Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der Neue Wall eine bevorzugte Einkaufs- und Geschäftsstraße in der Hamburger Innenstadt. In den 1930er-Jahren gab es dort über 40 Geschäfte, Firmensitze und Banken mit jüdischen Inhabern. Sie blieben auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in der Hoffnung, dass die neue Regierung sich nach dem rüden Antisemitismus der ersten Monate und dem "Judenboykott" vom 1. April 1933 mäßigen werde. Aber die teils seit Jahrzehnten am Neuen Wall ansässigen Unternehmen wie das Damenmodegeschäft Gebr. Hirschfeld, das Hutgeschäft Hammerschlag, der Optiker Campbell & Co., der Fotograf Max Halberstadt, das Bankhaus Philipson & Wolff – sie alle konnten Druck und Entrechtung durch das NS-Regimes am Ende nicht standhalten. Einige Unternehmen wurden schon vor dem Pogrom vom 9./10. November 1938 "arisiert"; ihre Besitzer mussten weit unter Wert an Nutznießer des Regimes verkaufen, ihre Konten wurden gesperrt, ihre Lebensgrundlagen zerstört. Wer konnte, wanderte aus, musste aber seinen Besitz zurücklassen oder versteigern. Nicht allen gelang die Flucht, manche wurden in Vernichtungslager deportiert oder starben unter dem Druck der Verfolgung. Wer den Krieg und das Exil überlebt hatte, konnte Entschädigung beantragen. In vielen Fällen entspann sich ein oft Jahre dauernder, kleinlicher Kampf mit dem Amt für Wiedergutmachung. Das Buch ist Teil eines multimedialen erinnerungskulturellen Projektes der Evangelischen Akademie der Nordkirche zum Thema "Arisierung" am Neuen Wall.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Raub
CORDASCHENBRENNER
Der Raub
Enteignung undVertreibung der jüdischenGeschäftsleute amNeuen Wall in Hamburg
Herausgegeben von Jörg Herrmann und Stephan Linck, Evangelische Akademie der Nordkirche
»Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.«
Primo Levi
Vorwort des Herausgebers
EINLEITUNG
»ARISIERUNG« AM NEUEN WALL IN HAMBURG
Diskriminierung, Enteignung und der Kampf um Wiedergutmachung
KAPITEL 1
»WIR JÜDISCHEN INHABER MIT GUTEM RUF UND NAMEN KONNTEN NICHT DURCHHALTEN.«
Die Brüder Gans, der Boykott und das Ende ihres Stoffgeschäfts
KAPITEL 2
EIN »ARISIERUNGSFALL, DER IN AUSGESPROCHEN FREUNDSCHAFTLICHER WEISE UND FAIRER FORM DURCHGEFÜHRT« WURDE?
Benno Hirschfeld und seine Neffen verlieren das Verfügungsrecht über ihr Modehaus.
KAPITEL 3
»WIR WOLLTEN DEN VERSUCH MACHEN, UNS ZU BEHAUPTEN.«
Das Modehaus Gebr. Robinsohn und sein letzter Inhaber Hans Robinsohn
KAPITEL 4
»DIE ANTRAGSTELLER HABEN NICHT DIE ABSICHT, SICH ZU BEREICHERN.«
Die »Arisierung« des Optikgeschäfts Campbell & Co. und der Kampf um Entschädigung nach dem Krieg
KAPITEL 5
»JETZT HABEN WIR DEN JUDEN ARENDT ENDLICH!«
Ein neuer Besitzer macht das Modehaus Simon Arendt zum Modenhaus Horn
KAPITEL 6
»SIE KÖNNEN VERSICHERT SEIN, DASS ICH GENAU WIE SIE IN 1938 FAIR HANDELN WERDE.«
Das wechselhafte Verhältnis der Kaufleute Rudolf Reich und Ernst Cohn zu ihren Nachfolgern
KAPITEL 7
»DA UNSER ALLER LEBEN IN SEINER GERADEN LINIE DURCH DIE HITLER-ZEIT UNTERBROCHEN WURDE«
Das Bankhaus Philipson & Wolff und das Schicksal seiner Inhaber
KAPITEL 8
»FORTGESETZTE RASSENSCHANDE«
Das Hutmacherpaar Alma und Hermann Hammerschlag und ihr knappes Entkommen
KAPITEL 9
