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Die Ehe von Professor James Barkley und seiner Frau Karen steht auf tönernen Füßen. Da nehmen eines Tages zwei Geistwesen Besitz von ihnen, die sich als Odysseus und Paris entpuppen, zwei der legendären Helden des Trojanischen Krieges. Schon wird ihr Leben komplett durcheinander gewirbelt und es beginnt ein Horrortrip: James wird von seinem Besatzer gezwungen, an spektakulären Entführungen bekannter Persönlichkeiten teilzunehmen, die die Welt in Aufruhr versetzen. Dabei wird er in die Machenschaften einer Geheimloge verwickelt, die versucht, die Wirtschaftsführer und Politiker der Erde mithilfe einer neu entwickelten Technik zu beherrschen, die Gehirnmanipulationen bei Menschen und die Erzeugung von Zombies ermöglicht. Das soll James mit allen Mitteln verhindern. Karen wird bei ihrem Versuch, James bei seinem Vorhaben zu helfen, beinahe von einem in den Labors der Loge erzeugten Zombie umgebracht. Die Ereignisse auf der Erde werden nicht nur von Ashmun, einem Wesen aus einem Paralleluniversum, sondern auch von griechischen Göttern aufmerksam beobachtet. Schliesslich kommt es zu einem alles entscheidenden Wettkampf im Amphitheater von Epidaurus, dessen Sieger die Herrschaft über diesen Teil des Universums erhalten soll ...
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Uwe Woitzig
Die verschwundene Welt des James Barkley
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
27.12., 16.15 Uhr GMT (Greenwich Mean Time), Oxford, England
27.12., 17.45 Uhr GMT, Hotel Dorchester, London, England
27.12., 18.30 Uhr GMT, Abadan, Iran
27.12., 19.45 Uhr, Mingary Castle, Schottland
28.12., 20.05 Uhr GMT, Kanpur, Indien
29.12., 14.20 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
29.12., 14.35 Uhr GMT, Oberstdorf, Deutschland
29.12., 18.00 Uhr GMT, Ethar
30.12., 8.30 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
30.12., 9.55 Uhr GMT, Bir Nabal, Israel
30.12., 16.20 Uhr EST (Eastern Standard Time), Flushing Meadows, New York
31.12., 8.45 Uhr GMT, Hans Place, London
31.12., 10.00 Uhr GMT, Edinburgh, Schottland
31.12., 10.15 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
31.12., 10.30 Uhr GMT, Princess Street, Edinburgh
31.12., 13.55 Uhr GMT, Edinburgh, Schottland
31.12., 14.15 Uhr GMT, Oxford, England
31.12, 18.00 Uhr GMT, Edinburgh, Sitz der Loge des Northern Cross
31.12., 20.20 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
31.12., 22.05 Uhr GMT, Edinburgh, Sitz der Loge des Northern Cross
31.12., 22.25 Uhr GMT, Oxford, England
01.01., 0.20 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
01.01., 0.25 GMT, Trafalgar Square, London
3.30 Uhr GMT, Hans Place, London
01.01., 6.00 Uhr GMT, Saint Thomas Hospital, London
01.01., 8.20 Uhr GMT, Hans Place, London
01.01., 9.15 Uhr GMT, Saint Thomas Hospital, London
01.01., 3 Uhr EST, Washington DC, USA
01.01., 3.30 Uhr GMT, Diamantenhöhle
01.01., 3.05 EST (Eastern Standard Time), Washington DC
01.01., 4.30 Uhr EST, New York
01.01., 10.00 Uhr GMT, Saint Thomas Hospital, London
01.01.,10.06 Uhr GMT, Mingary Castle, Schottland
01.01.,10.55 Uhr GMT, Ethar
01.01.,10.00 Uhr EST, New York
01.01., 16.30 Uhr GMT, New Scotland Yard, London
01.01., 10.30 Uhr EST, New York
01.01., 16.30 Uhr GMT, New Scotland Yard, London
19.00 Uhr GMT, Saint Thomas Hospital, London
01.01., 14.30 Uhr EST, New York
01.01., 20.12 Uhr GMT, London
01.01., 23.50 Uhr Epidaurus
03.01., 1.00 Uhr GMT, Diamantenhöhle
03.01., 11 Uhr GMT, Oxford
Anhang
Text der Tabula Smaragdina
Literaturverzeichnis
Impressum neobooks
Professor James C. Barkley, der Dekan der philosophischen Fakultät der Universität von Oxford, blickte aus dem Fenster des mit Büchern voll gestopften Arbeitszimmers seines viktorianischen Landhauses, das er von seinem Vater geerbt und nach seinen Vorstellungen umgebaut hatte. In dem weitläufigen Park, der das Haus umgab, hatten sich zu seiner Freude mehrere Rudel Rotwild und zahllose Hasen und Kaninchen angesiedelt. Die zutraulich gewordenen Tiere ästen ohne Scheu direkt vor den Fenstern des Hauses und tollten fröhlich auf den mit Raureif bedeckten Wiesen herum. Eine fahle Wintersonne beschien die geschwungene Hügellandschaft der Cotswolds hinter dem Park, die das herrschaftliche Anwesen vom Rest der Welt trennte. James hatte keine Ahnung, dass es das letzte Mal war, dass er diesen friedlichen Ausblick genießen konnte. Auf seinem Schreibtisch lag der Harry-Potter-Band IV, „Der Feuerkelch“, den seine Frau Karen ihm zu Weihnachten geschenkt und den er gerade fertig gelesen hatte.
„Portkey“, dachte er, „wie kommt Rowling auf diesen Begriff? Was weiß sie tatsächlich über Zeit- und Astralreisen?“
Nachdenklich betrachtete er sein sich im Fenster spiegelndes Ebenbild. Was er sah, gefiel ihm. Er war ein Mann mit dem gewissen Etwas. Vom Scheitel des von ersten grauen Fäden durchzogenen, makellos frisierten und trotz seiner 48 Jahre immer noch vollen blonden Haares bis zu den Schuhkappen der dunkelbraunen Alden-Schuhe. Die jenen unauslöschlichen Glanz aufwiesen, den das Pferdeleder nur nach jahrelangem unermüdlichem Polieren bekommt, strahlte er die unbekümmerte Sorglosigkeit eines englischen Landadeligen aus. Um die Schultern hatte er sich lässig eine dunkelbraune Kaschmirjacke geschlungen. Zu seiner maßgeschneiderten lohfarbenen Cordhose aus der Savile Row, deren Preis Karen, die in Edinburgh geboren war, einen Schrei des Entsetzens entlockt hätte, wenn er ihn ihr gesagt hätte, trug er ein Seidenhemd in der Farbe geronnener Milch, das seinen leicht gebräunten Teint bestens zur Geltung brachte. Dezent klingelte sein Haustelefon mit der Melodie von Smetanas „Die Moldau“. Er nahm den Hörer ab. „James, der Tee ist fertig, kommst du in die Küche?“, fragte ihn Karen. Wie immer amüsierte ihn ihr schottischer Akzent und er lächelte.
