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Der Autor erzählt von einer geplanten Sabotage der russischen Gaslieferungen durch die Ostseepipeline nach Europa. Eine apokalyptische Vision, in die himmlische Mächte involviert sind. Der ewige Zwist zwischen dem Heiligen Petrus und dem Erzengel Michael einerseits und Luzifer andererseits ist in einer gefährlichen Phase. Luzifer hat einen mephistophelischen Pakt mit Augustus Miller, einem machtgierigen und skrupellosen Milliardär, und dessen ebenso gewissenlosen Partner Big Ralf geschlossen. Die Beiden bringen die Erde mit ihrer Gier nach großem Geld und Macht an den Rand einer gewaltigen Umweltkatastrophe. Ihre Machenschaften drohen den in der Apokalypse und im Maya-Kalender prophezeiten Weltuntergang auszulösen. Mithilfe von Caspar, dem idealistischen, aber etwas naiven Neffen von Augustus, und seinen "Agenten des Lichts" versuchen Petrus und Michael diese gefährliche Entwicklung aufzuhalten.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Uwe Woitzig
Der See des Teufels
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 13
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Epilog
Impressum neobooks
Als das Waldmurmeltier an diesem warmen Junimorgen in seinem unter einem Wacholdergebüsch gelegenen Bau erwachte, merkte es sofort, dass die Luft anders roch. Erstaunt schnüffelte es mehrmals. Mit seinen sensiblen Riechorganen stellte es fest, dass sich ihr Sauerstoffgehalt drastisch erhöht hatte. Und ihre Stickstoffanteile ebenso stark reduziert waren.
Natürlich wusste das Murmeltier nichts von diesen chemischen Elementen. Aber es erkannte sehr wohl, dass die Atmosphäre rein und klar geworden war, so dass die Gerüche des Waldes, in dem es lebte, sich frei entfalten konnten. Es duftete in einer Vielfalt wie es der kleine Kerl noch nie erlebt hatte.
Und still war es. Merkwürdig still.
Keine Fahr – oder Hupgeräusche, kein Motorenlärm, kein Musik - oder Stimmengewirr drangen aus der an den Wald angrenzenden Stadt an sein Ohr. Nur die Vögel zwitscherten laut und fröhlich und das Murmeltier konnte sogar das Rauschen der Blätter der Waldbäume und Gebüsche hören.
Neugierig geworden zwängte sich der pummelige Waldbewohner, der in den letzten Jahren ziemlich fett geworden war, weil er sich immer öfter auf den Müllhalden am Rande der Stadt vollgefressen hatte, durch den für seinen Körperumfang inzwischen fast zu engen Höhlengang an die Erdoberfläche. Er watschelte auf die kleine Lichtung vor seinem Bau und sog genüsslich die frische und saubere Luft in seine Lungen.
Auf einmal vernahm das Murmeltier ein Geräusch, das es verwunderte. Es klang wie das Plätschern des kleinen Bächleins, das am anderen Ende des Waldes seinen Lauf hatte und wo es immer zum Trinken hinlief. Aber wie konnte das sein? In der Nähe seines Baus gab es kein Gewässer.
Das Murmeltier beschloss, soweit ein Murmeltier etwas beschließen kann, die Sache zu untersuchen. Es verließ die Lichtung und lief zum Waldrand, hinter dem die ihm sehr suspekte Stadt lag.
In den Halden aus Blech, Plastik und sonstigem ungenießbarem Zeug, die sich zwischen dem Wald und der Stadt angesammelt hatten, fand es zwar immer wohlschmeckende Nahrung in Form von nur halb verfaultem Gemüse und Obst, das die Bewohner der Stadt, übel riechende Menschen, die mit ihren stinkenden Maschinen laute Geräusche und Dreck erzeugten, weggeworfen hatten.
Das Murmeltier scheute jede Begegnung mit ihnen, seit ein paar Männer bei seinem letzten Ausflug in die Stadt versucht hatten, es mit Steinen zu bewerfen und zu töten. Sie hatten laut etwas geschrien, dass wie „fette Ratte“ klang. Nur ganz knapp hatten sie es mit ihren Wurfgeschossen verfehlt. Seitdem war es sehr vorsichtig geworden, wenn es sich der Stadt nähern wollte.
Am Waldrand angekommen spähte es ängstlich hinter einer mächtigen Eiche hervor, um festzustellen, ob sich Menschen in der Nähe aufhielten. Völlig verblüfft riss es seine kleinen Äuglein auf. Die waren zwar nicht mehr so gut wie früher, aber gut genug, um zu erkennen, dass die Stadt verschwunden war.
Wo gestern Abend noch in dem Tal unterhalb des Waldes dicht an dicht aus Schloten qualmende Gebäude standen, lärmende Fahrzeuge die Straßen befuhren, laut redende Menschen die Gassen bevölkerten und das Summen der Strom - und Lichtmasten sowie das Brummen der in den Häusern laufenden Maschinen an sein Ohr gedrungen war, befand sich jetzt ein stiller See, dessen spiegelglatte Oberfläche leicht vom Wind gekräuselt wurde und dessen dabei erzeugten kleine Wellen leicht gegen das Ufer schwappten, zu dem der Waldrand geworden war.
Das war das Geräusch gewesen, das das Murmeltier gehört hatte und das es nicht zuordnen konnte. Zögernd und mit vor Aufregung klopfendem Herzen trapste der putzige Bursche hinter dem Baum hervor und näherte sich dem Wasser. Vorsichtig tunkte er seine kleine Zunge in das erfrischende Nass. Es mundete ihm trotz des metalligen Nachgeschmacks ausgezeichnet.
Nachdem es den ersten Schluck getrunken hatte, war der auf mysteriöse Weise über Nacht entstandene See für das Waldmurmeltier schon zur Normalität geworden.
Es war glücklich, dass die Stadt und ihre feindseligen Bewohner aus seiner Nachbarschaft verschwunden waren.
Der kleine Höhlenbewohner, der sich ungern weit von seinem Bau entfernte, freute sich sehr, ab sofort eine Wasserstelle in unmittelbarer Nähe seiner Höhle zu haben. Von nun an musste er nicht mehr den für seine kurzen Beine sehr weiten Weg durch den ganzen Wald laufen, um seinen Durst stillen zu können.
6.894.726.831. Tick. 6.894.726.856. Tick. 6.894.726.912. Die Zahl stieg sekündlich an. Jedes Jahr um etwa 80 Millionen. In grünen Ziffern leuchtete sie auf dem Rahmen eines riesigen Bildschirms mit der Aufschrift „Erde“, der die ganze Wand eines vollkommen in Weiß gehaltenen, lichtdurchfluteten Büros bedeckte.
