Verlag: Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Der Prediger von Fjällbacka E-Book

Camilla Läckberg  

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E-Book-Beschreibung Der Prediger von Fjällbacka - Camilla Läckberg

Mitten in der Urlaubssaison wird im mondänen Badeort Fjällbacka eine deutsche Urlauberin tot aufgefunden. In ihrer Nähe tauchen die Skelette zweier vor Jahrzehnten verschwundener Frauen auf. Zum Entsetzen der Tourismusindustrie wird kurz darauf eine weitere Frau entführt. In ihrem zweiten Fall kämpfen Erica Falck und Patrik Hedström mit sommerlicher Hitze und religiösem Fanatismus. Die hochschwangere Schriftstellerin und der Kommissar, mit dem sie inzwischen zusammenlebt, ermitteln unter Hochdruck. In ihr Visier rückt schon bald die zerrüttete Familie des freikirchlichen Predigers Ephraim Hult, dessen Söhne Johannes und Gabriel in der Vergangenheit blutige Schuld auf sich geladen haben. Es ist nicht der Gott der Versöhnung, dem die Hults dienen. Es ist der Gott der Rache.

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E-Book-Leseprobe Der Prediger von Fjällbacka - Camilla Läckberg

Das Buch

Es ist ein heißer Sommer, wie ihn Schweden seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Die hochschwangere Erica und ihr Mann Patrik freuen sich auf ihr erstes Kind und genießen die Tage am Meer. Doch dann wird der junge Kommissar ins Revier gerufen: In der Königsschlucht hat man die Leiche einer Frau entdeckt. Dabei handelt es sich um eine deutsche Touristin, die auf grausame Art gefoltert wurde. Nicht genug damit – unter dem leblosen Körper finden sich die Skelette zweier Frauen, die vor fünfundzwanzig Jahren spurlos verschwunden waren; sie weisen die gleichen Misshandlungen wie das jüngste Opfer auf. Das neuerliche Verbrechen kann nur gelöst werden, wenn die alten Gräueltaten aufgeklärt werden. Alle Spuren führen unweigerlich zur Familie des freikirchlichen Predigers Ephraim Hult. Obwohl er längst verstorben ist, stehen seine Söhne und Enkel noch immer im Bann dieses charismatischen Mannes. Es ist nicht der Gott der Versöhnung, dem die Mitglieder der Familie dienen. Es ist der Gott der Rache, der Gott der blutigen Vergeltung.

Die Autorin

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka – der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Weltweit hat Läckberg inzwischen zwölf Millionen Bücher verkauft, sie ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Heute lebt Camilla Läckberg mit ihren Kindern in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm.

www.camillalackberg.com

Von Camilla Läckberg sind in unserem Hause bereits erschienen:

In der Serie »Ein Falck-hedström-Krimi«:

Die Eisprinzessin schläft

Der Prediger von Fjällbacka

Die Totgesagten

Engel aus Eis

Meerjungfrau

Der Leuchtturmwärter

Die Engelmacherin 

Außerdem:

Schneesturm und Mandelduft

Camilla Läckberg

Der Prediger von Fjällbacka

Kriminalroman

Aus dem Schwedischenvon Gisela Kosubek

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-taschenbuch.de

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

ISBN 978-3-8437-1106-7

Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Februar 2015

Alle Rechte an der Übertragung ins Deutsche bei Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2006, 2008

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015

© Camilla Läckberg

Titel der schwedischen Originalausgabe: Predikanten (Forum, Schweden 2004)

Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München

Titelabbildung: © Plainpicture

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

1

Der Tag begann vielversprechend. Er wachte zeitig auf, noch vor dem Rest der Familie, und nachdem er sich so lautlos wie möglich angezogen hatte, konnte er unbemerkt nach draußen entwischen. Es gelang ihm, Ritterhelm und Holzschwert mitzunehmen, und letzteres schwang er nun glücklich, während er die hundert Meter vom Haus bis zum Eingang der Königsschlucht rannte. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte ehrfürchtig in die Kluft mitten im Berg. Es war nicht viel Platz zwischen den Felswänden, die gut zehn Meter zum Himmel aufragten, wo die Sommersonne gerade begonnen hatte, nach oben zu klettern. Drei große Felsblöcke waren für ewig mitten in der Spalte hängengeblieben und boten einen eindrucksvollen Anblick. Der Ort hatte eine magische Anziehungskraft für einen Sechsjährigen, und die Tatsache, daß die Königsschlucht verbotenes Gebiet war, machte sie um so verlockender.

