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"Jetzt komm' ich!", sprach die Prinzessin, um den Prinzen wachzuküssen. Doch als der, kaum geweckt, verlangt, sie solle ihm einen Kaffee kochen ---, da zieht sie als Single ihrer Wege. Neue Märchen von selbstbewussten Frauen im Märchen- wie im Menschenland.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2021
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DORNRÖSSCHEN
DIE ERLEBNISSE DES KÖHLERSOHNES MIT DEN ELFEN
DER KLEINE HOFNARR UND DIE DREI GOLDENEN KUGELN
DAS MÄRCHEN VON DEN GLÜHWÜRMCHEN
Es war einmal ein schöner Prinz, Rondo geheißen, der schlief in einem verwunschenen Schloss.
Und das kam so: Zu seinem vierzehnten Geburtstag hatte seine Mutter, die Frau Königin, einen Ball gegeben und dazu dreizehn andere Prinzen und vierzehn Prinzessinnen eingeladen. Wie sie nun alle zum barocken Rondo getanzt hatten, sprang auf einmal ein weiterer Prinz durch das Fenster des Ballsaals; es war Sirupmann, der nicht eingeladen worden war, da er einstmal Rondos goldene magische Kugel gestohlen hatte.
Alle Prinzessinnen stoben auseinander und drängelten zu den Ballsaaltüren, doch dort riefen ihre Gouvernanten die jungen Damen zur Ordnung. Und schauen, was nun passieren würde, da nun der Eindringling mitten unter ihnen war, das wollten sie alle.
Prinz Sirupmann ging forschen Stechschrittes auf Prinz Rondo, dem Geburtstagskind, zu, aber nicht um zu gratulieren, sondern er sprach: „O du eingebildeter Rondotänzer! Da es dir beliebt hat, alle Prinzen und Prinzessinnen von Rang und Namen zu deinem ... Gehopse einzuladen, nur mich nicht – mich, den Prinzen Sirupmann, den Schwarm aller Jungfrauen, dass sie in die Knie gehen, wenn sie mich sehen, und seufzen: ,süüüß'! - So sollst du denn für diese Dreistigkeit büßen, mein Freund, und am Ende dieses Tages tot umfallen!“
Noch bevor die jungen Damen und Herren sich von ihrem Schreck erholt hatten, noch bevor der Hofmarschall den Eindringling ergreifen konnte, war der auch schon – wupps – aus demselben Fenster hinausgesprungen, durch das er einen Augenblick zuvor hereingesprungen war. Nun standen sie alle erschrocken und ratlos da: der Hofmarschall, Prinzen und Prinzessinnen, ja der Prinz Rondo selbst. Und auch seine Mutter, die Frau Königin, konnte nur flüstern: „Ergreift ihn.“ Doch niemand vermochte sich zu rühren.
Bis eine der jüngeren Prinzessinnen hervortrat, Ronda, die kleine Schwester Rondos, in die Mitte des Ballsaals schritt, sich ein Herz fasste und sprach: „Gar Schreckliches haben wir alle soeben gegen meinen Bruder fluchen gehört. Nun kann ich Sirupmanns Fluch zwar nicht aufheben, doch abmildern will ich ihn: Am Ende dieses Tages wird Prinz Rondo in einen zwanzig Jahre währenden Schlaf fallen. Er wird davon nicht von alleine aufwachen, nein: Eine Prinzessin muss ihn wachküssen. Eine derer, die heute eingeladen sind und mit meinem lieben Bruder feiern.“
Da sahen sich alle Prinzessinnen erschrocken an: Wer würde die Glückliche sein? Welche würde aber auch zwanzig Jahre warten auf Prinz Rondo? Die Königin klatschte daraufhin in die Hände und rief: „Alles Walzer!“ Die Musik spielte auf und jeder Jungmann tat sich mit einer Jungfrau zusammen.
