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Das Buch schildert die Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen, die in den Wirren des Krieges ihre Heimat verloren haben und auf sich allein gestellt sind. Im vom Bürgerkrieg zerrissenen Land suchen sie einen Ort, der ihnen Sicherheit und Hoffnung auf einer glücklichere Zukunft gewährt.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Libert
In den Zeiten des Krieges
Band 2: Im Land des Krieges
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1: Das Kastell
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
Teil 2: Truland
12.
13.
Impressum
Teil 1: Das Kastell
1.
Der Junge lachte. Unkontrolliert zuckte sein Körper hin und her. Seine mageren Gliedmaßen zitterten. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, keuchend sagte er:
„Alfred, bist du Robert? - Oder bist du Alfred?“
Ein erneuter Lachanfall unterbrach ihn und schüttelte ihn durcheinander.
Sein Gegenüber hielt sich die Ohren zu. Er wich auf der steinernen Bank bis zur Wand zurück. Sein Körper war verdreht, das Gesicht hielt er gegen die Mauer gepresst. Aber der Junge, der lachte, gab ihm keine Ruhe. Er rüttelte ihn an der Schulter und erklärte glucksend:
„Oder soll ich dich Robfred nennen? Oder vielleicht - Alfbert?“ Er fiel vor der Bank auf die Knie, sein Körper wand sich unter dem neuen Anfall. Er japste nach Luft, noch immer lachend, und presste die Hände in die Seiten. Abwechselnd lachte und stöhnte er, während ihm die Tränen über das dünne, mit Sommersprossen besäte Gesicht rannen.
Am Horizont war die Küste zu sehen, als Lisa und Peter in der Dämmerung an die Reling traten. Seit Wochen waren sie nun schon auf See, doch sie verloren das Land nie aus den Augen. Alle zwei, drei Tage lief das Schiff einen Hafen an, um Ladung und Passagiere abzugeben und neue an Bord zu nehmen. Es blieb nie länger als einen Tag an einem Ort, so dass wenig Zeit für Ausflüge aufs Land blieb.
Die beiden kümmerte das nicht. Sie waren glücklich, miteinander auf dem Schiff zu sein. Jeder Tag, den die Fahrt länger dauerte, war für sie ein Geschenk. In den Häfen verließen sie das Schiff selten. Es war ihnen vertraut geworden und bot ihnen Sicherheit. Sie wussten nicht, was sie an Land zu erwarten hatten. Solange sie fuhren, hatte ihr gerade begonnenes gemeinsames Leben einen festen Rahmen. Das Ende der Reise dagegen verhieß erneute Ungewissheit.
Nun aber lag dieses Ende nicht mehr fern. In den letzten Tagen hatte das Schiff keine Häfen mehr angelaufen, und der Steuermann, mit dem sie sich angefreundet hatten, erklärte ihnen, dass man jetzt direkten Kurs auf Delenden genommen hätte.
Das war eine Änderung der ursprünglich geplanten Route, denn auf ihrem Kurs lagen noch mehrere Küstenstädte, die der Frachter auf früheren Reisen regelmäßig angelaufen hatte. Doch nun herrschte in diesem Land der Krieg. Er tobte schon seit Monaten, und niemand ging noch freiwillig dorthin.
Delenden selber, so erzählte der Steuermann, sei bis jetzt noch eine Insel des Friedens inmitten des Krieges. Aber niemand könne sagen, wie lange dieser Zustand anhalten würde. Es wäre gut möglich, dass sie die letzten Flüchtlinge wären, die noch auf dem Seeweg nach Truland gelangten. Denn wenn Delenden als Zwischenstation ausfiele, wäre damit die letzte bestehende Route unterbrochen.
Die Erzählungen des Steuermanns warfen einen Schatten auf das Glück der beiden jungen Menschen. Wenn sie sich auch weiterhin an Bord des Schiffes in Sicherheit befanden, so stand nun doch ständig als drohender Begleiter das Land des Krieges am Horizont.
Leicht glitten die Finger über die Tasten des Klaviers. In dem hohen Raum klangen die Töne verhalten, füllten ihn mit einem unsichtbaren Muster. In ihrem Netz gefangen hielten sie die willenlos sich der Musik unterordnende Gestalt der Tänzerin.
Der zierliche, feenhafte Mädchenkörper schien den Boden kaum zu berühren. Traumhaft schwebend glitt sie an den Tönen entlang durch den Raum. Jetzt stand die Gestalt hoch aufgerichtet, der Kopf in tiefer Konzentration geneigt. Schneller, härter wurde der Klang der Töne. Ein Ruck ging durch den Körper. Dem Zwang der Musik folgend wand er sich in schwindelnden Bögen. Dann wurden die Töne leiser. Die Gestalt des Mädchens sank langsam mit gekreuzten Armen zu Boden.
Mitten in der Nacht wachte Peter auf. Er wagte sich nicht zu rühren, denn Lisas Kopf lag an seiner Schulter, und er wollte sie nicht wecken. Sein Blick wanderte durch die enge Kabine. Der Widerschein der bewegten See fiel durch das offene Bullauge an die Decke.
Lisa seufzte im Schlaf und drehte sich auf die andere Seite. Peter richtete sich auf und sah hinaus auf das Meer. Das Licht des Mondes spiegelte sich auf der weiten Wasserfläche, wurde tausendfach gebrochen und bildete ein gleißendes Mosaik. Hinter diesem flimmernden Spiegel erstreckte sich die langgezogene dunkle Silhouette der Küste, fern und doch nah, immer gegenwärtig.
