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Der Oktober 1979 war ein ruhiger Monat in Berlin. Von der Erstürmung Der Wohnung des Schneiders David Daniel Kaminski in der Winterfeldtstraße berichteten die Zeitungen Berlins nur in kurzen Meldungen. Ein Blatt brachte eine Notiz im Lokalteil über "einen Einsatz des Sonder-Kommandos der Berliner Polizei, um in eine Wohnung einzudringen, in der sich ein Lebensmüder verbarrikadiert hatte". Es gabe keine Fotos, obwohl mehrere Pressefotografen am Ort des Geschehens waren.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Libert
Der Schneider aus Odessa
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Vorfall in der Winterfeldtstraße
Zwischenspiel
Der Prozess
Anhang
Impressum neobooks
Von der Erstürmung der Wohnung in der Winterfeldtstraße berichteten die Zeitungen Berlins nur in kurzen Meldungen. Ein Blatt brachte eine Notiz im Lokalteil über „einen Einsatz des Sonder-Kommandos (SEK) der Berliner Polizei, um in eine Wohnung einzudringen, in der sich ein Lebensmüder verbarrikadiert hatte“. Weder wurde der Name David Kaminski erwähnt noch über den Hintergrund der Ereignisse informiert. Es gab kein Foto des Polizeieinsatzes, obwohl mehrere Pressefotografen am Ort des Geschehens waren.
Auch die anderen West-Berliner Tageszeitungen brachten keine weitergehenden Informationen zu dem „Vorfall in der Winterfeldtstraße“ - wie es eine Zeitung unbestimmt ausdrückte.
Es war eine der seltenen Gelegenheiten, dass ich als Leser mehr über das Ereignis wusste, als in den Zeitungen stand. Zu dieser Zeit wunderte ich mich noch darüber, dass über einen so spektakulären Vorfall nur in Kurzmeldungen berichtet wurde. Später verstand ich es.
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Dies ist eine Geschichte aus der Zeit, als in Berlin noch die Mauer stand und der „kalte Krieg“ der Supermächte die Politik im Großen wie im Kleinen bestimmte. 1979 arbeitete ich in der Anzeigenabteilung einer West-Berliner Tageszeitung. Mein Arbeitsplatz lag an der Potsdamer Straße, kurz vor dem Landwehrkanal - nicht weit entfernt vom Ort des Polizeieinsatzes.
Klaras Anruf erreichte mich an einem Tag im Oktober, als ich gerade das Büro für die Mittagspause verlassen wollte. Kurz vorher hatte ich Polizeisirenen auf der Straße gehört.
Ihre Stimme klang aufgeregt aus dem Hörer:
„Onkel Dani hat sich in Sarahs Wohnung verbarrikadiert“, rief sie durch das Telefon. Ich hörte Verkehrslärm am anderen Ende der Leitung, offenbar stand Pauls Tochter in einer Telefonzelle und hatte die Tür nicht ganz geschlossen. „Die Polizei ist hier. Sie haben alles abgesperrt!“
„Wo bist Du?“
„Wir stehen auf der Straße. Onkel Dani hat gedroht, das Haus in die Luft zu sprengen. Max, kannst Du kommen? Und vielleicht jemand in der Zeitung Bescheid sagen?“
„Ich bin in fünf Minuten da“, sagte ich und hängte auf.
Ich informierte eine Sekretärin in der Lokalredaktion, dann eilte ich aus dem Haus. Ich hatte den Vorteil, dass ich mir meine Arbeitszeit weitgehend frei einteilen konnte.
Ich lief die Potsdamer Straße hinunter, über die Kreuzung Bülowstraße. Die nächste Querstraße war die Winterfeldtstraße.
Vor dem Haus, in dem sich Sarah Weingartens Wohnung befand, standen grüne Polizeifahrzeuge. Eine Menschenmenge hatte sich auf der anderen Straßenseite versammelt. Vor dem Fenster einer Schusterwerkstatt erkannte ich Klara und ihren Vater. Bei ihnen stand Sarah Weingarten, eine Einkaufstasche lag neben ihr auf dem Trottoir.
Vor dem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen einige Feuerwehrleute mit einem Sprungtuch in den Händen, das sie aber noch nicht aufgespannt hatten.
