Gefährliches Wiedersehen - Iain McDowall - E-Book
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Gefährliches Wiedersehen E-Book

Iain McDowall

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Beschreibung

Der erste Fall für Jacobson und Kerr.

Ein Einbrecher stolpert über eine Leiche: der Besitzer der Wohnung, ein gutaussehender Professor, liegt in einer riesigen Blutlache. Ermittlungen ergeben jedoch, dass Dr. Roger Harvey allseits beliebt war und ein eher unauffälliges Leben führte. Wer hätte also einen Grund gehabt ihn umzubringen? Detective Chief Insepctor Jacobson und sein Team stehen vor einem Rätsel. Doch dann fällt ihnen auf, dass der gegenüber wohnende Nachbar seit dem Mord spurlos verschwunden ist ...

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über Iain McDowall

Iain McDowall, in Kilmarnock, Schottland, geboren, war Universitätsdozent für Philosophie und Computerfachmann, ehe er als Autor von Kriminalromanen bekannt wurde. Heute lebt er in Worcester, England, wo sich auch die fiktive Stadt Crowby befindet, in der seine Kriminalromane allesamt spielen.

Informationen zum Buch

Ein Einbrecher stolpert über eine Leiche: der Besitzer der Wohnung, ein gutaussehender Professor, liegt in einer riesigen Blutlache. Ermittlungen ergeben jedoch, dass Dr. Roger Harvey allseits beliebt war und ein eher unauffälliges Leben führte. Wer hätte also einen Grund gehabt ihn umzubringen?

Detective Chief Insepctor Jacobson und sein Team stehen vor einem Rätsel. Doch dann fällt ihnen auf, dass der gegenüber wohnende Nachbar seit dem Mord spurlos verschwunden ist...

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Iain McDowall

Gefährliches Wiedersehen

Kriminalroman

Deutsch vonWerner Löcher-Lawrence

Inhaltsübersicht

Über Iain McDowall

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1. Kapitel

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3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Impressum

Für Rory ... an einem magischen Abend

1

Donnerstag

Es gab zwei Möglichkeiten. Er konnte sich von ihr wegdrehen und seinen Zorn herunterschlucken, bis er einschlief, oder er konnte ihr Kontra geben und sie erneut zum Explodieren bringen. Er entschied sich für die Schlafvariante und zog im Wegdrehen die Decke mit sich. Das war seine letzte Provokation, aber sie weigerte sich, darauf einzugehen, und klammerte sich an ihrem Kissen fest. Vor seinem inneren Auge sah er sie beide wie von einer Kamera hoch über ihnen gefilmt: zwei in sich zurückgezogen daliegende Gestalten in der Intimität von Bettwäsche und aufgestauter Wut.

Er schrie gerade seine Mutter und seinen Vater an, als ihn das hässliche Klingeln des Telefons aus seinen Träumen riss. Cathy neben ihm murmelte etwas Unverständliches und fiel gleich wieder in Schlaf.

»Ian, hier ist Jacobson. Es gibt einen Toten, den es nicht geben sollte, und wir haben den Fall auf dem Tisch. In einer halben Stunde spreche ich zu den versammelten Massen.«

Jacobson fasste sich kurz und blieb gerade so lange am Telefon, bis er ein gegähntes »Okay« hörte. Kerr wusste nicht mehr, wann er schließlich eingeschlafen war, er hoffte nur, ausgeruht genug zu sein, um den Tag zu überstehen. Seine Füße fanden den Teppich und sein Autopilot steuerte ihn ins Bad. Zehn Minuten: Er pinkelte, wusch sich das Gesicht mit kaltem, dann heißem, dann zu heißem Wasser und kämpfte sich verschlafen durch das Elend des Rasierens. Schnell ging er zurück ins Schlafzimmer, wo er in Hemd und Hose stieg, ohne seine Frau aufzuwecken. Von der Tür aus sah er noch einmal zum Bett. Nur ihr schlafender, verwuschelter Kopf war sichtbar, das Gesicht lag halb unter den blonden Haaren versteckt.

»Ich liebe dich«, sagte er, obwohl er doch wusste, dass sie ihn nicht hörte, und schlich leise nach unten. Im Wohnzimmer schaltete er das Licht ein. Der getrocknete Chianti-Fleck auf dem Sofa war nicht mehr rot, sondern braun, die aus dem Regal gerissenen Bücher und Platten lagen im ganzen Zimmer verstreut. Der Riss quer durch den Bildschirm des Fernsehers sah weit schlimmer aus als noch am Abend zuvor. Kerr ließ das Schlachtfeld, wie es war, und ging in den Flur. Auf der Türmatte lagen ein paar Umschläge, ziemlich sicher Rechnungen. Er hob sie auf, trug sie zum Küchentisch und achtete nicht weiter auf das klagende Miauen der Katze draußen vor der Tür. Wenn ihm selbst keine Zeit zum Frühstücken blieb, gab es keinen Grund, warum sie jetzt schon fressen sollte.

Detective Sergeant Kerr setzte sich in die letzte Reihe des Besprechungsraums. Es gehörte mittlerweile zur Routine der Spurensicherung, den Tatort bei der Ankunft zu filmen. Jemand drehte das Licht herunter, und das neueste Snuff-Video erschien auf dem Schirm: die Leiche eines schlanken, gut ein Meter fünfundsiebzig großen Mannes, das Gesicht nach unten gedreht. Der Tote trug eine blaue Levis 501 und ein grünkariertes Hemd. Seine Haare waren verklebt mit schwarzem, geronnenem Blut. Der Boden um die Leiche herum war ganz damit bedeckt, sodass sie in einer schwarzen Pfütze zu schwimmen schien. Fette Insekten flogen tonlos über den Schirm.

Als das Licht wieder anging, erhob sich vorne im Raum eine stämmige Gestalt. Detective Chief Inspector Frank Jacobson hustete kurz den ungesunden Husten eines Rauchers, bevor er zu sprechen begann.

