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Alexander Kingston war nicht dazu bestimmt, das East Territory Rudel anzuführen, aber das Schicksal hatte andere Pläne. Statt seines toten Bruders der nächste Alpha zu werden und die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen, ist eine Herausforderung, die mit der Zeit immer schwieriger wird. Als sein Vater, der Alpha, sich weigert, Hilfe von außen anzunehmen, als einer der seinen an einer tödlichen Blutkrankheit erkrankt, muss Zander sich gegen seinen Vater stellen oder ein weiteres Rudelmitglied an den "Schleichenden Tod" verlieren. Marrok Blain gehört zum Rudel des Nordterritoriums. Mit seinem einzigartigen Wissen über den "Schleichenden Tod", einer fortschreitende Krankheit, die mit jeder Verwandlung langsam tötet, bietet er Hilfe an, wohl wissend, dass er auf Widerstand stoßen wird. Womit er nicht rechnet, ist die überwältigende Anziehungskraft, die von dem sturen, aber unbestreitbar attraktiven Sohn des Alpha des Ostterritoriums ausgeht. Vier Rudel, die nebeneinander existieren, mit wachsenden Spannungen und einer genetischen Störung, die sie an die Gemeinsamkeit erinnert, die sie alle verbindet. Zander und Marrok sind der Schlüssel zu einer schwierigen Allianz. Doch es gibt mehr als eine tödliche Bedrohung.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2025
BL Maxwell & Nic Starr
© dead soft verlag, Mettingen 2025
www.deadsoft.de
Für alle Belange rund um Verlag und Produktion
dead soft verlag
Querenbergstr. 26
D-49497 Mettingen
© the authors
Titel der Orginalausgabe: The Slow Death
Übersetzung: Abby H. Arthur
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte: © Genk – stock.adobe.com
© Henrike – stock.adobe.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-768-2
ISBN 978-3-96089-769-9 (ebook)
Alexander Kingston war nicht dazu bestimmt, das East Territory Rudel anzuführen, aber das Schicksal hatte andere Pläne. Statt seines toten Bruders der nächste Alpha zu werden und die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen, ist eine Herausforderung, die mit der Zeit immer schwieriger wird. Als sein Vater, der Alpha, sich weigert, Hilfe von außen anzunehmen, als einer der seinen an einer tödlichen Blutkrankheit erkrankt, muss Zander sich gegen seinen Vater stellen oder ein weiteres Rudelmitglied an den „Schleichenden Tod“ verlieren.
Marrok Blain gehört zum Rudel des Nordterritoriums. Mit seinem einzigartigen Wissen über den „Schleichenden Tod“, einer fortschreitende Krankheit, die mit jeder Verwandlung langsam tötet, bietet er Hilfe an, wohl wissend, dass er auf Widerstand stoßen wird. Womit er nicht rechnet, ist die überwältigende Anziehungskraft, die von dem sturen, aber unbestreitbar attraktiven Sohn des Alpha des Ostterritoriums ausgeht.
Vier Rudel, die nebeneinander existieren, mit wachsenden Spannungen und einer genetischen Störung, die sie an die Gemeinsamkeit erinnert, die sie alle verbindet. Zander und Marrok sind der Schlüssel zu einer schwierigen Allianz.
Doch es gibt mehr als eine tödliche Bedrohung.
Zander kauerte hinter dem dicken Stamm von einem der Bäume, die die Grundstücksgrenze säumten, den Rücken gegen die raue Rinde gedrückt, während er nach Luft schnappte. Man hatte ihm gesagt, er sollte zu Hause bleiben, aber er hatte sich dem Befehl seiner Mutter widersetzt. Er konnte ihr auf keinen Fall erlauben, das abgelegene Haus am Stadtrand zu besuchen, ohne auf sie aufzupassen. Sie hatte ihm versichert, dass es ihr gutgehen würde, doch das war ihm egal. Sein Vater war nicht in der Stadt, also war es seine Pflicht, auf sie aufzupassen, vor allem, da Jake beschlossen hatte, zu Hause zu bleiben.
Feigling. Gutmensch.
Er verdrängte die hartherzigen Gedanken an seinen älteren Bruder. Er brauchte Jake sowieso nicht, er schaffte das auch allein.