Die Menschen auf der Straße hielten die Köpfe nach oben gewandt. Sie sahen hinauf zu einem Balkon in den oberen Stockwerken des Hauses, in dem Sarah Weingartens Wohnung lag. Von der Balustrade des Balkons hing ein schwarzes Tuch herab, auf dem ein gelber Davidsstern befestigt war. Am Fenster neben dem Balkon war von innen ein Plakat angebracht. Von der Schrift war wegen der großen Entfernung wenig zu erkennen, doch der mit gelber Farbe gemalte Schriftzug „Deutschland - KZ - Nazis“ stach mir ins Auge.
Klara kam mir entgegen und faßte mich am Arm. „Er ist da oben“, sagte sie.
Ihr Vater nickte mir zu. Neben ihm stand Sarah Weingarten. Sie blickte verstört.
„Er hat mich zum Einkaufen geschickt“, sagte sie zu mir, während sie weiter nach oben starrte. Unter dem Saum ihres Wollmantels sah der Rand eines Haushaltskittels hervor. „Ich brauche mich nicht zu beeilen, hat er gesagt. Und als ich zurückkam, hat er mich nicht mehr hereingelassen. ... Er droht, die Gashähne zu öffnen und das Haus in die Luft zu sprengen“, berichtete sie mit mühsam beherrschter Stimme.
„Er fordert seinen Pass zurück, um ausreisen zu können. Und ein Flugticket nach Kanada“, erklärte Paul.
Klara schüttelte traurig den Kopf.
Ich sah Stephen LaKurt, einen Bekannten aus der Redaktion, aus einer Nebenstraße kommen und sich zu einer Gruppe von Polizisten stellen.
Auf der Mitte der Fahrbahn ging ein Fotograf in Position. In der Menschen-menge auf dem Trottoir stieg das Murmeln aufgeregt an.
Auf dem Balkon erschien die schmächtige Gestalt David Kaminskis. Er schob seinen Kopf über die Brüstung und spähte herab. Er rief etwas Unverständliches. Dann bückte er sich, hob einen Gegenstand auf und hielt ihn hoch. Es war ein schwerer Blumentopf.
Ich fühlte Klaras Griff an meinem Arm. Sarah Weingarten stieß einen Schrei aus, als wollte sie den kleinen Mann auf dem Balkon von seinem Tun abhalten. Die Feuerwehrleute vor dem Haus zogen sich in den Hauseingang zurück.
Der Blumentopf flog im Bogen durch die Luft und fiel krachend auf das Dach einer der „Grünen Wannen“. Von dort prallte er ab und schlug in die Windschutzscheibe des dahinter stehenden Polizeiwagens, die berstend zersprang. Die Gestalt auf dem Balkon zog sich aus unserem Blickfeld zurück.
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Meine erste Begegnung mit David Daniel Kaminski lag einige Monate zurück. Im März 1979 besuchte ich zusammen mit Paul Zetman die Trabrennbahn in Mariendorf. Mit Paul, der um einiges älter war als ich, verband mich eine Leidenschaft für das Wetten. Wir hatten uns Anfang des Jahres im Spielcasino im Europa-Center kennengelernt.
Nachdem wir unsere Einsätze an den Wettschaltern getätigt hatten, stiegen wir die Stufen der alten Tribüne hoch, um das Geschehen auf dem Geläuf besser verfolgen zu können. Von den oberen Sitzbänken winkte eine Frau eifrig zu uns herunter.
„Huhu“, rief sie mit heller Stimme. Sie war groß und breit und trug einen gemusterten dunklen Wollmantel mit Pelzbesatz am Kragen. Ich schätzte sie auf Mitte fünfzig. Auf ihrem blonden dauergewellten Haar saß ein rundes Hütchen.
Neben ihr hockte ein schmächtiger kleiner Mann unbestimmten Alters, mit einem glatten Gesicht und alten Augen. Sein schütteres Haar bildete an der Spitze einen Wirbel und stand aufrecht nach allen Seiten gespreizt, als säße ihm auf dem Kopf ein Propeller.
„Sarah, hast du noch einen Kaffee für den jungen Mann hier?“ rief Paul Zetman im Hinaufgehen.