„Danke, Darling, ich bin schon unterwegs.“
Er schwang seinen durchtrainierten Körper aus dem Sessel und durchquerte sein Zimmer. Als er die Kassettentür öffnen wollte, vernahm er ein Geräusch aus der Zimmerecke, in der sein Fernseher stand. Verwundert drehte er sich um. Das Gerät hatte sich von selbst eingeschaltet und zeigte Bilder von James merkwürdig vertrauten Gebäuden. Sie bildeten das mittelalterliche Zentrum einer modernen Stadt, ähnlich wie in Oxford, aber doch anders. Die Straßen waren etwa doppelt so breit. Die Fahrzeuge auf ihnen sahen aus wie Kutschen ohne Pferde, wirkten riesig und fuhren extrem langsam. James sah, dass in einigen acht Personen bequem nebeneinander saßen. In anderen befand sich nur ein Fahrer, der sich in einem flauschigen Wohnzimmersessel lümmelte und seine Kalesche mit einem Joystick lenkte. Die Kamera flog zwischen den Türmen einer Kathedrale hindurch und fokussierte ein schlossähnliches Gebäude, vor dem eine kleine Figur stand, die von einer weißen Lichthülle umgeben war und mit beiden Armen winkte.
Die Figur wurde herangezoomt. James erkannte einen untersetzten Mann, der um die Hüften einen Lendenschurz aus dunkelbraunem Leder trug, an dem mit einem Riemenfutteral ein Kurzschwert befestigt war. Sein narbenbedeckter Oberkörper war zur Hälfte mit einer weißen ärmellosen Tunika bedeckt, die seine muskelbepackten Oberarme unverhüllt ließ. Der Zoom wurde stärker und das Gesicht des Mannes erkennbar. Ein gekräuselter Bart und ein dichter Haarschopf mit langen grauen Locken umrahmten die grimmigen Züge eines etwa Fünfzigjährigen, der James mit seinen braunen Augen intensiv ansah. James meinte, das Gesicht schon einmal gesehen zu haben, konnte sich aber nicht erinnern, wann und wo. Gebannt und wie hypnotisiert starrte er auf den Bildschirm.
„Hi, James, da bin ich. Willkommen zu meiner Party“, vernahm er eine spöttische Stimme aus dem Fernseher, zu seinem Erstaunen in perfektem Englisch. Der Sprecher hob langsam seine linke Hand und wies mit seinem Zeigefinger auf James´ Stirn. Ein kaltes Grauen durchfuhr ihn und ließ ihn frösteln. Der Fernseher implodierte. Glasscherben und Elektronikteile flogen in alle Richtungen und zersplitterten auf dem Parkettboden seines Arbeitszimmers. Ein weißer Lichtstrahl raste auf ihn zu und traf ihn genau zwischen die Augen.
James taumelte und fühlte, wie seine Beine plötzlich taub wurden, ihren Dienst versagten und einknickten. Ohne sich abfangen zu können, fiel er mit einem dumpfen, aber in der Stille des Hauses gut vernehmbaren Schlag auf den weichen Teppichboden seines Arbeitszimmers. Das Letzte, was er sah, bevor er das Bewusstsein verlor, war das besorgte Gesicht Karens, die ins Zimmer stürzte. Dann wurde es Nacht um ihn.
„James, James, James, bitte komm zu dir.“
Karens besorgte Stimme rief ihn ins Bewusstsein zurück. Müde und misstrauisch öffnete er die Augen. Durch einen weißen Schleier sah er ihr feingeschnittenes Gesicht dicht vor seinem. Er blickte in ihre sorgenvollen blauen Augen und fühlte ihre langen roten Haare sanft seine Wangen streicheln. Sein Blick wurde klarer, aber er konnte sich nicht erinnern, was ihm passiert war. Trotz seiner Benommenheit fiel ihm auf, dass Karen neben ihm auf einem Handtuch kniete, das sie über Glasscherben und Elektronikteilchen gebreitet hatte, die er überall im Zimmer verstreut sah. Da fiel es ihm wieder ein: Der Fernseher war implodiert und …
„Honey, alles wieder ok?“
„Ja, Darling, alles wieder ...“
Weiter kam er nicht. Ein gewaltiger Schmerz raste durch seinen Körper und lähmte seine Zunge. Gleichzeitig vernahm er wieder die spöttische Stimme. Doch diesmal war sie direkt in seinem Kopf.
„Es ist wirklich alles ok, Jamesyboy. Ich habe die Kontrolle übernommen. Von jetzt an bist du meine Marionette. Ich ziehe die Strippen und du bewegst dich. Wenn du dich weigerst, geschieht dies.“
Erneut durchfuhr ein brutaler Schmerz seinen Körper, schoss dreimal von seinem Scheitel zu den kleinen Zehen – und löste sich auf.
„Das macht Spaß“, hörte er die heiser kichernde Stimme zwischen seinen Ohren. „Ich amüsiere mich sehr. Aber genug gespielt, wir haben eine Menge zu tun. Steh auf, geh zu deinem Fahrzeug und warte auf meine Befehle. Ich rate dir, deiner Frau nichts von mir zu erzählen. Sonst wirst du es bedauern.“
„Bitte kommen Sie schnell, er ist schon wieder bewusstlos geworden.“
Karen telefonierte offensichtlich mit einem Notdienst.
„Nein, lass es“, stöhnte er. „Ich bin wirklich wieder okay. Schau her!“
Tatsächlich gelang es ihm, auf seine Füße zu springen.
„Siehst du, ich bin wieder fit und brauche keinen Notarzt. War wohl nur ein Schwächeanfall wegen Jet-Lag oder so. Außerdem habe ich in 20 Minuten eine wichtige Besprechung mit Professor Dean Marble im Keble College. Ich kann ihn nicht warten lassen“, log er.
Zweifelnd sah Karen ihn an, immer noch den Telefonhörer ans Ohr gepresst.
„Moment bitte“, sagte sie zu ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung, „meinem Mann scheint es wieder besser zu gehen. Er steht vor mir, sprechen Sie bitte selbst mit ihm.“
Sie reichte James den Hörer.
„Hallo, hier James Barkley. Ja danke, mir geht es wieder gut. Nur ein leichter Schwächeanfall. Nein, ich habe keine Gliederschmerzen und sehe auch alles ganz klar. Gut, ich werde morgen sofort zu meinem Hausarzt gehen, das verspreche ich.“
„Du bist ein raffinierter Geschichtenerzähler“, vernahm er die heisere Stimme in seinem Kopf. „Ich werde auf der Hut sein müssen, das steht fest.“
Verwirrt und geistesabwesend umarmte James Karen, die ihn überrascht ansah, weil er sie schon monatelang nicht mehr berührt hatte.
„Überanstreng dich nicht und komme bald zurück“, erwiderte sie und er spürte ihre aufrichtige Besorgnis.
„Ja, Darling, das verspreche ich dir.“
James hatte keine Ahnung, wie sehr er sich irren sollte.
Schnell verließ er das Haus und stieg in seinen dunkelgrünen Jaguar Daimler. Kaum war die Fahrertür mit einem satten Geräusch ins Schloss gefallen, schrie er laut los:
„Wer bist du? Und was willst du von mir?“
„Cool down, James, cool down. Du musst nicht schreien. Ich kann deine Gedanken lesen, also denke einfach, was du mir sagen willst. Ich verstehe dich dann sehr gut. Zur Klarstellung: Du hast keine Halluzinationen und bist auch nicht schizophren geworden. Mich gibt es wirklich und ich bin seit ein paar Minuten in dir. Ich habe mich an deinen zentralen Rhythmusgenerator angedockt und die Kontrolle über deinen Bewegungsapparat übernommen. Ach ja, in deinen ventromedialen Kortex habe ich mich auch eingenistet.“
„Was ist das denn?“ fragte James verblüfft und seine Gedanken rasten.