»Das Opfer wird aller Wahrscheinlichkeit nach als Roger Harvey identifiziert werden, sechsunddreißig Jahre alt, Universitätsdozent, unverheiratet, offenbar keine homosexuellen Neigungen, keine Drogen oder Vorstrafen. Kurz, es gibt kein augenfälliges Motiv, warum man ihm das Hirn zu Brei geschlagen hat.«

Jacobson legte eine kunstvolle Pause ein. Kerr sah unauffällig auf die Uhr. Es war 7.37 Uhr.

»Unser Freund sagt, er hat die Leiche gegen vier Uhr gefunden. Sobald wir die mutmaßliche Tatzeit haben, sollten wir ihn als Täter ausschließen können, immer vorausgesetzt, er hat ein Alibi. Bis dahin halten wir ihn fest, gehen aber erst einmal davon aus, dass er die Wahrheit sagt: dass der Mann längst mausetot war, als er in die Wohnung einbrach.«

Kerr und Jacobson folgten dem Constable den Korridor hinunter zu den Verhörräumen.

»Geordie hat also tatsächlich nichts damit zu tun?«

»Er ist unverbesserlich, aber nur für sich selbst eine Gefahr. Hat sich in völliger Panik gemeldet. Zweifellos schreibt er unseren Spurensuchern magische Kräfte zu und nahm deshalb an, dass wir ihn unweigerlich am Kragen hätten, wenn wir den Toten entdecken würden. Also ist er gleich zur nächsten Wache gerannt. Hören Sie, Ian, befragen Sie ihn doch bitte allein. Gehen Sie seine Aussage noch mal mit ihm durch. Vielleicht gibt es ja die eine oder andere Einzelheit, die er beim ersten Mal vergessen hat. Dann kann ich jetzt gleich zu Merchant fahren und sehen, was sie in der Pathologie für uns haben. Sagen Sie McCulloch, dass wir ihn voraussichtlich auf Kaution herauslassen, sobald die Tatzeit klar ist. Das Letzte, was wir im Moment brauchen, ist ein Junkie, der sich in der Zelle aufhängt.«

Der Sergeant öffnete die Tür, und Jacobson sah mit dem Ausdruck eines Zeremonienmeisters zu dem zusammengesunken dahockenden McCulloch hinein.

»Kopf hoch, Geordie. Ich hab Ihnen einen alten Kumpel mitgebracht.«

George McCulloch trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Teilnahmslos sah er zu, wie sich Kerr zu ihm an den Tisch setzte.

»Hallo, Geordie. Hat mir wirklich leidgetan, das mit Sylvie zu hören.«

»Ich weiß schon, Mr Kerr, aber wenn man erst mal dranhängt …«

Seine ohnehin schwache Stimme verstummte. Es war nicht nötig, das Offensichtliche auch noch auszusprechen. Sylvie und George hatten eine durchaus beeindruckende Serie kleiner Betrügereien hingelegt, Kreditkartendelikte und gelegentlich auch einen altmodischen Einbruch. Wie Lehrer und Ärzte sich immer an ihre ersten Schüler und Patienten erinnern, dachte Kerr, erinnerst du dich immer an deine ersten Straftäter und entwickelst fast so etwas wie Zuneigung zu ihnen. Nach ihrer zweiten oder dritten Verhaftung hatte Kerr – der gerade erst aus der Uniform war und noch voller Enthusiasmus steckte – die McCullochs zu einem Methadonprogramm überredet und sie so vor einer Haftstrafe bewahrt. Mittlerweile war Sylvie an gepanschtem Stoff gestorben und Geordie letzte Nacht offenbar bei einem Mordopfer eingebrochen.

Kerr las McCulloch seine Aussage vor und bat ihn, die zentralen Stellen ein zweites und sogar noch ein drittes Mal neu zu erzählen. Aber es gab keine Fehler oder Unstimmigkeiten. Entweder sagte Geordie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, oder er log äußerst geschickt von Anfang bis Ende.

»Und Sie sind absolut sicher, dass Sie sonst nichts gesehen oder gehört haben? Wenn wir das schnell hinter uns bringen könnten …«

»Ich bin mir sicher, Mr Kerr.«

Kerr bot McCulloch eine Zigarette an. Obwohl er Nichtraucher war, hatte er für Fälle wie diesen immer eine Schachtel dabei. Er gab McCulloch Feuer. Kerr ärgerte sich über sein leicht dahingesagtes, unehrliches »schnell«. McCulloch würde diesmal mit Sicherheit eingelocht werden, selbst wenn er hier und jetzt den Namen des Mörders ausspuckte, samt Adresse und Hutgröße. Kerr konnte nichts mehr für ihn tun. Eine Minute lang herrschte unangenehmes Schweigen.

»Okay«, sagte er dann, »das war’s für den Moment. Der Autopsiebericht und die ersten Laborergebnisse sollten bis heute Abend da sein. Wenn alles passt, haben wir nichts gegen eine Kaution. Wenn Sie ausgeraucht haben, bringt Sie der Constable zurück in die Zelle.«

Kerr schob die Zigarettenschachtel über den Tisch und stand auf. McCulloch versuchte sich an einem Lächeln, das so schwach war wie sein dahockender Körper, so dürftig wie seine Zukunftsaussichten.

Professor Alasdair Merchants Büro war räumlich von der Leichenhalle getrennt. Wie die meisten Polizisten, die schon öfter mit Leichen zu tun gehabt hatten, war Jacobson nicht scharf darauf, Merchant bei seiner Arbeit zu unterbrechen, sondern wartete nur zu gern, bis der Pathologe Zeit für ihn hatte. Er musste gähnen und spürte mit einem Mal die Anstrengung dieses Morgens, der sich schon viel zu lange hinzog.

