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Göttliche Symbolik und ägyptische Mythologie erwachen zu neuem Leben, drängen sich in das Dasein zweier Menschen. Auseinandersetzungen und Visionen eines Autors sind es, in denen geheimnisvolle Skarabäen eine realistische Bedeutung bekommen. Ein neues geologisches Zeitalter ist angebrochen, das tief in menschliche Schicksale eingreifen wird. Vielleicht ist es für ein Umdenken noch nicht zu spät!
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2024
Elke Haut
Skarab
Auferstehung
Eifeler Literaturverlag 2024
Handlungen und Personen sind fiktiv und Ähnlichkeiten rein zufällig.
1. Auflage 2024
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
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52072 Aachen
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Abbildungsnachweis (Umschlag)
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Druckbuch:
ISBN-10: 3-96123-088-9
ISBN-13: 978-3-96123-088-4
E-Book:
ISBN-10: 3-96123-122-2
ISBN-13: 978-3-96123-122-5
Meinem Lebensgefährten Helmut gewidmet
Prolog
Im Zeitalter der Menschen lautet das elfte Gebot
›du sollst deine Umwelt schützen!‹
Nicht immer sind es schicksalhafte Ereignisse, wie bei Geburt oder Tod, die unser Dasein bestimmen. Die Zeit dazwischen ist es, in der jedes Lebewesen seine Berechtigung im ökologischen Gleichgewicht finden muss. Wer darf es wagen, den Wert und die Bedeutung eines jeden Individuums auf unserer Erde in Frage zu stellen? Wir sollten lernen, anders zu denken!
Warum rollt der Skarabäus seine Mistkugel im Rückwärtsgang voran!
1.Teil
Inspiration
Wie fing es an?
Es war wirklich nur ein Katzensprung, um aus dem belgischem Ort Raeren in die Nähe des Aachener Doms zu gelangen. Nun saß der Kater in einem engen Korb in der Praxis eines Tierarztes und harrte der Dinge, die kommen würden. Der Geruch des Weichspülers auf seiner Unterlage kitzelte ihn unangenehm in der Nase. Zum Glück waren Katzen klüger als Menschen und konnten sich allen Situationen anpassen, aber diesen Geruch mochte er nie.
Miriam spülte immer ihre Wäsche, auch den Kissenbezug seines Körbchens, mit diesem ekligen Zeug. Das ließ sie sich nicht abgewöhnen! Sie hätte merken müssen, dass er dann seinen Lieblingsplatz tagelang mied.
Trotzdem würde er nicht hier sein, wäre sie nicht gestorben und hätte ihn allein in der Wohnung zurückgelassen. Wo wäre er gelandet, wenn nicht ihre Schwester, eine Tierarzthelferin, sich seiner angenommen hätte?
An Sonja fand der Kater schon früher gefallen und er hoffte, nachdem er seinen Gesundheitscheck bei ihrem Chef bekommen hatte, dass sie ihn behalten würde. Mit ihrem Mann Robert lebte sie in Kornelimünster. Dort bei ihnen zu wohnen, könnte er sich gut vorstellen.
Mancher würde jetzt die Frage stellen, woher konnte ein Streuner wissen, was ihm nach einem einfachen Leben in Belgien weiterhin gefallen würde? Nun ja, er wusste es eben!
Die neue Umgebung würde ihm bestimmt zusagen. Menschen einzuschätzen, war die geringste Aufgabe für einen klugen Kater.
In Sonja war er richtig vernarrt! Den Geruch ihrer Haut empfand er äußerst angenehm. Er sehnte sich danach, dass ihre zarte Hand endlich sanft über sein Fell gleiten würde. Nicht umsonst putzte er sich heute noch mehr als üblich.
Damit hoffte er, dass er bald von ihr, mit ihren schlanken Fingern, gestreichelt werden würde.
Am besten wäre, Sonja würde ihn gleich mit nach Hause nehmen. Anscheinend ließ ihre Sorgfalt nicht zu, dass er länger ohne Chip hinter seinem Ohr bleiben sollte. Oft hatte sie sein belgisches Frauchen getadelt, weil die es nicht mit behördlichen Angelegenheiten ernst nahm. Dazu gehörte auch ein Katzenpass. Nach Raeren würde er nie mehr ausbüchsen wollen, wenn sie ihn nach Kornelimünster mitnehmen würde. Das hatte er bestimmt nicht vor!
Immerhin klangen jetzt die Glocken des Aachener Doms herüber, und das Läuten fasste er als gutes Omen auf.
»Robert, weißt du, wie unsere dreizehnte Katze heißen soll?«
»Warum fragst du mich Sonja, wenn du es längst weißt?«
»Na ja, ich dachte, du hast auch eine Meinung dazu. Meine Schwester nannte sie immer Pusske, weil ihr nichts Besseres eingefallen war. Das ist kein Name für einen Kater!«
»Dann nennen wir ihn doch Naseweis! Seine Nase steckt er überall hinein.«
»Als ob das ein besserer Name für diesen Prachtkerl ist! Wir sollten ihm einen passenderen geben. Hast du gesehen, wie schnell er aus dem Katzenkorb heraussprang und im Haus herum sauste? Wir sollten ihn Flitzi nennen.«
Robert überlegte: »Flitzi ist auch kein besserer Name für so einen Kater.«
»Vielleicht könnten wir uns auf einen Doppelnamen einigen. Wie hört sich denn Flitzi Naseweis an«, meinte Sonja.
»Klingt nicht schmeichelhafter für den Dicken, aber Beweglichkeit und Neugier kann man ihm wirklich nicht absprechen. Den komischen Rufnamen hat bestimmt noch nie eine Katze gehabt.«
Beide mussten lachen, und so blieb es bei Flitzi Naseweis.
Sonja ahnte, dass die im letzten Jahr verstorbene Katze nicht ihr letztes Haustier sein würde. Dafür war sie viel zu tierlieb. Durch ihre Arbeit in der Praxis hatte sie ein ausgeprägtes Verständnis für Tiere entwickelt. Werden und Vergehen blieben unumgänglich. Seit ihrer Heirat vor zwanzig Jahren lebten sie in Kornelimünster.
Sie wohnten in einem alten Bruchsteinhaus am Rande des historischen Stadtkerns, mit Blick auf St. Kornelius.
Ohne Vierbeiner waren sie nie gewesen, dazu lud schon der leicht verwilderte Garten ein.
Ihren Mann lernte Sonja kennen, als er seinen Schäferhund zu ihnen in die Praxis brachte. Sie erinnerte sich genau. An der Schnauze schon leicht ergraut, hatte Alex eine Entzündung am Vorderbein, verursacht durch einen tiefsitzenden Rosendorn.
Sie saß im Vorzimmer, war gerade Mitte dreißig, und damit ein spätes Mädchen. Der um einige Jahre ältere Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Sport fand gleich Interesse an ihr. Beide verliebten sich ineinander.
Kurz darauf heirateten sie. Er brachte seinen alten Hund und sie eine Katze mit in die Ehe. Als Sonja sein elterliches Haus umgestalten wollte, verlief das nicht ohne längere Diskussionen. Mit Hin und Her gelang es ihr, wenigstens einige Räume nach ihrem Geschmack gestalten zu dürfen. Selbstverständlich blieb das gemütliche Wohnzimmer erhalten, eingerichtet im Lütticher Barock, mit dem bequemen Sessel. Schlafzimmer, Küche und Bad bekamen ein neues Gesicht.
Rudolf sammelte Antiquitäten und wehrte sich anfangs gegen jede Veränderung. Da konnte sie sich letztlich durchsetzen und man einigte sich friedlich.
Gemeinsame Tierliebe führte sie zusammen. Auch Rudolf hatte einen ausgeprägten Sinn für die gar nicht immer so stummenHausgenossen.
