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Ein junger Engländer hat vom deutschen Reichsrundfunk den Auftrag erhalten, eine Reisereportage über einen Segeltörn entlang der nordfriesischen Küste zu verfassen. Auf dieser Reise begleiten ihn eine Hamburger Reedertochter und ihre Freundin. Später stößt ein an der Botschaft seines Landes in Berlin tätiger Italiener zu ihnen. Es soll eine unbeschwerte Sommerreise werden, doch die politischen Realitäten lassen sich nicht verdrängen. Die Gegenwart des Sommers 1937 wird geprägt von den Jahren, die danach kommen, und die Rauchsäule am Horizont wird zur Schrift an der Wand. In diesem Spannungsfeld suchen vier junge Menschen einen Weg für ihr privates Glück.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Libert
Ein Sommer vor dem Krieg
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
EPILOG
Impressum
Kapitel 1
Sommer 1937
So begann der Sommer 1937:
Es herrschte Ruhe und Ordnung im Land. Im Jahr zuvor war die Welt zu Gast gewesen anlässlich der Olympischen Spiele von 1936. Das Ausland bewunderte Deutschland für die Autobahnen, die Straßen des Führers. Alle hatte Arbeit, auch die in den Lagern. Arbeit war Pflicht. Jede Opposition gegen das national-sozialistische Regime wurde im Keim erstickt. Kraft durch Freude organisierte Reisen für Hunderttausende. Für 55 Mark konnte man eine achttägige Tour mit dem Schiff zu den Norwegischen Fjorden buchen. Das Pfund ‚ff. Sauerkraut’ kostete 15 Pfennig, ein Kinobesuch 1 Mark 30. Es wurde ein Volkswagen geplant, erschwinglich für jedermann sollte er sein. Leni Riefenstahl erhielt auf der Weltausstellung in Paris für ihren Reichsparteitagsfilm Triumph des Willens eine Goldmedaille. In München wurde die Ausstellung Entartete Kunst eröffnet, mit 650 Werken verbotener und verfolgter Künstler.
Im Spanischen Bürgerkrieg stand Deutschland an der Seite General Francos, der gegen die Republik putschte. Im April 1937 bombardierten Flugzeuge der deutschen Legion Condor die katalanische Stadt Guernica. Im fernen Osten bereitete Japan den Angriff auf China vor. Bereits im Vorjahr hatte Italien die gewaltsame Annektion Abessiniens abgeschlossen.
Gottfried von Cramm erreichte zum dritten Mal in Folge das Endspiel des Tennisturniers in Wimbledon. Trotz seiner Niederlage war er der beliebteste Sportler im Land neben Max Schmeling.
Es war ein schöner Sommer in Deutschland.
Allerdings verzeichnete das jüdische Kinderheim in Wyk auf der Nordseeinsel Föhr in diesem Sommer deutlich weniger Anmeldungen als in den Jahren zuvor.
1.
Hinrich Basmann sah den jungen Engländer neugierig an.
„Sie wollen meine Tochter auf ein Schiff entführen?“
Anthony Hingley stand mit durchgedrücktem Rücken und ließ die Musterung des Hamburger Reeders über sich ergehen. „Eine Segelyacht, um genau zu sein“, stellte er in makellosem Deutsch fest.
„Und der Anlass der Reise ist ...?“
„Ein Reisebericht über die deutschen Nordseeinseln. Mit dem Segelboot.“
„Dafür sind Sie der richtige Mann.“
Es war eine Feststellung, keine Frage. Basmann, in seiner Jugend selber ein passionierter Segler, spielte damit auf die Teilnahme des Engländers an den olympischen Segelwettbewerben des vergangenen Jahres an. Anthony Hingley war in seinem Wettbewerb Vierter geworden und nur knapp an einer Medaille vorbei gesegelt.
„Für eine englische Zeitung?“ erkundigte sich der Reeder.