Jacobson stand auf und goss Kaffee aus Merchants Maschine in eine Plastiktasse, widerstand aber der Versuchung, sich eine Zigarette anzustecken. Es war wirklich an der Zeit, mit dem Rauchen aufzuhören, sagte er sich, und am besten gleich auch mit dem Trinken, dem Pub-Essen aus der Mikrowelle und den nächtlichen Takeaway-Baltis. Vor allem brauchte er mehr Bewegung. Wenn er so weitermachte, bekam er in ein, zwei Jahren nebenan sein eigenes Kühlfach und sein kaputter Körper diente Merchant als Rohmaterial für seine hoch angesehenen Forschungen.

Es war Merchant kaum anzukreiden, dass er im Unterschied zu Jacobson eine so glänzende Karriere hingelegt hatte. Ebenso wenig war Merchant dafür verantwortlich, dass seine große, schlanke Erscheinung Jacobson ständig zu einem unliebsamen Vergleich mit seinem eigenen körperlichen Zustand verleitete. Ähnliches galt für die gesunde Gesichtsfarbe, die der Pathologe von seinen immer neuen Einladungen zu Konferenzen in Orlando, Madrid oder gar Hawaii mitbrachte. Doch die Tatsache, dass Jacobson Merchant im Grunde nichts vorzuwerfen hatte, änderte nichts an seiner tiefen, irrationalen Abneigung gegen ihn. Wenigstens waren mittlerweile die Gesundheitsplakate mit den Teerlungen und Leberkrankheiten von Merchants Wänden verschwunden. Stattdessen hing da jetzt ein Kinoplakat in einem teuer aussehenden Rahmen. Offenbar war das Plakat ein Original. ›Belle de Jour‹ hieß der Film. Jacobson hatte nie davon gehört, wenn ihm auch der Name der Hauptdarstellerin bekannt vorkam. Es war wahrscheinlich die Art Film, die sich Janice angesehen hatte, wenn wieder mal einer ihrer gemeinsamen Abende in die Hose gegangen war und er sich ins Bett verdrückt hatte, weder so betrunken noch so ungerührt, wie er gerne gewesen wäre.

Der Ort des Verbrechens lag in einem ganz gewöhnlichen, sechs Stockwerke hohen Wohnblock am Rand der Stadt. Kerr fuhr nur noch in Schrittgeschwindigkeit, als das Gebäude am Ende der kurvigen, von Doppelhäusern gesäumten Straße in Sicht kam. Die Straße lag fast im Grünen, aber eben nur fast. Die hässliche Reihe Strommasten, die sich über die Hügel hinter den Häusern erstreckte, zog den Blick weit mehr auf sich als die Hügel selbst. Einstiegsklasse Vorortleben: Hier wohnte, wer ehrlich genug war, um ein Darlehen zu bekommen, aber nicht reich genug, um sich eine »wirkliche Immobilie« leisten zu können. Bürosklaven, Vertreter, Lehrer und natürlich Polizisten. Kerrs Vater hätte die Leute hier den Thatcher-Nachwuchs genannt, der sich bewusst oder unbewusst abkämpfte, um die Wölfe vor der Tür zu verscheuchen und den Kopf über Wasser zu halten.

Ein Parkplatz mit nummerierten Stellplätzen füllte den Raum zwischen dem Wohnblock und dem nächstgelegenen Doppelhaus. Kerr parkte neben einer Reihe Streifenwagen, stieg aus und ließ sich den kräftigen Novemberwind ins Gesicht blasen. Ganz am Ende des Parkplatzes hielt ein junger Constable neben einem blauen Peugeot 205 Wache, dem Wagen des Mordopfers, wie Kerr annahm. In der Wohnung im ersten Stock, wo der Mord passiert war, arbeitete die Spurensicherung immer noch und war deshalb nicht gerade erfreut, dass er sie unterbrach.

Roger Harveys Wohnung war klein, ordentlich und alles in allem sparsam eingerichtet, sah man von der riesigen Menge Bücher, Papiere und Manuskripte ab, die allgegenwärtig zu sein schienen. Es gab ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine Küche, ein Bad und einen schmalen Flur, und nur Bad und Flur waren buch- und papierfrei, überall sonst reichten die Regale bis unter die Decke. Der hintere Teil des Wohnzimmers, gleich vor dem Fenster, hatte Harvey offensichtlich als Arbeitszimmer gedient. Auf dem Boden dort machten sich Bücherstapel und eine Sammlung Aktenordner unterschiedlichen Alters den Platz streitig, auf einem ausgedienten Esstisch stand ein PC samt Drucker, und natürlich stapelten sich auch hier Bücher und Papiere. Wenn der Fall sich nicht rasch lösen ließ, würde es hier mehr als genug Material zu sichten und zu durchforsten geben.

Kerr versuchte sich den Raum im Detail einzuprägen. Ein langes graues Sofa markierte den Übergang zu dem offenbar als Wohnzimmer genutzten Teil mit Fernseher, Videorekorder und einer hochwertigen Hi-Fi-Anlage. Der Kram hätte Geordie für eine Woche versorgt, wäre er nicht über die Leiche gestolpert. Es gab einen mit Gas betriebenen, natürlich ebenfalls von einem Regal eingerahmten Kamin. Rechts, in den unteren Fächern des Regals, standen die Platten, Kassetten und CDs des Toten. Vorsichtig trat Kerr zwischen Sofa und Kamin und beugte sich vor, um zu sehen, was auf dem Plattenteller lag. Der Tonarm ruhte noch auf der Platte. Kerr reckte den Hals: ›Astral Weeks‹ von Van Morrison. Wann und unter welchen Umständen war die Musik ausgemacht worden? Vom Opfer selbst, dem Mörder oder einem unschuldigen Dritten? Wenigstens bestand die Möglichkeit, dass Harvey das Zeitliche bei einem guten Soundtrack gesegnet hatte.

Die Spurensicherer näherten sich auf ihrer Suche nach Fingerabdrücken dem Bereich um den Kamin, und Kerr wollte es sich mit ihnen nicht verscherzen. Die genauere Durchsicht von Harveys Besitztümern würde warten müssen, bis die Spurensicherung abgeschlossen war. Das war nun mal die Reihenfolge.