Vor einigen Jahren beendete eine schwere Sportverletzung seine Beamtenlaufbahn. Seitdem nutzte er die Schicksalswende und kam seiner früher geliebten Tätigkeit als Schriftsteller nach. Mit erfolgreich geschriebenen regionalen Krimis und seiner Rente konnten sie gut leben. Längst hätte Sonja in der Aachener Tierpraxis aufhören können. Sie war jetzt Mitte Fünfzig, während Rudolf in diesem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feierte.
Der plötzliche Herztod ihrer älteren Schwester kam für Sonja überraschend. Ein neues Haustier war nicht geplant. Nach dem Verlust der letzten Katze wollte sie sich fortan um Eichhörnchen, Igel und Vögel in ihrem Garten kümmern. Jetzt war es wieder vorbei mit dem Gedanken, nach Lust und Laune verreisen zu können.
Augenblicklich erlaubte ein Virus nicht, was sie zukünftig geplant hatten. Sie wollten endlich einmal unbelastet am Meer in der Bretagne sein, um dem Rauschen der Wellen zu lauschen.
Gedankenverloren zauste Sonja das Fell ihres Katers. Er lag entspannt auf ihrem Schoß und schnurrte leise. Ob er wirklich schlief, wusste man bei ihm nie. Bevor sie in der blauen Stunde eines späten Nachmittags in das Land der Träume abzugleiten gedachte, bemerkte sie etwas. Ein dickes, golden schimmerndes Krabbeltier, vermutlich eine Art Mistkäfer, lenkte sie ab und beschäftigte ihren träg gewordenen Sinn. Der Käfer war durch die geöffnete Terrassentür ins Wohnzimmer hereingeflogen. Wegen der sommerlichen Schwüle hielt sie die Räume tagsüber abgedunkelt und der kurze Regenguss von vorhin hatte keine Kühle gebracht. An derartigen Tagen schien das Grün des alten Gartens hinter dem Haus zu explodieren und mit der feuchten Luft stieg ihr ein modriger Geruch in die Nase. Alles wirkte ehrwürdig und vertrauenerweckend, wie es vor ewiger Zeit gewesen war. Ein Gefühl unendlicher Geborgenheit kroch wohlig ihren Rücken herauf.
Rudolf saß im Nebenzimmer und schrieb an einem Manuskript. Leise hörte sie das Klappern der Computertasten, das wie Musik in ihren Ohren klang.
Heute hatte sie dienstfrei. Da ihr Mann darauf bestand, dass sie kürzertreten sollte, arbeitete sie neuerdings nur an drei Vormittagen in der Woche. Längst hatte ihr Chef eine weitere Kollegin eingestellt, mit der ihn seit Kurzem auch Privates verband. In alter Gewohnheit wollte er bei schwierigen Operationen ungern auf seine erfahrene Assistentin verzichten. Darauf war Sonja besonders stolz!
Immer noch den leuchtend gepanzerten Käfer im Visier, einen friedlich schnurrenden europäischen Kurzhaarkater auf dem Schoß, und in der dämmerigsten Stunde eines späten Nachmittags, konnte man auf seltsame Gedanken kommen.
Langsam wurde Flitzi schwer und drückte sie tiefer in den Sessel hinein. Zielstrebig kroch der Käfer auf sie zu und ihr wurde klar, dass er auf den Rand ihrer Sandale zusteuern wollte. Sie dachte noch, er wird hoffentlich nicht an meiner nackten Wade herauf krabbeln wollen. Ihre Augenlider wurden schwer und fielen zu. Dann war sie inmitten eines seltsamen Traumes …
Sie stand in Ägypten, südlich von Kairo am Wüstenrand, und betrachtete die Nekropole von Sakkara, eine Begräbnisstätte der Pharaonen. Dort hatten Archäologen siebentausend Jahre alte Steinsärge mit Katzenmumien gefunden. Auch wurden zwei Kalksteinsarkophage mit mumifizierten Skarabäen ausgegraben.
Sie wollte zu ihnen gehen, doch irgendetwas hielt sie zurück, sodass sie sich umwenden musste. Erschrocken schaute sie in die unnahbaren Augen von Ptah, dem Herrscher der Welt. Ihm zu begegnen – das wusste sie – war kaum möglich, da er sich nur den Pharaonen und den Hohepriestern offenbarte. Gleich darauf stampfte ein Stier heran, mit der Sonnenscheibe zwischen seinen Hörnern, und stellte sich schützend vor seinen Gott, um dessen Gestalt vor ihren Blicken zu verbergen. Nur ihn, den göttlichen Apis-Stier durfte sie in dieser heiligen Stätte anbeten ...
Gerne hätte Sonja weitergeträumt, aber Rudolf war ins Zimmer gekommen. Um sie zu wecken, rüttelte er sie behutsam an der Schulter.
Erschrocken fuhr sie auf:
»Vorsicht, nicht auf den Käfer treten«, waren ihre ersten verschlafenen Worte. Flitzi hatte das Krabbeltier längst entdeckt und lag nicht mehr auf ihrem Schoß. Mit eingezogenen Krallen seiner weißen Pfote, schob er spielerisch sanft das gepanzerte Insekt zur geöffneten Terrassentür. Bevor den Kater mörderische Gedanken überfielen, entfaltete der Käfer seine Flügel und suchte das Weite.
Unbedingt wollte Sonja wissen, was das für ein Käfer gewesen war. Hätte es ein Skarabäus sein können? Darüber musste sie mehr erfahren.
Die Ägypter verehrten diese Glücksbringer wegen ihrer ökonomischen Wichtigkeit für die Umwelt. Während Katzen ihre Kornkammern von Ungeziefer und Mäusen befreiten, hielten Skarabäen die Erde sauber. Als Amulette und Schmucksteine verewigt, waren sie nicht nur Beigaben in den Gräbern, man bestattete sie als göttliche Abbilder. Tausende von Jahren lagen sie unter Steinen und Sand begraben. Allen voran die Katzengöttin Bastet, deren übergroße Bronzefigur in Begleitung von hundert vergoldeten Holzkatzen erstrahlte.
Sonja hatte immer angenommen, es sei leicht das Äußere einer Katze zu beschreiben. Bei dem getigerten Flitzi sollte es eigentlich keine Probleme geben, hob man seine charakteristischen Eigenheiten hervor.
Auffällig war der leuchtend weiße Fleck auf der Spitze seiner Nase. An seinen vier Pfoten war es, als trüge er weiße Handschuhe und Pantoffeln, wobei die linke hintere wie die Socke eines Fußballers aussah.
Der dunkle Aalstrich von Wildkatzen auf dem Rücken, verlaufend bis zur Schwanzspitze, wies auf seine Vorfahren hin. Graubraune Tigerstreifen endeten in einem weißen Brustansatz, die sich bis zum Bauch in zwei weiteren Flecken fortsetzten.
Bevor Miriam sich seiner angenommen hatte, konnte er nur ein Streuner gewesen sein. Damals war er schätzungsweise nicht älter als ein Jahr, und bevor er kastriert wurde, gab es in Belgien bestimmt Nachkommen von ihm.
An einem ungemütlichen Wintertag – es war kurz vor Weihnachten – entdeckte Sonjas Schwester ihn unter der Hecke des Gartens. Nachdem sie ihm Futter hingestellt hatte, das er gierig verschlang, war er nicht gewillt, auf Zuspruch näher zu kommen. Mit dem angeborenen Misstrauen freilebender Tiere, zog er dann allmählig engere Kreise um ihr Haus.
Im vergangenen Herbst war Miriam zur Witwe geworden. Eigentlich hätte der Kater ihr in der Zeit wehmütiger Trauer wie ein rettender Engel erscheinen müssen. Aber sie wollte ein anderes Wesen in ihrer Nähe nicht akzeptieren. Auch am Heiligen Abend sollte niemand um sie sein, noch nicht einmal Sonja, ihre geliebte Schwester.
Es dauerte wirklich einige Wochen, bis die letzte Barriere gefallen war, mit der Mensch und Tier sich dann entschlossen hatten, ein Miteinander zu versuchen.
