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Der Öcher Bend gehört keinem allein und tagtäglich erkämpfen sich die Katzen rund um den Rummelplatz die Vorherrschaft in den Straßen. Ein fremder Kater wie Cervantes ist hier im Nachteil, denn anders als Kühlwetter und Henrici steht er in der Rangordnung der Katzen ganz unten. Die Berechtigung für einen längeren Aufenthalt kann ihm nur der König des Bendplatzes gewähren: Kater Süsterfeld. Als dieser aber von der Katzenhilfe eingefangen wird, steht die Welt der Katzen Kopf und es kommt zu ausufernden Machtkämpfen und Verwicklungen. Währenddessen sieht sich Süsterfeld mit ganz anderen Problemen konfrontiert: Soll er sich auf sein neues, behagliches Leben bei einer Schriftstellerin einlassen oder zu seinem Katzenvolk zurückkehren?
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2019
Elke Haut
Der Rummelplatzkater vom Öcher Bend
Der Rummelplatzkater
vom Öcher Bend
Elke Haut
Impressum
1. Auflage 2019
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.eifeler-literaturverlag.de
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Abbildungsnachweis (Umschlag):
https://www.needpix.com/photo/download/506769/cat-light-painting-mainecoon-cats-eyes-animal-portrait-cat-portrait-silhouette-cats-silhouette-face
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:TakeOffAchen.JPG
Druckbuck:
ISBN-10: 3-96123-001-3
ISBN-13: 978-3-96123-001-3
E-Book:
ISBN-10: 3-96123-011-0
ISBN-13: 978-3-96123-011-2
Kleine Prosa poetischer Gedanken
Spätestens nach dem Lesen dieser Story weiß man, dass Katzen denken können, sogar eine Seele besitzen. Soweit stehen sie den Hunden in nichts nach, denen wir schon längst Intelligenz und Gefühl zuerkennen.
Einen gemeinsamen Vorteil dem Menschen gegenüber besitzen beide: Während ein Kleinkind noch emotional und instinktiv reagiert, diese Fähigkeit aber beim Älterwerden schnell verliert, bleibt Tieren ein Leben lang der Instinkt erhalten.
Katzen und Hunde würden sich schon verstehen, wenn nicht gerade ihre beiden besten Eigenschaften, auch gleichzeitig das Aus ihrer Beziehung bedeuten könnten.
Anhänglichkeit und Treue stehen nun einmal in Konkurrenz zum Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und sie sollten nicht als Fehlverhalten beider interpretiert werden.
Auch gibt es benachbarte Katzen und Hunde, die sich allmorgendlich freundlich schmusend begrüßen und zu einem gemeinsamen Spaziergang verabreden.
Früher dachte ich, dass das Schnurren einer Katze allein ihr Wohlbehagen ausdrückt. Mittlerweile weiß ich es besser: Immer, wenn eine Katze in meiner Gegenwart schnurrt, will sie mir etwas erzählen. Sie möchte mich an ihrem bewegten Leben teilhaben lassen.
Hauptprotagonisten:
Kater Süsterfeld, König vom Bendplatz (später: Balu)
Merkmale: pechschwarz, mäßig aktiv, grüne Augen
Kater Kühlwetter
Merkmale: grauweiß-getigert, lange Nase, Narben am Ohr, Einzelgänger, bernsteinfarbene Augen
Kater Henrici
Merkmale: Chocolate-Schildpatt, kupferfarbene Augen
Kater Cervantes
Merkmale: rotblond-getigert, weißer Latz, weiße Glacéhandschuhe, braune Augen
Katze alte Lady
Merkmale: silbergrau, zart-weiße Gesichtszeichnung, smaragdgrüne Augen
Katze Facey, Agentin aus der Süsterfeldstraße
Merkmale: schwarz, Gesicht und Halskrause weiß, schwarzer Fleck auf der Nase, graue Augen
Katzen Mucki und Strolchi (zwei Pummelchen)
Merkmale: schwarz-weiß getigert, blaue runde Augen
Hahn Jokri
Merkmale: buntes Gefieder, scharfer Schnabel, allwissend
Ebenfalls beteiligt: Ratte Selma, Schäferhund Alex, Sancho, eine Schriftstellerin, ein Professor und Tochter Elise, sowie Mitarbeiter der Katzenhilfe Aachen e.V. und andere.