Peter wandte den Blick ab und legte sich wieder hin. Er glitt enger neben Lisa, bis ihre Köpfe dicht beieinander lagen. Dann schlief auch er wieder ein.
Er hockte in einer Ecke des langen Flures, gegenüber dem letzten Zimmer. Er hatte die Beine angezogen, das Kinn auf die Knie gestützt. Unverwandt ruhte sein Blick auf der Tür. Nichts regte sich, bewegungslos hing die abgestandene Luft in dem engen Gang.
Weiter unten ging eine Tür auf und ein Lichtstreifen fiel auf die Holzbohlen. Doch niemand erschien. Nach einer Weile schloss sich die Tür wieder. Es war wieder dunkel im Gang.
Doch nun regte sich etwas in dem gegenüber liegenden Zimmer. Jemand ging auf und ab, sprach halblaut. Ein leises Wispern antwortete ihm, ein girrendes, spitzes Lachen ertönte. Dann liefen bloße Füße patschend über den Boden, verstummten. Es wurde wieder still in dem Zimmer.
Er hatte die Hände geballt und rieb sie aneinander. Aber es war nur eine unbewusste Reaktion. Der Blick seiner Augen unter den buschigen schwarzen Brauen war stumpf, sein Gesicht unbewegt, fast schläfrig.
Nach einiger Zeit wurde es im Zimmer wieder lebendig. Die Tür ging auf und ein Mann trat heraus. Er nahm keine Notiz von dem Jungen, sondern schritt eilig den Gang hinunter.
Der Junge hatte sich halb aufgerichtet. Er sah ihm nach, als wäre er unschlüssig, ob er ihm folgen sollte oder nicht. Dann erschien ein Mädchen in der Tür und nickte ihm zu. Darauf hin fiel er zurück in seine vorherige Stellung. Sein Gesicht zeigte wieder den desinteressierten abwesenden Eindruck. Das Mädchen trat zurück ins Zimmer und schloss die Tür.
Das Schiff wiegte sich in der langen Dünung. Die Neigung des Decks geschickt ausnutzend schlug Lisa den Puck nach vorn. Er schlitterte im Bogen über die polierten Planken, zwischen zwei Markierungssteinen hindurch.
„Geschafft!“ jubelte Lisa und warf den Schläger übermütig in die Luft. „Ich habe dir ja gesagt, dass es geht!“
„Du arbeitest mit allen Mitteln“, knurrte Peter gespielt mürrisch. „Ich gebe auf. Hab ja doch keine Chance gegen dich.“
„Du Feigling“, neckte sie ihn spöttelnd.
Er sah sie mit einem finsteren Stirnrunzeln an:
„Feigling? Ich werde dir gleich zeigen, wer ein Feigling ist.“ Dann lachte er. „Aber erst einmal sollten wir unter Deck gehen. Dahinten kommt schon die nächste Regenfront.“
Scheppernd fielen die Scherben zu Boden. Augenblicklich erstarrten die dunklen Gestalten zur Bewegungslosigkeit. Die Sekunden verrannen, aber im Haus blieb es still. Es kam wieder Bewegung in die Gruppe.
Der Lange, der die Scheibe eingeschlagen hatte, drehte sich um und winkte einen der kleineren Schatten herbei. Er hob ihn hoch, durch das Fenster. Der kleine Schatten verschwand im Inneren des Hauses. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür neben dem Fenster. Sie quietschte leise in den Angeln, und der lange Schatten machte verärgert eine Handbewegung. Sofort blieb die Tür stehen. Durch den schmalen Spalt zwängte sich der Lange ins Innere. Die übrigen folgten vorsichtig.
Durch das Fenster und die halb geöffnete Tür fiel genügend Licht, um das Mobiliar des Raumes erkennen zu lassen.
„Menschenskinder, das ist ja toll“, flüsterte eine erregte Knabenstimme. Der Lange fuhr herum und hob die Hand. Es wurde wieder still. Die Kinder sahen sich andächtig um.
Sie befanden sich in der Küche des Hauses. Aber ihre Aufmerksamkeit galt einer zweiten Tür, die jetzt weit offen stand. Dahinter lag die Vorratskammer. Ihr Anblick hielt die Kinder gefangen, die seit Tagen nichts mehr gegessen hatten.
Aber noch traute sich keiner von ihnen vor. Sie warteten auf das Zeichen ihres Anführers. Der Lange sah sich nachdenklich um, dann wandte er sich an die schlanke Gestalt mit dem wuscheligen Haarschopf neben sich und zeigte auf die dritte Tür, die ins Innere des Hauses führte. Die Gestalt nickte und stellte sich neben die Tür. Sein Schatten verschmolz mit dem Dunkel der Wand hinter ihm.
Nun erhielten die übrigen freie Bahn. Sie stürzten sich in die Vorratskammer, rissen ihre Tragetaschen und Beutel auf, und stopften hinein, was sie erlangen konnten. Das alles ging schnell und fast ohne Geräusche. Keiner von ihnen aß dort in der Kammer.
Der Lange war ihnen als letzter gefolgt und beobachtete ihr Treiben.
