Der Rhein – eine Zeitreise - Günter Müchler - E-Book

Der Rhein – eine Zeitreise E-Book

Günter Müchler

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Beschreibung

Dieses Buch verbindet 2.000 Jahre Rhein‑Geschichte mit spannenden, erzählerischen Miniaturen. Es führt an die wichtigsten historischen Orte zwischen Basel und Köln – ideal für alle, die den Rhein lieben und in die Vergangenheit eintauchen wollen. In 17 packenden Kapiteln nimmt Günter Müchler uns mit auf eine Reise entlang des bedeutendsten Flusses Deutschlands, der auch als die Wiege Europas bezeichnet wird. Jede Episode erzählt eine eigenständige Geschichte: von den Römern am Rhein, über das Mittelalter, die Epoche der Rheinromantik, bis hin zur politischen und wirtschaftlichen Transformation im 19. und 20. Jahrhundert. So entsteht ein eindrucksvolles Panorama, das zeigt, warum der Rhein seit Jahrtausenden Verkehrsader, Grenzraum, Sehnsuchtsort und kulturelles Rückgrat Mitteleuropas ist. Die Reise führt an markante Orte wie Köln, Koblenz, Mainz, Worms, Speyer, die Loreley oder das Kloster Lorsch, heute UNESCO Welterbe. Sie führt uns zu Festungen, Burgen und Orte, deren Geschichten uns in den Bann ziehen. Günter Müchler erzählt anschaulich, mitreißend und mit einem feinen Gespür dafür, wie historische Orte und Ereignisse ihre Faszination entfalten. - Faszinierende Episoden aus 2.000 Jahren Regionalgeschichte Rhein - Historische Miniaturen von Römern, Rittern, Kaufleuten & Reisenden - Die Entwicklung zentraler Orte wie Köln, Mainz, Koblenz, Speyer - Geschichten über Burgen am Rhein, Mythen & politische Umbrüche - Anschauliche Hintergründe zu Rheinromantik, Handel, Krieg & Kultur - Ein ideales Geschenk für Geschichtsinteressierte und Rheinliebhaber Dieses Buch ist perfekt für alle, die den Rhein nicht nur bereisen, sondern in seine Geschichte eintauchen möchten. Wer sich für historische Orte, Heimatgeschichte, Kulturgeschichte und die großen Erzählungen eines einzigartigen Flusses interessiert, wird von diesem Buch begeistert sein.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Rhein – eine Zeitreise

„Blick durch den Rolandsbogen auf das abendliche Rheintal und das Siebengebirge“. Gemälde von Andreas Achenbach, 1834.

 

Günter Müchler

 

Der Rhein –eine Zeitreise

 

Grenzfluss und Wiege Europas

Impressum

 

wbg Theiss ist ein Imprint der Verlag Herder GmbH

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025

Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg

Alle Rechte vorbehalten www.herder.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an [email protected]

 

Lektorat: Daniel Zimmermann

Satz: ZeroSoft SRL

Covergestaltung: Jens Vogelsang, Aachen

Coverbild: Umschlagmotiv: Wilhelm Schreuer (1866-1933), Am Rhein bei Oestrich, undatiert, Öl auf Holz, 40 x 54 cm, Privatsammlung; © akg-images

Herstellung: GGP Media GmbH, Posneck

 

ISBN druck: 978-3-534-61181-2

ISBN ebook (E-Pub) 978-3-534-61165-2

ISBN ebook (PDF): 978-3-534-61185-0

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1. Römische Eröffnung
2. Ein Zickenkrieg und der „Nibelunge nôt“
3. In Zülpich ist von Chlodwig kein Entrinnen
4. Die Verzweigung der Sprache
5. Es war einmal Lotharingien
6. Lorsch und die „karolingischeRenaissance“
7. Der Königsraub von Kaiserswerth
8. Jerusalem am Rhein
9. Der Präfekt und der Bischof
10. Der Rhein, Frankreichs “natürliche Grenze“?
11. Das Glück des Hauses Brandenburg
12. Romantiker und Geschäftsleute
13. Wo Alemannien ist
14. Das Elsaß: Last und Mission der „double culture“
15. Ein Mord in Speyer
16. Auf der Goldenen Meile
17. Adenauer und die Bonner Republik
Anmerkungen
Literatur
Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie eine reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Hochzeit Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf; und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz drauf, Hartmann – Und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter auf den Abtritt. Prost“

(Carl Zuckmayer, Des Teufels General).