»Inspector Jacobson müsste jeden Augenblick kommen. Ich denke, ich warte draußen auf ihn. Ich will euch nicht im Weg stehen.«

Jacobson fuhr an der Krankenhausmauer entlang Richtung Umgehungsstraße, Crowbys halbem Zentimeter auf der Autobahnkarte, dem schnellsten Weg zum Stadtrand, solange er nicht, wie Jacobson zu sagen pflegte, verstopft war wie die Zufahrt zu einem Puff, der ein kostenloses Werbewochenende veranstaltet. Auf der Auffahrt zur Schnellstraße beschleunigte Jacobson und fädelte sich knapp vor einem dahindonnernden Laster in den Verkehr ein. Der Fahrer hupte wie wild und blendete auf, um ihn wissen zu lassen, was er von seinem Manöver hielt, doch Jacobson kochte innerlich viel zu sehr, um es zu bemerken.

Sein Abstecher ins Krankenhaus war im Grunde reine Zeitverschwendung gewesen. Als Merchant endlich auftauchte, hatte er den Aussagen, die sein Assistent Robinson bereits am Tatort gemacht hatte, so gut wie nichts hinzuzufügen. Tödliche Schläge auf den Kopf, und zwar jede Menge: »Viele davon, nachdem der Mann längst tot war.« Der noch unerfahrene Robinson hatte angedeutet, das Opfer müsse bereits einige Tage tot sein. Das war der einzige Punkt, in dem Merchant vielleicht etwas genauer wurde: »Drei oder, wahrscheinlicher noch, vier Tage.« Das war es aber auch schon gewesen: »Mehr kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, Inspector, solange die Autopsie noch aussteht.«

Für diese kostbaren Informationen hatte er das gesunde Leuchten dieses straffen, gebräunten Gesichts ertragen müssen, Merchants strahlendes Lächeln, das eine makellose Reihe nikotinfreier Zähne aufblitzen ließ. Der stinksaure Lkw-Fahrer überholte Jacobson jetzt und vollführte eine obszöne Geste mit der schaufelgroßen Pranke. Aber Jacobson hatte ihn einfach nicht auf dem Schirm. Er haderte mit sich: Je stärker er sich dem Impuls zu widersetzen versuchte, desto schwieriger wurde es. Er hatte heute Morgen erst eine Zigarette geraucht. Eine zweite, redete er sich jetzt ein, war da nicht gleich der Untergang.

Anwar Ahmed hatte eigentlich keine Zeit, wollte der Polizei aber gerne helfen. Jacobson, Kerr und ihr Gastgeber saßen im Halbkreis auf Ahmeds brauner Couchgarnitur, vor sich einen Couchtisch aus Glas. Die Wohnung lag im zweiten Stock, direkt unter ihnen hatte Harvey seine letzten Atemzüge getan.

»In einer halben Stunde muss ich bei meinem Kunden sein. Ich bin nur kurz hier, weil ich ein paar Unterlagen vergessen habe. Möchten Sie eine Tasse Tee?«

Kerr hätte sich überreden lassen, aber Jacobson schüttelte den Kopf.

»Nein, vielen Dank, Mr Ahmed. Wir wollen Sie nicht unnötig lange aufhalten. Kannten Sie Roger Harvey?«

»Nur vom Sehen. Er war ein ruhiger Mann, denke ich. Ich habe ihn gelegentlich unten am Eingang gesehen und Hallo gesagt. Ich kannte sein Gesicht von meiner Zeit an der Universität. Erst dachte ich, er sei noch Student, weil er immer ziemlich abgerissen gekleidet war, mit Jeans und so. Dann war aber mal meine Schwester hier, und die sagte, er sei Dozent.«

»Sie kannte ihn?«

»Nicht wirklich, denke ich. Aber sie studiert Englische Literatur, und da kennt sie natürlich einige der Dozenten bei den Geisteswissenschaftlern.«

Jacobson musterte Ahmeds eleganten Anzug und die Seidenweste, die er unter dem Jackett trug. Vor ihm auf dem Tisch lag ein schicker Aktenkoffer. Ahmed fummelte an seinem Handy herum und war schon halb auf dem Sprung. Auf der anderen Seite des Raums wechselte seine Frau gerade ihrer kleinen Tochter die Windel, weshalb ihr Gespräch immer wieder von Babyglucksen unterbrochen wurde.

»Er war also ein ruhiger Mann, ein ruhiger Nachbar?«

»O ja. Ganz im Unterschied zu uns, wie ich fürchte.« Ahmed nickte zu Mutter und Kind hinüber. »Manchmal konnte man spät noch etwas Musik und Lachen hören. Aber das gehört dazu, oder? Die einzige Ausnahme war komischerweise Sonntagabend.«

»Sie meinen letzten Sonntag?«

»Ja, es war schon ziemlich spät. So gegen eins. Ich war mit unserer Tochter an der Reihe, und plötzlich hörte ich laute, wütende Stimmen. Dann knallte die Tür, und danach war noch so etwas wie ein dumpfes Schlagen zu hören. Dann war alles still.«

»Konnten Sie hören, was gesagt wurde? Hat es lange gedauert?«

»Nein, ich hörte nur, dass jemand schimpfte. Sunila weinte, deshalb war nichts zu verstehen. Lange hat es nicht gedauert, vielleicht fünf, zehn Minuten.«

»Wie viele …?«

»Hauptsächlich waren es zwei Stimmen, aber es gab auch noch eine dritte, eine Frau, denke ich. Sicher bin ich allerdings nicht.«

»Mrs Ahmed, haben Sie auch …?«

»Ja. Ich habe sie auch gehört, aber nicht so deutlich. Zwei oder drei Stimmen. Das ging vielleicht fünf Minuten, dann war Ruhe.«

Jacobson gab dem nervös auf die Uhr sehenden Finanzberater seine Karte.

