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General, Revolutionär, Diktator und Kaiser – ein anderer Blick auf Napoleon Bonaparte Aus dem Nichts kommend stieg der Korse Napoleon Bonaparte während der französischen Revolution vom Artillerie-Offizier zum Ersten Konsul auf. Der Revolutionär wurde zum Kaiser der Franzosen und herrschte über weite Teile Europas. Doch auf den kometenhaften Aufstieg folgte der tiefe Absturz. Günter Müchler entwirft ein überraschend anderes Napoleonbild: Nicht Napoleons Größenwahn führten in den Untergang, sondern die äußeren Umstände. Sprachgewaltig erzählt er die Lebensgeschichte eines Mannes, der in seiner Verbannung auf Sankt Helena selbst am klarsten die eigene Beschränkung erkannte: »Die Wahrheit ist, dass ich niemals ganz Herr meiner Bewegungen war. Ich habe Pläne gehabt, hatte aber niemals die Freiheit, sie auszuführen. Immer war ich durch die Umstände bestimmt«. - Der Revolutionär auf dem Kaiserthron: Wer war Napoleon Bonaparte? - Portrait eines außergewöhnlichen Mannes: von der französischen Revolution bis zum Exil auf St. Helena - Code Civil, Bank von Frankreich, »franc germinal« – was blieb von Napoleons Reformen? - Neue These zu Napoleons Ende: getrieben durch äußere Umstände? - Napoleons Lebenslauf als packend erzähltes Epochenpanorama Biografie zwischen Macht und Ohnmacht In den Schulbüchern scheitert Napoleon meistens an seinen Charaktereigenschaften. Er sei großmannssüchtig gewesen, kriegslüstern und maßlos. Bei der Frage, weshalb Napoleon das Erreichte nicht halten konnte, werden jedoch die Rahmenbedingungen seines Handelns vernachlässigt. Günter Müchler zeigt, wo Napoleon Gestalter und wo er Getriebener war. Denn obwohl er zweifellos der überragende Akteur seiner Zeit war, so war er dennoch keineswegs frei, nach Gutdünken die Weltgeschichte zu gestalten. Napoleons Biographie bietet alle Zutaten eines spannungsgeladenen Krimis. Erfahren Sie mehr über ein unglaubliches Leben, das die europäische Geschichte veränderte!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
„Was nichts auslöschen kann, was ewig bleiben wird, ist mein Code Civil“: Der Code Civil (Code Napoléon) vom 21. März 1804, hier in einer Prachtausgabe für den Kaiser von 1807 mit Prunkeinband mit dem kaiserlichen Wappen und der Initiale Napoleons.
Günter Müchler
Napoleon
Revolutionär auf dem Kaiserthron
Meiner Familie
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025
Hermann-Herder-Str. 4, 79104 Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Überarbeitete Neuausgabe der Ausgabe wbg Darmstadt 2019
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Lektorat: Kristine Althöhn, Mainz
Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau
Covergestaltung: Verlag Herder
Coverbild: Napoleon (mit Schreibtisch und Code Civil). Gemälde (Ausschnitt)
von Jaques Louis David (1812). Foto: akg-images.
Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print: 978-3-534-61170-6
ISBN E-Book (E-Pub): 978-3-534-61164-5
ISBN E-Book (PDF): 978-3-534-61188-1
Am 26. Juni 1813 empfängt Napoleon in seinem Dresdner Hauptquartier den österreichischen Minister Klemens von Metternich. Nach zwei Achtungserfolgen über Russen und Preußen hat er Waffenstillstand geschlossen. Seine Armee braucht Erholung. Politisch kommt es darauf an, Österreich bei der Stange zu halten. Der Habsburgerstaat ist seit dem für Napoleon katastrophalen Ausgang des Russlandfeldzugs nur noch ein lauer Bündnispartner. Wechselt Österreich die Seite, ist die antifranzösische Koalition, zu der schon jetzt neben Russland und Preußen auch noch England und Schweden gehören, endgültig übermächtig. Für Napoleon steht also viel auf dem Spiel.
Die Begegnung im Sommerschlösschen des Grafen Marcolini zieht sich über mehr als acht Stunden hin. Am Ende haben sich die Kontrahenten keinen Zentimeter bewegt. Metternich bleibt entschlossen, Österreich in den Schoß der Mächteallianz zu führen. Napoleon lehnt Konzessionen ab, solange er hoffen kann, den Konflikt auf dem Schlachtfeld zu entscheiden. Trotzdem ist das Treffen mehr als Randgeschehen. Wer sich nicht damit zufriedengibt, bei der Beurteilung Napoleons nur die Taten sprechen zu lassen, sondern nach den Motiven und Triebkräften hinter seinem Handeln sucht, stößt mit der Dresdner Entrevue auf eine kapitale Erkenntnisquelle, ja auf eine Sternstunde. Warum fällt Napoleon im Entscheidungsjahr 1813 derart in politische Apathie? Warum schaut er fast tatenlos zu, wie ihm zuerst Preußen abhandenkommt, dann Österreich? Vielleicht hätte er das Netz, das Metternich so klug um ihn gesponnen hat, beim besten Willen nicht zerreißen können. Die Frage ist, weshalb er es gar nicht erst versucht. In Österreich und sogar in Preußen gibt es in den ersten Monaten des Jahres noch Anhänger des Bündnisses mit Frankreich, denen er durch einen diplomatischen Befreiungsschlag Munition liefern könnte. Eine Antwort bietet die Dresdner Unterredung. Sie ist ein Psycho-Duell, das seine Dramatik auch aus der Gegensätzlichkeit der Protagonisten bezieht. Da ist dieser Mann Napoleon. In rasend kurzer Zeit hat er ein Großreich zusammengeklaubt, wie Europa es seit Karl dem Großen und Karl V. nicht gesehen hat. Seine Truppen stehen in Sachsen, in Spanien und in Italien. Rom, Amsterdam, Köln und Hamburg sind französische Städte. Allein viermal hat er Österreich aufs Haupt geschlagen. Und nun steht der Lenker dieses Verliererstaates ihm von gleich zu gleich gegenüber – Metternich, der supererlastische Diplomat, le beau Clément, dem er einst seine Schwester Caroline schmunzelnd zum Zeitvertreib überlassen und den er lange für einen Windbeutel gehalten hat. Für Napoleon ist das eine kaum zu ertragende Situation. Streckenweise verläuft die Entrevue stürmisch. Einmal feuert er theatralisch seinen Hut auf den Boden. Den Höhepunkt erreicht die Begegnung, als er Metternich entgegenschleudert: „Eure Majestäten, die auf dem Thron geboren sind, halten es aus, zwanzigmal geschlagen zu werden. Jedesmal kehren sie zurück in ihre Hauptstadt. Ich bin nur der Sohn des Glücks. Ich würde von dem Tag an nicht mehr regieren, an dem ich aufhörte, stark zu sein.“1
Wir kennen die Szene aus einer sieben Jahre später abgefassten Aufzeichnung Metternichs. Womöglich sind die drei Sätze nicht Wort für Wort so gefallen, aber das ist unerheblich. Napoleon hat sich mehrfach in ähnlichem Sinne geäußert. Mit den Eingangsworten „Eure Majestäten“ zieht er einen Trennungsstrich zwischen Frankreich, dem Land der Revolution, und dem Ancien Régime, der Welt Metternichs, in der noch immer Gottesgnadentum und Geburtsvorrang maßgeblich sind. 1810 waren durch seine Heirat mit einer österreichischen Erzherzogin Zweifel aufgekommen, welcher Hemisphäre er selbst angehöre. Den Versuch, die beiden Welten zu versöhnen, betrachtet er jetzt als gescheitert. Er, der Kaiser der Franzosen, ist wieder der „Sohn des Glücks“, der einzig auf seine Stärke bauen kann und mit dem es vorüber ist, wenn das Glück ihn verlässt.
Was Napoleon hier vor dem Antipoden Metternich wie ein Bekenntnis formuliert, ist das Gesetz des Eroberers. Er gibt zu, ein gefesselter Riese zu sein. Sein Lindenblatt ist, dass er als Emporkömmling nicht über die volle Entscheidungsfreiheit verfügt. Er darf keine Schwäche zeigen und ist zum ewigen Voranschreiten verdammt. Für die Situation von 1813 bedeutet das: Bevor er den Frieden verhandelt, muss er noch einmal siegen, andernfalls implodiert seine Herrschaft, die auf vorzeigbarer Überlegenheit ruht. Verblendung? Realitätsverlust? Die folgenden Ereignisse bestätigen ihn eher, als dass sie ihn widerlegten. Nach der Niederlage von Leipzig, der „Völkerschlacht“, sucht ein Verbündeter nach dem anderen das Weite. Ein paar Monate später rücken die Alliierten in Paris ein. Der Revolutionskrieg, der mit der Mattsetzung Ludwigs XVI. begonnen hat, endet mit der Thronbesteigung Ludwigs XVIII. Die Restauration beginnt.
***
In den Schulbüchern scheitert Napoleon meistens an seinen Charaktereigenschaften. Er sei großmannssüchtig gewesen, kriegslüstern und maßlos. Deshalb habe er sein Reich verloren. Viele Historiker nehmen beim Jahr 1804 einen scharfen Schnitt vor. Den Konsul Bonaparte lassen sie gelten, den Kaiser Napoleon wenig oder gar nicht.2 Für sie sind die Jahre nach der Kaiserkrönung eine Abfolge von Verrat und Verfall – des Verrats an der Revolution und an sich selbst, des Verfalls durch Überheblichkeit. In dieser zweigeteilten Optik wird das simple Erzählmuster „Männer machen Geschichte“ gegen Napoleon gewendet. Der Korse wird zu einer Art Supermann, der alles vermag und deshalb in allen Punkten der Anklage schuldig sein muss. Vernachlässigt werden die Rahmenbedingungen seines Handelns. Die Dynamik des Epochengegensatzes wird ebenso ausgeblendet wie der Zusammenhang, der zwischen Revolution und cäsarischer Herrschaft besteht. So bleibt für die über allem stehende Frage, weshalb Napoleon das Erreichte nicht halten konnte, tatsächlich nur die Charakter-Antwort.
