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Der Glaube an Gott könnte für Inge einfach und herzerfrischend sein -, wären da nicht Leute, die anderen vorschreiben wollen, was sie dabei zu tun und - vor allem - zu unterlassen habe! Sich unterordnen, still mitmachen, auch wenn dies ihre Persönlichkeit zu ersticken droht? Auch wenn sie daran krank wird? Lange ja... Drei Erzählungen berichten, wie sich eine junge Frau, Anfang Zwanzig, aus derlei Zwängen befreit. Alle drei: ein Entwicklungsroman.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Ins Wasser fällt ein Stein
Der Ritt auf der Rakete
Kein Gott der Toten
Die Kellertür wird aufgestoßen. Das grelle Licht der Neonröhren auf dem Gang fällt in den dämmrigen Raum, die Kerzen auf den Regalen flackern. Die Schatten zweier Personen fallen auf die Geräte, die der Tür gegenüber stehen. Ein Arm greift aus, tastet nach dem Lichtschalter, eine Hand knipst das Deckenlicht an; eine 25-Watt-Glühbirne glimmt auf. Der Drehstuhl an der Wand gegenüber dreht sich quietschend um. Im Drehstuhl sitzt ein fülliger Endzwanziger, grüne Latzhose über olivgrünem T-Shirt. Blonde Haarstoppeln auf breiter Stirn. Er grienst: »Hallo, ihr zwei Hübschen. Schön, dass ihr kommt. Macht die Tür zu, es zieht!«
Die Frau, Mitte Zwanzig, wickelt ein lila Halstuch von den Schultern; sie lacht zurück: »Schneller ging’s nicht, nur Fliegen ist schöner!« Sie lässt sich auf die grüne, durchgesessene Couch fallen. »Na, Gerhard, hast du Sehnsucht nach uns? Wir haben ja alles ’bei, was wir für heute Abend brauchen«, begrüßt sie ihren Gastgeber. Mit der flachen Hand klopft sie auf das Polster, um ihren Begleiter einzuladen sich dazu zu setzen. »Arndt, Alter, komm an meine grüne Seite, ja?« Arndt, ebenfalls Anfang Zwanzig, setzt sich vorsichtig auf die schwankende Couch. Sein rotbuntes Holzfällerhemd nimmt im Dämmerlicht eine schwarz-weiße Färbung an.
Die Kellertür fällt krachend ins Schloss.
Gerhard beugt sich vor: »Das ist also eine Premiere! Das erste Mal seit zwei Jahren machen wir wieder Musik miteinander, was, Inge! Okay, du kennst mein Equipment: E-Gitarre, Bassgitarre, ’n paar Keyboards. Sogar der gute, alte Sequenzer ist noch da! Neu ist bloß der ‚Roland’. Okay, das gibt bestimmt ’ne schöne Session, was?« - »Haste deine Boxen auch noch?«, will Inge wissen. – »Nee!«, platzt Gerhard heraus. »Die sind ---« Mit ausladender Geste deutet er eine Explosion an. »Habe mir aus einer Fachzeitschrift einen Hochtöner und’n Bass nachgebaut, allererste Sahne, die Dinger! Warte, ich führe sie euch vor!«
Gerhard erhebt sich aus dem Drehstuhl und legt an der Schalttafel an der Kellerwand einige Schalter um. Die hölzernen Türme links und rechts davon geben ein leises Rauschen von sich. Gerhard wendet sich um und legt eine CD in ein schwarzes Rack ein. Rockmusik im Spacesound schallt aus den Boxen. Gerhard schließt die Augen und atmet tief ein. »Klasse, das ist ‚APP’. Live! Aber: pschscht, kein Wort davon!« Inge wippt den Takt mit den Füßen mit. Arndt versucht im Dämmerlicht die einzelnen Geräte in Gerhards Musikkeller auseinander zu halten. Er kann die Boxen erkennen, einen PC-Monitor, an der Wand lehnen zwei Gitarren.
Die Kellertür fliegt auf. Gerhards Freundin Marianne kommt mit einem Tablett Getränke herein.
Noch bevor sie das Tablett auf einem der Tische absetzt, bemerkt die Schwarzhaarige: »Dreh‘ doch mal leiser! Euch hört man ja schon im Treppenhaus. Ja, ja, der Gerd ist gaaanz stolz auf seine selbst gebastelte Anlage!« Sie stellt das Tablett neben dem PC auf einem Stapel Zeitschriften ab. –
Gerhard protestiert: »Von wegen: gebastelt! Das ist Marke Eigenbau. Das dürft ihr Marianne nicht übel nehmen; sie mag meine Musik nicht so sehr. - Okay, jetzt aber Prost, der liebe Gerd gibt einen aus!«
Alle nehmen sich ein Glas Ginger Tonic oder Ingwer-Brause. Inge kramt in ihrer Umhängetasche. Sie sucht etwas. »Das müsste doch… die Bänder mit den alten Aufnahmen habe ich doch… äh, und die Klinkenstecker… Arndt, hast du die Klinkenstecker eingesteckt?« -
Arndt schüttelt den Kopf. »Der Gerd hat alles da, hast du gesagt.« - »Klinkenstecker? So was Altmodisches soll ich besitzen?«, feixt Gerhard. »Stecken die vielleicht inner Kiste? Marianne, hast du die Dinger gesehen?« - Sie schüttelt auch den Kopf; das geht sie nichts an.
»Dann fahre ich noch einmal nach Hause«, beschließt Inge. »Die Aufnahmen will ich euch unbedingt vorführen. Und ein…, na ja, lasst euch überraschen.« Schon ist sie aufgestanden, lässt sich von Arndt den Autoschlüssel geben, und schon ist sie aus dem Keller.
Verdutzt gucken Marianne und Arndt hinter ihr her.
»Okay, was soll’s?«, meint Gerhard, »Die Lady kommt wieder, wir werden erstmal ’reinhau’n. Arndt, ich zeige dir, wie mein Sequenzer geht.« -
Marianne hat Staub von den Tischen gewedelt und ist in die Wohnung hoch gegangen. Beide Männer setzen sich vor das Gerät, Gerhard erklärt seine Bedienung. Arndt blickt verstohlen auf seine Armbanduhr. Gerhard lacht, als er es bemerkt. »Lass man gut sein, Arndt. Unser’ Inge kommt schon wieder. Keine Bange, sie hat Sehnsucht nach uns, wetten?« - »Alter Spaßvogel«, grunzt Arndt. »Also, Geräusche kriegen wir schon hin, aber ’ne ganze Melodie ist ja fast schon zuviel verlangt.« -
»Ach was!«, schmunzelt Gerhard. »Das geht mit Gefühl. Du brauchst nur Geduld und Gefühl.« - Wieder wird die Kellertür aufgestoßen. Marianne springt herein.
