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Kann Liebe weh tun und Verlust Liebe werden? Können Hände gut sein und Menschen vom Himmel fallen? Ist vor allem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein und dasselbe und wenn, was kann da alles passieren? Marie stellt sich viele Fragen. Sie wüsste auch gerne, welchem Tier sie ähnelt und warum ihre Eltern lieber mit Eisbären zusammen sind als mit ihr. Aufgewachsen in einem großen, alten Haus bei ihrem Großvater und in dessen Erinnerungen, sehnt sich Marie nach einem eigenen Leben und einem Menschen, der sie liebt und hält. Sie sucht ein Iglu, wie sie selbst sagt, und ahnt nicht, wie nah sie ihrem Ziel ist, denn eines Tages findet sie einen Postboten von anno dazumal in ihrem Vorgarten liegen. Sie nimmt ihn mit wie ein seltenes Tier. Er duftet so gut, findet Marie. Kein Wunder, denn auch dieser sucht etwas, nämlich die Liebe des Fräulein Sonnabend. "Der schöne Gesang des Fräulein Sonnabend" ist das zarte Streicheln auf der Haut, mit Spuren des magischen Realismus und einer Prise Mystik, den Wundern des Lebens und Wollens Flügel zu verleihen. Eine Poesie der Sehnsucht.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2023
Simone Harre
Der schöne Gesang des Fräulein Sonnabend
Roman
© 2023 Simone Harre
3. Auflage, Vorgängerausgabe 2009
ISBN Softcover: 978-3-347-96759-5
ISBN Hardcover: 978-3-347-96760-1
ISBN E-Book: 978-3-347-96761-8
Druck und Distribution im Auftrag :
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag , zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Glücksritter 0815
Wenn ich einen grünen
Zweig im Herzen trage,
wird sich ein Singvogel
darauf niederlassen.
(aus China)
In Liebe gewidmet meiner Großmutter,
Johanna Meta Sonnabend,
dem Singvogel meiner Kindertage.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
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Titelblatt
Urheberrechte
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Kapitel 1
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1
„Wenn der Wind weht, ist alles ganz schön!“, hat Großvater oft gesagt. Er sagte, der Wind komme immer von weit her und gehe weit hin. Das sei gut so. Immer und immer wieder. Ich fand das nicht gut. Ich fand, niemand dürfe jederzeit kommen und gehen. Auch der Wind nicht. Auch Großvater nicht. Ich wollte ihn lieber festhalten, ganz fest. Für immer. Aber es gibt auch Winde, die gut sind. Ich glaube, Kurt ist mit so einem Wind gekommen. Zu mir. In mein Haus. Er ist da und wird wieder gehen. Ein schöner Wind, der eine Kirschblüte lang verweilt. Man wird sehen.
„Sie sind ein schöner Wind!“, sage ich zu Kurt, helfe ihm auf und er lacht, dass es sich anhört wie das Rascheln von Blättern. Dann schultert er seine Ledertasche und kommt mit mir mit.
Eine eigentümliche Selbstverständlichkeit trägt ihn über meine Schwelle. Von der ausladenden Veranda aus gehen wir durch die Küche in den langen großen Flur mit seiner altmodisch geblümten Tapete. Es ist eine hübsche altmodisch geblümte Tapete. Zart sieht sie aus und irgendwie zerbrechlich. Die Dielen unter unseren Füßen knarren und quietschen als gingen wir über Schiffsboden. Das Holz der Möbel verströmt einen leichten Modergeruch, doch in Kurts Augen bläst noch frischer Seewind. Ich freue mich unbändig. Ganz tief aus dem Bauch gluckst es wie Sommersprudel. Fein flirrende Papillen greifen um sich und verneigen sich vor dem fremden Gast. Ich weiß nicht warum, aber ich denke, so muss der Frühling sein.
Kurt will wissen, ob hier das Fräulein Sonnabend wohnt. „Nein“, sage ich. „Hier wohne nur ich, die Marie.“
Kurt nickt schweigend und lässt seinen Blick die Wände entlang schweifen. Bunte Bilder auf verblichenem Anstrich. Stillstand und Frische. Manche würden es verwegen nennen. Konserviertes Leben. Künstleridyll. Man sollte mal wieder streichen, denke ich. Am besten gelb.
„Marie“, sagt Kurt dann und seine Stimme hallt in dem großen hohen Flur wider, „ein schöner Name.“
„Ja“, sage ich, „meinen Namen mag ich.“
Er könnte mich nun fragen, was ich alles nicht mag, aber er tut es nicht.
„Wo ist denn das Fräulein Sonnabend?“, möchte er stattdessen wissen und mustert mich dabei als sei mein Antlitz eine verschwommene Landkarte.
„Das weiß ich nicht“, sage ich und weiche seinem Blick irritiert aus.
„Sie kennen das Fräulein Sonnabend also gar nicht?“
„Nein.“
„Hm.“
Kurt streift ein wenig Staub von seinen Ärmeln.