So ein Angeber! Nur weil er aus Richtung Merowingerstraße kommt, kann er sich doch nicht einbilden, etwas Besseres zu sein. Da hatte Kühlwetter schon ganz andere blonde Jungs gesehen, die ihm alle nicht imponieren konnten. Mit dem Streuner wird er sich bestimmt nicht den gutriechenden Bratfisch teilen, der jetzt vor seiner Nase liegt.
Hm, es war oft noch sehr geschmackvoll, was alles in den Müllcontainern landete. Heran kam man allerdings nur, wenn diese übervoll waren und offenstanden. Da genügte schon ein kleiner Spalt, und in der Hauptsaison von Veranstaltungen gingen die großen Deckel nie ganz zu. War man clever, ließ es sich am Bend das Jahr über gut leben, ausgenommen vielleicht in den Wintermonaten.
Den leckeren Rest eines Fischbrötchens fand Kühlwetter allerdings neben der Tonne liegend und deshalb, eben weil der Seelachs so einladend roch, kam es zu einem Zusammenstoß mit dem Merowinger. Zudem erkannte Kühlwetter viel zu spät, dass er auch noch seine Lieblingsspeise übersehen hatte.
Der Tag fing schon mies an, und ein Kater taugte nichts, wenn er sein Revier kampflos einem anderen überließ. Seine Reifeprüfung hatte er längst hinter sich. Ohne schon in die Jahre gekommen zu sein, war er aber noch im besten Alter. Nachdem er damals die alles entscheidende Schlacht gewonnen hatte, gehörte die Kühlwetterstraße anschließend ihm. Seitdem herrschte er über ein kleines Katzenvolk rechtsseitig vom Bend, jedenfalls aus der Sicht der Süsterfeldstraße.
Dort lebte der König. Ein alter Veteran, der bestimmt schon fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte. Pechschwarz, mit Augen, die grün, wie phosphoreszierende Steine leuchteten. Bis jetzt war er menschlicher Nähe entkommen und machte seiner Freiheit alle Ehre.
Kühlwetter hatte die Katzenjäger schon oft von weitem gesehen. Er kannte die Autos der Katzenhilfe und hatte schnell gelernt, zwischen den Guten und Bösen zu unterscheiden. Dachte er da an die gemeinen Fänger für Versuchstiere, wurde ihm speiübel.
Bei denen landete man in irgendeinem Labor oder endete als Rheumafell. Deshalb betrachtete er ausgelegtes Futter erst einmal mit viel Abstand, sonst war es mit dem freien Leben vorbei. Manche Kumpel kamen auch zurück, wenn sie für eine Zeit verschwunden waren. Aber immer wirkten sie verändert. Dann hatten besonders die Damen vom Bend für Kühlwetter ihren Reiz verloren, auch bekamen sie keinen Nachwuchs mehr.
Eigentlich schob er in den letzten Wochen eine ziemlich ruhige Kugel und dieser halbwüchsige Blonde mit den roten Tigerstreifen und weißen Glacéhandschuhen an den Vorderpfoten, konnte schon als frühmorgendliche Sensation betrachtet werden.
Man baute den Kirmesplatz ab. In dem schwülen Sommer hatte es die ganze Nacht geregnet. Die Wiese, auf dem die Container standen, war aufgeweicht. Von Abfall übervoll, hatte die Stadtreinigung sie noch nicht geleert. Es ratterte und knatterte von allerlei Maschinen, während die Arbeiter Achterbahn, Karussells und das mächtige Riesenrad wie von Geisterhand verschwinden ließen. Wie nie da gewesen, sackte die Amüsierstadt in sich zusammen.
Am Vorabend gab es ein großes abschließendes Feuerwerk für den Sommerbend. Den unangenehmen Krach der Böller und Schüsse spürte Kühlwetter noch in seinen Ohren. Während der Rummeltage hatte er sich nur am frühen Morgen in der Nähe von Kirmesbuden aufgehalten. Seine Streifzüge landeten meistens bei den Müllresten und den üppigen Hinterlassenschaften der Besucher. Heute war es auch nicht anders. Mit einem Unterschied, dass er hier nicht allein unterwegs war. Von einer richtigen Auseinandersetzung mit dem fremden Kater ließ sich eigentlich nicht reden. Da gab es schon andere, schlimmere Zusammenstöße. Einige Narben und Einrisse an Kühlwetters Ohren zeugten davon. Eigentlich war er überhaupt kein schöner Kater.