Auch die winzigen Lichtquadrate, die wie Sterne auf dem Schirm funkelten, waren in ständiger Bewegung. Sie erloschen und flackerten sofort wieder auf, denn jedes dieser Quadrate stand für ein menschliches Leben auf dem blauen Planeten. Die Zahl zeigte den aktuellen Stand.
Der Heilige Petrus saß an seinem Schreibtisch und las konzentriert in einer Gelb schimmernden Akte.
„Die sieben Zeichen der Apokalypse also“, murmelte er leise und seine Stirn legte sich in besorgte Falten. Dann schloss er die Mappe, die komplett aus Gold bestand, und erhob sich.
Er warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm und da sah er es. Eins der Lichtquadrate blinkte in einem hellen Violett.
Höchste Alarmstufe.
Sofort setzte er sich wieder. Mit einem Cursor klickte er das Quadrat an und vergrößerte es.
Auf dem Monitor erschien ein dunkelgrüner, klappriger Transportbus mit der orangenen Aufschrift „Tierrettung“, der durch eine von Fachwerkhäusern gesäumte Straße einer kleinen Stadt fuhr.
Es war eine mondlose, dunkle Nacht und die Scheinwerfer des Kleinbusses waren voll aufgeblendet.
In der Fahrerkabine erkannte Petrus ein junges Pärchen.
Der Mann war ein Mittzwanziger mit sensiblen Zügen, dunkelbraunen Augen wie ein etwas scheues, aber mutiges Reh und langen, blonden Haaren. Er saß am Steuer.
Seine rotblonde Freundin hatte ihren zarten Kopf an seine Schulter gelegt, während sie eine durchnässte Katze streichelte, die sich auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte.
Die Augen des Mädchens waren im Schein der Armaturenbeleuchtung grün und schwarz, ihre Haut weiß wie Elfenbein. Anscheinend hielt sie sich gerne im Schatten auf.
Petrus bewegte einen Regler auf dem Mischpult seines Schreibtisches. Sofort drang eine besorgte weibliche Stimme aus den in seiner Arbeitsplatte eingebauten Lautsprechern:
„Caspar, meinst du, wir schaffen es rechtzeitig in deine Praxis? Sie zuckt und bebt die ganze Zeit. Es fühlt sich an, als würde sie würgen und ersticken.“
Der junge Mann schluckte hastig den letzten Bissen der Schokolade herunter, die er gerade gegessen hatte. Er legte seine Hand auf den Rücken der schwer atmenden Katze.
„Keine Sorge, Gretchen, sie ist nur stark verkühlt. Es ist ein Wunder, dass sie sich mitsamt der an ihren Hals gebundenen Flasche aus den eisigen Fluten ans Ufer retten konnte. Aber das spricht für ihren starken Lebenswillen.“
„Ach Caspar, ich bin immer wieder entsetzt, wenn ich sehe, was Menschen den Tieren antun.“
Während er aufmerksam der Unterhaltung der Beiden lauschte, tippte Petrus die Namen „Gretchen“ und „Caspar“ in die Suchmaschine seines Personal Computers.
Auf dem Monitor erschienen die gesuchten Daten.
„Caspar Hauser, 25 Jahre alt, Tierarzt und Idealist. Sohn von Elisabeth und Hans Hauser, die als Tierschützer bei den Berggorillas im Kongo lebten. Sie wurden zusammen mit der von ihnen betreuten Gorillafamilie von Wilderern ermordet.
Nur Caspar überlebte, weil eine sterbende Gorilladame sich schützend über ihn geworfen hatte und die Wilderer den bewusstlosen, mit ihrem Blut besudelten Caspar für tot hielten.
Er wurde von Mitgliedern eines Stammes gefunden, die mit seinen Eltern befreundet waren und die die Schüsse gehört hatten. Sie übergaben Caspar an einen weißen Missionar.
Der sorgte dafür, dass er nach Ratzenburg an der Issel, einem kleinen Städtchen in Deutschland mit 12.000 Einwohnern, zu seinem Onkel Augustus Miller, dem Bruder seiner Mutter, gebracht wurde. Bei ihm ist er aufgewachsen. Miller hat ihm auch sein Studium finanziert.“
„Augustus Miller, also. Ausgerechnet Augustus Miller“, seufzte Petrus.
Dann las er gespannt weiter.
„Auf seinem Gymnasium gründete Caspar die „Agenten des Lichts“, eine Organisation, der sich bis heute fast ein Viertel aller Jugendlichen Ratzenburgs anschlossen. Sie hat sich den Umwelt – und Tierschutz als Hauptaufgabe gesetzt und bekämpft die Projekte der Firmen von Caspars superreichem Onkel mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln.“
Petrus lächelte erfreut und drückte erneut eine Taste.
Auf dem Bildschirm erschien das Foto eines hübschen, rothaarigen Mädchens mit einer randlosen Brille.
„Gretchen Nabel, 22 Jahre“, las Petrus. „Sie wuchs als Waise bei den katholischen Fräuleins in Ratzenburg auf, weil ihre Eltern an einer Greenpeace-Aktion gegen das Abschlachten der Wale teilnahmen und ihr Boot von einem japanischen Walfänger gerammt und versenkt wurde.
Für die Insassen des Bootes kam jede Hilfe zu spät. Gretchen schloss sich vor einigen Jahren den „Agenten des Lichts“ an. Bei der Weihnachtsfeier der „Agenten“ vor einem Jahr verliebte sie sich in Caspar und er sich in sie. Seitdem sind sie unzertrennlich.“
„Schalte den Zoom ein“, sagte plötzlich eine weibliche Stimme sanft. Petrus fuhr erschrocken zusammen.
„Musst du dich immer so leise anschleichen, Angela? Kannst du nicht wenigstens ein Glöckchen läuten, wenn du den Raum betrittst?“
Der hinter Petrus aus dem Nichts aufgetauchte dunkelhäutige Engel, der seine persönliche Assistentin war, lächelte spitzbübisch. Sie war auf Erden mit einem Hollywoodregisseur verheiratet gewesen und hatte es geliebt, sich an ihn heranzuschleichen und ihn zu überraschen, um seine coole Fassade bröckeln zu sehen.
Diese Angewohnheit hatte sie auch im Himmel nicht ablegen können.