»Telefon, Gerhard! Das Krankenhaus ruft an. Ich glaube, die Klinik am Rosenberg.« - »Na, und…?« Gerhard winkt ab. –
»Von wegen, na und! Inge hat ’nen Satz gebaut. Sie ist gerade in die Klinik eingeliefert worden!«
Am folgenden Tag besuchen sie Inge im Krankenhaus.
Inge hat schon Besuch; ihre Mutter und ihre jüngere Schwester stehen am Bett. Sie verabschieden sich, als sie Inges Freunde bemerken. Gerhard grüßt Inges Mutter, doch sie weicht ihm aus. Die Schwester küsst Inge auf die Stirn. »Danke, Chrissie«, lacht Inge. »Au, sogar Lachen tut weh! Ach, kennst du Gerhard und Arndt schon?« -
Chrissie mustert die beiden und zuckt mit den Schultern. »Weiß gar nicht, was du hast : an jeder Hand einen!« - »Wehe, wenn ich könnte: Schuh an’n Kopp!« - »Tschüssie!« Damit flitzt Chrissie aus dem Krankenzimmer.
»Lass‘ dich mal ansehen«, meint Arndt zu seiner Freundin. »Also, bis auf ein paar Schrammen siehst du ganz gut aus. - Übrigens: wer ist denn sie?« Er deutet mit dem Daumen zu Tür. – »Meine Lästerschwester«, stöhnt Inge. Dann erblickt sie den Rosenstrauß in Arndts Arm. »Der Botanische Garten ist am anderen Ende der Stadt. – Ach, für mich? Danke für die Blumen, am Spülstein steht ‛ne Vase.« -
Arndt stellt den Rosenstrauß auf den Nachttisch. Jetzt bemerken sie, in welchem Zustand Inge daliegt. Ihr linkes Bein ist vom Fuß an bis über‛s Knie geschient. Am Fußende des Bettes ist eine Flaschenzugkonstruktion angebracht, ein mit der Schiene verbundenes Gewicht hängt daran.
Dadurch wird das Bein gestreckt. Außerdem ist das Fußende um einige Handbreit höher gestellt als der Kopf. Inges linker Arm ist ebenfalls geschient. Und über dem Kopfende baumelt der „Galgen“, ein zum Dreieck gebogener Handgriff. –
»Das sieht ja schlimm aus«, haucht Arndt. –
»Du sagst es«, erwidert Inge. »Das sieht nicht nur schlimm aus, das ist – zum Heulen! Ich kann mich überhaupt nicht bewegen. Bis gestern noch gelaufen, mit dem Auto gefahren, und jetzt –?« Marianne fragt: »Was haben sie denn mit dir gemacht?« - »Vernagelt und aufgehängt, wie ihr seht«, lacht Inge bitter. »Der Doc hat ‘was von ‚kompliziertem Bruch ‛ gesagt. So richtig verstanden habe ich das alles nicht. Was das alles soll, und warum das alles passiert ist. Warum!«
Inge braust auf: »Ein Wahnsinn ist das in diesem Laden! Um halb sechs wirste geweckt zum Waschen, und geschlagene zwei Stunden später erst gibt‛s Frühstück. Und so lange lassen die Nachtschwestern das Licht an, und du kannst nicht wieder einpennen. Und kaum haste gefrühstückt, da kommt schon das Mittagessen und, zack, gibt‛s Abendbrot um fünf. Die haben verrückte Zeiten! Alles spielt verrückt...«
Sie versucht sich aufzurichten, doch fällt zurück ins Kissen. »Au, der Arm!«, zischt sie. Ihre Wut bekommt einen Dämpfer. Sie sieht ihre Besucher der Reihe nach an. »Wie geht‛s euch denn? Erzählt mal.« -
Arndt erzählt, dass das Krankenhaus bei Gerhard angerufen hatte und sie so erfuhren, was passiert war. Wie sie am liebsten alles stehen und liegen gelassen hätten und ins Krankenhaus gefahren wären. Dann der Anruf von der Polizei, dass der eigene Unfallwagen am Polizeipräsidium abgeholt werden könne, allerdings erst nach den Untersuchungen an dem Wrack. Die Sorgen, die sie um Inge gehabt hätten, wie sie den Unfall wohl überstanden hätte. –
»Au weia, unser Passat!«, erschrickt Inge, »Den – den hab‛ ich ja kaputt gefahr‛n! Das – das wollte ich nicht. Und der andere, was ist mit dem anderen?« – »Der Unfallgegner? Ein blauer Mondeo. Da hat die Polizei nicht viel erzählt. Soll ohne Licht gefahren sein«, erwidert Arndt. »Das ist im Moment nicht so wichtig. Hauptsache, du wirst wieder gesund. Das ist mir – ist uns wichtig.« –
Inge schreckt noch einmal auf. »Da ist doch noch etwas... Himmel, das Konzert! Steigt das ohne mich? Und das Semester geht im Oktober wieder los, wie soll ich denn meine Diplomarbeit fertig kriegen? Himmel, wie soll ich das schaffen?« -
Gerhard murmelt etwas. »Also, ähm... das Konzert... Werd‛ erst ’mal gesund, Ingemädchen, dann sehen wir, was aus dem Konzert wird... das läuft uns ja nicht weg.« - »Genau«, bekräftigt Arndt. »Die Diplomarbeit läuft nicht weg. Ich helfe dir. Notfalls kannst du eine Verlängerung beantragen, kein Problem.« -
»Kein Problem, sagt ihr«, meint Inge mit matter Stimme, »Arndt, du bist erst im zweiten Semester, und ich rede vom Diplom. Danke für die Absicht. Ausgerechnet jetzt passiert es! Und warum ausgerechnet gerade ich? Ja, doch, das ist typisch für ‚unser’ Inge’, der passiert so was! Na,... ich hab‛s schon kommen gesehen.« -
Nun erschrickt Arndt: »Du hast geahnt, dass du so einen Satz baust! Wie meinst du das?« - »Na, das ist für meinen Fan-Club nicht schwer zu erraten, was?« Diese Antwort verwirrt Arndt. Suchend sieht er in die Gesichter der Freunde. Gerhard ergreift das Wort: »Der Bums, das war an der Schikane.« Er beugt sich zu ihr vor. »Du sollst doch keine Dummheiten mehr machen.« -
Sie schüttelt den Kopf, das Gesicht vor Schmerzen zur Grimasse verzogen. »Das Schlimme daran ist, ich kann mich an alles erinnern. Inzwischen. Wie ein Film, den ich mir ansehe. Ein Film, bei dem ich mir selber über die Schulter gucke. Da rase ich auf diese Schikane zu. Kein Problem, denke ich, da bist du schon so oft durchgebrettert. Sehe in den Spiegel am Straßenrand, dann seh‘ ich ja, was in der Kurve auf mich wartet. Dann die Buchen und Fichten, die bis eng an den Fahrbahnrand stehen, dazwischen blinzelt die untergehende Sonne, goldgelb. Huh, und dann biege ich in die Kurve ein, nach links, da kommt der Wagen mir schon entgegen, voll auf‛m Mittelstreifen. Auf dem durchgezogenen Mittelstreifen. Mein erster Gedanke: ausweichen, in die Büsch‛!, und dann: ach was, halt d‛rauf, fahr zu, kannst den sowieso nich‛ aufhalten, und dann, schleuder, schleuder, rase ich in’n Wald. Und komme irgendwo zwischen den kahlen Fichtenstämmen zum Stehen. Der Rest… Filmriss!