Das vorliegende Buch stellt den Mann in die Zeit. Es will herausfinden, wo Napoleon Gestalter und wo er Getriebener war. In seiner Abhandlung Die Ohnmacht des allmächtigen Diktators Cäsar urteilt Christian Meier sehr fein, Cäsar habe wohl „alle Macht in den Verhältnissen, aber keine über sie“ gehabt.3 Das trifft auch auf Napoleon zu. Er ist zweifellos der überragende Akteur seiner Zeit und dennoch keineswegs frei, nach Gutdünken durch die Weltgeschichte zu surfen. Er hat das übrigens selbst so gesehen. Auf Sankt Helena sagt er zu dem Gefährten Las Cases: „Die Wahrheit ist, dass ich niemals ganz Herr meiner Bewegungen war. Ich habe Pläne gehabt, aber niemals die Freiheit, sie auszuführen. (…) Immer war ich durch die Umstände bestimmt.“4
„Die Umstände“ – das ist zuallererst die Revolution. Niemand, der in den Jahren nach 1789 Politik macht, kann die Tatsachen, die sie geschaffen hat, ignorieren. Napoleon ist beim quatorze juillet 19 Jahre alt. Die Bekanntschaft mit einzelnen Jakobinern verschafft ihm die Eintrittskarte in seine Karriere. Als Heranwachsender hat er die Philosophen gelesen, die Wegbereiter der Revolution. Sie haben gelehrt, dass die Geschichte, anders als man bis dahin geglaubt hat, nicht die ewige Wiederkehr des immer Gleichen ist. Man kann den Lauf der Geschichte verändern. Diese Erkenntnis ist der Zündfunke für die Geschehnisse von 1789. Sie erklärt den Enthusiasmus der Revolutionäre, auch die Rücksichtslosigkeit, mit der sie zur Tat schreiten. Ça ira! („Wir schaffen das!“), johlen die Sansculotten. Wer sich auf der richtigen Seite der Geschichte weiß, darf sich alles herausnehmen. Von diesem Wein trinkt der junge Napoleon, und wenn er später kaltschnäuzig Grenzen verschiebt, Reiche zerstört und neue fabriziert, klingt die Verachtung des Revolutionärs für das Alte nach.
Madame de Staël, die scharfzüngige Tochter des früheren königlichen Finanzministers Necker, sagt von Napoleon, er sei das Kind der Revolution gewesen, allerdings ein „muttermörderisches“. Weit gefehlt! Als der Konsul Bonaparte 1799 die Revolution für beendet erklärt, ist diese kompromittiert bis auf die Knochen. Napoleon rettet, was von ihr zu retten ist. Wichtige Ergebnisse wie breite Umverteilung des Eigentums, die aus der Konfiszierung der Güter von Kirche und Emigranten herrührt, zementiert er durch seinen Eid. Selbst die restaurierten Bourbonen wagen nicht, daran zu rütteln.
Teil des revolutionären Erbes, das Napoleon annimmt, ist der Krieg. Dieser bricht 1792 aus und dauert mit der Unterbrechung eines Jahres bis 1814. Von „napoleonischen Kriegen“ zu sprechen, verbietet allein der Blick auf den Kalender. Erst ab dem Brumaire-Putsch hat Napoleon politischen Durchgriff. Zu diesem Zeitpunkt dauert der Konflikt bereits acht Jahre. Der erste Krieg, der einzig auf Napoleons Konto geht, ist der Spanienkrieg, der 1807 beginnt.
Dass sich der Konflikt zwischen Alt-Europa und dem Land der Revolution fast so lang hinzieht wie der Dreißigjährige Krieg, liegt hauptsächlich daran, dass er wie dieser partiell ein Religionskrieg ist, und wo es um letzte Dinge geht, sind Verstand und Humanität oft suspendiert. Für den zweiten Grund sorgen die Führer der Revolution. 1795 beschließt die Konventsregierung die Einverleibung Belgiens, in vollem Wissen um die Folgen. England, das die Revolution zunächst als innerfranzösische Angelegenheit betrachtet hat, nimmt die Kontrolle des Rivalen über den Hafen Antwerpen und die ehemals österreichischen Niederlande niemals hin. Es wird mit seiner Flotte und seinem Geld zum unermüdlichen Antreiber des Krieges. Für Napoleon, der am Tag der Kaiserkrönung schwören muss, keinen Zipfel des Territoriums der nation une et indivisible, der „einen und unteilbaren Nation“, preiszugeben, bleibt Belgien eine Hypothek bis zum Ende seiner Herrschaft, das die Geschichte, die immer gern ein Ausrufungszeichen setzt, in Belgien besiegelt, auf dem Schlachtfeld von Waterloo. Die paix générale, der Friede unter Einbeziehung Englands, würde den Verzicht auf Belgien oder das Niederringen Britanniens voraussetzen. Das Erste traut sich der Erbe der Revolution nicht zu, das Zweite schafft er nicht. Er kann das amphibische Albion weder erobern noch wirtschaftlich strangulieren. Nebenbei bemerkt sind die Pläne für Invasion und Kontinentalsperre keine Erfindungen Napoleons. Die Dossiers findet er in den Schubladen des Konvents, woher er auch die Anleitung zum organisierten Kunstraub bezieht, dessen Begründer zu sein er bis in die Gegenwart fälschlicherweise beschuldigt wird.5 Zwar praktiziert er als General der Italienarmee 1796/97 den Kunstraub in großem Stil, aber die ersten Beutezüge finden 1794/95 in Belgien und Deutschland statt, auf Anordnung des Wohlfahrtsausschusses.
Die Aufspaltung der Epoche von 1789 bis 1815 in eine Revolutions- und eine Napoleonszeit steht dem Verständnis der Epoche mehr im Weg als jedes andere Klischee. Der Brumaire-Putsch von 1799, der Napoleon in den Sattel hebt, wird nicht von Revisionisten ins Werk gesetzt, sondern vom Stammpersonal der Revolution, das mithilfe eines starken Mannes die Gegenrevolution verhindern will. Dieselben Kräfte und Motive treiben zur Kaiserkrönung von 1804. Schon deshalb wäre es falsch, Napo leons Kaisertum als Wiederkehr des Ancien Régime anzusehen. In Wirklichkeit wird dem Cäsarismus die Krone aufgesetzt, einer eigentümlichen Herrschaftsform, die sich auf die Volkssouveränität und auf das Charisma des Staatschefs stützt und die von der Monarchie alten Typs weiter entfernt ist als von der Revolution, aus deren Schoß sie kommt. Mitverantwortlich für das Missverständnis sind die monumentalen Krönungsporträts und der antikisierende Kitsch der Zeremonie in Notre Dame, den auch viele Zeitgenossen schwer verdaulich finden. Napoleon wirft den Hermelinmantel allerdings rasch ab und schlüpft wieder in seine wenig hermachende Gardistenuniform. Er braucht den Purpur nicht für sein Ego und auch nicht für seine Machtvollkommenheit. „König der Revolution“ (François Furet) ist er schon als Konsul auf Lebenszeit. Für ihn gehorcht die Anverwandlung an Charlemagne den Bedürfnissen eines noch ungefestigten Staatswesens, das gerade erst aus dem Vulkanausausbruch von 1789 emaniert ist und auf dem wackligen Sockel des Königsmordes ruht.
Die Republik braucht Stabilität. Sie wird bedroht von den konservativen Mächten und vom Hass der bourbonischen Partei, die sich nach dem für sie verlorenen Bürgerkrieg auf Terroranschläge verlegt. Ein Geburtsfehler schwächt die Abwehrkräfte der Republik. Die Jakobiner fürchten die Militärdiktatur fast noch mehr als die Rache der Royalisten. Schon der Anschein personaler Autorität versetzt sie in Alarmstimmung. Ängstlich halten sie die ausübende Gewalt an der kurzen Leine. 1799 hat der von Ideologie herbeigeführte Schwächezustand der Republik ein Maß erreicht, dass weithin der Ruf nach dem sauveur erschallt, dem Retter. Am lautesten rufen die, die sich entweder in ihrer revolutionären Laufbahn mit Blut befleckt haben oder als Bodenspekulanten erfolgreich waren, kurz gesagt die „Königsmörder“ und die Zigtausend Aufkäufer des geraubten Kirchengutes. Sie haben am meisten zu fürchten, wenn die Republik kollabiert und die Bourbonen Vergeltung üben. Daher sind sie es auch, die dem General Bonaparte in den Novembertagen des Jahres 1799 die Tür öffnen und ihn mit diktatorischen Vollmachten ausstatten. Mit ihrer Billigung nimmt Napoleon Stufe um Stufe zur Alleinherrschaft. Aus dem Konsul mit zehnjähriger Amtszeit wird der Konsul auf Lebenszeit, dann der Revolutionär auf dem Kaiserthron. Den Antrag zur Kaiserernennung bringt im Tribunat nicht zufällig ein ehemaliger Jakobiner ein, ein Gefolgsmann des „Königsmörders“ Fouché.