Bald jedoch ging das Fest dem Ende zu, niemand mochte miterleben, wie Prinz Rondo für zwanzig Jahre einschlief. So wurde es denn zeitig still im Schloss, und die Nacht brach herein, Fledermäuse zappelten um den Schlossturm, Käuzchen riefen aus dem nahen Forst. Rondo aber hatte gar nicht vor, schlafen zu gehen. Er wollte die Nacht über auf- und wachbleiben, um den Fluch des missgünstigen Prinzen Sirupman zu umgehen. Deshalb zog er sich mit anderen Jungmännern am Kamin zurück, einige Flaschen Portugieser bei der Hand. Immer wenn er gähnte, stand er auf, rannte die Wendeltreppe zu seinem Turmzimmer mit seinem eigenen Himmelbett hinauf und blieb vor der Türe stehen, um derselben eine lange Nase zu drehen. „Du kriegst mich nicht“, lachte er die Tür an, kehrte um und flog alle Stufen hinab zum Kamin, wo die anderen Zecher auf ihn warteten.
Bei dem letzten Treppenlauf, weit nach Mitternacht, ging etwas schief: Da kamen nämlich zwei seiner Gäste ihm nach. Und als er der Kammertür seinen Gruß entboten hatte, „Du kriegst mich nicht“, da hielten sie ihn auf und wollten wissen, was er dort oben treibe. Ob er ihnen nicht lieber erzählen wollte, was er neulich mit Prinzessin Erbse und Prinzessin Möhre angestellt habe. Da ihm so der Rückweg zum Kamin verstellt war, verließ ihn auf der Stelle seine Kraft, so dass die beiden Gäste ihm unter die Arme greifen mussten und suchten, wo sie ihn nun, den Schlafenden, ablegen sollten. Die Tür, das war es! Sie legten ihn in das Himmelbett, zogen ihm Rock und Schuhe aus, deckten ihn zu und schlichen sich davon.
Das Kaminfeuer war ausgegangen und auch die beiden Helfer fühlten nun eine Müdigkeit, die sie überfiel, sodass sie sich vor die Glut legten und ebenfalls einschliefen. Was sie nicht mehr bemerkten, war, dass jedes Lebewesen in dem Schloss eingeschlafen war: auch Prinzessin Ronda, die Frau Königin, der Herr König sowie der Hofmarschall, die Köche und alles Gesinde, wo sie gerade gewesen waren.
Nie wieder hatte man im Lande von ihnen gehört, bald waren sie alle vergessen. Nur einige wenige unter den zur Geburtstagsfeier des Prinzen Rondo geladenen Jungfrauen erinnerten sich seiner Schönheit. In ihnen wuchs der Wunsch, ihn dermaleinst, in zwanzig Jahren, aufzusuchen, ihn wachzuküssen und von ihm zum Altar getragen zu werden.
***
Die erste war die Prinzessin Erbse. Sie war von der Geburtstagsfeier nie heimgekehrt. Sie musste also im Schloss geblieben – und, ebenso wie alle anderen, irgendwo eingeschlafen sein.
Die zweite war die Prinzessin Möhre. Sie war zeitig losgezogen in Begleitung ihrer Gouvernante, wurde ein letztes Mal von einem Schäfer gesehen, und beide waren seitdem verschwunden.
***
Damals war auch Prinzessin Dornrösschen auf der Geburtstagsfeier gewesen. Im Laufe der zwanzig Jahre war sie gewachsen, groß geworden und hatte als Schildmaid schon ihre ersten Turniere geritten. Inzwischen ritt Dornrösschen immer mit ihrem stolzen Streitross, einem Rappen, umher und trug dazu eine Rüstung aus Metall, ein langes scharfes Schwert und einen Schild aus Leder. Dornrösschen beschloss: „Den hübschen Prinzen Rondo will ich wecken und küssen.“
Doch wie erschrak sie, als sie an dem Schloss des Prinzen ankam: Eine meterhohe Hecke aus Rosen und Efeu war im Laufe der zwanzig Jahre rings um das Schloss gewachsen. Wie sollte sie zu dem Traumprinzen hindurch dringen?