„Ich weiß, dass dir gerade jede Menge Fragen durch den Kopf schießen. Die werde ich vielleicht später beantworten. Jetzt musst du nur wissen, dass ich deinen Körper brauche, um einige Aufgaben zu erledigen, die für uns beide sehr bedeutsam sind. Und nebenbei wirst du sehr viel lernen, das verspreche ich dir. Oh, ich fühle einen leichten Zweifel in dir. Nein, du bist nicht verrückt geworden. Vielleicht brauchst du eine kleine Demonstration, damit du mir glaubst: Heb doch mal deine rechte Hand und berühre deine Nase.“
James versuchte, seine rechte Hand zu heben. Sie rührte sich nicht.
„Glaubst du mir jetzt, James?“, fragte die Stimme in seinem Kopf.
„Ja, es ist verrückt, aber ich glaube dir. Darf ich meine Hand wieder bewegen?“
Ein heiseres Lachen ertönte.
„Selbstverständlich, James, ich werde nur sporadisch die Kontrolle über deinen Körper übernehmen. Und ich werde es dir jedes Mal vorher ankündigen, damit du genug Zeit hast, dich darauf einzustellen und deine Bewegung beenden kannst. Ich bin dein Freund und will dich nicht verletzen. Vertraue mir und befolge meine Anweisungen. Du wirst allmählich verstehen.“
„Was ist, wenn ich mich weigere? Bringst du mich dann um?“
„Das wäre kontraproduktiv. Es ist auch gar nicht notwendig, denn ich kenne deine Schmerzgrenze. Vergiss nicht, ich kann deine Gedanken lesen und der Schmerz, den du am meisten fürchtest, ist genau an dieser Stelle, nicht wahr?“
James spürte ein leichtes Vibrieren in seinen Hoden, was ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Er erinnerte sich an die verheerenden Folgen eines mit Wucht geschossenen Balles beim Fußballspielen, der ihn genau dort getroffen hatte.
„Keine Sorge, das war nur eine kleine Demonstration. Ich zeig dir noch etwas.“
James linker Arm fuhr senkrecht in die Höhe, knickte ab. Seine Hand ballte sich zur Faust und raste mit aller Kraft auf seine Nase zu. Entsetzt schloss er die Augen, erwartete den fürchterlichen Hieb und den rasenden Schmerz des gebrochenen Nasenbeins. Doch nichts geschah. Verwundert öffnete er die Augen.
Seine Faust hing einen Millimeter vor seiner Nasenspitze in der Luft, öffnete sich langsam und sank dann sanft auf seinen linken Oberschenkel.
James fühlte, wie er zu hyperventilieren begann und versuchte, die hochsteigende Panik niederzukämpfen. Er konzentrierte sich auf seinen Atem. Nach einigen tiefen Atemzügen hatte er sich wieder gefasst und fragte:
„Wie machst du das?“
Nur ein heiseres Lachen ertönte als Antwort.
„Also gut, dann sag mir wenigstens, wie ich dich anreden soll. Wie heißt du?“
Wieder vernahm er das heisere Lachen.
„Nenne mich Cupido. Das ist der, der immer seine Zwillingsseele Psyche suchte. Wieso? Vielleicht werde ich es dir eines Tages erklären. Aber jetzt, mein Freund, habe ich dafür keine Zeit mehr. Auf uns wartet unser erster Termin in London. Unser Ziel ist das Hotel Dorchester. Setz dieses Fahrzeug in Bewegung und bringe uns schnellstens dorthin.“
Kurz darauf fuhr James schweigend auf die M40 Richtung London. Seine Gedanken überschlugen sich. Waren es überhaupt seine Gedanken? Woher sollte er wissen, welche von „ihm“ waren und welche ihm von Cupido eingespeist wurden? Woran konnte er den Unterschied bemerken? Gab es überhaupt einen? Da er keine ihn befriedigenden Antworten auf seine Fragen finden konnte, gab er schließlich auf und beschloss, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Er schaltete das Radio ein. Dvorzaks „Schöne neue Welt“ ertönte aus der perfekt eingestellten „Bose“- Anlage des Jaguars. James fragte sich, ob die Musik ein Zeichen für ihn wäre.
Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass sie an der ihm vertrauten Ausfahrt von High Wycombe vorbeifuhren. Was war ihm jetzt noch vertraut? Musste er nicht sein gesamtes Weltbild in Frage stellen, weil die Gedanken von Cupido es jederzeit manipulieren konnten? Worauf konnte er sich jetzt noch verlassen? Die Vorstellung, das alles, was er meinte, sich angeeignet und erkannt zu haben, plötzlich von einem ihm unbekannten Wesen beliebig variiert werden konnte, ließ ihn verzweifeln. Er fühlte sich erbärmlich, weil er hilflos einem ihm völlig Unbekannten ausgeliefert war. Außerdem hatte er das Gefühl, dass seine Gedanken merkwürdig verlangsamt waren, so als würde ein Flugzeug mit einem Fallschirm abgebremst werden. Ein belustigtes Räuspern in seinem Kopf unterbrach seinen Gedankenstrom.
„Kannst du mir nicht wenigsten erklären, warum du ausgerechnet mich ausgesucht hast?“ fragt er verzweifelt.
„Also gut, ich werde dich ein wenig aufklären. Weißt Du, was eine Larve auf der geistigen Ebene ist, James?“
„Nein, nicht wirklich.“
Cupido seufzte.
„Larven sind Wesenheiten, die sich unwillkürlich durch starke psychische Erregung, ganz gleich welcher Art, auf der Mentalebene von selbst bilden, James, und zwar durch sehr starke Gedanken, die durch Emotionen wie Hass oder Furcht ausgelöst wurden. Ist eine Larve sehr stark verdichtet, hat sie immer mehr Selbsterhaltungstrieb und trachtet, ihre Lebensdauer so viel als nur möglich zu verlängern. Sie stachelt daher bei jeder Gelegenheit den Verstand des betreffenden Menschen an, um seine Aufmerksamkeit auf die Ursache der Erregung zurückzuführen und sie neu zu beleben. Und bei diesem Sylvesterball auf der Queen Mary warst du verrückt vor Eifersucht und Hass, erinnerst du dich?“
James erinnerte sich. An alles.
Karen hatte sich ihr schulterfreies schwarzes Diorkleid angezogen. Ihre langen roten Haare ergossen sich auf ihre nackten Schultern und umrahmten ihre vollen Brüste, die bei jedem Schritt aus ihrem eng anliegenden Kleid zu hüpfen drohten. Jeder Mann im Saal hatte sie lüstern fixiert, als sie an James´ Seite den Ballsaal betrat. Ihre sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem lasziven Lächeln, als sie die Blicke von Hiram und Fiona, dem jungen englischen Pärchen, das sie am Vorabend beim Dinner kennen gelernt hatten, auf sich fühlte. James war stolz gewesen, eine derart auffällige Schönheit seine Frau nennen zu dürfen.