Tief durchatmend, spähte er hinter dem Baum hervor. Wenn sie ihn erwischte, würde seine Mutter ihm für seinen Ungehorsam bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Zum Glück stand sie mit dem Rücken zu ihm, als sie an die Holztür des baufälligen Hauses klopfte. Sie wirkte so verletzlich in ihrem geblümten Kleid, mit ihrem langen Haar, das sie zum Pferdeschwanz gebunden hatte, und dem schweren Korb, den sie kaum halten konnte. Er hasste den Gedanken, dass sie in das schäbige alte Haus gehen würde, welches aussah, als würde es jeden Moment einstürzen. Das Dach war in der Mitte eingesackt, Schindeln fehlten und die Dachrinne hing nach vorne, als ob sie gleich herabfallen würde. Die Farbe, kaum sichtbar zwischen den wuchernden Weinranken, war ausgeblichen und blätterte ab.
Sie sollte wirklich nicht hier sein.
Die Tür ging auf und ein älterer Mann trat heraus. Sein Anblick veranlasste Zander, sich erneut hinter dem Baum zu verstecken, falls er ihn sehen konnte.
Verdammt, das war knapp.
Sein Herz raste, trotzdem wandte er vorsichtig den Kopf, um seine Mutter nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hielt dem Mann den schweren Korb hin. Durch diese kleine Geste empfand Zander Erleichterung, die jedoch nur von kurzer Dauer war. Mit dem Korb in der Hand ging der Mann ein, zwei Schritte zurück ins Haus und bedeutete seiner Mutter, ihm zu folgen.
Nein!
Sie nickte, aber als hätte sie Zanders unausgesprochene Bitte gehört, blieb sie in der Tür stehen und sah über die Schulter zurück. Zander hielt den Atem an, aber sie blickte nicht in seine Richtung. Ihr Gesicht war blass, der Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Sie schloss kurz die Augen und legte eine Hand auf die Wölbung ihres Bauches. An dieser kleinen Geste erkannte er, dass es richtig gewesen war, herzukommen. An ihrer Haltung und der Art, wie sie versuchte, sich Mut zu machen, erkannte er, dass sie dieses Haus auf keinen Fall betreten wollte. Doch bevor er sich bemerkbar machen konnte, öffnete sie die Augen, holte tief Luft, drehte sich um und trat ein.
Zander starrte auf die geschlossene Tür. Er wartete und wartete; Minuten vergingen. Er konnte nicht einfach hinter den Bäumen bleiben, er musste näher heran und sich vergewissern, dass es seiner Mutter gutging.
Die hohen Bäume des Waldes, der das kleine Haus umgab, warfen lange Schatten, die Zander hoffentlich genug Deckung geben würden, um die hellen Flecken des Sonnenlichts zu meiden und den Hof ungesehen überqueren zu können. Er huschte und schlängelte sich durch Bäume und Schatten, bis er keuchend mit dem Rücken an der verwitterten Hauswand lehnte. In Sicherheit. Er lauschte auf ein Geräusch, das darauf hindeutete, dass sein heimliches Vordringen bemerkt worden war, aber alles, was er hörte, war das leise Rascheln der Blätter und das Zwitschern der Vögel.
Als er sich überzeugt hatte, dass die Luft rein war, schlich er an der Mauer entlang zu einem Fenster. Zander spähte hinein, doch das schmutzige Glas raubte ihm einen Teil der Sicht. Der Raum, den Möbeln nach zu urteilen ein Wohnzimmer, war dunkel. Es sah viel freundlicher aus als das verwahrloste Äußere des Hauses, aber es brannte kein Licht, um den düsteren Raum zu erhellen, und auf dem Tisch stand kein Nachmittagstee. Er bemerkte schnell, dass man seine Mutter nicht in diesen Raum geführt hatte.
Zander zuckte zusammen, als ein etwa gleichaltriges Mädchen in sein Blickfeld trat. Sie eilte mit einem Krug in der Hand durch den Raum und verschwand durch eine Tür auf der linken Seite. Er versuchte, zu erkennen, woher sie gekommen war, aber selbst als er sein Gesicht fest gegen die Scheibe drückte, konnte er es nicht. Er starrte in den leeren Raum und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Vielleicht war seine Mutter in der Küche und trank Kaffee, versuchte er, sich einzureden, aber sein Bauchgefühl sagte ihm etwas anderes. Das war kein Freundschaftsbesuch. Wieso sollte ein Freundschaftsbesuch mit einem Korb voller …? Er konnte die seltsamen Dinge, die er in dem Korb gesehen hatte, nicht genau benennen. Er schluckte schwer, als ihm Galle hochkam.
