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Der neue Thriller von André Milewski! Dein bester Freund lässt dich im Stich. Jetzt lauf um dein Leben! Chris leiht seinem besten Freund für dessen Hochzeit zehntausend Euro. Dummerweise von dem Geld, das er einem Berliner Clan-Boss zurückbezahlen muss. Doch als die Trauung platzt und der Bräutigam spurlos verschwunden ist, hat Chris ein großes Problem. In seiner Verzweiflung lässt er sich auf einen riskanten Coup ein - und schon bald geht es für ihn um mehr als nur das Geld. Jetzt geht's um sein Überleben!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Ohne Titel
1. Noch 23 Stunden bis zur Übergabe
2. Noch 22 ¾ Stunden bis zur Übergabe
3. Noch 22 ½ Stunden bis zur Übergabe
4. Eine Woche zuvor
5. Noch 19 Stunden bis zur Übergabe
6. Noch 16 Stunden bis zur Übergabe
7. Noch 15 Stunden bis zur Übergabe
8. Noch 12 Stunden bis zur Übergabe
9. Noch 11 ½ Stunden bis zur Übergabe
10. Noch 10 ½ Stunden bis zur Übergabe
11. Noch 10 Stunden bis zur Übergabe
12. Noch 9 ½ Stunden bis zur Übergabe
13. Noch 9 ¼ Stunden bis zur Übergabe
14. Noch 8 Stunden bis zur Übergabe
15. Noch 7 ¾ Stunden bis zur Übergabe
16. Noch 7 ½ Stunden bis zur Übergabe
17. Noch 7 Stunden bis zur Übergabe
18. Noch 6 ½ Stunden bis zur Übergabe
19. Noch 6 ¼ Stunden bis zur Übergabe
20. Vorstellung Ratko
21. Noch 6 Stunden bis zur Übergabe
22. Noch 5 ½ Stunden bis zur Übergabe
23. Noch 5 Stunden bis zur Übergabe
24. Noch 4 ¾ Stunden bis zur Übergabe
Kapitel 25
26. Noch 4 ½ Stunden bis zur Übergabe
27. Noch 4 Stunden bis zur Übergabe
28. Noch 3 ¾ Stunden bis zur Übergabe
29. Noch 3 Stunden bis zur Übergabe
30. Noch 1 Stunde bis zur Übergabe
31. 5 Minuten bis zur Übergabe
Epilog
Nachwort
Mehr Hard-Sequences
Playlist Hard-Sequences: Feuerblut
Über den Autor
Bücher von André Milewski
Leseprobe aus „Elfenbeinkrieg“
André Milewski
FEUERBLUT
Hard-Sequences 4
Copyright © 2020 André Milewski
http://www.andre-milewski.de
Verlag: André Milewski
℅ Papyrus Autoren-Club
Pettenkoferstr. 16-18
10247 Berlin
Tel.: 030 / 49997373
Titelbild:
Designomicon | Anke Koopmann
unter Verwendung eines Fotos von
© decisiveimages/istock
Korrektorat: SKS Heinen
Satz: André Milewski
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
»So I’ll tell you all the story about the joker and the thief in the night.«
(Joker & The Thief – Wolfmother)
Chris schnürte es die Kehle zu. Und das lag nicht an der Krawatte, die er heute trug. Es war pure Angst. Dabei hatte er sich eigentlich schon zwei Jägermeister gegönnt, um sich zu beruhigen. Sebastians Worte hallten in seinem Kopf nach.
»Ich verspreche dir, dass alles glattgeht. Du wirst sehen, noch vor Mitternacht bekommst du dein Geld zurück.« Sein bester Kumpel hatte gelacht, ihm auf die Schulter geklopft und war dann gegangen, um sich auf seine Hochzeit vorzubereiten.