„Nun ja, das macht nichts“, sagt er. „Ich habe Zeit. Außerdem…“ Dabei lächelt er mich viel sagend an und zuckt mit den Schultern. „Die Dinge sind ja nie dort, wo man sie vermutet. Nicht wahr?“
„Sicher!“, erwidere ich automatisch und verstehe nicht. Kurt sieht sich nach allen Seiten interessiert um, still und gewandt. Der geschmeidige Gang einer Katze. Ein blau leuchtendes Bild nimmt dabei für einen Moment seine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er beugt sich nach vorne, um es genauer zu betrachten, wiegt seinen Kopf hin und her, dann murmelt er, ohne den Blick von dem intensiven Blau zu lassen:
„Aber, wenn die Dinge niemals dort sind, wo man sie vermutet, dann kann man auch niemals falsch sein.“ Ich kichere zustimmend.
„Und das ist doch ganz wunderbar! Ich bin jedenfalls froh, dass ich Ihr Gast sein darf, Marie.“
Ich spüre, wie Röte und Schwindel in mir aufsteigt, daher dränge ich Kurt behutsam zum Weitergehen und deute die Treppe aufwärts. Obwohl ich hinter ihm gehe, fühle ich noch immer seine grünen Augen auf mir ruhen. Augen, groß und grün, - ein Wald im niedergehenden Dämmer des Abendlichtes -, und ich weiß, ich mag sie. Ich glaube ihnen. Außerdem ist Kurt vom Himmel gefallen. Wie könnte ich da nicht glauben?!
Großvater hat einmal zu mir gesagt: „Mädchen, die Wirklichkeit ist ein löchriger Sieb, glaub es mir.“ Ich stand gerade am Fenster und blickte versonnen in die Ferne von Himmel und aufkommendem Nachtgeräusch. Das Firmament war bunt und schob verwegene Gesichter den abendlichen Horizont entlang. „In Ordnung“, habe ich leichthin erwidert. Wovon er sprach wusste ich nicht. „Du musst wissen, Marie“, setzte er fort, „die Wirklichkeit kommt plötzlich und sehr direkt. Sie ist ein Windstoß.“ Mit einem Mal war Großvater sehr erregt gewesen. Seine Stimme laut. „Und ein Windstoß hat Kraft. Er kann alles verändern. Sei immer achtsam. Versprich mir das.“ „Gut“, versprach ich und drehte mich wieder zum Fenster, roch die sonderbar salzige Luft, malte gedanklich scharlachfarbene runde Sonnen an den Himmel und habe seither immer aufgepasst. Aber nie ist irgendetwas passiert. Nie hat sich die Wirklichkeit aufgetan mit Donner und Getöse, nie gab es auch nur die leiseste Brise. … Bis eben. Im Vorgarten hat sie gelegen, laut fluchend, sich den Po reibend, ziemlich plötzlich und alles war ganz einfach. Kurt hat mich angelächelt als wolle er alle Sterne seines Herzens auf einmal in dem meinen versenken wollen, was natürlich nicht sein kann. Aber er roch so gut. Und ich nahm ihn mit.
Wir gehen. Und ich schnuppere. Folge heimlich seinem Duft. Die Zeit dehnt und rüttelt sich. Sie schüttelt den Tau aus ihrem rinnenden Geschmeide. Und auch ich schüttle ein wenig mein Haar. Ich zeige Kurt alles, was mein ist. Er durchschreitet die Zimmer als seien sie Gemächer. Erhaben. Als seien sie seine. Unsere. Prinz und Prinzessin. Ein kindliches Spiel. Vielleicht erröte ich erneut. Denn ich bin ja schon groß und das Leben kein Spiel mehr. Vielleicht hört Kurt auch mein Herz pochen, denn es ist mit Sicherheit lauter als die quietschenden Dielen unter unseren Füßen. Die Sonne, die mit aller Macht eines aufwallenden Frühlings durch die Fenster scheint, lässt den Schmutz der Jahre transparent werden. Erzeugt Unruhe. Sichtbarkeit. Ungeduldig schiebe ich Kurt weiter, eine Beute, die ich in Sicherheit bringe. Ich will sie verschließen an einem verborgenen, nur für mich zugänglichen Ort, das Glück einfangen, das Glitzern und Schwirren, das von ihr ausgeht, mich erregt und zu tiefem, hemmungslosem Schlaf reizt. Doch zu spät. Ich weiß, Poesie ist nicht für die Ewigkeit. Das plötzliche und schrille Geräusch der Türklingel lässt den Dunst des Sommerlichtes in tausend Funken zerstäuben. Ich erstarre. Es ist Marietta.
Marietta wohnt im Haus nebenan. Natürlich hat sie Kurt gehört. Ein Wind hört den anderen. Nur, Marietta ist kein guter Wind, sie ist bocksbeiniger Sturm. Laut, majestätisch, hennarot und stoppelhaarig. Jedes Mal, wenn sie vor mir steht und ihre grell bemalten Lippen zückt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich kann sie nicht leiden. Ich mag nicht ihren penetranten Geruch, nicht ihre Stimme, die sie vornehm anhebt, wenn sie meint, wichtige Dinge aussprechen zu müssen und überhaupt mag ich gar nicht diesen wissenden und forschenden Blick, mit dem sie mich so gerne durch ihre monströsen Brillengestelle anzusehen pflegt. Immer wieder hofft sie mir sagen zu dürfen, warum ich manchmal nicht weiß, wer ich bin.