Zum Diktator wird Napoleon im Auftrag. Allerdings liegt das Autokratische auch in seiner Natur. Die Franzosen, denen nicht nur Tocqueville nachsagt, dass es sie mehr nach Gleichheit als nach Freiheit verlangt, nehmen die Abstriche an der liberté gelassen hin. Die Lebensverhältnisse sind trotz der Belastungen durch den Krieg besser als in den 90er-Jahren. An die Stelle des Willkürregimes der Terror- und Nachterrorzeit ist ein System polizeilicher Beaufsichtigung getreten, das das repressive Niveau der europäischen Nachbarn nicht übersteigt, und wenn doch, nur weil Fouchés Polizei effektiver ist. Zwei Justizmorde sind mit dem Namen Napoleons verbunden, die Erschießung des Herzogs von Enghien 1805 und die des Nürnberger Buchhändlers Palm 1806. Beide sind unentschuldbar, aber angesichts der Allgegenwart von Verschwörung und Anschlagsgefahr statistisch unauffällig. Im Ganzen gesehen geht es den Franzosen gut. Sie werden in ihrer Leidenschaft, dem Ruhm, bestens bedient, und so hält Napoleons cäsaristisches Regime selbst dann noch, als das Charisma des Cäsar zu schwinden beginnt.
2. Dezember 1804: „Die Krönung Napoleons“, in der Kathedrale NotreDame in Gegenwart von Papst Pius VII. Gemälde von Jacques-Louis David ( Ausschnitt, 1806/07).
***
Maßstab für die Beurteilung geschichtlicher Akteure ist, was sie getan und was sie an Bleibendem hinterlassen haben. Napoleon ist ein überragender Feldherr. Die Ortsnamen seiner zahlreichen Siege sind im Mauerwerk des Arc de Triomphe eingraviert. Er selbst veranschlagt seine zivilen Leistungen höher als die militärischen. Die Reformen, die mit seinem Namen verbunden sind und die er vor allem in den ersten Jahren seiner Herrschaft durchsetzt, sind kaum zu zählen. Viele haben ihn überdauert wie das Präfektensystem, die Bank von Frankreich, der franc germinal, das staatliche Gymnasium, das Bac und natürlich das Bürgerliche Gesetzbuch, auf das er besonders stolz ist. „Was nichts auslöschen kann, was ewig bleiben wird, das ist mein Code civil.“6 Der moderne Verwaltungsstaat Frankreich trägt Napoleons Monogramm.
Die Reformen werden mit dem räumlichen Ausgreifen Frankreichs exportiert. Sie fahren gleichsam im Tross der dreifarbenen Armeen mit. In Deutschland profitiert vor allem der Westen von diesem Modernitätsschub. So kommt es, dass die Bevölkerung im französisch gewordenen Rheinland die „Preußisierung“ 1815 nicht als Glücksmoment erlebt. Ein anderes Kapitel ist die territoriale Neuordnung. Bei der Aufräumaktion durch Säkularisierung und Mediatisierung wird zwar hundertfach Recht gebrochen, aber die Flurbereinigung ist langfristig doch ein Fortschritt. Die kräftig arrondierten und zu Königreichen erhobenen Bayern und Württemberg sowie das Großherzogtum Baden bilden den Kern des künftigen Dritten Deutschland. Sie haben ihre Gestalt im Wesentlichen bis heute erhalten. Thomas Nipperdey kann deshalb seine Deutsche Geschichte 1800 bis 1866 mit dem programmatischen Satz eröffnen: „Am Anfang war Napoleon.“
Ganz anders sieht die französische Bilanz aus. Die inneren Reformen haben Bestand, aber das gewaltige Grand Empire stürzt zusammen wie der Turm von Babel. Frankreich wird auf seine alten Grenzen zurückgeworfen, Napoleon ist ein Verlierer, und Verlierer straft normalerweise das Vergessen. Es sei denn, sie haben uns etwas zu sagen, das Raum und Zeit übergreift und über das Allgemeinmenschliche Auskunft gibt. Das ist bei Napoleon der Fall. Niemand hat die conditio humana so ausgemessen wie er. Napoleon wird 52 Jahre alt. 26 ist er, als ihm das Kommando der Italienarmee zufällt. Die vier folgenden Jahre begründen seinen Ruf als ausgezeichneter General, sind aber nicht mehr als ein Vorspiel. Die Sphäre des Öffentlichen betritt er an der Schwelle des neuen Jahrhunderts. Da ist er 30. Zieht man die letzten sechs Lebensjahre ab, die er, zur Tatenlosigkeit verurteilt, in der Verbannung auf Sankt Helena verbringt, sind ihm ganze 15 Jahre als Akteur beschieden, mehr nicht. Sie genügen ihm, um die Welt zu verändern. In diesen 15 Jahren wird Napoleon zum stupor mundi, dem Mann, der den Erdball zum Staunen bringt. Sein Charisma überwältigt; magische Kräfte werden ihm zugeschrieben. Wie auch, wenn nicht durch Magie, soll man sich seinen kometenhaften Aufstieg erklären? Alexander und Karl, die Großen, mit denen er sich gern vergleicht, waren Herrschersöhne, Cäsar berief sich auf die Abstammung aus Göttergeschlecht. Napoleon dagegen, der rotznäsige Junge, den die Kameraden an der Militärschule von Brienne wegen seiner modesten Herkunft aus Korsika, also beinahe aus der Barbarei, hänseln, hat keine Ahnen und keinen Namen. Er ist „das Produkt seiner eigenen Werke; er erschafft sich selbst“ (Jean d’Ormesson).
Natürlich, ohne Starthilfe geht es nicht. Erst muss die Revolution die Standesschranken niederreißen, damit der Elitentausch stattfinden kann, dessen prominentester Zeuge er sein wird. Aber um den Gipfel zu erklimmen, braucht es Genie oder, wie er einmal korrigierend sagt, Arbeit. Napoleon ist ein gigantischer Arbeiter, ein niemals ruhender Geist. Gedächtnis und Vorstellungkraft sind überragend. Seine Konzentrationsfähigkeit, die alle, die ihn kennen, hervorheben, erlaubt ihm, einen Feldzug zu führen und gleichzeitig ein Riesenreich zu lenken. Er ist ein Meister der politischen PR, der durch seine Proklamationen und Bulletins Bilder in die Köpfe pflanzt und durch genau bedachte Accessoirs (den in besonderer Weise getragenen Zweispitz, die schmucklose Uniform und den langen Mantel, die redingote grise) optische Alleinstellungsmerkmale herstellt, damit die große Masse, die ihn nie zu sehen bekommt, in ihm den Herrscher erkennt.
Nicht alle Eigenschaften nehmen für ihn ein. Napoleon kann nachtragend sein, herrisch und zynisch. Er widersteht nicht der Krankheit der Dauererfolgreichen und wird im Laufe der Jahre beratungsresistent. Nicht durchweg ist er der Kühle, Klare. Mit seinem ausgeprägten Wirklichkeitssinn koexistiert ein Hang zur Träumerei. Gewiss hat die Ägyp ten-Expedition einen harten politischen Kern. Andererseits zeigt sie Napoleon als Abenteurer, der in einem märchenhaften, aus der Lektüre gewonnenen Orient den Raum für Ruhm und Heroismus sucht, den er in Europa vermisst. Eine Zeit lang reizt Indien seine Fantasie. 1815 schließlich, kurz bevor er sich den Briten ergibt, träumt er von einer Entdeckerkarriere in Amerika. Seine Fixiertheit auf den Feind England grenzt an Starrsinn und manchmal fehlt ihm der Weitblick. Erstaunlich ist seine Blindheit für den Eigen-Sinn der Völker. Ihn, der doch als junger Mann voller Leidenschaft für die korsische Unabhängigkeit gekämpft hat, trifft der Fanatismus der Spanier vollkommen unvorbereitet, so wie er die Gärung in Preußen zu spät erkennt. In vielem denkt er modern, aber in einem zentralen Punkt verrechnet er sich: Das 19. Jahrhundert wird dem Nationalismus gehören und nicht der Universalmonarchie, die er zusammenhämmert. Diese Universalmonarchie, ein Kranz unterschiedlich konturierter abhängiger Staaten, ist ein Zufallsprodukt, ein Beifang gewonnener Kriege, und nicht das Resultat eines Plans oder gar einer Vision. Napoleon ist ein Mann, der Gelegenheiten mit sicherem Blick erfasst und entschlossen nutzt. Auf langfristige Ziele lässt er sich nicht ein, als schrecke ihn die Fesselung. Diese Disposition erleichtert das Ausgreifen, erklärt aber auch die Un fähigkeit, das Erreichte festzuhalten.
Letztlich ist es sein Leben, das bis heute in den Bann schlägt. Es ist ein Leben voll an hinreißenden Bildern; ein Leben, dessen Spannweite für hundert reichen würde. Es ist gleich grandios im Aufsteigen und im Niederstürzen, was Napoleon wiederum von Alexander, Cäsar, Karl dem Großen oder Friedrich von Preußen unterscheidet. Allein seine Lebensbahn erreicht die volle Rundung. Im Scheitern gewinnt sie die Eindringlichkeit einer Menschheitserzählung.
Am Anfang ist die Revolution. Mit seinen Gaben würde Napoleon Bonaparte wohl auch in ruhigen Zeiten etwas aus sich machen. Er hätte das Zeug zu einem tüchtigen Offizier in der Armee des Königs; denkbar wäre auch eine Karriere als Schriftsteller oder als Entdecker. Talente besitzt er genug. Aber dass ein Außenseiter wie er, ein Kleinadliger, der dazu noch aus dem „wilden“ Korsika stammt, mit 35 Jahren Kaiser der Franzosen und Beherrscher von halb Europa ist, dazu bedarf es des Wunders der Revolution.