Doch als sie zum x-ten Mal von einem Mann zum Tanzen aufgefordert wurde, wich der Stolz einem Gefühl der Ohnmacht. Vor allem Hiram, der ein erfolgreicher Tennisprofi war und blendend aussah, tanzte unaufhörlich mit Karen, die es sehr genoss, sich katzenhaft an seinen austrainierten Körper zu schmiegen.
„Ein schönes Paar, die beiden.“
Fionas rauchige Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Wollen Sie mit mir tanzen, James?“
„Momentan nicht, danke. Ich warte auf Karen.“
„Das tue ich auch“, hatte Fiona erwidert. Und in der Tat, als Hiram sie an ihren Tisch zurückbrachte, hatte Fiona Karen aufgefordert, die sofort mitging. Der nächste Song war „Nights in white Satin“. James hatte rasend vor Zorn beobachtet, wie Fionas Körper sich an Karen schmiegte und ihre Hand Karens wohlgeformte Pobacken streichelte.
Um Mitternacht ging das Licht aus und wieder an. Die Band intonierte „Auld Lang Shine“. Jeder stand auf, fasste seinen Nachbarn an der Hand und sang je nach Trunkenheitsgrad laut und falsch mit.
James schenkte sich den letzten Rest Whisky aus seiner zweiten Flasche Scotch ein und schaute sich suchend nach Karen um. Er wurde stocknüchtern. Karen, Hiram und Fiona waren verschwunden.
Eine nie gekannte Wut erfasste ihn. Er trank sein Glas auf ex, verabschiedete sich von seinen Tischnachbarn und ging an Deck. Dort starrte er gedankenverloren in den sternklaren Himmel und ließ sich die kalte Meeresluft um die Nase wehen, ohne dass sein Hass auf Karen sich spürbar verringerte.
„Und diese Nacht war sozusagen meine Anrufung.“ Cupido hatte seine Gedanken mitgelesen. „Von da an beobachtete ich dich und die Larve, die du damals erzeugt hast. Eine Larve kann gefährlich für meine Existenz werden, deshalb musste ich sie im Auge behalten. Seit damals nährt sie sich von deinem Hass, der seinen Höhepunkt erreichte, als du später in der Nacht Karen und Fiona nackt und graziös ineinander verschlungen schlafend im Bett eurer Kabine fandest. Es war Fionas Hand, die selbstgefällig auf Karens Hüften ruhte, die dich zur Weißglut brachte, nicht wahr?“
Die Erinnerung an diesen Anblick durchfuhr James wie ein Stromschlag. Noch einmal erlebte er das Gefühl der Fassungslosigkeit, das sich erst in maßlose Enttäuschung und dann in rasende Wut verwandelt hatte. Er massierte sich kräftig die Stirn und versuchte die erneute Panik wegzuwischen. Er wurde sich bewusst, dass Cupido auch seine Gefühle beliebig manipulieren könne.
„Wieso kann eine von mir erzeugte Larve gefährlich für deine Existenz werden?“ fragte er.
„Weil ich deine Zwillingsseele bin. Alles, was dir widerfährt, hat auch Auswirkungen auf mich. Und eine von deinem Hass und deiner Eifersucht derart wohlgenährte Larve kann einer empfindlichen Person wie dir leicht zum Verhängnis werden, weil sie viele Geistesstörungen wie Verfolgungswahn und Neurosen auslösen kann, die dich in den Selbstmord treiben können. Und dein Selbstmord gefährdet auch meine Existenz. Deshalb bin ich hier, um dich aber auch deine Welt zu schützen. Ich bin in dich eingedrungen, weil ich deinen Körper als Hülle und Schutz für mein empfindliches Selbst benötige, das in dieser dichten Atmosphäre nicht existieren und im gewohnten Maß über seine geistigen Kräfte verfügen kann.
Doch es geht mir nicht nur um die Erde und um dich. Es geht um sehr viel mehr.
Meine Welt ist genauso ernsthaft bedroht wie deine, weil unsere Welten verschiedene Ebenen desselben Universums sind.“
James runzelte die Stirn.
„Wieso sind meine und deine Welt bedroht? Was heißt das?“
Er fühlte Cupidos Ungeduld.
„Das führt jetzt zu weit. Die vollständige Antwort hierauf wirst du im Laufe unserer gerade begonnenen Reise erhalten. Vorab dies:
Unsere beiden Welten besitzen dieselbe Persönlichkeitsmatrix – wie das Muster einer Schneeflocke, die im ganzen Kosmos einzigartig ist – weil sie Zwillingsplaneten sind. Deshalb wird jede Energie, die ein Planet aussendet, mit diesem spezifischen Muster geprägt. Der Zwillingsplanet empfängt diese Energie, und wegen der Kongruenz der Matrix kommt es bei ihm zu mehr oder minder heftigen Reaktionen.
So entscheidet der Bewusstseinszustand des einen Planeten darüber, ob die von ihm ausgesendete Energie, die gemäß dem Gesetz der gegenseitigen Anziehung gleicher Dinge immer zu seinem Zwillingsplaneten fließt, dem Zwillingsplaneten auf dem Weg zur Ganzheit hilft oder ihn hemmt. Dasselbe gilt für die Zwillingsseelen. So, das reicht fürs Erste. Konzentriere dich auf das Lenken dieses stinkenden Fahrzeugs, das anscheinend von vermoderten Bäumen und Pflanzen angetrieben wird."
Der Rest der Fahrt war sehr schweigsam verlaufen. James bemühte sich, die ganze Zeit an irgendwelche Urlaubsreisen zu denken, um Cupido keine Angriffsmöglichkeiten zu bieten.
Am Dorchester angekommen, parkte er den Jaguar neben der steinernen Blumenbank vor dem Eingang des Hotels.
Sie betraten die mit ockerfarbenem Marmor ausgelegte Lobby durch die schwere Drehtür. Cupido ließ ihn in einer weich gepolsterten Couch gegenüber der Aufzugtüren Platz nehmen. James spürte seine Anspannung, als sich die goldbronzene Tür eines der Lifte öffnete und ein in einen weißen Burnus gewandeter rundlicher Araber mit zwei Bodyguards heraustrat. Die beiden Muskelmänner schauten nach links und rechts und sahen über James hinweg.
James´ Hand wurde blitzschnell angehoben und sein Zeigefinger zielte auf die Mitte der Stirn des Arabers, der ihn verblüfft ansah. James fühlte eine ungeheure Kraft aus der Mitte seines Körpers hochsteigen und sich durch den ausgestreckten Zeigefinger entladen. Ein blutroter Energiestrahl schoss aus seiner Fingerspitze und traf den Araber genau zwischen die Augen, der ohnmächtig zusammenbrach. James spürte eine weitere mächtige Energiewelle seinen Körper durchfluten, aber diese löste sich wie bei einem Dunstzerstäuber an der Spitze seines Fingers auf.
Die beiden Bodyguards warfen sich schützend über den schlaffen Körper des bewusstlosen Arabers und zogen im Fallen ihre Glocks. Sie schauten sich suchend um und suchten nach einem potentiellen Angreifer. Doch sie sahen nur ruhig an ihren Tischen Tee trinkende oder in der Halle Meetings abhaltende Hotelgäste, die den Vorfall gar nicht bemerkt hatten. Auch James, der sich schnell eine neben ihm liegende „Financial Times“ gegriffen hatte und darin umblätterte, fiel ihnen nicht auf.