„Das Universum…“, sagt sie dann, „das Universum…!“ Und sie würde für mich beten. Auch singen. Ich müsste ihr nur Bescheid sagen. „Das Universum…“ Meist mache ich schnell wieder zu, habe alle Ausreden dieser Welt. Und sie lächelt mich dennoch an. Unverwandt. Zuckrig. „Das Universum…“ Vielleicht ist sie eine Puppe. Mit nur einem Sprachprogramm, denke ich böse. Das kann doch nicht sein!
„Es hat geklingelt“, sagt Kurt ruhig und sieht mich erwartungsvoll an. Denn ich rühre mich nicht. Ich bin wütend. Warum jetzt? Wünsche Marietta zum Teufel. „Wollen Sie nicht öffnen?“
„Ja, sicher!“, sage ich aber doch, laufe die Treppe hinunter und gehe zur Tür, öffne die Tür.
Schnaubend und keuchend steht Marietta vor mir im Türrahmen. Ein misslungenes Gemälde von Rubens. „Oh, Kindchen, gut dich zu sehen!?“ „Warum?“, frage ich. Möglichst belanglos.
„Ja, dieser Lärm, Kindchen, hast du das denn nicht gehört?!“ Sie sieht mich forschend an.
„Lärm?“
„Ein furchtbares Scheppern. Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich dachte schon, du bist vom Dach gefallen. Oder gesprungen!!!“
Dabei hebt Marietta bedeutungsvoll ihre Brauen und schaut demonstrativ hoch zum Dach. Ich folge ihrem Blick und antworte:
„Ach das! Das war ein Buch!“
„Ein Buch?“ Ihre große Brille, heute in schwarz, zuckt ungläubig.
„Ja, ein Buch, es ist mir aus dem Fenster gefallen und unglücklicherweise auf die Mülltonnen.“
Marietta glaubt mir nicht und linst mit vorgestrecktem Kinn in das Wohnungsinnere.
„Ich lese sehr dicke Bücher“, beeile ich mich hinterher zu schieben und wünsche höflich einen guten Tag.
Schnell schließe ich die Türe vor ihrer Nase und bin augenblicklich stolz auf mich.
Der Kiesel knirscht wieder bedrohlich, die Gestalt entfernt sich, eine Tür fällt ins Schloss.
„Sie ist eine Riesenschnecke!“, sage ich knapp zu Kurt, der mich verständnislos anblickt als ich die Treppe wieder hinauf steige. „Ich mag keine Schnecken.“
Kurt schaut immer noch komisch.
„Sie sind klebrig. Man kann sie nicht anfassen“, erkläre ich.
„Nun denn!“ Er hakt nicht weiter nach und geht langsam weiter. Dabei reckt und streckt er seine Nase neugierig in alle Richtungen, manchmal auch hebt er einfach nur den Kopf so als wundere er sich über die Höhe der Wände. „Sie wohnen hier also wirklich ganz alleine?“, fragt er ungläubig. „In so vielen Zimmern?“
„Ja“, sage ich, „das ist mein Haus.“
„Ganz schön groß!“ Kurt neigt den Kopf nach hinten und betrachtet die weite Decke über uns. Spinnweben, Farbensplitter. Bunt.
„Und wo sind Ihre Eltern?“
„Meine Eltern, die wohnen woanders“, sage ich schnell und spüre, wie mir erneut, doch nun aus anderen Gründen, die Hitze in die Glieder fährt. „Ich habe hier nur mit Großvater gewohnt.“
„Ahaa“, sagt Kurt lang und gedehnt. „Und wo ist Ihr Großvater jetzt?“
„Er…“ Ich mache eine Pause, spüre einen Stich in meiner Brust. Eine Wunde, die seit Monaten leckt und doch leer und düster ist. „… er ist nicht mehr hier.“
„Und Sie?“
„Was, ich?“ Ich verstehe Kurts Frage nicht.
„Sind Sie auch ….“ Er hält kurz inne. Meine Beine zittern. Mir ist gar nicht wohl.
„Auch was?“
„Sind Sie auch…?“ Kurt ringt noch immer nach den richtigen Worten. „… auch so unglücklich wie Ihr Großvater?“ Unglücklich? Nur undeutlich kann ich nach dieser Frage greifen.
„Wie kommen Sie darauf, dass er unglücklich war?“
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll.“ Kurt errötet leicht. „Sehen Sie auf die Wände. Sie erzählen es.“
Ich schaue auf die Wände und sehe Bilder. Viele Bilder. Aber nur Bilder. Und ziehe ahnungslos meine Schultern hoch.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Kurt.“
„Sie fühlen es und bald werden Sie es auch wissen.“
Immer noch ahnungslos blicke ich ihn an, aber alles um mich herum beginnt sich zu drehen und ich verschließe schnell den Blick vor den Wänden. Sicher, ich weiß, das Haus ist zu groß, der ausgetragene Pullover einer großen Schwester, eine Scheinriesin auch, stille Geliebte, aufgebläht im Inneren von jeder Menge Geschichten. Es hat mich längst fortgespült. Es riecht nach Abschied. Und doch. Der Geruch von Abschied ist das einzig verlässliche Gefühl, das ich kenne. Ich erschauere.