Den Namen hatte sie erhalten, als Oscar II. Ende des 19. Jahrhunderts Fjällbacka besucht hatte, aber davon wußte der Junge nichts, und es interessierte ihn auch nicht, als er sich jetzt vorsichtig zwischen die Schatten schlich, das Holzschwert zum Angriff erhoben. Sein Papa aber hatte ihm erzählt, daß die Szenen in der Höllenschlucht aus dem Film »Ronja Räubertochter« in der Königsschlucht gedreht worden waren, und als er den Film dann selber sah, war er ganz besonders aufgeregt, als der Räuberhäuptling Mattis dort durchritt. Manchmal spielte er hier Räuber, heute aber war er ein Ritter. Ein Ritter der Tafelrunde, wie in dem großen, schönen Bilderbuch, das er von Großmutter zum Geburtstag bekommen hatte.

Vorsichtig schlich er über die großen Felsbrocken, die den Boden bedeckten, und machte sich bereit, den gewaltigen feuerspeienden Drachen mit seinem Schwert kühn anzugreifen. Die Strahlen der Sommersonne reichten nicht bis in den Spalt hinunter, wodurch es hier kalt und dunkel war. Der perfekte Ort für einen Drachen. Bald würde er dem Ungeheuer den Hals aufschlitzen, so daß das Blut nur so spritzte, und nach einem lang andauernden Todeskampf würde es leblos vor seine Füße stürzen.

Irgend etwas im Augenwinkel erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Stück roter Stoff lockte hinter einem großen Stein, und die Neugier siegte. Vielleicht war dort ein Schatz verborgen. Er nahm Anlauf, sprang auf den Stein und schaute auf die andere Seite. Fast wäre er rückwärts hinuntergefallen, aber nachdem er ein paar Sekunden mit den Armen rudernd hin und her geschwankt war, fand er das Gleichgewicht wieder. Hinterher würde er nicht zugeben, daß er Angst bekommen hatte, aber genau in diesem Augenblick hatte er mehr Angst gehabt als in seinem ganzen bisherigen Leben. Eine Frau lag dort und belauerte ihn. Sie lag auf dem Rücken und schaute mit starrem Blick direkt zu ihm hoch. Seine erste Reaktion war zu fliehen, bevor sie ihn packte und dahinterkam, daß er hier spielte, obwohl es verboten war. Vielleicht würde sie aus ihm herauspressen, wo er wohnte, und ihn nach Hause zu Papa und Mama schleppen, die furchtbar böse werden und fragen würden, wie oft sie es ihm denn noch verbieten sollten, ohne Erwachsene zu der Schlucht zu gehen.

Aber das merkwürdige war, daß sich die Frau nicht rührte. Sie hatte auch keine Sachen an, und einen Moment wurde er ganz verlegen, weil er dastand und eine nackte Frau anschaute. Das Rote, was er bemerkt hatte, war kein Stück Stoff, sondern eine Tasche, die direkt neben ihr lag, aber er konnte nirgendwo Kleider sehen. Komisch, hier einfach nackt dazuliegen. Es war doch so kalt.

Dann kam ihm der unmögliche Gedanke, daß die Frau vielleicht tot war! Ihm fiel keine andere Erklärung dafür ein, weshalb sie so still dalag. Diese Erkenntnis ließ ihn vom Stein springen und langsam zum Eingang der Schlucht zurückweichen. Nachdem er ein paar Meter zwischen sich und die tote Frau gebracht hatte, drehte er sich um und rannte, so schnell er konnte, nach Hause. Es war ihm jetzt egal, ob man ihn ausschimpfte.