 

Unter den zahlreichen Flüssen Europas ist der Rhein nicht der längste. Donau, Wolga und Dnjepr haben mehr Kilometer aufzuweisen, und auch ihnen werden ob ihrer Schönheit Lieder gesungen. Doch weiß kein Fluss so viel über Europa wie der Rhein. Der Rhein ist Europas Gedächtnis. Er hat den Aufstieg von Reichen gesehen und ihren Niedergang, das Erblühen des christlichen Abendlandes und den Rückfall in die Barbarei, Menschlichkeit und Verbrechen. An seinen Ufern trafen sich Römer, Germanen und Kelten. Sie stritten um Siedlungsraum und Vorherrschaft – und vermischten sich. Anderen Kulturen das Beste abschauen, was heute überspannten Geistern als übergriffig gilt, war Alltag und Fortschrittsantrieb am „Nationenbecher“, wie Lamartine den Rhein treffend genannt hat. Am „freigeborenen Rhein“ (Hölderlin) wurden wichtige Kapitel der Freiheitsgeschichte geschrieben. Die Erfindung des Buchdrucks entfesselte die Gedankenfreiheit. Politische Freiheit wurde eingeübt in den rheinischen Städten und in den frühen Republiken an Quelle und Mündung, der Eidgenossenschaft und den Niederlanden.

Ein Fluss so breit wie der Rhein ist für das Leben ringsum niemals gleichgültig. Einerseits ist er ein Verkehrshindernis, weil man ihn nicht so einfach überquert. Umgekehrt erleichtert er als natürliche Verkehrsstraße den weiträumigen Austausch von Waren und Kenntnissen. Das Trennen und das Verbinden liegt gleichgewichtig in den Möglichkeiten des Rheins. Im Wechsel hat es das Schicksal des Rheinlands von jeher bestimmt. Die Römer nutzten den Strom als Bollwerk gegen die anstürmenden Germanen. Später geriet der Rhein ins Gedränge zwischen den Nachbarn Deutschland und Frankreich. Bis er dann, nach zahlreichen mörderischen Kriegen, aufhörte, Zankapfel zu sein und zur Brücke wurde beim Bau des Vereinten Europa. So war der Rhein auch immer Gradmesser für Krieg und Frieden auf unserem Kontinent.

Karte des Rheins

Um Europa steht es nicht gut. Uneins und zweiflerisch läuft es bei der Neuordnung der Welt, die in vollem Gang ist, hinterher. Selbst für seine Sicherheit zu sorgen, hat es verlernt. Gewiss, um potentielle Angreifer abzuschrecken, wird in den Hauptstädten mittlerweile viel Geld locker gemacht. Aber wirkliche Verteidigungsfähigkeit setzt voraus zu wissen, was verteidigt werden soll. ‚Unsere Werte‘, sagen die Politiker vage. Aber um welche Werte geht es? Die Frage wird im Osten und im Südosten Europas anders beantwortet als in der Mitte und im Westen. Und die Geographie ist nur eine Bruchstelle. Nationalegoistische Rückwärtsgewandtheit und krankhafter Selbsthass schwächen Europa von Innen. Im Codex der rechtspopulistischen Bewegungen, die überall wuchern, taucht das Vereinte Europa nur in der Negation auf. Die Bewunderung des Autoritären reicht bis zur Bereitschaft, sich imperialistischen Rechtsverächtern an den Hals zu werfen. Am gegenüberliegenden politischen Rand wabert ein intellektueller Ennui der Europaverachtung. Hier erwärmt man sich kapriziös für das sonderbare Utopia namens ‚Globaler Süden‘, dessen allseitige Unzulänglichkeiten dem europäischen Kolonialismus von anno dazumal als ewige Erbschuld in die Schuhe geschoben werden.

„Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.“ Adressiert man Goethes sprichwörtliche Suchmeldung an Europa, fällt die Antwort schwer. Was hält Europa zusammen? Einst schuf das Christentum Identität. Noch heute ist berührt, wer beim elsässischen Oberehnheim/Obernai das Kloster Hohenburg besucht und auf eine lebensgroße Sainte Odile stößt, die ihre segnende Hand schützend ausstreckt über das Rheinland und nicht nach Deutsch oder Französisch fragt. Allein, das christliche Abendland ist nicht mehr. Die Geschichte ist darüber hinweggegangen wie über manch anderes. Geblieben sind Erinnerungen, immerhin. Sie verbinden, was auseinanderstrebt und können Halt schaffen in einer oft verstörenden Vielfalt. Europa ist Schicksalsgemeinschaft. Es ist, woran wir uns gemeinsam erinnern.