Aber nun saß Chris links vor dem Altar der Kirche und wartete auf seinen Freund, während die Braut schon längst anwesend war. Julia stand mit ihrer Schwester Sabrina und ihrer Mutter beim Pfarrer und redete mit ihm, wobei der dieser besorgter dreinblickte, als die Braut selbst. Der Pfaffe war gedanklich wohl schon bei der nächsten Hochzeit, die direkt im Anschluss stattfinden sollte. Chris betrachtete Julia genauer. Sie sah umwerfend in ihrem Hochzeitskleid aus. Es war ziemlich figurbetont, mit tiefem Dekolleté, das dem Betrachter ihren üppigen Busen präsentierte, und einem noch tieferen Rückenausschnitt, der nur knapp über dem wohlgeformten, apfelförmigen Hintern endete. Ihre langen dunklen Haare trug sie hochgesteckt, nur zwei längere Strähnen hingen links und rechts hinunter. Ihre tiefbraunen Augen stachen durch das Make-up stärker als gewöhnlich hervor und verliehen ihr mehr denn je ein südländisches Aussehen.
Wieeine junge Sophia Loren, dachte Chris und lächelte. Für einen kurzen Augenblick bereute er es fast, dass er seine Ex-Freundin mit seinem Kumpel Sebastian bekannt gemacht hatte. Aber die Geschichte zwischen ihm und Julia lag schon lange zurück und obwohl sie damals nicht gerade im Guten geendet hatte, verstanden sie sich nun wieder recht gut, was wohl vor allem an Sebastian lag.
»Er ist nicht da, mhm?«, fragte er, als sie zu ihm rüberkam.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Julia, als sie sein Starren registrierte.
»Ja, alles gut«, versicherte er ihr schnell. »Ist bloß mein erstes Mal als Trauzeuge. Das kann einen schon etwas nervös machen.«
»Du hast doch nicht etwa die Ringe vergessen?«, fragte sie erschrocken.
Er klopfte zur Antwort nur auf die kleine Beule in der rechten Tasche seines Jacketts. Julia lächelte erleichtert und spitzte kurz ihre weichen, feuerroten Lippen.
»Was dagegen, wenn ich mich auf die Suche nach meinem abtrünnigen Ehemann mache?«
Einen Kuss hätte ich mir wahrlich verdient, dachte Chris und schüttelte bloß den Kopf zur Antwort auf Julias Frage. Er blickte ihr hinterher, während sie zur Eingangstür ging. Wenn man es genau nimmt, sogar einen letzten Ritt mit der Braut. Er warf erneut einen Blick auf Julias Hinterteil und dachte daran, wie er früher immer …
»Hey! Augen hoch«, zischte Sabrina ihm von der anderen Seite zu, als ob sie seine Gedanken lesen konnte. Er grinste sie an und hob die Augenbrauen betont zweideutig. Julias Schwester rollte nur mit den Augen und wandte den Blick ab.
Chris fühlte sich nun wieder sicher und entspannt. Wenn Sebastian jetzt langsam mal auftauchen und sie die Trauung hinter sich bringen könnten, würde er sich noch besser fühlen.
Der Kerl hat echt Nerven, dachte Chris schmunzelnd. Am Tag seiner Hochzeit zu spät zu kommen und alle Gäste und vor allem die Braut warten zu lassen, das erfordert schon eine gewisse Chuzpe. Oder Eier aus Stahl.
Er ließ seinen Blick über die Hochzeitsgäste schweifen. Alle hatten sich in feine Garderobe geworfen. Die meisten wirkten ungeduldig oder gelangweilt. Viele von ihnen kannten Sebastian und wussten, dass er zur Unpünktlichkeit neigte.
