann habe sie dann die Notfallnummer angerufen.

»Ich weiß, dass Sie eine Aussage brauchen. Ich bin nicht von gestern«, sagte sie. »Wobei es ja ganz so klingt, als wüssten Sie bereits alles. Warum schreiben Sie’s nicht so auf, wie Sie’s gern hätten, und lassen mich unterschreiben?«

Sie weiß auszuteilen, dachte Jacobson. Sie will klarmachen, dass sie nicht alles mit sich machen lässt, bloß weil sie im Moment sehr aufgewühlt ist.

»Tut mir Leid, Maureen«, sagte er, »aber so geht es nicht. Wenigstens bei mir nicht.«

Sie sah ihn verächtlich, aber auch ungläubig an.

Das mit dem Vornamen ist schon mal etabliert, dachte er und holte sein Notizbuch hervor. Es war noch viel zu früh, als dass etwas darin gestanden hätte, aber sie sollte den Eindruck haben, er lese darin.

»Sie sagen, Sie waren die Nacht über nicht hier? Sie haben eine Freundin in Crowby besucht? Eine Jane Ebdon?«

Ihr Blick war wieder völlig leer. Sie starrte ihren Pappbecher an. Sie hatte Dawson erzählt, ihrer Freundin »gehe es nicht so gut«, sie habe »seit einiger Zeit ein paar Probleme« und sie habe »für sie da sein« wollen.

Noch ein Schluck Brandy. Dann: »Das war nicht die erste Nacht, die ich bei Jane verbracht habe. Sie hat es im Moment nicht leicht.«

»Inwiefern?«

»Tut das was zur Sache? Marty ist tot, und Sie fragen mich nach Jane, die ihn noch nicht mal gekannt hat.«

Er sah zu, wie sie an ihrer Zigarette zog.

»Wir müssen Ihre Angaben überprüfen, Maureen. Genau, wie wir uns die Kleider ansehen müssen, die Sie getragen haben, damit wir Sie …«

»… als Verdächtige ausschließen können. Ja, ja. Das ist mir nicht neu.«

Jacobson antwortete nicht, sondern wartete nur.

»Sie hat Brustkrebs, okay?«, sagte sie endlich. »Deshalb bin ich öfter bei ihr. Tue, was ich kann; das heißt, ich sitze bei ihr und höre ihr zu.«

»Sie waren aber schon früh wieder hier.«

»Ich kann schließlich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein, oder? Marty braucht mich auch. Er mag es, wenn ich morgens da bin und er nicht allein aufwachen muss. Er sagt immer …«

Die falsche Zeitform blieb ihr im Halse stecken, und sie verstummte. Sie stellte den Becher zur Seite und schlang sich die Arme um den Körper, als wäre es plötzlich arktisch kalt geworden. Jacobson beschloss, sie vorerst in Ruhe zu lassen. Irgendwann würde sie ihm berichten müssen, was sie über die Geschehnisse dieses Morgens und über Martin Grove wusste. Aber Trauer ließ sich nicht einfach so zur Seite schieben. Im Stillen hatte er Maureen Bright bereits aus dem Kreis der Verdächtigen ausgeschlossen, weil sie wahrscheinlich die Letzte auf der Welt war, die Grove hatte tot sehen wollen, der sie zu sich geholt und aus ihrem verfahrenen Leben befreit hatte. Dennoch bestand er auf einer genauen spurentechnischen Untersuchung ihrer Kleider und hatte bereits ein halbes Dutzend uniformierte Kollegen losgeschickt, das Grundstück nach der Tatwaffe zu durchsuchen. Wahrscheinlich würde nichts dabei herauskommen, aber in diesem Fall waren schon zu viele Fehler gemacht worden. Schlimme Fehler. Jacobson war fest entschlossen, der langen, unerquicklichen Geschichte, die Martin Grove mit der englischen Polizei und Gerichtsbarkeit verband, nicht noch ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Er wollte alles, wirklich alles unter die Lupe nehmen und nichts dem Zufall überlassen. Maureen Brights gründliche Befragung würde allerdings noch etwas warten müssen. Im Übrigen sah er in diesem Moment Jim Webster, den Chef der Spurensicherung, in den Vorgarten treten, was sicher bedeutete, dass sie endlich einen ersten Gang durchs Haus machen konnten.

Seine Leute würden noch Stunden brauchen, erklärte Webster, bis alles aufgenommen sei und Jacobson und Kerr ihre eigene Durchsuchung vornehmen könnten. Allerdings sollten sie sich eines jetzt schon ansehen: den Raum, den Grove offenbar als Arbeitszimmer genutzt habe.

Er war so klein, dass sie sich zu dritt darin kaum rühren konnten. Drei der vier Wände waren bis zur Decke mit Bücherregalen vollgestellt, die regelrecht überzuquellen drohten. Gleich neben der Tür waren Bücher aufgereiht, die Groves täglichem Gebrauch gedient zu haben schienen: Reiseführer, Bände über östliche Religionen, Krimis, ein paar zerlesene Dostojewkskis und verschiedene europäische Klassiker. Die übrigen Regalmeter legten Zeugnis ab von der Aufgabe, der Grove sich offenbar verschrieben hatte: Neben soziologischen und kriminologischen Werken standen Gesetzestexte und Darstellungen der klassischen britischen Justizirrtümer, von den Birmingham Six und den Guildford Four über Stephen Downing und Winston Silcott bis hin zu kleineren, weniger bekannten Fällen. Neben dem Arbeitstisch standen zwei große graue Aktenschränke, in die Webster sie überraschenderweise ebenfalls einen Blick werfen ließ. Briefe und juristische Dokumente zu Groves Fall machten, grob geschätzt, etwa zwei Drittel des chronologisch geordneten, sauber abgelegten Inhalts aus. Das restliche Drittel bestand aus Zeitungsausschnitten mit Artikeln zu Groves Verhaftung, seinem Prozess und den sich endlos dahinschleppenden Revisionen.

Als Schreibtisch hatte Grove ein Walnusstisch im georgianischen Stil gedient. Soweit sie es bisher hatten sehen können, passte er wunderbar zur übrigen Einrichtung. Es war noch gar nicht so lange her, dass Jacobson wieder angefangen hatte, auf diese Dinge, die er in den Jahren vor Alison völlig vernachlässigt hatte, zu achten. Sicher, der moderne Chefsessel mit dem tiefschwarzen Lederpolster stand in ziemlichem Kontrast zu dem Tisch, aber dafür entsprach er gewiss den neuesten orthopädischen Erkenntnissen. Hier hatten offenbar Gesundheit und richtige Haltung gegen alle stilistischen Erwägungen obsiegt.

Stuhl und Tisch waren vor einem Fenster gruppiert, aus dem man auf den Rasen hinter dem Haus und einen gepflegten Gemüsegarten blickte. Auf dem Tisch standen ein paar gerahmte Fotos, unter anderem eines von Maureen Bright und eines von einer mürrisch dreinschauenden, grauhaarigen älteren Frau. Jacobson nahm an, dass es sich dabei um Groves Mutter handelte, Evelyn, die am Tag nach Groves dritter erfolgloser Berufung vor dem Obersten Gerichtshof einem Herzinfarkt erlegen war.