***

Dieses Buch versteht sich als Erinnerungsbuch. Es enthält Geschichten vom Rhein, dem kulturellen Urstrom Europas. Sicher wird man die eine oder andere Begebenheit vermissen. Den Vorhalt der Lückenhaftigkeit nimmt der Autor guten Gewissens in Kauf, darauf bauend, dass das Fragmentarische immer auch zum Weiterdenken einlädt. Am Rhein ist ja so viel mehr passiert, als sich in bescheidenen 17 Kapiteln unterbringen lässt! Richtschnur bei der Auswahl war, dass jedes Kapitel eine eigene Erzählung enthält und zugleich ein Fenster auf den größeren europäischen Zusammenhang öffnet.

Logischerweise setzt das Buch mit Cäsar ein. Cäsar ließ als erster eine Brücke über den Rhein schlagen und zerstörte sie, nachdem er sein Ziel erreicht hatte. Er schuf damit ein Gebrauchsmuster, das auf den Rhein bis in die neueste Zeit eingewirkt hat, man denke an die Brücke von Remagen. 500 Jahre waren die Römer die Herren am Rhein. Aus ihren Militärstützpunkten erwuchsen Siedlungen – man kennt sie heute als Köln, Mainz oder Trier – in denen sie mit den ansässigen Germanen Seite an Seite lebten. Den „Indigenen“ bekam Roms Kolonialismus nicht schlecht. Er ermöglichte ihnen das Hineingleiten in eine neue und deutliche überlegene Kultur. Als die Römer abzogen, war das Fundament des Rheinlands fertig.

Im Rheinland spielt das Nationalepos der Deutschen. Der unbekannte Dichter, der um das Jahr 1200 herum das Nibelungenlied aufschrieb, wusste von römischer Kultur nichts. Unbekümmert verlegte er das ersonnene Geschehen aus der Völkerwanderungszeit ins mittelalterliche Worms. Vor dem Portal des romanischen Doms geraten sich Krimhild und Brünhild in die Haare und es beginnt ein epischer Totentanz, in dem Liebe und Leidenschaft, Heldentum und Hinterlist den Rhythmus schlagen. Wie das Schicksal der von Homer besungenen Trojaner stehen Glorie und Untergang der Nibelungen beispielhaft für die Vergänglichkeit der Reiche und die Vergeblichkeit menschlichen Tuns. (Die Auffindung der Nibelungenhandschrift ist eine Geschichte für sich.)

Mit den Römern kam das Christentum an den Rhein. Ein Meilenstein war die Konversion eines Frankenfürsten. Chlodwig gelobte die Taufe für den Fall, dass ihm der Christengott den Schlachtensieg über die Alemannen beschere. Chlodwig gewann, die Schlacht fand in der Nähe des alten römischen Stützpunktes Tolbiacum statt.

Das glaubt man jedenfalls im rheinischen Zülpich, wie Tolbiacum heute heißt. Und es glauben die Franzosen, die Chlodwig als ihren ersten König und Tolbiac als „der Franken Glück und des Reiches Wiege“ verehren.

Karl der Große vereinte Westfranken und Ostfranken, weshalb Franzosen wie Deutsche ihn für sich beanspruchen. Seine Fähigkeit zusammenzuführen entfaltete Karl vornehmlich auf dem Feld der Kultur. Die „karolingische Renaissance“ war eine Mariage der griechisch-römische Antike mit dem neuen Großreich in der Mitte Europas. Aus ihr ging das christliche Abendland hervor. Der Transfer lief hauptsächlich über die Mittlertätigkeit der Klöster. In den Skriptorien wurden nicht nur christliche Schriften kopiert, sondern auch antike Autoren dem Vergessen entrissen. Das Bibliotheks-Inventar der am rechten Rheinufer gelegenen ehemaligen Reichsabtei Lorsch hat sich erhalten. Die Liste führt nicht weniger als 87 Klassiker auf, darunter Cicero, Horaz und Vergil.