»EINE KÜNSTLERISCH BEGABTE PERSÖNLICHKEIT«
Der Fotograf Max Halberstadt – erst vielgerühmt, dann ausgestoßen
KAPITEL 10
»SEIN EINFLUSS AUF DIE FIRMA IST BEREITS VOLLSTÄNDIG AUSGESCHALTET.«
Das Unternehmerpaar Ernst und Martha Keiler und das Ende ihres Hamburger Lebens
KAPITEL 11
»ER HAT SICH AUF BESONDERS FAIRE UND KORREKTE ART BETRAGEN.«
Kurt Blankenstein wird von seinem früheren Geschäftspartner heimlich unterstützt189
KAPITEL 12
»VON JETZT AB BIN ICH DER INHABER DIESER FIRMA.«
Enteignung, Verdrängung und Kampf mit dem Amt – die Geschichte des Firmenerben Peter Bachmann
KAPITEL 13
»DER ANTRAGSTELLER HAT ES VORGEZOGEN, DEUTSCHLAND 1938 ZU VERLASSEN.«
Der Maschinenexporteur Waldemar Horwitz und sein Kampf um Entschädigung
Nachbemerkung
Verwendete Literatur
Die Quellenlage
Abbildungsnachweise
Endnoten
Der Neue Wall ist die vielleicht repräsentativste Einkaufsstraße der Hamburger Innenstadt. Hier wurde 2005 der erste Business Improvement District (BID) in Deutschland gegründet.1 Er soll für »Aufenthaltsqualität und das Wohlbefinden der Kunden« sorgen.2 Doch was sich hinter der glitzernden Oberfläche des Neuen Walls an Geschichte verbirgt, welche Verbrechen auf dieser Straße vor aller Augen und hinter den Fassaden vor bald 90 Jahren begangen wurden, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Zwei wenig informative Tafeln am Standort der früheren Modehäuser Gebr. Hirschfeld und Gebr. Robinsohn (»Zum Gedenken an das Modehaus Gebr. Robinsohn, das sich bis zu seiner Zerstörung am 9.11.1938 an dieser Stelle befand«) geben darüber keinerlei Aufschluss. Dass hier einmal ein jüdisches Modehaus stand, das 1932 mit 700 Mitarbeitenden und 15 großen Schaufenstern sein 40. Jubiläum feierte und nur sechs Jahre später in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von Einheiten der SA und SS systematisch demoliert, zerstört und ausgeplündert wurde, weiß so gut wie niemand. Dass es einmal so weit kommen würde, hatte sich auch der damalige Geschäftsführer Hans Robinsohn (und mit ihm viele andere jüdische Kaufleute) nicht vorstellen können. Es gelang ihm zum Glück, Hamburg noch am Tag nach der Zerstörung seines Geschäftes rechtzeitig zu verlassen und unterzutauchen. Im Rückblick schrieb er 1958: »Vor allem aber reichte unsere Fantasie nicht aus, sich die Maßnahmen deutlich zu machen, die man von Staat und Partei gegen jüdische Betriebe ergreifen würde. Auf einen Status minderen Rechts waren wir vorbereitet – aber nicht auf den Zustand völliger Rechtlosigkeit.«3 Wie Robinsohn erging es vielen jüdischen Unternehmerinnen und Unternehmern – am Neuen Wall, in Hamburg und in ganz Deutschland.
Für mich selbst kam das Thema »Arisierung« durch Gespräche mit dem 2013 verstorbenen Filmemacher und Pädagogen Jens Huckeriede in den Blick. Er machte mich auf die schon 1997 veröffentlichte Dissertationsschrift des Historikers Frank Bajohr »›Arisierung‹ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmen 1933 – 1945« aufmerksam. Verbunden war damit die Wahrnehmung, dass seit Bajohrs Buch in dieser Sache wenig passiert war und beim Thema der Entrechtung und Enteignung jüdischer Kaufleute und Unternehmen eine Lücke im städtischen Gedächtnis klafft. Es war offensichtlich, dass hier etwas getan werden könnte und sollte.