Wie ein Tsunami zertrümmert die Revolution, was in Frankreich gewachsen und überliefert ist. Wie ein Lavastrom begräbt sie unter sich eine ganze Welt, um darauf triumphierend eine neue zu bauen. Die alte Ordnung, verkörpert im gutmeinenden, hilflosen Ludwig XVI., ergibt sich praktisch kampflos. Es rächt sich, dass man den zersetzenden Zeitgeist, die subversiven Schriften und die frechen Theaterstücke nicht für voll genommen hat. Hofleute haben mitgejohlt, wenn Beaumarchais’ Figaro die Noblesse allabendlich mit dem Satz zur Strecke brachte: „Weil Sie ein Grandseigneur sind, halten Sie sich für ein großes Genie!“ Als am 14. Juli 1789 das Pariser Stadtgefängnis gestürmt wird und das Signal zum Angriff erfolgt, ist es zu spät. Dem Ancien Régime ergeht es wie dem ehrwürdigen Sessel, der plötzlich zusammenbricht, weil die Geduldsarbeit der Holzwürmer vollendet ist. Die Philosophie, nicht mehr die Erfahrung, ist jetzt als erste Staatskunst diplomiert. Hegel überschlägt sich vor Begeisterung: „So lange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut.“7 Vielleicht hätte der Mensch ja besser daran getan, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Aber das ist eine rückschauende Betrachtung. Die Zeitgenossen sind hingerissen von den neuen Ideen, besonders von der Idee der Gleichheit. Sogar die, die bis dahin die Früchte ihrer Vorrechte wie selbst verständlich genossen haben, sind für einen Moment von der égalité berauscht, und zwar dermaßen, dass sie in einer Orgie der Opferlust ihre Privilegien vor dem Altar der Nation niederlegen. In der denkwürdigen Nachtsitzung der Nationalversammlung vom 4. August 1789 ist es der Vicomte de Noailles, ein Angehöriger des Hochadels, der die Abschaffung der feudalen Rechte beantragt. Damit ist der Damm gebrochen.
Die égalité öffnet die Tür für den Austausch der Elite, der das Ziel jeder Revolution ist. In die Räume, die den Aristokraten vorbehalten gewesen sind, stoßen Intellektuelle vor, nicht zuletzt Juristen und Journalisten. Die Gesichter sind jung. Mirabeau rangiert, als die Bastille fällt, mit seinen 40 Jahren am oberen Ende der revolutionären Alterskohorte. Die meisten Akteure sind bedeutend jünger, Robespierre um neun, Danton und Desmoulins um elf Jahre. Saint-Just, der lockige „Todesengel“, zählt gar erst 21 Jahre. Das Paradebeispiel für die Machtübernahme der Jugend liefert die Armee. Viele hohe Offiziere sind aus Frankreich geflohen und fechten für die Gegenrevolution. Zudem leisten sich die neuen Herren in Paris den Luxus, die wenigen erfahrenen Generäle, die geblieben sind, bei Misserfolg oder politischer Unzuverlässigkeit unter die Guillotine zu schicken. Die Notwendigkeit, die unbesetzten Stellen zu füllen, macht die Armee zum bevorzugten Landeplatz für „Stegreifschöpfungen der Revolution“ (Victor Hugo). Man nehme nur Napoleons Geburtsjahrgang 1769: Aus ihm gehen die Marschälle Lannes, Ney, Soult und Joubert hervor. Nur ein Jahr älter als Napoleon sind Hoche, Desaix, Bessières und Mortier.8 Die meisten kommen aus bescheidenen Verhältnissen. Ney ist der Sohn eines Böttchers aus Saarlouis, Murats Vater war Kneipenwirt, Augereaus Vater Obsthändler. Lannes erlernte das Färberhandwerk, Junot studierte Jura. Sie alle verdanken ihren Aufstieg dem Gleichheits-Hub der Revolution. Auch Frauen machen märchenhafte Karrieren, wenngleich nur am Arm ihrer aszendierenden Ehemänner. Ganz oben in der Glückspyramide stehen die Schwestern Julie und Bernardine Eugénie („Désirée“) Clary. Die Kaufmannstöchter heiraten Emporkömmlinge, nämlich Napoleons Bruder Joseph und den späteren Marschall Bernadotte. Die eine wird einst Königin von Spanien sein, die andere Königin von Schweden.
Niemand steigt so hoch wie Napoleon. Da er aus unscheinbaren Verhältnissen kommt, wissen wir wenig über den ersten Lebensabschnitt. Sogar das Geburtsjahr steht nicht zweifelsfrei fest. Der Schriftsteller Chateaubriand führt ins Feld, Napoleon habe sich ein Jahr jünger gemacht, um als gebürtiger Franzose zu gelten. Korsika gehört nämlich bis 1768 der Republik Genua. Bis heute hat Chateaubriands Theorie Anhänger. In einem 1977 erschienenen Standardwerk über Napoleon heißt es: „Er ist jedenfalls am 5. Februar 1768 geboren.“9 Die Mehrheitsfraktion der Forschung beharrt dagegen auf dem Datum, an dem Napoleon seinen Geburtstag feiert. Sie stützt sich auf eine schriftliche Äußerung seines Vaters Carlo: „Mein Sohn Napoleon, der in Frankreich in der Militärschule sich befindet, wurde in Ajaccio am 15. August 1769 geboren“, sowie auf die Taufurkunde, die dasselbe Datum nennt.10 Man darf der kanonischen Version durchaus trauen. Andererseits ist einzuräumen, dass das Verbiegen von Lebensdaten damals verbreitet ist. Napoleons Bruder Joseph fälscht seine Taufurkunde, um sich das notwendige Alter für ein Wahlamt bei den Kommunalwahlen in Korsika 1790 zu erschwindeln.11 Napoleon selbst beurkundet einmal 1768 als sein Geburtsjahr, bei der Ziviltrauung mit Joséphine. Aber das ist wohl eine ritterliche Geste gegenüber der um sechs Jahre Älteren, die sich bei derselben Gelegenheit gleich um vier Jahre jünger macht.12
Nebulös ist die Herkunft des Vornamens. Napoleon (seine Mutter ruft ihn „Nabulione“) ist ein Vorname, der in keinem Heiligenregister auftaucht. Nach Stendhal wollten die Eltern mit der Namenswahl eines verstorbenen Onkels väterlicherseits gedenken. Einer anderen, reichlich exzentrischen Theorie zufolge geht Napoleon auf deutsche Ursprünge („Nibelungen“) zurück, nach einer weiteren soll ein Amtsschreiber „Neapel“ irrtümlich für einen Heiligennamen gehalten habe.13 Fest steht, dass „Napoleons“ hier und da in der Toskana und in Genua vorkommen.14 Der spätere Kaiser betreibt mit seinem Namen Politik. Bis zur Heirat 1796 unterschreibt er seine Briefe mit „Buonaparte“. Danach streicht er das ausländisch anmutende „u“. Er ist jetzt General der französischen Republik und nicht daran interessiert, seine korsische Abkunft hervorzuheben. Auch das Adelsprädikat „de“ unterschlägt er aus Gründen der Opportunität. Dass der citoyen Bonaparte auch einen Vornamen hat, erfahren die Franzosen erst 1802, als ihnen die Frage zur Abstimmung vorgelegt wird: „Soll Napoleon Bonaparte Konsul auf Lebenszeit werden?“ Drei Jahre später lässt Napoleon den Familiennamen ganz unter den Tisch fallen. Am Tag seiner Ausrufung zum Kaiser (18. Mai 1804) unterzeichnet er erstmals mit „Napoléon“, und dabei bleibt es. Nur Joséphine nimmt auf die Namenspolitik ihres Mannes keine Rücksicht. Bis zu ihrem Tod 1814 tituliert sie ihn „Bonaparte“, wie in jenem, in einer dramatischen Situa tion geschriebenen Brief vom September 1810: „Bonaparte, Du hast mir versprochen, mich nicht zu verlassen. Ich habe nur Dich auf der Welt, Du bist mein einziger Freund.“15 Wir halten es der Einfachheit halber wie die beharrliche Joséphine, bloß umgekehrt. Napoleon ist für uns Napoleon auch dann, als er sich noch Bonaparte nennt.
Dreizehn Kinder haben Carlo und Letizia Bonaparte, acht überleben, von ihnen ist Napoleon der Zweitgeborene. Der ältere Bruder Guiseppe kommt 1768 zur Welt. Später, nach der Flucht der Familie aus Korsika, werden die Kindernamen französisiert. Aus Guiseppe wird Joseph, Luciano wird zu Lucien, Maria-Anna zu Elisa, Maria-Paola zu Pauline, Maria-Annunciata zu Caroline, Gerolamo zu Jerôme, nur Louis bleibt Louis, und Napoleon bleibt Napoleon. Wo sind die Wurzeln der Bonapartes? Als Napoleon Kaiser geworden ist, versuchen fromme Geister, den Stammbaum des Emporkömmlings künstlich zu veredeln. Kaiser Franz von Österreich, durch Napoleons zweite Heirat sein Schwiegervater, lässt in Archiven fahnden, ob sich für den unebenbürtigen Schwiegersohn nicht doch eine noble Herkunft finde. Die Rechercheure graben einen angeblichen Bonaparte aus und behaupten, dieser habe im 11. Jahrhundert in Treviso gelebt. Napoleon weist diesen und ähnliche Versuche im Staatsanzeiger Moniteur lässig zurück: „Auf alle Fragen, von wann das Haus Bonaparte datiert, ist die Antwort sehr leicht: vom 18. Brumaire*. Wie kann man so wenig Takt und Gefühl für das haben, was man dem Kaiser schuldet, um der Frage Bedeutung zu geben, wer seine Vorfahren waren?“16 Die Vorfahren kommen wohl wirklich aus Italien, und zwar aus dem Ort Sarzana, der zwischen Ligurien und der Toskana liegt. Ein Giovanni Buonaparte siedelt 1529 aus unbekannten Gründen nach Korsika über, wo die Familie die folgenden Jahrhunderte über ansässig bleibt. Joseph, der Familiengeschichte zu seinem Steckenpferd macht, insistiert, die Bonapartes seien „eine der ältesten Familien Europas“. Sie gingen zurück auf einen Ghibellinen, der 1120 wegen seiner Anhänglichkeit an das staufische Kaiserhaus aus Florenz habe fliehen müssen.17 Lässt man den Ghibellinen beiseite, spricht wirklich viel für die Herkunftsregion Toskana. Die korsischen Bonapartes lassen die Verbindung mit dem italienischen Festland nie abreißen. Man ist des Italienischen mächtig, die Söhne werden zum Studieren über das Tyrrhenische Meer geschickt. Carlo Bonaparte studiert Jura an der Universität von Pisa, Joseph, sein Ältester, tut es ihm nach. Von sich sagt Napoleon: „Ich bin eher Italiener oder Toskane als Korse.“18
Die Mutter Letizia Ramolino Bonaparte, Gemälde ( um 1804) von François Pascal Simon Gérard.
