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New York, 1928: Mehrere kriminelle Banden kämpfen um die Vorherrschaft über den Alkoholschmuggel in Manhattan, dem Herzen New York Citys. Überfälle und Mord sind an der Tagesordnung. Doch während sich die italienischen und irischen Gangs bekriegen, arbeitet im Hintergrund ein Mann daran, die Kontrolle allein zu übernehmen: Arnold Rothstein, der Zar der Unterwelt. Unberührt von diesen Konflikten kuratiert Frederick Crichton im Brooklyn-Museum seine erste große Ausstellung über einige der ruhmreichsten ägyptischen Pharaonen. Aber auch in seinem Museum gibt es Ärger, der den Archäologen in Kontakt mit Rothstein und den Verbrechersyndikaten bringt …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Prolog
1. Vorbereitungen
2. Ratgeber
3. Verhandlungen
4. Zweisamkeit
5. Rothstein
6. Vorbereitungen
7. Zwei Dollar
8. Auf der Bühne
9. Erstklassig
10. Die Luft wird knapp
11. Sprachlos
12. Zaren und Könige
13. Aufgebracht
14. Broadway, Ecke 51st Street
15. Tommy Gun
16. Rettende Engel
17. Der glücklichste Kerl in New York
18. Geständnis
19. Whiskytown
20. In der Falle
21. Die beste Spürnase der Stadt
22. Tom & Tony
23. Der Ruhm des Königs
Epilog
Personenregister
Fakten & Fiktion
Danksagung
Nachwort
Über den Autor
Copyright © 2022 André Milewski
www.andre-milewski.de
Verlag: André Milewski
c/o WirFinden.Es; Naß und Hellie GbR, Kirchgasse 19, 65817 Eppstein
Covergestaltung:
© Giessel Design
www.giessel-design.de
unter Verwendung von Stockbildern von Shutterstock
Korrektorat: SKS Heinen
Satz: André Milewski
Illustrationen: © Robert Nippoldt
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
»Look out for Number One. If you don't, no one else will.«
ARNOLD ROTHSTEIN
Der Lieferwagen rumpelte langsam über die mit einigen Schlaglöchern durchsetzte Straße. Rory versuchte, so gut es ging, die besonders tiefen Kuhlen zu umfahren, was ihm nicht immer gelang. Von der Ladefläche erklang das Klirren von Dutzenden Flaschen, wann immer er wieder eines der Schlaglöcher mitnahm.
»Vorsichtig«, raunte Mickey ihm zu. »Oder willst du, dass wir nur Scherben abliefern?«
»Ich fahr schon so vorsichtig, wie es nur geht. Aber ich habe doch gleich gesagt, lass uns nicht diesen Weg in die Stadt nehmen. Wir sind die einzigen Trottel, die diese Strecke fahren.«
»Das ist auch gut so. Oder wäre es dir lieber, die üblichen Straßen entlangzufahren und direkt in die Arme der verdammten Italiener?«
Rory schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht.«
»Dann hör auf, dich zu beschweren, und fahr … Herrgott, noch mal, Rory, pass doch auf«, fluchte Mickey, als sie ein weiteres Schlagloch erwischten und es hinten laut auf der Ladefläche schepperte. »Oh, verflucht. Das waren mindestens drei Flaschen, wenn nicht noch mehr, so wie das gescheppert hat.«
»Soll ich anhalten, damit du nachsehen kannst?«
»Auf keinen Fall! Fahr weiter, wir schauen uns die Bescherung nachher an, wenn wir in unserem Viertel sind und in Sicherheit.«
Rory seufzte und er ärgerte sich, dass er diese Tour mit Mickey fahren musste. Normalerweise hätte er mit Doyle fahren sollen, doch sein Bruder zog es vor, diese Nacht mit irgendeinem Flittchen zu verbringen, und auch sein Freund Paddy war anderweitig beschäftigt, weswegen er auf Mickey als Beifahrer zurückgreifen musste. Nach knappen zehn Minuten ließen sie die Buckelpiste hinter sich und bogen auf eine besser befestigte Straße ein. Dieser mussten sie nur noch zehn Meilen folgen, dann würden sie die Stadtgrenze von New York passieren und wären schon beinahe zu Hause. Aber vorher mussten sie noch Hoboken durchqueren. Doch zu dieser nachtschlafenden Zeit sollte auch das kein Problem darstellen. Die Straßen waren alle menschenleer und außer ihnen waren keine anderen Fahrzeuge unterwegs. Trotzdem wollte Mickey auf Nummer sicher gehen und wählte einen umständlichen Weg, der sie über Nebenstraßen führte, abseits der Hauptverkehrswege. Rory kämpfte derweil immer mehr damit, seine Augen offen zu halten, es war immerhin schon fast drei Uhr nachts und er saß hinter dem Lenkrad, seit sie in Pennsylvania aufgebrochen waren. Er konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken.
»Pass auf, verflucht«, schrie Mickey plötzlich, griff ihm ins Lenkrad und riss es nach rechts. Instinktiv trat Rory auf die Bremse. Der Lieferwagen rutschte ein Stück über den Asphalt und kam dann quer auf der Straße zum Stehen. Es klirrte wieder laut auf der Ladefläche, aber nichts war zu Bruch gegangen.