Die Schwestern wuchsen in Würselen mit ihren Eltern in liebevoller Geborgenheit auf. Als sie Kinder waren, dachte Sonja, dass Miriam die Interessantere von ihnen beiden wäre. Früh stellte sich das schauspielerische Talent der Älteren heraus. Wie langweilig empfand Sonja dagegen ihr eigenes Leben. Allerdings verhielt sich Miriam auch leichtfertiger als sie. Um nicht zu sagen, sie war abenteuerlich und höchst unternehmungslustig.
Neben der Schauspielerei lagen ihr Tanzen und Singen im Blut. Ihre Begabungen sprudelten nur so aus ihr heraus, doch sie verlor schnell das Interesse und brachte nichts zu Ende. Miriams Vielseitigkeit stand ihr ein Leben lang im Weg. Nach der Schauspielschule in Aachen bekam sie einige kleinere Rollen im Fernsehen, bis ein Regisseur ihre angenehme, warme Stimme entdeckt hatte. Privat hatten sich beide auch viel zu sagen. Jedenfalls wurde sie durch ihn als Synchronsprecherin gefördert.
Damit war er der erste Belgier in ihrem abwechslungsreichen Leben. Der Grenzübergang Lichtenbusch nach Belgien zog sie magisch an. So blieb nicht aus, dass sie dort ihren engsten Freundeskreis fand, nebst einer Busenfreundin, mit der fortan alle weiblichen Geheimnisse ausgetauscht wurden.
Die Vertraute wohnte in Eupen und an den Wochenenden fuhren die Frauen zum Tanzen nach Tongern in den Club Alhambra. Dieses Etablissement wurde von den Soldaten der nahe gelegenen Kaserne Ambiorix zum Amüsement bevorzugt. Dort lernte Miriam ihren späteren Mann, einen Offizier, kennen und sie verliebte sich in ihn. Kurz darauf wurde geheiratet. Er war in Raeren geboren, und viel später, nach seiner Pensionierung, wohnten sie in seinem elterlichen Haus.
Sesshaft geworden, entdeckte Miriam dann mentale Fähigkeiten und nutzte sie als Wahrsagerin mit Hilfe von 78 Tarotkarten. Ihre Fantasie kannte keine Grenzen. Dank einer besonderen Überzeugungskraft glaubte jeder ihren Weissagungen.
Auch Sonja hörte ihrer Schwester gespannt zu, wenn sie mit geheimnisvoller Stimme Orakel verkündete. Dann klangen ihre leise gesprochenen Worte wie das Rauschen der Blätter in den Baumkronen, während sich Zweige im Wind aneinander rieben.
Als Kind hörte sie stundenlang zu, wenn Miriam Märchen erzählte. Dabei war es nie wichtig, ob sich ähnliches zugetragen oder sie es erfunden hatte. Den Fantastereien ihrer Schwester war sie einfach verfallen.
Der Abschied von Miriam kam überraschend.
Gegen eine Krankheit wie Herzeleid war natürlich kein Kraut gewachsen. Selbst nach zwei Jahren hatte Miriam den Tod ihres belgischen Offiziers nicht überwinden können.
Als Sonja sie zum letzten Mal in Raeren gesehen hatte und sie sich verabschiedeten, sagte Miriam:
»Ich muss dem Kater endlich einen Namen geben.«
Vielleicht hätte sie das Tier später näher an sich herangelassen, aber dazu kam es nicht mehr.
Beide Schwestern waren kinderlos geblieben. Allerdings lagen die Gründe in verschiedenen Bereichen. Bei Miriam war der Kinderwunsch überhaupt nicht vorhanden. Sonja hingegen musste mit Bedauern auf Kinder verzichten. Vielleicht war das der Grund für ihre ausgeprägte Tierliebe. Jedenfalls bemitleidete sie den Kater bei jedem ihrer Besuche in Raeren. Sie hatte das Gefühl, ihm würde hier etwas fehlen. Deshalb war Sonja überzeugt, dass er es bei ihr und Rudolf in Kornelimünster besser haben würde.
In den vergangenen zwei Jahren war Miriam, mit ihren hellseherischen Fähigkeiten, eigenartig geworden. Ihre Stimme hatte den ehemaligen interessanten Klang verloren. Sie rauchte noch stärker als früher und vernachlässigte ihr Äußeres. Im Gegensatz dazu hatte sie einen Waschzwang entwickelt. Der betraf nicht nur ihre Hände, die sie unzählige Male unter den Wasserhahn hielt. Ihr ganzes Haus roch nach Seife, Waschmitteln und einem süßlich penetranten Weichspüler. Wahrscheinlich glaubte Miriam, sie könnte dadurch den unangenehmen Dunst des kalten Rauches ihrer Zigaretten-Qualmerei aus der Wohnung vertreiben. Diesen Geruch vertrug Sonja nicht. Nach jedem Besuch verblieb er stundenlang in der Nase.
Um die Haushaltsauflösung nach Miriams Tod, kümmerte sich ihr Schwager, der Bruder ihres verstorbenen Mannes. Noch zu Lebzeiten war vereinbart worden, dass der elterliche Besitz in dieser Familie bleiben sollte.
Aus den Jahren als Schauspielerin besaß die Künstlerin einige wertvolle Schmuckstücke, die sie ihrer jüngeren Schwester zugedacht hatte. Es gab nicht viel, was Sonja als Erinnerung an sie behalten wollte.
Als sie vor dem Katzenkorb stand, überlegte sie, ob sie den, mit diesem verwaschenen Polster, überhaupt mitnehmen sollte. Aus der Zeit ihrer zwölf Katzen standen viele Überbleibsel im Keller. Darunter waren wesentlich weichere und schöner gepolsterte Ausführungen.
Es gab sogar ein Miniatursofa im Biedermeierstil. Das hatte Sonja für Mona angeschafft, die immer etwas Besonderes sein wollte. Als Mutter von vier hübschen Katzenbabys stand ihr das auch zu.
Also blieb der hässliche Korb in Belgien!
Sonja konnte unmöglich gewusst haben, dass ein Kater aus Raeren über diese Entscheidung glücklich sein würde.
Der Länge nach reckte und streckte Flitzi sich auf seinem vornehmen Katzensofa, wobei die rechte Vorderpfote entspannt weit über die gepolsterte Lehne hinausragte. In seinem großen Glück träumte er die wundersamsten Dinge. Jetzt war er König in seinem Reich. Nach tadellosem Verhalten in kurzer Gefangenschaft, durfte er zuerst auf die Terrasse und dann in den Garten. Sprung auf Sprung eroberte er anschließend sein Revier in Kornelimünster.
Ein Halsband mit Glöckchen, damit sie ihn an die Leine nehmen konnten, ließ er sich nicht anlegen. Das war unter seiner Würde! Als ob ein erwachsener athletischer Kater wie er, der endlich einen Namen bekommen hatte, davonlaufen wollte. War die Zeit des Herumstreunens beinahe vergessen, hatte er nichts von seiner Freiheitsliebe verloren. Während Flitzi sich wohlig ausdehnte und keine unangenehmen Gerüche unter ihm aufstiegen, entspannte er sich vollends. Damit wurde er noch ein Stück länger.
Eigentlich hatte Flitzi alles vergessen, was vor dem Wohlleben auf diesem fürstlichen Katzensofa geschehen war. Es waren schwindende Erinnerungen, die sich, geträumt, in zuckenden Gliedmaßen entluden, um auf zitternd weißen Schnurrbarthaaren davon zu flattern.
Wie viele Leben nach Menschenrechnung hatte er eigentlich noch? Katzen vergaßen das, was gewesen war. Sie lebten nur für den Augenblick.