Plötzlich trat ein Mann in die Küche. Aber er kam nicht aus dem Inneren des Hauses, sondern vom Hof her. Er stürzte in die Tür der Vorratskammer und versperrte sie mit seinem Körper. Wütend lachte er auf.
„Hab’ ich euch“, höhnte er, „ihr Tagediebe!“
Die jugendlichen Räuber schraken herum, starrten ihn entsetzt an. Der Kleinste von ihnen, ein Junge, fing an zu weinen. Der Lange aber sah an dem Mann vorbei.
Hinter dem erschien lautlos die schlanke Gestalt mit dem wirren Haarschopf. Sie hob beide Hände. Blitzschnell glitt eine Lederschlinge über den Kopf des Mannes und legte sich um seinen Hals.
Der Mann schrie erstickt auf. Seine Hände fuhren hoch und krampften sich in das Leder. Er taumelte zurück. Im gleichen Moment war die Horde über ihm, warf ihn zu Boden und trampelte über ihn hinweg.
Als der Mann endlich die Schlinge gelöst hatte und sich wieder aufrichtete, war die Küche leer.
„Dort“, sagte der Steuermann zu Peter und Lisa, „dort liegt Delenden.“
Die beiden folgten seinem ausgestreckten Arm mit den Blicken. Seit Stunden schon stampfte das Schiff einen breiten Strom hinauf, umgeben von flachem, fruchtbarem Land. Aber es war ein unbelebtes Land. Die Äcker lagen brach und auf den Weiden fand sich kein Vieh. Einmal hatten sie in der Ferne ein Dorf gesehen. Es war verlassen gewesen, ein Teil der Häuser abgebrannt oder zusammengestürzt.
Genau über die Bugspitze hinweg konnten sie im Dunst stecknadeldünne Türme erkennen. Eine dunkle Wolke hing über der Stadt.
„Das sieht nicht gut aus“, meinte der Steuermann. „Der Krieg ist auf dem Vormarsch. Bei unserer letzten Fahrt war das Dorf noch bewohnt gewesen. Nun wird wohl auch Delenden bald fallen.“
Der achtjährige Junge verstand nicht, warum die Wächter ihn von seiner Mutter fortnahmen. Er klammerte sich an sie, wollte sie fragen. Aber sie sprach nicht mehr zu ihm, seit Tagen hatte sie zu niemandem mehr gesprochen.
Er hatte Hunger, und sie hatte ihm nichts zu essen gegeben. Das verstand er nicht. Er sah in ihr Gesicht, aber ihre Augen blickten an ihm vorbei. Da bekam er plötzlich Angst vor seiner Mutter. Aber er wollte keine Angst haben. Sie hatte ihm immer wieder gesagt, er dürfte keine Angst haben.
Als der Wächter ihm unter die Arme fasste und hoch heben wollte, versteifte sich der Körper des Jungen. Er klammerte sich an der Mutter fest. Doch der Wächter riss ihn los. Zwei andere Wächter packten seine Mutter auf eine Trage, legten eine Decke über sie, zogen sie bis über den Kopf. Sie hoben die Trage hoch und wollten sie hinaus tragen.
Da begann der kleine Junge zu schreien. Sein zartes, mädchenhaftes Gesicht verzerrte sich. Er stieß, biss, spuckte und wand sich aus dem Griff des Wächters. Er trat um sich. Das feine aschblonde Haar flog um seinen Kopf. Er hing sich an die Tragbahre und versuchte sie zurück zu halten. Unwillig setzten die Träger ab und sahen ihn drohend an. Von hinten legte sich die Hand des Wächters auf seine Schulter.
Er bückte sich, schlüpfte unter dem Arm hindurch und rannte hinaus auf die Straße. Hinter sich hörte er die Rufe der Wächter, ihre genagelten Stiefel trommelten auf das Pflaster.
Die Mutter hatte gesagt, die Wächter wären an allem Schuld. Wenn es die Wächter nicht gäbe, hätten sie auch keinen Krieg und genug zu essen. Die Wächter waren die Bösen. Er wollte sich nicht von ihnen fangen lassen.
Er rannte die Straße entlang, huschte um die Ecken und drängte sich zwischen den Menschen hindurch. In einem dunklen Winkel verbarg er sich, und die Wächter rannten vorbei.
Peter schulterte den Rucksack, der noch immer ihr einziges Gepäckstück darstellte, dann schüttelte er dem Steuermann die Hand. Lisa stand bereits auf der Laufplanke, die zum Kai hinab führte. Beide warfen einen wehmütigen Blick zurück auf das Schiff, das ihnen ein lieb gewonnenes Heim geworden war.
Der Steuermann hatte ihnen den Weg zum Charterbüro erklärt. Dort sollten sie erfahren, welches Schiff sie weiter bringen konnte. Aber in dem Büro erwartete sie eine unangenehme Überraschung. Der Angestellte hörte sich ihre Wünsche an, ohne darauf einzugehen, nahm ihnen ihre bereits in Wiechenstadt erstandenen Tickets ab und stellte ihnen dafür eine Quittung aus. Auf Peters erstaunte Frage wies er ihn zur Kasse, wo er sich den Restbetrag auszahlen lassen könnte.