Abgesehen von seinen Luchsaugen und der etwas zu langen Nase, die ihm eher das Aussehen eines Fuchses verliehen, konnte er nur mit einem grau getigerten Fell aufwarten. Damit war er nichts anderes, als die treudeutscheste Gattung einer Katze.
Nun ließen sich beide nicht mehr aus den Augen. Sie umkreisten sich im Zeitlupentempo mit ungeheurem Buckeln und mit elektrisiert zitterndem Schwanz. Das sollte anfangs genügen. Letztlich hielt Kühlwetter seine Drohung für ausreichend. Schließlich befanden sich beide jetzt auf einem Niemandsland.
Der Bend gehörte keinem allein. Täglich musste um eine kurzfristige Vorherrschaft gekämpft werden. Fremde Katzen waren natürlich immer im Nachteil, weil sie keine Straßenzugehörigkeit vorzuweisen hatten. Darin verhielten sie sich nicht anders als die Menschen. Die Berechtigung für eine längere Aufenthaltsgenehmigung wurde endgültig vom Herrscher aus der Süsterfeldstraße erteilt.
Heute war Kühlwetters erfahrener Nase ein besonderer Leckerbissen entgangen, den er jetzt, ohne sein Gesicht zu verlieren, dem Jüngeren abtreten musste. Den herzhaften Duft von Bratwurst mit Pommes rot-weiß musste er schweren Herzens von seiner Speisekarte streichen.
Gerade hatte er seinen Frust abgebaut, als Henrici vorbeischlenderte. Sein Revier lag der Süsterfeldstraße gegenüber, also auf der anderen Seite vom Bendplatz. Katzen lebten sehr gut ohne eigenen Namen.
Bei ihnen hatte allenfalls die Herkunft eine Bedeutung. Ohne Herrchen oder Frauchen gab es bei ihnen keine speziellen Rufnamen, die bekamen nur Hauskatzen. Denen begegneten sie hier selten.
Henrici wirkte sehr aufgebracht. Als Schildpatt war er ein schmucker Typ, für gewöhnlich nicht aus der Ruhe zu bringen.
Jetzt kam er mit einer sehr beängstigenden Nachricht: »Sie haben den König gefangen, was können wir tun?«
Süsterfeld hinter Schloss und Riegel zu bringen, schien fast nicht möglich. Er war der Gewiefteste unter allen und wurde von seinen Damen, die wie Spioninnen überall lauerten, bestens informiert.
Eine große Schwäche hatte er. Immer war er hinter den Weiberröcken her. Die jungen Dinger ließen ihm keine Ruhe, sehr zum Ärger seiner alten Lady. War ihre beste Agentin mit Schuld daran, dass man ihn jetzt doch fangen konnte?
Mittlerweile wusste jeder, wann die Patrouillen der Häscher unterwegs waren. Dann sollte man sich besser nicht auf der Straße sehen lassen.
Was bezweckte die Alte damit, ihm gerade heute eine seiner bevorzugten Gespielinnen aufreizend vor die Nase zu setzen. Ein Gerücht ging um, dass ein blonder Kater gesichtet wurde. Hatte sie vielleicht schon an dem Fremden Gefallen gefunden? Wollte sie Süsterfeld mit der Kleinen verkuppeln?
Als die Verführerin seiner Zudringlichkeit entkommen wollte und das Weite suchte, war er sofort hinter ihr her. Ab ging es in die Wiese und da passierte das Malheur.
Kaninchenleber und allerlei Gekröse sollten das gewesen sein, was den Freiersfuß zum Stoppen brachte. Da war der Lockvogel schon längst hinter einigen Büschen verschwunden.