Einmal sagte Miriam zu Sonja:
»Katzen brauchen nichts zu lernen. Von Geburt an wissen sie alles, was sie zu ihrem Dasein benötigen. Deshalb nimmt sich die Mutter ihrer nur kurze Zeit an. Kennst du irgendein Wesen, dem man sieben, in manchen Ländern sogar zwölf Leben, andichtet? Manchmal denke ich, sie sterben nie!«
Während der Kater endlich die letzte Ecke seiner Ausdehnungsmöglichkeiten auf dem Sofa erreicht hatte, und seine rechte Vorderpfote beinahe den Fußboden berührte, kroch ein dicker grüner Käfer mit goldbestäubten Flügeln gemächlich daran vorbei.
Außer Gefahr suchte er das Weite über die Terrasse.
Rudolf schrieb seine Kriminalromane unter einem Pseudonym. Professionell durfte er sich erst nach seinem vierten Eifeler Verbrechennennen. Dieses Glück verdankte er einem Zufall.
Bei einem literarischen Treffen hatte er einen Verleger kennengelernt, der den Trend zu Heimatkrimis erkannte. Der wunderte sich, dass Rudolf mit seinem Talent noch nicht entdeckt worden war und handelte sofort einen Vertrag aus.
Seit der Pandemie des Corona Virus, der noch immer die Welt in Atem hielt, hatte sich in Kornelimünster manches verändert. Schon im zweiten Jahr fiel der historische Jahrmarkt aus. Sogar die Heiligtumsfahrt der Pilger in Aachen und vor Ort wurde verschoben.
Überhaupt häuften sich in diesem Jahr die Naturkatastrophen. Anscheinend hatten sich ausufernde Gewalten vorgenommen, die Erde zu verschlingen. Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, sintflutartige Regenfälle hatten sich aufgemacht, Mensch und Tier zu ängstigen.
Was konnte noch geschehen …?
Einem Kriminalautor musste bei diesen Schreckensmeldungen Fürchterliches einfallen.
Durfte man angesichts derartiger Realitäten noch ungestraft schriftstellerisch tätig werden? Ließen sich in dieser Form überhaupt noch Eifeler Kriminalromane schreiben, wie er sie bisher seinem Verlag abgeliefert hatte?
Im Geiste sah Rudolf eine Leiche im Schlamm des abgelaufenen Hochwassers am Marktplatz liegen, entdeckt von einem streunenden Kater. Wegen der Nähe zur Abtei entwickelte er die schrillsten Fantasien. Dabei würde es sich um nichts anderes, als einen unaufgeklärten Mord handeln.
Mit dieser Vorstellung ließ sich der Faden für einen neuen Krimi spinnen. Könnte nicht Flitzi Naseweis der Kater werden, der als Held aus seiner Geschichte hervorgehen würde?
Schließlich lebten auch zwei hübsche Katzen bei den Nachbarn und gegenüber wohnten tierliebende Menschen, die gerade den Verlust eines Terriers bedauern mussten. Kürzlich hatten sie sich über den Verlust mit einer treu dreinblickenden Bulldogge hinweg getröstet.
Während Rudolf am Computer saß und nachdachte, legte sich seine Stirn in tiefe Falten. Sein Blick fiel auf den bronzenen Briefbeschwerer, ein Geburtstagsgeschenk von Sonja. In Trance versunken, glitt seine rechte Hand von der Tastatur hin zu dem Skarabäus, der ihn metallisch glänzend zu beobachten schien. Hatte er gerade seinen Protagonisten Skarab erfunden?
Mit symbolischer Kraft könnten Millionen dieser Mistkäfer in letzter Minute die Probleme der Umwelt retten. Sollte das nicht Thema seines neuen Krimis werden? Vielleicht würden die schwarzen, metallisch schimmernden Glückskäfer zukünftig ein Zeichen setzen …
Von seinem Verleger hatte er bereits einen Vorschuss für den nächsten Roman bekommen. Längst plagte ihn ein schlechtes Gewissen. Bisher hatte er kein Wort geschrieben.
Mechanisch glitten jetzt seine Finger über die Tastatur des Laptops.
Rudolf hatte eine bildhafte Art, sich auszudrücken. Schnell ging sein Temperament mit ihm durch. Ließ sich Lebhaftigkeit überhaupt bemängeln, wäre es vielleicht seine Ungeduld gewesen, die ihm als ehemaligem Sportler, dank eines gesunden Adrenalinspiegels, mitgegeben worden war.
Während Sonja in sanfter Weiblichkeit alles überdachte, ergänzten sie sich partnerschaftlich im Zusammenleben. War es nötig, seinen Energiefluss zu bremsen, hörte Rudolf ihren Einwänden geduldig zu. Dann konnte es geschehen, dass er sich beraten ließ, ohne sein Konzept verlassen zu müssen.
Fing er einen Roman an, verhielt er sich, als wäre er im Rausch. Manchmal wurde sie von ihm mitgerissen und sie erlebten gemeinsam seinen Traum. In den Schaffenspausen war er froh, dass sie ihm, mit Hilfe ihrer Beobachtungsgabe, neue Brücken bauen konnte. Oft ging ihm das Weiterschreiben nach einem Gespräch mit Sonja leichter von der Hand.
Sie war stolz, dass er sie brauchte. Wie alles, was sie miteinander verband, gehörte die vertraute Gemeinsamkeit zu seinem schriftstellerischen Dasein. Sollte nun ein Skarabäus aus Messing anregend für einen Umweltkrimi werden?
Vor dem Schlafengehen verspürte Rudolf einen unwiderstehlichen Drang, auf den Speicher zu gehen. Als sie heirateten und Sonja ihn mit viel Geduld zu einem neuen Wohngefühl überredet hatte, musste er die alte Seemannskiste seines Vaters nach oben verbannen.
Darin bewahrte er ausrangierte Sportsachen auf, vor allem Kleidungsstücke, von denen er sich nie trennen würde. Dazu gehörten sein erster Skianzug, zwei gestrickte Mützen und eine schwarze Skimaske gegen extrem kalte Temperaturen. Die hatte er selten getragen, da er den Gesichtsschutz beklemmend fand.
Von einem großen Schlafzimmerspiegel, beweglich in einem Gestell, musste er sich ebenfalls – der Liebe wegen – trennen; ein Stück aus der Gründerzeit, solide, mit stabiler Fassung, den er gerne in ihrem modern eingerichteten Schlafzimmer weiterhin gesehen hätte. Mit Sonjas Vorstellung allerdings, ohne Erfolg!
Während er die Funktion der Scharniere prüfte und auch mehrmals mit dem Ärmel seines Pullovers über den verstaubten Spiegel rieb, um besser hinein schauen zu können, stellte er fest, dass er sein Gesicht, außer beim Rasieren, schon lange nicht mehr betrachtet hatte.
Mit seinen Lachfältchen um die Augen, umgeben von gebräunter Haut, sah er nicht schlecht aus. Vielleicht sollte er den grauen Bart, mit noch viel Dunkel darin, demnächst kürzer stutzen oder ganz entfernen, und nur den Schnäuzer stehen lassen. Aber das sollte besser Sonja entscheiden. Als er den Deckel der Truhe öffnete, kam ihm ein Kampfergeruch entgegen, der ihn an seine Mutter erinnerte. Damit desinfizierte sie früher jeglichen Gegenstand, der für die Ewigkeit erhalten bleiben sollte. Kampfer war auch ihr bevorzugtes Hausmittel gegen Viren und böse Geister.
Nach dem ersten Niesen, einige Tropfen der homöopathischen Tinktur, innerlich auf ein Stück Zucker eingenommen, brachte zu ihrer Zeit jede Erkältung zum Stillstand.
Die Skimaske lag ganz oben. Leicht ließ sie sich über den Kopf stülpen. Er behielt sie auf, obwohl die Erinnerung an das beengende Gefühl von damals sich sofort zurückmeldete.
Er erschrak! Eine befremdliche Aggressivität kam ihm im Spiegel entgegen. Seine Augen hatten sich durch die Vermummung verändert, wirkten unergründlich, sodass er sich vor seinem eigenen Anblick zu fürchten begann. Sah er gerade nicht aus wie ein Bankräuber? Schnell riss er die Maske ab und warf sie verwirrt in die Truhe zurück. Sollte das Thema seines Buches mit Gewalt beginnen? War es richtig, dass man sich vor Widerständlern, die sich für die Änderung eines Systems einsetzten, fürchten musste? Gehörte er jetzt im Geiste zu ihnen? Er nahm sich vor, Sonja nichts von seinem abendlichen Ausflug auf den Speicher zu erzählen.