„Dieses Haus, es stimmt…“, sage ich mit geschlossenen Augen und atme tief ein, „dieses Haus mit all seinen Schätzen wankt und knirscht. Seine Seele ist alt wie der Kummer, der nachts von den Wänden widerhallt. Doch ich kann die Worte nicht verstehen, wissen Sie! Diese Worte.“
„Und Sie?“
Nun verstehe ich Kurts Frage.
„Ich… ich bin eine Schiffbrüchige im eigenen Ozean. Ich kenne jeden Geruch, jedes Geräusch, jedes Gefühl und suche Halt an den Wänden, die mir mehr und mehr entgleiten“, antworte ich automatisch, „und kein Wind ist da, der mich ans Ufer treiben würde. Kein Wind, der mir das Geheimnis offenbaren würde, das dieses Haus verbirgt.“
Erschrocken öffne ich die Augen. Mein Herz droht die Dielenbretter nun zu zerschlagen, aber die Wände haben aufgehört zu wanken. Und Kurt reicht mir freundlich die Hand.
„Na, kommen Sie“, sagt er aufmunternd, „es gibt doch mehr Winde als Sie denken!“
„Wer sind Sie?“, frage ich und kann ein Beben in meiner Stimme kaum unterdrücken.
„Nichts als ein Postbote auf der Suche nach dem Fräulein Sonnabend“, sagt Kurt und lächelt.
2
Ich war sechs Jahre alt als Großvater meine kleine Hand in seine große knorrige Hand nahm. Darin konnte ich mich einkuscheln, bis sie verschwunden waren. Wir sahen ihnen nach. Beklommen und starr. Die Straße, auf der sie gingen, war grau von Regen und Nebel. Ein Abschiedstag. Pfützen lagen matt auf ihrem Weg. Es nieselte. Großvater und ich hielten uns fest, rochen den Wind. Es war ein bitterer, eisiger Nordwind, der an diesem Tag die zwei fliehenden Gestalten mit sich nahm, ihr Haar von hinten erfasste und nach vorne pustete. Sie gingen sehr schnell und sie drehten sich nicht um. Es war das letzte Mal für viele Jahre, dass ich meine Eltern sehen sollte.
„Lass uns rein gehen, Marie“, sagte Großvater leise und mit matter Stimme. „Na, komm schon.“ Ich zögerte, stellte mich ein letztes Mal auf die Zehenspitzen und reckte meine Nase in die Höhe so weit es mir möglich war.
„Sie sind weg, so glaub es doch!“ Großvater zog mich sanft mit sich. Ich ließ den Kopf sinken, stemmte mich noch für einen kurzen, verzweifelten Moment gegen ihn, doch dann folgte ich seinen Schritten. In Großvaters Gesicht verbargen sich an diesem Tag tausenderlei Gedanken und Regungen. Keine von ihnen teilte er mir mit. Er behielt sie zwischen den Falten seines Gesichtes verborgen, so wie er es auch später tat, wenn ich verzweifelt danach fragte, warum meine Eltern gegangen sind. Immer aber spürte ich, dass hinter der Ruhe seines alten Gesichtes Kräfte brodelten, die, so würde Großvater sie entfesseln, mehr als nur Unordnung mit sich brächten. Manchmal sogar war ich froh, dass ich nichts von ihnen wusste und strich mit meinen Kinderhänden andächtig über das Relief eines langen, bunten Lebens. Großvaters Gesicht wurde schon bald meine Heimat. Wenn ich ihn ansah, meinte ich, mich selbst in ihm wieder finden zu können. In seinem Gesicht, seinen Worten und seinen Geschichten. Mehr noch: Er schien mir wirklicher zu sein als ich selbst je sein würde und jede Falte, zu deren Erkundung ich aufbrach war eine Entdeckungsreise in ein Leben, das schillernder und aufregender nicht sein konnte und das meinige schwindelerregend erhitzte. Ich selbst hatte an jenem regnerischen Tag das Gefühl, ebenfalls alt und faltig zu sein. Meine Augen zogen schwere Kreise nach sich, die Zunge ging schleppend und mein Kopf war dumpf und leer. Für ein kleines Kind, so fand ich, waren dies Gefühle eines Greises.
3
Und dann schlafen wir. Ich weiß nicht mehr wie, ich weiß nicht mehr wann. Traum hat mich mit einem Mal eingehüllt, meinen Sinnen geschmeichelt und mich nächtlich eingekleidet. Dahin gesunken, für Stunden, schlafe ich halb sitzend, den Kopf auf Kurts Schultern geborgen und weithin bunte Bilder erschaffend.