Sein Blick ging weiter zur linken Seite im Kirchenschiff – zu Julias Familie und Freunden – dort waren einige Damen in verdammt teuren Kleidern zu sehen und auch die dazugehörigen Männer trugen ihre Armani-Anzüge stolz. Das ließ seine Zuversicht wachsen, dass Sebastian richtig lag, und es ein Klacks wäre, mit den zu erwartenden Hochzeitsgeschenken das Geld zurückzuzahlen, das er ihm schuldete. Immerhin zehntausend Euro. Aber Sebastian hatte ihm mehrfach versichert, dass bei Julias Familie genug zu holen war. »Viele Geldsäcke«, hatte sein Kumpel ihm mit bestimmter Gewissheit gesagt. »Die können es kaum erwarten, ihrem kleinen Mädchen die Kohle in den Hintern zu blasen.«
Vor seinem inneren Auge stellte Chris sich vor, wie Julias Großvater, der in der ersten Reihe saß und aus dessen Anzugtasche eine goldene Uhrenkette hing, sich eine dicke Havanna mit einem Fünfhunderteuroschein anzündete und ihn dabei breit angrinste.
Außerdem entdeckte er ein paar Reihen weiter hinten das Gesicht eines Mannes, den er gut aus den Schlagzeilen der letzten Woche kannte. Hambacher war sein Name, ein Politiker von der CDU, soweit Chris sich erinnerte. Er interessierte sich wenig für diesen Politikkram. Aber eins war sicher, hier war Geld zu holen. Chris konnte die Kohle beinahe riechen. Trotzdem blickte er jetzt ungeduldig auf seine Smartwatch, wo ihm eine wackelnde und mit dem rechten Fuß wippende Micky Maus mit ausgestreckten Armen, die Zeit anzeigte. Sebastian war bereits fünfzehn Minuten zu spät dran. Alle Anwesenden wurden jetzt langsam nervöser, als es die Braut und ihre Familie ohnehin schon waren.
Da öffnete sich die Tür, alle Köpfe drehten sich erwartungsvoll Richtung des Eingangs, aber statt des Bräutigams betrat ein Kerl die Kirche, den Chris nicht kannte. Der Unbekannte trug eine abgewetzte Lederjacke und eine Chino, in der ein verwaschenes Hemd steckte. Außerdem klebte ihm ein großes Pflaster auf der Stirn und sein Gesicht sah ziemlich derangiert aus. Er wirkte wie ein Fremdkörper in der Hochzeitsgesellschaft. Ein Eitergeschwür auf einer ansonsten strahlend gepflegten Oberfläche.
Wer hat den Penner denn bloß eingeladen?
In dem Moment, als der Unbekannte eingetreten war, ertönte ein Lied, aber nichts Feierliches.
»Flieg, flieg. Fahr aus der Haut.«
Der Kerl in der Jeans und dem T-Shirt holte sein Handy hervor und drückte den Anruf weg. Eine ältere Dame auf den hinteren Bänken warf ihm einen strengen Blick dafür zu.
»Kennst du den?«, fragte Emily im Flüsterton. Sie war zu ihm rübergekommen, ohne dass er es bemerkt hatte. Die kleine Journalistin war Julias beste Freundin und Chris hatte sie schon vor Jahren auf der Uni kennengelernt. Sie war eigentlich nicht sein Typ, aber er hatte damals trotzdem versucht, sie ins Bett zu bekommen. Erfolglos, was ihm eigentlich so gut wie nie passierte. Normalerweise fühlten sich gerade die kleinen, etwas schüchternen Frauen, wie Emily eine war, von Typen wie ihm angezogen. Aber mittlerweile war auch sie Mutter einer Tochter und verheiratet. Wenn auch gerade frisch getrennt, wie er gehört hatte.
Er schüttelte den Kopf. »Noch nie gesehen.«
»Hm, sieht irgendwie nicht so aus, als würde der zur Hochzeit gehören, oder?« Emily sah misstrauisch in Richtung des Neuankömmlings.
»Hat sich vielleicht verlaufen. Ein Touri oder so«, erwiderte er achselzuckend. Er sah erneut auf seine Uhr und beschloss, vor die Tür zu gehen, um selbst nachzusehen, wo Sebastian blieb. In dem Moment, als Chris sich in Bewegung setzen wollte, setzte Orgelmusik ein.
Der Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum von Bartholdy hallte laut durch das Gemäuer. Chris bemerkte Julias fragenden Blick vom Ende des Ganges. Er zuckte bloß mit den Schultern und blickte grimmiger, als er es beabsichtigt hatte.