»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Vielleicht kommt in den nächsten Tagen noch ein Beamter und nimmt schriftlich auf, was Sie uns gesagt haben. Sollte Ihnen vorher noch etwas einfallen, rufen Sie mich bitte direkt an.«

Sie waren schon aufgestanden, als Kerr endlich auch eine Frage stellte.

»Wann haben Sie Mr Harvey zuletzt gesehen?«

»Irgendwann Anfang letzter Woche. Abends. Vielleicht Dienstag. Er stieg ins Auto, als ich nach Hause kam.«

»Mrs Ahmed?«

»Tut mir leid, das kann ich nicht sagen. Sicher seit Wochen nicht mehr.«

Ahmed nahm sein Handy und seinen Aktenkoffer, um davonzueilen. Seine Frau wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Baby zu. Jacobson dankte beiden noch einmal, dann verließen Kerr und er die Wohnung.

Mann, Frau, Kind. Eine einfache Sache, die Summe dreier Teile. Kerr war nie über zwei hinausgekommen, Jacobson war von drei zurück auf eins gerutscht. Schweigend gingen sie nach unten.

Detective Constable Barber und Detective Constable Hume übernahmen die oberen drei, DC Williams und DC Smith die unteren drei Stockwerke. Jacobson und Kerr wollten es selbst aber auch noch wenigstens an einer Tür versuchen, bevor sie das Haus verließen und die weiteren Befragungen ihren Kollegen überließen.

In den meisten Wohnungen würde während des Tages sicher kaum jemand anzutreffen sein. Deren Bewohner mussten abends befragt werden. Es gab im ganzen Haus nur wenige Eigentumswohnungen, Harveys zum Beispiel, der Großteil wurde von einer Immobiliengesellschaft vermietet. Die Mieter waren meist Leute, die aus beruflichen Gründen vorübergehend in der Gegend waren, gut betuchte Studenten oder Paare, die noch auf ein Haus anderswo sparten. Kurz, es war ein anonymes Nebeneinander von Menschen, die sicher kaum etwas über ihre Nachbarn zu sagen wussten. Harvey hatte ganz am Ende des Korridors im ersten Stock gewohnt. Wie sich herausstellte, stand die direkte Nachbarwohnung schon seit drei Monaten leer, aber falls nötig, ließen sich die letzten Bewohner sicher ausfindig machen und befragen. Die gegenüberliegende Wohnung war vermietet, allerdings kam auf ihr Klingeln niemand an die Tür. Das konnte nicht bis zum Abend warten: Der Mieter musste aufgespürt und notfalls am Arbeitsplatz befragt werden.

Zwei Stockwerke unter den Ahmeds, und damit direkt unter Harveys blutgetränktem Teppich, wohnte laut Bewohnerliste ein Mr J. Butler, der als Rentner um diese Zeit vielleicht zu Hause war. Jacobson musste dreimal klingeln, bis sich die Tür mit vorgelegter Kette vorsichtig wenige Zentimeter öffnete. Der unrasierte Joe Butler hatte eine Zigarette im Mund und hustete und furzte gleichzeitig. Jacobson musste seinen Ausweis durch den Spalt reichen, bevor der alte Mann bereit war, sie hereinzulassen. Ahmeds Wohnung war modern, sauber und bequem gewesen, Butler dagegen führte sie in ein verstaubtes, ungepflegtes Durcheinander.

»Die ganze Woche war kein Ton zu hören. Ich dachte, er wäre wieder mal auf einem seiner Ausflüge.«

»Ausflüge, Mr Butler?«

»Reisen, Urlaub. Der Mann war Professor oder so was. Das halbe Jahr nicht da. Ich selbst habe dreiundvierzig Jahre bei den Gaswerken gearbeitet, Woche für verfluchte Woche. Bin dann mit meiner Frau hergezogen, um alles ohne Treppen zu haben, verstehen Sie? Sie hatte es auf der Brust. Jetzt ist sie weg, und ich sitze hier fest. Mein Sohn ruft einmal im Monat an, aber der lebt in Kanada.«

Die Worte des alten Mannes gingen in einem plötzlichen Hustenanfall unter. Als sich sein Atem wieder beruhigte, kam Jacobson zurück zum Thema.

»Sie haben Roger Harvey also gekannt?«

»Gelegentlich klingelte er bei mir. Er war an den Dreißigern interessiert. Ich war bis zum Hitler-Stalin-Pakt in der KP, verstehen Sie?«

Kerr nickte und fragte sich, wie gut Jacobson in Geschichte Bescheid wusste.

»Einmal hat er sogar ein paar von seinen Studenten hergeschickt. ›Oral History‹ nannten sie das. Da waren auch Mädchen dabei.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Das muss vor drei, vier Wochen gewesen sein. Er klingelte abends und hatte ein paar Dosen Bier mitgebracht. Schien in bester Stimmung zu sein. Ich weiß noch, dass er sagte, wir hätten uns was verdient, womit er das mit den Dreißigern meinte. Er war eigentlich eher ein ruhiger Typ, nicht wie einige sonst hier, aber in so einem Bau hören Sie immer ein paar Lebenszeichen, wenn einer direkt über Ihnen wohnt.«

Butler machte eine Pause und senkte dann die Stimme, als könnte ihnen einer zuhören.

»Besonders, wenn er eine Freundin dahat.«

Seine Stimme war so rau, dass sich kaum sagen ließ, ob darin Missbilligung oder Neid mitschwang.

»Wie oft …«

»Oft genug. In den letzten Monaten vielleicht nicht mehr ganz so, aber auf dem Trockenen saß der Junge nie, würde ich sagen.«

»In dieser Woche war nichts?«

»Letzten Donnerstag, denke ich, war sie zuletzt hier. Aber vielleicht war es ja gar nicht immer dieselbe, was?«

Jacobson zwinkerte Butler verschwörerisch zu. Er fragte sich, wie es wohl war, so als alter Mann anderen dabei zuzuhören. Kerr stellte noch eine Frage.