»Was war denn? Bist du verrückt, mir einfach ins Steuer zu greifen?«
»Hast du denn die Katze nicht gesehen? Du hättest sie beinahe überfahren.«
»Katze? Ist das dein Ernst?« Rory lachte. »Von den Mistviechern laufen hier mehr als genug herum. Auf eine mehr oder weniger kommt es da nicht an. Das ist doch kein Grund, mich so zu erschrecken.«
»Zufälligerweise mag ich die Viecher, wie du sie nennst. Also versuch, keine zu überfahren, solange ich dein Beifahrer bin.«
»Schon gut, schon gut. Wusste gar nicht, dass du so ein weiches Herz hast.« Rory setzte ein Stück zurück und fuhr dann weiter.
»Das gilt nur für Tiere. Also mach dir keine Hoffnungen, dass ich mich nachher von Owney anschnauzen lasse, weil Teile der Lieferung in Scherben liegen. Du bist der Fahrer, also ist es auch dein Fehler.«
»Wer Freunde wie dich sein Eigen nennt, der braucht keine … Feinde.« Er murmelte das letzte Wort und stoppte den Lieferwagen. Vor ihnen stand ein Auto mitten auf der Straße und blockierte ihre Weiterfahrt. Zwei Männer standen an das Fahrzeug gelehnt da und rauchten. Das Aufglimmen der Glut, wenn sie einen Zug nahmen, war deutlich in der Dunkelheit zu sehen.
»Verdammt, wir werden erwartet.«
»Darauf bin ich vorbereitet«, sagte Mickey, bückte sich und holte unter dem Sitz eine Thompson-Maschinenpistole hervor. »Den Burschen mache ich die Hölle heiß. Fahr langsam weiter und zehn Meter vor ihnen stoppst du.«
»Mir gefällt das nicht, Mickey. Die beiden sind bestimmt nicht allein.« Er sah in den Rückspiegel, aber hinter ihnen lag alles im Dunkeln. Auch links und rechts auf der Straße konnte er nirgends jemanden sehen.
»Ist jetzt auch egal, wie viele es sind. Wir müssen uns den Weg freischießen.« Mickey zog unter seinem Jackett einen Revolver hervor. »Nimm den und feuer auf alles, was dir verdächtig vorkommt, verstanden?«
Er nahm die Waffe und nickte stumm, während Mickey das Stangenmagazin in die Thompson einführte und einmal durchlud.
»Das sind bestimmt Masserias Männer«, meinte Rory.
»Natürlich sind sie das. Aber gleich sind es nur noch Masserias Leichen.«
»Warum stehen die da so ruhig? Die machen überhaupt keine Anstalten, sich zu rühren.«
»Umso besser. Tommy und ich werden die Kerle gleich schon zum Tanzen bringen, warte nur ab.«
Rory verlangsamte die Fahrt und stoppte schließlich zehn Meter vor dem querstehenden Auto. Die beiden Männer hoben die Köpfe und sahen sie seelenruhig an.
»Jetzt werde ich den Knaben mal ein kleines Liedchen spielen.« Mickey stieß seine Tür auf, trat mit dem rechten Bein auf das Trittbrett und richtete sich auf. Den Lauf der Thompson schob er zwischen dem Spalt zwischen Fahrerkabine und Tür hindurch. »Ihr habt euch mit dem Falschen angelegt, ihr miesen …«
Weiter kam er nicht, denn plötzlich gab es einen lauten Knall, nur wenige Meter von ihrem Lieferwagen entfernt. Mickey sackte auf den Sitz zurück, die Thompson rutschte ihm aus den Händen und er starrte ungläubig auf den großen Blutfleck, der sich rasend schnell auf seinem Hemd ausbreitete.
»Wir haben uns genau mit dem Richtigen angelegt«, sagte plötzlich eine Männerstimme. Der Kerl stand neben der offenen Beifahrertür und richtete seine Pistole auf Mickey. Der wollte noch etwas erwidern, doch dann blitzte das Mündungsfeuer erneut auf. Mickeys Unterkiefer wurde weggerissen, als die Kugel ihn aus kürzester Entfernung erwischte und durch die Schädeldecke wieder austrat.
Wie gelähmt saß Rory da, sein Gesicht mit Mickeys Blut besudelt, und blickte geschockt auf seinen toten Freund, dessen deformierter Schädel sich langsam zu ihm drehte, ehe er nach vorne kippte. Sekunden später wurde die Fahrertür aufgerissen.
»Endstation, Freundchen«, sagte ein heimtückisch grinsender Mann und zielte mit einem Revolver direkt auf sein Gesicht.
Ein Knall und gleichzeitiges Aufblitzen, dann wurde es für immer finster.
Behutsam und voll konzentriert platzierte Frederick die schwere Steinplatte auf ihrem vorgesehenen Platz auf dem Sockel. Zufrieden machte er einen Schritt zurück und begutachtete, wie die jahrtausendealte Tafel, die etwas größer als eine Ausgabe der New York Times war, auf dem eigens dafür angefertigten Drahtgestell wirkte. Alle Schriftzeichen darauf wurden perfekt ausgeleuchtet von der extra über dem Vitrinensockel angebrachten Lampe. Er trat wieder zu der Stele hin, nahm sich den großen Glassturz, der daneben auf dem Boden stand, und hievte ihn über die ägyptische Steintafel. Dann ging er weiter zum nächsten Ausstellungsstück, das noch in einer großen Kiste unter reichlich Holzwolle versteckt war. Er steckte beide Hände in das weiche Füllmaterial hinein und bekam schnell die kleine Statuette, die darin verborgen lag, zu fassen. Vorsichtig holte er sie ans Licht und besah sie einen Augenblick lang staunend. Der Körper der Figur war eher grob ausgearbeitet, aber das Antlitz des Pharao wirkte beinahe beängstigend naturalistisch.