Dann öffnete sich die Kirchentür erneut. Erleichtert atmete er aus und sah Julia mit einem Ich-hab-es-dir-doch-gesagt-Blick an. Die schaute wie alle anderen in der Kirche gespannt zur offenen Tür. Gemäß des Ablaufplans, hinter dem sie bereits weit zurücklagen, sollten jetzt zwei Blumenmädchen kommen, eine davon war Emilys Tochter, so weit Chris informiert war.
Da erklang ein Raunen in den hinteren Reihen der vollbesetzten Kirche. Es wurde rasch lauter, eine Frau schrie plötzlich laut auf. Die Musik dröhnte weiterhin feierlich durch die Kirche.
Chris’ Blick war auf die Eingangstür des Gotteshauses gerichtet, genau wie bei allen anderen Hochzeitsgästen auch. Er sah das kleine, blondhaarige Mädchen in ihrem weißen Kleidchen und ihm stockte der Atem. Neben ihm begann Emily zu schreien und dann rannte sie den Gang entlang zu ihrer Tochter. Das weiße Kleid war mit dunklen Flecken übersät, ein ganz besonders großer breitete sich auf ihrer Brust aus.
»Oh mein Gott«, schrie eine ältere Frau, die direkt neben Emilys Tochter am Eingang stand, »das ist Blut!«
Dann brach Tumult aus, alle sprangen jetzt von ihren Plätzen auf und drängten auf den Gang, zum blutbesudelten Blumenmädchen hin. Da sah Chris, wie ein Mann inmitten des Trubels fluchtartig die Kirche verließ. Der Kerl in der Lederjacke folgte ihm.
»Verdammte Scheiße«, murmelte Chris. Dann lief auch er los.
Als Chris aus der Kirche heraus stürmte, sah er die beiden Kerle die Fehrbelliner Straße nach Norden rennen. Sofort nahm er die Verfolgung auf – wieso er das tat, wusste er nicht, es war einfach ein Instinkt. Schon nach wenigen Metern hatte er ein gutes Stück aufgeholt. Keiner der beiden war auch nur annähernd so schnell wie er. Er sah, wie der vordere der Kerle quer über die nächste Kreuzung auf den Teutoburger Platz lief. Der Mann mit der Lederjacke verlor immer mehr an Tempo, er schien angeschlagen zu sein. Chris überholte ihn, rannte ebenfalls über die Kreuzung und übersah dabei ein herannahendes Auto, dessen Fahrer aber sofort die Hupe dröhnend erklingen ließ. Reaktionsschnell sprang Chris in die Höhe, als der Wagen mit quietschenden Bremsen noch versuchte eine Kollision zu verhindern. Mit sagenhafter Körperbeherrschung stieß Chris sich noch in der Luft mit dem linken Bein von der Motorhaube des Wagens ab, machte eine Hundertachtzig-Grad-Drehung und landete mit beiden Beinen direkt neben der Beifahrertür des Autos. Der Fahrer starrte ihn perplex mit offenem Mund an. Sofort rannte Chris weiter auf den Teute, wie der Platz von allen nur genannt wurde. Er war parkähnlich angelegt, in der nördlichen Ecke war ein großer Teil zu einem Spielplatz ausgebaut worden. Chris lief zwischen zwei Robinien hindurch auf einen schmalen Weg, der quer über den Teute führte und sah den Flüchtigen nur wenige Meter entfernt von sich. Der Mann erblickte ihn ebenfalls, schlug einen Haken und hielt auf die westliche Ecke zu. Chris spurtete weiter, auf die Mitte des Platzes, wo sich eine Figurengruppe befand, die den Froschkönig und ein daneben hockendes Mädchen darstellte. Er übersprang die Skulptur mit Schwung, in dem er katzengleich über den Froschkönig hüpfte und war jetzt fast auf eine Armlänge an dem Flüchtenden heran. Er streckte den Arm aus und wollte den Mann packen, als er plötzlich einen heftigen Stoß in die Seite bekam und zu Boden geschleudert wurde.