Ihr professioneller Blick auf ihren betuchten Klienten hatte ihnen sofort gesagt, dass ihr arabischer Schützling keinerlei äußere Verletzungen aufwies. Sie erhoben sich vorsichtig. Offensichtlich vermuteten sie einen erneuten Infarkt ihres Klienten, der zur Behandlung seiner Herzbeschwerden in London war. Sie wollten aber kein Risiko eingehen und blieben wachsam, während sie per Handy einen Arzt herbeiriefen.
„Verlasse langsam das Haus“, ertönte plötzlich die heisere Stimme in seinem Kopf. „Meine Kräfte reichen nicht aus. Mein hochschwingender Geistkörper ist in der dichten Atmosphäre deines Planeten erheblich beeinträchtigt und geschwächt.“
Aus einem mit Blaulicht vor dem Hoteleingang geparkten Krankenwagen stürzten ein Arzt und zwei Helfer mit einer Bahre ins Hotel und rannten an dem sich erhebenden James vorbei zu dem Araber. Sie zogen alle Aufmerksamkeit der beiden Bodyguards auf sich, die sie aufmerksam beobachteten. James verließ unbehelligt das Dorchester.
„Ich brauche ein Hilfsgerät, ich glaube, ihr nennt es Teleporter“, ertönte Cupidos Stimme, als er den Motor startete.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Was ist ein Teleporter?“
„Ein Teleporter ist ein Gerät, mit dem ich nicht nur Gegenstände, sondern auch Körper mit Gedankengeschwindigkeit an jeden beliebigen Ort transportieren kann.“
„Wie bitte, du willst in unserer Atmosphäre Materie teleportieren? Wie soll das denn gehen? Soweit ich weiß, benötigt man dazu unglaublich viel Energie, die es in dieser Konzentration auf der Erde gar nicht gibt. Außerdem habe ich mal gelesen, dass bei einer Teleportation das Individuum stirbt und ein Klon erschaffen wird.
Dann funktioniert dein Plan gar nicht, mich für deine Pläne zu benutzen. Ich werde gar nicht mehr da sein, wenn du meinen Körper teleportiert hast.“James fühlte Cupidos überhebliches Lächeln körperlich.„Du irrst. Teleportation ist der Transport eines Gegenstandes von einem Ort zu einem anderen in Gedankengeschwindigkeit, ohne dass das Objekt dabei physisch den dazwischen liegenden Raum durchquert“, dozierte Cupido, „Da eure Körper im Prinzip nichts anderes sind als schmutziges Wasser, ist es kein großes Problem für mich, sie zu teleportieren. Wir hatten in der Tat ein großes Problem bei unseren ersten Experimenten mit eurer Teleportation. Du hast Recht, bei unseren damaligen Versuchen blieb die Seele zurück, so dass das teleportierte Individuum starb und ein seelenloser Klon erstand. Doch dank einer genialen Idee unseres jetzigen Herrschers haben wir unsere Fähigkeiten so verfeinert, dass wir eure Körper mitsamt der Seele teleportieren können.“„Das klingt vollkommen phantastisch und unglaubwürdig.Wenn Teleportation überhaupt möglich sein sollte, könnte es bestenfalls sowas wie eine Zeitreise sein. Soweit ich weiß, muss jemand der eine Zeitreise unternehmen will, sich theoretisch entlang einer Zeitschleife der gebogenen Raumzeit bewegen. Dazu benötigt er ungeheuer viel Energie, die aus einer gewaltigen Quelle erzeugt werden muss. Wie willst du so ein riesiges Gerät konstruieren und bauen? Und selbst wenn du es schaffen würdest es zu bauen, wie willst du es transportieren? Das funktioniert doch niemals.“„Ach James, immer wieder dein ewig zweifelnder Geist, der dich und deine Mitmenschen blockiert und eure Entwicklung hemmt. Eure naturwissenschaftlichen Erkenntnisse stecken in den Kinderschuhen, denn sie lassen keinen Spielraum für Transzendentales. Doch genug theoretisiert. Das bringt uns nicht weiter. Schreiten wir zur Tat. Alles, was ich benötige, sind folgende Gegenstände: einen 15 Zentimeter langen Kupferstab, pulverisiertes Bernstein, ein 15 Zentimeter langes Stahlrohr, pulverisierten Bergkristall, einen Lötkolben, eine Kerze und einen dünnen Kupferdraht. Kannst du mir das alles besorgen?“„Was???!!! Damit willst du einen Teleporter bauen? Das schaue ich mir gerne an, wie du grandios scheitern wirst. Natürlich kann ich dir das alles besorgen, das gibt es überall. Am besten wir fahren zu „Harrods“. Die haben jeden Gegenstand, den du gerade aufgezählt hast.“James gab es auf, weiter zu fragen. Er war beruhigt. Jetzt war er sicher, dass dieses Abenteuer für ihn in Kürze beendet sein würde. Cupido würde es niemals schaffen, einen Teleporter zu bauen. Er würde ihn bestimmt wieder freigeben, wenn er ihm die Komponenten beschafft hatte und dieser nicht funktionierte.Wieder fühlte er das süffisante Lächeln Cupidos, was ihn sehr irritierte. Achselzuckend legte er den Gang ein und reihte den Jaguar in den Verkehrsstrom Richtung Piccadilly ein.„Ich werde dir jetzt einiges erklären, damit du nicht weiter deinen Illusionen nachhängst, sondern dich auf deine dir bevorstehende Aufgabe konzentrierst“, vernahm James zu seiner Überraschung Cupidos Stimme. „Wie ich Dir schon sagte, besitzen unsere beiden Welten dieselbe Persönlichkeitsmatrix und dasselbe gilt für die Zwillingsseelen.“
„Moment. Der Reihe nach bitte, damit ich alles verstehen kann. Du hast behauptet, du wärest meine Zwillingsseele. Was genau ist das?“
„Jedes Individuum auf der Erde hat bis zu zwölf Zwillingsseelen. Sie sind alle Teile einer einzigen Seele, die sich aufgeteilt hat, um in verschiedenen Inkarnationen in diversen Paralleluniversen unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Wir Wesenheiten von Ethar sind eine eurer zwölf Zwillingsseelen. Ihr bedroht uns, weil ihr unseligerweise Erkenntnisse gewonnen habt, die für die Zukunft der Erde und damit auch für unsere ausgesprochen schädlich sind.“
„Was sind das für Erkenntnisse?“
„Eure Kommunikationsfähigkeit hat sich erheblich verbessert, weil ihr jetzt mit Hilfe von Maschinen von jedem Punkt der Erde aus miteinander sprechen und euch gleichzeitig sehen könnt. Das ist durchaus von Vorteil für eure Entwicklung, zumal ihr auch noch ein elektromagnetisches Netzwerksystem eingerichtet habt, das jedem Erdbewohner den jederzeitigen Zugang zu allem Wissen des Planeten erlaubt.