„Entschuldige Chef, wenn ich dich erschreckt habe“, sagte sie deshalb nur scheinbar reumütig. „Ich habe auf meinem Schirm den violetten Alarm gesehen und habe mich zu dir hergedacht. Soweit ich weiß, wird dieser Alarm doch nur ausgelöst, wenn es um die Existenz eines Planeten geht. Aber bis jetzt kann ich noch nichts besonders Bedrohliches erkennen.“
„Nun, dieser Augustus Miller verheißt nichts Gutes. Er ist im Kontakt mit unserem speziellen Freund Luzifer. Wie eng ihre Verbindung ist, weiß ich allerdings nicht. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Luzifer sich in einer seiner Maskeraden ständig in Millers Nähe herumtreiben würde und ihn berät und beeinflusst.
Wenn es ihm gelungen sein sollte, Miller dazu zu bewegen, sein riesiges Vermögen und seine Macht einzusetzen, um ein neues gigantisches Ölbohrungs-, Staudamm – oder Autobahnprojekt durchzuführen, könnte es sehr gefährlich für die Umwelt der Erde und für Caspar, Gretchen und die Agenten des Lichts werden. Ok, schalten wir mal den Zoom ein.“
Auf dem Monitor war das aus der Vogelperspektive aufgenommene Bild des friedlich schlummernden Ratzeburgs zu sehen.
Alles schien ruhig zu sein. Es gab fast keinen Verkehr. Nur ein paar späte Nachtbummler ließen sich von drei Taxis nach Hause fahren und zwei Polizeiwagen waren auf Streife unterwegs. Und ein einsamer, alter Mann. Ohne Familie, ohne Freunde, ohne Haus. Und ohne etwas zu essen. Einsam und verlassen, wie so viele auf dieser Erde.
„Da, schau!“
Angela betätigte erneut den Zoom. In Großaufnahme waren zwei Schäferhunde zu sehen, die friedlich nebeneinander an der in die Stadt führenden Bundesstraße entlang liefen, die die Stadt mit der Autobahn verband.
In diesem Augenblick bog ein LKW mit Anhänger von der Autobahn auf die Bundesstraße ein und fuhr Richtung Stadt. Deutlich war an den Seiten seiner Aufbauten die Aufschrift „Augustus Miller“ zu lesen.
Der Vierzigtonner beschleunigte und fuhr direkt auf die beiden Hunde zu.
Angela ergriff Petrus Arm und stöhnte entsetzt auf.
Auf der Höhe der beiden Tiere machte der schwere Lastzug plötzlich einen Schlenker.
Einer der beiden Hunde wurde von dem Vierzigtonner gerammt und meterweit durch die Luft geschleudert. Er blieb regungslos am Straßenrand liegen. Ohne abzubremsen fuhr der Fahrer weiter, während der andere Hund zu seinem Gefährten rannte und ihn immer wieder sanft mit seiner Schnauze an stupste.
Petrus schnaufte.
Schnell drehte er an einigen Knöpfen. Das Gesicht eines höhnisch grinsenden Mannes erschien auf dem Bildschirm, der lässig sein Lenkrad mit der Linken hielt und sich mit der Rechten eine Zigarette anzündete. Im Schein des aufflackernden Feuerzeugs war deutlich ein Schild zu erkennen, das er an der Rückwand der Fahrerkabine neben seinem Kopf befestigt hatte.
„Big Ralf“, lasen Petrus und Angela. Petrus machte sich eine Notiz.
„Das werde ich in seiner Akte vermerken, da kannst du sicher sein.“
„Aber was ist mit dem angefahrenen Hund? Können wir nichts tun für ihn?“ fragte Angela.
„Müssen wir nicht, Hilfe ist schon unterwegs“, erwiderte Petrus und deutete auf den Schirm, den er erneut auf Vogelperspektive umgestellt hatte.
Tatsächlich war wieder der Kleinbus mit der Aufschrift „Tierrettung“ zu sehen, der stadtauswärts die Bundesstraße direkt auf den LKW zufuhr. Als sie auf gleicher Höhe waren und er den Bus des Neffen seines Chefs erkannte, ließ Big Ralf zur Begrüßung sein Horn ertönen.
„Rücksichtsloser Kerl, dieser Big Ralf. Um diese Zeit einen solchen Lärm zu machen. Er weckt die ganze Stadt auf. Ich frage mich, wo mein Onkel immer diese gewissenlosen Burschen herbekommt, die bei ihm angestellt sind“, sagte Caspar empört, als der LKW ihn passiert hatte.
„Gleich zu gleich gesellt sich gern“, erwiderte Gretchen spitz.
„Ich weiß, dass mein Onkel alles andere als eine Mutter Theresa ist. Aber immerhin hat er mich nach dem Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen und mir mein Studium und meine Praxis finanziert.
Dafür werde ich ihm immer dankbar sein“.
„Ja, ja, und dafür behandelt er dich schlimmer als den letzten Laufburschen, während er seinem fetten Sohn Biff, dessen einziger Lebensinhalt das Vertilgen riesiger Mengen von Junk Food zu sein scheint, vergöttert und ihm jeden seiner Wünsche erfüllt. Warum zum Beispiel hat er ihm diesen roten Ferrari geschenkt? Biffs Elefantenkörper passt doch niemals in das enge Cockpit dieses Autos!“
„Das ist eben Onkel Augustus´ Art, Liebe zu zeigen. Er hat nichts anderes gemacht in seinem Leben als Geld zu verdienen und sich an seinem immer größer werdenden Reichtum zu erfreuen.
Also benutzt er sein Geld, um damit den wenigen Menschen, die ihm etwas bedeuten, eine Freude zu bereiten“, verteidigte Caspar seinen Onkel schwach.
Jetzt wurde Gretchen richtig sauer.
„Ach so, deshalb hat er dir zu deinem Geburtstag diesen klapprigen, sieben Jahre alten Transportbus geschenkt, den er noch dazu dem alten Bäcker Binswanger wegpfänden ließ, weil der drei Monate seine Rechnungen nicht bezahlen konnte.
Wie du auch weißt, war der arme Mann von mehreren Kunden verklagt worden, weil sie von seinem Brot einen üblen Ausschlag bekommen hatten. Das sprach sich ganz schnell rum. Ihm liefen seine Kunden weg, die seitdem nur noch in dem Supermarkt deines Onkels ihr Brot und ihre Semmeln kaufen.
Herr Binswanger hat seine Bäckerei geschlossen. Er vermutet immer noch, dass der Ausschlag von dem von der Firma deines Onkels gelieferten Mehl verursacht wurde. Doch er konnte es nicht beweisen, weil merkwürdigerweise alle Mehlsäcke plötzlich verschwunden waren. Ein wirklich liebenswerter Mensch, dein Onkel, der dich offensichtlich außerordentlich schätzen muss, wenn man sich überlegt, was er alles anstellen musste, um dir dieses Auto schenken zu können.“
Caspar fiel dazu nicht sofort eine passende Erwiderung ein. Während er noch überlegte, sah er plötzlich etwas in seinem Scheinwerferlicht auftauchen.