Stöhnend fasste er sich an die linke Seite und rappelte sich langsam wieder auf. Er sah gerade noch, wie der Mann, den er verfolgt hatte, den Teute hinter sich ließ und um die nächste Hausecke verschwand.
»Scheiße, fast hätte ich ihn gehabt«, schimpfte Chris. Als er den Kopf drehte, sah er den Kerl mit der Lederjacke neben sich auf dem Boden hocken und ihm einen grimmigen Blick zuwerfen. »Wenn du mir nicht in die Quere gekommen wärst!«
Der erwiderte nichts, sondern stand langsam wieder auf und klopfte sich den Staub ab.
Chris starrte ihn grantig an und stand ebenfalls wieder auf. Er überlegte kurz, den anderen Mann weiter zu verfolgen, aber er wusste, dass es sinnlos wäre. Inzwischen hatte der Typ einen Riesenvorsprung und konnte überall hin verschwunden sein. Neben ihm ging der andere Kerl wieder in Richtung der Kirche zurück. »Hey, warte mal.«
Der Mann lief einfach weiter.
»Wer zum Teufel bist du? Was hattest du in der Kirche zu suchen?«
Keine Antwort.
»Warum bist du dem Kerl gefolgt?« Chris folgte dem Typen, der sich nicht einmal zu ihm umdrehte. »Und? Bekomme ich auch eine Antwort?«
Wortlos ging der Typ weiter.
»Das heißt wohl Nein«, brummte Chris. Er löste seinen Krawattenknoten und folgte dem Mann zurück zur Kirche.
Niedergeschlagen kehrte Chris zur Kirche zurück, wo sich in der Zwischenzeit mehrere Polizeiwagen vor dem Gotteshaus befanden. Auch ein Krankenwagen war vor Ort und Chris konnte sehen, wie Emily mit ihrer Tochter, die auf einer Krankentrage lag, in den Rettungswagen einstieg. Mit Blaulicht, aber ohne die Sirene zu betätigen, fuhr der Wagen los. Aus der Kirche strömten jetzt viele Menschen heraus, allen stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Auch den Politiker Hambacher, der in Begleitung von einem Polizisten und zweier breitschultriger Kerle zu einem SUV ging und dort auf der Rückbank Platz nehmen wollte, konnte Chris erkennen. Dann allerdings trat der schweigsame Kerl zu ihm, mit dem Chris eben noch zusammengestoßen war, die beiden Bodyguards wollten ihn beiseiteschieben. Aber irgendetwas schien der Typ zu Hambacher zu sagen, der daraufhin kurz stockte und seinen Bodyguards ein Zeichen gab. Sie ließen den Mann zu dem Politiker durch, beide wechselten einige Worte. Hambachers Miene wurde immer finsterer. Er winkte den Typ zu sich auf die Rückbank, die Tür schlug zu. Fast lautlos setzte sich der SUV in Bewegung.
Chris drängte sich zwischen den Hochzeitsgästen hindurch in die Kirche, wo er Julia alleine auf den Stufen vor dem Altar sitzen sah. Ein paar Meter abseits stand der Rest ihrer Familie gemeinsam mit dem Pfarrer und einigen Polizeibeamten und beantwortete Fragen. Er ging zu Julia und setzte sich neben ihr auf die Stufen.
»Hey, ist alles in Ordnung?«, fragte er leise.
»Nein, gar nichts ist in Ordnung«, gab sie zurück, während sie abwesend auf den Boden blickte. »Wo ist Sebastian?«, flüsterte sie vor sich hin, hob den Kopf und sah ihn finster an.
»Keine Ahnung. Ich hatte gehofft, er wäre mittlerweile angekommen.«
»Ist er aber nicht.«
Chris nickte und schlagartig wurde ihm bewusst, dass er nun ein gewaltiges Problem hatte. Sebastian war nicht da, die Hochzeit fand nicht statt und alle Gäste waren gegangen – mitsamt ihren Geschenken. Seinen Geldgeschenken. Ein leichtes Zittern überkam ihn.