Im Glauben, sie wäre allein, hatte seine Mutter eine verschlossene Kiste von ihrem Schrank geholt und den Korb mit deren Inhalt vollgepackt. Doch er hatte es gesehen. Zuerst hatte sie kleine Medizinfläschchen und Spritzen aus der Kiste genommen. Zander hasste Nadeln und allein der Gedanke daran ließ ihn erzittern, aber was dann gekommen war, hatte ihm einen kalten Schauder über den Rücken gejagt. Sie hatte große, geschmiedete Handschellen aus der Kiste geholt. Beide waren durch eine schwere Metallkette miteinander verbunden. Als sie sie bewegt hatte, hatte er erkennen können, dass sie sehr schwer sein mussten. Der Anblick dieser Handschellen hatte ihm das Blut in den Adern gefrieren lassen. Und als sie später gesagt hatte, sie wollte eine Freundin besuchen, hatte er gewusst, dass etwas nicht stimmte.
Das Mädchen kam wieder ins Zimmer und diesmal war der Krug gefüllt. Zander erschauderte beim Anblick ihres tränenüberströmten Gesichts mit den weit aufgerissenen Augen. Was immer in diesem Haus vor sich ging, es war nichts Gutes. Einen Moment lang wünschte er sich, Jake wäre hier, doch dann schob er den Gedanken beiseite. Er war zehn und somit alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Also beschloss er, nachzusehen, wo das Mädchen hergekommen war. Er schlich um die Ecke des Hauses, bis er zu einem anderen Fenster kam, das unten offen war. Als er Stimmen hörte, beschleunigte sich sein Herzschlag. Das Fenster lag höher, sodass er sich am Fensterbrett festhalten und sich auf die Zehenspitzen stellen musste, damit er hineinschauen konnte. Das Erste, was er sah, war seine Mutter, und er atmete erleichtert auf. Sie wrang einen Lappen über einer großen Schüssel mit Wasser aus, während das Mädchen zusah. Seine Mutter redete mit ihr.
»Danke für das Wasser, Tabitha, du warst eine große Hilfe, aber ich glaube, es ist Zeit für dich, zu gehen.«
»Aber ich will bleiben.« Tabithas Stimme zitterte.
»Ich weiß, Schätzchen, aber das ist kein Ort für dich.« Die Stimme seiner Mutter wurde sanfter und sie legte eine Hand auf Tabithas Arm. »Dein Vater würde nicht wollen, dass du hier bist.«
»Sie hat recht, Tabby. Komm mit mir.« Eine ältere Frau trat aus dem Schatten in der Ecke des Zimmers. Sie legte einen Arm um die Schultern des Mädchens. »Es ist besser so. Wir warten in der Küche.«
»Bis es ihm besser geht?«, fragte das Mädchen.
Die alte Frau sah seiner Mutter über den Kopf des Mädchens hinweg in die Augen. Es schien, als würde sie gleich weinen, aber auf das sanfte Nicken hin, holte sie nur tief Luft. »Natürlich, mein Schatz.« Sie flüsterte beruhigende Worte, als sie das Zimmer verließen.
Zanders Blick folgte seiner Mutter, als sie zu einem Bett ging, und zum ersten Mal bemerkte er den Mann dort. Er sog scharf die Luft ein. Der Mann sah krank aus, mager und bleich auf dem blassen Laken. Seine Haut spannte sich über dem Schädel, die Wangenknochen waren hervorgetreten und das dünne Haar fehlte an einigen Stellen. Vielleicht war es nur Zusammenspiel aus Licht und Schatten, welche die Nachttischlampe warf? Aber Zander wusste es besser. Dieser Mann war krank. Sehr, sehr krank.
Ist Mama deshalb hier? Um ihn zu pflegen?
Der ältere Mann, der seiner Mutter die Haustür geöffnet hatte, trat zur anderen Seite des Bettes. »Was kann ich tun?«
»Ich fürchte, im Moment kann man nicht viel tun.« Sie beugte sich über den Kranken und wischte ihm mit einem feuchten Tuch über die Stirn. »Ich wünschte, wir könnten dir mehr helfen, Bruce, aber du sollst wissen, dass wir bei dir sind.«
»Ich kann mich nicht mehr lange zurückhalten.«
Zander musste sich anstrengen, um die Worte des Mannes zu verstehen, dessen Stimme heiser war und in einem Husten endete.
»Versuch, nicht zu sprechen, mein Sohn«, sagte der ältere Mann. »Spare deine Kräfte.«
»Aber … ich … will nicht … Du solltest das nicht sehen müssen.«
Seine Mutter führte das Tuch an die Stirn des Mannes und tupfte zärtlich seine Schläfen, so wie sie sich um ihn und Jake gekümmert hatte, als sie an Grippe erkrankt waren. »Lass das unsere Sorge sein.« Ihre Stimme war sanft und beruhigend. »Möchtest du etwas Wasser?«
Der kranke Mann nickte und der ältere, offensichtlich sein Vater, hielt ihm ein Glas Wasser an die Lippen, aus dem er nur mit Mühe trinken konnte. Selbst das Heben seines Kopfes schien zu viel zu sein und er fiel zurück auf das Kissen. Seine Mutter legte das Tuch zurück in die Schüssel und richtete die Bettdecke.