„Aber sicher“, rief sie fröhlich zurück, „heiß und kräftig!“ Sie lachte mir zu.
Paul stellte uns vor.
„Herr Adler - Frau Weingarten, Herr Kaminski.“
Beide, die große Frau und der kleine Mann, machten eine gemessene Verbeugung mit den Oberkörpern. Der Propeller auf dem Kopf des kleinen Mannes wippte. Die Frau neben ihm sah mich mütterlich an:
„Nehmen Sie Platz, junger Mann, hier sind sie gut versorgt.“
Sie nahm eine große Einkaufstasche von der Bank neben sich und stellte sie auf den Boden zwischen ihren Beinen. Paul und ich setzten uns. Aus den Tiefen der Tasche förderte sie eine Thermoskanne und einige Pappbecher hervor, aus denen sie uns einen Kaffee eingoß.
„Vorsicht“, sagte sie, „er ist heiß. Wenn Sie Zucker oder Milch wollen - es ist alles da.“ Wieder lachte sie.
Ich schüttelte den Kopf und dankte, während ich mit spitzen Fingern den heißen Pappbecher entgegennahm.
Der kleine Mann beugte sich vor.
„Paul, findest Du es richtig, dass Klara mit diesem ..... zusammen ist?“ Das eine Wort verstand ich nicht.
An dieser Stelle muß ich etwas erklären. Jener Sonntag im März auf der Rennbahn war ein besonderer Tag für mich, denn an ihm sah ich zum ersten Mal Pauls Tochter Klara: eine junge Frau mit blondem kurzgeschnittenem Haar. Als ich Paul auf dem Vorplatz vor den Wettschaltern entdeckte, verabschiedete sie sich gerade von ihrem Vater. Von mir nahm sie kaum Notiz. Sie war nicht allein. An ihrer Seite befand sich ein junger Mann, etwa Mitte zwanzig, mit schmalem Gesicht und dunklem Haar.
Auf ihn bezog sich offenbar die Bemerkung des kleinen Mannes. Ich verstand den Ausdruck nicht, den er gebrauchte, aber es klang wenig freundlich. Er sprach mit starkem Akzent - einem Akzent, den ich in sehr viel schwächerer Form auch bei Paul vernommen hatte.
„Du kennst sie doch, Dani“, sagte Paul Zetman, die Hände vor dem Bauch verschränkt, „sie läßt sich nicht hineinreden. - Außerdem“, fügte er gelassen hinzu, „was hast Du gegen ihn? Er tut doch nichts Falsches.“
Der kleine Mann runzelte die Stirn. „Er ist kein guter Umgang für sie“, beharrte er.
Paul Zetman schwieg. Ich nippte an meinem Kaffee.
„Kuchen!“ rief die Blonde und hielt einen Marmorkuchen in die Höhe. Sie versorgte alle Umsitzenden, dann wandte sie sich zu mir:
„Sind Sie Berliner?“
„Nein“, erwiderte ich, „aber ich lebe hier schon seit über zehn Jahren.“
„Sehen Sie, das hört man, dass Sie aus dem Westen kommen“, fiel sie mir ins Wort. „Sind Sie wegen der Bundeswehr nach Berlin gegangen?“ fragte sie augenzwinkernd.
„Unsere liebe Sarah.“ Paul lächelte breit. „Das ist eine echte Berlinerin.“
Ich dachte: Sarah Weingarten klingt wie ein jüdischer Name, und sagte:
„Waren Sie die ganze Zeit in Berlin?“
„Aber immer!“ erwiderte sie resolut. „Keine zehn Pferde haben mich hier weggebracht, junger Mann, das könen Sie mir glauben. Berlin ist meine Heimatstadt.“ Ihre große Gestalt wirkte auf mich plötzlich ungefüge und hart, nichts Weiches lag mehr in ihrem Gesicht. Dann aber lachte sie und strich sich über die Frisur. „Und jetzt bin ich allmählich zu alt, um mich noch zu verändern.“
Der kleine Mann an ihrer Seite nahm ihre Hand und meinte nachdrücklich:
„Das kann man nie wissen, was noch kommt.“
„Hier, iss von dem Kuchen“, sagte sie.