Der Schweiß ließ das Laken am Körper kleben. Erica wälzte sich im Bett hin und her, aber es war unmöglich, eine bequeme Schlafposition zu finden. Die helle Sommernacht machte das Einschlafen nicht gerade leichter, und zum tausendstenmal nahm sie sich vor, Verdunklungsgardinen zu kaufen und sie schnell anzubringen – vielmehr es von Patrik machen zu lassen.

Sein zufriedenes Schnaufen neben ihr brachte sie zur Weißglut. Wie konnte er sich unterstehen, neben ihr leise vor sich hin zu schnarchen, während sie Nacht für Nacht wach lag? Es war ja schließlich auch sein Baby. Müßte er nicht aus Sympathie oder dergleichen ebenfalls wach liegen? Sie stupste ihn ein bißchen, in der Hoffnung, daß er aufwachte. Keine Regung. Sie puffte ihn ein bißchen derber. Er grunzte, zog die Decke um sich und drehte sich auf die andere Seite.

Seufzend legte sie sich auf den Rücken, verschränkte die Arme über der Brust und starrte an die Decke. Der Bauch wölbte sich wie ein großer Globus in die Luft, und sie versuchte das Baby vor sich zu sehen, wie es dort drinnen im Dunkeln im Fruchtwasser schwamm. Vielleicht hatte es den Daumen im Mund. Doch noch war alles zu unwirklich, als daß ihr irgendwelche Säuglingsbilder vor Augen kamen. Sie war im achten Monat schwanger, aber konnte noch immer nicht begreifen, daß es da drinnen ein Baby gab. Nun ja, sehr bald würde das nur allzu wirklich sein. Erica wurde zwischen Sehnsucht und Furcht hin und her gerissen. Es war schwierig, sich die Zeit nach der Geburt vorzustellen. Wenn sie ehrlich sein sollte, konnte sie im Moment kaum über das Problem hinaussehen, nicht mehr auf dem Bauch schlafen zu können. Sie schaute auf die leuchtenden Ziffern des Weckers. Vier Uhr zweiundvierzig. Vielleicht sollte sie Licht machen und lieber ein bißchen lesen?

Dreieinhalb Stunden und einen schlechten Krimi später war sie gerade dabei, sich aus dem Bett zu wälzen, als das Telefon durchdringend klingelte. Sie reichte den Hörer wie gewohnt an Patrik weiter.

»Hallo, hier Patrik.« Seine Stimme klang schlaftrunken. »Ja, natürlich, o verdammt, ja, ich bin in einer Viertelstunde da. Wir sehen uns dort.«

Er drehte sich zu Erica um. »Wir haben einen Einsatz. Ich muß los.«

»Aber du hast doch Urlaub. Kann das nicht jemand anders machen?« Sie hörte, daß sie nörglig klang, aber eine Nacht ohne Schlaf war nicht gerade gut für die Stimmung.

»Es geht um Mord. Mellberg will, daß ich mitkomme. Er fährt auch raus.«

»Ein Mord? Wo denn?«

»Hier in Fjällbacka. Ein kleiner Junge hat heute morgen in der Königsschlucht eine tote Frau gefunden.«

Patrik kleidete sich rasch an, was dadurch erleichtert wurde, daß man sich mitten im Juli befand und nur luftige Sommersachen brauchte. Bevor er aus der Tür stürmte, stieg er noch einmal ins Bett und gab Erica einen Schmatz auf den Bauch, ungefähr dort, wo ihrer schwachen Erinnerung nach früher einmal der Nabel gesessen hatte.