Sie ließ sich in den Sessel neben dem Bett sinken und legte eine Hand auf ihren geschwollenen Bauch, die andere auf seine Hand. Der alte Mann saß in einem Sessel mit gerader Lehne und die beiden hielten von den gegenüberliegenden Seiten des Bettes aus Wache.
Zander ließ die Fersen auf den Boden sinken. Seine Wadenmuskeln brannten vom langen Stehen auf den Zehenspitzen.
Was nun?
Er wusste nicht, was er tun sollte. Es war offensichtlich, dass seine Mutter sich um einen kranken Mann kümmerte. Warum also hatte sie das nicht gesagt, als sie gegangen war und Zander aufgefordert hatte, zu Hause zu bleiben? Was, wenn er etwas Ansteckendes hatte? Wäre das Baby dann sicher? Sein Vater wäre so wütend, wenn einem von ihnen etwas zustoßen würde.
Ein tiefes Ächzen durchbrach die Stille.
Adrenalin durchflutete seinen Körper, die Härchen an seinen Armen stellten sich auf.
Ein weiteres beängstigendes Geräusch, eine Mischung aus Schrei und Röcheln, veranlasste Zander, sich am Fensterbrett hochzuziehen, obwohl ihm jede Faser seines Körpers sagte, dass er weglaufen sollte.
Seine Mutter erhob sich. Sie und der alte Mann beugten sich über das Bett. Plötzlich bäumte sich der Kranke auf, Kopf und Füße drückten gegen das Bett, während sich Ober- und Unterkörper auf groteske Weise von der Matratze hoben. Seine Mutter zuckte überrascht zurück, bevor sie erneut seine Hand ergriff. Der alte Mann hielt die andere, während der Kranke gegen die Kraft ankämpfte, die an seinem Körper zerrte. Die Sehnen in seinem Hals spannten sich und der unheilvolle Laut, der von seinen Lippen kam, hallte durch den Raum. Zander war froh, dass er das Gesicht des Mannes nicht sehen konnte, denn er fürchtete sich vor dem, was er erblicken würde.
Gerade als Zander dachte, der Mann würde in zwei Teile zerbrechen, ließ er sich wieder auf das Bett fallen.
»Heiß. So heiß. Es brennt.« Seine Stimme war erstaunlich kräftig.
Die dürren Beine stießen gegen die Decke und schoben den dünnen Stoff beiseite, sodass sein Körper zum Vorschein kam. Er bestand nur aus Haut und Knochen, langen Gliedmaßen mit spitzen Knien und Ellbogen. Füße und Kopf schienen im Vergleich dazu viel zu groß. Das T-Shirt klebte schweißnass an seinem Oberkörper, während er sich auf dem Bett hin- und herwälzte und versuchte … Eigentlich wusste Zander gar nicht, was er versuchte, denn die Arme schlugen wild ins Leere, die Beine bewegten sich ziellos.
Die Decke fiel vom Fußende des Bettes zu Boden. Seine Mutter achtete nicht darauf, sondern konzentrierte sich nur auf den Mann. Sie befeuchtete das Tuch erneut und wischte über seine Stirn, bevor sie über Brust und Arme strich. Trotz ihrer Bemühungen, ihn zu kühlen, lief ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Er zerrte an seiner Kleidung, bis er das Shirt zerrissen hatte.
»Helft mir. Bitte helft mir.«
Zander keuchte beim Anblick seines Oberkörpers. Der Brustkorb trat so deutlich hervor, dass die Rippen sich deutlich von dem nach innen gewölbten Bauch und den vorstehenden Hüftknochen abhoben. Er hatte noch nie jemanden gesehen, der so dünn war. Mit keinem Gramm Fett am Körper, war er mehr Skelett als Mensch. Zander ließ den Blick über das Gesicht des Mannes gleiten und war schockiert, als er sah, dass dieser zu ihm sah. Der Blick, der ihn traf, war wirr, aber Zander hatte dennoch das Gefühl, dass der Mann ihm direkt in die Seele starrte.
Helft ihm. Jemand muss ihm helfen.
Seine Mutter wusch ihn weiter, während der alte Mann hilflos zusah. Der Kranke sah zu seinem Vater auf. »Dad.« In diesen einem Wort lag so viel Schmerz, dass der alte Mann zusammenbrach und ihm die Tränen über die Wangen liefen. Er sank auf die Knie, ergriff die Hand seines Sohnes und bettete seine Stirn schluchzend auf ihrer beider Hände.