„Nein. Für den deutschen Rundfunk. Man wollte einen befreundeten Ausländer für diese Sache.“
„Da sind Sie ja bestens geeignet. Wie ich höre, setzt sich Ihr Vater in Ihrer Heimat für gute Beziehungen zu Deutschland ein.“
„Deshalb hat man mich angesprochen“, bestätigte Anthony. Nach einem kurzen Zögern fügte er hinzu: „Luise und ich werden natürlich nicht allein sein. Luise wird von ihrer Freundin begleitet, Marie Appeldorn.“ Er hüstelte hinter vorgehaltener Hand. „Es gibt getrennte Kabinen auf der Yacht.“
Das Gespräch fand im Sommer 1937 im Salon der Basmann-Villa am Leinpfad in Hamburg statt. Die beiden Männer standen vor der Fensterfront mit Blick auf die Alster und warteten darauf, dass die Damen mit dem Tee kamen.
Hinrich Basmann unterdrückte ein Lächeln. Seine Miene blieb undurchdringlich. Er sah keinen Grund, seinen Gast schon jetzt vom Angelhaken zu nehmen. Statt dessen nickte er bedachtsam.
„Ah, ja. Die Appeldorn. Nun ja.“ Er ließ nicht den Eindruck aufkommen, als hätte diese Information eine beruhigende, seine Bedenken zerstreuende Wirkung. „Eine sehr selbstständige junge Dame.“ Aus seinem Mund klang es nicht wie ein Lob.
„Und“, fügte Anthony rasch hinzu, „der Luftfahrtattaché an der italienischen Botschaft in Berlin wird ebenfalls zu uns stoßen.“
„Ah, ja! Der Luftfahrtattaché.“ Die Miene des Reeders hellte sich auf. Wider Willen war er beeindruckt. Luises englischer Freund, mit dem sie seit einem Jahr verbandelt war, hatte gute Kontakte. Er war bereit, dem Verhör ein Ende zu bereiten. Wenn seine Tochter sich entschlossen hatte, mit diesem jungen Mann den Sommer verbringen zu wollen, würde sie sich durch ihn nicht davon abbringen lassen.
Er setzte eine zufriedene Miene auf und nickte zustimmend.
Anthony Hingley atmete durch. Das Schlimmste schien überstanden. Seine Nervosität legte sich.
Während dessen kam es in der Küche zu einem Gespräch zwischen Mutter und Tochter:
„Du weißt, was du tust?“ Zaghaft und drängend zugleich fragte es Elfriede Basmann.
Luise hätte am liebsten die Augen verdreht. Aber das hätte ihre Mutter bemerkt. Elfriede Basmann konnte sehr aufmerksam sein. Und zog schnell Schlüsse. Aus Kleinigkeiten. Nicht immer waren diese Schlüsse richtig. Manchmal aber schon. Luise wollte nicht, dass ihre Mutter jetzt den vielleicht richtigen Schluss zog. Nicht bevor sie selbst zu einem Entschluss gekommen war. Das hätte alles noch komplizierter gemacht.
Sie sah ihre Mutter aus blauen, ach so unschuldig blickenden Augen an:
„Ja, Mutter, das weiß ich genau. Tony ist ein Gentleman. Er wird nichts tun, was sich nicht gehört.“
„Wenn du es sagst ...“ Elfriede Basmann machte sich ihre eigenen Gedanken. Für den jungen Mann mochte das ja gelten. Was ihre Tochter anging, war sie nicht so sicher. Schließlich ‚ging’ sie seit fast einem Jahr mit dem Engländer. Was als ein Flirt am Rande der olympischen Segelwettbewerbe im vergangenen Jahr begonnen hatte – zumindest war es ihr gegenüber so dargestellt worden –, sah mittlerweile nach etwas Ernstem aus. Sie kannte ihre achtundzwanzigjährige Tochter: So unschuldig, wie die aus ihren blauen Augen schaute, war sie sicherlich nicht.
Beide verfielen in nachdenkliches Schweigen. Auch Luise fragte sich, was nach bald einem Jahr aus der Bekanntschaft mit dem schlaksigen Engländer werden sollte. Es sah so aus, als müßte sie bald eine Entscheidung fällen. Das beunruhigte sie. Im allgemeinen wusste sie genau, was sie wollte. Aber musste es gerade ein Engländer sein?
Vor einigen Tagen war sie ins Kino gegangen und hatte sich den Film ‚Die englische Heirat’ zum zweiten Mal angesehen. Renate Müller, ihre Lieblingsschauspielerin, spielte darin eine Berliner Fahrlehrerin, die sich Hals über Kopf in einen leichtlebigen englischen Lord verguckte und ihn heiratete. Anschließend musste sie sich mit der Hochnäsigkeit und abweisenden Haltung seiner adeligen Verwandtschaft herumplagen. So etwas musste sie sich wirklich nicht antun. Außerdem wollte sie in Hamburg bleiben, bei ihren Eltern.