Bei der Weiterentwicklung dieses Netzwerkes habt ihr aber entdeckt, wie ihr Daten direkt in eure Gehirne übertragen könnt. Mit diesem Verfahren ist es möglich, akustische, visuelle und olifaktorische Wahrnehmungsempfindungen im Gehirn auszulösen. Bisher geschieht das mithilfe von Nanoempfängern, die erfolgreich getestet worden sind und euch nach einer künstlich ausgelösten Epidemie bei einer Schutzimpfung implantiert wurden. Erinnerst du dich an die angebliche Ausbreitung von Schweinegrippe und die Schutzimpfung, der auch du dich unterzogen hast?“
James nickte. In der Tat war er vor ca. einem Monat gegen Schweinegrippe geimpft worden, weil sich diese angeblich weltweit auf dem Vormarsch befand. Die WHO hatte mit Stufe sechs höchste Pandemiegefahr ausgerufen und Impfzwang befohlen.
„Eine bestimmte Gruppe hat überall auf der Welt Sendemasten errichtet, die sie jetzt in Betrieb nehmen wollen. Dabei werden via Satellit Ultraschall-Impulse ausgesendet, die die Nanoempfänger aktivieren, die sich inzwischen in euren Gehirnen eingenistet haben, und wodurch sinnliche Wahrnehmungen wie Gerüche oder Geräusche ausgelöst werden können. Gleichzeitig können damit aber auch eure Emotionen wie Glück und Trauer, Friedfertigkeit und Zorn und eure Begierden und Bedürfnisse gesteuert werden.“
„Das klingt nach einem Horrorszenario. Aber wieso bedroht das die Existenz der Erde und deiner Welt?“
„Wir als eure mit euch verbundenen Zwillingsseelen haben damit ein Riesenproblem. Ihr könnt mit dieser Technik nämlich auch eure Moral manipulieren, weil ihr das Geheimnis des ventromedialen Kortex entschlüsselt habt. Ihr wisst jetzt, dass dort der Sitz eures Gewissens ist. Wenn ihr diese Region eures Gehirns stimuliert, führt das zur übersteigerten Entwicklung eurer negativen Eigenschaften Habgier, Wut, Maßlosigkeit und Neid. Letztendlich zur Zerstörung allen Lebens auf der Erde und damit sind auch unsere Leben auf Ethar, meinem Heimatplaneten, bedroht. Weil ihr skrupellos eure Mitmenschen aus dem Weg räumen werdet, wenn sie euch beim Erreichen der euch implantierten rein materialistischen Wünsche im Weg stehen, gefährdet ihr die Entwicklung eurer Zwillingsseelen, weil sie eure Erfahrungen, die ihr nur hier auf dem einzigartigen Planeten Erde mit den größtmöglichen Freiheiten machen könnt, zur Vervollkommnung dringend brauchen. Wenn euch die Freiheit der Wahl, das heißt, des freien Willens, genommen wird, sind diese Erfahrungen nicht mehr möglich und die für die Erde vorgesehene Entwicklung der hier inkarnierten Seelen wird blockiert und viele würden in einen ewigen Kreislauf mit immer denselben Lebensläufen gefangen werden. Auch die Entwicklung der Zwillingsseelen würde stagnieren. Deshalb ist dieser Plan so gefährlich für das ganze Universum. Aber es geht nicht nur um eine perfide Kontrolle eures freien Willens, sondern auch um ein Riesengeschäft im Sinne eures materialistischen Denkens.“
„Ich verstehe. Wer diese Technologie beherrscht, braucht kein Marketing und keine Werbekampagnen mehr. Er erzeugt einfach das Bedürfnis nach seinen Produkten in den Gehirnen, und schon will jeder das Zeug haben. Und weil gleichzeitig das Gewissen ausgeschaltet wird, sind die Menschen bereit, alles für die Befriedigung ihrer ihnen eingepflanzten Bedürfnisse zu tun. Wenn sie nicht das Geld haben, um sich diese leisten zu können, käme es überall in den Städten zu Plünderungen, Verwüstungen, Mord und Totschlag.“
„Du hast es begriffen. Die Erde würde in ein Schlachtfeld verwandelt und vermutlich in Kürze zerstört werden, weil einige Wenige unfassbar reich werden wollen oder sonstige Motive haben, über die wir später noch reden werden. Ich bin gesandt worden, in diese der Erde drohenden Entwicklungen einzugreifen, sie aufzuhalten und zu beenden. Und dazu brauche ich deine Hilfe.“
„Wie willst du das machen? Und wie könnte ich dir dabei helfen?“, fragte James. Langsam verstand er, was für eine Katastrophe sich hier abzeichnete. Falls Cupido ihm die Wahrheit erzählte und – vor allem – Cupido nicht eine Ausgeburt seiner lebhaften Phantasie oder irgendwie von ihm selbst erzeugt war.
„Ich sehe, du zweifelst immer noch an mir. Nun, das wird sich ändern. Zurück zu deinen Fragen. Die Entwicklung dieser gerade beschriebenen Technologie wurde von der Loge des Northern Cross in Auftrag gegeben und finanziert. Kennst du diese Loge?“
James überlegte. Dann schüttelte er den Kopf.
„Ehrlich gesagt, nein, ich habe noch nie von ihnen gehört.“
„Das ist eine Vereinigung, in der sich vor einigen Jahrhunderten einige der mächtigsten und reichsten Familie der Erde zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel war es, ihren ungeheuren Reichtum zu schützen, indem sie die Kontrolle über eure Regierungen übernahmen und verhinderten, dass diese etwas beschlossen, was ihre Macht und ihr Vermögen beeinträchtigen konnte. Gleichzeitig aber benutzten sie ihre Kontrolle über fast alle Regierungen eurer Welt, um ihren Reichtum beliebig zu vermehren. Sie strebten die komplette Weltherrschaft an und planten dazu eine Neue Weltordnung, die ein paar wenigen Auserwählten die Kontrolle über den Planeten Erde inklusive all seiner Bodenschätze und Technologien bringen sollte. Um das zu erreichen, haben sie seit Jahrhunderten jeden Krieg und jede Revolution initiiert und finanziert, um die Herrschaft über die Massen zu erhalten. Sie haben das Leben jedes Individuums zu konditionieren versucht, indem sie ihm ihre Moral und Ethik aufoktroyiert haben, die ihn allmählich zu einem gut funktionierenden Rädchen in ihrem ‚Rattenrennensystem’ haben werden lassen sollten. Doch immer wieder gab es Einzelne, die sich ihnen widersetzten und ihr System gefährdeten. Deshalb haben sie jetzt eine Technologie entwickelt, die die Menschen mit einem Schlag in willenlose Schafe verwandeln könnte.“
„Willst du etwa diese ominöse Loge und ihre Hintermänner vernichten und dann die Kontrolle auf beiden Planeten übernehmen, damit du ihre Entwicklungen koordinieren kannst? Das ist ja ein herculanischer Plan. Wie willst du den umsetzen? Wer bist du, dass du es dir überhaupt zutraust?“
„Du bist ein sehr intelligenter Mann, James, Respekt. Also gut. Ich bin einer der 20 Kriegsherren, die die Grenzen der fünf Kontinente auf Ethar beschützen. Ethar ist ein Zustand, in dem das, was ihr als Denken bezeichnet, der Urquell des Lebens ist. Es ist die lebenswichtige schöpferische Kraft, die Energie erzeugt, Materie zu Form zusammensetzt und Wege zur Wahrnehmung und Kommunikation bietet. Wie man denkt, so ist man.