»Okay, Jim«, sagte Kerr, »aber was ist an diesem Raum nun so besonders? Ich meine, warum zeigen Sie uns sein Arbeitszimmer?«

Sie trugen immer noch ihre Schutzanzüge und hatten die Kapuzen auf, allerdings kamen sie hier, weit entfernt vom Tatort Küche, ohne Gesichts- und Mundschutz aus.

Webster wollte gerade zu einer herablassenden Antwort ansetzen, doch Jacobson kam ihm zuvor. Er legte Kerr eine Hand auf die Schulter, deutete auf den Tisch und zählte auf, was dort zu sehen war.

»Ein Bild von seiner Mutter und eins von seiner Freundin, ein meditierender Buddha, eine Schreibtischlampe, ein Epson-Drucker, ein paar unverbundene Kabelanschlüsse …«

Kerrs Gesicht zeigte einen Anflug von Röte. »Mein Gott, ja. Ich verstehe.«

»Ich nehme an, in den anderen Zimmern haben Sie bereits nachgeschaut, Jim?«, fragte Jacobson.

»Nicht besonders gründlich, das noch nicht … aber ja, danach gesucht haben wir natürlich«, antwortete Webster.

»Und keine Spur?«, fragte Kerr, darauf bedacht, seine Scharte auszuwetzen.

Webster schüttelte den Kopf.

Jacobson gähnte, bevor er das Szenario zusammenfasste.

»Schießt ihm eine Kugel in den Kopf. Nimmt seinen Laptop, seinen PC oder was auch immer mit, und nur für den Fall, dass die Botschaft damit noch nicht deutlich genug ist, schneidet er dem armen Teufel auch noch die Zunge aus dem Mund.«

3

Martin Grove.doc

Wo fange ich an? An dem Tag, an dem der Richter erklärte, ich sei schlecht und niederträchtig, eine ernste Bedrohung für die Gesellschaft? Oder an dem Abend, an dem ich den Druck nicht mehr aushielt, mein »Geständnis« unterschrieb und mein Leben aufgab, nur damit sie mich endlich in Ruhe ließen?

Oder früher, viel früher? Meine früheste Erinnerung ist, komischerweise, eine an meinen Vater. Er wäscht mir mit einem Schwamm das Gesicht und sagt, dass ich ein guter Junge bin. Komischerweise, weil ich nur ganz wenige Erinnerungen an ihn habe. Er war nicht mehr da, als ich heranwuchs; war nicht mehr da, um mich zur Rede zu stellen, wenn ich die Schule schwänzte oder sonst was anstellte; sagte nicht, gut gemacht, wenn mir etwas gelungen war, oder lobte mich, als ich den kleinen Jungen vorm Ertrinken gerettet hatte.

Nein, Moment mal, das alles, meine ganze traumatische Kindheit, sollte später kommen, richtig? Das wollen Sie nicht als Erstes hören, nicht wahr? Keiner will heute mehr eine von A bis Z erzählte Geschichte hören. Alles wird zerstückelt, mit Rückblenden und schnellen Zeitsprüngen versetzt, »remixed«. Alles muss komplizierter aussehen, als es tatsächlich ist. Und ich will, dass Sie meine Geschichte ernst nehmen. O ja, das will ich.

Bleiben wir trotzdem bei meinem Dad. Meinem Dad, der nie auch nur einen Finger gerührt hat, um mir zu helfen. Meinem Dad, der sich während meines gesamten Prozesses ein einziges Mal hat blicken lassen, am letzten Tag, zur Urteilsverkündung. Mit versteinertem Gesicht saß er auf der Zuschauergalerie. In der ersten Reihe. Gleich danach hat er mich auch im Gefängnis besucht. Ebenfalls ein einziges Mal. Als er noch in Winson Green war und auf seine Einteilung wartete. Ich kann nicht verstehen, warum sie Abschaum wie dich nicht mehr aufhängen. Wenn sie mich nur ließen, ich würde es eigenhändig tun. Dich aufknüpfen und baumeln lassen. Du bist nicht mehr mein Sohn, verstanden? Du bist nicht mal mehr ein Mensch, nur ein Stück Dreck. Es kam aus ihm heraus wie auswendig gelernt, und dann stand er auf und ging. Ich habe ihn nie wiedergesehen, nie wieder etwas von ihm gehört. Er starb, als ich zehn Jahre abgesessen hatte. An einem Herzinfarkt, genau wie später Mum. Ich durfte zu seiner Beerdigung. Er war mir egal, aber ich wollte den Tag draußen haben. Großer Gott, ja, ich wollte den einen Tag draußen an der frischen Luft, unter freiem Himmel. Ich wollte die großen, Schatten spendenden Linden auf dem Kirchhof sehen. Normalität erfahren: Autos, Läden, Passanten.

Aber vielleicht wollen Sie das alles gar nicht hören. Wer ich bin und woher ich komme. Sicher interessiert Sie nur eins. Vielleicht denken Sie, wo Rauch ist, muss auch Feuer sein. Wenn Martin Grove es nicht getan hat, wer dann? Wer hat diese hübsche, intelligente junge Frau ermordet? Aber darauf komme ich noch. Ja, darauf komme ich noch, Sie kriegen was für Ihr Geld. Keine Sorge. Nur kann ich damit nicht anfangen. Mit dem Mord und damit, wie es wirklich war. Dann begreifen Sie die Geschichte nicht. Sie sollen sie aber verstehen. Und dafür müssen Sie sie erst einmal kennenlernen. Claire und die anderen. Sie müssen erfahren, wie ich mit ihr zusammengekommen bin. Wie ich da hineingeraten bin. Und alles verloren habe. Absolut alles.

Damals war ich natürlich noch ein anderer. »Ungebildet.« Gefängnis hat man mir zu meiner Bildung verholfen, wenn auch nur widerwillig und voller Groll. Meinen Abschluss, die Fähigkeit, mich auszudrücken – damals besaß ich sie noch nicht. Damals habe ich kaum etwas anderes gelesen als die ›Sun‹, konnte meinen Namen schreiben und ein paar Zahlen zusammenrechnen. Vielleicht auch noch auf ein Pferd wetten oder einen Totoschein ausfüllen. Mein Leben ging zu Ende, als ich neunzehn war. Bevor es überhaupt angefangen hatte. Das ist so lange her, da gab’s hier in England noch kein Lotto, und es gab keine Handys, kein Internet und keine DNA-Analyse. Keine Mitschnitte von Polizeiverhören. Ja, es ist durchaus möglich, dass es Sie, mein Freund, damals auch noch nicht gab.

4

Jacobson beschloss, nicht auf die MIU zu warten. Bis die Spurensicherung mit ihrer Arbeit durch war, konnte er hier draußen nicht viel tun. Doch bevor sie sich verabschiedeten, nahm er noch kurz Helen Dawson beiseite und bat sie, Jane Ebdons Adresse, Telefonnummer und so weiter von Maureen Bright zu erfragen und möglichst schnell an den Einsatzraum weiterzugeben. Helen Dawson nickte und steckte ihm unauffällig Kerrs Handy in die Jackentasche.