Die Damen kamen mit Tee und Kuchen. Man setzte sich um den ovalen Tisch in der gebogenen Fensternische, an dem die Mutter regelmäßig ihre Freundinnen aus der Hamburger Gesellschaft zu Kartenspielen empfing.
„Ja“, sagte Hinrich Basmann. „Luise war schon immer sehr sportlich.“ Der alte Reeder genoss die Situation. Seine Tochter nervös zu sehen, war ein seltenes Vergnügen.
Mit einem Schmunzeln fügte er hinzu:
„Die Appeldorn auf dem Wasser? Kann ich mir weniger gut vorstellen.“
Luise musste lachen. Das konnte sie auch nicht. Allein die Frage, welche Schuhe zu tragen waren, würde ihre Freundin vor Probleme stellen. Aber ohne Marie wollte sie nicht fahren. Allein auf einer Yacht zusammen mit Tony auf hoher See: Das hatte etwas Verlockendes. Aber auch etwas Bedrohliches. Soweit war sie noch nicht. Wobei sie das Wörtchen ‚noch’ in ihren Gedanken in Erregung versetzte. Ein Schauder lief über ihren Rücken und gelangte auf seltsamen Wegen in ihre Magengrube. Was fange ich mit diesem Engländer an, dachte sie in einer Aufwallung von Zorn.
Sie starrte auf den Kuchenteller vor ihr, mit dem nicht angerührten Stück von Mutters selbstgebackenem Butterkuchen. Sie vermied es, Anthony anzusehen, der ihr gegenüber auf der anderen Seite des Tisches saß. Ihre Mutter hatte es so arrangiert. Luise fürchtete, ihr Gesichtsausdruck würde verraten, was in ihr vorging.
Das war sonst nicht ihre Art. Sie war groß, blond, blauäugig, dickschädelig bis zur Sturheit, und sie wußte, dass sie von ihren Eltern letztlich alles bekam, was sie begehrte. Das war das Problem. Das einzige, was sie im Moment begehrte, war Tony. Sie konnte kaum an etwas anderes denken. Deshalb traute sie sich nicht, ihn anzusehen. Sie fürchtete, rot zu werden. Der Tisch war nicht breit. Er könnte auf die Idee kommen, mit dem Fuß den Kontakt mit ihr zu suchen. Panik überkam sie. Er hatte das schon einmal gemacht. Bei dem Festbankett des Yachtklubs in Kiel zu Ehren der ausländischen Olympiagäste. Da hatten sie sich gerade kennen gelernt. Und sie hatte den Fuß nicht zurück gezogen.
„Ja, Papa?“ Ihr Vater hatte sie etwas gefragt.
„Ob du deinen Kursus ausfallen lassen wirst?“ wiederholte der Reeder geduldig seine Frage.
„Die machen bald Ferien. Außerdem bin ich mit dem Stoff schon voraus. Ich versäume nichts.“ Luise besuchte seit vergangenem Herbst eine Sekretärinnenschule und beabsichtigte, nach dem Sommer im Büro ihres Vaters auszuhelfen. Sie hatte bisher keinen Beruf ausgeübt und fand es nun an der Zeit, sich allmählich ins Reedereigeschäft einzuarbeiten. Ihre Eltern wurden nicht jünger.
Was ihre Gedanken im Augenblick beschäftigte, war die Frage: Wer war der italienische Luftfahrtattaché, von dem Tony zu ihrem Vater gesprochen hatte? Hatte er den gerade erfunden? Sie konnte ihn nicht im Beisein ihrer Eltern fragen.
Die Gelegenheit ergab sich etwas später, als sie allein durch den Garten des Anwesens spazierten.