»Oh, so spät noch hier, Sir?«
Frederick zuckte erschrocken zusammen, als er die Stimme hinter sich hörte, und hätte um ein Haar die Statuette des Ramses fallen lassen. Er atmete einmal tief durch und drehte sich um.
»Guten Abend.« Er sah dem Wachmann ins Gesicht. Es war ein junger Kerl, den er in den letzten Tagen öfter gesehen hatte. Stirnrunzelnd überlegte er, wie sein Name lautete, doch er wollte ihm partout nicht einfallen.
»Ich wollte Sie nicht erschrecken, tut mir leid, Sir.«
»Schon gut. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, hier noch jemanden anzutreffen.« Frederick stellte die Figur auf ihren Sockel.
»Ist das Ramses der Große?«, fragte der Wachmann interessiert.
»Jawohl, das ist er. Wenn auch nicht in voller Lebensgröße.« Er zwinkerte dem Wächter zu.
»Das ist toll. Darf ich ihn mir mal etwas genauer ansehen, Sir?« Die Frage klang beinahe schüchtern.
»Ja, dürfen Sie, aber nicht anfassen.«
Während sich der Wachmann die Figur des ägyptischen Herrschers ansah, prüfte Frederick, ob sich noch mehr in der Transportkiste befand. Aber die Statuette war das letzte Stück gewesen. Er legte den Deckel auf die Kiste und schob sie ein Stück zur Seite. Sofort war der Wächter neben ihm und half ihm dabei, die schwere Box mit einer Kantenlänge von über einem Meter über den glatten Boden des Museums zu bugsieren.
»Danke sehr.«
»Sind diese Stücke alle aus Ägypten? Also, ich meine, direkt aus den Museen dort?«
»Ja, das ist korrekt.«
»Wow. Das ist echt … toll. Das all diese uralten Artefakte jetzt bei uns in Brooklyn stehen. Ich habe gehört, wie Direktor Fox gesagt hat, dass es unmöglich wäre, dass die Ägypter solche Sachen außer Landes schicken. Er sagte, nur dank Ihnen wäre es gelungen.«
»Soso, was Sie nicht alles hören«, schmunzelte Frederick und sah sich den jungen Wachmann eingehend an. Die dunkelblaue Museumsuniform schlackerte über seinem dünnen Oberkörper. Das Hemd war mindestens eine Nummer zu groß für ihn. Zwischen Nase und Oberlippe war ein leichter Flaum zu sehen, das mitleiderregende Bild eines gerade erst einsetzenden Bartwuchses. Mit Sicherheit war der junge Kerl nicht älter als zwanzig Jahre. »Wie kommt es, dass Sie sich so gut auskennen?« Frederick deutete zurück auf die Ramses-Statuette. »Nicht jeder hätte ihn sofort erkannt.«
»Ich habe 1923 angefangen, mich dafür zu interessieren, als König Tut entdeckt wurde. Seitdem versuche ich, alles über die alten Ägypter zu lesen, was ich in die Finger bekommen kann. Ich habe auch schon einige Ihrer Veröffentlichungen gelesen, Sir.«
Frederick zog die rechte Augenbraue hoch.
»Ach, wirklich?«
»National Geographic, die Ausgabe vom August 1925. Sie berichten von Ihren Ausgrabungen in Ägypten und wie Sie Howard Carter getroffen haben, den Entdecker des Grabes von Tutanchamun. Seit ich diesen Bericht gelesen habe, wollte ich unbedingt auch Archäologe werden. Aber zu mehr als zu dieser Stelle hier im Museum hat es leider nicht gereicht.« Er blickte etwas geknickt zu Boden.
»Sie sind doch noch jung. Was glauben Sie, wie viele Jahre selbst jemand wie Howard Carter gebraucht hat, bis er es endlich geschafft hat, für seine Arbeit anerkannt zu werden? Warum sollte Ihnen das nicht auch gelingen?«, munterte Frederick den jungen Wachmann auf.
»Danke für Ihre Worte, Sir. Aber Mr. Carter ist auch nicht schwarz.«
Darauf wusste Frederick nichts zu erwidern. Nach einem Augenblick betretenen Schweigens sagte er schließlich: »Wie heißen Sie?«
»Daryl Bixby, Sir. Aber alle nennen mich bloß Bix.«
Frederick nickte.
»Also gut, Bix. Hätten Sie kurz Zeit, mir zur Hand zu gehen? In der Kiste dort vorne befindet sich noch eine größere Statue, die ich unmöglich alleine herausheben kann.«
»Mit dem größten Vergnügen, Sir.« Die Augen des jungen Mannes leuchteten freudig auf.
»Danke, ziehen Sie die hier an.« Er reichte ihm ein paar weiße Stoffhandschuhe.
Gemeinsam hoben sie die knapp einen Meter große Figur aus ihrem Behältnis. Sie war aus Granit gefertigt und wog vermutlich einhundert Kilogramm. Schnaufend schafften sie es, das uralte Standbild auf dem vorgesehenen Platz zu stellen.