Zander begann zu weinen, als er Zeuge dieser unglaublichen Tragödie wurde. Die Tränen liefen unkontrolliert über sein Gesicht, während er sich am Fensterbrett festhielt.
»Ich kann es nicht aufhalten. Es tut mir so leid. Ich kann nicht …«
Die Worte verhallten, als der Kranke einen weiteren dieser schrecklichen Laute von sich gab. Sein Mund war weit geöffnet. Das grausige Röcheln steigerte sich zu einem Schrei. Der Körper hob sich wieder vom Bett, ehe er sich auf eine Weise verrenkte, von der Zander nicht geglaubt hätte, dass sie möglich war, ohne sich sämtliche Knochen zu brechen. Obwohl sein Vater immer noch seine Hand hielt, warf er sich mit einer Geschwindigkeit, die seine Krankheit Lügen strafte, auf die Seite und blieb so auf dem Bett liegen. Seine Wirbelsäule knackte, der Brustkorb dehnte sich und die Schulterblätter traten hervor.
Zanders Blick fiel auf seine Mutter. Sie trat vom Bett zurück und hielt sich die Hand vor den Mund, während sie zusahen, wie der Mann vor ihnen auseinanderbrach. Nur so war es zu beschreiben. Die Gelenke des Mannes dehnten sich, seine Gliedmaßen wurden länger, Haare wuchsen auf seinem Körper. Er warf den Kopf zurück und heulte vor Qualen. Es war ein Laut, den Zander hoffte, nie wieder in seinem Leben hören zu müssen. Es war nicht die schnelle Verwandlung, die er kannte, nein, das war Folter. Und er fürchtete sich vor dem Ende. Dieses Ding, das sich vor seinen Augen verwandelte, war ein Monster.
Zander hätte alles dafür gegeben, durch das Fenster in die Arme seiner Mutter zu kriechen, damit sie ihn festhalten und ihm sagen konnte, dass alles in Ordnung war und der Mann wieder gesund werden würde, doch tief in seinem Herzen wusste er, dass er niemals wieder gesund werden würde.
Der Mann kippte auf dem Bett um, lag auf dem Rücken und strampelte mit den Beinen. Seine Hände waren zu Klauen geworden, die langen Nägel zerrissen das eigene Fleisch. Sein Vater versuchte, seine Arme auf der Matratze zu fixieren, aber die Kraft des Mannes war zurückgekehrt und er wehrte sich gegen den Griff. Als er sich den Oberschenkelmuskel aufriss, färbte sich das Laken unter dem Blut hellrot. Ein Schluchzen entrang sich der Kehle des Vaters, als er sich auf seinen Sohn warf und versuchte, ihn festzuhalten. Scharfe Krallen fuhren über seinen Rücken, rissen das Shirt auf und hinterließen blutrote Streifen, aber er hielt ihn weiter fest.
»Es ist Zeit«, sagte Zanders Mutter. »Du musst dich verabschieden.«
»Es tut mir leid, mein Sohn. Es tut mir so leid, dass du das alles durchmachen musstest. Ich wünschte, ich könnte deinen Platz einnehmen und derjenige sein, der … Wir werden uns um Tabby kümmern. Wir werden dafür sorgen, dass sie sich daran erinnert, wie du warst, bevor du krank wurdest. Ruhe in Frieden, mein Sohn.«
Zander wünschte sich, der Mann würde auf wundersame Weise aufhören zu kreischen und mit seinem Vater sprechen, um ihn zu trösten, aber das Geschrei wurde immer lauter.
Seine Mutter näherte sich vorsichtig dem Bett und versuchte, den aufblitzenden Klauen auszuweichen, während der Vater den Kampf verlor und die scharfen Nägel ihren Unterarm aufschlitzten. Sie schrie, riss die Hand zurück. Blut tropfte auf das Laken und vermischte sich mit dem aus den Wunden, die der Mann seinem eigenen Körper zugefügt hatte.
Mom! Ich muss zu ihr.
Zander stemmte sich hoch, seine Füße scharrten an der Hauswand. Die Fensteröffnung war schmal, aber er war schlank und gelenkig, voller Energie, getrieben von Adrenalin und dem starken Wunsch, seine Mutter zu erreichen. Sein T-Shirt zerriss und als er sich den Rücken am Fensterrahmen aufschürfte, durchzuckte ihn Schmerz, doch Zander ignorierte das Brennen und zwängte sich weiter durch die kleine Öffnung. Durch den dumpfen Aufprall, mit dem er zu Boden fiel, zog er die Aufmerksamkeit seiner Mutter auf sich.