„Schau, da ist was passiert!“ rief er aufgeregt und deutete nach vorn.
Auch Gretchen sah jetzt den Schäferhund, der am Straßenrand neben seinem reglos daliegenden Freund stand. Er hatte seinen Kopf über den Brustkorb seines Gefährten gesenkt und rempelte ihn immer wieder zärtlich und aufmunternd mit seiner Nasenspitze an, doch der blieb regungslos liegen.
Caspar hielt direkt neben den beiden Hunden und sprang aus dem Auto. Gretchen stieg ebenfalls aus. Sie lief zu dem stehenden Vierbeiner und redete beruhigend auf ihn ein, während Caspar sich neben dem Bewusstlosen auf die Knie sinken ließ. Routiniert legte er seine Finger an die Halsschlagader des Hundes und fühlte seinen Puls.
„Ist er tot?“ fragte Gretchen, die den Caspar gespannt beobachtenden Artgenossen zärtlich zwischen den Ohren kraulte.
„Nein, aber er ist sehr schwach. Wir müssen ihn schnellstens in die Praxis bringen und ihn operieren. Schnell, hol die Trage aus dem Wagen.“
Kurz darauf bogen sie in die Auffahrt zum Schloss ihres Onkels ein, in dessen Seitenflügel Caspar sich im Erdgeschoss eine kleine, aber gut ausgestattete Praxis eingerichtet hatte.
*
Schloss Unweishaupt hatte besonders nachts etwas Unheimliches. Über 800 Jahre alt hatte es schon viel erlebt. Viel zu viel. Und meistens nichts Gutes. Das spürte jeder, der für gute und schlechte Energien eine Ader besaß. Gretchen hatte eine solche.
Sie parkten im Hof des Schlosses neben dem LKW von Big Ralf, der eine Abkürzung genommen hatte und vor ihnen eingetroffen war.
Als sie die zitternde Katze und den schwer verletzten Hund mit der Trage im professionellen Gleichschritt zu Caspars Praxis trugen, lief ihnen sein Freund hinterher, der wie selbstverständlich zu ihnen ins Auto gesprungen war, als sie die Trage mit dem darauf Festgezurrten im Innenraum befestigten.
Ein Lichtschein fiel aus dem erleuchteten Büro seines Onkels auf die Front des LKW. Aus den Augenwinkeln bemerkte Caspar eine große Beule an seinem rechten Kotflügel.
„Sollte es Big Ralf gewesen sein, der den Hund überfahren hat?“, fragte er sich. Doch dann verdrängte er diesen Gedanken und beschloss, sich zunächst auf die bevorstehende komplizierte Behandlung des Vierbeiners zu konzentrieren.
„So langsam fange ich an, zu verstehen, warum der violette Alarm ausgelöst wurde“, sagte Petrus leise. „Wir werden gut auf die Beiden und ihre Freunde aufpassen müssen. Sie sind alle in großer Gefahr. Aber nicht nur sie. Wenn das, was auf dem LKW ist, tatsächlich zum Einsatz kommt und der damit in Zusammenhang stehende, gewissenlose Plan gelingt, geht es in der Tat um die Existenz des blauen Planeten.“ Kapitel 2
„Du musst ja gefahren sein wie der Teufel, dass du schon heute Nacht aus der Ukraine zurück bist! Hast du alles bekommen, was du holen solltest?“
Augustus Miller saß hinter seinem Schreibtisch und blickte wohlwollend auf den Hünen, der zufrieden lächelnd vor ihm stand.
Augustus war in der Tat ein mächtiger Mann, was sich schon durch seine äußere Erscheinung ausdrückte. Wie sein Sohn Biff liebte er Burger und Pommes Frites und aß tonnenweise Eiskrem.
Diese Nahrungsexzesse waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Augustus war 1,98 groß und wog 296 Kilo. Sein gewaltiger Schädel mit dem wirren, dichten Haarschopf ruhte auf einem Hals mit drei Kinnen, die in einen massigen Oberkörper mit einem fetten Bauch übergingen, der so schwer war, dass er nur noch von zwei Elefantenbeinen getragen worden konnte, die auf Füßen mit der Schuhgröße 61 ruhten.
„Hab ich, Boss. Die haben mir allet gegeben, wat wir von ihnen haben wollten“, antwortete Big Ralf in seinem harten Ruhrpottdialekt.
„Das ist sehr gut. Nun, wir haben ihnen auch ein anständiges Sümmchen dafür bezahlt. Allerdings bin ich gespannt, wie sie reagieren werden, wenn sie herausfinden, dass wir ihnen Dollarscheine gegeben haben, die einst Saddam Hussein mit den gestohlenen Druckplatten aus Kuweit gedruckt hat. Aber das wird eine Weile dauern, vermute ich. Selbst das Papier der Scheine ist nämlich Originalpapier, nur die Seriennummern stimmen nicht. War ein guter Deal damals, die Dollars im Verhältnis 10:100 zu kaufen.“
Augustus lächelte zufrieden, als er daran dachte, wie ihm dieser grimmig aussehende Iraker 100 Millionen US Dollar in 100 Dollar Noten zum Preis von 30 Millionen angeboten hatte. Selbstverständlich hatte er ihn auf 10 Millionen heruntergehandelt, dafür dann aber insgesamt 400 Millionen gekauft. Und davon hatte er jetzt neunzig Millionen benutzt, um sich das Material zu beschaffen, das er für das größte und verwegenste Projekt brauchte, das er je gewagt hatte.
Allerdings ohne die Zustimmung seiner Milderberger Logenbrüder hätte er es nie in Angriff genommen, aber mit deren unerschöpflichen Finanzmitteln und ihren weltweiten Verbindungen im Rücken traute er sich zu, es durchzuführen. Außerdem hatte er noch einen sehr, sehr mächtigen Verbündeten, der ihm zur Seite stand.
„Wo soll ich die Ladung abladen, Boss?“ fragte Big Ralf und unterbrach damit seine Gedanken.