Kalter Tabakgeruch beißt mich in die Nase. Ich schlage die Augen auf. Bin da. Aber wo? Draußen dämmert es bereits. Die Sinne erwachen nur langsam. Ich recke und strecke mich, massiere meinen steif gewordenen Nacken, hole die Fäden meiner Erinnerung zurück und betaste ausgiebig meine Arme, die noch taub und schläfrig auf mir ruhen. Die Bilder des Schlafes verblassen, verschwimmen, verschwinden. Ich bin alleine. Alleine in einem Raum, der Großvaters Raum war. Der einzige Raum im Haus ohne Geschichte, unberührt von den vielen Reisen, gesäumt von wohltuend nackten, weißen Wänden und einem großen, hellen Flokati zu meinen Füßen. Ich bin alleine und liege auf einem grauen Sofa mit Blick auf einen alten Kirschbaum, dessen überschäumende, weiße Blüte nur matt durch die beschlagene Scheibe des großen Fensters schimmert. Ich bin alleine in einem Zimmer mit Kurt, dem Postboten, den die Suche nach einem Fräulein Sonnabend quer durch die Zeit hat reisen lassen. So sagt er. Es muss eine große Liebe sein, denke ich und kann ein Seufzen nicht unterdrücken. Die aufkommende Dunkelheit lässt Kurts Konturen allmählich verschwimmen, ein Prozess, dem ich minutenlang unbeweglich verharrend und staunend beiwohne. Wie eine sepiafarbene Fotografie wächst er neben mir aus dem Sofa heraus, still und mit zur Seite geneigtem Kopf, über sich ausgebreitet seine graue Jacke und die Füße auf dem Boden. Bloß sein regelmäßiger Atem lässt mich glauben, dass er kein Traum ist. Ich beuge mich über ihn und streiche ein paar blonde Strähnen aus seinem Gesicht, befühle sein Haar, das seidig zur Seite fällt, rieche daran, sauge es ein. Lange bleibe ich so sitzen und betrachte ihn, meditiere seine geschlossenen Augen, die bebenden Nasenflügel, die sanft geschwungenen Lippen, streife den Hals hinab und begegne seinen Händen. Es sind schlanke Hände. Hände, die gut sind. Dann stehe ich auf, hebe seine Beine vom Boden auf das Sofa und lege eine Decke über ihn. Um nichts auf der Welt würde ich ihn aufwecken. Soll er ruhen, so lange er mag. Ich überlasse ihn der aufkommenden Nacht und gehe leise aus der Türe. Seine Jacke indes nehme ich mit. Sie soll unten an der Garderobe hängen. Nur so weiß ich, dass ich nicht träume.
Meine Augen haben sich inzwischen an die mondhelle Dunkelheit des Raumes gewöhnt, doch die undurchdringliche Schwärze des Flures, auf den ich hinaustrete, durchdringen sie nicht. Dunkel und drohend wie eine unsichtbare Wand scheint er sich mir entgegenzustemmen und mich aus unsichtbaren Augen anzustarren, Augen, die mich selbst bei Tage ängstigen. Hastig greife ich nach dem Lichtschalter. Das alsbald aufscheinende Licht der Flurlampe entblößt grell das höhnische Grinsen afrikanischer Holzmasken, die mich aus schwarzen Löchern von den Wänden herab anglotzen und mich mit ihrer Gegenwart in diesem Moment mehr denn je entsetzen und erbosen. Nicht alle Souvenirs von Großvater hüllen mich in Behaglichkeit und verströmen den Geruch verheißungsvoller, süßer Ferne. Ich bin sicher, dass diese Masken verhext sind und kann sie obgleich sie mich täglich quälen, unmöglich abhängen. Ihren übellaunigen Blick im Nacken spürend und in den Ohren das unheimliche Gemurmel raunender Voodoozauberworte vernehmend, erahnend, flüchte ich die Treppe hinunter und hänge Kurts Jacke am Hauseingang an die Garderobe. Immer wieder befühle ich meine eigenen Hände, ungläubig und beseelt, da sie eben noch Kurt berührt haben, Kurt, der vom Himmel fiel. Mitten in mein Herz. Ich zittere. Fühle mich unvorbereitet. Ertappt. Versunkene Gefühle rumoren in meinem Inneren einem aufkommenden Magengrimmen gleich. Verwirrt und orientierungslos taumle ich durch die Räume. Hierhin und dorthin. Ein einsamer Museumswärter. Und suche in jeder Ritze nach jener Wahrheit von der Kurt sprach. Was mochte er nur gemeint haben? Aus einer alten Vitrine entnehme ich eine abgegriffene Schneekugel, die Musik machen kann. Großvater hat sie mir einmal aus Grönland mitgebracht. Er war ziemlich oft in Grönland gewesen. Wenn man die Spieluhr aufzieht, tanzt ein kleiner, lustiger Eskimo rund um ein weißes Iglu. Und immer, wenn ich die Musik erklingen höre und den Eskimo um sich selbst drehend tanzen sehe, spüre ich ein unruhiges Kribbeln in meinem Bauch und immer, wenn ich dieses Kribbeln spüre, möchte ich auf der Stelle die Koffer packen und mein Iglu suchen gehen. Aber vermutlich will ich nur jemanden suchen, der mich lieb hat. Jeder sollte sein Iglu haben, finde ich, und weiche Felle, auf die man sich legen kann.