»Das ist … aber nicht Ramses«, sagte Bixby, schwer atmend, als er die Figur betrachtete. »Sieht völlig anders aus, also von der ganzen Formgebung.«
»Sehr richtig. Das ist Amarna-Kunst. Obwohl es nur einige Jahrzehnte vor der 19. Dynastie, also der Zeit der Ramessiden, erstellt worden ist, ist der Unterschied enorm.«
»Ist das ein Pharao?«
»Nein, vermutlich nur ein reicher Edelmann aus der Zeit von Echnaton. Zum Namen ist nichts bekannt. Zumindest hat Wilbour nichts dazu geschrieben.«
»Wilbour?«
»Ja. Charles Edwin Wilbour. Er hat diese Figur entdeckt und dem Museum gestiftet. Nicht alles aus dieser Ausstellung habe ich aus Ägypten gestellt bekommen. In den Kellern und Archiven verfügt unser Museum durchaus über eine beeindruckende eigene Sammlung, die wir ebenjenem Mister Wilbour verdanken.«
Der junge Wachmann zuckte mit den Schultern. »Nie von ihm gehört. Aber ich arbeite auch erst seit einer Woche hier.«
»Dann sei es Ihnen verziehen«, lachte Frederick.
Schritte hallten durch den Ausstellungssaal, als ein stämmiger Mann sich näherte. Er trug ebenfalls die Uniform eines Museumswärters. Frederick kannte ihn, es war Stuart Colston, der Chefaufseher des Brooklynmuseums.
»Was ist denn hier los?«, begann er mit motzigem Tonfall, stoppte aber sofort, als er Frederick erkannte. »Oh, guten Abend, Sir. Ich wusste nicht, dass Sie noch hier sind. Belästigt der Junge Sie?« Er wandte sich sofort an Daryl, der sich sichtlich unwohl zu fühlen schien. »Warum lungerst du hier herum? Du solltest einen Rundgang machen und nicht den Professor belästigen!«
»Ist schon gut, Stuart«, sagte Frederick schnell. »Ich habe Mister Bixby gebeten, mir kurz zur Hand zu gehen. Ich wollte keine Unannehmlichkeiten verursachen.«
Missmutig beäugte der Chefaufseher den jungen Schwarzen, der sich schnell die Stoffhandschuhe auszog und sie Frederick zurückreichte.
»Ich … ich mache dann mal meine Runde weiter«, sagte Daryl.
»Das will ich dir auch geraten haben, Junge«, knurrte Colston und sah mit zusammengekniffenen Augen hinterher, als Bixby sich eilig aus dem Saal entfernte.
»Seien Sie nicht so streng mit ihm, Stuart«, meinte Frederick.
»Ich hätte ihn nicht eingestellt, aber Direktor Fox war der Meinung, er müsste ihm eine Chance geben. Weiß Gott wie er auf diese Idee gekommen ist. Ich meine, wir wissen doch genau, dass diese Farbigen keine gute Arbeitsmoral haben, nicht wahr?« Colston sah ihn an und schien eine Bestätigung zu erwarten.
»Ich denke, dass der Direktor über eine gute Menschenkenntnis verfügt«, erwiderte er bloß.
Der Chefaufseher brummte irgendwas Unverständliches und räusperte sich dann. »Wie dem auch sei. Ich muss jetzt weiter meine Runde machen. Arbeiten Sie noch lange weiter?«
»Ich werde noch circa eine Stunde brauchen. Machen Sie sich keine Gedanken meinetwegen, ich habe einen Schlüssel.«
»Selbstverständlich. Einen schönen Abend noch, Professor Crichton.«
»Danke, Stuart. Ihnen auch einen ruhigen Dienst.«
Der Chefaufseher nickte ihm zu und ging in dieselbe Richtung wie Daryl Bixby davon. Frederick hoffte, er würde den jungen Mann in Ruhe lassen. Dann kratzte er sich am Kopf und überlegte, wo er weitermachen sollte.
Als er schließlich vier weitere Kisten aus dem umfangreichen Wilbour-Archiv des Brooklynmuseums geleert hatte, beschloss er, es für heute gut sein zu lassen. Ein Blick auf seine Taschenuhr zeigte ihm, dass es allerhöchste Zeit war. Er hatte weit mehr als nur eine Stunde mit dem Aufbau verbracht, annähernd zwei.
Irene wird sicher sauer sein, dass ich wieder viel zu spät nach Hause komme, dachte er mit dem Anflug eines schlechten Gewissens.
Er schnappte sich sein Jackett und seinen Hut, die er an einer lebensgroßen Anubisstatue aufgehängt hatte. Natürlich war es nur eine Nachbildung und keine Originale, sonst hätte er diesen Frevel niemals begangen. Es handelte sich um alte Filmrequisiten aus einem Cleopatrafilm von 1917. Frederick hatte sie bei seiner Ankunft in New York im letzte Jahr im Haus des Millionärs William Mooning gesehen, der kurz darauf auf tragische Weise ums Leben kam. Als der Nachlass des stadtbekannten Exzentrikers aufgelöst wurde, erinnerte sich Frederick daran und schlug William Henry Fox, dem Direktor des Museums, vor, die alten Requisiten zu erwerben. Dieser sträubte sich erst, aber als Frederick ihn darauf aufmerksam machte, dass auf fast allen Figuren der Name William Fox stand, konnte der Direktor nicht widerstehen. Seine Namensgleichheit mit dem berühmten Filmproduzenten sorgte immer wieder für Erheiterung beim Museumsleiter. Aber tatsächlich machten sich die Nachbildungen sehr gut in den Räumen des Museums.
»Danke, alter Knabe. Aber Trinkgeld gibt’s heute keins.« Er klopfte dem Anubis auf den Rücken, was dieser stumm über sich ergehen ließ.
Gut gelaunt schlenderte er Richtung des Nebenausgangs und kramte dabei schon in seinen Taschen nach dem Schlüssel. Gerade als er die Tür erreichte, kam Daryl aus dem Hauptgang um die Ecke gebogen und wollte sofort wieder kehrtmachen, als er ihn sah.