Auf dem Weg zurück in die Stadt gelang es Jacobson, die Aufnahme auf Kerrs Handy abzuspielen. Das Ergebnis: nichts – beziehungsweise nichts, das etwas am bestehenden Bild geändert hätte. Zu hören waren hauptsächlich Maureen Brights Schluchzer und dazwischen immer wieder die Worte: Er war ein guter Mensch, die Leute begreifen das nicht. Er war ein guter Mensch.

Jacobsons eigenes Handy blieb stumm. Es gab nichts Neues. Er bat Kerr, an der Texaco-Tankstelle kurz vor Crowby zu halten, weil er sich erinnerte, dass es da einen ganz passablen Kaffeeautomaten gab. Die Tankstelle lag nicht weit von dem heruntergekommenen Haus der »patriotischen« Stuart-Brüder entfernt, das immer noch zum Verkauf stand. Jacobson lehnte sich gegen die blaue Haube von Kerrs Auto und trank begierig seinen extragroßen doppelten Espresso. John und Phil Stuart saßen zusammen mit ihrem selbst ernannten »Führer« Rick Cole jeweils zweimal lebenslänglich wegen Mordes aus Rassenhass ab, brauchten also eine ganze Weile weder ihr Haus noch sonst eine private Unterkunft. Zwei bis drei Jahrzehnte lang. Nach der Bibel waren ihre Sünden mit dem Tod zu bezahlen, doch bevor Gott sein Urteil fällte, hatten zunächst die Gerichte eine Rechnung aufgemacht. Die Stuarts waren jung hinter Gittern gelandet und würden erst freikommen, wenn sie alt waren. Und im Unterschied zu Grove waren sie so schuldig, wie man nur schuldig sein konnte.

»Der arme Martin Grove, was, Ian?«, sagte er.

Kerr nickte ihm über die Haube hinweg zu.

»Das würde ich auch sagen. Er war neunzehn oder so, als sie ihn für den Mord an Claire Oldham eingesperrt haben, und die nächsten neunzehn Jahre hat er gesessen, richtig?«

»Bis er endgültig freigesprochen wurde, sind zwanzig Jahre vergangen.«

Kerr nippte an seinem Kaffee und legte die Stirn in Falten.

»Was für ein Leben …«

»Und dann so ein Tod.«

Als er den letzten Schluck Kaffee getrunken hatte, warf Jacobson den Becher in den Müll und stieg wieder ein. Vor Kurzem erst hatte Kerr den alten Peugeot verkauft und zu Honda gewechselt, wie viele andere in den Midlands, seit die Franzosen ihr örtliches Werk geschlossen und die Leute in die Arbeitslosigkeit entlassen hatten.

Jacobson rief Emma Smith im Einsatzraum an. Sobald im Präsidium alles rund laufe, erklärte er ihr, solle sie Jane Ebdon befragen, ob sie Maureen Brights Geschichte über die vergangene Nacht bestätigen könne. DC Smith klang erleichtert. Brian Phelps, Leiter des Einsatzraums, musste jeden Moment eintreffen. Er arbeitete sehr effizient und kannte sich mit allen gängigen Abläufen bestens aus. Allerdings hatte er eine etwas übereifrige Art, die den Kollegen leicht auf die Nerven ging. Phelps hatte nur mit seinen Computern, Kopierern und Büroklammern zu tun, während sich die DCs vor Ort mit der oft chaotischen Wirklichkeit herumschlagen mussten, ohne vorhersehen zu können, was als Nächstes passierte.

Die Kaffeepause und den Stau an der Baustelle eingerechnet, brauchte Kerr vierzig Minuten bis zum Parkplatz vor dem Präsidium.

»Was jetzt?«, fragte er und stellte den Motor ab.

In die nächsten Maßnahmen waren sie nicht direkt involviert. Jim Websters Leute würden Groves Haus und Grundstück unter die Lupe nehmen, die uniformierten Kollegen die Suche nach der Tatwaffe auf die nähere Umgebung seines Besitzes ausdehnen und die Verkehrspolizisten unter den frühmorgendlichen Fahrern herumfragen, ob jemand etwas Ungewöhnliches gesehen hatte. Hume und Williams organisierten die Anwohnerbefragung in Crowcross und würden alles möglicherweise relevante Videoüberwachungsmaterial an den Einsatzraum weiterleiten.

»Wenn wir Glück haben, ist Grove nur mit einem seiner Nachbarn aneinandergeraten«, sagte Jacobson. »Vergessen wir nicht, dass da draußen auf dem Land reichlich Waffen in den Schränken liegen. Vielleicht ergibt sich ja bei den Befragungen etwas.«

»Und wenn nicht?«

»Dann wird es komplizierter, aber auch interessanter. Zwei Dinge: Zum einen sollten Sie mit den Gefängnisleuten sprechen«, sagte Jacobson. »Wir müssen über alle Gefängnisse Bescheid wissen, in denen Grove gesessen hat, mit wem er die Zelle geteilt hat, wer noch drin ist, wer draußen, und so weiter.«

»Denken Sie, der Mord hat mit Groves Haftzeit zu tun?«

»Grove hatte einen Feind, oder gleich mehrere, das scheint ziemlich eindeutig, und er hat den Großteil seines Erwachsenenlebens hinter Gittern verbracht. Wenn es also eine Sache war, die nicht hier in der Gegend entstanden ist, woher könnte sie dann rühren? Seine Gefängniszeit ist auf jeden Fall wichtig für uns.«

»Und das Zweite?«

»Darum werde ich mich kümmern. Das Berufungsgericht hat am Ende festgestellt, dass Grove unschuldig war, nachdem er per DNA-Analyse als Täter ausgeschlossen werden konnte. Aber irgendjemand muss die Tat begangen haben. Jemand, der geglaubt hat, er würde nie dafür belangt.«

»Sie meinen, Grove könnte den wirklichen Mörder ausfindig gemacht haben?«

Jacobson hievte sich vom Beifahrersitz. Kühler würde es an diesem Tag nicht mehr werden, vielmehr würde die Sonne bis Mittag noch ein ganzes Stück höher steigen.

»Zumindest hat er nach der erfolgreichen Berufung angekündigt, dass er es versuchen wollte, erinnern Sie sich? Das stand auf allen Titelseiten: ›Wenn die Polizei es nicht tut, werde ich es tun‹, und so weiter.«

»Hat er da nicht einfach ein paar große Töne gespuckt?«

»Vielleicht schon. Aber es bleibt eine Möglichkeit, die wir nicht a priori ausschließen können. Sie haben sein Arbeitszimmer gesehen, diese zwanghaft gründliche Archivierung aller Dinge, die seinen Fall betrafen. Ich werde jedenfalls Alan Slingsby einen Besuch abstatten.«

»Alan Slingsby?«

»Er hat bis zum Ende zu Grove gehalten, vergessen Sie das nicht. Wenn einer weiß, was Grove zuletzt getrieben hat, dann Slingsby.«

Kerr schlug die Tür zu und drückte das Verriegelungssymbol auf dem Zündschlüssel.