Mit der Schneekugel in der Hand gehe ich in die Küche, setze mich an den alten, von Brotmessern und vielen Jahren durchfurchten Holztisch und ziehe die Spieluhr auf. Die einfache Melodie sickert vertraut durch meine Ohren und macht, dass ich augenblicklich und ohne Übergang hemmungslos zu weinen beginne. Lange habe ich diese Tränen zurück gehalten, doch nun tropfen sie auf das runde Glas der gläsernen Kugel und kullern seitlich herab. Immer wieder drehe ich den metallenen Schlüssel um und lasse die Melodie aufs Neue spielen. Immer wieder tauchen Landschaften aus Eis und Schnee vor mir auf, kalte, abweisende, weiße, geheimnisvolle und unendlich weite Landschaften. Eisbären bewegen sich darin und die Einsamkeit. Bald habe ich das Gefühl als sähen meine Augen gar nichts anderes mehr als Eisbärpfoten und Eisbärnasen und Eisbärmäuler. Als verschwimme alles in einer trüben Masse, meine Eltern, das weiße Fell der Eisbären, das kalte Eis und ich. Doch irgendwann kommt mir in einem hinteren verborgenen Winkel meines Gehirns matt leuchtend zu Bewusstsein, dass ein hübscher Gast auf Großvaters Sofa schlummert. Ein Gast für mich allein. Forschungsstationen und vor Kälte knirschende Zeltplanen entfernen sich aus meinem Gedankenkreis und ein zaghaftes Lächeln huscht über meine salzigen Lippen. Kein Kribbeln im Bauch, kein Koffer packen. Getröstet stehe ich auf, will eben den frohen Eskimo zurück in seinen Schrank tragen, da klingelt es an der Haustüre. Fast lasse ich vor Schreck die Schneekugel fallen. Im ersten Moment vermute ich Marietta. Denn in solchen Momenten ist es immer Marietta. Aber ein Blick aus dem Fenster auf ein mir bestens bekanntes Auto sagt mir: Es ist Phil. Ach, ganz vergessen. Sie will mich abholen. Für einen Moment erwäge ich, einfach nicht zu öffnen. Doch es erscheint mir wenig glaubwürdig. Das Licht in der Küche verrät meine Anwesenheit und noch schlimmer:
Phil, das weiß ich, würde von ihrem Zweitschlüssel Gebrauch machen und mich ohne Umschweife in jedem Raum des Hauses suchen. Die letzen Tränen aus den Augenwinkeln streifend, erkenne ich die Not, die Tür öffnen zu müssen. Wenig begeistert und mit einem Gesichtsausdruck, der nicht sehr gastfreundlich ist, öffne ich also die Türe.
„Wie siehst du denn aus?“ Phil war noch nie höflich diskret. Sie sieht mich forschend an. Sie weiß nicht recht. Undefiniert. Mein Zustand ist undefiniert. Aber auf keinen Fall gut, findet sie.
Hochhackig klappern ihre Schritte durch die Türe. Sie hängt ihre Jacke an den Garderobenhaken. Ich halte eine Sekunde lang den Atem an, aber Phil bemerkt nicht, dass sie ihre Jacke neben eine fremde, graue Jacke gehängt hat. Energisch tritt sie in die Küche und mustert mich erneut.
„Du hast geweint?!“, stellt sie vorwurfsvoll fest und setzt sich an den Küchentisch.
„Ja!“, knirsche ich durch die Zähne. „Und wenn schon?“ Phil betrachtet mich von oben bis unten.
„Willst du etwa so mitkommen?“ Ihr Tonfall ist verächtlich.
„Nein“, sage ich. „Es tut mir leid, aber ich will nicht, geh bitte alleine.“
Phil schaut entrüstet. Sie hat fest mit mir gerechnet.
Aber ich kann ihre Partys nicht mehr leiden. Ich habe es ihr schon oft gesagt. Sie will es nicht wahrhaben.
„Na, komm schon. Nur so, zum Knutschen“, sagt sie und setzt sich an den Tisch. „Das wird dich aufmuntern!“
Das Wort Knutschen löst einen Würgereflex in mir aus. Ich schaue sie böse an.
„Phil, nein. Ich habe doch gesagt, dass ich nicht will.“ Ich drehe mich weg und öffne eine Wasserflasche, nur um irgendetwas in den Händen zu haben.
„Aber wir waren verabredet, Marie. Und du hast gesagt, dass du mitkommst.“
„Ja, kann sein. Aber jetzt will ich nicht mehr“, erwidere ich kurz, während ich mir ein Glas Wasser eingieße.
„Möchtest du auch was?“
Statt zu antworten springt Phil auf.
„Kannst du nicht endlich mal aufhören an deinen Großvater zu denken! Er ist jetzt schon weiß Gott lange genug tot.“
„Vielleicht!“, sage ich und spüre schon wieder Tränen in mir aufsteigen.
Phil bemerkt es. „Aber du doch nicht, Marie. Du bist nicht tot. Begreif das doch endlich.“
Ich erwidere nichts. Ich weiß, Phil meint es gut. Aber sie hat keine Ahnung. Nicht von Eisbären und nicht von Schmerz.
Phil rollt mit den Augen. Dann sieht sie sich um. Und in dem Moment wird mir klar, dass es nicht gut ist, dass sie hier ist. Mir wird vor allen Dingen klar, dass Kurt jeden Moment aufwachen und zu uns herunter kommen könnte. Das will ich nicht. Alles ist noch so sepiafarben und weich und warm. Aber Phil hat die Angewohnheit sich hier sehr zuhause zu fühlen, durch die Räume zu gehen wie es ihr beliebt. Das stört mich sonst nicht. Im Gegenteil. Aber jetzt? Was, wenn sie das jetzt auch tut? Ich werde nervös. Das darf auf keinen Fall passieren, denke ich und stelle das Glas Wasser beiseite.