Karls Reich zerfiel in der Enkelgeneration. Ursache waren nicht nur die üblichen Erbstreitigkeiten. Die Völker – genauer: Westfranken und Ostfranken – verstanden sich nicht mehr. Die Verzweigung der Sprache wurde manifest in den sogenannten Straßburger Eiden. Im Jahr 942 schworen Ludwig der Deutsche und sein westfränkischer Bruder Karl der Kahle einander Bündnistreue, und zwar, um Missverständnissen vorzubeugen, in der Sprache des jeweils anderen. Die Auseinanderentwicklung ging weiter. Zwanzig Jahre später verfasste der Mönch Otfried im elsässischen Weißenburg ein auf althochdeutsch geschriebenes monumentales Evangelienbuch, was ihm den Ehrentitel „Stammvater der deutschen Literatur“ (Wolfgang Krischke) eintrug. Das Gegenstück im Westen entstand bald darauf, die „Cantilène de Saint Eulalie“.

Blättert man in einem historischen Atlas das Reich Karls des Großen auf und legt auf die entsprechende Seite eine Karte der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aus dem Gründungsjahr 1957, hat man fast ein Double vor sich.

Einen Zufall wird das nur der nennen, der von den langen Linien der Geschichte nichts weiß. Die Gründer der EWG hatten noch eine Vorstellung vom christlichen Abendland. Ein Begriff war ihnen auch Lotharingien, jener schmale Landstreifen, der aus der Erbmasse des Karls-Reiches hervorging und für einen kurzen Augenblick einen Puffer schuf zwischen den sich festsetzenden Machtblöcken im Westen und im Osten, den späteren „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland. In der Erinnerung lebte das Mittelreich fort. Im Spätmittelalter war Karl der Kühne nahe daran, es als Großburgund wieder auferstehen zu lassen. Nach dem Ersten Weltkrieg träumten rheinische Autonomisten von der ‚Chance Lotharingien‘. Aber die Tür blieb verschlossen.

So ausnahmslos lieblich und epikuräisch, wie sich die Romantik den „Vater Rhein“ vorstellte, war er keineswegs. Viele Schiffer ließen im Rhein ihr Leben, es musste nicht unbedingt der Sirenengesang der Loreley sein, der sie in die Tiefe zog. Zahllose Selbstmörder suchten in den Wassern des Stroms eine Lösung ihrer Probleme. Von der Basler Rheinbrücke, die auch Richtstätte war, wurden noch im 17. Jahrhundert Kindsmörderinnen und Ehebrecherinnen ins Wasser geworfen.

Sogar eines veritablen Staatsstreichs wurde der Rhein Zeuge. 1026 lockten Komplotteure unter Führung des Kölner Erzbischofs Anno den 11jährigen Heinrich IV. auf ein Schiff und entführten ihn. Die Tat ging als „Königsraub von Kaiserswerth“ in die Annalen ein.

Am mittelalterlichen Rhein erlebte das aschkenasische Judentum seine Blütezeit. Von klugen Kaisern beschützt, entstanden starke Gemeinden in Mainz, Speyer oder in Worms. Hier lehrten für ihre Weisheit in ganz Europa berühmte Rabbiner. Trotzdem blieb die Lage der Juden auch am Rhein immer prekär. Es kam die Hysterie der Kreuzzüge, es kam die Heimsuchung der Pest. Und es kamen die Pogrome. Die Volkswut verlangte nach Schuldigen und warf sich in blindem Hass auf die wehrlose Minderheit der Juden, der man vorwarf, Brunnen zu vergiften und christliche Kinder zu schlachten. Bei Ausbruch des Dreißigjährigen Kriege lebten nur noch ein paar hundert jüdische Familien im Rheinland, die meisten hinter Ghettomauern. Der Fake vom jüdischen Ritualmord lieferte Heinrich Heine den Stoff für sein Romanfragment „Der Rabbi von Bacherach“.

In der Neuzeit wurde der Rhein zum Objekt der Begierde. Ludwig XIV. strich mit viel Ranküne das Elsass ein. Hundert Jahre später prangerten die Matadore der Revolution Krieg und Eroberungssucht als royale Laster an, trieben es aber bald schlimmer als die Könige. Der Rhein war jetzt Frankreichs ‚natürliche Grenze‘, Französisch Amtssprache von Aachen bis Trier. Die Neufranzosen links des Rheins erfreuten sich französischer Freiheiten, erbten aber auch französische Widersprüche. Mainz, das nun Mayence hieß, erlebte das Duell zweier Antipoden, des Präfekten und des Bischofs. Beide amtierten von Napoleons Gnaden, hätten aber unterschiedlicher nicht sein können. Der Präfekt war in der Schreckenszeit Mitglied des Wohlfahrtsausschusses gewesen. Der Bischof hatte als Priester die Kirchenverfolgung im Untergrund überlebt. Der Präfekt wollte getreu seiner jakobinischen Vergangenheit den romanischen Dom von Mainz als ‚Denkmal der Barbarei‘ niederreißen, den von Speyer gleich mit. Der Bischof legte sich quer und gewann den Zweikampf. Mainz und Speyer durften ihre Dome behalten.