»Alles in Ordnung?«, fragte Frederick.
»Ja. Gute Nacht, Sir.« Die Antwort kam überhastet und der junge Museumswärter vermied es, ihn dabei anzusehen.
»Daryl. Sehen Sie mich an.«
»Ich … ich muss weiter meine Runde machen«, stammelte der junge Schwarze und wollte weitergehen, aber Frederick war mit zwei großen Schritten bei ihm und hielt ihn am Arm fest.
»Erst sehen Sie mir ins Gesicht.« Langsam drehte Daryl seinen Kopf so, dass Frederick ihn gut sehen konnte. Das linke Auge war dick geschwollen. »Was ist passiert? Wer hat das getan?«, fragte er, obwohl er die Antwort schon kannte.
»Es … ist nichts, Sir. Wirklich nicht. Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hingehe. Unaufmerksamer Nigger, Sie wissen schon.« Er sah betrübt zu Boden.
»Reden Sie doch keinen Blödsinn«, gab Frederick entrüstet zurück und ließ Daryls Arm los. »Wo ist Colston jetzt?«
»Sir, das ist nichts. Lassen Sie es gut sein.«
»Es gut sein lassen? Er hat Sie geschlagen! Das dulde ich nicht.«
»Nein, hat er nicht. Es ist, wie ich gesagt habe: Ich bin unaufmerksam gewesen und gegen … eine Tür gelaufen.«
»Aber das ist doch …«
»Ich bitte Sie, Sir. Genauso ist es gewesen«, beharrte Daryl. »Ich brauche diesen Job sehr dringend.«
»Sie werden ihn auch behalten. Dafür werde ich sorgen.«
»Aber mir wäre es wirklich lieber, wenn Sie diese Sache einfach vergessen würden und gar nichts tun, Sir.«
Völlig perplex starrte Frederick den jungen Wachmann an, der ihn aus dem verbliebenen, nicht zugeschwollenen Auge ernst anblickte.
Daryl wiederholte mit eindringlich flehender Stimme: »Bitte, Sir. Es ist nichts. Morgen wird das Auge wieder normal aussehen. Alles kein Problem.«
»Ich … wenn es das ist, was Sie wirklich wollen. Gut.« Er zuckte hilflos mit den Schultern.
»Danke vielmals, Sir.«
Die Worte klangen wie Hohn in seinen Ohren. Schließlich tat er gar nichts. Außer wegsehen. Er nickte und verließ dann wortlos das Museum.
Ihr Blick ging zur Uhr, wo sich der Stundenzeiger bereits jenseits der Acht bewegt hatte. Wieder einmal würde sie zu spät nach Hause kommen. Sie stieß einen Seufzer aus.
»Alles in Ordnung bei dir?«, brummte Sinclair, der gerade einen Zigarettenstummel in den übervollen Aschenbecher auf seinem Schreibtisch drückte und sich sofort eine neue Fluppe anzündete.
»Ja ja, alles gut«, gab Irene zurück. »Schaffst du es nicht mal fünf Minuten ohne?«
»Wie bitte?«, fragte ihr Kollege verwirrt.
»Na, die Zigarette. Du qualmst hier alles voll. Ich komme mir schon vor, als wäre ich in London, so neblig ist es hier drinnen. Vom Geruch ganz zu schweigen.«
»Das hilft mir beim Nachdenken.«
»So viel wie du rauchst, müsstest du mittlerweile mehr als Einstein nachgedacht haben.«
»Ja und es hat sich gelohnt«, schmunzelte Sinclair. »Mein nächster Artikel wird bestimmt den Pulitzerpreis bekommen – wieder einmal.«
Irene verdrehte die Augen. Wann immer Sinclair Brown davon sprach, erneut einen Pulitzerpreis zu gewinnen, wusste sie, dass er in Wirklichkeit Mühe hatte, überhaupt nur die Spalten seines Artikels vollzubekommen. Außerdem befand sich ihr Kollege schon seit Jahren auf dem absteigenden Ast und konnte froh sein, dass er immer noch für die New York Times arbeiten durfte.
»Worüber schreibst du?«, fragte sie so unschuldig wie möglich.
»Ein internationales Thema«, kam die knappe Antwort. Sinclair starrte konzentriert auf das eingespannte Blatt in seiner Schreibmaschine.
»Aha«, sagte Irene schließlich nach einigen Sekunden, als klar war, dass dies die einzige Antwort sein sollte, die sie bekam. Sie wandte sich wieder ihrem eigenen Text zu.
»Was wird deine neue Story?«, fragte Sinclair sie plötzlich, nachdem sie gerade eine Zeile geschrieben hatte. »Und vor allem, für welches Ressort? Politik, Sport, Wirtschaft? Wie man hört, hat Madame bei unserem Herausgeber jetzt ja Narrenfreiheit.«
Den triefenden Sarkasmus des letzten Satzes konnte und wollte Irene nicht unbeantwortet lassen.
»Erstens: Du solltest dir mal wieder die Ohren waschen, dann würdest du nicht solchen Blödsinn hören. Zweitens: Ich arbeite momentan für das Gesellschaftsressort und helfe gelegentlich beim Sport aus. Drittens: Ich habe Adolph schon seit Monaten nicht mehr getroffen.«
Ihr dritter Punkt war glatt gelogen. Natürlich hatte sie Adolph Ochs, den Herausgeber und Eigentümer der New York Times erst kürzlich getroffen. Er hatte ihr eine saftige Gehaltserhöhung genehmigt, aber das wäre das Letzte, was sie Sinclair auf die Nase binden wollte. Denn obwohl ihr erfahrener Kollege ihr Nervenkostüm bisweilen bis aufs äußerste strapazierte, vergaß sie nicht, dass er derjenige war, dem sie ihre Karriere bei der Times zu verdanken hatte. Sie hoffte inständig, dass es ihm tatsächlich noch einmal gelingen würde, sich zu ähnlichen Höhen aufzuschwingen wie 1922, als er den Pulitzerpreis gewonnen hatte, aber seine Liebe zum Alkohol stand ihm dabei im Weg.