»Haben Sie je eine von seinen Besucherinnen gesehen? Oder einen seiner Besucher? Hat er Ihnen gegenüber Namen genannt?«

»Nein, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Wir haben immer nur über die alte KP geredet. Von sich selbst hat er nie was erzählt.«

Der ehemalige Kommunist und pensionierte Angestellte der Gaswerke hockte vor einem altmodischen Sekretär. Die Klappe war offen und lag voller Briefe, Fotoalben und einzelner Fotografien. Jacobson saß auf dem alten Ledersofa direkt neben dem Sekretär, Kerr auf einem dazu passenden Sessel. Er zögerte einen Moment, bevor er die zentrale Frage stellte.

»Waren Sie Sonntagabend zu Hause, Mr Butler?«

»Nein, das nun ganz sicher nicht! Nicht am Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkriegs!«

Die Augen des alten Mannes leuchteten plötzlich auf.

»Da bin ich am Ehrenmal, solange mich meine Füße tragen. Einige der Besten von uns haben damals ihr Leben gegeben. Das Gelobte Land wollten wir aufbauen, als alles vorbei war. Die Träume der frühen Jugend, verstehen Sie? Jedes Jahr fahre ich hin. Schon Samstagabend zur Gedenkveranstaltung. Das hat nichts mit König und Heimat zu tun!«

Butler machte eine Pause. Seine Gedanken schienen in jene Zeit zurückzukehren, in der sie sich offenbar hauptsächlich aufhielten.

»Ich bin Freitagabend hingefahren und war Montagmittag wieder hier.«

»Verstehe, Mr Butler. Dann wollen wir Sie nicht länger stören.«

Kerr konnte nicht anders, als beim Aufstehen einen Blick auf die Fotos zu werfen, obwohl er doch ahnte, wohin das führen würde. Butler stieß mit einem geschwollenen, arthritischen Finger auf den vordersten Stapel.

»Da sind wir durch Yorkshire gewandert, im Sommer sechsunddreißig. Sie war eine Schönheit damals.«

»Wann ist sie …?«

»Im letzten August. Wir waren ein paar Tage in Margate. Sie liebte die englische Küste, von Spanien oder so wollte sie nichts wissen.«

Beide wussten sie nicht, was sie darauf antworten sollten. Butler selbst musste das entstandene Schweigen brechen.

»Aber jetzt müssen Sie sicher weiter. Wenn Sie mit mir hier den ganzen Tag verplaudern, schnappen Sie den Mörder nie.«

Jacobson und Kerr schüttelten dem alten Mann die Hand und überließen ihn dann seinen Fotos und Erinnerungen.

»Anordnung des Superintendenten, als Erstes auszuführen: genaue spurentechnische Untersuchung des Fahrzeugs. Falls der Mörder Harvey gekannt hat, könnte das Hinweise auf ihn geben. Vielleicht hat Harvey seinen Mörder ja vom Pub mit nach Hause genommen. Wie geht’s voran, mein Junge?«

»So was nennt man wohl, ins kalte Wasser geworfen werden, Sergeant.«

Sergeant Ince, uniformierter Verbindungsbeamter der Untersuchung, und der junge PC Ogden, der gerade in Hendon seinen Abschluss gemacht hatte, beobachteten, wie das Auto des Opfers hinten auf einen Abschleppwagen geladen wurde.

»Das ist das Beste, glauben Sie mir.«

Der Wind, der kurz abgeflaut war, frischte wieder auf. Ogden sah hinter sich. Das Haus und der Parkplatz lagen ganz am Rand des Viertels. Hinter dem Parkplatz verlief ein Reitweg zum nahen Wald hinüber. Dahinter dehnten sich brachliegende Felder und Wiesen aus, ein wahres Gottesgeschenk für einen Mörder, der seine Waffe oder blutbefleckte Kleidung loswerden wollte.

Sobald alle da waren, würde ein Trupp uniformierter Beamter die Felder durchkämmen und ein weiterer die Befragungen auf die Doppelhäuser ausdehnen. Fürs Erste sollte das CID, das Criminal Investigation Department, die wahrscheinlich erfolgversprechenderen Befragungen im Haus selbst durchführen.

Der Abschleppwagen ratterte davon, und Jacobson und Kerr traten zu ihren uniformierten Kollegen.

»Wir fahren gleich zur Universität, Sergeant. Hätten Sie jemanden, der den Wagen des DS noch vor Mittag zurück zum Präsidium bringen kann?«

»Kein Problem, Sir.« Ince verstummte einen Moment, und Jacobson wusste, was jetzt kommen würde. »Wissen wir schon, ob wir hier ein Einsatzbüro einrichten wollen? Nur…«

»Ince, alter Junge, übertreiben wir’s nicht. Wenn einer Karten spielen und Überstunden aufschreiben will, soll er das auf Kosten einer anderen Abteilung tun. Natürlich beobachten wir die Sache zunächst mal rund um die Uhr, aber dafür reicht ein Beamter pro Schicht. Damit ist die Sicherheit gewährleistet. Alles andere lässt sich vom Präsidium aus regeln.«

Sergeant Ince wusste, gegen welche Wände man am besten nicht mit dem Kopf anrannte. Den Versuch war es dennoch wert gewesen, wie er Ogden sagte, als der Chief Inspector und sein DS gefahren waren.

Jacobson und Kerr besprachen den Fall auf ihrem Weg durch die Stadt. Der Tod Harveys war offiziell festgestellt worden, mit den ersten Laborergebnissen der Kollegen von der Spurensicherung war am Nachmittag zu rechnen, und bis dahin würde auch die Autopsie durchgeführt sein. Die offizielle Identifikation der Leiche stand aber noch aus. Harvey war unverheiratet, der einzige Sohn bereits verstorbener Eltern, und eventuelle Partnerinnen und Kollegen waren noch unbekannt. Obschon zur Not auch Ahmed oder Butler die Identifizierung vornehmen konnten, entschieden sie, lieber jemanden von der Universität darum zu bitten. Aber das war es nicht, was Jacobson quer im Magen lag: Seit Merchant Robinsons noch etwas vage Aussage über den Todeszeitpunkt präzisiert und diesen auf drei bis vier Tage zurückdatiert hatte, wusste er, dass es vor allem die Zeit war, die gegen sie arbeitete.