Später wurde Preußen zur Macht am Rhein wider Willen. Es war 1815 in die Wiener Kongressverhandlungen mit dem klar definierten Ziel gegangen, für seine Leistungen bei der Niederwerfung Napoleons mit dem Königreich Sachsen belohnt zu werden. Es bekam jedoch nur das halbe Sachsen und als Entschädigung für seinen Schmerz Westfalen sowie die spätere Rheinprovinz. In Berlin brauchte man lange, bis man begriff, dass die Niederlage im diplomatischen Kuhhandel das Glück des Hauses Brandenburg bedeutete. Denn die neuen Provinzen waren wirtschaftlich Bonanza. Was die Verhandler in Wien vollständig übersahen: Die Westausdehnung Preußens veränderte die geopolitische Lage. Wäre das 19.

Jahrhundert friedlicher verlaufen, hätte man statt der Hohenzollern den schwachen sächsischen König an den Rhein verpflanzt?

So freudlos die Preußen in ihre neue Stellung am Rhein einrückten, so skeptisch wurden sie von den Rheinländern begrüßt. Im urkatholischen Kurköln, in Kurtrier oder in Aachen war man protestantische Herrschaften nicht gewohnt. Außerdem fand das fortschrittlich-liberale Bürgertum im Rheinland die Verbindung mit den rustikalen Ostelbiern wenig standesgemäß. Überliefert ist der Seufzer des Kölner Bankiers Abraham Schaaffhausen: „Jesses Maria, do hierode mer ävver in en ärm famillich!“(„Jesus Maria, da heiraten wir aber in eine arme Familie ein“). Zugeben musste man, dass sich die Oberhäupter der armen Familie Mühe gaben. Preußen eröffnete in Bonn eine Universität, kümmerte sich um die Schifffahrt auf dem Rhein, preußische Prinzen sammelten Punkte bei den Rheinländern, indem sie Burgruinen erwarben und Schlösser restaurierten.

Im 19. Jahrhundert erlebte „Vater Rhein“ eine zweite Jugend. Mittelalter-Nostalgiker strömten in Scharen an seine Ufer. Die Rheinromantik war ein internationaler Hype und für die Rheinländer ein gutes Geschäft. Zuerst kamen die Engländer. Die mochte man besonders, weil sie stattliche Trinkgelder gaben. Es folgten die Franzosen. Die bekanntesten waren Victor Hugo und Alexandre Dumas. Beide Schriftsteller berichteten zu Hause ausführlich über ihre Reisen und bereicherten das Wissen ihrer Landsleute über Deutschland, das die meisten bis dahin nur aus den Anekdoten napoleonischer ‚Grognards‘ kannten.

Die Rheinkrise zerriss die romantische Idylle. Zwar hatte die französische Regierung 1840 keinen heißen Krieg im Sinn. Die von ihr gestreuten Mutmaßungen über einen militärischen Vorstoß an den Rhein, die „natürliche Grenze“, stellten nur ein Ablenkungsmanöver dar. Indessen führten die heftigen Reaktionen auf das bisschen Zündeln vor, wie einfach es war, nationale Hitzewellen zu erzeugen, und zwar an beiden Ufern. Besonders ins Zeug legten sich die Poeten. Deutscherseits hatten sie sich bereits in den Befreiungskriegen als leidenschaftliche Trommler betätigt. Jetzt zogen sie alle Register lyrischer Stimmungsmache. Rheingedichte schossen aus dem Boden wie Spargel. „Sie sollen ihn nicht haben/Den freien deutschen Rhein“, deklamierte der Bonner Nicolaus Becker. Die französischen Kollegen gossen, wie Alfred de Musset, Öl ins Feuer, bis Alphonse de Lamartine mit seiner „Friedensmarseillaise“ das Fieber senkte.