In der Nacht schlief Rudolf schlecht und wälzte sich unruhig im Bett. Durch die Medien hatte er erfahren, dass vom Hochwasser betroffene Menschen zusätzlich durch Plünderungen geschädigt worden waren.
Unglaubliche Missetaten waren aus Gier und Neid geschehen, wobei Diebstahl an der Tagesordnung zu sein schien.
Ein Retter musste her! Aus unruhigen Träumen geboren, erhob sich Skarab mit seinem gestreiften Kater, genannt Tiger …
Kapitel 1
Man fand eine Leiche in Kornelimünster, unweit der Propstei, angeschwemmt durch die Flutkatastrophe. Zwei Meter hoch hatte das Wasser um Marktplatz und Münster gestanden. Fleißige Helfer, unterstützt vom Einsatz der Feuerwehr, waren bemüht, größeres Unheil zu vermeiden. Nur so konnte man die Leiche finden, ehe sie mit den Fluten fortgetrieben worden wäre. Angeblich sollte sie ein Kater im Schlamm entdeckt haben. Die grauweiß getigerte Katze wurde übergroß beschrieben. Bei der übertriebenen Schilderung des Fundes war den Augenzeugen wahrscheinlich die Fantasie durchgegangen.
Sie sollte mit riesigen Krallen bewehrt sein, die unter verdreckten Pfoten herausragten, und jeder wurde angefaucht, der versuchte in ihre Nähe zu kommen. Gleichzeitig zeigte sie mit aufgerissenem Maul ihre Reißzähne, die zwischen kräftigen Kiefern gefährlich hervorlugten. Einer der Neugierigen behauptete, er hätte einen schlanken, dunkel gekleideten Mann in Richtung Propstei flüchten sehen. Der Kater hatte sich nicht einfangen lassen, als er ebenfalls in diese Richtung davongelaufen war.
Alle Umstehenden wirkten aufgeregt, nicht nur wegen des Hochwassers. Viel wichtiger schien der Fund dieser angeschwemmten nackten Leiche zu sein, die offensichtlich nicht einfach ertrunken war. Anscheinend wurde der Tote vor seinem Ableben gefoltert und war keines natürlichen Todes gestorben. Unter seinen Fingernägeln, sogar Fußnägeln, fand man Spuren von Chitin einer gewissen Sorte Käfer, die in Europa kaum vorkamen.
Unglaubhaft schien, was später in der Pathologie festgestellt worden war. Es sollte sich um Überreste ägyptischer Käfer handeln, die hier am Körper einer Leiche in Kornelimünster entdeckt worden waren.
Man hatte dem Ermordeten auf dem linken Schulterblatt das Zeichen eines Skarabäus sacer, eines heiligen Pillendrehers, eingebrannt. Tiefe Einschnürungen an Hand und Fußgelenken zeigten, dass das geknebelte Opfer vorher gefesselt worden war und das nicht ohne Gegenwehr. Nach Meinung des Pathologen lag es nahe, dass es sich bei dem Mord um eine Hinrichtung gehandelt haben musste.
Der Leichenfund gab Rätsel auf!
Anfangs wollte niemand in eine Vergangenheit abtauchen, die möglicherweise tausende Jahre vor unserem christlichen Denken bestanden hatte. Untergegangene Dynastien der Ägypter kannten grausame Methoden der Bestrafung.
Wer hier am Werk gewesen war, hatte gewünscht, dass der gemarterte und derart zugerichtete Körper in der Natur gefunden wurde. Auch die gebrandmarkte Haut mit dem Skarabäus auf dem linken Schulterblatt sollte als Zeichen gut erkennbar sein. Diese Skarifizierung am Körper eines Verurteilten sollte als Mahnmal für einen Umweltsünder gelten.
*
Sonja war froh, dass sie an einem freien Tag Gelegenheit fand, die breite Garagenauffahrt mit Hilfe ihres Hochdruckreinigers von lästigem Unkraut zu befreien. Ein Job, vor dem sich Rudolf drückte. Dann spürte er plötzlich sein Knie. Dagegen wollte sie nichts einwenden, da sein Unfall beim Basketballspiel in der Schule vor einigen Jahren heftig gewesen war. Schließlich trug diese Behinderung entscheidend zu seiner vorzeitigen Pensionierung bei.
Noch lag die Feuchtigkeit der gerade überstandenen Hochwasserkatastrophe drohend in der Luft. Zum Glück hatte die Flut ihr höher liegendes Grundstück verschont.
Nach verrichteter Arbeit im Garten fühlte Sonja sich jedes Mal erleichtert. Deshalb wollte sie auch das warnende Ziehen im Rücken vergessen. Für das Gröbste in Haus und Garten gab es Hilfe, eine junge Frau, die jetzt in den Schulferien ihren wohlverdienten Familienurlaub genießen sollte.
»Ist dir schon aufgefallen, dass unsere Nachbarn, die jungen Leute, die kürzlich im Nebenhaus eingezogen sind, zwei hübsche kleine Katzen besitzen?«
Rudolf strich sich nachdenklich über seinen Vollbart. Sonja hatte ihn an etwas erinnert, was er sie zu fragen vergessen hatte:
»Naja, so jung finde ich unsere neuen Nachbarn auch nicht. Überhaupt, was soll die Betonung ihres Alters? Habe längst bemerkt, dass nebenan ein frischer Wind weht. Ach ja, die Katzen entdeckte ich auch.«
Sonja hatte nicht den Unterton in seinen Worten bemerkt und schwärmte weiter:
»Und was für schöne Tiere sie besitzen. Ich glaube, Flitzi konnte mit ihnen schon Freundschaft schließen. Bestimmt sind sie nicht älter als ein halbes Jahr. Er ist ein schwarzer Kater mit weißen Pfoten und seine Schwester, eine besonders Schmucke, hat mehrere Farben. Ihr Fell schimmert wie Bernstein in allen Nuancen. Als hätte der Sonnengott Re gelbe Flecken darauf gebrannt, damit die nachts zu hellleuchtenden Sternen werden. Ich bin richtig verzaubert von der Schönheit dieses schlanken Geschöpfes. So könnte die Katzengöttin Bastet der alten Ägypter ausgesehen haben.«
Eigentlich wollte Rudolf mit seiner Frau über etwas ganz anderes diskutieren. Längst gefiel ihm sein bärtiges Gesicht nicht mehr. Deshalb reizte es ihn, dass Sonja das Thema Jugendlichkeit angesprochen hatte.