Carlo und Letizia heiraten 1764. Napoleons Mutter, eine geborene Ramolino, zählt zum Zeitpunkt der Hochzeit 15 Jahre. Die Ehe ist arrangiert. Wie die Bonapartes gehören die Ramolinos zu den führenden Familien von Ajaccio. Letizias Vater ist Stadtkommandant des damals etwa 4000 Einwohner zählenden Ortes, Carlos Vater Mitglied des Stadtrats. Die Ramolinos mögen hoffen, aus dem jungen Bonaparte werde einmal ein angesehener Rechtsanwalt werden. Für die Bonapartes ist die stattliche Mitgift von 175 000 Franken, die das Ramolino-Mädchen mit in die Ehe einbringt, ein starkes Argument. Und da Letizia eine Schönheit zu werden verspricht, ist die Partie noch besser. Carlo wird als selbstbewusster Jüngling geschildert. Er legt Wert auf Kleidung, ist belesen, beredt und unternehmungslustig. Unglücklicherweise sind nicht alle seine Unternehmungen solide geplant. Die Familie wird bald ein Lied davon singen können.
Im Jahr nach der Heirat beschießt Carlo Bonaparte, sein Glück in der Politik zu suchen. Pasquale Paoli ist damals die Führungsfigur in Korsika. Carlo dient sich ihm als Gefolgsmann an. Die inneren Verhältnisse Korsikas liegen kompliziert. Die viertgrößte Insel des Mittelmeers ist ein kontrastreiches Eiland, dessen topografische Beschaffenheit die Herausbildung von Gemeinsinn erschwert. Korsika besteht zu fast 90 Prozent aus Bergland, im Westen dominiert das Hochgebirge mit immerhin gut 50 Zweitausendern und entsprechend engen, schwer zugänglichen Tälern. Flachland existiert praktisch nur im Osten in Gestalt eines schmalen Küstenstreifens. Es liegt auf der Hand, dass die Küstenbewohner sich in Interesse und Lebensart von der Bevölkerung des Landesinneren unterschieden. Eine große Rolle spielt auf der Insel die Vendetta, eine auf schroffen Ehrbegriffen beruhende und in der Ausübung gnadenlose Form der Selbstjustiz. Prosper Mérimée hat sie in Matteo Falcone anschaulich beschrieben. Dem französischen Diplomaten Miot de Melito, der 1796 als Bevollmächtigter seiner Regierung die Insel besucht, kommt Korsika kaum regierbar vor. Nach Paris meldet er: „Die Menschen haben eine lebhafte Fantasie und sind außerordentlich leidenschaftlich.“19
Der Vater Carlo Maria Buonaparte, Gemälde (um 1804) von AnneLouis Girodet-Trioson.
Nie hat sich Korsika selbst regiert. Es ist immer nur Beutestück Stärkerer, die die Insel aufgrund ihrer strategischen Lage begehren. Nacheinander machen sich Karthager, Römer, Vandalen, Byzantiner und Sarazenen auf der Insel breit. In späterer Zeit gehört Korsika Pisa und Genua, wobei sich der Besitz faktisch auf die Küstenstreifen und die Häfen beschränkt. Das hundertfach zerfaltete Innere bleibt sich selbst überlassen. Im 18. Jahrhundert kommt es zu nennenswerten Versuchen, die Fremdherrschaft loszuwerden. Das schwache Genua behauptet sich nur noch in wenigen befestigten Städten. Unter dem capo generale Pasquale Paoli erlangt die „Insel der Schönheit“ erstmalig eine Quasi- Autonomie und zugleich die Aufmerksamkeit des gebildeten Europa. Der Geist der Aufklärung erwärmt sich am Freiheitskampf der Korsen. „Ein Land in Europa gibt es noch, das fähig ist, sich seine Gesetze zu geben: die Insel Korsika. Die Tapferkeit und Beständigkeit, mit der dieses Volk es verstand, seine Unabhängigkeit wiederzuerlangen und zu verteidigen, würden es verdienen, dass ihm irgendein Weiser beistünde, sie zu erhalten. Ich glaube, diese Insel wird Europa eines Tages eine Überraschung bereiten.“20 Rousseau, der das schreibt, hat Korsika nie betreten. Für ihn wie für andere Aufklärer ist die Insel zwischen Italien und Frankreich eine Projektion, ein Traumland, bevölkert von Menschen, die die Zivilisation noch nicht verdorben hat und die heroisch ihr Sklavenjoch abschütteln.
In Wirklichkeit kann von einer allgemeinen Erhebung gegen Genua nicht die Rede sein. Die Väter von Carlo und Letizia halten sich abseits und sie sind sicher nicht die Einzigen. Trotzdem setzen die Korsen der Besatzungsmacht zu. Die Adelsrepublik Genua befindet sich Anfang des 18. Jahrhunderts auf dem absteigenden Ast, die großen Tage eines Andrea Doria sind fern. Als 1729 der Aufstand ausbricht, benötigt man österreichische Unterstützung, um ihn niederzuschlagen. Auch danach bleibt Genua außerstande, die Insel wirksam zu kontrollieren. Wiederholt müssen französische Hilfstruppen ins Land geholt werden. Pasquale Paoli, Sohn eines gefeierten Aufständischen von 1729, der mit seinem Vater emigrieren musste, kommt 1755 zurück. Es gelingt ihm, einen neuen Aufstand zu entfachen. Diesmal ist der Erfolg der Korsen nachhaltig. Paoli kontrolliert bald weite Teile der Insel. Er erklärt das im Landesinnern liegende Corte zu seiner Hauptstadt, leitet Reformen ein und lässt eine Verfassung verabschieden, die von fortschrittlichen Geistern des Kontinents übertreibend als demokratisch gepriesen wird. Die Praxis sieht so aus, dass Paoli auf Grundlage einer imaginierten volonté générale diktatorisch regiert.21 Bis heute wird il babbù („der Vater“) als Held der korsischen Freiheit gefeiert. Der Chef der korsischen Regionalregierung leistet seinen Amtseid auf Paolis Schrift Über die Rechtfertigung einer Revolution in Korsika.22
1765 ist Paolis Stellung so stark, dass ehrgeizige junge Leute wie Carlo Bonaparte um die Gunst werben, sein Leutnant zu sein. Paoli verhandelt zu diesem Zeitpunkt mit den Franzosen, die auf Rechnung Genuas Truppen in den befestigten Hafenstädten liegen haben, über eine Autonomieregelung. 1768 wird es ernst. Genua tritt seine Herrschaft über Korsika an Frankreich ab, das seinerseits keine Lust hat, die Macht mit Paoli zu teilen. Der capo generale, der insgeheim gehofft hat, England werde ihm zu Hilfe eilen, überschätzt seine Kräfte. Er zieht in den Krieg, mit ihm auch Carlo Bonaparte, der von seiner hochschwangeren Frau und dem kleinen Guiseppe begleitet wird. Gegen die 25 000 Franzosen unter dem Kommando des Grafen von Vaux haben die Autonomisten keine Chance. In den Bergen schlagen sie sich eine Weile tapfer, den Schlusspunkt bildet die verlorene Schlacht von Ponte Novo am 8. Mai 1769. Einen Monat später geht Paoli ins Exil nach England. 300 Gefährten leisten ihm Folge. Carlo gehört nicht zu ihnen. Der junge Ehrgeizling, der bei den Kämpfen nicht sonderlich aufgefallen ist und der noch immer die Familie im Schlepptau hat, macht sich auf den Heimweg nach Ajaccio, wo er im Handumdrehen die Seite wechselt und dem König von Frankreich die Treue schwört. Letizia wird von einem Jungen entbunden. Stendhal kolportiert, sie habe sich am Festtag Mariä Himmelfahrt gerade in der Messe befunden, „als sie von so drängenden Wehen erfasst ward, dass sie in aller Eile nach Hause gehen musste; ihr Schlafzimmer konnte sie nicht mehr erreichen und genas ihres Kindes im Vorzimmer, auf einem jener altertümlichen Teppiche, welche Heldengestalten von großen Dimensionen schmückten“.23 Folgen muss man dieser ans Herz gehenden Erzählung nicht, obwohl Stendhal sie von Napoleon übernimmt. Letizia erklärt sie später als frei erfunden. Es habe in ihrem Haus überhaupt keine Teppiche gegeben.24
Über die Kindheit Napoleons geben die Quellen kaum etwas her. Joseph und er sind unzertrennlich. Mit wem hat er sonst noch Umgang? Welche Spiele spielt er am liebsten? Nach eigenem Bekunden war er ein eigensinniges Kind. Durch seine Mutter bezeugt ist die Neigung zum Jähzorn, die ihm Letizia nicht nur mit Ohrfeigen, sondern gelegentlich auch mit der Peitsche auszutreiben sucht. Der ausgewachsene Napoleon kultiviert von sich das Bild des kindlichen Raufbolds. „Was, in deinem Alter habe ich schon Joseph verhauen“, hält er seinem Sohn, dem kleinen König von Rom, später vor, wenn dieser einmal ein Wehwehchen hat.25 Bei einem Abbé Recco wird der Junge in die Kunst des Lesens und Schreibens eingeführt. Er habe schwer gelernt, oft habe er seine Lehrer zur Verzweiflung gebracht, erinnert sich Letizia als alte Frau. „Als er aber doch einmal ein gutes Zeugnis nach Hause brachte, setzte er sich darauf wie auf eine Triumphsäule.“ 26 Das mag ausgeschmückt sein; Genies werden gern als schulische Nullen dargestellt. Tatsache ist, dass sich Napoleon nie mit glänzenden Schulnoten hervortut.