Dass die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein zentrales Thema für die Arbeit der 2007 neu eröffneten Evangelischen Akademie der Nordelbischen Kirche sein sollte, war von Anfang an klar.4 Dieses Themenfeld gehört zur DNA evangelischer Akademiearbeit, waren doch die Evangelischen Akademien unmittelbar nach dem Krieg nicht zuletzt als Antwort auf die Katastrophe des Nationalsozialismus und der Verbrechen der Shoah gegründet worden. Die Akademien sollten zum Gelingen der jungen Demokratie beitragen. Der Erinnerungsdiskurs und das »Nie wieder!« waren zentrale Themen dieser Gründungsagenda. Seitdem leisteten und leisten Evangelische Akademien Beiträge zu einer vielfältigen Praxis, für die heute der Begriff Erinnerungskultur steht. So auch die Evangelische Akademie der Nordkirche – wie unsere Akademie seit der Fusion mit der Evangelischen Akademie Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen der Gründung der Nordkirche 2012 heißt.5
Weitere Überlegungen im Blick auf das Hamburger »Arisierungs«-Thema wurden dann durch die Kontroversen um die Rolle Hamburgs und insbesondere seiner Wirtschaftseliten in der NS-Zeit im Jahr 2015 ausgelöst. Den Anstoß gab das Buch »Hanseaten unterm Hakenkreuz. Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich«, das von der Handelskammer Hamburg aus Anlass ihres 350. Jubiläums bei dem Journalisten Uwe Bahnsen in Auftrag gegeben worden war.6 In dem Buch dominiere »eine sehr günstige Einschätzung des Verhaltens der Hamburger Wirtschaftselite«, kritisierten Detlev Garbe und Axel Schildt.7 Auch andere Rezensenten monierten, dass das Buch wissenschaftlichen Maßstäben nicht genüge und eher dazu beitrage, das Fortleben der Legende zu bestärken, in Hamburg sei alles »nicht so schlimm« gewesen, die Hamburger Kaufmannschaft habe das NS-Regime im Grunde abgelehnt und die »Entjudung« der Wirtschaft nur widerwillig geschehen lassen. Erneut stand damit die Frage im Raum, wie es denn nun wirklich gewesen war – soweit sich das historisch rekonstruieren lässt. Die Handelskammer Hamburg zog aus der Kritik an dem von ihr in Auftrag gegebenen Buch den Schluss, ihre Rolle in der NS-Zeit noch einmal wissenschaftlich untersuchen zu lassen.8
Seit 2018 beschäftigten uns in der Akademie und besonders meinen Kollegen Stephan Linck dann die Auseinandersetzungen um einen angemessenen Gedenkort im Stadthaus, der ehemaligen norddeutschen Gestapo-Zentrale.9 Die Debatte um das Stadthaus an der Ecke Bleichenbrücke/Neuer Wall lenkte den Blick dabei auf die sich unmittelbar anschließende Einkaufsstraße Neuer Wall. In der von Frank Bajohr am Ende seiner Arbeit verzeichneten Liste von 625 bis zum Jahr 1939 arisierten oder liquidierten jüdischen Unternehmen in Hamburg (bis zu Kriegsbeginn waren es rund 1500) finden sich allein 39 Geschäfte mit einer Adresse in der 580 Meter langen Straße Neuer Wall. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, diese Straße im Zentrum und damit auf der Hauptbühne der Stadt einmal genauer in den Blick zu nehmen und die Geschichten der jüdischen Unternehmen, ihrer Inhaber und ihrer Familien aufbauend auf der Arbeit von Bajohr vertieft zu recherchieren und zum Gegenstand öffentlicher Erinnerungskultur zu machen.
Also schrieb ich zu Beginn der Corona-Pandemie eine Projektskizze und beantragte Mittel. Für die historische Recherche konnten wir den Historiker und Journalisten Cord Aschenbrenner gewinnen. Im Frühjahr 2022 konnte er damit beginnen. Das Durcharbeiten immenser Aktenstapel im Staatsarchiv und insbesondere der komplizierten und sich zum Teil über Jahrzehnte hinziehenden Vorgänge der sogenannten Wiedergutmachung erwies sich als ungeahnt zeitraubend.
Es gab aber auch hilfreiche Wendungen. Durch die Unterstützung unseres Beiratsmitgliedes Ruben Herzberg, ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, gelang es, unser Projekt innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinden weit über Hamburg hinaus bekannt zu machen.10 Rückmeldungen aus Übersee bereicherten daraufhin unsere Recherche. Aber auch aus Hamburg selbst erreichten uns Mails und Anrufe nach den ersten Veröffentlichungen zu unserem Projekt im Hamburger Abendblatt (16.3.24) und im TV-Magazin Hamburg Journal des NDR (10.4.24). Es ergab sich sogar eine Begegnung mit dem in Spanien lebenden Musiker Esteban Hirschfeld, Enkel von Rudolf Hirschfeld, einem der früheren Inhaber des Modehauses Gebr. Hirschfeld, der durch glückliche, der Liebesaffäre eines Konsuls geschuldete Umstände noch nach Uruguay hatte fliehen könnten.