„Wer ist dieser italienische Luftfahrtattaché?“ fragte sie ihren Freund. „Hast du ihn dir ausgedacht?“
Er hob die Schultern:
„Ich dachte, es macht sich gut. Aber es gibt ihn wirklich. Du kennst ihn! Erinnerst du dich an Licio, letztes Jahr in Kiel? Da hast du ihn kennen gelernt.“
„Licio? Der kleine Italiener? Ich dachte, der wäre auch ein Segler?“
„Segeln kann er auch. Aber eigentlich ist er Flieger.“
„Hm“, machte Luise. Ihr Gehirn arbeitete. Die Konstellationen verschoben sich:
Sie und Marie an Bord der Segelyacht, und dazu Tony als Skipper, das war überschaubar, die Gefahr hielt sich in Grenzen. Ein zweiter Mann an Bord – das roch nach Pärchenbildung und änderte alles.
„Was hast du vor?“ fragte sie alarmiert. „Willst du Marie verkuppeln?“
Tony blickte unschuldig. „Wenn Licio überhaupt kommt, dann kommt er später“, wiegelte er ab. „Im Moment hat er reichlich zu tun mit der Vorbereitung des Mussolini-Besuches.“
Die Zeitungen waren voll davon. Der Führer der italienischen Faschisten, der Duce, hatte seinen Besuch beim Führer des Deutschen Reiches angekündigt.
„Was hat ein Flieger mit Mussolini zu tun?“ fragte Luise.
„Männer haben einen Beruf“, erklärte Tony nachsichtig. Ein Tonfall, der Luise gar nicht gefiel.
„Du nicht“, warf sie bissig ein. Sie konnte sich die Spitze nicht verkneifen. Sie merkte, dass sie gereizt war. Sie wusste nicht, warum.
Anthony zuckte mit den Achseln. Er hatte Fähigkeiten, wozu brauchte er einen Beruf? Immerhin hatte er im vergangenen Jahr bei den Wettkämpfen in Kiel beinahe eine olympische Medaille gewonnen (eine unerwartete Böe warf ihn auf den vierten Platz zurück). Außerdem sprach er mehrere Sprachen, darunter fließend Arabisch.
Und überhaupt lag es an Luise. Ohne sie wäre er längst wieder nach England zurück gekehrt und hätte eine Tätigkeit aufgenommen, wahrscheinlich im diplomatischen Dienst.
Sein Vater sah es gern, dass sein Sohn sich in Deutschland aufhielt und Verbindungen knüpfte. Sein Vater war aktives Mitglied einer prodeutschenVereinigung in Großbritannien. Tony selber betrachtete sich als eher unpolitisch. Das politische Tagesgeschäft interessierte ihn nicht. Obwohl er das, was die Deutschen gerade aufbauten, bewunderte. Es schien ihm, als kündigte sich hier eine neue Zeit an, während in seiner Heimat das Parteiengezänk und das Postengeschachere jede positive gesellschaftliche Entwicklung im Keim erstickte.
Am nächsten Tag kam Marie Appeldorn mit dem Zug aus Berlin. Luise und Anthony holten sie vom Bahnhof ab. Gemeinsam fuhr man zur Villa der Basmanns. Die Begrüßung fiel herzlich aus. Die Basmanns kannten Marie vom ersten Internatsjahr ihrer Tochter an, als sie ihre neue Freundin in den Ferien mit nach Hamburg brachte.
Es wurde Abend, bis Luise und Marie allein miteinander reden konnten. Sie hockten in Pyjamas auf dem Bett im Gästezimmer. Marie, die trotz eines Reisegepäcks von drei großen Koffern ein solches Kleidungsstück nicht mit sich führte, hatte einen von Luise geliehen bekommen mit dem Hinweis: „Gewöhn dich daran. Oder willst du auf dem Boot in einem Negligé schlafen? Das wird bestimmt zu kalt.“
Sie ließen den Tag Revue passieren. So wie sie es in den gemeinsamen Internatszeiten getan hatten.
„Deine Mutter hat mich beiseite genommen, am Nachmittag im Garten, nachdem wir Kaffee getrunken hatten“, erzählte Marie Appeldorn. „Sie meinte, ich solle ein Auge auf dich haben. Wahrscheinlich meinte sie: vor allem auf dich und Tony.“
„Meine Mutter“, seufzte Luise. Mit energischen Bewegungen schüttelte sie das Kopfkissen auf und stopfte es sich hinter den Rücken.