Das Geschehen bis dahin hatten Lisa und Peter verständnislos verfolgt. Nun verlangten sie wütend eine Erklärung. Der Angestellte sah sie nur erstaunt an und fragte nachsichtig, ob sie nicht wüssten, dass es keine Schiffsverbindung mit Truland mehr gäbe. Es müsste doch auch ihnen bekannt sein, dass Trandaron dem Krieg zum Opfer gefallen wäre und als Zwischenstation ausfiele. Es gäbe nun einmal keine andere Möglichkeit, auf dem Seeweg nach Truland zu gelangen als eben durch die Meeresenge von Trandaron.
Fassungslos standen Peter und Lisa vor ihm. Ihre Bestürzung war so offensichtlich, dass das Gesicht des Beamten einen mitleidigen Ausdruck annahm. Er meinte, er könnte ihnen auch nicht empfehlen, hier in Delenden zu bleiben, denn die Soldaten des Reiches ständen bereits vor der Stadt. Seit Wochen schon dauerte die Belagerung an. Das Beste wäre es für sie, mit dem Schiff wieder zurück nach Wiechenstadt zu fahren.
Unwillkürlich schrie Lisa leise auf und klammerte sich an Peter. Der Beamte sah sie an und nickte verständnisvoll. Richtig, das käme für sie ja erst recht nicht in Frage. Er überlegte einen Moment, dann winkte er sie beiseite. In einer Ecke des Raumes flüsterte er ihnen zu, dass es noch eine Möglichkeit gäbe, nach Truland zu gelangen. Allerdings eine illegale und nicht ganz ungefährliche.
Natürlich griffen die beiden Flüchtlinge nach diesem Strohhalm und drangen in ihm fortzufahren. Daraufhin erzählte ihnen der Angestellte, dass es im Hafen Kapitäne gäbe, die gegen entsprechendes Entgelt bereit wären, Flüchtlinge nach Truland zu bringen. Das Gefährliche daran wäre das Passieren der Meeresenge von Trandaron, die die neuen trandaronischen Machthaber für jeden Flüchtlingsverkehr gesperrt hätten. Jeder Kapitän, der beim Transport von Flüchtlingen ertappt würde, landete unweigerlich im Gefängnis. Trotzdem fänden sich immer Waghalsige, deren Geldgier stärker war als die Angst. Er könnte ihnen einen dieser Männer vermitteln.
Peter und Lisa zögerten nicht, sahen sie hierin doch die einzige Möglichkeit, ihr Ziel zu erreichen. Sie boten dem Angestellten ihr gesamtes Geld an. Der meinte zwar, es wäre eigentlich nicht genug, aber da sie nun einmal nicht mehr besäßen, wollte er sein Glück versuchen. Er sagte ihnen, sie sollten sich am Mittag vor dem Büro mit ihm treffen. Dann wollte er mit ihnen hinunter zum Hafen gehen.
Die beiden ließen sich draußen in einem stillen Winkel neben dem Haus nieder. Keiner von ihnen hatte Lust, etwas zu unternehmen, bevor die Frage der Passage nach Truland geklärt war.
Vor ihnen lag die von unruhigem, quirligem Leben erfüllte Straße. In der Ferne ertönte dumpfes Grollen. Über den Hausdächern stieg eine dunkle Rauchwolke empor. Doch die Menschen um sie herum nahmen keine Notiz davon.
Peter und Lisa saßen dicht neben einander mit dem Rücken an der Hauswand. Den Rucksack hielt Peter zwischen den Beinen. Niemand kümmerte sie um sie. Plötzlich stieß Lisa Peter an und zeigte an der Hauswand entlang, wo einige Meter weiter eine Mülltonne stand.
Ein kleiner Junge mit langem blondem Haar hatte sich der Tonne genähert und ihren Deckel geöffnet. Er konnte nicht über den Rand sehen, aber seine Hände langten hinein und wühlten in den Abfällen. Von Zeit zu Zeit zogen sie einen Gegenstand heraus, den der Junge betrachtete. Doch jedes Mal warf er ihn enttäuscht zurück.
Mitleidig beobachtete Lisa ihn. Dann blickte sie Peter auffordernd an. Der nickte zustimmend, öffnete den Rucksack und holte ein Stück Brot und einen Apfel heraus. Lisa rief den Jungen an. Der wirbelte angstvoll herum, bereit zur sofortigen Flucht. Doch Lisa lächelte ihm freundlich zu und hielt ihm den Apfel entgegen.
Unentschlossen starrte der Junge sie an. Peter winkte ihm zu kommen. Noch zögerte der Junge, doch dann siegte der Hunger über das Misstrauen. Er kam heran, blieb außerhalb der Reichweite ihrer Arme stehen und streckte die Hand aus.
Lisa gab ihm den Apfel und das Stück Brot. Kaum hatte der Junge beides in seinen Händen, drehte er sich herum und rannte den Bürgersteig entlang, bis er um eine Hausecke verschwand. Traurig sah Lisa ihm nach. Doch ihre Aufmerksamkeit wurde auf den Angestellten des Charterbüros gelenkt, der aus der Tür getreten war und sich suchend umsah.
Hastig standen sie auf. Der Angestellte führte sie durch die Straßen hinunter zu einem abgelegenen Teil des Hafens. Hier erstreckte sich, direkt an die Kaianlagen anschließend, ein großer freier Platz: ein Fischmarkt, auf dem jetzt aber keine Waren angeboten wurden.