Und dann, und dann bin ich aufgewacht und sehe rosa Schläuche an der Decke baumeln. Hab‛ ‛n Nachthemd an, so’n Engelshemd, hinten offen, und alles fühlt sich so taub an. Und jede Bewegung tut weh! — Was ist eigentlich mit dem anderen Autofahrer passiert, weiß das einer von euch?« -
Arndt schüttelt den Kopf. »Die Polizei sagte nur, er hätte ein Schleudertrauma abgekriegt, und sein Fahrzeug sei Totalschaden.« -
»Ach du Sch— reck!«, haucht Inge. »Wie mach‛ ich das nur wieder gut?« - Ihr Blick fällt auf das Kruzifix an der gegenüber liegenden Wand. »Ja, so geht‛s... ‚Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.’ Hmh, das isses, und das ist schwer...« - »Mach‘ dich nicht verrückt«, versucht Marianne die Freundin zu beruhigen.
Inge schweigt.
Arndt steht auf. »Dann woll‛n wir mal. Wir seh‛n uns wieder, Große.« Vorsichtig küsst er sie auf die Nase, und dann verabschieden die Freunde sich.
Auf dem Stationsflur pufft Marianne ihrem Gerhard in die Seite: »Was ist los mit dieser Schikane? Damit ist doch irgend etwas Besonderes?« - »Ach, frag‛ nicht mich«, erwidert Gerhard ausweichend. »Wir können ja mal hinfahren und sie uns ansehen.«
Gerhard parkt den Golf am Straßengraben, ein gutes Stück vor der Unfallstelle. Sie gehen auf die Schikane zu. Niemand sagt ein Wort; jeder geht den eigenen Gedanken nach. Marianne läuft voraus und blinzelt in die Sonne über den Baumkronen. Arndt folgt mit seinem Blick dem Straßenverlauf. Gerhard trabt hinter ihm her, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Vor dem rotweiß geränderten Spiegel bleiben sie stehen.
»Hier war das also«, murmelt Arndt. -
»Hier ist das also«, murmelt Gerhard. –
Marianne verschränkt die Arme vor der Brust. »Jetzt sag uns endlich, warum du uns zu dieser schattigen Stelle geführt hast, Gerd!«, will sie wissen. »Ich sehe hier bloß den Wald, ‛nen verbeulten ollen Spiegel und Scherben.« -
»Naja, das ist so«, erwidert Gerhard. »Dunkel war‛s. Inge hat erzählt, sie hat in den Spiegel geguckt und ist dann in die Kurve gegangen, dann ist‛s im Spiegel dunkel gewesen. Kein Reflex, kein Licht oder so. Und Inge dachte, sie hätte freie Fahrt.« -
»Was ‛n Irrtum war«, meint Arndt. »Da war einer unterwegs in der Gegenrichtung.« - »Genau. Wenn‛s da duster blieb – und es war doch am Abend, Dämmerung, tief stehende Sonne? Der Kerl im Mondeo ist ohne Licht gefahren; in dieser ‚schattigen‛ Ecke!« -
Marianne hat inzwischen einige Glassplitter aufgesammelt. »Guckt mal, ist das nicht komisch? Die liegen alle auf der rechten Fahrbahn. Der ist auf der falschen Seite gefahren. Kein Wunder, dass es da gekracht hat!« -
»Oh!«,macht Arndt. »Sie ist mit Volldampf in die Kurve gegangen und hat keinen Schimmer gehabt, was da kommt!« -
»‛s gibt auch keine Bremsspuren«, stellt Marianne fest. – »Nee«, erwidert Gerhard, »kann auch keine Bremsspuren geben.« - »Wie kommst‛n darauf?«, will Marianne wissen. »Und überhaupt: Ihr spielt euch als Sachverständige und Detektive auf, dabei ist die Inge schwer verunglückt! Und wie es der geht, kümmert euch überhaupt nicht!« -
»Das ist ja gar nicht wahr!«, wehrt Arndt ab. »Wir wollen uns am Tatort umsehen.« -
»Jetzt kann ich‛s euch ja ruhig sagen«, erwidert Gerhard. »Das Verrückte an der Sache ist: Die Schikane kennt Inge in- und auswendig. Sie ist vor Jahren bei mir als Sozius mitgefahren. Mit ihr hinten d‛rauf, auf meiner KTM 8000, bin ich diese Strecke auf und ab gefahren; immer wieder sind wir hier lang gebrettert, immer schön tief durch die Kurve, dass die Knie auf die Straße schrammen. Das war unsere Mutprobe. Unser’ Inge weiß, wie sie die Kurve nehmen muss, um heile durchzukommen.« -
»Was heißt das?«, hakt Marianne nach. »Und überhaupt: Motorrad fahren ist ja wohl ‘was anderes als Auto fahren!« -
»Mensch, das heißt... erstens, dass sie sich sicher fühlte, weil sie meinte, die Strecke wäre frei, und zweitens, dass ihr einer ‛reingeknallt ist ohne Licht und auf ihrer Seite der Fahrbahn. Das heißt das! Einmal sind wir, hier am Spiegel, in den Wald geböötet. Das arme Kind, ganz schmutzig von dem Dreck, die Fichtennadeln, das Motorenöl und so. Die Maschine hab‛n w‛ nach Hause geschoben und repariert. Und dann, ‛ne Woche später, wieder ‛ran an die Schikane. Ja, so war das! Damals...« Tränen stehen in Gerhards Augen. –
»Moment«, wirft Arndt ein, »willst du damit sagen: Inge hat diese Mutprobe noch einmal... Aber sie ist jetzt doch mit‘m Auto unterwegs gewesen, das ist doch ’was anderes!« Gerhard nickt. »Kommt, lasst uns gehen. Hab‛ genug gesehen.« - »Mutproben!«, schnaubt Marianne entrüstet. »Könnt ihr Männer die nicht unter euch abmachen! Musstest du Inge da ‛reinziehen!« -
»Das war lange vor unserer Zeit...« -
»Ach! Ich will hier nicht länger bleiben. Ich weiß was: Ich fahr‛ uns zum Baggersee, da können wir die Füße ins Wasser hängen lassen.«
Marianne setzt sich ans Steuer und fährt zum nahe gelegenen Baggersee. Sie stellt den Wagen am Steilufer ab. Die Freunde gehen bis zur Abrisskante vor und schauen auf den blaugrünen Wasserspiegel fünf Meter unter ihnen. Sie winken ihren Spiegelbildern zu.