Bei ihr hatte die Aachener Katzenhilfe schon vor geraumer Zeit ganze Arbeit geleistet. Deshalb war sie nicht mehr besonders interessiert an einem Flirt mit dem alten Kerl, wenn es auch der König höchstpersönlich war. Als beste Kämpferin in seinem Harem wollte sie der Lady eigentlich nur einen Gefallen tun, ihn ein wenig spielerisch locken. Jetzt musste sie in ihrem guten Versteck mit ansehen, wie ein großes Netz über seine Majestät geworfen wurde und anschließend grobe Menschenhände zupackten. Sie wusste, jetzt geht es mit ihm ab in eine Kiste. Dann hörte sie nur noch seine lauten Proteste und den Motor eines startenden Autos.
Damals, vor ihrer Kastration, war es nicht anders. Zusammen mit drei Geschwistern wurde sie eingefangen und hinter Gitter gebracht. Anschließend wurde sie, als besonders Hübsche, privat vermittelt, die anderen kamen ins Tierheim. Glücklicherweise hatte man die Haustür einmal zu lange offengelassen, und sie konnte entwischen. Nach vielem Umherirren fand sie die Gegend der Süsterfeldstraße wieder und damit ihr Zuhause. Die Agentin war sich sicher, direkt aus der Nachkommenschaft des Königs zu sein.
Oft wünschte sie sich insgeheim, er hätte sich in früheren Jahren mit seiner alten Lady gepaart und sie wäre die süße Frucht einer schmerzlichen Liebeserfahrung.
Nicht umsonst hörte man die Schreie der Katzen beim Sex.
Eigentlich sollte sie den Menschen dankbar sein, dass ihr das Leid einer Vergewaltigung erspart geblieben war. Die Geburt allerdings, mit der anschließenden Kinderstube, bereitete allen Katzen viel Freude.
Jetzt allerdings musste die Unglückliche erst einmal ihren Leuten berichten, was passiert war. Als auf dem Rückweg auch noch Henrici vorbeischlich, wusste sie, dass nun der ganze Öcher Bend in Flammen stehen würde, und sie sich als Verursacherin dieses Vorfalls verantworten musste. Süsterfelds Lady würde sie auch keines Blickes mehr würdigen. Selbst als Mutter, sah sie schon lange nicht mehr in ihr das einstige Kind. Sie würde ausgestoßen werden, eine Namenlose, die ihr Gesicht verloren hatte. Besser war, sie zog sich erst einmal zurück und legte sich eine neue Identität zu.
Süsterfeld erwachte in einem engen Gehäuse in irgendeiner Tierpraxis. Ihm dämmerte so einiges, worüber er nicht nachdenken wollte. Dumm gelaufen, konnte er da nur sagen. Aber er hätte es besser wissen sollen. Auf Menschen durfte man sich nicht einlassen. Das Kaninchengekröse war eine ganz gemeine Falle. Ohne sein vernebeltes Hirn mit der Lust auf Sex, wäre er denen nicht auf den Leim gegangen. Die verflixte Spionin gefiel ihm trotzdem noch. Daraus machte er keinen Hehl.
Schließlich war sie kastriert und er hatte nicht darüber nachgedacht, dass die Lady immer noch eifersüchtig sein könnte. Als seine alte Liebe gehörte sie ihr Leben lang zu den Glücklichen, die den Fängern immer wieder entkommen konnte. Deshalb hinterließ sie viele Nachkommen.
Er allerdings hatte schon lange kein körperliches Interesse mehr an ihr und andere Kater wagten sich bisher nicht in sein Revier.
Ihre schönste Tochter, die kleine Salomé, verzauberte ihn ständig aufs Neue. Gerade ihre Gleichgültigkeit und ihr kess gezeigtes Nichtinteresse waren es, worauf er abfuhr.
Als sie damals aus Menschenhand ins Revier zurückkam, war er überglücklich, seine kleine Prinzessin wiederzusehen. In der Nacht feierten sie eine große Party, umkreisten sich stundenlang und lautstark. Die Begeisterung aller währte bis in die Morgenstunden. Dazu kamen Gäste aus der Henrici- und Kühlwetterstraße sowie aus der Soerser Gegend. Die vornehmen Merowinger und Karolinger fehlten bei derartigen Angelegenheiten nie. Das Fest endete mit einer großen Ehrung der zurückgekehrten, kastrierten Jungfrau. Es geschah ja höchst selten, dass eine geraubte Tochter in den Schoß der Familie zurückfand.