An den Kaimauern stießen sich dicht an dicht Fischkutter. Und mitten zwischen ihnen lag ein kleiner Frachtdampfer, baufällig und von wenig Vertrauen erweckendem Äußeren. Er hatte einen Liegeplatz direkt am Kai, den eine Reihe von bewaffneten Männern im Halbkreis abgeriegelt hielt.
Der Mann aus dem Charterbüro bemerkte ihr Erstaunen und erklärte, dass es sich trotz aller Verschwiegenheit offenbar doch herum gesprochen hätte, wohin das Schiff fahren wollte. Es gäbe viele Interessenten. Und wenn sich die Leute erst einmal an Bord befänden, wäre es schwierig, sie unter den zahlenden Passagieren heraus zu finden und zu entfernen.
Was er mit diesen Worten tatsächlich meinte, wurde den beiden erst klar, als sie, geleitet von dem Angestellten, an Bord des alten Schiffes gingen. Es war nämlich schon jetzt bis an die Grenzen seines Fassungsvermögens mit Menschen angefüllt, die es sich in allen Ecken und Winkeln eingerichtet hatten, auf dem Deck lagerten und die Laderäume besetzt hielten.
Der Angestellte führte sie zum Kapitän. Als Peter das Geld hervorholte, wurde man schnell handelseinig. Der Kapitän und der Angestellte teilten sich die Summe, dann verabschiedete sich der Mann aus dem Charterbüro und der Kapitän führte sie persönlich zu einer winzigen Kabine. Der enge, stickige Raum besaß außer der Tür und einer Lüftungsanlage keine Öffnung. Trotzdem war es Luxus gegenüber den Verhältnissen, unter denen die meisten der anderen Passagiere auf diesem Schiff hausen mussten.
Es war Peter und Lisa klar, dass sie diese Bevorzugung der Höhe des gezahlten Geldbetrages verdankten. Es war offensichtlich, dass bei weitem nicht jeder, der sich an Bord befand, soviel gezahlt hatte. Nun hätten sie den Handel gern rückgängig gemacht, um noch etwas Geld für Truland aufzusparen. Aber dafür war es zu spät.
Es hielt sie nicht in der engen Kabine, und sie gingen zurück an Deck.
Hatten sie angenommen, das Schiff wäre bereits überfüllt, so irrten sie sich. Zumindest schien der Kapitän nicht dieser Meinung zu sein. Immer mehr Passagiere wurden von verschiedenen Zuträgern durch den Kordon der Wachen geführt und an Bord gebracht. Auf den Decks herrschte drangvolle Enge, die Gänge waren nur noch mit Mühe passierbar, aber der Strom der Flüchtlinge ließ nicht nach.
Lisa und Peter hatten sich zur Reling durchgedrängt und sahen hinunter auf den Platz. Die Wachen hatten sich bis dicht an das Schiff zurückgezogen, denn die Zahl der Menschen, die ziellos auf dem Platz herum wanderten oder in kleinen Gruppen zusammen standen, war größer geworden und nahm immer weiter zu. Sie alle ließen das Schiff nicht aus den Augen.
„Sieh mal“, sagte Lisa und wies auf den Platz. Er folgte ihrem Blick. Inmitten der Menschenmenge war für einen Augenblick die Gestalt des kleinen Jungen zu sehen, den sie vor dem Charterbüro getroffen hatten. Er stand unbeweglich und starrte zu ihnen herüber.
„Er muss uns gefolgt sein.“ Lisa hob den Arm, um zu winken, ließ ihn aber im letzten Moment wieder sinken. Dann hatte sich die Menschenmenge vor den Jungen geschoben und ihn ihren Blicken entzogen.
Etwas später sahen sie ihn erneut. Dieses Mal hatte er sich unauffällig der Reihe der Wächter genähert. Doch als er zwischen ihnen hindurch huschen wollte, packte ihn einer der Männer am Arm und schleuderte ihn roh zurück. Ein Murren erhob sich in der Menge. Die Wächter packten ihre Waffen fester und ließen sie drohend kreisen.
Lisa sah Peter bestürzt an. Der hob resignierend die Schultern. Es gab nichts, was sie tun konnten.
Dann änderte sich die Situation schlagartig.
Schon seit geraumer Zeit war das Grollen in der Ferne stärker geworden. Immer öfter zeigten sich über den Dächern der Stadt schwarze Rauchwolken, hier und da sah man auch den rötlichen Widerschein flackernder Brände. Nun ertönte plötzlich in der Luft ein anschwellendes schrilles Heulen, das lauter wurde und sich in Sekundenschnelle näherte.
Den Menschen auf dem Platz war das Geräusch offenbar vertraut, denn sie begannen Schreckensrufe auszustoßen und nach allen Seiten auseinander zu laufen. Auch die Wächter gerieten in Bewegung und wichen zurück bis an die äußerste Kante des Kais. Das Heulen wurde lauter. Die Menschen rannten ziellos durcheinander, warfen sich zu Boden und kreischten in Furcht erfüllter Panik.
Dann explodierte mitten auf dem Platz eine Granate. Der harte Knall erschütterte die Luft. Fensterscheiben klirrten, eine schmutzigrote Glutwolke verbarg die Mitte des Platzes.