»Ich glaube, da liegen Sie falsch, Frank. Slingsby ist ein arroganter, selbstgefälliger Schnösel. Der wird Ihnen bestimmt nicht helfen.«

»Das hört man immer wieder. Trotzdem werde ich es versuchen«, erwiderte Jacobson, öffnete den obersten Hemdknopf und lockerte die Krawatte.

Er brauchte noch einen Kaffee – und versuchte ganz nebenbei den Gedanken zu verdrängen, wie gut an diesem warmen, sonnigen Morgen eine Zigarette schmecken würde.

5

Jacobson durchquerte die Fußgängerzone in Richtung Silver Street, wo Slingsby & Ass. in einem denkmalgeschützten Gebäude residierten, das von den Planungsvandalen des vergangenen Jahrhunderts auf wundersame Weise verschont geblieben war. Das spätviktorianische, aus den typischen roten Ziegeln der Midlands errichtete Gebäude war über drei Generationen Sitz einer Anwaltskanzlei gewesen, bis der letzte Vertreter der Familie im Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen war. Danach hatte sich dort zunächst eine Arztpraxis etabliert, auf die ein Versicherungsbüro und ein Immobilienmakler gefolgt waren. Alan Slingsby schließlich hatte Gefallen an der Vorstellung gefunden, das schöne alte Gebäude wieder seiner ursprünglichen Bestimmung und Funktion zuzuführen. Äußerlich war das Haus sorgfältig restauriert worden, das Innere jedoch hatte Slingsby vollständig entkernen lassen, um eine harmonische Verbindung von alter Solidität und heller, moderner Alltagstauglichkeit zu erzielen. Slingsby & Ass. waren über die Jahre gewachsen, mittlerweile gab es sechs zusätzliche Büros in der Region, aber Crowby bildete nach wie vor das Zentrum der Aktivitäten.

Sie waren beide noch jung gewesen, als sie zum ersten Mal die Schwerter kreuzten. Slingsby, der radikale Agitator, frisch von der Universität, wollte den kapitalistischen Staat mit seinen eigenen Waffen schlagen und so den längst überfälligen Niedergang beschleunigen. Jacobson, noch feucht hinter den Ohren, war der jüngste Beamte im CID und Lichtjahre davon entfernt, überhaupt über die Polizeiarbeit nachzudenken, geschweige denn kritisch. Im Laufe der Jahre hatten sie sich beide verändert. Slingsbys Kanzlei (das Experiment mit dem »Radikalen Rechtskollektiv Crowby« hatte nicht allzu lange Bestand gehabt) war aufgeblüht, genährt von einer profitablen Mischung aus endlosen Alltagsfällen und komplizierten Mandaten bei den spektakulärsten Prozessen der Gegend. »Ich will jemanden von Slingsby«, war im Polizeigewahrsam von Crowby bis Coventry, über Birmingham und Derby und wieder zurück täglich zu hören. Da verwunderte es wenig, dass die eher mittelmäßigen Beamten, ob vom CID oder der uniformierten Truppe, Alan Slingsby und seine Geschäfte aus tiefstem Herzen verabscheuten. Sie hassten es, wenn seine Anwälte sie vor Gericht schlecht dastehen ließen (was nicht selten vorkam), weil sie wieder einmal ihre Notizen nicht fanden oder eine Schlafmütze der anderen widersprach. Ihnen war zuwider, dass seine Mandanten stets auf »nicht schuldig« plädierten und, wenn eben möglich, ein Geschworenengericht wollten. Und Vorurteile hatten nun mal die unangenehme Angewohnheit, um sich zu greifen, sodass selbst kompetente Leute wie DS Kerr in Slingsby mittlerweile den Satan persönlich und den Hauptfeind des CID sahen. Jacobson dagegen, der die Dinge wie immer gern etwas anders betrachtete, mochte ihn.

Wahrscheinlich würden sie sich oben im vierten Stock, in Slingsbys Büro, unterhalten. Von dem großen Erkerfenster aus konnte man das Gerichtsgebäude sehen, das gleich ums Eck am Clarence Square lag. Jacobson zog den Fahrstuhl dem großzügigen marmornen, viktorianisch anmutenden Treppenhaus, das die Entkernung überlebt zu haben schien, vor. Er hatte der ungezwungen zuvorkommenden Empfangsdame nicht gesagt, warum er Slingsby zu sprechen wünsche, wusste er doch, dass Slingsby nicht annehmen würde, er wolle ihm einen Höflichkeitsbesuch abstatten; es war klar, dass es einen triftigen Grund geben musste. So hatte die Empfangsdame auch nur gesagt, »Alan« freue sich, ihn zu begrüßen; allerdings müsse er noch zu einer Konferenz nach Wolverhampton und sei auf den Zug um zehn Uhr fünfunddreißig gebucht.

Er ließ Slingsby die Sekretärin um Kaffee bitten und wartete, bis sie in den bequemen Sesseln Platz genommen hatten; erst dann rückte er mit der schlechten Nachricht heraus. Slingsby hatte ein Gesicht, das sich am besten als professionell ausdruckslos beschreiben ließ und von dem Gedanken oder Gefühle abzulesen äußerst schwierig war – normalerweise, aber heute war es anders. Jacobson sah, wie so gut wie alle Farbe aus ihm wich.

»Sind Sie sicher, Frank?«, sagte Slingsby nach einer langen Pause leise.

Keine ernsthafte Frage. Er hatte nur etwas sagen, seinen Verstand wieder in Gang setzen wollen. Jetzt stand er auf, holte einen zwölf Jahre alten Glenmorangie aus dem Mahagonischrank seitlich vom Schreibtisch, schüttete sich einen großzügigen Schluck ein und winkte mit der Flasche zu Jacobson hin.

»Nein, danke«, sagte Jacobson. »Mir reicht eine Tasse Kaffee.«

Slingsby trank, schenkte sich noch einmal kräftig nach und setzte sich wieder. Jacobson hatte ihm nur das Wichtigste gesagt: dass Grove mit einem Kopfschuss getötet und von seiner Freundin gefunden worden war. Es war noch zu früh, entschied er, um Slingsby mit den eher unappetitlichen Einzelheiten des Mordes zu belasten.

»Sie haben nicht zufällig eine Zigarette? Ich rauche zwar nicht mehr, aber …«

Jacobson sagte nein, er rauche auch nicht mehr, seit ein paar Monaten schon.

»Schade. Diese verfluchten Gesundheitsapostel, am Ende kriegen sie uns alle, einen nach dem anderen.« Slingsby rang sichtlich um Fassung.

»Sie sind also in Verbindung geblieben?«, fragte Jacobson.

In der Ecke tickte eine alte Standuhr vor sich hin. Mit römischem Zifferblatt. Der Name des Herstellers war auf einem Schild unten am Sockel zu lesen: Knight and Gibbins, London. Es war eine Minute vor zehn.

Slingsby nahm einen weiteren Schluck, bevor er antwortete.

»Ja, das sind wir. Gewissermaßen. Aber Martin war kein normaler Mandant.«

»Gewissermaßen?«

»Er war ein ungewöhnlicher Mensch. Es war nicht leicht, mit ihm zu reden, und er war auch keine einfache Gesellschaft. Intensiv, Frank, immer sehr intensiv.«

Slingsbys Sekretärin brachte eine Kanne frischen Kaffee herein und bot ihnen eine Tasse an. Slingsby schüttelte den Kopf, aber Jacobson sagte: »Ja, bitte«, und nahm auch einen Spritzer Sahne. Er wartete, bis die Sekretärin wieder gegangen war.