Ihr Geruch allerdings war seitdem ein anderer. Das übergingen alle geflissentlich. Auch das Interesse der Junggesellen ließ nach. Jetzt hatte Süsterfeld seine Kleine für sich. Auch nach ihrer weiblichen Veränderung ging seine Zuneigung nicht verloren. Damit blieb er vielleicht der einzige Kater, der einer echten Liebe fähig war.
Menschen durfte man nie vertrauen. Sie raubten einem nicht nur die Freiheit, sondern auch jegliches geschlechtliche Verlangen. Warum saß er sonst in diesem Gefängnis? Zum Glück war er jetzt bei den Guten gelandet.
Ihre Stimmen klangen entfernt, aber freundlich. Anscheinend hatten sie ihr Urteil über sein weiteres Schicksal schon längst gefällt. Soviel wusste er, sie hatten ihn bereits kastriert, weil er jetzt einen dumpfen Schmerz in seinem Unterleib fühlte.
Kühlwetter konnte sich nicht vorstellen, dass in der letzten Nacht und auch in den frühen Morgenstunden schon wieder eine Patrouille unterwegs gewesen war.
Vor zwei Tagen erst hatte er das allzu bekannte Auto der Katzenhilfe von Weitem gesehen und sich sofort in ein sicheres Versteck geflüchtet. Jetzt musste er erfahren, dass auch in seinem Revier zwei Mädchen fehlten. Grau getigerte Pummelchen, denen er wenig Verstand zutraute. Allerdings war deren Edukation noch nicht ganz abgeschlossen, weil ihre Rabenmutter sich nicht gut genug um sie gekümmert hatte. Diese Katzenkinder würde er bestimmt nie wiedersehen, da sie nach der Visite beim Tierarzt, wegen ihrer Verspieltheit und putzigen Art, sehr schnell neue
Besitzer finden würden. Sein Englisch hatte Kühlwetter sich von einem befreundeten Hahn aus der Soers angeeignet. Jokri lebte dort mit einem Hühnervolk bei einer Musikerfamilie aus Edinburgh. Als männliches Küken war er auf abenteuerlichem Weg der Vergasung in einer Eifeler Hühnerfarm entkommen. Wegen seiner Retter sprach der Hahn nur Englisch. War er gut drauf, krähte er manchmal ziemlich freche Shantys.
Kühlwetter bezeichnete ihn als seinen engsten Freund, was bei Katzen nicht unbedingt üblich war. Ihn besuchte er auf seinen ausgedehnten Streifzügen regelmäßig. Es war aber auch Eigensinn dabei, weil er bei dem Federvieh im Stall den sichersten Unterschlupf fand. Da drohte ihm auch von den Menschen keinerlei Gefahr.
Allmählich entwickelte sich alles zu einem Kriminalfall. Neben Süsterfeld wurden also auch die Pummelchen vermisst. Es sah so aus, dass es sich um einen Spezialeinsatz der Katzenhilfe gehandelt haben musste.
Während Kühlwetter sich jetzt zur Soers aufmachte um seine Neugier zu befriedigen, überlegte er gleichzeitig, ob er sich nicht auch eine Auszeit bei seinem gefiederten Freund gönnen sollte. Nur ein paar Tage würden es sein, damit er der überall lauernden Gefahr aus dem Weg ginge.
Wie gut seine Eingebungen waren, stellte er später fest. Schon gleich hinter dem Strüverweg entdeckte er an einigen Stellen Steckbriefe von einem gesuchten Kater mit Foto.
Immer sah man die gleiche, rotblond getigerte Katze mit weißen Vorderpfoten. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Während der vergangenen Rummeltage hingen diese gedruckten Zettel auch an einigen Kirmesbuden. Wer interessierte sich schon für Plakate von Katzen, wenn das Papier nach nichts roch. Umgeben von verlockenden Düften herzhafter Bratwürste und frisch frittierter Fischfilets warf man höchstens nur zufällig einen Blick darauf. In der Hauptrummelzeit traute sich kaum einer von ihnen zwischen die einher flanierenden Menschenmengen.
