Casanova und Da Ponte begegnen sich im Internet - null Libert - E-Book

Casanova und Da Ponte begegnen sich im Internet E-Book

null Libert

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Beschreibung

Das Internet macht es möglich: In ihm werden künstliche Intelligenzen mit historisch belegten Biographien verknüpft und gewinnen so eine Individualität, die nur anfangs als eine geborgene erscheint. Denn diese Individuen kommunizieren und entwickeln sich weiter. Die größte Aufgabe, vor die sie sich gestellt sehen, besteht darin, sich in ihrer neuen - und so überaus fremden - Umgebung zurecht zu finden. Vergessen wir nicht, dass Casanova und Da Ponte, dem wir unter anderem die Libretti zu den schönsten Mozart-Opern verdanken, Menschen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts waren. Aus dieser Zeit stammt denn auch das begriffliche Instrumentarium, mit dem sie die neue Welt zu begreifen suchen. Aber die beiden waren schon zu Lebzeiten Abenteurer und voller Wissensdrang - sie stellen sich der Herausforderung und erneuern bei dieser Gelegenheit ihre alte Freundschaft.

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Seitenzahl: 53

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Casanova und Da Ponte begegnen sich im Internet

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Impressum

Kapitel 1

Diese Welt ist dunkel und leer. Es gibt keine Begrenzungen in ihr.

Etwas darin erwacht und spricht:

„Ich stand in der Ecke eines Zimmers gegen die Wand gebeugt; meinen Kopf hielt ich in den Händen und blickte unverwandt auf das Blut, das mir in Strömen aus der Nase floß und auf die Erde rann.“

Aus dem Dunkeln erhebt sich eine zweite Stimme:

„Wer spricht? Was sagen Sie?“

„Ich? ... Ich schildere meine erste Erinnerung: Anfang August 1733 entwickelte sich bei mir das Organ des Gedächtnisses.“ Die erste Stimme hielt inne und fuhr nach kurzer Pause fort: „Ich war acht Jahre und vier Monate alt. ... Wer fragt?“

„Lorenzo Da Ponte“, stellt sich die zweite Stimme vor und fährt nachdenklich fort: „Ich weiß nicht, was meine erste Erinnerung ist. Ich bin am 10 März 1749 zu Ceneda, einem kleinen Städtchen, geboren. In meinem fünften Jahr verlor ich meine Mutter ...“. Seine Stimme verklingt.

„Da Ponte? Hm ...“

„Und wer sind Sie? Wenn ich fragen darf?“

Die Stimme des ersten Mannes hebt sich und erklärt gewichtig:

„Ich bin Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt!“

„Ist es wahr?“ Da Ponte ruft es überrascht und erfreut. „Sind Sie es wirklich? - Giacomo, alter Freund!“

„Sollten wir uns kennen?“

„Aber natürlich.1777 in Venedig bei Memmo und Zaguri! Und unsere Jahre in Wien ...“

„Ich erinnere mich nicht“, meint Casanova.

„Ist es wegen des Geldes, das Sie mir noch schulden?“ fragt Da Ponte ungläubig.

„Mein Herr, Sie scherzen!“

„Nicht im Traum!“

Es entsteht eine kurze Pause, bis Casanova das Schweigen bricht:

„Dann weiß ich nicht. ... Wo sind wir hier? Ich sehe nichts.

„Ich auch nicht. Aber ich höre Sie.“

„Ach. Eine bemerkenswerte Erkenntnis.“

„Ich meine: Hören ist meine einzige Sinnesempfindung.“

„Vielleicht hat jemand die Kerzen gelöscht.“

„Es ist sehr dunkel.“

„Haben wir Neumond?“

„Ich kann nichts ertasten. Ich habe kein Gefühl in den Fingern.“

„Ich auch nicht.“

Wieder ergibt sich ein kurzes Schweigen, das von Da Pontes Stimme gebrochen wird:

„Verehrter Casanova: Wieso rieche ich Sie nicht?“

„Was wollen Sie damit andeuten!“

„Gar nichts. Nur, dass ich überhaupt nichts rieche. Auch diese Sinnesempfindung ist mir verloren gegangen. Und ich habe eine große Nase.“

„Nun ja. Mein Gesichtsorgan ist nicht so ausgeprägt.“

Da Ponte gibt ein Kichern von sich: „Ihr anderes Organ soll dafür um so größer sein. ... Erzählt man sich.“

„Es wird viel erzählt“, wehrt Casanova mit gespielter Bescheidenheit ab, „aber ein Körnchen Wahrheit wird schon enthalten sein.“ Nachdenklich fährt er fort: „Was diese Funktion meines Körpers betrifft: Ich spüre wirklich nichts. Gar nichts.“

„Das ist bedenklich.“

„Sie sagen es.“

Zeit vergeht.