»Zander!« Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an, der Blick war voller Angst, nicht voller Erleichterung. »Bleib zurück. Komm nicht näher!«
Er sprang auf, fest entschlossen, ihr zu helfen, egal, was sie sagte. Noch während er zusah, erhielt sie einen weiteren Schlag von dem kranken Mann.
»Ich sagte: STOPP!« Die Angst in ihrer Stimme war unüberhörbar.
Zander blieb stehen und ein Teil von ihm erkannte, dass er sie nur ablenkte. Er musste zurückbleiben, sonst würde sie noch mehr verletzt werden. Der ältere Mann kämpfte mit seinem Sohn und würdigte Zander kaum eines Blickes.
»Okay, okay, ich bleibe hier. Hilf ihm einfach. Bitte hilf ihm. Mach, dass es aufhört.« Zander drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand, während er wie gebannt auf den Mann starrte. Der schwere Geruch von Blut, metallisch und süß, stieg ihm in die Nase. Er schluckte Galle hinunter, aber wegsehen konnte er nicht. Seine Mutter nickte einmal, und als sie überzeugt war, dass er dort stehen bleiben würde, konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie eilte zu dem Korb und wühlte darin herum. Als sie sich umwandte, hielt sie die schweren Fesseln in der Hand.
Nein! Was?
Entsetzen breitete sich in seiner Magengrube aus.
Seine Mutter arbeitete effizient, ihr Gesicht strahlte pure Konzentration aus. Schnell löste sie die Kette und reichte dem älteren Mann eine der Handschellen. Zuerst fesselte sie ein Handgelenk, dann schob sie die Kette durch das Bettgestell. Metall klirrte, als beide die Handschellen um die Handgelenke des Mannes schlossen und zurücktraten. Als der Mann auf dem Bett zappelte und um sich schlug, klang das metallene Geräusch der Kette laut durch den Raum. Sein Oberkörper war nun fixiert, doch sein Kopf beugte sich nach hinten, bis sich die Sehnen im Hals spannten. Er schrie, die Beine strampelten wild umher, aber nicht nahe genug, um einen der beiden zu erwischen.
Der ältere Mann sprach mit zitternder Stimme. »Sicher, dass es notwendig ist?«
»Es tut mir so leid.«
»Aber die Ketten.« Während er sprach, blieben seine Augen auf seinen Sohn gerichtet.
»Du weißt, dass er sich ohne sie in Stücke reißen würde.« Sie ging um das Bett herum und nahm seine Hände. »Er kann es nicht kontrollieren. Er konnte die Verwandlung nicht aufhalten, aber das hier ist seine letzte. Die Krankheit hat seine Fähigkeit zur Verwandlung zerstört und er versucht nun instinktiv, sich aus seinem Elend zu befreien. Es ist an der Zeit, ihn zu erlösen.« Tränen liefen ihr über die Wangen und Zander wollte zu ihr eilen, um sie zu trösten, aber er verstand, dass dieser Mann mehr Trost brauchte als er.
Der Mann öffnete den Mund, aber es kamen keine Worte heraus. Auch er weinte. Er nickte, bevor er zum Bett zurückging, sich hinkniete und die Hände zärtlich auf seinen Sohn legte.
Zander wollte nicht in der Nähe von diesem … Halb-Mensch, Halb-…
Seine Mutter hegte nicht dieselbe Abscheu wie er. Sie ging auf den Kranken zu, legte ihm die Hand auf die Stirn, beugte sich vor und flüsterte ihm etwas zu, aber die Worte waren zu leise, als dass Zander sie verstehen könnte. Schließlich ging sie zu dem Korb und kam mit einem der kleinen Fläschchen und einer Spritze zurück, die sie eingepackt hatte. Nach einem letzten Nicken des Vaters arbeitete sie schnell, griff nach dem Arm des Kranken und stach die Nadel hinein. Er schrie weiter und jetzt, da sich Zander im Zimmer befand, kam es ihm noch viel lauter vor. Endlich, als Zander schon glaubte, dass er es nicht mehr aushalten konnte, verwandelten sich die Schreie in ein Stöhnen. Der Inhalt der Spritze entfaltete seine Wirkung. Der Mann fiel mit zitternden Muskeln und zuckenden Gliedern zurück und das wilde Strampeln hatte aufgehört.
Seine Mutter sank auf die Knie und rutschte an die Seite des Bettes. Sie nahm die große, entstellte Klaue des Kranken in ihre kleinen Hände und legte die Stirn auf das Bett. Ihre schlanken Schultern bebten, als sie hemmungslos weinte, während der Alte seinem Sohn etwas zuflüsterte.