»Ich …«, setzte er an, verschluckte seine Worte aber sofort.
»Was? Weißt du etwas über Sebastian?« Julia sah ihn ernst an.
»Nein, es ist nur … ich brauche Geld. Viel Geld.« Er blickte Julia in die Augen. »Sebastian wollte es mir geben und …«
»Das ist jetzt nicht dein Ernst?«, fragte sie mit frostiger Stimme und erwiderte seinen Blick verständnislos. »Emilys Tochter war voller Blut, meine Hochzeit ist ins Wasser gefallen, mein zukünftiger Mann und meine Nichte sind verschwunden und du jammerst über Geld?« Julias Stimme begann bei den letzten Worten vor Wut zu zittern.
»Nein, so war das nicht gemeint. Es ist nur …«
»Alles in Ordnung hier?« Ein Polizist kam zu ihnen herüber und blickte skeptisch zu Chris hinab.
»Ja, natürlich«, gab er schnell zurück. »Ich meine, den Umständen entsprechend«, schob er hinterher und stellte sich aufrecht hin.
Der Polizist, ein älterer Beamter mit grauem Haar, musterte ihn noch einen Moment und wandte sich dann an Julia.
»Können wir Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen?«
Sie nickte dem Beamten nur stumm zu und stand auf. Beim Weggehen warf sie Chris noch einen bösen Blick zu.
»Mit Ihnen würde ich später auch gerne noch sprechen«, sagte der Polizist zu ihm.
»Ist gut«, sagte Chris. Obwohl überhaupt gar nichts gut war. Im Gegenteil.
Der dicke Mann hinter dem Vitrinentisch reichte Chris einen prallgefüllten DIN-A5-Umschlag. »Hier bitte, fünfzehntausend Euro.«
»Ich verstehe nicht ganz«, erwiderte Chris mit fragendem Blick.
»Du bist doch hier, weil du etwas für Feras abholen sollst, nicht wahr?«
»Ja, aber er sagte, es wäre ein Geschenk für seine Frau.« Er sah erst den Juwelier an und ließ dann seinen Blick über die Vitrinenkästen streifen, in denen alles Mögliche an Goldschmuck zusehen war.
»Ein Frischling, wie?« Der beleibte Inhaber des Geschäfts lachte sarkastisch. »Jetzt muss ich das Schutzgeld schon an Möchtegernganoven übergeben.«
»Whoa, einen Moment.« Chris hob beide Hände. »Was soll das heißen, Schutzgeld? Ich bin nur hier, um ein Geschenk abzuholen. Mit sowas will ich nichts zu tun haben.«
»Bist du so dämlich oder tust du nur so? Du nimmst jetzt diesen Umschlag und bringst ihn Feras, verstanden? Oder wir bekommen beide mächtig Probleme. Glaubst du etwa, das ist ein verdammtes Spiel?« Der Juwelier ließ seine rechte Hand neben dem Umschlag auf den Verkaufstresen klatschen. »Du hast dich da anscheinend auf Dinge eingelassen, die zu groß für dich sind. Aber jetzt ist es zu spät, um abzuhauen. Was glaubst du, was Feras mit dir macht, wenn du ohne den Umschlag bei ihm ankommst? Und wenn er mit dir fertig ist, schickt er einen zweiten Mann hierher, um das Geld zu holen. Der wird mir dann wiederum Feuer unterm Arsch machen, darauf verzichte ich! Also, nimm das verdammte Geld!«