Ihre Freundin fuhr direkt fort: „Das Beste kommt noch: Kaum hatte deine Mutter mich instruiert, zog dein Vater mich ins Gebüsch.“ Sie lachte auf, als sie Luises zweifelnden Gesichtsausdruck sah. „Nicht so, wie du denkst. Er hatte zuerst Schwierigkeiten, mir klar zu sagen, was er wollte. Aber schließlich rückte er doch damit heraus. Es lief auf das hinaus, was deine Mutter schon gesagt hatte: Ich solle doch bitteschön ein Auge auf dich und Anthony haben. Als ob ich mich zum Anstandswauwau eignen würde. Ausgerechnet ich!“ Wieder lachte sie laut auf. Maries lautes Lachen war berühmt und berüchtig. Sie konnte ein ganzes Lokal zum Schweigen bringen, wenn sie heraus platzte. Ihr war das nicht peinlich. Sie genoss die Aufmerksamkeit.
Luise nickte. Marie Appeldorn war als Anstandsdame denkbar ungeeignet.
„Was mich zu der Frage bringt“, fuhr ihre Freundin fort, „warum du unbedingt wolltest, dass ich mitfahre. Es wäre doch ideal gewesen: nur du und Tony allein. Auf einem Schiff weit draußen, in einer Vollmondnacht. Vielleicht noch ein romantischer Schiffbruch. Strandung auf einer einsamen Insel.“
„Ach, ich weiß nicht“, erwiderte Luise zögerlich. „Was hätten meine Eltern dazu gesagt.“
„Seit wann kümmerst du dich darum, was deine Eltern sagen. Was sagst du dazu?“ insistierte Marie Appeldorn.
„Es ist mir lieber, wenn du dabei bist“; wich Luise aus.
„Das habe ich auch so verstanden. Sonst wäre ich nicht gekommen. Ich habe nämlich das überaus starke Gefühl, bei dieser Geschichte so etwas wie das fünfte Rad am Wagen zu sein.“
„Wir sind nur zu dritt“, korrigierte Luise pedantisch.
„Du weißt, was ich meine. Ich komme mir ziemlich überflüssig vor.“
„Das brauchst du nicht, Mariechen“, sagte Luise und nahm ihre Freundin in den Arm. „Wir werden viel Spaß miteinander haben.“
„Zu dritt?“ Marie sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ja!“ Energisch nickte Luise. Als sie den amüsierten Gesichtsausdruck ihrer Freundin sah, errötete sie. „Nicht so, wie du denkst“, protestierte sie.
„Hm. Wie dann?“ fragte Marie.“Und was ist mit diesem Italiener?“
„Ich weiß nicht, was Tony sich dabei gedacht hat. Ich bin nicht einmal sicher, dass der kommt.“
„Zurück zu Tony und dir. Stimmt etwas nicht? Du zeigst so wenig Begeisterung.“
„Doch. Er ist wunderbar.“
„Und?“
Luise schwieg.
„Immerhin seid ihr bald ein Jahr zusammen.“
„Ich glaube, er will mir einen Antrag machen. Auf dieser Reise“, platzte Luise heraus.
Marie klatschte in die Hände. Dann blickte sie ihrer Freundin forschend ins Gesicht.
„Stört dich etwas daran?“
„Nein!“ wehrte Luise erschrocken ab. Sie lächelte. „Ganz und gar nicht.“ Ihre Miene wurde wieder ernst. „Es ist nur so ...“
„Ja?“
„Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin.“
„Einen Besseren als Tony findest du nicht.“
„Ich weiß. Das ist es nicht ...“
„Aber?“
„Ich habe Angst.“
„Wovor?“
„Was, wenn es wieder Krieg gibt? Immerhin ist Tony kein Deutscher.“
„Jetzt spinnst du aber, min Deern. Niemand in Europa will Krieg. Das ist was für China. Oder Afrika. Aber doch nicht in Europa. Tony ist Engländer! Das sind ‚unsere germanischen Brüder’, wie Adolf sagt. Deutschland und England werden nie wieder Krieg gegeneinander führen.“
„Das glaube ich ja. Und Tony sagt das auch. Deutschland hat viele Freunde in England. Und trotzdem ...“
„Oder ist es, weil du nicht aus Hamburg weg willst?“
„Das auf keinen Fall. Ich lasse meine Eltern nicht allein. Nach England will ich nicht.“
„Hast du mit Tony darüber gesprochen?“
„Er fühlt sich wohl in Deutschland. Sagt er immer wieder.“
Das war keine klare Antwort, und Marie Appeldorn begriff, dass dies eines der Probleme war, die ihre Freundin belasteten.