»Mach’s gut, Bambino. Sei jetzt lieb zu Mama, dann bin ich bald wieder zu Hause.«

Er küßte Erica rasch auf die Wange und eilte los. Seufzend hievte sich Erica aus dem Bett und streifte eins der Zeltkleider über, zwischen denen sie im Moment nur wählen konnte. Obwohl sie es besser hätte wissen müssen, hatte sie massenweise Babybücher gelesen, und ihrer Meinung nach sollte man all die Leute, die vom freudvollen Dasein in der Schwangerschaft berichteten, auf den Marktplatz stellen und verprügeln. Kein Schlaf, Gliederschmerzen, Schwangerschaftsstreifen, Hämorrhoiden, Schweißausbrüche und Hormonstörungen allgemeinster Art entsprachen der Wahrheit viel mehr. Und sie leuchtete weiß Gott auch nicht, weil in ihr eine seligmachende Glut glomm. Brummelnd schlurfte sie die Treppe hinunter auf der Jagd nach der ersten Tasse Kaffee des Tages. Die würde hoffentlich dafür sorgen, daß sich die Nebel lichteten.

Als Patrik ankam, herrschte bereits fieberhafte Aktivität. Der Eingang zur Königsschlucht war mit gelbem Plastikband abgesperrt, und er zählte drei Streifenwagen und eine Ambulanz. Die Spurensicherung aus Uddevalla war bereits in die Arbeit vertieft, und er war erfahren genug, um nicht direkt in den Fundort hineinzutrampeln. Das waren Anfängerfehler, was seinen Chef, Kommissar Mellberg, jedoch nicht hinderte, direkt zwischen den Kriminaltechnikern herumzutapsen. Verzweifelt starrten die auf seine Kleidung und seine Schuhe, die in diesem Augenblick Tausende von Fasern und Partikeln an ihrem empfindlichen Arbeitsplatz hinterließen. Als Patrik vor dem Band stehenblieb und Mellberg zuwinkte, stieg der zur großen Erleichterung der Kollegen endlich über die Absperrung nach draußen.

»Grüß dich, Hedström.«

Seine Stimme klang herzlich, ja fast erfreut, und Patrik zuckte vor Verwunderung zusammen. Einen Augenblick lang glaubte er, Mellberg sei im Begriff, ihn zu umarmen, aber glücklicherweise war das nur ein Gefühl. Der Mann wirkte wie verwandelt! Es war nicht länger als eine Woche her, daß Patrik in Urlaub gegangen war, aber sein Chef war wirklich nicht mehr jener Mann, der mit mürrischer Miene am Schreibtisch gesessen und gebrummelt hatte, daß Urlaub überhaupt abgeschafft werden müßte.

Mellberg schüttelte Patrik eifrig die Hand und klopfte ihm auf den Rücken.

»Und wie steht’s mit der Legehenne zu Hause? Wird’s nun bald was, oder?«

»Nicht eher als in anderthalb Monaten, laut den Ärzten.«

Patrik konnte noch immer nicht verstehen, was bei Mellberg diese Freudenäußerung hervorgerufen hatte, aber er schob die Neugier beiseite und versuchte sich auf den Anlaß seines Hierseins zu konzentrieren.

»Was habt ihr gefunden?«

Mellberg machte eine Kraftanstrengung, um das Lächeln aus seinem Gesicht zu verbannen, und wies in das schattige Innere der Schlucht.

»Ein kleiner Junge, etwa sechs Jahre alt, hat sich heute früh zeitig aus dem Haus geschlichen, während seine Eltern noch schliefen. Er wollte wohl hier zwischen den Felsblöcken den mutigen Ritter spielen. Statt dessen fand er eine tote Frau. Wir sind Viertel nach sechs alarmiert worden.«

»Wie lange hat die Spurensicherung den Fundort schon untersucht?«

»Sie sind vor einer Stunde gekommen. Der Krankenwagen war zuerst da, und der Notarzt konnte sofort bestätigen, daß irgendwelche medizinischen Maßnahmen nicht erforderlich waren, von da an hatte die Spurensicherung freie Hand. Sind ja wirklich ein bißchen penibel, diese Burschen … Ich wollte mich dort drinnen nur ein wenig umsehen, und ich muß schon sagen, sie haben sich richtig ungehobelt benommen. Ja, ja, man wird wohl ziemlich anal, wenn man den ganzen Tag auf der Erde rumkriecht und mit der Pinzette nach Fasern sucht.«

Jetzt erkannte Patrik seinen Chef wieder. Das hier waren schon eher Mellbergs Töne. Doch wußte Patrik, aus Erfahrung weise geworden, daß es sich nicht lohnte, dessen Auffassungen zu korrigieren. Es war leichter, das Ganze einfach zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rauszulassen.