Kühlwetter ärgerte sich besonders über die mitgeführten Hunde, die nicht immer an kurzen Leinen liefen. In Bodennähe wuselten sie zwischen hunderten von menschlichen Beinen hin und her. So wusste man nie, ob sie nicht doch an einer längeren Leine schnell hervorschießen konnten.
Ähnliches war ihm einmal passiert und brachte ihm die tiefe Kerbe am linken Ohr ein. Sie war die Schlimmste von allen.
Jokri hänselte ihn manchmal deswegen: »Du hast ja ganz schön viele Zacken an deinem Kopf. Dazu fehlen dir eigentlich nur noch die roten Ohren.«
»Nun hör aber auf, lieber Freund. Du kannst doch deinen Kamm nicht mit meinen wunderschönen Lauschern vergleichen«, lästerte Kühlwetter. Er wusste aber auch, dass seine Schmisse nicht der Schönheit eines rotlackierten Kopfschmuckes, wie Jokri ihn stolz trug, gleichkamen.
Aber das blieb ja alles nur Geplänkel zwischen ihnen, denn gerade auf intellektueller Basis verstanden sie sich bestens. Mit dem Hahn ließ es sich träumen und von einer besseren Welt schwärmen.
Der lange Weg zu ihm war für Kühlwetter kurzweilig, weil er sich schon neue anregende Gespräche mit seinem Kumpel ausdenken konnte. Eigentlich waren sie beide richtige Weltverbesserer! Bestimmt wusste Jokri schon mehr über den Verbleib des Blonden.
Es ärgerte ihn, dass er sich mit ihm anfangs fetzen wollte, anstatt dem Hungrigen einen vorläufigen Aufenthalt anzubieten. Sicher befand er sich in größter Not und Bedrängnis. Die Devise galt: Jetzt mussten alle zusammenhalten!
Die Agentin kannte sich in Aachen gut aus. Versteckspielen lag ihr im Blut. Für eine exzellente Kundschafterin, wie sie es war, hing das Überleben davon ab. Seitdem sie sich befreien konnte, wünschte sie sich manchmal unsichtbar zu sein, bis sie vom Wunder vollkommener Tarnung berührt wurde. Während sie den Katschhof überquerte, kam ihr die Idee, sich einer Gruppe von Touristen anzuschließen. Die hatten sie nicht bemerkt, weil sie immer einige Schritte hinter ihnen blieb.
Als die Besucher durch eine Seitentür des Doms verschwanden, konnte sie gerade noch hinterherschlüpfen. Schnell versteckte sie sich im Schatten einer Säule.
Die Menschen blieben in ihrer Nähe stehen und unterhielten sich leise. Andächtig betrachteten sie dabei ein goldenes Gehäuse in der Mitte eines Altars, was jedem in hellstem Zauber erscheinen musste. Einer der Bewunderer erklärte: »Das ist der Marienschrein. Er beherbergt vier Reliquien aus dem Leben Jesu.«
Voller Ehrfurcht zählte er mit seinen Fingern auf: »Ein Kleid Mariens, die Windel Jesu, sein Lendentuch am Kreuz und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers.«
Nur ganz kurz bekam die Schwarz-Weiße, mit dem unpassenden schwarzen Fleck auf dem Nasenrücken, ihren misstrauischen Gesichtsausdruck. Dann wurde auch sie von gläubigem Staunen ergriffen. Ihr kam es plötzlich vor, als hätte sie ihr Ziel erreicht, da sie für alle unauffällig geblieben war.
Ein Zeichen, dass Gott auch für Tiere ein Herz hatte.
vDer Rotblonde mit den weißen Vorderpfoten war vor vierzehn Tagen einfach durch die offenstehende Hoftür davongelaufen. Damit handelte er nicht recht, und er wusste, dass er wegen seiner Undankbarkeit eigentlich bestraft werden müsste. Beim Durchbrennen hatte er sich noch nicht einmal umgedreht. Seitdem irrte er in der Aachener Gegend ziellos umher und war mittlerweile völlig desorientiert. Mit dem Hunger ging es, weil er in der Früh auf seinem Weg über den Bendplatz einige wohlschmeckende Brocken gefunden hatte.
Leider wurde er von einem grau getigerten Kater nicht willkommen geheißen, und deshalb zog er schnell weiter.