Als der Lärm der Explosion verebbt war, klangen schrille Schmerzensschreie über den Kai. Die Glutwolke stieg langsam nach oben und enthüllte einen tiefen Trichter. Seltsam verrenkte Gestalten lagen daneben. Überall auf dem Platz hatten Splitter ihr Ziel gefunden, wanden sich Verletzte auf dem steinigen Boden.
2.
Am nächsten Tag lief das Schiff aus. Mühsam quälte es sich den Strom hinab und erreichte das Meer.
Die Fahrt entlang der Küste begann. Für Peter und Lisa war sie nicht zu vergleichen mit dem Aufenthalt auf ihrem ersten Schiff. Dort hatten sie die Welt um sich herum und den Ablauf der Zeit vergessen. Hier aber wurden ihnen diese Umstände unablässig ins Gedächtnis zurück gerufen. Das Schiff war bis zum Rand vollgestopft mit Flüchtlingen: mit Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten und einer ungewissen Zukunft entgegen fuhren. Ihre Anwesenheit sorgte dafür, dass die beiden ihre eigene Lage niemals vergaßen.
Sie konnten dankbar sein, dass sie zu den wenigen Glücklichen gehörten, die eine eigene Kabine besaßen. So hatten sie zumindest die Möglichkeit, sich zurückziehen zu können und die Tür hinter sich abzusperren.
Sie hatten kaum Umgang mit anderen Passagieren. Lediglich mit den Leuten aus der Kabine gegenüber kamen sie ins Gespräch. Das waren die Eheleute Padersen: Andere wie Lisa, im mittleren Alter. Herr Padersen war ein Geschäftsmann aus Delenden, der mit seiner Frau vor dem heranrückenden Krieg floh. Denn mit den Soldaten kamen auch die Schrecken der Verfolgung aller Anderen nach Delenden.
Es waren nicht viele Andere auf dem Schiff, und so hatte es sich ganz natürlich ergeben, dass die Padersens erst mit Lisa und über sie dann auch mit Peter ins Gespräch kamen. Doch eng wurde der Kontakt nicht; dazu hatte jeder zu sehr an seinem eigenen Schicksal zu tragen.
Peter und Lisa konnten sich nicht immer in ihrer Kabine aufhalten. An manchen Tagen war die Luft in dem engen Raum so von Maschinendämpfen erfüllt, dass sie es nicht aushielten und an Deck gehen mussten. Diese Ausflüge führten jedes Mal vor allem bei Lisa zu großer Niedergeschlagenheit. Sie sahen, dass es viele Menschen an Bord gab, denen es bedeutend schlechter ging als ihnen.
Neben den Flüchtlingen, die schon per Schiff nach Delenden gekommen waren, und denen aus der Stadt befanden sich auch Flüchtlinge an Bord, die aus dem Landesinneren kamen. Dort herrschte der Krieg schon seit Jahren. Diese Bedauernswerten besaßen keinerlei Habe außer dem, was sie auf dem Leib trugen. Und auch das bestand nur aus wenigen zerschlissenen, für die kühle Jahreszeit viel zu dünnen Kleidungsstücken. Es waren abgehärmte, halb verhungerte Gestalten, und nicht wenige waren durch kaum verheilte Wunden von Krankheiten oder Verletzungen gezeichnet.
Dieser Anblick deprimierte Lisa, weil sie darin eine mögliche Variante ihres eigenen zukünftigen Lebensweges sah, und sie drängte dann immer nach kurzer Zeit zurück zur Kabine.
Bei einem dieser Gänge an Deck erneuerten und vertieften sie eine Bekanntschaft, die sie in Delenden begonnen hatten.
Sie standen gerade an der Reling, neben einem der dort aufgehängten Rettungsboote, als sich eine kleine Gestalt neben sie schob und - ohne sie anzusehen- ebenfalls hinaus auf das Meer starrte.
Zuerst fiel sie ihnen nicht auf, denn alle Decks waren schwarz von Menschen. Es gab kaum einen Quadratmeter freien Bodens, und niemand achtete auf den Nebenmann. Aber dann bemerkte Lisa aus dem Augenwinkel, dass sich die Gestalt wie unabsichtlich näher an sie heran schob. Lisa wandte den Kopf und erkannte den kleinen Jungen mit dem wehenden blonden Haar, den sie vor dem Charterbüro in Delenden kennen gelernt hatten, und den sie auf dem Kai vor dem Schiff wieder gesehen und schließlich aus den Augen verloren hatten.
Der Junge tat noch immer, als sähe er hinaus auf das Meer. Lisa stieß Peter an und wies auf ihn. Auch Peter erkannte ihn. Erstaunt sahen sich die beiden an, hatten sie doch bis dahin geglaubt, er wäre in Delenden zurück geblieben, vielleicht sogar der Granate auf dem Kai zum Opfer gefallen.
Da der Junge noch immer keine Reaktion zeigte, es aber offensichtlich war, dass er nicht zufällig neben ihnen stand, blickte Peter ratlos Lisa an. Die lächelte und trat hinter den Jungen. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ruhig, als begrüßte sie einen alten Bekannten:
„Hallo, wir kennen uns doch?“
Der Junge stand erstarrt unter der Berührung, als wollte er jeden Moment fliehen. Dann löste sich seine Verkrampfung. Er überwand den Fluchtreflex und drehte sich zu ihnen. Schüchtern lächelte er Lisa an.
