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Auf dem Weg nach Paris zur Internationalen Generalkonferenz für Maß und Gewicht wird der spanische Delegierte und namenlose Erzähler dieses außergewöhnlichen Romans Zeuge davon, wie ein alter Mann in einem Fastfood-Restaurant ausgesetzt wird. Mehr oder weniger unfreiwillig nimmt er sich des Fremden an, auf dessen Unterarm eine geheimnisvolle Tätowierung in kyrillischen Buchstaben prangt. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Alten um den Atomphysiker Wassili Nesterenko handelt, dank dessen Intervention damals in Tschernobyl noch Schlimmeres verhindert werden konnte, verwischen sich die Grenzen zwischen Fiktion und Fakten vollends: Sebastián entführt uns aus Paris nach Prypjat, der Retortenstadt in unmittelbarer Nähe des Reaktors, und erzählt eindringlich die Schicksale seiner Bewohner.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Roman
Aus dem Spanischen von Anja Lutter
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Die spanische Originalausgabe erschien unter dem Titel El ciclista deChernóbil bei DVD Ediciones in Barcelona.
E-Book-Ausgabe 2013© 2011 Javier Sebastián© 2013 für die deutsche Ausgabe:Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Alle Rechte vorbehalten.Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, istohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig undstrafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten vonKopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN 978 3 8031 4141 5Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN 978 3 8031 2711 2
Für meine Eltern,denen ich mein erstes Wort verdanke.
Der Roman basiert in Teilen auf dem Leben des Kernphysikers Wassili B. Nesterenko, der im August 2008 in Minsk verstorben ist.
Jede Sekunde war ewig, als würde sich alles auf dem Meeresboden abspielen.
Ich überflog eine Reportage über den Untergang der Lusitania 1915, und als ich aufblickte, sah ich sie die Treppe hinaufkommen. 1 198 Passagiere waren damals ums Leben gekommen auf dem Dampfer, der unter britischer Flagge fuhr. Der alte Mann und die Frau sahen aus wie Überlebende der Tragödie.
Es war ein modernes Selbstbedienungsrestaurant mit Leuchttafeln, auf denen für diverse Menükombinationen mit Beilagen und Extras geworben wird. Die beiden gingen zu einem Tisch neben der Theke mit dem Serviettenspender und den portionsweise abgepackten Saucentütchen. Die Frau schleppte zwei volle Kleidertüten, die nach Umzug aussahen. Ich riss mich zusammen und wandte mich wieder meiner Sonntagsbeilage zu; was ich dort sah, fiel nicht in mein Gebiet. Derjenige, der befohlen hatte, die Lusitania zu torpedieren, so las ich, hatte die Seekriegsbestimmungen missachtet, die verlangten, dass die Passagiere ziviler Schiffe vor einem Angriff ausgebootet sein mussten.
Wie magnetisch angezogen, wanderte mein Blick zu den soeben eingetroffenen Schiffbrüchigen hinüber. Der Mann hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, oder vielmehr hatte er sich darauf fallen lassen. Ich nahm an, dass ihn furchtbare Rheumaschmerzen plagten. Er kippte in eine gefährliche Schieflage, die Frau setzte ihn wieder gerade hin.
Es ging mich nichts an, also schaute ich wieder in meine Zeitung. Von einem Artikel über die Tobin-Steuer interessierte mich lediglich die Überschrift, ich blätterte weiter und blieb bei einer Werbeanzeige hängen. Eine weibliche Bikinihüfte mit einer Digital-Pentax darauf, an dem Strand wäre ich jetzt auch gern. Aber das geht nicht, es ist Sonntag und es ist September, ich bin tausendeinhundert Kilometer weit weg von zu Hause, und hier schaut keiner irgendjemanden an. Keiner außer mir, ich linse hinter meiner Zeitung hervor und habe alles im Blick: Die zwei Lusitania-Überlebenden haben ihre Essensschachteln geöffnet, Juniorboxen, die Frau muss es machen, er kann es nicht. Vielleicht hat einer von beiden Geburtstag, und sie wollen hier feiern. Das Lokal befindet sich auf der berühmtesten Prachtstraße des Landes. Das Land ist Frankreich. Und durch die breite Fensterfront hat man einen echten Luxusblick.
Der Mann kippt wieder zur Seite. Sie schiebt ihn zurück, damit er nicht abstürzt, wie sie es an diesem Tag sicher schon viele Male hat tun müssen. Dann streicht sie ihm das Haar aus dem Gesicht.
Ich brauchte Servietten, das war meine Ausrede, um an ihnen vorbeizuschlendern. Da sah ich alles. Der Mann konnte kaum kauen, ich denke sogar, er aß im Grunde gar nicht.
In den Tüten waren tatsächlich Kleider. Das konnte ich immerhin genau erkennen.
Zurück an meinem Tisch, breitete ich die Sonntagsbeilagen wie einen Fächer vor mir aus, als hätte ich vor, noch eine ganze Weile zu bleiben; es kam mir auf einmal ganz gemütlich vor hier, beinahe wie zu Hause. Ich linste wieder hinüber. Sein Anzug war ihm zu weit. Das Jackett hatte ihm vielleicht früher mal gepasst, jetzt aber nicht mehr.
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