Heute können wir die erste eigene Publikation vorlegen, die 13 Geschichten von ehemals angesehenen, in der Hamburger Stadtgesellschaft anerkannten und vielfältig engagierten jüdischen Unternehmerinnen und Unternehmern exemplarisch beschreibt. Die Mehrzahl konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, die meisten verließen Deutschland ausgeraubt, gedemütigt und mittellos. Einige wurden deportiert und ermordet, sind in Konzentrationslagern gestorben oder an den Folgen der Vertreibung und Entrechtung zugrunde gegangen.
Eine Website, die alle bekannten Arisierungsfälle am Neuen Wall zur Darstellung bringt und auch einige wenige Unternehmungen im Umfeld (z.B. die Privatbank »Rothschild & Baruch« und das »Warenhauses Hermann Tietz«, aus dem das heutige »Alsterhaus« wurde) berücksichtigt, soll folgen. Ein Audiowalk ist ebenfalls in Planung, und schließlich streben wir die Aufstellung von Tafeln im öffentlichen Raum an, eine Form der permanenten Erinnerung, die Passanten mit kurzen Texten und vermittels QR-Codes Zugänge zur Geschichte des Ortes vermitteln will.
Was unsere Untersuchung sichtbar macht, ist nur ein Ausschnitt. Weitere Recherchen sind notwendig, um das Ausmaß der damaligen Geschehnisse noch konkreter vor Augen zu führen, die Dimension einer bis dahin unvorstellbaren Unmenschlichkeit.
Im Zusammenspiel mit den vielen Erinnerungsorten und erinnerungskulturellen Projekten in Hamburg wollen wir mit unseren Recherchen und Veröffentlichungen zur »Arisierung«, einem vom NS-Staat initiierten Beutezug, zur Arbeit am Gedächtnis der Stadt beitragen. Es soll die Erinnerung an das Ungeheuerliche der systematischen staatlichen Verfolgung, Entrechtung, Enteignung und Ermordung der europäischen Juden wachhalten und auf diese Weise daran mitwirken, »dass Auschwitz nicht sich wiederhole«.11 Zu guter Letzt sei allen gedankt, die mitgearbeitet haben: meinen Hamburger Kolleginnen und Kollegen Marlise Appel, Ulrich Hentschel, Jürgen Heilig, Andrea Kaiser, Stephan Linck und Michael Stahl, der Stiftung für Wissenschaft und Kultur und der Nordkirche für das Zurverfügungstellen der notwendigen Mittel für Recherchen und Publikationen, dem Wachholtz Verlag für die gute Zusammenarbeit und natürlich dem Beirat des Projektes für fachkundige Begleitung und viele Hinweise.
Jörg Herrmann
Evangelische Akademie der Nordkirche
DISKRIMINIERUNG, ENTEIGNUNG UND DER KAMPF UM WIEDERGUTMACHUNG
Äußerlich war alles wie immer. Die ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft verliefen unauffällig am Neuen Wall, der Geschäftsstraße, die sich in der Hamburger Innenstadt vom Jungfernstieg im Nordosten bis zur Stadthausbrücke im Südwesten zieht. Von der judenfeindlichen Politik des NS-Regimes war, abgesehen vom 1. April 1933, jedenfalls auf der Straße, vor den Geschäften noch nichts zu bemerken. Mehr als 40 große und kleine »jüdische Geschäfte«12 und Unternehmen gab es am Neuen Wall. Dazu zählten die renommierten Modegeschäfte Arendt, Hirschfeld und Robinsohn, die den Hamburgerinnen und Hamburgern seit Jahrzehnten wohlbekannt und vertraut waren; die weit über Hamburg hinaus angesehene Firma W. Campbell & Co., wo man seine Brille oder ein Opernglas kaufte, wenn man auf sich hielt; das Atelier des besonders für seine Kinderporträts vom Bürgertum geschätzten Fotografen Max Halberstadt; das Hutgeschäft von Hermann Hammerschlag, dessen wirtschaftlicher Erfolg darauf beruhte, dass damals niemand ohne Hut auf dem Kopf das Haus verließ. Die ausnahmslos jüdischen Inhaber waren in Hamburg geblieben, hielten ihre Geschäfte weiterhin geöffnet trotz der unverhohlen herabsetzenden, hasserfüllten Sprache gegen die jüdische Minderheit in Deutschland, trotz Schikanen und einengender Verordnungen. Auch Anwaltspraxen, Kontore von Großkaufleuten und Büros von Fabrikanten jüdischer Herkunft gab es am noblen Neuen Wall. Den meisten Kunden war dies von jeher bekannt, sie ließen sich durch »die stets spürbare Grenze zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland«13 dennoch nicht am Einkauf bei Hirschfeld oder Robinsohn hindern. Erklärte Antisemiten, deren Zahl während der Weimarer Republik wuchs, gehörten ohnehin nicht zu den Kunden der erwähnten Geschäfte oder einer der kleinen jüdischen Privatbanken – auch die gab es am Neuen Wall.