Marianne nimmt das Gespräch wieder auf: »Sagt mal, dieses ‚Und vergib uns unsere Schuld‛ und so weiter – warum? Wozu das? Sie ist doch mit Absicht so schnell gefahren. Das ist nicht das einzige Merkwürdige. Die ‚Mutprobe‛ gefällt mir nicht. Inge ist kein Idiot, die muss sich selbst oder anderen nichts beweisen! Weshalb also... Andererseits kann sie nicht ahnen, dass ihr einer entgegen kommt... Trotzdem hätte sie vorsichtig fahren können... Ach, arme Inge!« -
»Du fragst nach der Zeile aus dem Vaterunser«, erwidert Arndt. »Es tut ihr leid, dass sie dem anderen Autofahrer Schaden zugefügt hat. Sie hat ‘n schlechtes Gewissen, fühlt sich verantwortlich. Sie ist ein gläubiger Christ. Deshalb das ‚Vergib uns‛.«
»Nee, du, so einfach ist das nun auch wieder nicht«, widerspricht Gerhard. »Das belastet sie sehr. Das ist nicht getan mit einem Vaterunser und drei Ave Maria und fertig ist die Kiste! Wenn sie sich an jede Einzelheit beim Unfall erinnern kann, wie in einem Film, wo sie sich selbst über die Schulter schaut. Das ist etwas ganz Wichtiges für sie. - Kommt, wir gehen um den Baggerteich. Am flachen Ufer können wir baden gehen.«
Sie laufen um den See. Das Ufer senkt sich, bis sie am Wasser gehen können. Unter den Herkulesstauden, die dort wuchern, findet Arndt einige flache Steinchen. Er hebt sie auf und schmeißt sie in flachem Winkel aufs Wasser. Sie hüpfen über den Wasserspiegel und erzeugen dabei jedes Mal Wellenringe. »Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise«, intoniert Arndt 1.
Marianne schmunzelt. »Hat Sigmund Freud nicht die menschliche Seele mit einem See verglichen? Was unter der Oberfläche alles ruht, und es bleibt einem unbewusst.« Sie hebt auch ein Steinchen auf. »Was in Inge wohl vorgeht? Was hat sie dazu gebracht, eine ‚Mutprobe ‛ zu bestehen? Kann man das denn mit dem christlichen Glauben vereinbaren: sich selbst und andere in Gefahr bringen?« -
Arndt zuckt mit den Schultern. »Wer weiß, was in ihr vorgeht? Du hast recht: Es hat bestimmt mit ihrem Glauben zu tun. ‚Lieber Gott, lass mich heil durch die Schikane kommen, dann glaube ich, dass es dich gibt‛? Naja, das wäre denkbar. Allerdings passt sowas eher zu einer Vierzehnjährigen, nicht zu einer Vierundzwanzigjährigen. Was meinst du, Gerd?« - »Was soll ich dazu sagen? Wir können nur spekulieren. Am besten ist, wir lassen Inge selber darüber reden. Wenn sie will, wird sie das tun. Wir können sie nicht zwingen.« - »Nein, das können wir nicht!«, erwidert Marianne, um Gerhards Auffassung zu bestätigen.
Damit setzen sie ihren Spaziergang um den Baggerteich fort.
Sonnengold leuchtet hinter dunklen Stämmen. Blinken und Glitzern, Licht und Schatten. Graue gerade Bahn. Gerade Bahn, gerader Strich. Weißer Mittelstrich. Wirft Schlangen. Kurve kommt. Fahrtwind pfeift. In die Kurve legen. Links. Rechts Spiegel gucken. Dunkles Glas. Lenkrad vibriert in beiden Händen. Das Knie unterm Lenkrad eingeklemmt!! Graue krumme Bahn. Fahr zu! Fahr zu! Jetzt oder nie! Grauer Schatten wächst aus dem Boden. Füllt Bild aus. Nur Schatten, wohin? Weich aus: rechts in die Büsche, fällste weich! Nein! Jetzt gilt ‛s, ich komm‛ vorbei! Zu spät! Blitze. Dunkel. Blitze. Tannen. Kratzen. Rumms! Au, meine Schultern! Kann das Knie nicht bewegen, es klemmt. Rosa Schläuche drehen Schlangen, winden sich um graue, viergeteilte Bahn. oder Decke? Rosa Schlangen schlängeln... Gesicht, schwarze Augen, grüner Mund???
Inge schreckt auf. Morgendämmerung. Grauer Himmel. Graue Wand. Kruzifix. Bein, bist du da? Verbunden, verschnürt, Flaschenzug. Wieder der Traum. Wieder der Alptraum. Inge kehrt in das wache Sein zurück. Sie schluchzt. Jede Nacht kehrt der Film wieder. Dann gibt sie Gas und braust mit ihrem Passat durch das Waldstück. Sekunde für Sekunde, Meter für Meter erlebt sie die Unfallfahrt noch einmal. Bis zum Aufprall, bis zum Erwachen im Krankenhaus, nach der OP. Sie schluchzt. Jetzt ist die Nacht gelaufen, sie wird nicht wieder einschlafen. Wie spät ist es: vier, fünf? Jetzt besonders, wie die Male zuvor schon, nur dumpfer, hat sie das Gefühl, dass irgendetwas fehlt in ihrem Film. Etwas Bestimmtes, Wichtiges. Welches Detail fehlt in dem Film?