»Was wissen wir über die Frau?«

»Im Moment nichts. Vermutlich um die fünfundzwanzig. Das einzige Kleidungsstück, wenn man es nun so nennen kann, ist eine Handtasche, ansonsten ist sie splitternackt. Übrigens ziemlich anständige Titten.«

Patrik schloß die Augen und wiederholte in Gedanken, gleich einem stillen Mantra: Es dauert nicht mehr lange, bis er in Pension geht. Es dauert nicht mehr lange …

Mellberg fuhr ungerührt fort: »Es läßt sich keine offensichtliche Todesursache feststellen, aber sie ist ziemlich übel zugerichtet. Am ganzen Körper blaue Flecken und so einige Wunden, vermutlich Messerstiche. Und, ach ja, sie liegt auf einer grauen Decke. Der Gerichtsmediziner ist hier und sieht sie sich an, so daß wir hoffentlich recht bald eine vorläufige Einschätzung erhalten.«

»Es ist niemand in ihrem Alter als vermißt gemeldet?«

»Nein, nicht mal annähernd. Neulich wurde das Verschwinden eines Kerls gemeldet, aber es stellte sich heraus, daß er es nur satt hatte, mit seiner Alten eingeklemmt im Wohnwagen zu hocken. Statt dessen ist er mit einer Mieze abgezogen, die er in der ›Galeere‹ kennengelernt hatte.«

Patrik sah, daß das Team um die tote Frau jetzt dabei war, sie vorsichtig in einen Leichensack zu heben. Über Hände und Füße hatte man, wie es Vorschrift war, Plastiktüten gezogen, um keine eventuellen Spuren zu vernichten. Routiniert verstauten die Kriminaltechniker aus Uddevalla die Frau im Sack. Dann mußte auch die Decke, auf der sie gelegen hatte, in einer Plastiktüte verwahrt werden, damit man sie später gründlich untersuchen konnte.

Der verblüffte Ausdruck in den Gesichtern der Männer und die Art, wie sie mitten in der Bewegung erstarrten, sagten Patrik, daß etwas Unerwartetes eingetroffen war.

»Was ist los?«

»Ihr werdet es nicht glauben, aber hier liegen Knochen. Und zwei Totenköpfe. Bei der Menge der Gebeine würde ich vermuten, daß sie ziemlich genau zwei Skelette ergeben.«

2

Sommer 1979

Sie schlingerte ziemlich, als sie in der Mittsommernacht nach Hause radelte. Die Feier war etwas heftiger ausgefallen, als sie geplant hatte, aber das spielte keine Rolle. Sie war schließlich erwachsen, also konnte sie ja wohl machen, was sie wollte. Das Beste von allem war, daß sie von dem Kind ein Weilchen losgekommen war. Diese Göre mit ihrem Geschrei, ihrem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und ihren Forderungen nach etwas, das sie ihr nicht zu geben vermochte. Das Kind hatte schuld daran, daß sie noch immer zu Hause bei Mutter wohnen mußte und daß die Alte sie kaum vor die Tür ließ, obwohl sie bereits zwanzig war. Es war ein Wunder, daß man sie heute abend weggelassen hatte, damit sie Mittsommer feiern konnte.

Hätte sie das Kind nicht gehabt, würde sie zu diesen Zeitpunkt allein wohnen und eigenes Geld verdienen. Könnte ausgehen, wann sie wollte, und nach Hause kommen, wenn sie es selbst für richtig hielt, ohne daß jemand das Recht hätte, sich in die Sache einzumischen. Aber mit dem Kind ging das nicht. Am liebsten hätte sie die Göre weggegeben, aber darauf ließ sich die Mutter nicht ein, und den Preis dafür hatte ganz allein sie zu bezahlen. Wenn die Alte das Kind nun so gern behalten wollte, konnte sie sich ja wohl auch um die Göre kümmern.