Am 1. April 1933, einem Samstag, zwei Monate nach Beginn der NS-Herrschaft, zeigte sich ein erster Riss im gepflegten Äußeren der feinsten Hamburger Einkaufsstraße. Vor den Türen der jüdischen Geschäfte, Arztpraxen und Büros standen seit dem Morgen so wie überall im Deutschen Reich SA-Männer und Mitglieder der Hitler-Jugend, die Schilder hochhielten mit Aufforderungen wie etwa: »Deutsche, wehrt Euch, kauft nicht bei Juden«. Die Männer verstellten den Kunden den Weg, beschimpften und bedrohten sie und versuchten, sie am Betreten der Geschäfte zu hindern. Zum ersten Mal zeigte das Regime seine rohe, ungehemmte Judenfeindschaft in einer für das ganze Land abgestimmten Aktion. Sie diente auch dazu, den in diesem Frühjahr hochschießenden rüden Antisemitismus übereifriger Parteimitglieder und Sympathisanten in geordnete Bahnen zu lenken. Noch aber reagierten die Menschen überwiegend reserviert, auch in Hamburg. Der junge Journalist Sebastian Haffner meinte, »ein gewisses Murmeln der Missbilligung, unterdrückt aber hörbar« im ganzen Land zu vernehmen.14 Am Abend dieses 1. April brach die NS-Führung den »Judenboykott« ab. Zwar war das Ganze kein Misserfolg, aber man hatte doch mehr Zustimmung erwartet.
Zu Beginn des Jahres 1933 lebten etwa 20 000 Menschen jüdischer Abstammung in Hamburg. In ganz Deutschland waren es etwa 500 000, von denen bis Ende 1937 insgesamt 125 000 emigriert waren, also ein Viertel der in Deutschland lebenden Juden.15 Nur wenige Tage später, am 7. April 1933, wurde das Gesetz zur »Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« erlassen, dessen Name bewusst in die Irre führte – natürlich hatte es auch bis dahin ein Berufsbeamtentum im Deutschen Reich gegeben. Es ging darum, auf dieser Grundlage »nichtarische« und politisch missliebige Beamte entlassen oder in den Ruhestand versetzen zu können. Indirekt waren auch jüdische Anwälte betroffen, die ihre Zulassung verloren, sehr bald galt dies auch für jüdische Ärzte und ihre Kassenzulassung. Für Juden wurde der Zugang zu Schulen und Hochschulen begrenzt. Das der Gleichschaltung allen Kulturlebens dienende Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933 schloss Juden von der erforderlichen Kammermitgliedschaft in allen Bereichen von Kunst, Literatur, Rundfunk und Theater aus. Bald darauf untersagte das Schriftleitergesetz die Beschäftigung von Juden bei Zeitungen und im Rundfunk. Im Mai 1935 schließlich machte ein neues Wehrgesetz »arische« Abstammung zur Voraussetzung für den Militärdienst. Und auch ohne staatlichen Zwang wurden Juden überall in vorauseilendem Gehorsam ausgeschlossen oder nicht mehr aufgenommen, ob es nun der Deutsche Automobilklub war, die Freiwilligen Feuerwehren, Gesangsvereine oder akademische Verbindungen.16 Eine entscheidende Rolle im Zusammenhang mit der Anwendung des »Arierparagraphen« in Berufsgruppen und Vereinen spielten die beiden großen christlichen Kirchen. Die Pfarrämter mussten die Auszüge aus den Kirchenbüchern bereitstellen, aus denen hervorging, ob jemand als »arisch« galt: nämlich dann, wenn sie oder er christliche, als Kind getaufte Großeltern hatte. Die Religionszugehörigkeit bestimmte nun die angebliche Rasse. Es gab Pfarrer, die von sich aus getaufte Gemeindemitglieder jüdischer Herkunft bei den Behörden meldeten.