»Wie oft haben Sie sich …?«

»Das kann ich so nicht sagen, aber in meinem Terminkalender könnte ich es nachsehen. Vielleicht sechs, sieben Mal, seit er entlassen wurde. Wobei ich die Zeit unmittelbar nach der Entlassung nicht mitzähle.«

»Als er bei Ihnen wohnte, meinen Sie?« Plötzlich erinnerte Jacobson sich wieder daran.

Slingsby nickte. »Nachdem seine Mutter gestorben war, hatte er draußen niemanden. Nur diese Irre, die ihn heiraten wollte.«

»Und? Haben sie?«

Stück für Stück kam Jacobson die Martin-Grove-Geschichte wieder in Erinnerung, wenn auch nicht mit jeder Einzelheit und auch nicht exakt dem tatsächlichen Geschehen entsprechend.

»Nein, sie haben nicht geheiratet. Martin hatte genug gesunden Menschenverstand, das irgendwann zu beenden. Jedenfalls hat er den ersten Monat bei uns gewohnt. Jill, meine Partnerin, hielt es am Ende aber nicht mehr aus und hat mit der Faust auf den Tisch gehauen. Wir waren von Paparazzi und Presse umzingelt, die sind uns mit Teleobjektiven, Infrarotkameras und was es sonst noch gibt zu Leibe gerückt. Nicht mal zu Waitrose haben sie uns noch unbeobachtet gelassen. Wobei Martin auch nicht unbedingt eine Hilfe war. Er fuhr mit dem Taxi nach Crowby hinein, zog von Theke zu Theke und kam sturzbetrunken zurück.«

Slingsby hob sein Glas an die Lippen, trank aber nicht. »Das war eine Phase, da musste er durch. Auf jeden Fall waren wir ziemlich erleichtert, als er ein möbliertes Zimmer fand. Das war natürlich noch, bevor die Frage der Entschädigung geklärt war, mit der er sich ein eigenes Haus kaufen konnte.«

Die Antwort auf seine nächste Frage kannte Jacobson bereits, oder glaubte es wenigstens.

»Sie haben Ihren Job gemacht, Alan. Haben zu ihm gehalten, bis er am Ende freikam. Warum sich da schuldig fühlen? Warum sich infrage stellen? Ich meine, er kann doch nicht der einzige Mandant gewesen sein, der für etwas verurteilt wurde, das er nicht getan hat.«

Slingsby lächelte gezwungen.

»Die Gefängnisse sind voll mit unschuldigen armen Teufeln, Frank. Das wissen Sie so gut wie ich, und ich habe meinen Anteil daran, indem ich es nicht immer verhindern kann. So ist das nun mal in dem Job. Aber mit Martin … das war das erste Mal, bei dem ich gescheitert bin. Und Sie kennen meinen Hintergrund, Sie wissen, woher ich komme. In den ersten Jahren habe ich die ganzen Verschwörungstheorien noch ernst genommen. Ich dachte, sein Fall würde ›politisch‹ etwas aufdecken.«

»Sie meinen, dass Claire Oldham vom Geheimdienst ermordet worden war?«

»Genau. Ich dachte, ich könnte dem MI5 etwas nachweisen. Mein Gott, Frank! Was ich für Vorstellungen hatte …« Er trank endlich einen Schluck und fuhr dann fort: »Ich denke, der Fall hat sich über die Jahre in mich hineingefressen. Ich fühlte mich verpflichtet. Ja, das ist das beste Wort dafür.«

»Wenn Sie sagen, Sie sind in Kontakt geblieben, was genau meinen Sie damit? Gesellschaftlich?«

»Ich bin nicht sicher, ob das im Zusammenhang mit Martin der richtige Ausdruck ist. Aber ja, doch, er hat mich hin und wieder zu sich eingeladen. Maureen Bright ist eine ziemlich gute Köchin. Wie hat sie es übrigens aufgenommen?«

»Schlecht, um es kurz zu machen. Das war dann ja eine illustre Runde: Crowbys führender Strafverteidiger mit einem ehemaligen Lebenslänglichen und einem ehemaligen Callgirl.«

Slingsby hatte sich gefangen. Sein Gesicht verriet nicht mehr, was er empfand, und wenn, dann nur das, was er zeigen wollte.

»Ich bin sicher, so würden es Ihre weniger intelligenten Kollegen sehen, Frank. Von Ihnen hätte ich eigentlich anderes erwartet. Martin Groves Leben war in mancher Hinsicht ein einziger Albtraum, eine Aneinanderreihung von Schrecklichkeiten, doch er hatte daraus gelernt und ernsthafte Einsichten gewonnen. Ich konnte ihn nur in gelegentlichen kleinen Dosen ertragen, aber er war ein interessanter Mann, nachdenklich … Es war bereichernd, mit ihm zusammen zu sein.«

Jacobson kam auf Groves Arbeitszimmer zu sprechen und den Verdacht, dass der Mörder – oder die Mörder – den Computer mitgenommen hatte.

»Es sieht so aus, als hätte das, womit er beschäftigt war, immer noch mit seinem Fall zu tun gehabt.«

»Das weiß ich sicher, Frank. Er hat an seiner Autobiografie geschrieben, seit etwa drei Jahren. Als er anfing, habe ich ihn von meinen Angestellten mit Kopien der kompletten Unterlagen des Falles versorgen lassen. Jede einzelne Seite hat er bekommen.«

Jacobson trank Slingsbys erwartungsgemäß ausgezeichneten Kaffee und versuchte sich sein Gegenüber im Haus von Grove vorzustellen, was ihm jedoch nicht recht gelingen wollte.

»Wozu das? Ich verstehe schon, dass er Ihre Unterlagen gebraucht hat, um die Geschichte des Prozesses und der Berufungsverhandlungen erzählen zu können. Worauf ich hinauswill, ist die Frage, ob er dabei noch anderes im Sinn hatte. Ob er zum Beispiel Claire Oldhams wahren Mörder finden wollte. Ich meine, wenn Grove sie nicht umgebracht hat, wer zum Teufel war es dann? Schließlich hat er bei seiner Entlassung lauthals verkündet, er werde den wahren Schuldigen schon aufspüren.«

»Das habe ich mich auch gefragt, Frank, und ich habe ihm davon abgeraten, mit Nachdruck. Viele haben das über Jahre hinweg versucht, haben alte Geschichten wieder ausgegraben und sind doch keinen Schritt weitergekommen. Ich fand es gut, dass er seine Geschichte aufschreiben wollte, dachte, dass er sich die Sache so von der Seele schreiben und nebenbei auch noch ein hübsches Sümmchen verdienen könnte – aber er sollte auf keinen Fall nach dem Mörder suchen! Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, dass die Suche ihm keine Ruhe lassen würde, dass er sich wieder und wieder im Kreis drehen und zahllose weitere Jahre seines Lebens vergeuden würde.«

Jacobson leerte seine Tasse bis zum letzten Tropfen und überlegte, ob noch Zeit für eine zweite war. Wahrscheinlich nicht, dachte er, wenn Slingsby zum Zug muss.