„Kann Tony nicht in der Reederei arbeiten? Mit seinen Sprachkenntnissen. Das ist doch ein internationales Geschäft.“
„Das will er nicht. Da bin ich ganz sicher. Büroarbeit ist nichts für ihn. Er will unabhängig sein. Eigentlich hat Tony noch nie davon gesprochen, einen Beruf zu ergreifen.“
„Aber irgend etwas muss er doch machen.“
„Er ist in letzter Zeit viel in Berlin. Der deutsche Kurzwellensender sucht einen Mitarbeiter für Reportagen in englischer Sprache. So in der Art: ‚Deutschland als Reiseland’. Leute vom Rundfunk haben ihn angesprochen, ob er für sie arbeiten will. Das könnte schon eher nach Tonys Geschmack sein.“
„Hat die Segeltour etwas damit zu tun.“
„Ja. Das soll ein erster Bericht werden. ‚Mit dem Segelboot zu den Inseln’ – so etwas.“
„Dann arbeitet er wohl bald für unseren kleinen Hinkefuß?“
„Du meinst den Goebbels? Ich weiß nicht, mit wem er gesprochen hat. Ich bin mir auch nicht sicher, wie ernst Tony das alles nimmt. Aber immerhin wäre es eine Tätigkeit.“
„Ich finde, das zeigt zumindest, wie ernst es ihm damit ist, bei dir zu bleiben.“
„Ja schon.“
Luise schien nicht überzeugt zu sein.
Marie Appeldorn schüttelte den Kopf. „Das könnte eine interessante Reise werden“, meinte sie. „Ich gewöhn mich langsam an den Gedanken. Aber vergesst nicht: ihr habt mir einen Italiener versprochen. Darauf bestehe ich.“
Zwei Tage vor dem geplanten Beginn der Reise gingen Luise und Marie in Hamburg ins Kino. Anthony hielt sich an diesem Tag zu einer Besprechung in Berlin auf. Luise hatte den Film „Die englische Hochzeit“ vorgeschlagen, den Marie noch nicht kannte. „Bin nie dazu gekommen“, hatte sie gemeint. Filme ansehen gehörte zu ihrem Beruf, denn sie arbeitete in der Pressestelle der Universum-Film AG, kurz UFA, der größten deutschen Filmproduktion. Luise hatte darauf bestanden, dass Marie den Sandrock-Müller-Film mit ihr zusammen ansah. Dass sie selbst den Film zum dritten Mal sah, störte sie nicht.
2.
An einem klaren, strahlend schönen Sommertag begannen sie ihre Reise vom Yachthafen Wedel an der Peripherie Hamburgs aus. Luises Vater hatte sie persönlich mit dem Auto zum Boot gebracht und sie am Kai verabschiedet.
Die knapp neun Meter lange Lena Winzig, mit der sie in See stachen, war eine Leihgabe des Hamburger Jachtklubs. Man war sofort bereit gewesen, dem Wunsch des Reichsrundfunks nach einem Boot für den Gast aus England nachzukommen. Anthony Hingleys Ruf als Olympiateilnehmer hatte ein übriges dazu getan, mögliche Bedenken zu zerstreuen. Es gab auch keinen Widerspruch von Seiten des Eigners, denn der hatte zur Zeit keine Verwendung für das Boot.
Die Yacht wies unter Deck eine geräumige Kajüte auf mit einer kleinen Pantry auf der einen Seite und einer Arbeitsplatte auf der anderen; mit zwei Kojen und einem Tisch dazwischen, dazu gab es eine Toilette und reichlich Stauraum.
Unbeeindruckt von der Großzügigkeit der Einrichtung hatte Marie Appeldorn bei der Besichtigung einige Tage zuvor einen skeptischen Blick in den Raum geworfen.
„Und wer schläft hier wo?“ war ihre erste Frage.
„Da ist eine Eignerkabine. Für die Damen“, erklärte Anthony in seinem manchmal umständlichem Deutsch. Er zeigte auf den vorderen Teil der Kajüte, wo sich zwischen Einbauschränken eine schmale Tür befand. „Und hier die zwei Liegen. Aber wir werden meistens an Land schlafen. Wir hüpfen von Insel zu Insel“, meinte er fröhlich.