„Lass sie vorläufig noch auf dem LKW. Wir müssen am Zielort noch einige Arbeiten vollenden, bevor sie dort abgeladen werden kann. Fahre den Wagen in den Stollen des stillgelegten Bergwerks, dort findet ihn niemand. Ich möchte nicht, dass mein Neffe oder seine verrückte Freundin entdecken, was wir vorhaben. Sonst geht ihr verdammtes Geschrei wegen Umweltschutz wieder los. Nimm das Motorrad, das dort steht, und komm so schnell wie möglich wieder her.“
„Wird erledigt, Boss. Ach, übrigens, als ich von der Autobahn kam, habe ich ihren Neffen und seine Freundin gesehen. Sie kamen mir mit ihrem Kastenwagen mit dieser albernen Aufschrift entgegen. Was zum Teufel macht der Junge um 4 Uhr nachts auf den Straßen?“
Augustus seufzte. Caspar. Sein größter Stein im Schuh. Der Junge geriet immer mehr seiner idealistischen Schwester nach. Statt sich aufs Geldverdienen zu besinnen und in seine Firma einzusteigen, sammelte er verletzte Tiere ein und operierte sie. Umsonst natürlich. Auch in seiner Praxis nahm er von den Leuten nur das Geld, das sie ihm freiwillig gaben.
Jedes Mal, wenn er ihn auf sein idiotisches Samariterverhalten angesprochen hatte, hatte Caspar auf stur geschaltet oder war einfach aus dem Zimmer gegangen.
Schließlich hatte er es aufgegeben. Allerdings nicht, ohne ihm jeden weiteren Zuschuss zu verweigern. Irgendwann würde er schon mangels Einnahmen einknicken, hatte er gedacht. Doch er hatte sich geirrt. Seit Caspar diese unglaublich engagierte Umweltaktivistin als Freundin hatte, war er auch noch renitent geworden und hatte angefangen, ihn wegen seiner Unternehmungen zu beschimpfen und anzuklagen.
„Solange du unter meinem Dach lebst und an meinem Tisch isst, wagst du es nicht, das, was uns ernährt in den Schmutz zu ziehen“, hatte Augustus ihn vor ein paar Tagen entnervt angebrüllt, als Caspar ihn wütend auf eins seiner Projekte, den Abbau der Phosphor-Vorkommen auf Nauro, und dessen verheerende Folgen für die Umwelt angesprochen hatte.
„Was heißt da „uns ernährt“? Ich sehe seit Monaten keinen Cent mehr von dir. Aber weißt du eigentlich, was du dort angerichtet hast?“ hatte Caspar geschrien. „Der von dir und deinen Freunden ausgebeutete Inselstaat Nauro im Pazifik galt bis in die 90er Jahre als einer der reichsten Staaten der Welt. Er verfügte über große, hochkonzentrierte Phosphorvorkommen. Jetzt sind diese Vorkommen größtenteils erschöpft und das Land ist völlig verarmt. Kalkstein-Spitzen prägen als Überbleibsel deines Raubbaus das Bild der Insel, die jetzt wie eine Mondlandschaft aussieht. Um alle von dir verursachten Umweltschäden zu beheben wären über 200 Millionen US-Dollar nötig. Das wäre mal eine sinnvolle Investition deines auf Kosten der Umwelt dieses Planeten ergaunerten Geldes.“
Bevor Augustus etwas erwidern konnte, hatte sich Caspar umgedreht und war aus dem Zimmer gerannt. Seitdem hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen und waren sich aus dem Weg gegangen.
Wieder seufzte Augustus.
Denn natürlich wusste er, dass Caspar im Verhältnis zu seinem leiblichen Sohn Biff, den er mit einer sanften Samoanerin bei einer seiner Reisen in die Südsee gezeugt hatte und den er nach zahllosen vergeblichen Versuchen mit anderen Schulen nun das teuerste Internat der Schweiz gesteckt hatte, der intelligentere und charakterlich integere Erbe seines Unternehmens wäre.
Doch genau diese moralische Integrität war sein größter Fehler. Mit den von seinen Eltern geerbten Idealen im Kopf würde Caspar niemals die kaltblütige Gerissenheit aufbringen, die erforderlich war, um einen so vielschichtig und komplex operierenden Konzern zu leiten. Und mit seinen Verbündeten klar zu kommen. Besonders mit einem von ihnen.
Der letzte Abschied von Caspars Mutter, seiner jüngeren Schwester, fiel ihm ein. Auch sie hatte ihn damals nach einer heftigen Auseinandersetzung über ihre geplante Ehe mit diesem Habenichts Hauser angebrüllt.
„Du bist zu einem skrupellosen, hässlichen Kapitalisten verkommen, Augustus, korrumpiert von der scheinbaren Macht des Geldes. In Wirklichkeit tust du mir leid. Denn was Gott von Geld hält, sieht man an den Menschen, denen er es gegeben hat. Schau dich mal im Spiegel an und sieh mit Grausen, was aus dem blondgelockten kleinen Engel geworden ist, der einst mein Bruder war.“
Augustus war über ihre Worte so wütend geworden, dass er sich auf sie stürzen und ihr eine Ohrfeige geben wollte. Doch ihr zukünftiger Ehemann, dieser durch sein Leben im Dschungel austrainierte Ranger Hans Hauser, war dazwischengetreten und hatte ihn mit einem gut platzierten Leberhaken ausgeknockt.
Nie würde er den verächtlichen letzten Blick seiner Schwester vergessen, als er nach Luft japsend nach ein paar Sekunden wieder zu sich kam. Ohne ihm auf die Beine zu helfen und ohne ein weiteres Wort waren die Beiden gegangen. Er hatte sie nie wieder gesehen. Auch ihr gemeinsames Grab hatte er nicht besucht, nachdem er von ihrer Ermordung erfahren hatte.
„Vermutlich sammelt er zusammen mit dieser verrückten Aktivistin die ganze Nacht verletzte Tiere ein, der Dummkopf“, sagte er laut zu Big Ralf, um sich von seinen Gedanken abzulenken. „Aber es hat keinen Sinn, weiter über ihn zu reden. Wir haben Wichtigeres zu tun. Du fährst jetzt los und versteckst den Lastwagen, bevor ihn morgen Vormittag jemand entdeckt und neugierige Fragen stellt. Wenn dich jemand fragen sollte, wo du die letzten 2 Wochen gewesen bist, antwortest du, du warst im Urlaub am Schwarzen Meer.“
„Iss klar, Boss. Bis die Tage.“
Big Ralf setzte seinen muskulösen Körper in Bewegung und verließ leicht hinkend den Raum. Und das gab ihm das gewisse Etwas. Eine Art Verwandtschaft. Zu dem mächtigsten Verbündeten von Augustus. Dem Teufel.
Kurz darauf hörte Augustus, wie der LKW gestartet wurde und langsam vom Hof rollte. Er stand auf, löschte das Licht und ging zufrieden zu Bett.
Vermutlich wäre er aber nicht ganz so sanft eingeschlafen, wenn er gewusst hätte, dass sowohl die Ankunft als auch die Abfahrt des LKW genau registriert worden waren.