Phil hat meinen Schreck nicht bemerkt. Sie legt die Hand auf meinen rechten Arm und insistiert weiter. Nun etwas sanfter:
„Komm schon, Marie, so wie früher.“
„Wie früher?“, erwidere ich mit einem schiefen Lächeln. „Ich soll doch aufhören früher zu vermissen, sagst du!“
Und nun muss ich doch lachen, denn ich finde Phils Pragmatismus irgendwie rührend. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass mein Blick in Richtung Flur huscht. Ich versuche zu lauschen. Aber nein, da ist nichts. Trotzdem, Phil muss so schnell wie möglich gehen.
„Phil, müsstest du nicht längst dort sein?“, frage ich darum scheinheilig.
„Ja“, antwortet sie, „aber du weißt ja, am Anfang ist ja nie was los!“
Verdammt. Sie hat es nicht eilig. Unruhig beobachte ich wie sie ihren Blick durch die Küche schweifen lässt. Ihre kleine rote Handtasche in der Hand schwenkend, tänzelt sie um den Tisch, läuft zum Fenster, zur Tür, macht einen Rundgang. Vielleicht geht sie gerade einen Schlachtplan durch. Meine Befürchtungen sind nicht abwegig. Abrupt bleibt ihr Blick an der Kühlschranktüre haften, dort, wo diverse Postkarten hängen, Postkarten, die allesamt ein und dieselbe Handschrift tragen.
„Wieder eine Karte von Roberto?“ Ihre Stimme klingt fast eine Oktave höher.
„Ja“, sage ich.
„Er liebt dich, Marie!“ Phil sieht mich an.
„Kann sein.“
„Er liebt dich wirklich!“
„Jaaa!“
„Du bist total bescheuert!“, schimpft sie wieder. „Du liebst ihn doch auch! Wo ist das Problem?“
Aber ich höre Phil nicht zu, blicke stattdessen wieder aufs Äußerste beunruhigt zum Flur. Mir war eben als sei da doch was gewesen. Ob Kurt aufgewacht ist?
„Antworte ihm endlich, Marie, hörst du!“, sagt Phil noch einmal. „Er wird schließlich nicht ewig warten.“
Wieder ein Rascheln. Kaum vernehmbar. Doch ich habe es vernommen. Erschreckt drehe ich mich um. Ein Reflex.
Das ist nun Phil ebenso nicht entgangen. Auch sie wendet jäh ihren Kopf Richtung Flur.
„Ach, so ist das!“ Ihre Augen funkeln empört. „Ich soll annehmen, du hängst in tiefer Trauer, dabei hast du einen Kerl im Bett. Jetzt wird mir einiges klar.“
„Du täuscht dich Phil, ich habe keinen Kerl im Bett…“
„Ach was, du lügst, das sehe ich dir an. Wer ist es? Los sag!“
Sie ist im Begriff in den Flur zu eilen, doch ich stelle mich breit vor sie hin und versperre ihr den Weg.
„Niemand.“
„Sicher!“ Phil ist aufgebracht. „Deswegen versperrst du mir den Weg. Wegen niemandem!“
Sie versucht an mir vorbei zu kommen.
„Es ist anders als du denkst, Phil, bitte! Versteh doch…“
„Ich versteh ja, du hast einen Typen. Alles ist bestens.
So soll es ja sein.“
Phil versucht meinen Arm weg zu drücken.
„Es geht dich doch gar nichts an, was ich hier mache!“
„Doch, das tut es!“
„Warum?“
„Ich bin deine Freundin!“
„Ach ja? Da bin ich mir manchmal nicht so sicher!“
„Was soll das nun wieder heißen?!“
Ich erwidere nichts.
„Was heißt das?“ Phil lässt nicht locker. Sie stemmt beide Arme in die Seite.
Doch ich antworte nicht, sehe sie nur stumm und feindlich an.
Dann versucht Phil erneut an mir vorbeizukommen, aber ich halte sie fest. Hier kommt sie nicht durch.
„Du willst mir also nicht sagen, wer es ist?“ Phil stellt sich groß und drohend vor mir auf. Doch ich bin stärker, das ärgert sie.
„Nein!“
„Warum?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Marie, das kann doch nicht dein Ernst sein?“
„Oh doch!“ sage ich.
„Roberto schmachtet nach dir, er ist der tollste Mann, den du kriegen kannst und du machst so was!“ „Was mache ich denn?“
„Na, weiß ich ja nicht!“
Phil kräuselt verächtlich ihre rot geschminkten Lippen.
„Aber meinetwegen.“ Hoch erhobenen Kopfes schnappt sie sich ihre Jacke. Ich renne hinter ihr her.
„Phil“, versuche ich einzulenken.
„Ach, was!“, sagt Phil. „Mach du nur deine
Spielchen…“
„Ich mache keine Spielchen! Das ist dein Metier.“
Das gibt Phil den Todesstoß. Sie schnaubt zornig.
„Wie du meinst!“
Gerne würde ich einlenken, Phil wieder besänftigen, mich entschuldigen, aber das leise Rascheln, das zeitweilig zu hören ist, nimmt nun meine ganze Aufmerksamkeit für sich ein. Es ist ohne Zweifel Kurt. Er muss aufgewacht sein und oben an der Treppe stehen. Vielleicht traut er sich nicht herunter zu kommen und lauscht dieser lächerlichen Szene, die sich gerade hier und nur wegen ihm abspielt. Scham erfasst meine Wangen, aber noch mehr sterbe ich vor Angst, Phil und er könnten sich begegnen. Ich will die leisen Rufe meines Herzens nicht mit ihr teilen. Und ein Glück, endlich hat Phil den Knauf der Türe in der Hand, bereit zu gehen. Da dreht sie sich noch einmal um, nur um mir einen letzten gehässigen Blick zuzuwerfen, doch in diesem Moment bemerkt sie endlich Kurts Jacke.