Harvey war wahrscheinlich in den frühen Morgenstunden der Nacht auf Montag ermordet worden, und jetzt hatten sie bereits Donnerstag. Mordfälle, die nach den ersten vierundzwanzig Stunden noch ungelöst waren, wurden oft nie aufgeklärt. In Harveys Fall waren aber möglicherweise schon mehr als achtzig Stunden verstrichen. Jacobson schlug genervt mit der linken Faust aufs Steuer.

»Himmel, Ian, der Fall könnte uns mehr Ärger bereiten, als uns lieb ist.«

Vielleicht hatten die Ahmeds nicht nur einen Streit, sondern auch einen Mord gehört. Vielleicht. Vielleicht lief irgendwo da draußen eine verstörte, aus dem Gleichgewicht gebrachte Seele herum oder saß einfach nur da und wartete auf die Polizei, um ein reuevolles Geständnis ablegen zu können. Vielleicht. Vielleicht war der Mörder aber auch wild entschlossen davonzukommen. Dann hatte er bereits ausgiebig Zeit gehabt, sich zu verstecken, Beweise zu beseitigen und sich ein Alibi zu beschaffen.

»Wenn er wollte, ist er längst aus diesem verfluchten Land.«

Professor Merchant schloss die Tür und wartete, dass Robinsons Schritte auf dem Flur verhallten. Verständlicherweise war Robinson bei der Autopsie seines ersten Mordopfers aufgeregt gewesen. Merchants Ratschläge hatten kaum originell oder überraschend geklungen: »Vergessen Sie, dass da eine Videokamera auf Sie gerichtet ist, erklären Sie Ihre Arbeitsschritte in möglichst einfachem Englisch und lassen Sie sich nicht zu irgendwelchen Vermutungen hinreißen. Tun Sie Ihre Arbeit, führen Sie die einzelnen Prozeduren durch und schließen Sie die Sache dann ab.« Dennoch, so einfach und selbstverständlich sich diese Sätze anhörten, sie hatten geholfen. Robinson hatte Merchants Büro in der Überzeugung verlassen, seiner Aufgabe gewachsen zu sein.

Merchant hatte seine eigene erste Autopsie nie vergessen. In jenen weniger reglementierten Tagen hatte ihm sein Professor vorher einen großzügigen Whisky eingeschenkt, und bei Gott, er hatte ihn gebraucht. Alles Lernen, alle Übungen hatten ihn nicht auf seine erste eigene Anschauung dessen vorbereiten können, was ein Mensch einem anderen anzutun vermochte. Die Erinnerung daran ließ ihn heute noch erschaudern.

Er nahm den Hörer ab und wählte eine Sieben, um ein Amt zu bekommen. Dann zauberten seine Finger eine Nummer aus dem Gedächtnis zusammen, aber statt des erwarteten Klingeltons hörte er nur ein Klacken und Kratzen, und eine elektronisch generierte Stimme sagte ihm, dass er sich verwählt habe. Er suchte auf dem Schreibtisch nach seinem Adressbuch, blätterte durch die Seiten und versuchte es noch einmal. Diesmal klingelte es.

Insgesamt vierzehn Mal tat es das, bis sich jemand erbarmte und seinen Anruf annahm.

Die Universität Crowby, Harveys Arbeitsplatz, war eine graue Betonlandschaft mit wenig grünem Gesträuch, die selbst im Sommer kaum farbiger wirkte als jetzt. Auch die Studenten, die durch den immer schärfer werdenden Wind von Gebäude zu Gebäude liefen, trugen die eher tristen Farben des Winters.

Der junge Mann in der Uniform des »Crowby Guard«-Sicherheitsdienstes schien nicht sonderlich erfreut, als sie das Verwaltungsgebäude betraten, machte sich aber nicht die Mühe, sie zu fragen, wohin sie wollten. Croucher, der Vizepräsident, nahm sie höchstpersönlich in Empfang und führte sie über eine Treppe mit dem Hinweis »Nur für Universitätspersonal« hinauf in sein Büro. Unabhängig voneinander überlegten Jacobson und Kerr, ob sie angesichts des jugendlichen Delinquenten unten am Eingang eine Überprüfung des privaten Sicherheitsdienstes seitens der Uni anregen sollten, aber die makellos höfliche Art des Vizepräsidenten brachte sie beide zum gleichen, instinktiven Schluss: Das ist nicht mein Problem, sollen sie doch selbst damit klarkommen, wenn die Fotokopierer und Computer plötzlich Beine kriegen.

Die Sekretärin, die im Vorzimmer gerade noch einen übergroßen Gummibaum gegossen hatte, brachte ein Tablett mit Tee und Kaffee herein. An der Wand hinter Crouchers teurem Schreibtisch hing ein großer Paolozzi, der so farbenprächtig wie überzeugend den komplizierten Mechanismus einer gänzlich imaginierten Maschine darstellte. Kerr betrachtete das Kunst- und Wunderwerk genauer, während Croucher ihnen Beileidsbezeugungen aussprach. Warum, fragte sich Kerr, taten die Leute oft so, als hätte die Polizei selbst einen Angehörigen verloren?

Dr. Harvey, wie Croucher ihnen unbedingt voller Anerkennung versicherte, sei wirklich ein sehr begabter Wissenschaftler gewesen. Äußerst beliebt bei den Studenten, hoch angesehen bei den Kollegen. Was für eine fürchterliche Geschichte! Schrecklich! Er könne sich absolut nicht vorstellen, wie jemand so etwas habe tun können. Jacobson unterbrach ihn in seinem überschwänglichen Erguss.