Adrian, Agent 101, und Geraldine, Agent 102, die beiden Späher der „Agenten des Lichts“, setzten ihre Nachtsichtgläser ab und grinsten sich zufrieden an. Ihre seit einigen Wochen rund um die Uhr laufende Überwachungsaktion ihres ärgsten Feindes schien sich endlich auszuzahlen. Agent 101 zog sein Handy aus der Tasche und drückte auf die Wahlwiederholungstaste. Ruhig berichtete er seinem Gesprächspartner, was sie gerade beobachtet hatten. Konzentriert lauschte er dann den ihm gegebenen Anweisungen, bedankte sich und beendete das Gespräch.
„Wir sollen nach Hause und ins Bett gehen, hat Agent 234 gesagt.
Sie ist sehr stolz auf uns. Aber ab sofort werden Agent 198 und Agent 112 übernehmen. Sie werden den LKW verfolgen und feststellen, wohin er gebracht wird. Was ihnen mithilfe des Peilsenders, den wir an ihm befestigt haben, ein Leichtes sein sollte.“
Adrian und Geraldine gaben sich die Five. Gebückt schlichen sie zu ihren in einem Gebüsch versteckten Mountainbikes.
Sie schoben die Räder bis zu einer Stelle, die vom Schloss aus nicht mehr eingesehen werden konnte, so dass sie gefahrlos ihre Lichter einschalten konnten. Dann schwangen sie sich in die Sättel und radelten los. Wenig später hatte die Dunkelheit sie verschluckt.
Auch Caspar hätte das Anlassen des schweren Motors und die Abfahrt des LKWs hören müssen, doch er war zu sehr in die Operation des schwer verletzten Hundes vertieft. Es sah wirklich böse aus. Beide Vorderläufe waren gebrochen, aber das Schlimmste waren die Risse in Herz und Lunge und die schweren inneren Blutungen.
Normalerweise hätte der Tierarzt in ihm jede Hoffnung aufgegeben und den Hund eingeschläfert. Doch Caspar war mehr als ein Tierarzt. Er war auch noch ein Schamane. Seine Mutter hatte ihn von klein an mit zu den Heilungsritualen des Medizinmannes des befreundeten Stammes genommen. Immer wieder hatte er dabei beobachten können, wie Menschen mit großen Schmerzen, die auf Bahren in die Hütte des Medizinmannes getragen werden mussten, diese nach ein paar Minuten leichtfüßig und schmerzfrei wieder verlassen konnten.
Kurz vor dem Tod seiner Mutter hatte ihm der Medizinmann ein Amulett geschenkt, das aus sieben übereinander angeordneten Tierköpfen bestand und das er seitdem an einem Lederband um seinen Hals trug.
Dieses Amulett nahm er jetzt in seine Hände. Er schloss die Augen und atmete mehrmals tief ein, bis er einen Zustand der inneren Schwerelosigkeit erreichte.
„Bitte helft mir“, betete er immer wieder.
Und tatsächlich. Plötzlich geschah es.
Vor seinem geistigen Auge sah er, wie die sieben Krafttiere des Amuletts sich von dem Anhänger lösten, zu dem OP-Tisch mit dem schwerverletzten Hund schwebten und sich um ihn herum verteilten.
Hinter seinem Kopf baute sich ein mächtiger grauer Wolf auf, über seiner Stirn schwirrte ein Kolibri und über seinem Hals schwebte eine große Biene. Eine silberne Schlange rollte sich über seinem Herzen zusammen und auf seinem Bauch saß eine weiße Ratte.
An dem anderen Ende des Tisches hatte sich eine violette Katze auf ihre Hinterpfoten gestellt und ließ zärtlich eine ihrer Vorderpfoten auf dem Schwanzansatz des Hundes ruhen.
Die Tiere schlossen wie auf ein geheimes Kommando gleichzeitig ihre Augen. Caspar sah aus jedem von ihnen einen weißen Energiestrahl zu den sieben Energiezentren des Hundes, die seine Mutter Chakren genannt hatte, hinströmen.
Der Hund wurde in eine weiße Lichtwolke gehüllt. Caspar registrierte, wie sich die keuchende Atmung des Schwerverletzten beruhigte und sein unregelmäßiger Herzschlag regelmäßig wurde. Caspar öffnete die Augen, trat an den OP-Tisch und begann mit seiner Operation. Er wusste, dass die Krafttiere den Hund stabilisieren und am Leben erhalten würden.
Fasziniert hatte Gretchen seine kurze Meditation beobachtet.
Caspar hatte ihr einmal erklärt, dass die Krafttiere des Amuletts göttliche Heilkräfte besäßen und selbst in scheinbar aussichtslosen Fällen eine Heilung durchführen könnten, vorausgesetzt, die Lebenszeit des Patienten war noch nicht abgelaufen.
Als sie Caspar zum Skalpell greifen sah, war ihr klar, dass der Hund überleben würde. Vorsichtig nahm sie das tief schlafende Kätzchen, dem Caspar eine Kreislauf stabilisierende Spritze mit einem Schlafmittel gegeben hatte, und trug es zu einem der zwölf Katzenbetten, die in einem Raum neben dem OP-Zimmer aufgestellt waren. Sieben davon waren mit schlafenden Katzen belegt. Sie alle hoben bei Gretchens Eintritt in das Zimmer aufmerksam den Kopf und sahen interessiert zu, wie sie den bewusstlosen Neuankömmling sanft in eins der noch freien Betten legte.
Gretchen bemerkte, dass alle Futternäpfe leer und die beiden Katzenklos benutzt waren. Lächelnd füllte sie sie mit neuem Futter, säuberte die beiden Kisten und schüttete frisches Katzenstreu hinein.
Als sie das Zimmer verlassen wollte, folgte ihr ein kleiner schwarzer Kater, der vor ein paar Tagen leise wimmernd im Schlosshof gelegen hatte. Er war bei einem Kampf mit einer Ratte ziemlich heftig gebissen worden, doch Caspar hatte seine Wunden versorgt. Jetzt schien es ihm wieder blendend zu gehen, denn er tänzelte wie ein Tangotänzer hinter Gretchen her und maunzte sie an.
„Anscheinend willst du entlassen werden“, raunte Gretchen ihm zu und der kleine Kater spitzte die Ohren. „Aber du musst leider warten, bis der Doktor die Operation beendet hat, damit er sich dich noch einmal anschauen kann. Er würde es mir nicht verzeihen, wenn ich dich ohne seine abschließende Kontrolle raus lassen würde.“
Der Kater schien sie tatsächlich verstanden zu haben, denn er drehte sich um und schlich zu seinem Bettchen zurück. Auch die anderen Katzen hatten sich wieder zusammengerollt und setzten ihren unterbrochenen Genesungsschlaf fort. Gretchen schloss leise die Tür. Sie beschloss, ebenfalls ins Bett zu gehen.