Marie Appeldorn schien erleichtert. Ihre nächste Frage hätte nämlich dem offenbar nicht vorhandenem Bad gegolten. Sie war entschieden für das Übernachten an Land.
„Natürlich nicht, wenn es zum Notfall kommt“, fügte Anthony beiläufig seinen Worten hinzu. Die Fröhlichkeit war aus seiner Miene gewichen.
Marie sah ihn alarmiert an.
„Notfall? Was für ein Notfall!“
Der Engländer hob die Schultern. „Ein Sturm“, murmelte er düster. „Mastbruch. Strandung auf einer Sandbank. Die See ist unberechenbar.“ Er hatte sich abgewandt, sein Gesicht war nicht zu sehen.
Marie war beunruhigt. „Ich denke, du bist ein erfahrener Segler?!“
Anthony zeigte ihr weiterhin den Rücken und antwortete mit einem Achselzucken.
Hilfesuchend blickte Marie zu ihrer Freundin.
Luise stieß ihrem Freund den Ellenbogen in die Seite. „Lass den Unsinn!“ fuhr sie ihn an.
„Aua!“ Anthony richtete sich empört auf und rieb sich die Hüfte. Luise verdrehte die Augen. Sie packte Marie am Arm. „Komm. Er nimmt dich nur auf die Schippe.“
Sie stiegen durch die Luke hinauf aufs Deck.
„Ich werde bestimmt seekrank“, meinte Marie missmutig.
„Wir sind jeden Abend an Land“, beruhigte sie ihre Freundin.
„Und wann kommt der Italiener dazu?“
„Auf Sylt. So ist es verabredet.“
Ihr erstes Ziel war Helgoland.
„Schaffen wir das heute?“ fragte Marie träge, die sich im Badeanzug von der Sonne verwöhnen ließ.
Luise schüttelte den Kopf. „Das ist zu weit.“
„Wir hätten doch früher aufbrechen können“, wandte Marie ein.
„Wir müssen elbabwärts das ablaufende Wasser nutzen, das können wir aber höchstens fünf, sechs Stunden.“
„Was heißt hier ablaufendes Wasser? Die Elbe ist doch keine Badewanne.“ Marie kicherte.
„Die Ebbe. Deswegen sind wir erst nachmittags los. Es hätte uns nichts gebracht, zu starten, wenn uns die Flut entgegen kommt“, erklärte Luise geduldig.
„Ach so.“ Ebbe und Flut, davon hatte auch Marie schon gehört. „Ist die Flut so stark, dass wir nicht gegenan können?“
Luise nickte. „Wir würden kaum vorankommen. Umgekehrt kann uns der Ebbstrom um bis zu drei Seemeilen pro Stunde beschleunigen.“
„Und warum fahren wir nicht mit dem Motor?“ Marie hatte sehr wohl bemerkt, dass das Boot einen solchen besaß.
„Gegen die Flut würde das nicht viel bringen. Und jetzt brauchen wir ihn nicht. Wir segeln mit dem Ebbstrom“, erklärte Luise. „Aber das ist in sechs Stunden vorbei, dann kommt uns die Flut entgegen. Bis dahin schaffen wir es nicht bis in die offene See. Nicht einmal bis Cuxhaven. Man vergisst oft, dass es von Hamburg bis zur Nordsee gut 100 Kilometer sind. Und auf der Elbe gegen die hereinströmende Flut ansegeln zu wollen, bringt nichts. Da kommen wir nicht voran. Also machen wir zwischendurch eine Pause.“ Sie wandte sich an Anthony, der am Ruder saß und den Schiffsverkehr im Auge behielt: „Wo legen wir den Zwischenstopp ein?“
„Glückstadt“, erwiderte er zerstreut. „Das soll der beste Liegeplatz sein. Bis Cuxhaven kommen wir nicht. Brunsbüttel vielleicht, aber Glückstadt ist interessanter für meinen Reisebericht.“
Sie erreichten das malerisch am Elbstrom gelegene Städtchen am frühen Abend und machten im Außenhafen fest. Nachdem das Boot vertäut war, unternahmen sie einen Rundgang durch den Ort. Luise hatte einen Reiseführer dabei und informierte ihre Begleiter. Luise hatte mehrere Bücher eingepackt. Sie wollte Anthony bei seiner Reportage helfen.