»Denken Sie, dass er deswegen nach Crowby zurückgekehrt ist? Meinen Sie, er hat tatsächlich daran gedacht, den Fall zu lösen?«

Slingsby stand auf und schenkte sich nach. Hatte er seine Reservierung für den Zug nach Wolverhampton vielleicht vergessen?

»Was ihn nach seiner Freilassung ernsthaft getroffen hat, war die Tatsache, dass Sie den Fall nicht noch einmal aufnehmen wollten, Frank. Das hat er als Zeichen dafür verstanden, dass er in den Augen der Polizei immer noch der Schuldige war, auch wenn es wissenschaftlich widerlegt worden war. Dass die Boulevardpresse ähnlich reagiert hat, war nicht unbedingt hilfreich.«

Jacobson hob beide Hände. »Sehen Sie mich nicht so an, mein Bester. Ich bin, was das angeht, nie nach meiner Meinung gefragt worden. Ich glaube nicht mal, dass jemand mit Greg darüber geredet hat. Das Ganze ist auf der Chief-Constable-Ebene entschieden worden, weit oberhalb des CID.«

Slingsby stellte seine erlesene Flasche zurück in den Schrank.

»O ja, wenn Salter dabei etwas zu sagen gehabt hätte, wäre alles komplett anders gelaufen, Frank.«

Jacobsons Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Wie Slingsby nur zu gut wusste, konnte er seinen Chef, DCS Salter, nicht ausstehen.

»Grove blieb also bei seinem Vorhaben, den wahren Mörder zu finden, und nahm Ihren guten Rat nicht an?«, fragte er, als er sein Mienenspiel wieder unter Kontrolle hatte.

»Das ist denkbar. Ich weiß, dass er Michael Mott mehr als einmal damit auf die Nerven gegangen ist.«

»Mott?«

Der Name erinnerte ihn dunkel an etwas.

»Mott, private Ermittlungen. Drüben in Birmingham. In den Neunzigern, als Martin mit keiner seiner Berufungen durchkam, habe ich ihn einmal eingeschaltet. Mit einem sehr schlichten Auftrag: Findet den wahren Mörder.«

Jacobson stand auf und ging zu dem Erkerfenster, um einen kurzen Blick auf die Dächer zu werfen. Slingsby trat neben ihn. Von hier oben konnte man sogar in die schmale Gasse hinter der Sicherheitsbarriere sehen, wo die Gefangenen ins Gericht gebracht und wieder abgeholt wurden.

»Mott hat nichts herausgefunden. Wenigstens nichts Stichhaltiges.«

»Wusste Grove das?«

»Ja, alles. Ich habe ihm nie etwas verheimlicht. Aber er war ein Experte darin, sich an Strohhalme zu klammern, noch am letzten Fetzchen Hoffnung festzuhalten. Darüber hätte er eine verdammte Doktorarbeit schreiben können. Aber was blieb ihm auch übrig? Einem unschuldig Verurteilten, der mehr als zwanzig Jahre wegen schwerer Vergewaltigung und Mord abzusitzen hatte?«

6

Martin Grove.doc

Halloween. Ausgerechnet an Halloween lernte ich sie kennen. Ausgerechnet an Halloween sah ich Claire zum ersten Mal. In dem Jahr schlug ich mich so durch, zog herum, nahm hier und da einen Job an. Das ging eine ganze Weile so: seit ich die Schule geschmissen und mein Leben zu Hause als Sohn meiner Mutter hinter mir gelassen hatte. Ich war ohne Halt, offen für alles, was kam. Eine Zeit lang hatte ich Arbeit unten an der Südküste, nicht weit von Brighton, schwarz auf einer Baustelle, Tee kochen und hier und da was wegschaufeln, das sonst keiner wegschaufeln wollte. Aber dann gab es ein Problem mit der Baugesellschaft und der Finanzierung, und alle, die nicht unbedingt gebraucht wurden, mussten gehen, ich als Erster. Eine Weile probierte ich es in London, aber ohne feste Bleibe war das nichts. Da ging damals schon ohne die richtigen Klamotten und einen Stapel Kreditkarten so gut wie gar nichts. Wie ein hungriger Gaul fraß London mir mein Baustellengeld auf. Also beschloss ich, weiterzuziehen und mein Glück weiter nördlich zu versuchen. Es ist verrückt. Ich hatte absolut nicht vor, nach Crowby zurückzukehren, ganz und gar nicht. Es war der reine Zufall, der mich wieder herbrachte, sonst nichts. Oder besser gesagt, das reine Pech, wie sich herausstellen sollte. Wobei Pech gar kein Ausdruck ist. Aus London raus kam ich gut. Ein Lastwagen brachte mich auf die Mi, bis zum Rastplatz Newport Pagnell, von wo mich ein Vertreter mitnahm. Er sagte, er wolle die M6 hoch bis Birmingham. Das einzige Problem bestand darin, dass er schwul war und eigentlich nur so herumkurvte, auf der Suche nach Frischfleisch. Er bot mir sogar ein verlockendes Bündel Pfundnoten an. Als ich trotzdem ablehnte, rastete er aus und setzte mich kurz vor Crowby Nord ab, einfach so auf dem Standstreifen. Die Sonne ging allmählich unter, es wurde dunkel, und der Verkehr rauschte an mir vorbei, als wäre ich unsichtbar. Gerade dachte ich, Teufel auch, ich marschiere jetzt einfach das Stück bis zu Mums Haus, ruhe mich ein paar Tage aus und ertrage eben das Theater und die Bettelei, dass ich bei ihr bleiben soll, da hielt die schöne Claire in ihrem kleinen grünen Sportwagen neben mir. Lächelte mich an, blond, blauäugig und unglaublich schön. Ich war gerade mal neunzehn, konnte kaum eine Krawatte binden und hatte vielleicht noch zehn Pfund in der Tasche. Und da kommt Claire, angezogen wie eine Strip-o-gramm-Hexe, mit glitzerndem Umhang und in einem kurzen, schwarzen Kleidchen. Sagt, sie nimmt mich mit, will wissen, ob mir kalt ist und ich Hunger habe. Bei ihr zu Hause gibt es eine Party, erzählt sie mir, und ich kann über Nacht bleiben, wenn ich will. Etwas zu trinken, zu essen und ein Bett wird schon zu finden sein für mich, und am Morgen gibt’s noch ein anständiges Frühstück. Dazu klingt aus ihrer Musikanlage ›Let’s Dance‹ von Bowie.

Claires Haus war … Nun, Sie wissen wahrscheinlich, wo es steht und wie es war. Mit einfachen Fotos haben sich die Boulevardblätter schließlich nicht zufriedengegeben. Damals nicht und heute genauso wenig. Zu ihren Lügen und Übertreibungen bringen und brachten sie immer auch noch Pläne, Diagramme, Skizzen und Luftaufnahmen. Claire war an diesem Abend jedenfalls bester Laune. Sie konnte gut oder schlecht drauf sein, oberflächlich oder tiefernst, das habe ich mit der Zeit gemerkt. Aber an dem Abend war alles im Lot. Ich denke, es hatte wegen der Kampagne ein paar gute Nachrichten gegeben und sie waren alle in Feierstimmung. Ich hatte so was jedenfalls noch nie erlebt, noch nie jemanden getroffen, der auch nur annähernd so gewesen wäre wie diese Leute.