Die Bonaparte-Familie gehört zum korsischen Kleinadel. Das bedeutet nicht wenig, aber auch nicht viel in einer Gesellschaft, in der Reich und Arm nah beieinanderliegen und die Zahl der Vettern, die der Clan aufzubieten hat, mehr Geltung verschafft als Gold in der Schatulle. Zum Leben haben die Bonapartes genug. 1775 gehören ihnen drei Stadthäuser, dazu eine Mühle und Pachtland.27 Im Rat von Ajaccio verfügt die Familie traditionell über einen Sitz. Lucien Bonaparte, ein Onkel, zählt als Archidiakon28 zu den Honoratioren. Trotz des relativen Wohlstands werden die Kinder nicht verwöhnt. Dafür sorgt die überaus sparsame Letizia. „In meiner Familie herrschte das Prinzip, keine unnötigen Ausgaben zu machen“, erzählt Napoleon. „Geld gab es nur für Dinge, die man nicht entbehren konnte, für Kleidung, Möbel und dergleichen, aber nicht für die Tafel, sieht man von Kaffee, Zucker oder Reis ab, die man kaufen musste, weil es das in Korsika nicht gab. Alles, was sonst auf den Tisch kam, wurde vom eigenen Anbau geliefert.“29
Letizia ist eine autoritätsstarke Frau; nie versagt ihr Napoleon den gehörigen Respekt. Sie stirbt 1836 im hohen Alter von 86 Jahren, das heißt, sie überlebt ihren Sohn um 15 und ihren Mann, der seine Tage 1785 beschließt, gar um 51 Jahre. An ihr hängt viel. Als Carlo durch riskante Geschäfte das Vermögen ruiniert und später dann die ebenso riskanten politischen Unternehmungen der Söhne dazu führen, dass die Bonapartes die Heimat Hals über Kopf verlassen müssen, ist sie es, die die Familie zusammenhält. Stendhal huldigt ihr, indem er sie mit den „Heldinnen des Plutarch“ auf eine Stufe stellt.30 Indessen fehlt ihr für eine Cornelia doch das Format. Letizia ist vollständig ungebildet. Sie kann hart und engstirnig sein, und wen sie mit ihrem Hass verfolgt wie Joséphine, Napoleons erste Frau, der hat nichts zu lachen. Den Kindern predigt sie eine spartanische Lebensweise. Oft bekommen sie von ihr zu hören, das Essen diene nur dem Zweck, nicht zu verhungern. „Alles Übrige macht dick.“31 Bei solcher Anleitung muss man es Napoleon wohl nachsehen, dass er zeitlebens ein Nahrungsvertilger bleibt und in dieser Hinsicht der Nation, die schon damals stolz auf die Raffinesse ihrer Küche ist, keine Ehre einträgt. Letizias Stärke ist ihre Zähigkeit. Ihr Geiz ist sprichwörtlich. Sie hält den Beutel selbst dann noch zu, als der Stern ihres Zweitältesten aufgegangen ist und viele Taler in ihren Schoß fallen. Wer sie auf ihren enormen Reichtum anspricht, bekommt zur Antwort: „Ich habe sechs oder sieben Fürsten als Kinder, die mir eines Tages auf der Tasche liegen werden.“32 Nie hört sie auf, dem Glück zu misstrauen, das ihren Söhnen und Töchtern an den Fersen zu kleben scheint. Napoleons Siege locken sie nicht aus der Reserve, der Kaiserkrönung bleibt sie fern. „Pourvu que ça dure!“ („Vorausgesetzt, es bleibt so!“) Kein Höfling würde wagen, wie Madame Mère zu sprechen.
„Maison natale de Napoléon I. à Ajaccio“ – das Geburtshaus auf einem Gemälde von Alexis Daligé de Fontenay aus dem Jahr 1849.
Carlo Bonaparte trauert der verlorenen Sache der Autonomisten nicht lange nach. Er hat sich Paoli angeschlossen, als dieser der Mann der Stunde war. Jetzt setzt er auf die Karte der Franzosen, und seine Geschmeidigkeit wird belohnt. 1771 erhält er eine Richterstelle am königlichen Gerichtshof von Ajaccio. Im selben Jahr sind die Bonapartes mit von der Partie, als die französischen Behörden 66 korsischen Familien den Adelsstatus bestätigen. Daraufhin wählt die Nobilität von Ajaccio Carlo zu ihrem Vertreter in der Ständeversammlung, die ihn 1777 als ihren Repräsentanten nach Versailles schickt. Mittlerweile nennt sich Carlo Charles, er hat die Protektion des Grafen Marbeuf. Der königliche Gouverneur, ein gebürtiger Bretone, herrscht über die Insel wie ein Vizekönig, er teilt Chancen zu oder macht sie zunichte, und Charles ist der Letzte, dem das gleichgültig wäre. Er stellt sich ganz in den Dienst des Statthalters und wird zu einem der Häupter der französischen Partei in Korsika.
Umstritten ist, ob die Gunst Marbeufs auch mit Letizia zu tun hat. Als die Bonapartes während der Bürgerkriegswirren wegen ihrer pro-französischen Haltung ins Gedränge kommen, wird dieser Vorwurf offen erhoben.33 Gegen eine Affäre spricht die soziale Kontrolle in der engen Gesellschaft der Insel. Andererseits ist Letizia eine bewunderte Schönheit und der Gouverneur kein Kostverächter. Er besitzt auf Korsika bereits eine Mätresse, Madame de Varèse, und als diese Verbindung sich erschöpft, ist die Aufmerksamkeit, die Marbeuf Letizia schenkt, auslegungsfähig. 1778 bricht Charles zu einer Reise nach Frankreich auf. Marbeuf und Letizia begleiteten ihn bis zum Hafen, beide im ersten Wagen, während Charles und die Kinder im zweiten Wagen folgen. Das fällt auf. Noch mehr fällt auf, dass Letizia die folgenden fünf Monate auf dem Sitz Marbeufs in Bastia verbringt. Ehebruch oder nicht: Das später ausgestreute Gerücht, Marbeuf sei der leibliche Vater Napoleons, wird durch die Daten dementiert. Marbeuf lernt Letizia erst 1770 kennen, ein Jahr nach „Nabuliones“ Geburt.34
Ist Marbeuf auch nicht der Erzeuger Napoleons, so steht er doch bei einer ganz wichtigen Weichenstellung Pate. Ohne den Freund der Familie hätte Napoleon keine französische Erziehung genossen. Sein Leben wäre anders verlaufen. In Frankreich gibt es über das Land verteilt zwölf königliche Militärschulen. Sie halten 600 Freiplätze vor. Um einen dieser Plätze zu bekommen, muss der Schüler von Adel sein und der Vater mittellos. Die erste Voraussetzung ist im Falle Napoleons durch die Nobilitäts- Bescheinigung von 1771 erfüllt. Für die zweite muss Charles den Offenbarungseid leisten. In einer ausführlichen schriftlichen Darlegung erklärt er, nicht in der Lage zu sein, für eine standesgemäße Ausbildung seiner Kinder zu sorgen. Dank Marbeufs Einfluss nimmt das Gesuch die bürokratischen Hürden; Napoleon wird Stipendiat des Königs.35 Im Dezember 1778 verlässt er zusammen mit Vater und Bruder Ajaccio. Zum ersten Mal in seinem Leben betritt er französischen Boden. Da weder er noch Joseph ein Wort der Landessprache sprechen, müssen sie zunächst in Autun die Schulbank drücken. Nach einem Vierteljahr werden Napoleon hinreichende Sprachkenntnisse attestiert, sodass er am 1. April 1779 unter dem Namen „Napoleonne de Buonaparte“ in die Militärschule Brienne-le Château eintreten kann. Joseph erhält durch Marbeufs Fürsprache eine Stiftsstelle in Autun. Er soll sich auf den Priesterberuf vorbereiten.
Brienne-le-Château liegt in der Champagne, nahe Bar-sur-Aube. Die Schule ist erst vor drei Jahren gegründet worden. 50 von 110 Schülern sind Stipendiaten. Die Leitung haben Franziskaner, der Lehrkörper besteht aus Mönchen und angestellten Lehrern. Der neunjährige Junge aus Korsika hat viel zu verdauen. Frankreich ist eine andere Welt. Auf dem Weg nach Autun hat er Städte von enormer Größe kennengelernt. Marseille zählt 100 000 Einwohner, Lyon, die zweite Stadt Frankreichs, gar 150 000. Wer aus Ajaccio stammt, das mit seinen 4000 Einwohnern die Nummer eins in Korsika ist, reibt sich die Augen. Brienne wiederum ist ein Nest, aber auf andere Weise gewöhnungsbedürftig. Das finstere Schulhaus wirkt abweisend. Tagsüber werden die Schüler in Uniformen gesteckt, nachts schlafen sie in Einzelzellen, die abends von einer Aufsichtsperson verriegelt werden. Als Schlafunterlage dient ein Strohsack, Decken gibt es nur in der Einzahl. Die Mahlzeiten, die im Refektorium eingenommen werden, sind nicht üppig. Als die Eltern ihren „Nabulione“ 1792 besuchen, findet Letizia ihn erschreckend mager.
Der Tagesablauf der Eleven ist streng reglementiert. Acht Stunden dauert der Unterricht. Zwei Wochen Ferien im Sommer müssen genügen. Den Lehrplan hat Kriegsminister Saint-Germain persönlich ausgearbeitet. Der Fächerkanon umfasst Mathematik, Latein, Französisch, Deutsch, Physik und Geografie. Da es sich um eine Schule für Kinder des Adels handelt, stehen zusätzlich Musik und Tanz auf dem Programm. Das Militärische im Unterrichtsplan beschränkt sich auf Lektionen über Festungsbau und Waffenkunde.