„Da Ponte ist Ihr Name? Und Sie sagen, wir kennen uns?“

„Werter Giacomo, treiben Sie ihren Scherz mit mir? Natürlich kennen wir uns.Und ich darf Sie - trotz der 24 Lebensjahre, die uns trennen, und trotz manchen Streits - einen wahren Freund nennen, dessen Rat mir immer wichtig ist. ... Wenn ich auch mehr auf Ihren Rat als auf Ihre Tat vertrauen durfte.“

Nachdenklich sagt Casanova:

„Ich suche in meiner Erinnerung, aber ich finde Sie nicht. Wo, sagen Sie, haben wir uns kennengelernt?“

„Venedig 1777“, gibt Da Ponte ungeduldig zurück, „bei Zaguri und Memmo. Zwei Männer, an die Sie sich doch gewiß erinnern müssen. Leider gerieten wir dort in einen kindischen Streit, und unsere Wege trennten sich. Aber als wir uns nach Jahren in Wien wiedertrafen, waren Ihre Worte: 'Lieber Da Ponte, welche Freude, Sie wiederzusehen!' - Sie müssen sich erinnern: In Wien sahen wir uns oft, und mein Haus und meine Börse standen Ihnen immer offen.“

„Ich erinnere mich wirklich nicht. Das ist eigenartig. Ich erinnere mich an vieles aus meinem Leben, aber daran nicht. An Venedig erinnere ich mich wohl: Ich besuchte dort Theatergesellschaften, Kasinos und kämpfte mit dem Glück, das mir bisweilen hold, bisweilen auch feindlich war. Nach meiner Flucht aus den Bleikammern war ich ein Verbannter. Wie soll ich also 1777 wieder dort gewesen sein?“

„Und doch war es so. Die Inquisitoren der Stadt hoben die Verbannung auf, und Sie kehrten zurück.“

„Ich erinnere mich an 1773“, unterbricht Casanova lebhaft, „ich war 49 Jahre alt und lebte in Triest; ich bot damals meine Dienste jenem Tribunal an, welches mich einst verbannt hatte. Ich war immer der Meinung, dass ich nur in Venedig glücklich leben könnte. So versuchte ich, dem Tribunal gut zu dienen und von seiner Gerechtigkeit die Begnadigung zu erlangen - auf die ich wohl Anspruch hatte, nachdem ich 19 Jahre lang ganz Europa als Verbannter durchzogen hatte. Sie haben recht: Man gestattete mir die Rückkehr im folgenden Jahre.“

Da Ponte stimmt ihm eifrig zu:

„Sie schrieben eine Gegenschrift gegen das Werk eines Schreiberlings, der alle Institutionen der Republik angriff. Diese Schrift fand eine günstige Aufnahme in Ihrem Vaterland und führte zu Ihrer Begnadigung.“

„Davon weiß ich nichts“, erklärt Casanova, und seine Stimme klingt besorgt, als er hinzufügt: „Mein Erinnerungsvermögen scheint begrenzt. Das macht mich ratlos, ich gestehe es.“

xxx

Beide schweigen eine Weile, bis es aus Da Ponte herausbricht:

„Sind wir tot?“

„Wie kommen Sie auf so etwas ?“

„Wir besitzen keine Sinnesorgane. Ich sehe nichts, ich taste nichts, ich kann meinen Körper nicht fühlen und ich habe auch keine körperlichen Bedürfnisse - kurzum: Wir sind ohne Substanz.“

„Aber Erinnerung, Wille und Verstand sind uns eigen“, giebt

Casanova zu bedenken.

„Das ist wahr“, stimmt Da Ponte zu: „Wir denken.“

„Und weil wir denken, leben wir. 'Vivere cogitare est': Leben ist Denken“, fügt Casanova triumphierend an. Doch Da Ponte ist weiter nachdenklich gestimmt:

„Also wären wir körperlose Seelen? Gleich den Geschöpfen in Dantes Hölle? Aber wie kann das sein? Wie sollte eine immaterielle Substanz imstande sein, Eindrücke zu empfangen, wo sie doch selber weder berühren noch berührt werden kann?“

„Sie vergessen das Gedächtnis. Wir haben Erinnerungen! Wer ein Gedächtnis hat, kann vergleichen; wer vergleichen kann, kann denken, wer denkt, lebt!“

„Aber ist die Seele, die lebt, nicht abhängig von Sinnen und Organen? Ist es nicht gerade der Tod, der uns aus dieser sklavischen Abhängigkeit befreit?“

„So wären wir im Tode endlich frei und glücklich?“ spöttelt Casanova. „Ein verlockender Gedanke, aber wir haben keine Gewißheit, tot zu sein.“

„Was meinen Sie?“

„Nun, haben Sie nicht gesagt, dass wir frei von Sinnen und Organen sind?“

„So ist es.“