»Können Sie uns sagen, Sir, warum niemandem aufgefallen ist, dass Dr. Harvey die ganze Woche nicht in der Universität war?«

Mit all der Verachtung, derer ein Mitglied des altehrwürdigen Londoner »Reform Club« und unzähliger Regierungskomitees fähig war, sah Croucher Jacobson an. Seine wohlklingende Stimme vermochte kaum den Ärger darüber zu verbergen, dass man ihm ins Wort gefahren war.

»Dr. Harvey war mitten in einem Forschungsjahr. Natürlich kam er immer wieder in die Universität, und ich glaube zu wissen, dass er verschiedenen Seminaren mit Rat und Tat zur Seite stand, aber es gab absolut keinen Grund zu der Annahme, dass er nicht zu Hause war und arbeitete.«

Kerr verfolgte das frostige Gespräch und war froh, nur in zweiter Reihe zu sitzen. Es war völlig klar, dass Croucher aber auch rein gar nichts von Harveys persönlichen Verhältnissen wusste, wahrscheinlich hätte er ihn nicht mal erkannt, wäre er ihm auf dem Flur begegnet. Sie mochten einen Mord aufklären müssen, für den Vizepräsidenten ging es jedoch allein darum, die Universität vor schlechter Publicity zu bewahren. Während sich Jacobson weiter vorankämpfte, tagträumte Kerr, er wäre tot, erschossen von einem geistesgestörten Waffenfreak, oder vielleicht hatte ihm auch eine Horde jugendlicher Halbwilder auf Crack den Schädel eingetreten. Der Chief Constable würde den mutigen Beamten durch einen begabten Wissenschaftler ersetzen, auf jeden Fall konnte er große Stücke von Crouchers Lobrede für die Ernennung verwenden, sollte die Notwendigkeit dafür entstehen. Kerr hörte nur halb auf die vorhersagbaren Antworten und naheliegenden Arrangements, die getroffen wurden. Als Nächstes sollten sie mit Dr. Lombard sprechen, »ein ausgezeichneter Mann, er wird Ihnen noch mehr, äh, persönliche Einzelheiten erzählen können. Wahrscheinlich ist er auch genau der Richtige für die Identifikation.«

Kerr kam der Gedanke, dass die Funktionen des Vizepräsidenten und ihres Superintendenten praktisch die gleichen waren. Keiner von beiden arbeitete im eigentlichen Sinne des Wortes, sie verkleisterten und übertünchten nur die allzu auffälligen Ritzen im Gemäuer. Es überraschte Kerr kein bisschen, als Croucher bei ihrem Abschied geradezu überschwänglich die guten Beziehungen zwischen Universität und Polizei pries. Erst jüngst noch habe er ein äußerst angenehmes Essen mit dem Chief Constable genossen. Die Boss-Klasse, wie sein Vater sie immer genannt hatte, hielt nun mal zusammen.

Lombard war der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Ein massiger Bursche mit einem schlecht sitzenden gelben Hemd und einer geschmacklosen Krawatte, auf der in knalligem Rot und Blau die Freiheitsstatue prangte. Sein Gesicht dagegen war weiß wie ein Laken. Völlig unnötigerweise entschuldigte er sich für den Zustand seines Büros und das Durcheinander auf seinem Schreibtisch.

»Ich … Ich hatte gerade ein dreitägiges Blockseminar. Über neue Wege der Hochschulausbildung.«

Jacobson nickte geduldig und wiederholte seine Frage. In einem Mordfall, sagte er sich, gab es keine belanglosen Informationen.

»Ja … ja, natürlich helfe ich bei der Identifikation. Ich kann nur einfach nicht glauben, was Sie mir da erzählen. Letzte Woche hat er noch genau da auf Ihrem Platz gesessen. Das blühende Leben.«

»Welcher Tag war das?«

»Mi… Mittwoch. Er hatte in der Bibliothek gearbeitet und kam auf einen Schwatz herein. Wir werden im nächsten Semester ein paar Änderungen im Lehrplan vornehmen, und ich wollte ihn auf dem Laufenden halten.«

Lombard fingerte an seiner unbeholfen geknoteten Krawatte herum, während er Jacobsons Fragen beantwortete. Nein, Roger Harvey sei ihm weder ängstlich noch besorgt vorgekommen. Im Gegenteil, er habe ganz den Eindruck erweckt, sein Forschungsjahr bestens zu nutzen, wenigstens was seine Arbeit betraf.

»Es ging sogar das Gerücht, dass er einen der wichtigen Verlage für eine Art Coffee-Table-Book interessiert habe, womöglich in Verbindung mit einer Fernsehdokumentation.«

»Was genau war Dr. Harveys Fachgebiet?«

»Er ist … war Spezialist für die europäische Geschichte der Zwischenkriegszeit. In seiner Doktorarbeit ging es um den Spanischen Bürgerkrieg und die internationalen Brigaden. Zuletzt hat er sich stärker auf Nazideutschland konzentriert.«

»Und das konnte er hier in Crowby?«

»Gewiss, gewiss. Während der Niederschrift auf jeden Fall. Im Frühling war er in München, um das nötige Archivmaterial zu sichten.«

Lombards nervöse Finger sprangen von der Krawatte in seinen Bart. Jacobson fragte ihn, ob er etwas über Harveys Privatleben wisse.

»Nicht sehr viel. Ich würde sagen, er hatte immer die eine oder andere Freundin, getroffen habe ich jedoch nie eine von ihnen. An offiziellen Universitätsfeiern nahm er nur teil, wenn es nicht anders ging, und war er einmal da, blieb er nicht lange. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er Crowby nur als Durchgangsstation sah. Natürlich musste er erst genug Veröffentlichungen vorweisen können. Sie sollten auf jeden Fall mit John Kent sprechen, unserem obersten Historiker. Er und seine Frau standen Harvey beide sehr nahe. Ich glaube, sie kannten sich seit ihrer Studentenzeit.«

»Vielleicht sollte John Kent dann besser den Leichnam identifizieren, Dr. Lombard, und es Ihnen ersparen …«