Chris blickte unschlüssig auf den Umschlag, der vor ihm lag. Das war wirklich nicht dass, was er sich vorgestellt hatte, als Feras Al-Rihani ihn gebeten hatte, einen kleinen Botengang für ihn zu erledigen und beim Juwelier ein Geschenk für seine Frau abzuholen. Natürlich war er nicht blauäugig, er wusste, womit Feras und sein Clan ihr Geld verdienten. Alle in der Stadt wussten das. Aber trotzdem hatte er sich darauf eingelassen, hin und wieder kleinere Dinge für den Clanchef zu erledigen, solange es sich nur um halbwegs legale Sachen handelte. Denn die Libanesen pflegten gut zu bezahlen. Immer pünktlich, immer in bar. Wenn er aber jetzt diesen Umschlag an sich nahm, würde er voll in den illegalen Machenschaften mit drin hängen. Andererseits wusste er genau, dass der Juwelier recht hatte. Sollte er mit leeren Händen zurück zu Feras kommen, wären die Konsequenzen dafür hart. Er glaubte zwar nicht, dass der Clanchef ihm auch nur ein Haar krümmen würde, dafür war er einfach noch nicht lange genug dabei. Nur vier kleinere Erledigungen hatte er bisher absolviert. Aber selbst für diese vergleichsweisen harmlosen Dinge hatte Feras ihm gutes Geld bezahlt, sehr viel Geld. Mehr, als er in den letzten drei Monaten mit seiner Trainertätigkeit verdient hatte. Auch sein Konto freute sich darüber, es zeigte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder beinahe schwarze Zahlen an. Chris atmete tief durch. Dann griff er sich den Umschlag. Als er das Geschäft verlassen wollte, rief ihm der Juwelier noch hinterher: »Pass gut auf dich auf, Junge. Geschäfte mit dem Teufel gehen selten gut für einen aus!«
Auf der Straße griff Chris sofort nach seinem Telefon und wählte die Nummer von Feras Al-Rihani.
»Chris, mein Freund. Was gibt es?«, meldete sich der Clanchef mit fröhlicher Stimme.
»Ich bin gerade beim Juwelier raus. Er hat mir einen Umschlag mit fünfzehntausend Euro gegeben.« Chris flüsterte die letzten Worte, obwohl niemand in der Nähe war.
»Wie schön. Dann pass gut darauf auf.«
»Ich soll … Das war nicht abgesprochen, Feras! Ich möchte nicht …«
»Du nimmst das Geld in Verwahrung, verstanden? Wir treffen uns nächste Woche Sonntag um zehn Uhr zum Frühstück. Dann übergibst du mir das Geld.«
»Ich bin keine Bank, Feras«, antwortete Chris leicht verärgert. »Ich bringe es dir jetzt gleich.«
»Nein. Nächsten Sonntag. Zehn Uhr. Sieh es als eine letzte Prüfung deiner Loyalität zu mir an, Chris.« Feras beendete das Gespräch.
»Halt, ich …«, stammelte Chris noch, aber vergebens. Er ließ das Telefon sinken und starrte auf das Display. Einen weiteren Anruf wagte er nicht. Seufzend steckte er den Umschlag in die rechte Beintasche und zog den Reißverschluss zu.
»There’s no escape, no sleep tonight, you won’t get, no sleep tonight!«
(No Sleep Tonight – The Faders)
Als er nach langem Warten und der Vernehmung endlich wieder in seiner Wohnung ankam, war es bereits später Nachmittag. Vergeblich hatte er noch versucht, ein Gespräch mit Julia zu führen und ihr zu erklären, was es mit dem Geld auf sich hatte. Nachdem die Polizisten seine Aussage ebenfalls aufgenommen hatten, durfte er die Kirche verlassen.
In seiner Wohnung ging er sofort ins Wohnzimmer, kniete sich vor die Couch und langte mit dem rechten Arm darunter. Er zog einen großen braunen Umschlag hervor, dessen Inhalt er auf den Teppich kippte. Ein Bündel Einhunderter und zwei Bündel Fünfzigeuroscheine, fünftausend Euro gesamt. Es fehlten zehntausend, die Summe, die er Sebastian erst vor fünf Tagen geliehen hatte.
»Bitte Chris, du bist der Einzige, an den ich mich wenden kann! Du weißt, ich würde nicht fragen, wenn es anders möglich wäre.«
Er hatte seinen Freund kopfschüttelnd angesehen.