In diesem Moment begriff Zander, wovon er hier Zeuge wurde. Seine Knie gaben nach, er rutschte an der Wand nach unten und ließ sich von der Trauer im Raum überwältigen.
Die Tür knallte gegen die Bürowand und der laute Knall riss Zander von dem Dokument hoch, an dem er gerade arbeitete.
»Entschuldige. Ich weiß, ich habe keinen Termin, aber es ist dringend.«
Zander sah auf, als sein Onkel, einer der Betas des Rudels, den Raum durchquerte und vor seinem Schreibtisch stehen blieb. »Du musst dich nicht entschuldigen, James. Du weißt, dass die Tür immer offen steht, ganz besonders für dich.« James war loyal und engagiert. Er würde ihn nie stören, es sei denn, es wäre wirklich dringend. Zander deutete auf den Ledersessel ihm gegenüber. »Setz dich und erzähl mir, was los ist.«
James ließ sich in den Sessel sinken und fuhr sich mit den Fingern durch das dichte, grau melierte Haar. Er war ein großer Mann, so wie die meisten in ihrem Rudel, mit breiten, muskulösen Schultern, die er als rechte Hand von Zanders Vater gut gebrauchen konnte. »Wir haben ein Problem«, seufzte James.
»Ja. Ein großes, wie mir scheint.« Zander klappte den Laptop zu und schenkte seinem Onkel seine volle Aufmerksamkeit.
James runzelte die Stirn, als er Zander über den großen Schreibtisch hinweg ansah. »Wir haben ein Rudelmitglied, bei dem ‚Der schleichende Tod’ diagnostiziert wurde.«
»DST? Das ist natürlich nicht ideal, aber in der heutigen Zeit sollte das kein Thema mehr sein«, erwiderte Zander, verwirrt von der ernsten Miene des Mannes vor ihm.
»Nun, nein. Normalerweise nicht, aber diese Situation ist … speziell.«
»Inwiefern?«, fragte Zander, während sein Verstand alle Möglichkeiten durchging. Er kam nicht weiter. Sicher, er wünschte niemandem DST, aber heutzutage konnte man die tödliche Genmutation kontrollieren.
James lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Wir können keinen Spender finden.«
Verdammt!
Zanders Magen verkrampfte sich und er schluckte die aufsteigende Galle in seinem Hals hinunter. Bilder, schreckliche, grausame Visionen eines qualvoll verrenkten Körpers, das Gesicht schmerzverzerrt, der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, blitzten in seinem Hirn auf. Er blinzelte, schüttelte den Kopf und öffnete die Augen, um sich auf James' besorgtes Gesicht zu konzentrieren. Jetzt ergab sein Verhalten Sinn. »Verdammte Scheiße.«
»Die Untertreibung des Jahrhunderts.«
»Ich verstehe das nicht. Wie ist das überhaupt möglich? Ein winziger Prozentsatz unserer Bevölkerung hat diese Genmutation, aber sie ist behandelbar.«
James beugte sich vor und stützte die Unterarme auf den Schreibtisch. »Früher, als dein Vater und ich noch jung waren, bedeutete die Diagnose DST in der Regel zwar einen schleichenden Verlauf, aber letztlich immer den endgültigen Tod.«
»Der schleichende Tod …« Zander wusste, dass die Krankheit jahrelang Qualen und Kummer verursacht hatte, bevor der moderne medizinische Fortschritt ihre Auswirkungen eingedämmt hatte. Verdammt, er kannte das Grauen aus erster Hand.
»Es ist wahr. Mit jeder Verwandlung wurden die Körper der Betroffenen schwächer und schwächer, bis sie … am Ende waren. Die meisten Leute versuchten, dagegen anzukämpfen, versuchten, die Symptome in den Griff zu bekommen, indem sie sich nicht verwandelten, aber die Krankheit … Das ist eine verdammt heimtückische Sache. Irgendwann konnten sie den Drang zur Verwandlung nicht mehr kontrollieren. DST zwang sie dazu und jedes Mal wussten die Betroffenen, dass die Verwandlung ihrem Körper irreparablen Schaden zufügen würde. Schmerzen und Leiden waren unvermeidlich.«
»Aber das ist seit Jahren nicht mehr so.«
Nicht mehr, seit ich zehn Jahre alt war und dieses Haus betrat, obwohl man es mir verboten hatte.
»Nein«, stimmte James zu. »Als man herausfand, dass Bluttransfusionen von einem geeigneten Spender die Auswirkungen der Krankheit aufhalten können, gab es kaum noch Todesfälle durch DST.«
»Aber ausgerottet ist es auch nicht?«, fragte Zander.