Als sie sich in dem winzigen Einzimmerapartment neben der Praxis ausgezogen und in das kuschelige Doppelbett mit den dicken, flauschigen Federbetten geschlüpft war, sagte sie sich, dass sie noch niemals in ihrem Leben so glücklich gewesen war wie jetzt. Nicht nur, weil sie Caspar aufrichtig liebte und von ihm ebenso geliebt wurde. Sondern auch wegen der sinnvollen Arbeit, die sie mit ihm zusammen täglich verrichtete.
Es war ein wundervolles Gefühl, wenn es ihnen gelang, die teilweise grausam verstümmelten Tiere, die sie täglich in der Stadt einsammelten, wieder heilen zu können, so dass die Wildtiere unter ihnen wieder in die Freiheit entlassen und die herrenlosen Haustiere in dem von Caspar hinter dem Schloss in einer ehemaligen Scheune eingerichteten Asyl untergebracht werden konnten. Dort bekam jedes Tier eine acht Quadratmeter große Box, die einen offenen Zugang zu einer großen, mit alten Bäumen bestandenen Wiese besaß, die als Auslauf diente.
Für die Fütterung und die Betreuung der Tiere hatte Caspar vor einigen Monaten Mary angestellt. Mary wohnte jetzt in der gemütlichen Wohnung über dem Tierasyl, die Caspar bei dem Umbau der Scheune eigentlich für sich hatte ausbauen lassen.
Sie war eine siebzehnjährige Punkerin mit bunt gefärbtem Irokesenschnitt, die eines Tages mit ihrer erkrankten Ratte zu Caspar in die Praxis gekommen war.
Als sie Caspar erzählte, wie sie von zu Hause wegen des rabiaten Stiefvaters geflohen war und seitdem auf der Straße lebte, hatte Caspar sie spontan gefragt, ob sie für ihn arbeiten und die Pflege der wieder genesenen, obdachlosen Haustiere übernehmen wolle. Geld könne er ihr keins zahlen, weil er selbst fast nichts verdiene, aber sie könne umsonst wohnen und bekäme ausreichend zu essen und zu trinken.
Mary hatte sofort zugesagt und sie hatte sich als ein absoluter Glücksfall erwiesen. Vom ersten Tag an hatte sie sich liebevoll um ihre Schützlinge gekümmert. Sie hatte jedem Tier als erstes einen Namen gegeben. Gretchen war sehr verwundert gewesen, dass die Tiere sofort zu ihr liefen, wenn Mary sie mit ihrem neuen Namen rief. Doch Caspar hatte ihr erklärt, dass man daran erkennen könne, wie sehr die Tiere Mary vertrauten.
Bei einem ihrer überraschenden Besuche hatten sie beobachtet, wie Mary schlafend am Boden vor den offenen Tierboxen lag und sich alle Hunden und Katzen des Asyls eng um sie geschart hatten, friedlich mit ihr schliefen und aufmerksam ihre Köpfe hoben, als Gretchen und Caspar eintraten.
„Schau, sie bewachen sie. Das zeigt, wie sehr sie sie lieben“, hatte ihr Caspar lächelnd erklärt, bevor er Mary sanft weckte.
Nach einigen Wochen hatte Caspar Mary gefragt, ob sie Lust hätte, an einer Versammlung der „Agenten des Lichts“ teilzunehmen. Neugierig erkundigte sie sich, wer das sei. Nachdem Caspar es ihr ausführlich erklärt hatte, hatte sie sofort begeistert zugestimmt und war noch am selben Abend mit zu der Versammlung gegangen.
Als sie während der Versammlung von den vergangenen und aktuellen Machenschaften des Augustus Miller und seiner Geschäftsfreunde sowie den geplanten Maßnahmen der Agenten zu deren Verhinderung erfuhr, war sie den „Agenten“ beigetreten. Stolz hatte Mary gelächelt, als Caspar ihr nach der Ablegung des „Agenteneides“ den kleinen geflügelten Engel mit einer Kerze, auf der „Hoffnung“ stand, und der leicht zu merkenden Agentennummer 234 angesteckt hatte.
Caspar war todmüde. Die antike Standuhr in der Ecke des Sprechzimmers schlug 8 Uhr, als er die Operationswunde zunähte und schließlich die Nadel aus der Hand legte.
Seine Schultern und sein ganzer Oberkörper schmerzten. Die mehr als dreistündige Operation hatte ihn auch physisch sehr angestrengt.
Caspar schälte sich mühsam aus seinem grünen Chirurgenkittel und zog sich die Latexhandschuhe von seinen verschwitzten Händen.
Als er den in einer tiefen Narkose dahindämmernden Schäferhund vorsichtig vom OP-Tisch auf die daneben stehende fahrbare Trage schob, hob der andere Hund, der sich auf die Schwelle der Tür zum OP-Raum gelegt hatte und Caspar während der vergangenen drei Stunden nicht aus den Augen gelassen hatte, seinen schönen Schäferhundkopf und sah ihn fragend an. Caspar lächelte und sagt freundlich:
„Er wird wieder. Es wird ein paar Monate dauern, bis er wieder richtig laufen kann, aber er wird wieder vollkommen gesund werden.“ Der Hund sprang auf, lief zu Caspar und schmiegte sich an ihn. Caspar kraulte ihn zwischen den Ohren.
„Was brauche ich Geld, wenn ich diese Momente der aufrichtigen Dankbarkeit erleben kann“, dachte er. “Ist so ein authentischer Moment, in dem es eine tiefe Verbindung zu einem anderen Lebewesen gibt, nicht das, wofür wir alle leben?“
Erschöpft, aber glücklich schob er die Trage mit dem schlafenden Hund in den für frisch Operierte bestimmten Ruheraum. Der Partner des Patienten war ihm auf dem Fuß gefolgt und sah ihn misstrauisch an.
„Ist schon gut, du kannst hier bleiben und warten, bis er aufwacht. Dann sieht er sofort ein vertrautes Gesicht, wenn er in ca. 3 Stunden wieder zu sich kommt. Ich bin dann auch zurück, keine Sorge. Aber du musst doch am Verhungern und Verdursten sein.“
Der Hund jaulte leise.
Caspar ging zu einem der Schränke und entnahm ihm eine große Dose Hundefutter. Dann füllte er einen Napf mit Wasser und einen anderen mit dem Inhalt der Dose und stellte beides dem ihm aufmerksam zusehenden Hund hin. Zufrieden sah er zu, wie er sofort das Wasser trank und anschließend gierig das Futter verschlang. Dann ließ er sich auf seinen Bauch sinken, legte seinen Kopf auf seine Vorderpfoten und schloss die Augen. Seine regelmäßigen Atemzüge verrieten Caspar, dass er eingeschlafen war.