„Ja, richtig“, meinte Peter, auf Lisas Tonfall eingehend, „in Delenden haben wir uns doch schon kennen gelernt, nicht wahr?“
Unter ihren ruhigen Worten verlor sich die Scheu des Jungen zusehends. Er folgte Peter und Lisa in ihre Kabine, wo sie ihm etwas zu essen gaben. Heißhungrig fiel er darüber her. Bis dahin hatte er kaum ein Wort gesagt, nun aber verlor er auch die letzten Hemmungen und beantwortete bereitwillig ihre Fragen.
Er hieß Bernd und war acht Jahre alt. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er schon immer in Delenden gelebt. Er war ihnen zum Schiff gefolgt, weil sie ihm zu essen gegeben hatten. Als er sah, dass sie an Bord gingen, hatte er ihnen folgen wollen, doch die Wächter ließen ihn nicht passieren.
Dann war die Granate explodiert. Alle Menschen auf dem Kai, auch die Wächter, hatten sich instinktiv zu Boden geworfen. Diesen Moment hatte er ausgenutzt, um auf das Schiff zu springen. In den Menschenmassen auf den Decks konnte er sich verborgen halten und war unbehelligt geblieben. Er hatte schon seit Tagen nach ihnen gesucht. Und heute endlich hatte er Erfolg gehabt.
Soweit sprach der blonde Junge bereitwillig über seine Erlebnisse. Doch als Peter und Lisa ihn nach seiner Herkunft und nach seinen Eltern befragten, wurde er schweigsam. Je mehr sie in ihn drangen, desto verstörter wurde er. Hatte er ihnen bisher wie ein Erwachsener Rede und Antwort gestanden, so kehrte er jetzt immer mehr das Kind heraus. Er gab vor, ihre Fragen nicht zu verstehen, und antwortete zusammenhanglos und verworren. Er wollte oder konnte sich nicht erinnern.
Als Lisa und Peter sahen, in welche Verwirrung sie Bernd stürzten, gaben sie ihre Fragen auf. Sie wussten nicht, was sie mit dem Jungen anfangen sollten, beschlossen aber, diese Frage bis zur Beendigung der Reise zurück zu stellen. Bis dahin konnte Bernie, wie sie ihn von nun an nannten, bei ihnen in der Kabine bleiben.
Auch in der Folgezeit erfuhren sie von ihm nichts über seine Vergangenheit. Den einzigen Anhaltspunkt lieferte die erste Nacht, als beide vom Stöhnen des Jungen geweckt wurden. Er schlief und träumte offenbar, denn sein kleiner Körper rollte hin und her, Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er murmelte vor sich hin. Doch sie konnten nicht verstehen, was er sagte.
Nur einmal wurde seine Stimme deutlich. Er rief nach seiner Mutter, sie solle nicht mit den Wächtern fort gehen. Dann wieder schien er sich in seinem Traum verzweifelt gegen die Wächter zu wehren. Schließlich hielt Lisa es nicht mehr aus, weckte und beruhigte ihn. Um ihn zu schonen, stellte sie ihm keine Fragen. In ihren Armen schlief er wieder ein.
Unermüdlich dampfte das alte Schiff die Küste entlang. Die Tage vergingen im eintönigen Gleichmaß, und so näherten sie sich langsam aber zielstrebig der Enge von Trandaron.
Bisher war von der Besatzung des Schiffes nicht viel zu sehen gewesen. Die Offiziere verließen die Brücke nicht. Nun aber verbreitete sich Unruhe unter den Matrosen, die auch auf die Flüchtlinge übergriff. Die Lautsprecher erwachten zu dröhnendem Leben und gaben unentwegt Verhaltensmaßregeln von sich. Überall auf den Decks waren die Matrosen zwischen den aufgeregten und verängstigten Passagieren anzutreffen, beschäftigt mit allerlei rätselhaften Vorbereitungen.
Sie verhängten die Reling mit Planen, überprüften die Halterungen der Rettungsboote und verteilten eine kleine Anzahl von Schwimmwesten an die Flüchtlinge. Gleichzeitig gab der unsichtbare Kapitän über Lautsprecher bekannt, dass sie sich dem kritischen Teil der Reise näherten, der Meeresenge von Trandaron. Die neuen trandaronischen Behörden hätten jeden Flüchtlingsverkehr unter der Androhung drakonischer Strafen untersagt. Wachboote kontrollierten die Meeresenge. Es käme darauf an, im Verlauf der folgenden Nacht diese Stelle ungesehen zu passieren. Sollte sie aber doch ein Wachboot ausmachen, so wäre es unbedingt erforderlich, dass die Passagiere sich hinter den Planen verborgen hielten und sich nicht von der Stelle rührten.
Angstvolle Spannung befiel die Flüchtlinge, verstärkt durch das Gefühl, den kommenden Gefahren ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Bereitwillig folgten sie den Anweisungen der Besatzung und der Schiffsführung.
Dann kam die Nacht. Das Schicksal schien ihnen wohlgesonnen, denn eine dichte Wolkendecke hatte im Verlauf des Nachmittags den Himmel überzogen. Als die Dunkelheit hereinbrach und alle Lichter an Bord des Schiffes sorgfältig abgeschirmt wurden, konnte man kaum noch den Nebenmann an Deck erkennen.
Totenstille herrschte auf dem Schiff. Nur das leise Vibrieren der Maschinen erfüllte die Luft. An der Bordwand rauschte das Wasser vorbei - laut, viel zu laut erschien es den angstvoll Lauschenden.