Zuerst versuchte sie, über die Hecke zu klettern, da blieb sie in den Dornen hängen. Dann versuchte sie, mit ihrem Schwert die Hecke zu zerschneiden, doch das blieb in den Dornen stecken.
So ging sie auf und ab, um eine Stelle zu suchen, wo ein Durchkommen möglich wäre. Nahebei, in der Werkstatt des Gärtners, fand sie eine große schwere Heckenschere. Damit schnitt sie ein Loch in die dichte, pieksende Hecke, gerade groß genug, um hindurch zu kriechen. Schon stand sie im Schlosshof, ging an dem Brunnen vorüber und suchte einen Eingang zum Turm. Doch auch hier wucherten Rosen und Efeu, da musste sie wieder alles mit der Heckenschere kurz und klein schneiden.
Erst jetzt wunderte sie sich, denn bisher hatte sie noch keinen König, keine Königin oder auch nur einen Ritter angetroffen.
Im obersten Turmstübchen schlief der Prinz in seinem Himmelbett, Dornrösschen konnte ihn schnarchen hören. Sie fand Gefallen an dem Prinzen, beugte sich zu ihm auf das Kissen und küsste ihn wach.
Als er erwachte, erschrak er, denn sie trug noch immer ihren Helm und er dachte, sie wäre ein feindlicher Ritter. Da nahm Dornrösschen ihren Helm ab, er sah ihre Locken und verliebte sich auf der Stelle in sie. Der Prinz stand auf und strahlte: „Wie bist du schön! Aber mal ehrlich, du willst ein Ritter sein? Kochst du mir zum Frühstück einen Kaffee?“
Dornrösschen dachte, sie höre nicht recht und änderte ihre Meinung über den Prinzen. „Meinst du, deswegen hätte ich dich aufgeweckt, damit ich dir Kaffee koche?! Schlafe nur weiter!“
Da entdeckte sie die Prinzessin Erbse. Sie hatte auf einem Stapel Matratzen in einem Alkoven gelegen und wachte ebenfalls gerade auf. Wie war das möglich? Wie war sie in die Turmkammer gekommen? Warum hatte sie nicht den Prinzen geküsst?
Da entdeckte der Prinz Rondo die Prinzessin Erbse auf der Matratze. „Oh geil, zwei Schnecken“, freute er sich.
„Freu‘ dich nicht zu früh!“, erwiderte Dornrösschen. Mit diesen Worten verließ sie den Prinzen Rondo und die Prinzessin Erbse. Sie ließ den Schlosshof hinter sich und kroch wieder durch die Rosen- und Efeuhecke, die das Schloss umwucherte. So bemerkte sie nicht, dass inzwischen die königliche Famile ebenfalls erwacht war. Und so erfuhr sie auch nicht, dass bald darauf die königlichen Eltern die Vermählung ihres Prinzen Rondo mit der Prinzessin Erbse bekannt gaben.
Stattdessen begab sie sich auf die Suche nach dem Prinzen Sirupmann. Dem wollte sie heimzahlen, dass er zwanzig Jahre zuvor den Prinzen Rondo verflucht hatte. Flink wie der Wind trug sie ihr Streitross zu dem Magier.
Bei dem Magier wartete eine weitere Überraschung auf Dornrösschen. Sie traf bei ihm nämlich die Prinzessin Möhre an. Sirupmann hatte sie damals unterwegs mitsamt ihrer Gouvernante gefangen und auf seine Burg verbracht.
Sie beschloss, sie zu befreien. Das war gar nicht einfach, denn Sirupmann hatte beide, die Prinzessin und ihre Gouvernante, vor die goldene magische Kugel gesetzt, die er dem Prinzen Rondo gestohlen hatte. Davor hockten sie Tag um Tag und starrten auf die Kugel, die ihnen allerlei bunte funkelnde Bilder zeigte von Feen, Einhörnern und jungen kräftigen Prinzen. Und wenn sie mal nicht in die magische Kugel starren sollten, dann wollte Sirupmann eine der Frauen für sich haben: die Prinzessin als Gespielin für die Nacht, und die Gouvernante sollte ihm Eierlikörtorte backen, die er um alles in der Welt liebte.