Wir denken die Bewegung und sie ist Tatsache. Ich brauche keine mechanischen Hilfsmittel. Ich denke an ein Ziel und bin da. Weder Telefon, Radio, Fernsehen noch sonstige Kommunikationshilfen benötigen wir, denn die Kommunikation ist augenblicklich da, mit wem immer wir uns austauschen wollen. Bloßes Denken ist die Kraft, die jedes Bedürfnis, jeden Wunsch sofort erfüllt.“
„Wenn das so ist, warum denkst du dir dann nicht einfach die Macht auf den beiden Planeten zu besitzen?“
Cupido lachte.
„Ganz so einfach ist es nicht. Auf Ethar muss diese Macht verliehen werden, sonst verliert man sie sofort wieder. Es ist ein Leichtes für die anderen 19 Kriegsherren, mich wieder zu entmachten, denn sie sind mir ebenbürtig, und ich habe keine Chance, wenn sie sich gegen mich verbünden. Derzeit ist Ashmun unser Herrscher, aber er ist alt und macht Fehler. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass ihr eine Technologie entwickeln könnt, um damit eure Gehirne zu manipulieren. Aber um ihn abzuwählen, brauche ich mindestens zwölf Stimmen der anderen Kriegsherren, doch von ihnen ist niemand bereit mir seine Stimme zu geben, solange Ashmun lebt. Deshalb bin ich hier.“
„Wie das? Wie kannst du dir hier auf der Erde die Stimmen der anderen Kriegsherren holen? Und was habe ich damit zu tun?“
„Wie ich dir schon sagte, seid ihr unsere Zwillingsseelen. Natürlich leben auch die Zwillingsseelen der anderen Kriegsherren von Ethar hier. Ashmun hat mich hierher gesandt und beauftragt, 5 dieser Zwillingsseelen zusammen zu bringen, damit sie mir im Kampf gegen die Loge des Northern Cross helfen. Ich habe mir aber überlegt, wenn ich sie von meinen Fähigkeiten überzeuge, indem ich die Loge und ihre Hintermänner besiege und ihre Technologie zerstöre, wird das auch die anderen Kriegsherren auf Ethar dazu bringen, mich zu ihrem Führer zu wählen. Denn die Zwillingsseelen auf der Erde beeinflussen das Bewusstsein ihrer Zwillingsseelen auf Ethar. Verändere ich das Bewusstsein hier, verändert sich das Bewusstsein dort. Logisch, oder?“
„Klingt abgedreht, aber in sich logisch“, räumte James ein, „aber noch einmal, was hat das alles mit mir zu tun?“
„James, du wirst mir helfen, die Personen zu entführen, die als Zwillingsseelen der Kriegsherren von Ethar inkarniert sind. Dann wirst du sie von meinen Fähigkeiten als ihr neuer Führer überzeugen und sie bitten, mir in meinem Kampf gegen die Loge zu helfen. Du bist Dekan der Universität von Oxford, also eine anerkannte Kapazität, seriös und rhetorisch brillant. Du kannst sie durch dein Auftreten und mit deinen Berichten über den Plan der Loge dazu bringen, mir zu glauben. Sie misstrauen mir, weil dieser Homer etwas zu viel über meine Gerissenheit ausgeplaudert hat. Ohne dich müsste ich in sie alle eindringen und sie permanent kontrollieren. Was ich aber gar nicht kann, weil ich hier meine Fähigkeit zur Bilokation verloren habe. Das heißt, ich kann mich auf der Erde nicht so wie auf Ethar aufteilen und gleichzeitig an verschiedenen Plätzen sein.“James runzelte die Stirn.
„Lassen wir das mal unkommentiert im Raum stehen. Selbst wenn sie dir helfen, diese ominöse Loge zu bekämpfen, wie soll ausgerechnet ich die anderen Kriegsherren überzeugen, dich zu ihrem Führer zu wählen? Welche Argumente habe ich denn? Ich kenne dich doch gar nicht. Und weißt du überhaupt, wo die Menschen, die die Zwillingsseelen der anderen Kriegsherren sind, leben und wie sie heißen?“„Wenn wir hier auf der Erde die Loge des Northern Cross zerschlagen, ihre Pläne durchkreuzen und die Erde und Ethar retten, musst du ihnen schildern, wie ich dich von Anfang an in meine Pläne zur Rettung der Erde eingeweiht und wie ich sie dann Schritt für Schritt verwirklicht habe. Dir als objektiven Beobachter werden sie glauben. Dann werden diese Zwillingsseelen verstehen, dass ich ein fähiger Anführer und Stratege bin und auch die mit ihnen vernetzten Kriegsherren auf Ethar werden von meinen Führungsqualitäten überzeugt sein. Mein Erfolg hier auf der Erde, den ich zusammen mit ihren Zwillingsseelen erringen werde, wird ihnen die Gewissheit geben, dass ich ein guter Führer auf Ethar sein werde, dem sie auch in Zeiten der Gefahr vertrauen können. Sie werden Ashmun wegen seines unsere Existenz bedrohenden Fehlers absetzen, diese Entwicklung hier zugelassen zu haben, und mich zu ihrem neuen Herrscher wählen.
Natürlich weiß ich, wer die Zwillingsseelen sind und wo sie leben. Der törichte Ashmun hat mir ihre Namen und Aufenthaltsorte genannt. Sie wurden analog zu den Kriegsherren in Ethar jeweils im Norden, Süden, Westen und Osten eurer fünf Kontinente geboren und leben dort immer noch. Wir werden sie an einem sicheren Ort zusammenbringen und ihnen dort die Lage erklären und sie von unseren Plänen überzeugen.“
James intellektuelles Fassungsvermögen war an seine Grenzen geraten und sein Verstand raste. Wenn Cupido tatsächlich keine Ausgeburt seiner Phantasie war und die Wahrheit sagte …
Das Radio schaltete sich ein. „... hat ein neues Patent angemeldet. Es scheint gelungen zu sein, das Geruchs- und Geschmackskino zu entwickeln“, ertönte die sonore Stimme eines Nachrichtensprechers aus dem Gerät. „Mit bestimmten Wellenfrequenzen können die für die Geruchs- und Geschmacksnerven zuständigen Teile des Gehirns aktiviert werden, so dass passend zum Bild jeder Zuschauer riechen und schmecken kann, was die Protagonisten des Filmes gerade riechen oder schmecken. Diese revolutionäre Erfindung soll erstmals bei den Dreharbeiten zu einem Remake von ‚Der Kampf der Titanen’, die in einem Monat beginnen, eingesetzt werden.“
James war fassungslos. Cupido hatte ihm bezüglich der neuen Technologie die Wahrheit gesagt. Er fühlte dessen Zufriedenheit körperlich und James beschloss, ihm zu glauben. Zielstrebig fuhr er zu Harrods. Er parkte den Jaguar vor dem „Basil Street Hotel“ in der Basil Street und eilte in das riesige viktorianische Gebäude des Kaufhauses.