„Wunderbar, wenn man so treue Freunde hat“, dachte Caspar und schloss leise die Tür.
In seinem Sprechzimmer streckte und dehnte er sich, um die Verkrampfungen seines Körpers etwas zu lösen.
Plötzlich bekam er Lust, vor dem Zubettgehen noch etwas zu joggen.
Er ging in sein an die Praxis angrenzendes Einzimmerappartement, durchquerte es und entnahm seinem Schrank einen weißen Jogginganzug. Als er sich auf das breite Doppelbett setzte, um sich die Laufschuhe anzuziehen, berührte eine Hand sanft seinen Nacken.
„Hast du es geschafft, Liebling?“ flüsterte Gretchen ihm ins Ohr.
„Ja, mithilfe der Krafttiere. Er wird wieder völlig gesund werden.“
„Das ist wundervoll, Caspar. Entschuldige, dass ich schon ins Bett gegangen bin, aber ich konnte dir doch sowieso nicht mehr helfen. Willst du noch etwas Joggen, bevor du auch kommst?“
„Ich brauche etwas frische Luft. Außerdem muss ich meine Verspannungen in der Schultermuskulatur lösen, sonst wache ich mit einem schmerzenden Körper auf. Aber ich bleibe nicht lange. Ich laufe nur bis zum Tierasyl und zurück. In ca. 30 Minuten bin ich wieder da. Kannst du mir bitte einen Balsamtee kochen?“
Gretchen küsste ihn zärtlich. „Er wird auf dem Tisch stehen. Und ich werde unser Bett warm halten für dich.“
Als Caspar in den Hof trat, blendete ihn die bereits relativ hoch am Himmel stehende Frühjahrssonne. Blinzelnd gewöhnte er seine Augen an die ungewohnte Helle, als er ein lautes Brummen hörte, das immer näher kam. Erstaunt sah er, wie Big Ralf auf einer schweren Harley Davidson in den Hof einbog und sofort zum Wohntrakt seines Onkels fuhr. Gekonnt stieg er von der Maschine ab und hob sie mühelos auf ihre Ständer. Dann eilte er wie immer leicht hinkend Stufe für Stufe die Treppe zum Büro seines Onkels hoch und läutete. Henry, der alte Butler, öffnete und ließ ihn eintreten.
Caspar runzelte die Stirn. Dann lief er los und dachte nach.
Was konnte das bedeuten, dass der LKW verschwunden war und Big Ralf mit einem Motorrad, das Caspar noch nie gesehen hatte, wieder auftauchte.
„Grübelst du schon wieder über Dinge, die dich nichts angehen?“ ertönte plötzlich eine sanfte Stimme.
„Verdammt, was willst du schon wieder? Lass mich endlich in Ruhe!“ schrie Caspar zornig. Seit Monaten hörte er diesen säuselnden Singsang, der aus einer Quelle direkt neben seinem rechten Ohr zu kommen schien und von dem er nicht die geringste Ahnung hatte, was das zu bedeuten hatte.
Er hatte noch mit niemandem über dieses merkwürdige Phänomen gesprochen. Nur Gretchen hatte ihn ein paar Mal erwischt als er scheinbar Selbstgespräche führte und ihn fragend angesehen.
Aber sie war viel zu feinfühlig, um ihn direkt zu fragen.
Sie wartete, bis er es ihr freiwillig erzählen würde.
Doch er hatte keine Ahnung, was er ihr sagen sollte, und so hatte er bisher geschwiegen. Er wusste, dass er die Stimme nicht halluzinierte. Sie war real. Aber momentan war er einfach zu übermüdet und absolut nicht in Stimmung, um mit dieser mysteriösen Erscheinung über seine Gedanken zu plaudern.
„Verschwinde und lass mich in Ruhe, wer oder was auch immer du bist!“ fauchte er wütend.
Ein überhebliches Lachen ertönte.
„Jungchen, sei einfach nur froh und dankbar, dass ich dir meine kostbare Zeit widme. Aber ich denke, es ist soweit, dass ich dir ein Angebot mache, das dich interessieren könnte.“
„Bist du vollkommen verrückt geworden? Wer bist du denn, dass du es wagst, so mit mir zu reden? Ach, vermutlich bist du einer dieser durch geknallten Wissenschaftler meines Onkels, der mich mit einer neu entwickelten Schallkanone oder so was Ähnlichem bearbeitet. Richte meinem Onkel aus, dass ich an keinem seiner Angebote interessiert bin, verdammt noch mal.“
Caspar spurtete los, um möglichst viel Abstand zwischen sich und die vermeintliche Quelle der Stimme zu bringen.
„Es irrt der Mensch, solang er strebt“, hat einer eurer großen Dichter geschrieben. Der hat übrigens sein Hauptwerk mir gewidmet. Hat mir geschmeichelt, weil er mich darin ganz gut getroffen hat.“
Die Stimme war nach wie vor klar und deutlich zu vernehmen. Obwohl Caspar inzwischen im 100-Meter-Tempo rannte, veränderte sich ihre Lautstärke nicht im Geringsten. Sie war gespenstisch klar zu verstehen.
„Nein, ich bin nicht irgendein Angestellter deines Onkels. Ich bin überhaupt Niemandes Angestellter. Ich herrsche. Und als Herrscher meines Reiches mache ich dir folgendes Angebot …“
„Genug jetzt!“ brüllte Caspar.
Inzwischen war er bei der Scheune angelangt und hatte seinen Spurt beendet. Er stützte seine Hände auf seine Oberschenkel und blieb gebückt und schwer atmend stehen, um für den Rückweg neue Kräfte zu sammeln und sich von der Stimme abzulenken.
„Was ist genug?“ fragte Mary, die plötzlich neben ihm stand. „Mit wem redest du? Hier ist doch weit und breit niemand. Muss ich mir Sorgen um dich machen?“
Caspar drehte sich zu ihr um und blickte in ihre klugen Augen.
„Grüß dich, Mary. Nein, nein, musst du nicht, mir geht es gut. Ich versuche gerade eine neue Atemtechnik und dabei muss ich zwischendurch brüllen, um mein Zwerchfell zu entlasten“, log er geschickt. Mary sah ihn zweifelnd an, aber dann lächelte sie.
„Na, dann bin ich ja beruhigt. Aber es ist sehr gut, dass du hier bist. Komm bitte kurz zu mir herein, ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.“