Das Cottage liegt gar nicht weit von meinem heutigen Haus entfernt. Ich gehe viel spazieren hier draußen. Die frische Luft, die Bewegung, die Freiheit herumzustreifen, das alles bedeutet einem viel, wenn man die besten Jahre seines Lebens drinnen verbracht hat, so wie ich. Dabei komme ich manchmal auch an Claires Cottage vorbei und hänge den alten Zeiten nach. Inzwischen ist es völlig heruntergekommen. Erst wollte es keiner kaufen, weil das dort passiert war und wegen der großen öffentlichen Aufmerksamkeit. Heute würde es ein kleines Vermögen verschlingen, das Haus wieder bewohnbar zu machen und so herzurichten, dass es auch nur annähernd modernen Ansprüchen genügen würde. Also wird es wohl weiter verfallen und verrotten. Nicht lange nach meinem Freispruch schrieb eine Zeitung, ich wollte es kaufen und selbst darin wohnen. Keine Ahnung, woher sie das hatten, es war reine Erfindung. Glauben Sie mir, ich könnte da nicht wohnen, nicht einen einzigen Tag lang.

Damals war das natürlich anders. Das Cottage war voller Leute und platzte aus allen Nähten. Es lebte. Zur besten Zeit wohnten dort vielleicht zwanzig, dreißig Leute, schliefen teilweise sogar auf dem Boden. Ich meine, so viel Platz war ja nicht. Klar, draußen im Garten standen ein paar Tipis und auf dem Weg jede Menge Kleinbusse und alte Karren, die allerdings nicht dem harten Kern, sondern eher den durchziehenden Unterstützern gehörten, die kamen und gingen, wie es ihnen passte, etwas Nützliches beitrugen oder auch reine Schmarotzer waren. Natürlich gab es auch welche, die ein bisschen was von beidem hatten. Entgegen dem weit verbreiteten Glauben wohnte niemand fest auf dem berühmten »Freiheitsfeld«. Das Feld war ausschließlich den Kurzzeitbesuchern unter den Protestierern vorbehalten, Tages- und Wochenendausflüglern, die eigens kamen, um an den von Zeit zu Zeit im Rahmen der Kampagne – oder Aktion, wie manche sagten – organisierten besonderen Massenaktionen teilzunehmen.

Ich habe oft an jenen Abend zurückgedacht. Überlegt, was genau mir Claire in ihrem MG erzählt hat, als sie mich ins Cottage mitnahm. Dabei habe ich sie mindestens so hingebungsvoll angesehen, wie ich ihr zugehört habe, und in meinem Kopf finden sich nur noch Splitter und Fragmente ihrer Worte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, als wie bedeutsam sich unser Zusammentreffen herausstellen sollte. Hätte ich auch nur andeutungsweise vorausgesehen, was dabei herauskommen würde, ich wäre nie zu ihr in den Wagen gestiegen, sondern stur weiter geradeaus gegangen. Hätte versucht, ein anderes Auto anzuhalten. Irgendein anderes Auto. Ja, ich wäre sogar bei dem Vertreter geblieben und hätte ihm verdammt noch mal einen geblasen.

Wobei ich annehme, dass sie gar nicht so viel geredet hat. Wenigstens nicht über das, was sie vorhatten. Da waren sie vorsichtig. Vorsichtig, weil sie mögliche Neuzugänge nicht verschrecken wollten. Sie redete von der Party und der eigentlichen Bedeutung von Halloween und Beltane, diesem ganzen keltischen Kram. Deshalb habe ich sie zu Anfang wohl für einen Haufen Hippies gehalten, Hippies und harmlose New Ager. Auf einige aus dem größeren Kreis traf das ja auch zu, aber nicht auf den harten Kern. Die Politicos. Wenn ich nur ein bisschen heller gewesen wäre, hätte ich das schon begriffen, als Claire das Radio abstellte, Bowie den Strom abdrehte und Crass in den Kassettenrecorder steckte, Bloody Revolutions. Das sei ihre Lieblingsband, erklärte sie. Sie erinnern sich nicht an die? Sie haben nie etwas von denen gehört? Das würde mich an Ihrer Stelle nicht stören. Zählen Sie sich einfach zu den Glücklichen.

Die Sonne war endgültig verschwunden, als wir ankamen, und die Party bereits in vollem Gang. Ich half ihr, die Kisten mit dem billigen Wein ins Cottage zu tragen, die sie in Crowby besorgt hatte, damit ihnen der Alkohol nicht ausging. Dabei traf ich zum ersten Mal mit Nigel zusammen. Nigel, der sich das Gesicht für die Party rot, grün und gelb angemalt hatte. Nigel, der in den Garten lief, um noch mehr Holz für das Lagerfeuer zu machen. Nigel mit seiner glitzernden Axt, der mir überfreundlich grinsend zuwinkte.

7

Bevor DC Emma Smith den Einsatzraum verließ, gab sie Jane Ebdons Namen in den Computer ein. Ohne Ergebnis. Es gab keine Verurteilungen, in der nationalen Computerdatenbank der Polizei existierte Jane Ebdon nicht. Lediglich in Crowbys System gab es einen kurzen Vermerk der Kollegen von der Sitte: ihren Namen, die letzte bekannte Adresse, das Geburtsdatum und ein paar Sätze dazu, dass sie als Hostess arbeitete und ihre Kunden über das Internet suchte. Das verstieß nicht unbedingt gegen das Gesetz, aber die Sitte betrachtete es als ihre Aufgabe, möglichst viele Daten über die Sex-Arbeiter/innen der Gegend zu sammeln, ob sie ihre Dienste nun auf der Straße anboten oder nicht. Der Vermerk enthielt auch Ebdons Webadresse. DC Smith sah sich die Seite an. Mandy Rivers heißt Sie willkommen. Das übliche, wenig überzeugende Pseudonym, das übliche Mauve und Lila mit kitschiger, ausladender Schrift – der übliche Versuch, den Freiern vorzugaukeln, dass sie für ihr Geld etwas Exklusives, Niveauvolles bekamen, etwas völlig anderes, als sich gegen Vorkasse für eine Stunde einen fremden Körper zu mieten. Auf der Seite Neuigkeiten dann ein unüblicher Eintrag: Ich bedaure, bis auf weiteres keine Buchungen annehmen zu können.