»Bei uns ist seit fünfzehn Jahren kein Rudelmitglied mehr daran gestorben. Natürlich gab es in dieser Zeit nicht viele Betroffene, weil die Mutation so selten ist, aber all diese Menschen hatten Zugang zu einem Spender.«
»Warum nicht in diesem Fall?«
James zückte sein Handy, wischte und klickte auf dem Bildschirm herum, bevor er vom Display ablas. »Statistisch gesehen, gibt es viel mehr potenzielle Spender als Betroffene. DST betrifft nur etwa drei Prozent der Bevölkerung, also müsste es für jeden einen passenden Spender geben. Aber es gibt keine geografische Korrelation zwischen Betroffenen und Spendern, darum führen wir seit dem ersten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts Sammelregister.«
»Ich weiß von den Registern. Ich dachte, damit haben wir das Problem gelöst.«
James runzelte die Stirn und senkte die Stimme. »Es gibt keinen Einheimischen, der zu diesem bestimmten Rudelmitglied passt.«
Zander schluckte schwer. Bisher hatte er es vermieden, über die Identität der Person nachzudenken, und sich lieber auf die klinischen Fakten der Krankheit konzentriert. Er kannte alle Mitglieder des Rudels. Vielleicht war er nicht mit allen eng befreundet, denn bei einem Rudel dieser Größe war das unmöglich, aber er kannte alle Familien und die Namen ihrer Mitglieder. »Wer ist es?«, fragte er schließlich. Er hasste es, diese Frage zu stellen, und hielt den Atem an, während er auf die Antwort wartete.
»Es ist Grady Summerville.«
Eine Mischung aus Schock und Trauer überkam Zander. »Oh, das ist … Verdammt.«
Grady war jemand, den er ziemlich gut kannte, da sie fast im selben Alter waren und mit denselben Leuten verkehrten. Er war ein netter Kerl, der Tiermedizin studierte und hoffte, nach seinem Abschluss in der örtlichen Klinik arbeiten zu können. Er hatte müde ausgesehen, als Zander ihn das letzte Mal gesehen hatte, aber das hatte er darauf zurückgeführt, dass Grady Studium und Job unter einen Hut bringen musste.
Warum zum Teufel hat er nichts gesagt, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe? Warum war ich nicht aufmerksamer und wieso habe ich ihn nicht gefragt, wie es ihm geht?
Schuldgefühle nagten an ihm und mischten sich mit echter Angst um Gradys Zukunft. Er war in letzter Zeit sehr beschäftigt gewesen. Wegen der Abwesenheit seines Vaters und der damit verbundenen Arbeitsbelastung hatte er nicht viel Zeit mit seinen Freunden verbracht. Auch die Gedanken an seine eigene bevorstehende Reifeprüfung und die Zeremonie hatten ihn abgelenkt.
Ein toller Rudelführer bin ich.
Zander seufzte und wandte sich seinem Onkel zu. Es hatte keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, warum er nicht früher davon erfahren hatte. Eine Lösung für Grady zu finden, hatte jetzt Priorität. Alles andere konnte warten.
***
Zander ging ein, zwei Schritte in den Raum, in dem die Ratssitzungen abgehalten wurden. Normalerweise war sein Vater dabei, doch heute Morgen war Zander allein.
Komisch, aber ich werde mich daran gewöhnen.
Fünf Jahre lang würde er an der Seite seines Vaters arbeiten und irgendwann, zwischen 25 und 30, würde das Rudel ihm gehören.
Eines Tages werde ich, und nur ich, die Entscheidungen über Leben und Tod des Rudels treffen.
Der Gedanke erfüllte ihn mit Grauen. Ein kaltes Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus und bedrückte ihn.
Er eilte durch den Raum und zuckte leicht zusammen, als er den ihm zugewiesenen Stuhl herauszog, dessen Beine über den Fliesenboden kratzten. Zander knallte das Notizbuch auf die Tischplatte vor sich und fing den Kugelschreiber auf, der nach unten rollte und fast auf den Boden gefallen wäre.
»Schnelle Reflexe, Junge. Tollpatschig, aber gut im Fangen. Das muss man bewundern.«
Zander sah hoch zu Tony, einem der Ratsmitglieder, der den Raum betreten hatte und nun den Stuhl neben seinem herauszog. Sein zerfurchtes Gesicht war von einem Lächeln erhellt, als er scherzte. Tony stupste Zander an. »Es ist nicht mehr lange hin, nicht wahr, Zander? In ein paar Monaten wirst du dieses Meeting dauerhaft leiten.«