Ganz sicher würde es ein Mordstheater geben, wenn sie im Morgengrauen so hier reingestolpert kam. Ihr Atem stank nach Alkohol, und das würde sie am nächsten Tag garantiert ausbaden dürfen. Aber das war die Sache wert gewesen. Soviel Spaß hatte sie nicht mehr gehabt, seit das Balg geboren war.

An der Tankstelle fuhr sie direkt über die Kreuzung und blieb noch ein Stück auf der Straße. Dann bog sie nach links Richtung Bräcke ab, wobei sie fast im Straßengraben gelandet wäre. Das Fahrrad richtete sich wieder auf, und sie beschleunigte das Tempo, um für das erste steile Stück ein bißchen Extraschwung zu haben. Der Fahrtwind ließ ihr Haar wehen, und die helle Sommernacht war völlig still. Für einen Moment schloß sie die Augen und dachte an jene helle Sommernacht, als sie von dem Deutschen schwanger geworden war. Es war eine herrliche und verbotene Nacht gewesen, aber das Ganze war den Preis nicht wert, den sie hatte bezahlen müssen.

Plötzlich öffnete sie wieder die Augen. Etwas hielt das Rad abrupt an, und das letzte, woran sie sich erinnerte, war die Erde, die ihr mit rasender Geschwindigkeit entgegenkam.

Zurück im Revier, versank Mellberg ganz gegen seine Gewohnheit in tiefe Gedanken. Patrik sagte ebenfalls nicht viel, als er ihm im Pausenzimmer gegenübersaß, sondern überdachte die Ereignisse des Morgens. Eigentlich war es zu warm, um Kaffee zu trinken, aber er brauchte etwas Stärkendes, und Alkohol war kaum das richtige. Beide wedelten sich zerstreut Luft zu. Die Ventilation war seit zwei Wochen außer Betrieb, und es war ihnen noch immer nicht gelungen, jemanden zu bekommen, der sie reparieren konnte. Vormittags war es bisher noch erträglich, aber um die Mittagszeit erreichte die Hitze qualvolle Temperaturen.

»Was geht da vor sich, verdammt?« Mellberg kratzte sich nachdenklich irgendwo mitten in dem Haarnest, das auf seinem Kopf aufgebaut war, um den kahlen Scheitel zu verdekken.

»Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Eine Frauenleiche, die auf zwei Gerippen liegt. Wenn nicht wirklich jemand getötet worden wäre, hätte ich gedacht, daß es nach einem Dummejungenstreich aussieht. Skelette, die aus irgendeinem Biologieraum oder ähnlichem gestohlen wurden, aber es läßt sich ja nicht leugnen, daß die Frau ermordet worden ist. Ich habe auch eine Bemerkung von einem von der Spurensicherung gehört, der gesagt hat, daß die Gebeine nicht sonderlich frisch aussähen. Aber das hängt ja natürlich davon ab, wo sie sich befunden haben. Ob sie Wind und Wetter ausgesetzt waren oder irgendwo geschützt gelegen haben. Hoffentlich kann der Gerichtsmediziner eine ungefähre Angabe darüber machen, wie alt sie sind.«

»Ja, genau, wann, glaubst du, daß wir seinen ersten Bericht bekommen?« Mellberg legte die Stirn bekümmert in Falten.

»Im Laufe des Tages erhalten wir wohl die erste Einschätzung, dann dauert es vermutlich ein paar Tage, bevor er alles genauer durchgegangen ist. Also bis auf weiteres müssen wir mit dem arbeiten, was wir in Händen haben. Wo sind die anderen?«

Mellberg seufzte. »Gösta hat einen freien Tag. Irgendein verdammtes Golfturnier oder so was. Ernst und Martin sind auf einem Einsatz. Annika ist auf Teneriffa. Hatte wohl gedacht, es würde auch diesen Sommer hier bloß regnen. Das arme Luder. Muß nicht gerade Spaß gemacht haben, bei solchem Wetter aus Schweden wegzufahren.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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