Trotzdem antwortete er gelassen:
»Du meinst, ich sollte diese beiden Katzen in meinem Manuskript lebendig werden lassen?«
»Fände ich gut. Soll ich dir erzählen, wie sie Flitzi nennen?«
»Sag bloß, der Naseweis hat einen Namen bei den Nachbarn?«
Sonja musste laut auflachen, bevor sie weitersprechen konnte:
»Sie nennen ihn Kugelfisch, wegen seines lustigen Bäuchleins. Ihrer Meinung nach ist er bestimmt ein verfressener Kerl. War mir fast peinlich als ich das hörte, weil ihre Katzen alle so schlank sind.«
»Ist doch was ich sage, du solltest unseren Kater weniger füttern. Übrigens, Blähungen hat er auch. Kein Wunder, wenn er sich immer überfrisst.«
Ging es um die Gesundheit der Tiere, bekam Sonja sofort ihre Denkfalte zwischen den Augenbrauen, wofür Rudolf sie von jeher liebte. Sich verteidigend, hörte sie nicht auf zu reden:
»Flitzi ist eben von Natur her ein stark gebauter Kater. Schau dir seine Muskeln an, da ist kein Gramm Fett zu viel. Läuft er draußen mit den Eichhörnchen um die Wette, und jagt ihnen bis in die Baumkrone hinterher, gibt es keinen Schnelleren als ihn. Ich glaube, er war der Erstgeborene in seinem Wurf und deshalb der Kräftigste.«
War Sonja von etwas überzeugt, kam niemand gegen sie an. Auch Rudolf nicht! Längst wusste er, dass seine Frau in diesen Kater vernarrt war, und das eigenwillige Tier erwiderte ihre Zuneigung mit größter Anhänglichkeit. Gewohnt, das letzte Wort in einer Diskussion zu haben, fügte sie hinzu:
»Muss ich betonen, dass keine unserer vorherigen Katzen mir so viel Freude bereitet hatte, wie dieses arme Tier meiner verstorbenen Schwester?«
Darauf war nichts Bedeutenderes zu erwidern. Rudolf hielt es für angebracht, sich besser aus dem Staub zu machen. Der Bart musste warten, schließlich war einer seiner zukünftigen Protagonisten gerade zum Leben erwacht …
Kapitel 2
Skarab hatte sich früh entschlossen, schweigsam durch die Welt zu gehen. Er hätte viel zu sagen gehabt, zog sich aber wegen der Ignoranz und der Dummheit mancher Menschen zurück und bevorzugte das Alleinsein. Er war der drittgeborene Sohn eines Unternehmers. Selten brachte ihm seine Intelligenz Vorteile. Er zeigte sich als Sonderling und erwarb dadurch keine Sympathie bei anderen, noch weniger Verständnis.
Wohl fühlte er sich nur in Gesellschaft der Tiere. Glücklicherweise wurde von ihm nie verlangt, was seinen älteren Brüdern bevorstand. Sie sollten einmal die väterlichen Chemiewerke leiten und mit brillanter Ausbildung im Betrieb glänzen. Insgeheim hätte sich der Vater gewünscht, dass auch sein dritter Sohn ihrem Vorbild nachkommen würde. Zu übersehen war nicht, dass er über besondere Eigenschaften und Begabungen verfügte. In jungen Jahren hatte er mit dem Klavierunterricht begonnen und spielte kurz darauf bereits eigene Kompositionen. Auch im Zeichnen war er mehr als begabt.
Wie alle Geschwister wurde Skarab in einem Schweizer Internat, einer Eliteschule erzogen, und die Lehrer waren mit seinen hervorragenden Leistungen zufrieden. Trotz eines außergewöhnlichen Verstandes und künstlerischer Fähigkeiten, war er bescheiden geblieben. Da er sich nicht auffällig verhielt, verzieh man ihm das unangepasste Verhalten. Trotzdem suchte mancher einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm.
Er hatte einen engen Freund, mit dem er sein Appartement teilte. Kerim war Araber, und sein Vater ein Ölscheich aus den Emiraten. Auch von diesem jungen Mann wurde erwartet, dass er eines Tages als Manager von sich reden machen sollte.
Beide Studenten hatten eines gemeinsam. Zukünftig würden sie den Vorstellungen ihrer Eltern nicht entsprechen, da sie sich wegen ihrer naturwissenschaftlichen Neigung für andere Wege entschieden hatten.
Kerim war zusätzlich ein sportliches Ass. Er glänzte mit athletischen Leistungen, die eine Kämpfernatur zeigten.
In der knappen Freizeit widmeten sich beide ihren Hobbys.
Bereits als Kind, so war es geblieben, liebte Skarab große Käfer mit goldschimmernden Farben auf ihren Flügeldecken.
Während er Insekten skizzierte, schmökerte der Orientale in Geschichtsbüchern. Beide Studenten interessierten sich für die Mythologie der alten Ägypter.
So konnte geschehen, dass ein gezeichneter Skarabäus, als Verkörperung der Gottheit Chepre, seine Mistkugel vor sich her rollte, während der über allem stehende Gott Re, in seiner Sonnenbarke die Fahrt in den Himmel aufnahm.
Eines Tages sagte Kerim:
»Skarab, ich möchte Archäologie studieren und du solltest dich für die Medizin entscheiden! Irgendwann werden die Eltern uns sowieso nicht mehr verstehen, verachten uns vielleicht, da wir nicht ihren Vorstellungen entsprechen!«
Kerim konnte sehr versponnen sein. Auf dem Bord über seinem Bett gab es eine Sammlung von ägyptischen Glücksbringern. Zwischen verschiedensten Skarabäen aus Speckstein und Jade, thronte die Katzengöttin Bastet, eine dreißig Zentimeter hohe Figur aus Ebenholz. Um den Hals trug sie ein goldenes Band, besetzt mit Diamanten.
Kerim wusste von seiner Mutter, dass die Katzengöttin Bastet in ihrer Symbolik ursprünglich sanfte Veranlagungen besaß. Sie konnte aber auch zu ihrer Schwester Sachmet mit zornigen Eigenschaften werden. In ihrem Wesen vereinte sie viele Gottheiten.
Als Göttin der Fruchtbarkeit und Liebe war sie Beschützerin der Schwangeren.
Sarah, seine Mutter, erhielt die Statue vom Vater zu seiner Geburt. Sie war die einzige Frau, die von Kerim verehrt wurde. Von ihr innig geliebt, wuchs er in den ersten Jahren mit großer Vertrautheit bei ihr auf.
Nachdem sein Vater später eine zweite Frau heiratete, da sie von ihm ein Kind bekam, mussten sich alle darin fügen. Mittlerweile hatte er vier Frauen, mit denen er sich durch die Kinder verbunden fühlte.
Als Erstgeborener kam Kerim früh ins Internat, auch das entsprach dem Wunsch seines Vaters. Die Eltern sah er selten, wobei er nur die Mutter vermisste. Schnell verblasste seine orientalische Erziehung in der Schweiz. Er kleidete sich selten traditionell, selbst wenn es außerhalb der Schule möglich gewesen wäre. Trotzdem vermochte niemand die tiefen Wurzeln seiner Herkunft auszumerzen. Da seine Mutter in Kairo geboren war, fühlte er sich im Herzen als Ägypter.
Sie lernte seinen Vater im Museum kennen. Damals war sie Studentin der Archäologie und eine aufgeschlossene moderne Frau aus gutem Hause, die dort ein Praktikum absolvierte. Besser wäre sie auf ihrem Studienweg geblieben und hätte sich von dem Scheich nicht verführen lassen. Sie heirateten mit seinem Versprechen, dass sie ihr Studium nach der Hochzeit beenden durfte.
Schnell änderten sich die Bedingungen unter dem Einfluss der Schwiegermutter als Matriarchin. Die Unglückliche musste ihr Studium aufgeben. Als sie schwanger wurde, durfte sie die von Kairo gewohnte Kleidung nicht mehr tragen. Stattdessen verlangte seine Familie traditionelle Verschleierung in der Öffentlichkeit.
Im Laufe der Jahre hatte Kerim alles Wissenswerte von seiner Mutter erfahren und sein Trotz dem Vater gegenüber schwoll an.
Burka und Schador der Frauen waren ihm verhasst, gerade weil viele orientalische Männer sich in Cafés, Restaurants und zu anderen Anlässen, bevorzugt europäisch kleideten.
Manchmal überfielen ihn düstere Gedanken:
Nur, wenn sich in Zukunft vieles ändern würde, könnten die friedfertige Katzengöttin Bastet und die kriegerische löwenköpfige Sachmet in Verwandlung als Töchter des Sonnengottes Re, gemeinsam mit ihm, in seiner Barke gen Himmel fliegen!
*
Rudolf wurde die Hand beim Schreiben schwer. Geheimnis verkündend lief ein Kater namens Tiger leichtfüßig über die Tastatur seines Computers. Wollte Flitzi Naseweis an dem Buch mitschreiben? Vielleicht wusste er bereits, wohin diese Geschichte führen würde.