»Ist ja schon gut, tut mir leid.« Sinclair sah zerknirscht zu ihr rüber. »Ich schreibe über diesen Italiener, der mit einem Zeppelin zum Nordpol aufbrechen will.«
»Das kommt mir bekannt vor«, meinte Irene. »Gab’s das nicht schon mal?«
»Ja. 1926 ist derselbe Italiener schon einmal mit einem Zeppelin über den Nordpol geflogen und …«
»Gefahren.«
»Wie bitte?«
»Zeppeline sind Luftschiffe und die schweben und fliegen nicht. Deswegen nennen die Piloten oder Steuerer es fahren.«
Sinclair sah sie verdutzt an.
»Bist du dir da sicher?«
»Absolut. Aber du kannst gerne jemand anderen fragen. Henry aus dem Politik-Ressort zum Beispiel, der kennt sich mit so was aus.«
»Nein, nein. Nicht nötig. Ich glaube dir«, gab Sinclair zurück, während er hektisch einige Stellen auf dem Blatt in der Schreibmaschine markierte.
»Aber es ist derselbe Italiener, der vor zwei Jahren schon einmal mit einem Zeppelin über den Nordpol gefahren ist? Warum macht er das nochmals?«
»Nun … genau weiß ich das nicht, er äußert sich da nicht darüber. Aber beim ersten Mal war dieser Norweger mit an Bord, Amundsen.«
»Stimmt, jetzt erinnere ich mich. Außerdem war doch auch ein Amerikaner dabei, sogar ein New Yorker, Lincoln Ellsworth.«
»Richtig. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum der Italiener es jetzt noch mal allein versuchen möchte. Damals war immer von einer Amundsen-Expedition die Rede, obwohl der Zeppelin von dem Italiener gebaut und gesteuert wurde.«
»Und wie heißt der gute Mann, dem es so wichtig ist, den Nordpol zu erreichen?«
Sinclair hielt inne und warf einen kurzen Blick auf seine Schreibmaschine.
»Umberto Nobile«, verkündete er. »Und sein Luftschiff hat er Italia getauft. Sehr patriotisch der Gute. Und jetzt du.«
»Ich? Was soll ich tun? Auch einen Zeppelin bauen und taufen?«, lachte Irene.
»Nein, mir sagen, worüber du gerade schreibst.«
»Oh, das … ist nicht so wichtig. Auf jeden Fall bei Weitem nicht so interessant wie dein Bericht.«
Sinclair stand von seinem Stuhl auf, umrundete seinen Schreibtisch und kam zu ihr. Er streckte den Hals, um einen Blick auf ihren Text zu erhaschen, was sie mit ihren Händen davor verhindern zu versuchte.
»Zeig doch mal her, hab dich nicht so«, grinste er. »Früher hast du mir deine Texte auch immer vor der Veröffentlichung gezeigt. Das heißt … vor ein paar Monaten noch.« Sein Grinsen wurde immer breiter.
»Ach gut, aber bitte verkneif dir jeden Kommentar.« Irene nahm ihre Hände weg und ließ ihren Kollegen lesen.
Schon nachdem Sinclair den ersten Absatz gelesen hatte, wurde er blass.
»Bist du völlig von Sinnen?«, fragte er sie. »Das kannst du so nicht schreiben!«
»Aber wieso, es ist die Wahrheit und jeder weiß es.«
»Mag sein, aber es gibt keine Beweise und deshalb spricht da auch niemand darüber. Adolph wird dich diesen Text nicht in seine Zeitung setzen lassen – nicht mal, wenn du ihm die Füße im Bett wärmen solltest.«
»Deswegen werde ich es ihm langsam schmackhaft machen, vielleicht als Teil einer Serie und dann …«
»Eine Serie? Worüber? Über die größten Halsabschneider und Mörder in unserer Stadt?« Sinclair schüttelte entschieden mit dem Kopf. »Ich weiß, du gibst nicht mehr viel auf meine Ratschläge, Irene, aber diesen nimm dir bitte zu Herzen: Lass die Finger davon.« Er zeigte auf das Blatt Papier in ihrer Schreibmaschine, das beinahe komplett beschrieben war. »Schreibe keinen Artikel über Arnold Rothstein.«
Irene sah noch einmal zur Uhr.
»Ich muss jetzt los, Frederick wartet bestimmt schon auf mich.« Sie löste die Blatt-Arretierung der Schreibmaschine und zog ihren Artikel heraus. Schnell legte sie ihn in eine Mappe, die sie in ihre Handtasche verschwinden ließ.
»Irene, bitte denk wenigstens über meine Worte nach. Versprich es mir.« Sinclair sah sie mit besorgter Miene an.
Sie nickte. »Werde ich. Versprochen.«
Dann verließ sie die Redaktionsräume der New York Times.
Bennie stoppte den Ford direkt vor dem Restaurant und drehte sich dann nach hinten um.