Er sei in Brienne zumeist grämlich (morose) gewesen, gesteht Napoleon Las Cases auf Sankt Helena. Lustig ist die Schulzeit für ihn wohl wirklich nicht, was weniger an der Schule liegt. Brienne ist eine vergleichsweise moderne Bildungseinrichtung, und die Annahme, Napoleon sei ein junger Törless gewesen, wird der Sache nicht gerecht. Die Professoren haben ihren Rousseau gelesen, auch die Mönche hat der Wind der Aufklärung angeweht. Selbstverständlich müssen die Schüler zur Messe gehen, doch die Patres sind keine religiösen Eiferer. Père Parault, der Schulleiter, überlässt es den Schülern, fromm zu sein oder nicht. Mit den Lehrern kommt der Junge zurecht, obwohl er leistungsmäßig keineswegs brilliert. Latein interessiert ihn nicht, Deutsch, das von einem Monsieur Bauer unterrichtet wird, noch weniger. „Seine“ Fächer sind eindeutig Geschichte und Mathematik. „Die Erste entwickelt das Genie, die Zweite ordnet das Handeln“, erklärt er später ohne Selbstironie.36 Zustatten kommt ihm ein phänomenales Gedächtnis. „Als Junge kannte ich die Logarithmen von dreißig oder vierzig Zahlen auswendig.“ Weniger gut geht es mit den Kameraden. Bereits dem Schulleiter in Autun war bei dem Jungen eine gewisse Ungeselligkeit aufgefallen. „Er hatte keine Spielkameraden und ging immer allein herum.“37 In Brienne hält diese Auffälligkeit an. Napoleon schließt sich ab, seine Absonderung wird als Hochmut wahrgenommen, er ist unbeliebt. Das berichtet wenigstens der Mitschüler Bourienne in seinen Erinnerungen.38 Zweifellos leidet Napoleon unter Anpassungsschwierigkeiten. Joseph fehlt ihm. Es fehlen ihm auch Sonne und Meer. Brienne liegt in jenem Teil der Champagne, dessen Vorzüge nicht im Meteorologischen liegen und von dem de Gaulle gesagt hat, vom douce France der Dichter spüre man dort wenig. Es regnet häufig, und wer im mediterranen Licht aufgewachsen ist, kann sich leicht wie ein Verstoßener aus dem Paradies vorkommen. Einfach hat Napoleon es wirklich nicht. Sein unzulängliches, korsisch eingefärbtes Französisch macht ihn zur Zielscheibe des Spotts. Außerdem ist er klein. Auf Gleichaltrige wirkt das wie eine Einladung, ihr Spiel zu treiben. Man wirft ihm heimlich Eisstücke ins Wasserglas und hängt ihm den Spitznamen paille-au-nez an, was sich mit „Nasenpopel“ übersetzen lässt.39 Interessant ist, wie er auf das Mobbing reagiert. Man behandelt ihn als Außenseiter? Gut, dann will er Außenseiter sein. Tollen die anderen herum, verkriecht er sich mit seinen Büchern in eine Ecke des Gartens. 20 Jahre später gesteht er Madame de Rémusat, einer Hofdame seiner Frau: „Ich besaß innerhalb der Umfriedung der Schule eine kleine Ecke, wo ich mich hinsetzen und ungestört träumen konnte. Ich habe immer gern geträumt. Wenn meine Kameraden diesen Ort, meinen Besitz, zu erobern suchten, verteidigte ich ihn mit ganzer Kraft.“40 Napoleon spinnt sich ein in ein Gewebe stolzer Unnahbarkeit, er ist der einsame Wolf, der niemanden braucht und der seine Schwermut genießt. Freilich weiß er sich Respekt zu verschaffen. Bei einer als militärische Übung angelegten Schneeballschlacht überwältigt er als Kommandant einer der beiden „Armeen“ den Feind durch geschickte Manöver so eindrucksvoll, dass sogar die Dorfbewohner applaudieren. Vielleicht hat die berühmte Schneeballschlacht, die der ebenso berühmte Napoleon-Film von Abel Gance in einer ellenlangen Sequenz zeigt, so gar nicht stattgefunden. Aber selbst als Anekdote rückt sie das Bild des Schülers zurecht. Napoleon tritt in Brienne als Einzelgänger auf, ein stiller Dulder ist er nicht.
Was ihm wehtut, ist, dass seine korsische Herkunft heruntergemacht wird. Korsika ist für zivilisationsstolze französischer Adelsbuben, die im Zweifel alle von Charlemagne abstammen wollen, die Barbarei, jedenfalls das Allerletzte. Wie soll der Migrant aus Ajaccio damit umgehen? Um sich als Außenseiter zu behaupten, braucht man einen Standpunkt. Napoleon fängt an, seine Heimat zu idealisieren. Dabei weiß er nur wenig über Korsika. Paoli ist für ihn ein Name, mehr nicht. Nun aber, in der Gegenwehr, wächst Paoli zur Riesengestalt, und Korsika wird zur angebeteten Heimat. Mögen ihn die französischen Kameraden hänseln – er erklärt Frankreich den Krieg. Bourienne verkündet er: „Ich werde deinen Franzosen so viel Übles antun, wie ich kann!“41 Den Vater bittet er brieflich, ihm Literatur über Korsika zu schicken, vor allem „Boswell und weitere Geschichten und Erinnerungen über dieses Reich“.42 In Brienne wird der korsische Nationalist Napoleon geboren.
Und noch eine Prägung erhält er in Brienne. Auf der Militärschule lernt der Junge, dass es Unterschiede zwischen Arm und Reich gibt. Er sei der ärmste Schüler von Brienne gewesen, erinnert sich der Kaiser Napoleon. Die anderen hätten immer Taschengeld gehabt, er niemals.43 Das ist vermutlich eine Übertreibung. In Brienne sind vier von zehn Schülern Stipendiaten, das heißt, auch andere sind nicht auf Rosen gebettet. Aber wenn man sich generell zurückgesetzt fühlt, wiegt jeder Unterschied doppelt. Die meisten Mitschüler kommen eben doch aus Elternhäusern, wo an Geld kein Mangel besteht. Sie führen in der Schule einen aristokratischen Lebensstil en miniature vor und leisten sich Vergnügungen, bei denen Napoleon nicht mithalten kann. Der Stachel sitzt tief. Ist Napoleon in Brienne zum Jakobiner avant la lettre geworden? Das ginge wohl zu weit. Aber die Empfänglichkeit für bestimmte revolutionäre Ideen, die er zehn Jahre später an den Tag legen wird, könnte mit der Erfahrung sozialer Distinktion zu tun haben, die er als Schüler macht.
Aus dem fünften und letzten Jahr in Brienne hat sich ein Brief erhalten, der nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil die Zeugnisse aus dieser Zeit so rar sind. Der Brief Napoleons ist an seinen Onkel Fesch gerichtet und beschäftigt sich mit dem Wunsch Josephs, die Ausbildung zum Kleriker aufzugeben und stattdessen Offizier zu werden. Das müsse verhindert werden, erklärt Napoleon apodiktisch. „Wie schon mein lieber Vater bemerkt, besitzt er nicht den nötigen Mut, um in einer Schlacht zu bestehen. Seine schwache Gesundheit wird es ihm nicht erlauben, die Mühen eines Feldzugs zu ertragen. Mein Bruder betrachtet den Militärstand offenbar nur aus dem Blickwinkel des Garnisonslebens. Gewiss, in der Garnison würde er gute Figur machen, er hat ein angenehmes Äußeres und versteht es, Komplimente zu machen. Mit seinen Talenten wird er in den Salons immer gut abschneiden, aber im Kampf? (…) Er will beim Militär unterkommen, das ist in Ordnung, aber bei welcher Waffengattung? (…) Wahrscheinlich will er zur Infanterie. Natürlich, er will den ganzen Tag über nichts tun und herumscharwenzeln. Und was ist das schon, so ein kleiner Infanterieoffizier! Dreiviertel des Tages ein unnützer Kerl, und das ist es doch nicht, was mein Vater und meine Mutter oder unser Onkel, der Archidiakon, wollen, schließlich hat er schon genug Beweise von Leichtsinn und Verschwendungssucht geliefert.“ Besser wäre es, der Bruder würde wie abgemacht die Soutane anziehen; er würde dann sicher bald Bischof werden und in der Lage sein, die Familie zu unterstützen.44
Für einen noch nicht ganz 15-Jährigen ist dieser Brief ein starkes Stück. Wie Napoleon den Älteren abkanzelt! Weshalb mischt er sich überhaupt in dessen Angelegenheiten ein? Rückschauend muss man sagen, dass Napoleon Joseph ziemlich zutreffend beschreibt. Joseph ist beileibe kein Dummkopf. Er hat ein einnehmendes Wesen. Aber er ist weich, und sein berufliches Hin und Her beweist in Napoleons Augen eine Unentschlossenheit, die sich die Bonapartes nicht leisten können. Die Familienkasse ist leer, da sind die älteren Kinder in der Pflicht. Wenn Joseph in seiner Ausbildung Pirouetten dreht, kann er nur mit Verspätung in die Kasse einzahlen, und das ist, so meint Napoleon, rücksichtslos. Der Brief spiegelt einerseits das ausgeprägte Selbstbewusstsein des Verfassers, kehrt aber auch den starken Familiensinn des Jungen heraus. Napoleon denkt für den Clan, und wenn Joseph das nicht tut, verdient er eine Zurechtweisung.