„Aha!“ Sie kommt zurück, hebt den Ärmel in die Höhe, riecht an ihm und lässt ihn darauf missbilligend fallen.
„Marie, du weißt es! Roberto oder keinen!“
„Ja, doch!“
Ich würde Phil gerne erklären, wie sehr mich Robertos Gestalt und seine schönen Worte umschmeicheln und wie ungleich mehr noch sie mich beunruhigen, aber nicht jetzt. Jetzt soll Phil einfach nur gehen.
„Sei nicht böse Phil, aber lass mich jetzt bitte alleine.“
„Also gut!“ Phil gibt wirklich auf.
Aber sie ist enorm sauer. Auch, wenn man es ihr nicht ansieht, nicht ich sie, sondern sie braucht mich auf den Partys.
„Glaube nur, ich werde auch ohne dich heute Abend Spaß haben.“
„Davon bin ich überzeugt!“
Sie greift erneut nach der Türklinke, ist fast schon an der Türe…, da ertönt plötzlich ein lautes Poltern. Wir zucken beide zusammen. Mein Herzklopfen wird unerträglich.
„Bitte geh jetzt!“, flehe ich Phil an und schubse sie fast hinaus.
Aufgeregt eile ich die Treppe hinauf so schnell ich kann und schaue mich um.
„Kurt!“, flüstere ich. „Kurt, sind Sie das?“ Keine Antwort. Da erst sehe ich, dass eine der afrikanischen Masken zerbrochen am Boden liegt. Sie muss von der Wand gefallen sein. Erstaunt betrachte ich die auseinander gebrochenen Hälften. Und Kurt? Leise öffne ich einen Spalt breit die Türe zu dem Zimmer, in dem Kurt schläft. Doch der schläft unverändert wie zuvor. Ich atme auf, gehe zurück auf den Flur und nehme die zerbrochene Maske in meine Hände. Alle Aufregung umsonst. Ohne langes Zaudern gehe ich mit der Maske die Treppe hinunter und raus in den Garten. Die Luft ist feucht und riecht nach Erde. Ich öffne den Deckel der Mülltonne, schmeiße die Maske hinein, lasse den Deckel wieder herab und fühle mich erleichtert. Das hätte ich schon längst tun sollen.
4
Ein tiefer, traumloser Schlaf erfüllt die kommende Nacht. Eine Nacht ohne Sonnen, aber auch ohne Monde. Als ich erwache, ist es heller Tag. Blinzelnd verfolge ich die Staubfünkchen im morgendlichen Licht. Aufgeregt und von einer ungewissen Eile erfasst, tanzen sie durch die Luft. Fast höre ich sie kichern. Ich sehe ihnen noch eine Weile zu, dann wandert mein Blick weiter, vorbei an einem schmalen Buchregal, hin zu der mir gegenüber liegenden Wand. Ich lächle. „Guten Morgen!“, sage ich zu der Venus, die sich dort in einem großen, goldenen Bilderrahmen räkelt. Ich sehe sie mir jeden Morgen an. Denn sie ist jeden Morgen anders. Mal ist der Pinselstrich kräftiger, mal ihre Pose verspielter, mal der Himmel lichter. Manchmal gar ist sie verschwunden. Meistens aber liegt sie da, so wie jetzt. Zart und erdig, dahin gesunken und nackt auf Sand. Dem, der sie ansehen will, den blanken Rücken zugewandt und den Kopf unter dichtem, schwarzen Haar begraben, das ihren Körper wie ein sanfte Berührung streichelt. Ich kann ihre schamhafte Abgewandtheit spüren als wäre es meine eigene. Ich kann deutlich sehen, wie eigenwillig und doch dem Blick zugänglich, ja, letzten Endes zugewandt in ihrer Nacktheit, sie daliegt. Sie ist noch kein Kreislauf, würde Großvater vielleicht sagen. Sie ist Sehnsucht, finde ich und kann das Salz des Meeres riechen, die Brise spüren. Sie ist eine ans Ufer Gespülte, eine Perle, die sich wieder in einer Muschel verschließen möchte und sich doch weich und elegant in den Boden schmiegt, zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Scham und Verführung. Dazwischen. Irgendwo dazwischen. Doch dann denke ich auch schon an Kurt. Sicher ist er nun endlich wach. Ich lausche. Aber ich kann nichts hören. Nicht das kleinste Geräusch. Also springe ich aus dem Bett und kleide mich an. Die Neugierde treibt mich rasch voran und hinaus auf den Flur. Ich lausche wieder. Absolute Stille. „Kurt!?“, rufe ich leise, aber nichts. Leise klopfe ich an seine Türe, kein Ton. Also öffne ich die Türe vorsichtig und wieder einen Spalt breit wie den Abend zuvor, blicke ins Zimmer, erfasse das Sofa und