»Mir gefällt das nicht, Meyer«, sagte er mit mürrischer Miene. »Ich sollte besser mit hineinkommen.«
»Du bleibst schön hier sitzen und rührst dich nicht vom Fleck«, sagte Charlie schnell. »Das Letzte, was wir da drin gebrauchen können, ist eine Messerstecherei.« Er sah Bennie ernst an.
»Aber …«
»Er hat recht, Ben«, stoppte Meyer seinen Freund schnell. »Da drin ist etwas Verhandlungsgeschick und sehr viel Fingerspitzengefühl vonnöten.«
»Du weißt sehr wohl, dass ich Fingerspitzengefühl habe«, protestierte Bennie. »Da kannst du jede Frau hier in der Stadt fragen«, fügte er grinsend hinzu.
Meyer seufzte. »Hier ist ein ganz anderer Schlag von Fingerspitzengefühl gefragt.«
»Wenn ihr beide mich fragt, ist das Einzige, was das fette Schwein da drinnen versteht, das hier.« Bennie ließ seine rechte Faust in seine linke Handfläche klatschen.
»Das fette Schwein schneidet uns die Eier ab und stopft sie uns in den Hals, wenn wir nicht genau auf unsere Worte achten«, erwiderte Charlie grimmig. »Also, Schluss jetzt. Meyer, wir gehen.« Er öffnete die Tür und stieg aus.
»Hör auf ihn, Ben. Bleib hier und warte.«
»Wie du willst. Aber ihr seid beide meschugge, da einfach so hineinzugehen. Noch dazu unbewaffnet.«
Meyer zwinkerte seinem Freund zu und verließ den Fond des Ford ebenfalls.
»Bereit?«, fragte Charlie und sah ihn verkniffen an.
»Aber sicher.«
»Dann los.«
Sie betraten das Restaurant Nuovo Villa Tammaro. Im großzügigen Innenraum waren alle Tische frei, nur an einer langen Tafel, ganz hinten in einer Nische, saß ein Gast. Der Mann, mit dem sie sich treffen wollten. Giuseppe Masseria. Aber alle nannten ihn bloß Joe, den Boss. Ehe Meyer und Charlie nur einen weiteren Schritt machen konnten, kamen sofort vier Männer auf sie zu, die links und rechts neben der Eingangstür gewartet hatten.
»Frank, Vito, wie schön, euch zu sehen«, begrüßte Charlie zwei von ihnen und tippte sich an die Hutkrempe.
Die Angesprochenen erwiderten den Gruß nicht und begannen sogleich damit, Charlie und ihn nach Waffen zu durchsuchen.
»Sie sind sauber«, rief Frank.
»Schickt sie her«, antwortete Masseria von seinem Tisch.
»Ihr habt den Boss gehört. Bewegt euch«, sagte Vito.
»Danke Jungs. Immer ein Vergnügen mit euch«, grinste Charlie und ging entspannt weiter. Meyer folgte ihm mit zwei Schritten Abstand. Sie hatten dies im Vorwege besprochen. Es wäre definitiv besser für sie, wenn Masseria den Eindruck bekam, dass Charlie das alleinige Sagen hatte. Als sie den Tisch erreichten, beachtete Masseria sie zunächst nicht. Seine Aufmerksamkeit galt der Portion Pasta auf dem Teller vor sich. Direkt daneben stand bereits ein leerer Teller, zusammen mit einem Rotweinglas und einer halb vollen Weinflasche. Joe, der Boss, war hinter vorgehaltener Hand auch noch unter einem zweiten, wenig schmeichelhaften Namen bekannt. Joe, der Gierschlund. Nach Meyers Ansicht noch viel zu freundlich für den aufgedunsenen, kleinen Mann, der da am Tisch vor ihnen saß und sich die Spaghetti in den Mund stopfte, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Tomatensoße verteilte sich über sein Kinn, tropfte auf die Tischdecke und ließ das Ganze nach einem Gemetzel aussehen. Nach einem lauten Rülpsen hob Masseria den Kopf und musterte sie aus kleinen Schweinsäuglein. Seine dünnen, strähnigen Haare klebten ihm auf der schweißnassen Stirn.
»Charlie, mein Junge, gut siehst du aus. Dein Anzug gefällt mir, ein sehr guter Schneider, du musst mir unbedingt den Namen von dem Kerl geben.«
»Sehr gerne, Capo.«
»Was stehst du da rum wie ein Ölgötze? Nimm dir einen Stuhl und setz dich. Dein Partner ebenfalls.« Er zeigte mit der Gabel auf Meyer.
Masseria stopfte sich den Mundraum erneut mit Nudeln voll. Es dauerte eine Weile, bis er wieder fähig war, zu sprechen.
»Also, hast du über meinen Vorschlag nachgedacht, Charlie? Kommst du in die Familie?«
»Nein.«
Masseria hielt überrascht inne, legte sein Besteck ab und griff zum Weinglas. Nachdem er einen großen Schluck genommen hatte, wiederholte er: »Nein?«
»Ich habe einen besseren Vorschlag«, sagte Charlie und stützte sich mit beiden Unterarmen auf dem Tisch ab, als er sich leicht nach vorne beugte. »Wir sind sehr effektiv, weil wir nur eine kleine Gruppe sind und …«
»Ihr seid eine schäbige Bande, nichts weiter«, unterbrach Masseria ihn barsch.
»Eine schäbige Millionen-Dollar-Bande«, erwiderte Meyer ruhig.
»Darf der was sagen?« Joe, der Boss, sah Charles irritiert an.