Sie fuhr über die Umgehungsstraße. Jane Ebdon wohnte in einem kleinen, noch relativ neuen Viertel nicht weit vom Waitrose-Komplex. Die Einzelhäuser standen eng beieinander, mit Carports und kleinen Rasenstücken, ein gesichtsloses Labyrinth aus Zufahrten, Sackgassen und Miniplätzen. Auf Jane Ebdons Vorgartenrasen gab es einen kleinen Brunnen mit einer griechischen Schönheit, die ihren Krug an einer Quelle füllte. In der Einfahrt stand ein Audi-Cabrio. Hübsch, wenn auch nicht mehr ganz neu. Angesichts der frühen Stunde nahm Emma Smith an, dass es sich um Ebdons eigenes Auto handelte, wobei diese Art Hostess wohl sowieso eher Hotelbesuche machte, als ihre Kunden zu Hause zu empfangen, schon um bei den Nachbarn keinen Anstoß zu erregen. Emma merkte sich die Autonummer, man wusste schließlich nie. Sie selbst hätte das nicht gekonnt, für jedermann die Beine breit machen (nach dem Fiasko mit Ray Williams fragte sie sich, ob sie überhaupt noch mal jemanden dazwischen lassen sollte), aber wie fast alle ihre Kollegen verurteilte sie die Professionellen nicht. Für Sex bezahlen und daran verdienen, das hatte es immer gegeben und würde es auch weiter geben, ganz egal, welche Gesetze erlassen wurden. Das Gleiche galt für den Drogenkonsum. Je eher beides legalisiert wurde, desto besser. Dann konnte das CID seinen eigentlichen Auftrag erfüllen: die Schlechten aus dem Verkehr ziehen und die Guten schützen.

Die Tür war mit einer kleinen Kamera und einer Wechselsprechanlage ausgerüstet. Jane Ebdon antwortete schnell, ließ ihre Besucherin aber eine ganze Weile warten, bevor sie die diversen Schlösser öffnete und nach draußen linste.

»Gerade habe ich den Wasserkessel angestellt«, sagte sie freundlich und bat Emma Smith herein.

Sie war eindeutig die Frau von der Website. Anfang dreißig, groß, vollbusig. Smith nahm an, dass Ebdon ohne Make-up und das obligatorische schwarze Ledermieder attraktiver war als mit, aber sie war auch nicht an dem interessiert, was Jane Ebdon verkaufte oder zumindest bis vor kurzem noch verkauft hatte.

Sie folgte ihr in die Küche. Bisher hatte sie ihr nur gesagt, dass es um eine Untersuchung gehe, die sie, Jane, nicht selbst betreffe, bei der sie aber vielleicht weiterhelfen könne. Wenn die Kollegin am Tatort ihren Job richtig machte, konnte Maureen Bright noch nicht angerufen und erzählt haben, was mit Martin Grove passiert war.

Sie wartete, bis Jane alias Mandy zwei Kräutertees aufgegossen hatte – einmal Kamille, einmal Pfefferminz –, bevor sie fragte, wann sie, Jane, Maureen Bright zuletzt gesehen habe.

»Was soll Maureen denn angestellt haben?«

»Wenn sie uns die Wahrheit gesagt hat, gar nichts.«

Jane Ebdon zögerte und beugte sich zu einer pechschwarzen Katze hinunter, die gerade zur Tür hereingekommen war.

»Wenn ich sagen würde, dass sie gestern Abend hier war und hier übernachtet hat, wäre das …«

Emma Smith gab sich Mühe, neutral zu klingen und keinerlei Hinweis oder Anhaltspunkt zu liefern.

»War das so, Jane?«

Jane/Mandy holte einen Milchkarton von irgendwo weit hinten aus dem großen, amerikanisch anmutenden Kühlschrank und schüttete etwas auf einen hellblauen Teller, den sie vor die miauende Katze hinstellte. Aus dem CD-Spieler links auf dem Schrank kam leise ein Amy-Winehouse-Song. Jane drehte noch leiser und schaltete das Gerät schließlich ganz aus.

»Ja, das war sie«, sagte sie endlich. »Ich habe sie gebeten zu kommen. Das habe ich in letzter Zeit öfter gemacht. Sie kam so gegen neun von Crowcross herüber, jedenfalls nicht viel später. Wir haben lange geredet, kann sein, bis halb drei, drei. Ich habe ein Gästezimmer, da hat sie anschließend noch ein bisschen geschlafen. Meistens fährt sie beizeiten wieder. So etwa gegen halb sieben. Ihr Freund wacht nicht gern alleine auf.«

Smith fragte, ob Jane sich in Bezug auf die Uhrzeiten sicher sei, was die bejahte, und dann erzählte sie ihr eine Minimalversion dessen, was Martin Grove zugestoßen war.

Jane setzte sich langsam an den Tisch.

»Himmel, die arme Maureen«, sagte sie nach einem langen Schweigen. »Er war in den letzten Jahren ihr Ein und Alles, wobei ich selbst ihn nie kennengelernt habe. Ich war nie bei ihnen draußen. Ich glaube, Maureen wollte es ihm nicht zu sehr unter die Nase reiben – Sie wissen schon, womit sie früher ihr Geld verdient hat.«

»Kennen Sie sich daher? Vom Escort-Geschäft?«

Die Antwort lag auf der Hand; die Frage hatte eher als Stichwort dienen sollen.

»Als ich noch bei einer Agentur war, haben wir hin und wieder zusammengearbeitet. Ich mochte sie, wir haben uns gut verstanden. Bis Maureen aus der Bahn geriet.«

Smith dachte an Maureen Brights PNC-Eintrag.

»Aus der Bahn geriet? Sie meinen, bis sie anfing, nebenher auch noch zu dealen?«

»Ich meine, bis sie anfing, selbst was zu nehmen. Nur deshalb hat sie ja gedealt. Und die Agentur hat sie sofort fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Am Ende hat sie auf der Straße gearbeitet. Sie war eine Junkie-Hure.«

»Aber Sie haben zu ihr gehalten?«

»Ich habe getan, was ich konnte. Was nicht viel war. Hin und wieder bekam sie bei mir ein sicheres Bett für die Nacht und manchmal auch ein bisschen Geld, wenn ich den Eindruck hatte, dass sie es wirklich brauchte.«

»Und dann kam Martin Grove und hat sie gerettet.«

Ganz leicht, als sei sie sich dessen gar nicht bewusst, schüttelte Jane Ebdon den Kopf.

»Ich denke, sie haben sich gegenseitig geholfen. Er hat sie von der Straße geholt, den Entzug bezahlt. Aber Maureen hat ihm auch gut getan. Sie war ihm so nahe wie niemand sonst und hat ihm Ruhe gebracht. Zumindest war das immer mein Eindruck, nach allem, was Maureen erzählt hat.«

Emma Smith nippte an ihrem Pfefferminztee. Er war noch zu heiß.

»Hat sie noch gearbeitet, als die beiden sich kennengelernt haben?«

»Grove hat es nach seiner Entlassung richtig krachen lassen. Wer hätte das an seiner Stelle nicht getan? Maureen hat mir erzählt, dass er es mit Dutzenden von Straßenhuren gemacht hat. Sie war eine von ihnen und, wie sich herausstellte, wohl auch mehr oder weniger die letzte.«

Emma Smith wusste, dass Janes Aussage offiziell aufgenommen und unterschrieben werden musste, und sie würde auch das Videoband von der Türkamera mitnehmen müssen (als zusätzlichen Beleg dafür, wann Maureen Bright gekommen und wann sie wieder gegangen war). Also war das jetzt der klassische Augenblick für ein kleines inoffizielles Zwischenspiel.