Der Verleger erwartete einen Krimi im alten Stil, der sich in spannend geschilderten Eifeler Milieustudien bewegen würde, besser noch, mit fesselnden Einlagen. Ging es um Mordfälle, und rieselte es schaurig über den Rücken des Lesers, konnte der sich trotzdem behaglich in seinem Sessel zurücklehnen. Gewünscht wurde unterhaltsame Literatur, bei der sich niemand persönlich angegriffen fühlen sollte. Kein leichtes Unterfangen!
Nun wollte Rudolf einen Umweltkrimi schreiben, und das war wieder etwas anderes. Plötzlich konnte man in einem Hochwasser ertrinken oder in einer Feuersbrunst verbrennen, wie sie in südlichen Ländern ausgebrochen war. Auch Vulkanausbrüche zerstörten unvorhergesehen die Landschaft. Das größte Problem war der Klimawandel, mit der nicht aufzuhaltenden Luftverpestung …
Sollte die Geschichte von Skarab und Kerim nicht eine ganz andere Bedeutung bekommen? Sicher würde Rudolf aus seinen Natur- und Umweltschützern keine Helden werden lassen. Ließ er zu, dass sie töteten, waren sie Mörder. Keine leichte Entscheidung.
Aus Sicht moralischer Ansprüche müsste er seinen Protagonisten Einhalt gebieten. Jeder, der jetzt schon seinen Überlegungen gefolgt war, konnte erahnen, wie es weitergehen würde. Blieb er auf dem Boden der Tatsachen, konnte sein Buch kein glückliches Ende finden.
Das Ergebnis der Bundestags-Wahl hatte deutlich gezeigt, dass für alle die Existenzangst an erster Stelle stand. Selten wurden vorher Menschen verantwortungsvoller in die Pflicht genommen. Selbst europäische Partner versprachen wenig Sicherheit, und plötzlich gab es wieder die Gefahr aller politischer Farben in der Welt. Wurde nicht genug Blut im kalten Krieg vergossen? Der Umwelt verpflichtet fühlte Rudolf sich immer.
So wurde er erzogen und das beinhaltete jede ethische Empfindung. Was blieb von einem Moralisten übrig, wenn er nur Worte schrieb und keine Taten folgen ließ?
Man hätte selbst zur Schaufel greifen müssen, nachdem das zwei Meter hohe Wasser auf dem Marktplatz in Kornelimünster abgeflossen war. Aber dafür gab es natürlich genug andere Helfer.
Stand man nicht bis zu den Knien im Wasser, blieb man noch im Trockenen. So war es!
Selten wird ein Autor von einem Leser erfahren, ob sein Buch verstanden oder frühzeitig aus der Hand gelegt wurde.
Aber genug von trüben Gedanken und eigener Kritik. Der Rest eines verregneten Nachmittags musste endlich ausgefüllt werden.
Also tippte er weiter …
Kapitel 3
Skarab hatte sich am Morgen in Richtung Propstei davon gemacht, als er merkte, dass ihn die neugierigen Blicke eines Mannes verfolgten. Er befand sich zufällig auf dem Marktplatz, da Tiger davongelaufen war und er ihn suchen musste.
Das Tier war und blieb ein Straßenkater, und er konnte nicht verstehen, dass der Eigenwillige sich ihm überhaupt angeschlossen hatte. Gegenwärtig lebten sie in seinem Wohnmobil.
Er hatte höher geparkt. Wegen des Hochwassers war unten alles abgesperrt.
Da er den Ausreißer gesucht hatte, fand er die Leiche vor den anderen. Mit flüchtigem Blick erkannte er auf der linken Schulter des Toten das Zeichen seines Freundes. Kerim brachte sein Skarabäus Brandsiegel mit dem Kopf nach unten an, als Hinweis, dass dieser Mensch der Erde zurückgegeben worden war. Nur der Erde, die ihn hoffentlich aufnehmen würde!
Skarab machte es umgekehrt. Er ließ den Käfer gen Himmel fliegen, damit der gezeichnete Verbrecher nie mehr zurückkommen würde.
Nach einem kurzen Blick auf die Leiche, rief er seinem Kater, der dort scharrte, wenige Worte zu, lief zum Mobil zurück, worauf Tiger ihm widerstrebend folgte.
Auf dem Campingplatz angekommen, überfiel ihn die Qual eines jeden Menschen, der von mörderischen Gedanken heimgesucht worden war.
Der erste Getötete stand schon lange als Umweltsünder auf der schwarzen Liste von Kerim. Er galt als einer der übelsten Menschen die ihnen begegnet waren.
Seine Machenschaften gingen – mit unglaublich geschickter Tarnung – bis in die höchsten Kreise. Niemand hatte bisher gewagt, dieser Menschenverachtenden Tätigkeit Einhalt zu gebieten. Er befehligte ein Heer von Arbeitern jeden Alters, in Gegenden wo es noch Sand zu schürfen gab, um in Dubai und andernorts künstliche Inseln entstehen zu lassen.
Auf seine Veranlassung wurden illegal, zur Gewinnung neuer Sandstrände, die Meere ausgehöhlt. Wieder waren in Afrika viele Kinder bei dieser gefährlichen Arbeit ertrunken.
Den Mann hatten sie bei einem Umwelt-Kongress ergreifen und töten können. Sie hatten ihn auf einem Wiesengrundstück abgelegt, am Ufer der Inde. Unerwartet war dann das Hochwasser gekommen und hatte den Toten bis zur Abtei mitgerissen.
Zum Sterben verurteilt, wurde der geknebelte und gefesselte Übeltäter in einen Zinksarg gelegt. Anschließend schütteten sie, zur Förderung seines Grauens, eine Menge Skarabäen dazu. Dann verschlossen sie den Sarg. Nun konnte der Umweltsünder ein letztes Mal über seine Untaten nachdenken.
Schlechte Menschen ließen Skarab kalt. Bedauernswert waren höchstens einige Skarabäen, die für diesen Unwürdigen ihr Leben lassen mussten.
Alles was Skarab unternahm, wurde von ihm in Zahlen und Formeln errechnet. Ihm gefiel der Gedanke, dass sich jede Materie in Energie umwandeln ließ. Längst war bewiesen, dass kleinste Zellen die größte Kraft entwickeln konnten.
Immer hatten seine Berechnungen symbolischen Charakter, indem er das Eine gegen das Andere aufzuwiegen gedachte. Manchmal tanzten die Zahlen vor seinen Augen, und alle Gleichungen und Kombinationen gingen nicht auf.
Kerim bewunderte ihn für seine mathematischen Fähigkeiten, aber verrückt war sein Freund schon …
*
Schrieb Rudolf an einem Buch, lag über dem ganzen Haus eine eigentümliche Stimmung. Als wäre die Umgebung voller Elektrizität, bekamen selbst die Steine der alten Mauern Augen und Ohren.
Wiesen, Sträucher und Bäume verströmten ihr Grün, als würde die Krume des Erdbodens aufbrechen wollen. Ihm war, als würde die Heimat, in der er lebte, mit frischem Atem erstehen wollen. Ein unbeschreiblich starkes Körpergefühl übermannte ihn bei seiner Kreativität, und er stürzte sich lustvoll in seine Arbeit.
Längst hatte er sich mit der Gestalt des Skarab angefreundet, der ihm mit seinen besonderen Begabungen gefiel. Diesem Protagonisten brachte er ungeheure Sympathie entgegen. Deshalb schenkte er ihm eine spezielle Art des Denkens, die ihn über vieles Irdische erhaben machen sollte. Nur einer wie er konnte die Sprache der Tiere verstehen, hörte auch den Pflanzen zu, und die Natur vertraute sich ihm an.
Seinen Charakter zu erschaffen, bereitete Rudolf große Freude. Er würde es werden, der Menschen daran erinnern sollte, dass Tiere die ersten Geschöpfe auf der Erde waren. Wenige Jahre Unberührtheit würden ausreichen, um wieder eine Wildnis entstehen zu lassen, in der Tiere und Pflanzen ohne Menschen existieren könnten. Neu war es nicht, was er schreiben wollte. Es würde ein modernes Epos werden, mit Verzicht auf Lyrik.