»Meyer ist mein Partner, Capo. Er hat ein großes Talent, wenn es um Zahlen geht.«
»Tja, das einzige Gebiet, auf dem die Juden wirklich Talent haben«, lachte Masseria schäbig und klopfte sich auf den Wanst. »Also gut, was willst du mir vorschlagen, Charlie?«
»Zunächst einmal möchten wir, dass diese ganzen gegenseitigen Überfälle ein Ende haben. Es ist schon schwer genug, den Alkohol in die Stadt zu schmuggeln, da müssen wir uns untereinander das Leben nicht noch schwerer machen, als es ohnehin ist.«
»Wie soll das gehen? Erwartest du, dass ich einfach zusehe, wie die Iren oder die Juden durch mein Gebiet fahren? Diese Dreckskerle sollen wissen, dass hier nur einer das Sagen hat, und das bin ich!«
»Eine Kooperation. Sie zahlen für die unbehelligte Durchfahrt und im Gegenzug wir natürlich auch, wenn wir durch ihre Territorien fahren. Das hat für alle Vorteile. Keine Verluste der Lieferungen mehr, weniger Tote – kein Aufsehen bei der Polizei.«
»Die Hälfte der New Yorker Polizei steht auf meiner Gehaltsliste«, winkte Masseria ab.
»Trotzdem wäre es unklug, ein Risiko einzugehen, nicht wahr? Alleine im letzten Monat sind mindestens vier Lieferungen aus Pennsylvania nicht in New York angekommen und es gab drei Tote und viele Verletzte.«
»Drei tote Iren. Jeder tote Ire ist ein guter Ire. Und die Feiglinge haben nicht gewagt, einen Gegenschlag zu probieren.«
»Weil Owney Madden interveniert hat. Er hat mit den Bossen der Iren gesprochen und sie um Aufschub gebeten.«
»Madden hat was? Inter… Was soll das, Charlie? Sprich wie ein Italiener, nicht wie ein verdammter Jude! Aber es interessiert mich einen verdammten Scheiß, was Owney Madden macht oder nicht macht. Eines Tages werde ich mir diesen Hurensohn vorknöpfen und seine Eier an meine Wand nageln.« Joe, der Boss, trank noch einen Schluck Rotwein. Sein Gesicht hatte eine leicht rötliche Farbe angenommen.
»Es wäre nicht klug, sich mit den Iren anzulegen. Wir müssen vorausdenken. Es wird nicht mehr lange dauern und die Prohibition wird beendet werden. Wir sollten uns rechtzeitig neue Geschäftsfelder erschließen und auf diesen Moment vorbereiten.«
»Die Flausen hast du ihm doch in den Kopf gesetzt, oder?« Masseria sah ihm direkt in die Augen. »Dieses ganze Gewäsch klingt so jüdisch, als wäre Rothstein persönlich hier.«
»Wir haben letzten Monat mehr als hunderttausend Dollar mit Glücksspiel verdient«, gab Meyer stoisch zurück. »Wir sind uns sicher, dass wir damit auch locker in den Millionenbereich kommen, wenn wir es entsprechend groß aufziehen.«
»Und das ist erst der Anfang«, fügte Charlie hinzu. »Auch das Drogengeschäft ist vielversprechend und danach müssen wir uns die Gewerkschaften vornehmen! Nicht immer nur die kleinen Geschäfte oder Restaurants. Ich will an das ganz große Geld! Und da kommen wir nur ran, wenn wir die Firmen erpressen, die hinter dem ganzen stehen. Dazu sind die Gewerkschaften der Schlüssel. Wenn wir die Arbeiter in der Hand haben, bestimmen wir über die Unternehmen!«
Masseria sah abwechselnd Charlie und ihm ins Gesicht, dann nahm er sich eine Serviette und wischte sich den Mund sauber.
»Wisst ihr beiden, wie lange ich schon hier bin? Nein? Ich sage es euch: Seit 1903. Das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre, ein verflucht langes Vierteljahrhundert. Ich habe so einige Kerle kommen und gehen sehen, vor allem gehen.« Ein hämisches Lächeln umspielte seine Lippen. »Viele hatten ähnliche Flausen im Kopf wie du Charlie. Sie hatten Ideen, wollten alles anders machen und ganz groß herauskommen. Aber wohin hat es sie gebracht, frage ich dich?«
Charlie zuckte mit den Schultern.
»Auf den Friedhof.« Joe, der Boss, lehnte sich zurück und warf seine Serviette auf den Pastateller. »Ich hingegen bin immer noch da. Mache mein Geschäft. Ich bin der Boss!«
»Aber Maranzano konnte trotzdem aus Italien herkommen und sich einen Teil des Geschäfts sichern«, entfuhr es Meyer und er bereute es sofort. Er biss sich auf die Zunge. Das war schlimmer, als Bennie es hätte machen können. Auch Charlie sah ihn mit einem Blick an, der nur ein Wort ausdrückte: IDIOT!
»Erwähne den Namen dieses Kerls nicht hier drinnen.« Masseria spuckte verächtlich auf den Fußboden. »Habt ihr mit ihm auch schon geredet? Über eure wirren Ideen?«
»Nein, natürlich nicht, Capo«, versuchte Charlie, den aufgebrachten Boss zu beruhigen.
Doch plötzlich wurde Meyer von mehreren Händen gepackt und sein Oberkörper wurde auf die Tischplatte gedrückt. Seine Stirn machte unsanft Bekanntschaft mit der massiven Eichenholzplatte. Er sah eine Messerklinge direkt neben seinem Gesicht aufblitzen.
»Soll ich den Juden abstechen, Boss?«, hörte er Vito fragen.