Nationalisten denken in Besitzkategorien und finden grenzüberschreitende Verwandtschaftsverhältnisse suspekt. Den „halbverwälschten Krummstabslanden“ sei in nationaler Hinsicht nicht zu trauen, ätzte der borussische Historiker Heinrich von Treitschke. Je militanter sich die eingebildete „Erbfeindschaft“ gebärdete, desto mehr gerieten die Rheinländer in den Verdacht, unsichere Kantonisten zu sein. Umgekehrt erging es den Elsässern und Lothringern kaum besser.

Das Elsaß steht beispielhaft für die schicksalhafte Verwobenheit von „latinité“ und „germanité“ am Rhein. Ein Elsässer, der in der Zeit des zweiten Kaiserreichs zur Welt kam, wechselte, wenn er entsprechend alt wurde, bis 1945 vier Mal die Nationalität. Den maximalen Schmerzpunkt erreichte das fatale Wechselspiel nach Hitlers ‚Blitzsieg‘ über Frankreich. Mehr als 100 000 Elsässer und Lothringer mussten als ‚Volksdeutsche‘ in Wehrmachtsuniform in den Krieg. Dass sie zusammen mit den ‚boches‘ gekämpft hatten, wenn auch unfreiwillig, wollten nach der Befreiung nicht alle Franzosen verstehen. Die Wunden brauchten lange; um zu verheilen.

Ungeachtet der leidvollen Erfahrungen gingen dem Elsass die Männer und Frauen nie aus, die die ererbte double culture als Kapital betrachteten und hofften, sie bei der Konstruktion eines besseren Europas einbringen zu können. „Worum trennt uns e Rhi?“ fragte auf gut Elsässisch die Schriftstellerin Lina Ritter. Die Antwort: „Àss mìr zeige chenne wia me Brucke bäut“ („Warum trennt uns der Rhein? Damit wir zeigen können, wie man eine Brücke baut“).

Vielleicht brauchte es die Katastrophe zweier verheerender Kriege, um endlich eine Brücke über den Rhein zu schlagen, die hält. Das europäische Einigungswerk beendete den unheilvollen deutsch-französischen Antagonismus und erlaubte den tief gefallenen Deutschen den unverhofft raschen Wiedereintritt in die Gemeinschaft freier Völker. 1945 hatten am Rhein hunderttausende deutsche Kriegsgefangene schreckliche Wochen hinter Stacheldraht verbracht. „Frühling in der Goldenen Meil“ heißt ein Gedicht, das Günter Eich, ein Mitgefangener, in einem der Rheinwiesenlager verfasste. Vier Jahre später wurde im rheinischen Bonn, nur einen Katzensprung von der Goldenen Meile entfernt, der westdeutsche Teilstaat errichtet. Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, nahm jeden Morgen die Fähre, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Als Adenauer 1967 starb, wurde sein Leichnam unter weltweiter Anteilnahme stromaufwärts zur letzten Ruhe gefahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Rhein längst aufgehört zu trennen und wieder zu seinem Beruf gefunden: Sammelbecken zu sein der vielfältigen Zuflüsse, die unsere Kultur speisen, und Hort gemeinsamer europäischer Erinnerung.

1. Römische Eröffnung

„Am Ende des Germanenkrieges entschloss sich Caesar aus vielen Gründen, den Rhein zu überschreiten. Der Hauptgrund war sein Wunsch, auch die Germanen, die, wie er sah, sich so leicht verleiten ließen, in Gallien einzufallen, sollten um ihre Habe bangen müssen, wenn sie sähen, das Heer des römischen Volkes habe Macht und Mut genug, über den Rhein zu gehen“.

In der dritten Person, den unvoreingenommenen Betrachter vortäuschend, schildert Cäsar in „De bello gallico“ („Der Gallische Krieg“) seine Erwägungen im Jahr 55 vor Christi Geburt. Die Germanen verdienten eine Lektion. Am besten, er verblüffte sie mit etwas, das nie gesehen war. Auf diese Weise würden sie endlich die Unterlegenheit ihres Barbarentums begreifen und anerkennen. Den Strom mit Schiffen überqueren konnten sie zur Not selbst, schied also als Lösung für Cäsar aus. Ein Gleichtun würde „mit seiner und des römischen Volkes Ehre“ („neque suae neque populi Romani dignitatis)“ unvereinbar sein. Roms Ehre verlangte das Besondere, eine Brücke. „Wenn sich also ein Brückenschlag wegen Breite, reißender Strömung und Tiefe des Flusses auch als äußerst schwierig erwies, meinte er doch, er müsse ihn versuchen oder das Heer anders überhaupt nicht über den Fluss setzen“

Caesar: Der Gallische Krieg1