Nun begab es sich einmal, dass Sirupmann die Gouvernante in die Stadt geschickt hatte, Eier und Mehl auf dem Markt zu kaufen. So konnte Dornrösschen ungestört mit der Prinzessin Möhre sprechen und fragte sie, ob sie sich nicht einmal in der Welt umsehen wollte, Länder sehen, in denen weder ihr Vater noch Sirupmann Fürst sei. Ob sie von Köstlichkeiten aus fernen Ländern kosten wollte, wie Kokosnüsse oder Pampelmusen? - All das, so entgegnete die Prinzessin, zeige ihr ja die magische Kugel, und die Gouvernante brächte bestimmt die eine oder andere Spezerei vom Markt mit. Dornrösschen fragte sie, ob sie nicht einmal andere Menschen kennenlernen wollte, die ihr neue Geschichten erzählen könnten; vielleicht sei auch ein Edelmann darunter, der sie nicht nur zur Gespielin haben wollte? - All das, so erwiderte die Prinzessin, böte ihr der Sirupmann, außerdem sei er ja so süß zu ihr!
Da begriff Dornrösschen, dass es für sie keinen Zweck habe, weiter in Prinzessin Möhres Willen und Gedanken einzudringen.
Der Magier hatte also die junge Frau in seinen Bannkreis geschlagen. Umso mehr hütete Dornrösschen sich, ihm allzu oft unter die Augen zu treten. Eines Nachts, da sich Sirupmann mit Prinzessin Möhre im Weinkeller vergnügte und die Gouvernante wieder einmal damit beschäftigt war, eine leckere Eierlikörtorte zu zaubern, da ging Dornrösschen schnurstracks in den Palas, wo immer noch die magische goldene Kugel flimmerte, und steckte sie sich in eine Tasche zwischen Kettenhemd und Wams. Wenn das Zauberding fehlt, so überlegte sie, dann können die Gefangenen nicht stumm und steif davor verharren.
Mit ihrem Raub ging sie nun zum Marstall, um nach ihrem Ross zu sehen. Da hörte sie ein Poltern aus dem Palas, harte schwere Schritte über den Hof hasten, schon stand Prinz Sirupmann in der Stalltür und breitete seine Arme zu einem Zauberspruch aus: „Steh‘, steh‘ auf der Stell‘, da ich die Kugel haben will!“ Dadurch ward Dornrösschen starr und konnte sich nicht rühren. Ihr Streitross dagegen hatte sich von dem Zauberspruch so erschrocken, dass es mit den Vorderläufen in die Luft stieg und beim Herabkommen Sirupmann den Magier mit den Hufen erschlug. Tot fiel er um.
Dadurch war der Zauber gebrochen, der auf Dornrösschen lag. Sie beruhigte ihr Pferd, indem es seinen Hals streichelte und ihm gut zuredete. Dann lud sie ihm ihr Gepäck auf, die Schabracken-Decke, den Sattel und dazu eine einzige Satteltasche.
Bevor sie davonritt, überlegte sie aber noch, was sie mit dem Leichnam des Magiers anstellen sollte. Da betrat auf einmal die Prinzessin Möhre den Stall, sah, was geschehen, und fiel vor dem Toten auf die Knie, um ihn zu beweinen. Dornrösschen bot ihr an, den Magier begraben zu helfen. Allein, die Trauernde wollte davon nichts wissen. Sie war überhaupt nicht ansprechbar. Während Dornrösschen ihrem Ross die Zügel richtete, sah Möhre auf und stieß unter Tränen hervor: „Ihr habt ihn umgebracht! Das sollt Ihr mir büßen!“ Damit wandte sie sich wieder dem toten Manne zu.
„Ihr, Prinzessin Möhre“, entgegnete Dornrösschen ruhig, „Ihr seid jetzt frei von dem Mann, der Euch zu seinen eigenen Gelüsten hielt