Am Nachmittag kommt Arndt alleine zu Besuch. Er hat eine Tüte Espressopulver mitgebracht und verstaut sie im Nachtschränkchen. Dann nimmt er auf einem Hocker Platz, den er an das Kopfende geschoben hat. »Na, wie geht’s?« -
»Wie soll’s schon gehen? Weißt du, was das Schlimmste ist? So bandagiert, wie ich hier liege, kommt zum Mittagessen eine Schwester – und füttert mich!« -
»Oh! Ja? Schrecklich… ich meine, sorry, wenn‘s nicht anders geht. Hör mal… äh,… also, wir waren gestern noch an der Unfallstelle. Der Gerhard, Marianne und ich. Wir haben uns die Schikane angesehen.« -
»So, habt ihr das?« -
»Mhm. Gerhard hat erzählt, dass du, äh… dass ihr da, an der Schikane, mal ‘ne Mutprobe gemacht habt. Und jetzt hast du da wieder, nein, jetzt hast du ausgerechnet an derselben Stelle einen Unfall. Das hat bestimmt etwas mit persönlichen Problemen zu tun?« - »Ach was! Macht ihr euch Sorgen? Macht euch keine Sorgen!« - »Jaaa?«, entgegnet Arndt verunsichert. »Also, wir kennen uns noch nicht so lange, Inge. Deshalb: Gibt es ’was, womit ich dir helfen kann?« - »Helfen? Ach ja, doch, kannst du. Bring mir beim nächsten Mal den Hollemann-Wiberg2 mit. Und außerdem meine Karteikarten zu den Seltenen Erden. Ach ja, den Hofmann-Jander bringste auch mit. Machste das? Lieb von dir.« -
»Mhm, mach’ ich.« Arndt kramt einen Zettel aus der Jackentasche und macht sich eine Notiz. »Brauchst du sonst noch ‘was? Gummibärchen, Musikkassetten, oder…?« - »Gummibärchen sind gut!«
Neuer Besuch kommt zu Inge. Marianne und Gerhard kommen nach Feierabend, um ihr die Neuigkeit zu übermitteln.
»Eine Wohnung haben wir schon«, sprudelt Marianne los. »Sie liegt zwar etwas außerhalb, aber mit dem Auto oder mit der Straßenbahn komme ich ganz schnell zur Stadtbibliothek. Als nächstes suchen wir unsere Einrichtung aus. Was wir brauchen, ist eine Küche: groß, praktisch, gemütlich.« - »Zuerst werden wir die Wohnung renovieren«, erzählt Gerhard, »dafür haben wir Tapeziertische, Tapeten und Farbe besorgt.« - »Ach, dass ihr umzieht«, seufzt Inge. » Das Wichtigste habt ihr noch gar nicht erzählt: Wann heiratet ihr?« -
»Am liebsten sofort«, schwärmt Marianne. »Erst mal wollen wir uns eingerichtet haben. Wenn wir uns über die Möbel einig geworden sind. Ja, mit Gerhards Klappstühlen kannst du keine Wohnung bestücken, das muss schon Stil haben. Du wirst es rechtzeitig erfahren, Inge. Willst du unsere Trauzeugin sein?« -
Inge zieht eine Grimasse. »Au! Die Schulter! - Wie, den Trauzeugen soll ich machen? Ach je! Seht doch mal, wie ich hier liege, kein schöner Anblick. Ich bin sozusagen ein ‚Flachmann‛ geworden, haha! Zu nix zu gebrauchen, nur zum ‛Rumhängen!« Gerhard feixt: „Hör sie dir an, unser‘ Inge ist ganz die alte geblieben! - Spaß beiseite, darüber können wir reden, wenn du wirklich wieder fit bist. Wir würden uns freuen.« - »Mal ‛was anderes«, meint Marianne. »Wir sind ‛raus gefahren und haben uns die Schikane angesehen und haben Glassplitter gefunden...«
»Und uns gefragt, wie wir dir helfen können«, ergänzt Gerhard. »Ja, ja, das hat Arnie mich auch schon gefragt«, prustet Inge los. »Macht doch mal die Augen auf: Die Schiene vom Arm ist schon ab, sie haben mir einen Gips angelegt, und der kommt nach zwei Wochen auch ab. Na, und den Flaschenzug am Bein bin ich auch bald los. Und dann, dann werde ich das Laufen lernen. Wie‛n Baby! Also, um mich braucht ihr euch keine Sorgen zu machen.« - »Du redest vom Fortschritt, Inge«, erwidert Gerhard, »dabei siehst du so traurig aus, so schwermütig.« - Inge nickt zustimmend und schweigt. Sie sucht mit ihrem Blick das Kreuz an der Wand. »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal 3«, murmelt sie, den Blick auf das glatt gestrichene Betttuch gesenkt.
»Ja, heiratet ihr mal«, meint sie nach einer Pause. Sie hält die Hände vor‛s Gesicht und blinzelte zwischen den Fingern hindurch. »Das is‛n Leben ...« - Als Marianne und Gerhard sich verabschieden, hält sie ihn am Ärmel fest.
»Mach dir keine Sorgen«, redet sie ihm zu. »Ich habe die Schikane auch dies‛ Mal überlebt. Weck‛ keine schlafenden Hunde. Und noch etwas: Lasst Arnie da ‘raus, den belastet das, der kann sonst an gar nichts anderes mehr denken. Ach ja, bringt ihr ihn bitte nach Hause?« - Gerhard zieht fragend die Augenbrauen hoch, doch für Inge ist das Gespräch beendet.
Nach zwei Wochen wird Inges Streckverband abgenommen. Dafür wird der Unterschenkel genagelt; Schienen- und Wadenbein sollen neues Knochengewebe ausbilden und zusammenwachsen. Inge lernt das Gehen, ihr Gehgips hat einen Stopfen erhalten. Die Krankengymnastin übt mit ihr, indem sie sie an einem Gurt hält, den sie um ihren Oberkörper spannt. Nach einigen Schritten, die sie von der Physiotherapeutin geführt wird, sollt sie selbständig zu gehen versuchen. Vom Bett aus schlurft sie los, zunächst zum Fenster und dann zum Waschbecken, dabei stützt sie sich auf zwei Gehhilfen auf. Dann folgt ein erster Ausflug auf den Stationsflur. Leise zählt Inge jeden Schritt mit. Locker hält die Physiotherapeutin den Gurt.
Die Zimmertür vor ihr fliegt auf, ein Pfleger rennt auf den Gang: »‛ne Pfanne, aber flotti!«, und Inge schwankt auf den Stützen. Die Therapeutin zieht den Gurt an. »Noch mal gut gegangen. Und genug für heute! Wir gehen auf‛s Zimmer zurück.« Mit zusammengebissenen Zähnen schleppt Inge sich in das Zimmer, lässt sich auf ihr Bett fallen und schleudert die Krücken unter‛s Fenster. Entsetzt sperrt die Physiotherapeutin den Mund auf, hebt die Gehhilfen auf und verabschiedet sich mit gespitzten Lippen: »Wir sehen uns morgen wieder.«
An diesem Tag trifft Arndt erst am Abend in Inges Krankenzimmer ein. Als er zur Tür herein kommt, sieht er Gerhard auf dem Bettrand sitzen. Arndt stutzt. »Ähm… soll ich später wieder kommen?« Er will schon umkehren.