Ziel der Diskriminierungen und auch immer wieder aufflammender Gewalttaten gegen einzelne Juden war erstens ihre wirtschaftliche »Ausschaltung«, also die Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben und die Aneignung ihres Besitzes, über den angeblich, entsprechend einem jahrhundertealten Vorurteil, alle Juden verfügten. Zweitens wollte man die jüdische Bevölkerung aus Deutschland vertreiben. Partei und Behörden gingen mit Drohungen, Demütigungen und ständiger Drangsalierung in regional unterschiedlicher Intensität gegen die jüdischen Bürger vor.
Bürger im gleichen Sinne wie ihre nichtjüdischen Nachbarn, Kollegen und Freunde sollten sie auch nicht mehr lange sein. Auf Initiative Adolf Hitlers wurde im September 1935 die staatsbürgerliche Gleichheit der jüdischen Deutschen beendet. Die eilig beschlossenen »Nürnberger Gesetze« unterschieden erstens mit dem »Reichsbürgergesetz« »arische«, nämlich »deutschblütige« Vollbürger mit politischen Rechten von den »Nichtariern«, die fortan als »Staatsangehörige« ohne politische Rechte galten. Als »Rassejude« galt, wer mindestens drei jüdische Großeltern hatte. Das zweite Gesetz, das »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«, verbot Ehen und sexuellen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Wer dem zuwiderhandelte, beging »Rassenschande«, ein neues Delikt, das ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde. Seit 1871 waren Juden als gleichberechtigte Bürger des Deutschen Reiches anerkannt gewesen. Mit den Nürnberger Gesetzen wurde diese sogenannte jüdische Emanzipation rückgängig gemacht.
In Hamburg wie in ganz Deutschland gab es im Frühjahr 1933 Ausschreitungen, Straßenterror und Boykottaufrufe. SA-Männer bedrohten und verprügelten Juden auf offener Straße oder drangen sogar in ihre Wohnungen ein, der Antisemitismus »von unten«17 zeigte sich für die Betroffenen von seiner übelsten Seite. Gleichzeitig versuchten kleine und mittelständische Unternehmer, die vermeintliche Gunst der Stunde zu nutzen, um mit antisemitischen Kampagnen unliebsame Konkurrenten zu denunzieren und ihnen zu schaden, sie sogar möglichst rasch im Wirtschaftsleben »auszuschalten«. Oft geschah dies in der Überzeugung, es sei »von oben«, also vom Staat, von der NSDAP oder sogar vom »Führer« selbst gewünscht.18 Das war jedoch gerade in den ersten Jahren der NS-Herrschaft in Hamburg nicht der Fall, »weil sich die kompromisslose Verwirklichung antisemitischer Prinzipien zunächst nicht mit den Zielen der Herrschaftskonsolidierung und ökonomischen Stabilisierung vertrug«, wie der Historiker Frank Bajohr in seinem Standardwerk »Arisierung«inHamburgschreibt.19
Noch musste bei den antijüdischen Maßnahmen aus taktischen Gründen auf die labile Wirtschaftssituation mit hohen Arbeitslosenzahlen Rücksicht genommen werden. Auch jüdische Unternehmen sorgten schließlich für Arbeitsplätze. Die hohe Arbeitslosigkeit war eine anhaltende Folge der Weltwirtschaftskrise sowie der Ausrichtung Hamburgs auf Handel und Hafen, die im Gegensatz zu der von den Nationalsozialisten propagierten Autarkiepolitik stand, von der vor allem Industrie und Landwirtschaft profitierten. Die Zahl der Arbeitslosen sank nur langsam, Hamburg galt bis 1938 offiziell als wirtschaftliches »Notstandsgebiet«.20 Auch die Rücksicht auf die konservativen Verbündeten Hitlers in der Reichsregierung und auf die Meinung im Ausland erforderte eine gewisse Zurückhaltung. Anders als die gleichgeschalteten deutschen Zeitungen berichtete die internationale Presse schonungslos über jede antisemitische Maßnahme auch und gerade in Hamburg, ließ sich doch in der durch den Hafen gezwungenermaßen weltoffenen Hansestadt nichts lange unter der Decke halten. Ohnehin war die deutsche Regierung durch ihre antijüdische Politik und die brutale Verfolgung Andersdenkender außenpolitisch und auch außenwirtschaftlich zunehmend isoliert.