Ende Oktober 1784 sagt Napoleon Brienne ade, die Zulassung zur École royale militaire von Paris hat er in der Tasche. Sein Abschlusszeugnis ist mittelmäßig, bloß in Mathematik ragt er heraus. Er selbst gibt sich im Rückblick gute Noten: „Ich dachte schneller als andere, was mir immer die Zeit zum Nachdenken ließ.“45 Fünf Jahre hat er gepaukt und sich in einer nicht immer einfachen Umwelt behauptet. Der Zufall wird ihn noch zweimal an seinen Schulort führen. Als er 1805 in Brienne Station macht, ist aus dem „Nasenpopel“ ein Kaiser geworden. Er kommt gerade aus Mailand zurück, wo er sich die Eiserne Krone der Langobarden aufs Haupt gesetzt hat. Nachdenklich betrachtet er die steinernen Reste des inzwischen zerstörten Schulhauses und plaudert mit den Bediensteten, von denen er noch einige kennt. Und wieder ein scharfer Schnitt: Am 29. Januar 1814 besiegt er, unweit der ehemaligen Schule, eine preußisch-russische Einheit unter Blücher. Der Erfolg wendet das Kriegsglück nicht mehr. Drei Monate nach der letzten Begegnung mit Brienne hat er die Krone der Langobarden und die der Franzosen verloren.
Der Ehemalige vergisst seine Lehrer nicht. Als Erster Konsul macht er einen seiner Brienner Professoren, den Abbé Dupuis, zum Bibliothekar im Sommerschlösschen Malmaison. Napoleons Dankbarkeit bezeugt auch folgende Geschichte. Eines Tages lässt sich ein Mann bei ihm melden, der nach Angaben des Kammerdieners Constant ziemlich heruntergekommen aussieht. Es ist der Lehrer, der in Brienne vergeblich versucht hat, Napoleon Schönschrift beizubringen. Wahrscheinlich war der kleine Korse sein schwierigster Fall. Ungeachtet der Bedenken des Kammerdie ners wird der Mann empfangen und erhält vom Kaiser eine stattliche Pension.46 Unerfreulich ist die Wiederbegegnung mit dem MathematikRepetitor Pichegru. Pichegru ist vom Lehrfach ins Militärfach gewechselt, General geworden und gehört 1804 zu einer Verschwörergruppe, die Napoleon nach dem Leben trachtet. Die Verschwörung fliegt auf, Pichegru erhängt sich in einer Zelle.
Im Oktober 1784 macht Napoléonne de Buonaparte, wie er in den Akten heißt, seine erste Bekanntschaft mit Paris, jener Stadt, von der aus er einmal den halben Weltkreis regieren wird. Gern würde man wissen, was er beim Eintritt in die Metropole empfindet, doch hat er sich dazu nie geäußert. Paris zählt damals rund 600 000 Einwohner, dagegen waren Brienne und Ajaccio Einsiedeleien. Das Stadtbild ist noch immer von der reichen Bautätigkeit Ludwigs XIV. geprägt. Neueren Datums ist die École militaire. Der weitläufige Gebäudekomplex auf dem linken Seine-Ufer, neben Invalidendom und Marsfeld gelegen, ist erst 1772 fertiggestellt worden. Für die Errichtung hatte sich vor allem Madame Pompadour, die Mätresse Ludwigs XV., stark gemacht. Ursprünglich gedacht als Bildungsanstalt für Kinder des verarmten Adels, findet man unter den Kadetten auch Mont morencys und Rohans, das heißt, Sprösslinge der vornehmsten Adelsgeschlechter. An der École militaire haben die Schüler ordentliche Betten, das Essen wird von Dienern serviert. Im Ganzen werden die jungen Leute wie Offiziere behandelt. Napoleon bleibt ein Jahr in Paris. Er hat jetzt Freunde, keine Rede mehr vom paille-au-nez, auch nicht von sozialer Demütigung. Das militärische Ambiente schleift Unterschiede ab, vielleicht wirkt die Präsenz der Rohans und Montmorencys sogar integrativ. Wer zu diesen Kreisen gehört, hat es nicht nötig, sich zu messen, umgekehrt ist der Konkurrenzkampf mit ihnen von vornherein aussichtslos. An der École militaire lernt Napoleon die désinvolture bewundern, die entspannte Selbstsicherheit, die den Stil dieser Klasse prägt. Als Kaiser wird er eine auffällige Neigung für die Träger großer Namen an den Tag legen, die sich wohl am besten durch die Anziehungskraft des Gegensätzlichen erklären lässt. Désinvolture ist etwas, wonach ein Aufsteiger vergeblich strebt.
Von der Stadt bekommt Napoleon nicht viel zu sehen. Der Internatsbetrieb ist fordernd. Schon um sechs Uhr früh muss man zur Messe antreten. Die Freizeit ist eng bemessen. Der Fächerkanon, der an der Schule unterrichtet wird, unterscheidet sich nur unwesentlich von dem in Brienne, das heißt, mit der militärischen Praxis kommt hier niemand in Berührung. Die Lehrzeit wird erst in der Garnison beginnen, und zwar bei null. Bei der Wahl der Waffengattung entscheidet sich Napoleon für die Artillerie. Eine Empfehlung für die Marine, die mit seinen mathematischen Fähigkeiten begründet wird, schlägt er aus, angeblich wegen des Einspruchs seiner besorgten Mutter. Wahrscheinlicher ist, dass Napoleon die Vor- und Nachteile sorgfältig abwägt. Die von dem Ingenieur Gribeauval reformierte Artillerie steht aktuell hoch im Kurs. Führende Militärtheoretiker sind der Ansicht, dass ihr in künftigen Kriegen eine Hauptrolle zufallen werde. Außerdem soll es für Offiziere ohne Standesvorteil bei der Artillerie leichter sein voranzukommen als in anderen Waffengattungen. Mit seiner Wahl liegt Napoleon richtig. Bei der allgemeinen Abschlussprüfung landet er unter 58 Kandidaten auf Platz 42, was wirklich nicht überwältigend ist. Dagegen schneidet er bei einem Spezialexamen für die Artillerie so gut ab, dass ihm ein weiteres Schuljahr geschenkt wird und er sofort in den aktiven Dienst eintreten darf. Die Ernennung zum Unterleutnant im Alter von 16 Jahren und 15 Tagen – so genau hat er es berechnet – markiert für den Jungen aus Korsika ein Ereignis, auf das er ewig stolz sein wird.
Das geschenkte Jahr ist ein Segen für die Familie. Napoleon erhält jetzt Sold, und Geld brauchen die Bonapartes im Moment dringender als je. Im Vorjahr ist Charles Bonaparte im Alter von 38 Jahren gestorben (25. Februar 1785), wahrscheinlich an Magenkrebs. Charles hinterlässt den Seinen eine Menge Verpflichtungen. Er war nicht gut beraten, als er in die Trockenlegung eines der der Familie gehörenden Sumpfgebiete investierte, um dort Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht zu pflanzen. Die königliche Regierung hatte ein entsprechendes Förderprogramm für Korsika aufgelegt, und Charles erhielt aus den Fördermitteln ein hohes Darlehen. Aber die Zucht kam nicht voran, die Regierung kürzte das Programm und forderte das Darlehen zurück. Jetzt sitzt die Familie auf einem Schuldenberg.
Mit dem Abgang von der École militaire ist Napoleons schulische Laufbahn abgeschlossen. Was hat er gelernt? „Mathematik und Plutarch“, lautet die summarische Antwort des Napoleon-Forschers Patrice Gueniffey, nicht viel also.47 Das Schulwesen Frankreichs steht Ende des 18. Jahrhunderts unter Beschuss. Es ist eine Domäne der Kirche, auch deshalb lassen die Philosophen der Aufklärung an ihm kein gutes Haar. Sie monieren, es werde zu viel lateinische Grammatik und klassische Geschichte gelehrt und zu wenig französische Grammatik, französische Literatur und franzö sische Geschichte. Die Kritik bleibt nicht ohne Widerhall, aber die Reformansätze sind unsystematisch und widersprüchlich. Ein Beispiel: Wenn in Brienne Deutschunterricht erteilt wird, geschieht das deshalb, weil der Kriegsminister das preußische Militärwesen für überlegen hält und meint, möglichst alle Offiziere sollten Deutsch verstehen; nur so könne Frankreich den Rückstand aufholen. Auf der anderen Seite profitiert Napoleon an der École militaire von einem hochkarätigen Lehrkörper, zu dem unter anderen der Chemiker Louis Monge und der Physiker und Astronom Pierre- Simon Laplace gehören. Laplace, der ihm das Examen abnimmt, erhält später ein Ministeramt. Monges Bruder Gaspard, ein renommierter Mathematiker, darf Napoleon auf der Ägypten-Expedition begleiten.
Als Herrscher prahlt Napoleon gern mit seiner Bildung. Goethe, den er 1808 in Erfurt trifft, hält er einen logischen Fehler im Werther vor. Carl Theodor von Dalberg, Fürstprimas des Rheinbundes, muss sich bei einem Stegreifdiskurs über die Goldene Bulle vom Franzosenkaiser korrigieren lassen. Napoleon kennt das Jahr ihrer Verleihung genauer als der hochgebildete deutsche Bischof. Den Code civil48 schreibt Napoleon natürlich so wenig wie Justinian den Corpus iuris civilis selbst verfasst hat. Aber er nimmt an den Beratungen teil, präsidiert bei wichtigen Sitzungen und überrascht die Spezialisten mit der Kenntnis römischer Gesetze, die er sich als unterbeschäftigter Garnisonsoffizier im Selbststudium angeeignet hat. Mit seiner schnellen Auffassung und der Gabe, Fakten und Zusammenhänge abrufbereit im gewaltigen Speicher seines Gedächtnisses aufzubewahren, schafft er sich ein präsentes Wissen, das jeder anspruchsvollen Konversation standhält. Trotzdem ist ihm bewusst, wie lückenhaft seine Bildung ist. Deshalb liest er immerfort. Sein Bücherkonsum hat nichts Kulinarisches, er ist der Treibstoff eines zweiten Bildungsweges, auf dem er nachzuholen trachtet, was andere ihm voraushaben.