»Ach was, bleib da!« Gerhard ist aufgesprungen und holt Arndt ins Zimmer. Der schüttelt den Kopf und lässt sich auf den Hocker plumpsen. »Ich wollte euch nicht stören. Nein? Also, es ist so: Da ist Post gekommen.« -
»Aha!«, macht Inge. »Schlechte Nachrichten, was?« - Arndt zuckt mit den Schultern. »Der blaue Schein ist gekommen.« - »Und?« -
»Der Unfallbericht der Polizei. Du stehst an zweiter Stelle.« - »Und?«
»Na, Große, das heißt: Der Unfallgegner, der Mondeofahrer, kriegt Schuld.« - Sie zuckt mit den Achseln. »Was für ein Mondeofahrer? - Ach, der, war auch schon da. Hat ‛ne Schachtel Pralinen dagelassen. Magste die?« - Inge kramt eine Schachtel aus ihrem Nachttisch und hält sie Arndt hin. Er nimmt sie, während er weiter erzählt: »Wahrscheinlich werdet ihr euch den ‚Spaß‛ teilen, denn ihr habt beide die Kurve ‚geschnippelt‛. Das machen die Versicherungen so: Jeder zahlt den Schaden des anderen.« - »Ach du, lass mich damit in Ruhe. Ich versteh‛ das alles nicht.« - »Das heißt soviel wie: Da du haftpflichtversichert bist, brauchen wir uns um Geld und Schrott nicht kümmern. Da kann aber noch ‛n Gerichtstermin wegen Körperverletzung nachkommen.« -
Inge richtet sich auf und sieht erschrocken erst Gerhard, dann Arndt an: »Meinst du wirklich?« - Er schüttelt den Kopf: »Weiß nich‛. Im Moment interessiert mich, dass du gesund wirst. Alles andere klären wir später!«
Noch immer hält Arndt die Pralinenschachtel in der Hand. Er blickt abwechselnd zu Inge und zu Gerhard. »Will einer ’was?« Gerhard räuspert sich: »Ich weiß, was du denkst: Was treiben die zwei da bloß?«- »Ach, nein. Ihr habt euch sicher viel zu erzählen.« - »Ja, ich habe Inge um Rat gefragt zur neuen Wohnungseinrichtung«, erklärt Gerhard. – »So, so.« -
»Nicht streiten«, wirft Inge ein. »Nicht jetzt. Passt auf, ich lade euch auf’n Kaffee ein. Wir gehen ’runter zum Klinikcafé.« -
Am Fahrstuhl streckt sie die Gehhilfe wie einen Teleskoparm aus, um den Knopf zu drücken. Auf dem Weg zum Café zeigt Inge ihnen die ‚geheimen Gänge des Hauses ‛. Sie fährt mit Arndt und Gerhard ins Kellergeschoss, vorbei an der Hausapotheke - »Wisst ihr übrigens, dass ‚Apotheke‛ ein griechisches Wort ist und ‚Abstellkammer‛ heißt? 4 Hat mir der Stationsarzt verraten.« Sie gehen weiter, an der Bettenzentrale vorbei. »Und jetzt hoch zum OP-Deck!« Sie steigen um in eine andere, breite Liftkabine. »Hier wird ‘rumgeschnippelt«, meint Inge trocken, als sie vor der Milchglastür stehen, die den Operationstrakt vom Flur abtrennt. »Am anderen Ende vom Flur befindet sich die Hauskapelle, die Patienten werden himmlischen Beistand nötig haben. Die, äh... ‚Pathologie‛ erspare ich euch... bitte? Ach so: die Leichenhalle.« Inge hält inne und zieht die Stirn kraus, als habe sie etwas vergessen. »Wollten wir nicht Kaffee trinken? All right, folgt mir unauffällig!«
Sie nehmen einen dritten Aufzug. Im Café sind alle Plätze besetzt. – »Mahlzeit!«, meint Arndt. – »Geduld, Geduld! Wir wechseln in die Kantine.« Inge setzt sich in Bewegung, Arndt und Gerhard hinterher. In der Kantine endlich finden sie einen freien Tisch. »Du kennst dich hier ja gut aus«, staunt Arndt, nachdem sie Platz genommen haben. »Gehen kannst du auch wieder: flott, flott!« -
Inge winkt ab: »Lass‘ es gut sein, kann gerade mal humpeln. Also gut, diese Wege gehören zu meinem täglichen Trainingsprogramm; will ja wieder fit sein für draußen.« Arndt hat inzwischen ein Tablett mit Kaffeepötten geholt. Nachdem Inge einen kräftigen Zug genommen und drei Stückchen Würfelzucker im restlichen Kaffee versenkt hat, seufzt sie: »Wisst ‛ r, mit der Zeit gewöhnste dich an den ganzen Schiet. Wennde im Gesicht so bleich aussiehst, wie die Wände im Krankenzimmer gestrichen sind –- Zeit habe ich jetzt, veel tüit. 5 « Sie schlürft ihren Kaffee, ohne eine Miene zu verziehen. »Das finde ich so bizarr: Einerseits halte ich‛s hier nicht aus, mit Gips und Nagel und Visite und Krankengymnastik... Andererseits habe ich mich an den Trott gewöhnt – Lacht nicht, ey! Wo haste sonst so veel tüit, wo d‛ doen un laten kunnt, wat je wollt. 6«
Sie wischt mit dem Handrücken über die Stirn. Ihr kommt eine Idee: »Kommt mal mit, ich zeig‛ euch ‛was: den Geheimtipp in diesem Laden. Okay, okay, trinkt erst aus!« Sie verlassen die Kantine und biegen in einen Seitengang ab. Sie gelangen zu einem Lichthof. Die Oberlichter stehen aufgeklappt, nach Heu duftende Sommerluft weht herein. In dem Hof sehen sie ein Blumenbeet mit einem Springbrunnen.
»Seht mal, ist das nicht hübsch«, nuschelt Inge. Arndt zieht vor Anspannung hörbar Luft ein. Inge zeigt auf den Brunnen: »Seht euch den an. Seht, wie das Wasser nach oben schießt, so richtig... « Sie unterbricht sich und lässt die Arme sinken.