Es konnte dem NSDAP-Gauleiter und Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann nicht egal sein, wenn britische und amerikanische Boykottkomitees Schiffsladungen aus Hamburg überwachten, blockierten und gegen den Import und Verkauf deutscher Waren vorgingen. Anlässlich einer Konferenz mit den Reichsstatthaltern im Sommer 1933 mahnte Hitler selbst, nachdem die ersten antisemitischen Gesetze in Kraft waren, zur Zurückhaltung, um die Isolierung Deutschlands nicht noch voranzutreiben. Ähnlich äußerten sich im Laufe des Jahres der preußische Ministerpräsident Hermann Göring und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Dieser wies darauf hin, dass es auf wirtschaftlichem Gebiet keine Ausnahmegesetze gegen Juden gebe.21 Ein im Reichswirtschaftsministerium eingerichtetes Referat zur »Abwehr unzulässiger Eingriffe in die Wirtschaft« versuchte seit 1933, einzelne antisemitische Übergriffe im Wirtschaftsleben zu unterbinden, weshalb es euphemistisch auch »Judenschutzreferat« genannt wurde.
Einen staatlich geschützten Schonraum für die wirtschaftliche Betätigung von Juden bis 1937 gab es jedoch im Dritten Reich nicht. Der Historiker Avraham Barkai spricht vielmehr von einer »Illusion der Schonzeit«, in der den offiziellen Äußerungen zum Trotz die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft ihren Anfang nahm.22 Dies war auch in Hamburg nicht anders, allerdings gab es Abstufungen, die eben auch mit den anhaltenden wirtschaftlichen Problemen Hamburgs zu tun hatten. Zudem wollten das NS-Regime und Gauleiter Kaufmann es sich in Bezug auf die »Judenfrage« weder mit dem Hamburger Bürgertum, aus dem sich die traditionellen wirtschaftlichen Führungsschichten der Stadt rekrutierten, noch mit den Arbeitern verscherzen, die beide noch wenig Sympathie für die antisemitischen Attacken und Ausfälle der NSDAP-Basis hegten. Die Erfassung, Liquidierung oder »Arisierung« jüdischer Unternehmen verlief daher erst einmal zurückhaltend, auch weil viele Hamburger Kaufleute, unter denen es durchaus Parteimitglieder gab, sich skeptisch gegenüber der nationalsozialistischen Rassenpolitik zeigten, die ihren Werten widersprach. Diese Skepsis führte jedoch »keineswegs zu aktiver Solidarität«23 mit den verfolgten Juden. Ungeachtet der relativ zurückhaltenden Diskriminierung in der Wirtschaftspolitik in den ersten Jahren wurden die jüdischen Hamburger genau wie die Juden im übrigen Deutschen Reich Stück für Stück entrechtet. Tag für Tag wurden sie von NSDAP-Mitgliedern und -Funktionären denunziert, kontrolliert und in den gleichgeschalteten Zeitungen wie dem HamburgerTageblattgeschmäht. Jüdische Firmeninhaber hatten mit immer neuen Schikanen zu kämpfen und mussten mit offenen und verdeckten Boykotten fertigwerden. Hamburg war also nicht etwa, und sei es auch nur aus ökonomischen Erwägungen, eine Art sicherer Hafen der Humanität. Andererseits versuchten sich die NS-Oberen aber auch nicht durch eigene verschärfte Maßnahmen und Initiativen in der Judenpolitik zu profilieren, wie es in vielen anderen Städten geschah.
In München etwa wurden jüdische Firmen schon seit Anfang 1933 von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen, in Hamburg geschah dies erst 1937/1938, wie auch die systematische Erfassung jüdischer Betriebe, mit der in München bereits 1934 begonnen wurde.24 In Einzelfällen setzte sich die Hamburger Verwaltung sogar für jüdische Firmen ein, wenn auch nur, um deren Arbeitsplätze zu erhalten. Dementsprechend war die »Arisierung« bis 1936/1937 noch nicht weit vorangekommen, im Gegenteil.