»Wieso musst du auch alles selber zahlen? Ich meine, ihr hättet doch auch zusammen …«
»Weil ich es Julia versprochen habe«, unterbrach Sebastian ihn. »Wenn ich jetzt zugeben muss, dass ich mich damit übernommen habe, wie stehe ich dann vor ihr da?«
»Ehrlich?«, fragte Chris lakonisch.
»Ich brauche das Geld nicht lange, aber die Location und der Caterer bestehen auf Zahlung im Voraus. Sobald die Hochzeit vorbei ist, bin ich wieder liquide und kann dir dein Geld zurückzahlen. Doppelt und dreifaches Ehrenwort. Isch schwör, Alter!« Sebastian hob die rechte Hand und verstellte seine Stimme in einen Assi-Slang, als er die letzten Worte sprach.
Chris grinste.
»Du machst mich fertig, weißt du das?« Er stand auf und holte den Umschlag mit dem Geld. »Zehntausend Ocken. Aber ich bekomme das Geld gleich am Sonntagmorgen wieder, klar?«
»Sonnenklar.« Als Sebastian sich das Geld greifen wollte, zog Chris die Hand schnell zurück.
»Das ist kein Spaß, Seb. Sonntagmorgen«, betonte er nochmals, bevor er seinem Freund das Geld reichte. Der nickte und nahm die Geldbündel dankbar entgegen.
Chris starrte auf die verbliebenen fünftausend Euro vor sich und blickte dann auf seine Smartwatch, wo ihm auf dem Display ein fröhlicher Micky die Uhrzeit anzeigte. Es war kurz vor vier. Das bedeutete, ihm blieben noch etwas mehr als achtzehn Stunden, ehe er den Umschlag mit der vollen Summe an Feras Al-Rihani übergeben musste. Er zog sein Smartphone hervor, öffnete die Bankingapp und prüfte seinen Kontostand. Nur lumpige hundert Euro, aber wenn er sein Dispo voll ausschöpfen würde, hätte er so schon einmal tausendeinhundert.
Fehlen nur noch achttausendneunhundert.
Er öffnete die Liste seiner Kontakte auf seinem Telefon und begann damit, einige von ihnen anzurufen. Verwandte, Freunde und einige Leute, denen er Parkour beibrachte. Mehrere Stunden telefonierte er und redete sich den Mund fusselig, aber alles vergebens. Das Einzige, was er bekam, waren Vorwürfe, Misstrauen, hämische Kommentare und Ratschläge, endlich einmal sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Schließlich wäre er bereits einunddreißig und konnte sich nicht ewig wie ein verantwortungsloser Zwanzigjähriger aufführen. Dies musste er sich von seinem Vater anhören, mit dem er seit Jahren sowieso nur noch einen unregelmäßigen Umgang pflegte, sie sprachen selten miteinander, gesehen hatte er ihn das letzte Mal vor zwei Jahren. Wütend beendete Chris das Gespräch und drückte seinen Vater einfach weg, während dieser gerade dabei war, alle seine Verfehlungen und Misserfolge der letzten Jahre aufzuzählen. Die Spielsucht, die Kündigung bei seinem Arbeitgeber, die vielen Frauengeschichten …
Seine letzte Hoffnung waren seine Großeltern, die er ganz zum Schluss anrief. Mit einer Engelsgeduld hörte er seinem Großvater zu, wie dieser über seine körperlichen Gebrechen klagte und darüber, dass seine Oma ihm nur noch selten erlaubte, einen Whisky zu trinken. Dann musste er sich noch Berichte über die Katze anhören, die schon ein biblisches Alter erreicht hatte, sich aber standhaft weigerte zu sterben und stattdessen das Haus seiner Großeltern als großes Klo ansah.
»Opa, das tut mir sehr leid zu hören, aber darf ich dich fragen, ob du mir Geld leihen könntest?«, unterbrach Chris ihn schließlich.