Arndt geht auf Inge zu und umarmt sie. Doch sie steht steif, auf ihre Krücken gestützt. Er will etwas sagen, schluckt, ballt die Hände zu Fäusten. »Wir wollen beide, dass du es nicht schwer haben musst.« -
Das hätte er nicht sagen sollen. Inge löst sich aus Arndts Umklammerung und dreht sich auf dem Stopfen des Gehgipses um. In ihren Augen blitzt es. »Was soll das heißen? Meinst du, ich komme alleine nicht zurecht?« -
Darauf ist Arndt nicht gefasst, er weicht einen Schritt seitwärts aus. »Nein, nein«, beeilt er sich zu antworten, »wir wollen doch nur, dass du wieder gesund wirst.« -
Da platzt es aus Inge heraus: »Das geht dich nichts an! He, was für Sorgen machst du dir denn? Dass ich immer schön das Süppchen aufesse und zum Onkel Doktor immer brav: ‚Ja und Amen‛ sage! Oder nicht so viel mit dem Gerd schäkere, he!« - Sie wirft Arndt einen bösen Blick zu: »Pah, das solltest du besser wissen!« -
Nun steht er steif da, die Fäuste geballt, den Blick zur Decke gerichtet. »Nun machst du es uns schwer«, klagt er. »Wir haben, das heißt, ich habe den Eindruck, du stehst gewaltig unter Strom. Irgendwas belastet dich. Und das hat mit deiner ‚Mutprobe‛ an der Schikane zu tun und mit deinem Glauben. Das lässt uns auch nicht kalt. Wir wollen dich doch nicht allein‛ lassen damit.« -
Inge tritt an Arndt heran, mustert ihn von oben bis unten, hebt dann die linke Hand mitsamt Krücke, um ihn an der Wange zu streicheln. Sie lächelt.
Dann zieht sie die Stirnfalten erneut kraus. »Ach das! Der liebe Gott ist‛s gewesen, was! Das geht euch‛n –!« Sie macht auf dem Gehstopfen kehrt und wendet sich dem Lichthof zu. »Schade, dass die Sonne nicht höher steht, dann gäb‛s in der Fontäne einen Regenbogen zu sehen.« Sie beobachtet den Schwarm Spatzen, der zwitschernd um die Fontäne flattert, um auf dem Blumenbeet zu landen. Nachdem sie eine Weile nach Fressbarem gepickt haben, stieben sie auf und flattern davon. Ohne eine Miene zu verziehen blickt Inge ihnen nach.
»Also gut«, meint sie schließlich, »wenn ihr unbedingt wollt. Ich hab‛ ‘was gewollt und konnte es nicht tun, weil... mich etwas festhält.
Wenn ich meine, ich kann gar nichts tun, etwas hindert mich, und das, was mich hindert, ist bei Gott... es ist Gott! Und das macht mich kaputt! Es ist ein schrecklicher Traum. Immer wieder. Immer wieder fahre ich durch die Schikane, sehe das Sonnenlicht durch das Blätterdach schimmern, rieche die würzige Luft, spüre den Fahrwind, sehe das entgegen kommende Auto: Ein Schatten, der wächst und das Bild vollstellt und... und irgend etwas ist noch da, irgend etwas Wichtiges, doch das fehlt, das kommt in meinem Traum nicht vor, doch es war da, als ich da war.«
Mit gesenktem Kopf, mit halb geschlossenen Augenlidern sieht sie ihre Freunde an. Die starren sie mit offenen Mündern an. Gerhard versucht die aufgeladene Spannung zu lösen; er fängt an zu grinsen. »Hallo, Buster!«, flachst er. »Hör‘ doch mal auf mit Grübeln. Schau mal, dein Fan-Club umjubelt dich!« -
Daraufhin zuckt Inge zusammen. »Nenn‘ mich nie wieder ‚Buster‘! – Ich seh‛ schon, ihr habt nichts gerafft. Nichts für ungut, ‛n Versuch war‛s wert. Ende der Durchsage.« - Arndt und Gerhard merken, dass es keinen Sinn macht das Thema fortzusetzen. »Na, dann woll‛n wir mal«, gibt Arndt von sich und tut einen Schritt vor, um den Rundgang zu beenden.
Die Männer bringen Inge zum Krankenzimmer zurück, verabschieden sich und machen sich auf den Nachhauseweg. Im Fahrstuhl nimmt Gerhard sich den Arndt vor: »Wir müssen ‘was miteinander besprechen. Das geht so nicht weiter. Du meinst, Inge und ich hätten ‘was miteinander. Ich will dir sagen, was wir eben besprochen haben: Sie hat sich bei mir… sie hat mir gestanden, dass —«
Der Fahrstuhl hält, andere Besucher steigen dazu. Gerhard schließt das Gespräch ab: »Ich kenne da ‘ne coole Pinte, lass uns dahin gehen und alles beküren.«
Im Biergarten des Brauhauses finden sie einen freien Tisch unter einer Weinlaube. Sie bestellen jeder ein Schnitzel und ein Pils. Die Abendsonne leuchtet in den Hof.
»Hier kann ich‘s aushalten«, freut sich Gerhard. »Und nun sag‘ mal, du studierst auch?«- »Chemie. Bin allerdings erst im zweiten Semester.« - »Und kracht’s und stinkt’s auch?« - »Naja, bei zweitausend Komilitonen ist es schwierig, einen Platz in den Labors zu finden.« - »Es gibt ja Computerprogramme, auf denen man sowas simulieren kann. Das wäre dann Chemie ohne Krach und Bumm!« - »Dann ist es keine Chemie, sondern nur noch virtuell. Und auch keine Simulation, sondern nur das Abspielen dessen, was der IT-ler eingegeben hat.« Gerhard zuckt mit den Schultern: »Mag sein, mag sein. Inge erwähnte das. Entwirft sie nicht gerade so ein Programm für ihr Diplom?«
Die Schnitzel und das Pils werden an den Tisch gebracht.
»So, und damit sind wir beim Thema«, erklärt Gerhard. »‚Unser‘ Inge’, wie ich immer sage, ist ja ‘ne klasse Frau. Da kannste dich glücklich schätzen.« - »Ja, bestimmt. Du wolltest mir im Fahrstuhl etwas über sie erzählen.« - »Siehste, ja! Sie hat Sorgen, kann man so sagen, ja. Okay, sie hat sich Sorgen gemacht, was ich wohl dazu sagen würde, dass ihr zwei beiden ein Paar seid.« -
»???« -
»Ja, das ist gut, ne‘? Sie hat mir gestanden, dass du ihr ‚Ein-und-Alles’ bist. Sie hat mir umgekehrt sozusagen gestattet, dass ich Marianne heirate!« -
»Hä? Das braucht sie doch nicht!« -
»Nein. Aber wenn zwei so lange Zeit miteinander befreundet sind…« - »Wie lange seid ihr befreundet?« - »Mhm, so… acht Jahre.« - »Oh!« -
»Ja, wir lernten uns kennen, als sie noch zur Schule ging und bei Mama und Papa wohnte. Hast du ihre Eltern schon kennengelernt? Die alte Dame war am Krankenbett, als wir zur Vollversammlung da waren. Hat mich deswegen nicht gegrüßt. Na, ‚unser‘ Inge’ ist eben ein wohlbehütetes Mädchen, und ihre Eltern haben sich eine Karriere für Höhere Töchter vorgestellt: Klavierstunden seit dem vierten Lebensjahr, Studium, Vermögen vererben, Musterschwiegersohn. Und dann lernt die Inge mich alten Sack kennen und steigt in meiner Hardrock-Band ein. Die Heißen Öfen, das waren ich, Tommy und Fritze. Nach einem Konzert in der Schulaula wurde Inge unser Groupie, unser Maskottchen. Na, du kennst sie ja! Das war ihr nicht genug, ich hab‘ ihr dann die E-Gitarre beigebracht. Sie spielte dann den Bass bei den Öfen. Au Mann, waren das Zeiten! Kurz: Ich war bei ihren Alten überhaupt nicht angemeldet.« -
»Acht Jahre seid ihr zusammen?« Arndt kann es nicht fassen.