Von der Meeresenge selbst sahen die Passagiere nichts. Nur einmal durchdrang ein schwacher Lichtschimmer aus der Ferne die Dunkelheit und enthüllte die dazwischen liegende Wasserfläche. Flüsternd verbreitete sich die Nachricht, dass das Trandaron war.
Sie passierten die Küstenstadt ohne Zwischenfall. Kein Wachboot kreuzte in dieser Nacht ihren Weg, und bald fielen die Lichter Trandarons hinter dem Horizont zurück.
Ein neblig-trüber Morgen dämmerte herauf. Dunstschwaden lagen über der See und verbargen die fernen Küstenlinien auf beiden Seiten der Meeresenge. Allmählich breitete sich Erleichterung an Bord des Schiffes aus. Die Anspannung ließ nach, man glaubte sich in Sicherheit. Die Besatzung allerdings folgte diesem Beispiel nicht. Für die Matrosen war die Gefahr noch keineswegs überwunden.
Und sie behielten Recht. Denn plötzlich wurde die Stille unterbrochen von dem heulenden Klang einer Schiffssirene, die voraus im Nebel ertönte. Sofort reagierte die Besatzung. Sie hieß die wenigen Passagiere, die eine Schwimmweste bekommen hatten, diese anzulegen, sich im übrigen aber ruhig zu verhalten. Dann verschwanden die Matrosen unter Deck. Als sie wieder empor kamen, trugen sie Gewehre in den Händen.
In der Zwischenzeit hatte das Schiff den Kurs gewechselt und lief auf die Küste zu. Der Nebel hatte noch zugenommen. Die Sicht wurde immer schlechter. Wieder ertönte schräg voraus die Schiffssirene. Dann ließ ein plötzlicher Windstoß die Nebelwand aufreißen, und sie erkannten nur wenige hundert Meter vor sich den grauen Rumpf eines kleinen, flachgebauten Schiffes. Dort hatte man sie im selben Moment gesehen, und sofort änderte das Wachboot den Kurs und hielt auf sie zu. Eine unverständliche Lautsprecherstimme dröhnte über das Wasser.
Die Nebelbank schloss sich wieder und trennte die beiden Schiffe. Der Flüchtlingsdampfer wich noch weiter zur Küste hin aus, gleichzeitig wurde auch seine Lautsprecheranlage lebendig und wies die Passagiere an, sich bereit zu halten, notfalls in die Boote zu gehen.
Die Unruhe unter den Passagieren stieg. Erste Panikreaktionen zeigten sich. Ein Mann stellte fest, dass seine Schwimmweste verschwunden war, und fing an, seine Nebenleute des Diebstahls zu bezichtigen. Andere Leute redeten auf die Matrosen ein. Sie riefen, dass sie das Schiff nicht verlassen wollten. Sie müssten doch weiter.
Zum dritten Mal ertönte vor dem Bug die Sirene des Wachbootes. Ihr Ton war unheilvoll nah. Im gleichen Augenblick wandte sich der Kapitän des Flüchtlingsdampfers über die Lautsprecher an seine Passagiere und wies sie an, unverzüglich mit dem Ausbooten zu beginnen. Die Küste wäre nahe, und sie dürften sich nicht an Bord seines Schiffes befinden, wenn es vom Wachboot aufgebracht werden würde.
Nun brach unter den Flüchtlingen entgültig die Panik aus. Die meisten weigerten sich, das Schiff zu verlassen, und wandten sich drohend gegen die Besatzung. Die aber hatte sich auf wenige beherrschende Positionen zurück gezogen und ließ niemanden an sich heran kommen. Irgendwo fiel ein Schuss. Gleichzeitig sprach wieder der Kapitän, diesmal direkt zu seiner Besatzung. Er gab den Befehl, die Flüchtlinge von Bord zu schaffen.
Ein Aufschrei von Wut und Angst antwortete ihm. Eine Anzahl Passagiere drang auf die Matrosen ein, die ihnen die Gewehrläufe entgegen streckten. Sekundenlang zögerten die Herandrängenden, dann wurden sie von denen hinter ihnen weiter geschoben.
Nun eröffneten die Matrosen das Feuer. Sie schossen über die Köpfe der Herandrängenden, vereinzelt aber gab es auch gezielte Schüsse. Mehrere Männer brachen zusammen. Die Menge stockte, dann wich sie zurück.
In der Zwischenzeit hatte eine kleinere Gruppe von Flüchtlingen damit begonnen, Rettungsboote zu Wasser zu lassen, um sich und ihre Familien in dem allgemeinen Durcheinander in Sicherheit zu bringen. Als die Masse das erkannte, überfiel sie die Angst, keinen Platz mehr in den Booten zu finden, die nun schon zum größten Teil neben der Bordwand im Wasser lagen. Rücksichtslos einander zur Seite stoßend rannten die Flüchtlinge an die Reling, kletterten an den ausgehängten Netzen hinab oder sprangen einfach in die Tiefe.
Die Matrosen begannen damit, die Räume, Gänge und Decks des Schiffes zu durchstöbern, und holten aus allen Ecken und Winkeln Menschen hervor, die sich dort versteckt hielten. Erbarmungslos trieben sie sie vor sich her zur Reling und jagten sie über Bord.