Für Skarab würde die Bedeutung von Tieren eine andere sein, als man ihnen allgemein zugestehen wollte. Zu ihrem Schutz wollte Rudolf seinen wichtigsten Protagonisten Tierarzt werden lassen.
Als er sich kürzlich auf dem Speicher mit der schwarzen Maske über dem Kopf im Spiegel betrachtet hatte, kam ihm die Idee.
Alle Mitwirkenden in seinem Roman, ob Mensch oder Tier, sollten eigenständige, handlungsfähige Lebewesen sein.
Manchmal machte Sonja sich Sorgen um ihren Mann. Dann blieb er ihr trotz körperlicher Nähe fremd, als wohnte er auf einem anderen Stern. Wahrscheinlich ging es in vielen Ehen ähnlich, und sie brauchte sich keine unnötigen Gedanken zu machen.
Seitdem ihre Schwester Miriam verstorben war, und sie auch weniger in der Praxis zu tun hatte, fühlte sie sich allein gelassen, wenn er sich zu sehr in sein Manuskript vertiefte.
Sicher, sie hätte ihn stören dürfen, einfach in sein Arbeitszimmer treten und rufen:
»Schatz, das Essen ist fertig.«
Besser noch, in sein Heiligtum gehen, sich still auf einen Stuhl setzen, und ihn einfach nur anschauen.
Wollte er nicht seinen Bart stutzen und hatte sie deswegen um Rat gefragt? Stattdessen ertappte Sonja sich, dass sie auf Zehenspitzen lief, sobald sie in seine Nähe kam. Sie wurde die Beobachtende, die angespannt Lauernde, der nichts entgehen sollte. Immer ließ er die Tür zum Büro offen, und sie konnte vom Wohnzimmer nebenan seinen Tippgeräuschen lauschen. Selbst in der Küche, am Ende des Flurs, konnte sie ihn schreiben hören, während sie emsig Zwiebeln, Gemüse und allerlei Kräuter hackte.
Sie kochte mit Leidenschaft. Irgendwann wurden beide Vegetarier. Mit neu entdecktem Geschmackssinn entwickelten sie eine höhere Ebene des Genießens.
Pausierten Rudolfs Finger auf der Tastatur, unterbrach auch sie automatisch ihre Küchenarbeit. Sie glaubte daran, ihn stützen und halten zu können und wusste, dass er darauf vertraute. Dann fühlten sich beide verbunden.
Die größte Entspannung gönnte Sonja sich, wenn sie nachmittags, nach getaner Hausarbeit, in dem gemütlichen Ohrensessel seines elterlichen ehrenwerten Wohnzimmers ausruhte. Darauf hatte Flitzi gewartet, um endlich auf ihren Schoß springen zu dürfen.
Vieles wurde im Zusammenleben zur Gewohnheit und die Anhänglichkeit des Katers gehörte neuerdings auch dazu. Sonja liebte den leicht verschlissenen, dunkelbraunen Ledersessel mit seinen soliden Polstern, der nicht unbedingt zum Aachen Lütticher Barock des Mobiliars passte. Dadurch erhielt das Wohnzimmer eine persönliche Note, und erinnerte nicht an das Interieur eines Antikladens.
Nach dem verheerenden Hochwasser hatte Sonja keinen Rosenkäfer mehr auf dem Parkett entdeckt. Diese golden schimmernden, grün- oder roten Mistkäfer der Gattung Skarabäus, fand sie nun wieder zwischen den Hagebuttensträuchern. Schließlich wohnten sie nicht an den Ufern des Nils in Ägypten, sondern in Kornelimünster, wo hoffentlich nie mehr eine Überschwemmung zu erwarten war.
Nachmittags verfiel Sonja also der beruhigenden Wirkung dieses gemütlichen Sessels. Während ihre Hand wie von selbst das Fell des Katers zu streicheln begann, fand sie den Gedanken spannend, dass Rudolf in seinem Buch aus Flitzi einen Tiger werden ließ.
Warum sollte Rudolf nicht ein Heer schwarz metallisch schimmernder Mistkäfer erschaffen, von Skarab und Kerim zum Kampf für eine gute Sache auserkoren, um die Welt zu retten?
Bei nächster Gelegenheit wollte sie ihren Mann auf die interessante Bulldogge der Nachbarn, im gegenüberliegenden Haus, hinweisen. Vielleicht könnte ein Spürhund, in einem Roman von mörderischen Umweltaktivisten, zusätzlich sinnvoll sein …
Kapitel 4
Aus früherer Zeit kannte Skarab die Scheune eines längst verlassenen Bauernhofes. Dort brachten sie wieder, in einem bereitgestellten Zinksarg, einen Lebendigen unter die Skarabäen. Er war betäubt, während Skarab ihn entkleidete und auf dem linken Schulterblatt sein Brandzeichen setzte. Wichtig war, dass man an den Leichen, egal in welchem Zustand sie aufgefunden wurden, das Zeichen erkennen konnte.
Bevor sich der Deckel des Zinksarges endgültig über dem Beschuldigten schließen sollte, wurde ihm die Anzahl seiner Verbrechen vorgelesen. Der Angeklagte musste sich zu seiner Schuld bekennen.
Bei dem Verurteilten handelte es sich um einen skrupellosen Veterinär in hoher Position. Als Befürworter von Tierversuchen großer Labore machte er seine Geschäfte mit illegal herbeigeschafften Tieren. Ein Übeltäter schlimmster Art, der auch auf ihrer schwarzen Liste stand.
Immer arbeiteten die Freunde während der Ausführung eines Falles zusammen. Ihre gesellschaftliche Stellung verschaffte ihnen leichten Zugang zu allen Unternehmungen, die zum Aufspüren der Missetäter nötig waren.
Skarab berechnete die Wirkung der Betäubungsdauer präzise. Von dem Moment an, wo sein oder Kerims Elektroschocker zum Einsatz gekommen war, lief alles in stillem Einvernehmen. Als wäre nur die Sekunde der Überwältigung ihrer Opfer herausfordernd, verlief anschließend alles nach gleichem Muster.
Sie hatten den Übeltäter auf einen Stuhl gesetzt und seine Hände und Füße mit Kabelbindern gefesselt. Neben dem Verurteilten stand ein Behälter, gefüllt mit Käfern. In der Scheune roch es nach Dung und Moder. Matt und Unheil verkündend schimmerte im Halbdunkel des Raumes ein Zinksarg mit geöffnetem Deckel. Jeder Delinquent, der auf diesem Stuhl saß, wusste, dass er sterben würde.
Das nüchterne Verkünden des Urteils bildete nur eine Verzögerung seines drohenden Leidens. Was blieb, war die Hoffnungslosigkeit im Gesicht des Verurteilten.
Skarab wirkte teilnahmslos und ohne Mitleid, während Kerim sich ernst und feierlich verhielt, und seine Gedanken sich im alten Ägypten wiederfanden.
Anubis war auferstanden! Als Richter über Leben und Tod führte er nun einen grausamen Täter seiner gerechten Bestrafung entgegen.
Nachdem sie den sich verzweifelt windenden Mann in den Sarg gelegt hatten, schütteten sie die lebenden Käfer über den Leib des immer noch gefesselten und geknebelten Mannes. Schnell schlossen sie den Deckel und überließen den Angeklagten seinem grausamen Ende.
Als nächstes Opfer hatte Skarab eine Frau im Visier, die ihm in den Medien unangenehm aufgefallen war. Ihre Firma stellte hochtoxische Pflanzenschutzmittel her, die Felder und Äcker systematisch verseuchten. Sie gehörte zu den Unverbesserlichen, und mit dieser Gesinnung war sie für die Zukunft untragbar geworden. Sie würde den Kurs ihres Unternehmens weiterführen, und damit wurde sie ihr nächster Fall.