Doch gab es zwei Institutionen, die früh bei der »Arisierung« vorangingen. Frank Bajohr spricht von einem »Radikalisierungsschub«, der bereits Ende 1936 einsetzte und vom Amt des Hamburger »Gauwirtschaftsberaters« der NSDAP sowie von der Devisenstelle und der Zollfahndung der Oberfinanzdirektion ausging.25 Von 1933 bis 1945 amtierten nacheinander drei Gauwirtschaftsberater, die alle deutlich unter 30 waren und nach und während ihrer Amtszeit Karriere im NS-System machten. Allesamt waren sie ideologisch gefestigte NS-Funktionäre mit kaufmännischen Kenntnissen, teilweise akademischer Bildung und ausgeprägtem Aufstiegswillen. Mit ihren Mitarbeitern bildeten sie eine »spezifisch nationalsozialistische Wirtschaftselite«.26 Ihr Arbeitgeber war die Partei, im Zuständigkeitswirrwarr des NS-Staats dominierten sie ein Feld: das der »Arisierung«.
Der Gauwirtschaftsberater war derjenige, der die Kaufverträge »arischer« Interessenten mit jüdischen Firmenbesitzern billigen musste. Institutionen wie die Handelskammer oder die Hamburger Wirtschaftsverwaltung ließen ihn dabei gewähren. Bis etwa Mitte 1936 war es jüdischen Eigentümern noch möglich, ihre Firmen, wenn auch unter finanziellen Verlusten, zu halbwegs fairen Bedingungen in »arische Hände« zu verkaufen. Warenlager und Inventar wurden vergütet, ein Goodwill, der immaterielle Firmenwert, wurde gezahlt, die Enteignung verlief verglichen mit späteren Jahren moderat. Dies endete 1936, als der Gauwirtschaftsberater solche Verträge nicht mehr zuließ. Eine Rechtsgrundlage dafür gab es nicht. Gleiches galt für die Entscheidung, welche Unternehmen überhaupt »jüdisch« waren. Der Gauwirtschaftsberater konnte dies bis 1938 aus eigener Machtvollkommenheit bestimmen. Erst durch die »Dritte Verordnung zum Reichsbürgergesetz« vom 14. Juni 1938 wurde offiziell festgelegt, wann ein Unternehmen als jüdisch zu betrachten war – dann nämlich, wenn mindestens ein Inhaber, Gesellschafter oder Kapitaleigner als Jude nach den Nürnberger Gesetzen galt.27
Die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion Hamburg mit ihrer »Überwachungsabteilung« und die Zollfahndung verstärkten seit 1936/1937 die Repressionen gegenüber jüdischen Unternehmen. Ein neuer Paragraf im Devisengesetz, der § 37a, erlaubte seit dem 1. Dezember 1936 den Devisenstellen, beim geringsten Verdacht der Kapitalflucht – verdächtigt wurde fast jeder – jüdischen Unternehmern die Verfügungsrechte über ihr Eigentum zu entziehen, Treuhänder für das Vermögen einzusetzen und »sonstige sichernde Anordnungen zu treffen«, um eine »Vermögensverschiebung« zu verhindern.28 Für die Betroffenen bedeutete das eine fast vollständige finanzielle Entmündigung. Am Ende der von der Devisenstelle in Gang gesetzten Untersuchung stand regelmäßig die Liquidierung oder »Arisierung« der jüdischen Unternehmen. Von Dezember 1936 bis Oktober 1939 erließ die Hamburger Devisenstelle insgesamt 1 314 Sicherungsanordnungen gegen Juden nach Paragraf 37a.29
Im Herbst 1938 gab es in Hamburg immer noch mehr als 1 200 jüdische Unternehmen. Nach der sogenannten »Reichskristallnacht« jedoch, dem Pogrom vom 9./10. November, ging die »Entjudung« der noch bestehenden Firmen innerhalb weniger Monate vonstatten. Allein Anfang Dezember 1938 wurden binnen weniger Tage mehr als 200 jüdische Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. Insbesondere hohe Funktionäre der NSDAP oder deren Günstlinge schafften es in dieser Endphase der »Arisierung«, sich in einer Art Bereicherungswettlauf attraktive Unternehmen wie Beutestücke zu sichern, darunter auch die beiden Modehäuser Hirschfeld und Robinsohn am Neuen Wall.30