»Ach, na ja, wir haben uns nach der Schule aus den Augen verloren. Sie ging ja nach Sparrenberg zum Studieren, und ich arbeitete zu Hause im Radiogeschäft. Vielleicht haben wir uns mal an Wochenenden gesehen, oder nach den Weihnachtstagen. Und außerdem lernte ich dann Marianne kennen, anner Weinbude auf‘m Stadtfest.« Gerhard lacht auf. »Marianne: auch eine ‚Höhere Tochter’, aber ihre Eltern sind in Ordnung. Oder wolltest du dir deine Braut nach den möglichen Schwiegereltern aussuchen: Traumfrau gesucht – Musterschwiegereltern unbedingt erforderlich!?« Gerhard schüttelt sich vor Lachen über den eigenen Witz. »Okay. Jetzt kommst du dran. Wie bist du denn an ‚unser‘ Inge’ geraten?« -
Arndt nimmt einen kräftigen Zug aus dem Tulpenglas. »Du warst sogar dabei! Ich war auf’m Konzert von euch. War euer Abschiedskonzert. Habe Inge auf der Bühne gesehen und, na ja, du kennst sie ja! Das wirklich Irre daran ist: Ich habe sie zwei Tage später bei der esg 7 wieder gesehen. Euer Bass bei den Frommen. Oder hatte sich eine Betschwester zum Hardrock verirrt? War jedenfalls ein aufregendes Gesprächsthema für mich. Für Inge weniger. Sie war kurz angebunden, es wäre ja nur ‘ne Abschiedstournee. Naja. Immerhin sind wir seitdem immer wieder zum Mittagessen in der esg gewesen und haben über Gott und die Welt gequatscht. Irgendwann haben wir uns aneinander gewöhnt, irgendwann hat‘s dann auch gefunkt. Das war bei einem Gewitter im Botanischen Garten.
Erst haben wir uns im Beobachtungshäuschen an der Erdzeitalter-Uhr untergestellt, dann, in der Kälte, untergehakt, und, als es vorbei war, sind wir gerannt: Meine Bude liegt gegenüber des Botanischen, am Hang der Alten Burg. Zum Aufwärmen. – Mal ‘ne Frage: Warum hast du Inge vorhin mit ‚Buster‘ angeredet?« -
»Ach das!?«, schmunzelt Gerhard. »Noch nie gehört? Bei den Heißen Öfen nannten wir sie so. Wie Buster Keaton. Weil sie immer, wenn wir Jungs mal Spaß hatten, immer mit bierernstem Gesicht dabeisaß und keine Miene verzogen hat. ‚Buster‘, haben wir gesagt, ‚du machst den Buster Keaton!‘« -
»Ach, der Schauspieler aus der Stummfilmzeit mit dem unbeweglichen Gesicht.« Arndt kichert: »Also, das ist jetzt wohl gemein: Aber irgendwie... passt das zu ihr.« Arndt stellt das halbleere Bierglas ab. »Sag mal, Gerhard, wenn du und Inge so viel miteinander erlebt habt, warum seid ihr kein Paar geworden?« Gerhard stutzt. Und denkt nach. »Wahrscheinlich, weil wir so viel miteinander erlebt haben.« -
»???« -
Gerhard lacht. »Ehrlich. Wir haben über alles miteinander geredet. Es gab nichts, worüber ich nicht mit Inge reden konnte. Alles mögliche. Wir nahmen uns nur keine Zeit für — Sex! – Oha, jetzt weißt du‘s!« -
»Wie bitte?!« Arndt ist rot angelaufen. –
Gerhard bemerkt, dass er Arndt verwirrt hat. Er zückt seine Brieftasche. »Okay, der Tag war lang. Okay, die Runde geht auf meine Rechnung. Weißte, Arnie, du gehst jetzt nach Hause und träumst von deiner Traumfrau - und ich von meiner Braut. So isses und so bleibt es!«
„Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand. Wir fahr‛n, fahr‛n, fahr‛n auf der Autobahn.“8 - Genau so! Genau so isses! Graue gerade Bahn. Gerade Bahn, grader Strich. Yee-Haw! Fahr zu! Sonnengold leuchtet hinter dunklen Stämmen. Blinken und Glitzern, Licht und Schatten. Graue gerade Bahn. Gerade Bahn, grader Strich. Weißer Mittelstrich. Wirft Schlangen. Kurve kommt. Links, rechts: Spiegel gucken. Dunkles Glas. Graue krumme Bahn. Jetzt oder nie! Grauer Schatten wächst aus dem Boden. Füllt Bild aus. Grauer Schatten. Wohin? Weich aus: rechts in die Büsche, fällste weich! Nein! Jetzt gilt‛s, ich komm‛ vorbei! Zu spät! Graue Bahn! Da liegste am Boden, graue harte Bahn! Finger, seid ihr da? Beine, seid ihr da? Rosa Schläuche drehen Schlangen, winden um graue, viergeteilte Bahn... oder Decke? Rosa Schlangen schlängeln... Gesicht, schwarze Augen, grüner Mund???
Inge dreht sich auf die andere Seite und rückt das Kissen für den Gehgips zurecht. Sie blinzelt zum Fenster hinaus. Silbriger Himmel. Wieder dämmert ein sonniger Tag. Immer noch schmerzt es in ihren Gliedern vor Schreck, der Puls rast, doch dann dreht sie sich auf den Rücken.
Inge lacht auf: »Genau so isses!« — Dieses Mal ist der Traum vollständig gewesen.
Eine Woche später wird Inge entlassen. Sechs Wochen hat sie gelegen. Damit liegt der Sommer hinter ihr. Und das Wintersemester vor ihr. Der Entwurf für ihre Diplomarbeit sollte fertig sein; Stichworte hat sie zu einem Essay ausgearbeitet. Arndt und eine weitere Kommilitonin haben ihr beim Tippen des theoretischen Teils geholfen. Die Experimente will sie nun selbst durchführen.