Tatsächlich bekam er dort alle Utensilien, die Cupido ihm genannt hatte. Zurück im Jaguar ließ Cupido ihn den pulverisierten Bernstein in das Kupferrohr füllen und es mit einem Wachstropfen von der Kerze verschließen. Dann musste er den pulverisierten Bergkristall in das Stahlrohr füllen und es ebenfalls mit Wachs versiegeln. Er verband die beiden Rohre mit einem dünnen Kupferdraht und lötete sie zusammen.
Als er damit fertig war und den zusammengelöteten Stab in der Hand hielt, fühlte er, wie Cupido sich geistig in den Stab versetzte und zum Stab wurde. Er konzentrierte seinen Willen in den Stab hinein und James sah fasziniert, wie sich ein weißer Energiestrahl von seiner Stirn zu dem Stab in seiner Hand bildete, mit dem Cupido dem Stab seine ganze Macht und Willenskraft übermittelte. James hörte, wie Cupido dem Stab immer wieder befahl, sich seinen Willenskräften zu unterwerfen.
„Sobald ich dich in die Hand nehme, geschieht alles, was ich denke!“
Dieser Vorgang höchster Konzentration, die James sehr erschöpfte, dauerte fast 20 Minuten. Plötzlich ließ James den Stab mit einem Aufschrei fallen.
„Mein Gott, ist der heiß geworden. Meine Hand ist komplett verbrannt.“
„Oh, verzeih mir. Der Teleporter ist nicht heiß geworden, sondern ich habe ihn geistig imprägniert und versiegelt. Nur ich kann ihn jetzt beherrschen und berühren. Allerdings vergaß ich kurz, dass ich ja deine Hand brauche, um ihn zu halten.“
James vernahm einige undeutlich gemurmelte Worte in seinem Kopf.
„So, jetzt heb ihn auf. Es ist alles in Ordnung.“
Tatsächlich konnte James den jetzt wieder angenehm kühlen Stab problemlos vom Teppichboden des Jaguars aufheben und in seiner Hand halten. Erfreulicherweise heilten bei der ersten Berührung mit dem Stab sogar seine Brandverletzungen ab.
„Und jetzt, mein Freund, machen wir eine kleine Weltreise und holen meine ersten Gäste ab. Heute ist ein Tag, an dem wir nach Asien reisen werden“, unterbrach Cupidos heisere Stimme seine Gedanken. „Fangen wir dort im Westen an.
„Nach welchen Kriterien legst du eigentlich die Reihenfolge deiner so genannten Gäste fest und wohin willst du sie bringen? Etwa hierher in den Jaguar in der belebten Straße?“
„Natürlich hole ich mir zuerst die Zwillingsseelen der Kriegsherren, die ich gerne auf meiner Seite haben will und deren Fähigkeiten ich besonders schätze. Jeder Kriegsherr hat ganz bestimmte Charaktereigenschaften, die auch die hier lebenden Zwillingsseelen besitzen. Und wohin wir sie bringen werden wird sich während unserer Reise ergeben, denn der Weg ist das Ziel.“
James schaute ihn verblüfft an.
„Bist Du etwa ein Buddhist mit römischen Wurzeln?“
„Das werde ich dir nicht verraten. Nur so viel: Ich bin ein Problemlöser. So, als Erstes holen wir uns eine Person, die zur leidenschaftlichen Liebe, aber auch zur engen Freundschaft, Vertrauen, Ehre und Treue fähig ist, was sie für mich zu einer leicht zu gewinnenden Verbündeten macht. Schließe die Augen.“
James fühlte ein leichtes Vibrieren, das in seinem Solarplexus begann und sich strahlenartig in seinem Körper ausbreitete. Sein Körper wurde leichter und leichter. Die Konturen der Welt um ihn herum lösten sich auf und wurden zu einem immer schneller kreiselnden Farbenmeer. Langsam verstummten die Geräusche der City und eine wohltuende Stille breitete sich in ihm aus. Ein ungeheurer Energieschub raste durch seinen Körper. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte ihn. Er fühlte sich frei, leicht und unbeschwert und sein Körper explodierte in einem Feuerwerk aus leuchtenden Farben.
Sharifa saß zusammengekauert in ihrer dunklen Zelle und wiegte ihren Oberkörper im Rhythmus einer Melodie, die ihrem Innersten entstieg und die nur sie hören konnte.
Das Johlen der Zuschauer, die sich langsam in dem angrenzenden Stadion von Abadan einfanden, um ihre bevorstehende Hinrichtung zu begaffen, erreichte sie nicht mehr.
Ihr Verstand hatte sich milde verabschiedet, als sie in der vergangenen Nacht auch der letzte ihrer zwölf Gefängniswärter unter dem Gejohle seiner Kollegen vergewaltigt hatte. Seit ihrer Verurteilung zum Tod durch Steinigung war sie nichts als ein lebendes Stück Fleisch, hatte jedes Recht verloren. Jeder Muslim konnte mit ihr machen, was er wollte. Sie konnte froh sein, dass nicht auch noch ihre Familie mit verurteilt worden war, weil sie Flugblätter gegen das Regime der iranischen Mullahs und für mehr Rechte der Frauen verteilt hatte. Aber Sharifa war jenseits ihrer Gefühle und Gedanken.
Zwei in Jeans und schmutzige T-Shirts gekleideten Schergen schlossen ihre Zellentür auf. Sie packten sie grob an den Handgelenken und führten sie in das vollbesetzte Fußballstadion. Als der Mob auf den Rängen bei ihrem Anblick auf johlte wie beim Einmarsch der lokalen Fußballmannschaft, erschien ein glückliches Lächeln auf ihrem verklärten 17-jährigen Gesicht.
Die Schergen führten sie zu einem Loch, das sie an der Stelle des einen Fußballtores gegraben hatten, und stellten sie hinein. Dann schaufelten sie das Loch bis zur Brusthöhe Sharifas wieder zu, so dass nur noch ihr Oberkörper und ihr Kopf zu sehen waren, und entfernten sich rasch von ihr.
Die ersten Steine flogen durch die Luft und fielen gezielt neben Sharifa auf den Boden. Jedes Mal, wenn ihr Oberkörper intuitiv zuckte, um einem Stein auszuweichen, steigerte sich das Gegröle der blutrünstigen Masse.
Plötzlich verstummte der Pöbel. Atemlose Stille breitete sich aus und Sharifa sah verwundert und verständnislos in die tiefblauen Augen eines schlanken blonden Mannes, der vor ihr stand und einen kupferfarbenen Stab auf sie richtete. Dann sah sie gar nichts mehr ...
Cupido lachte.
„Das war Rettung in letzter Sekunde. Der blutrünstige Pöbel wird sehr enttäuscht sein.
James´ Hand richtete den Stab auf seinen Magen und wieder fühlte James das Vibrieren in seinem Solarplexus, genoss das ihn durchströmende Glücksgefühl und erneut löste sich sein Körper in einer Farbenexplosion auf.
Als sein Bewusstsein zurück kehrte, stand James auf dem Plateau eines mit hohem Gras bewachsenen Felsens, der den Wellen eines vom Wind gepeitschten Meeres trotzte. Er erblickte eine Burgruine, von der nur noch die steinernen, hellgrau schimmernden Außenmauern standen. Die schwere Brandung klatschte ununterbrochen gegen die schroff abfallende Felswand unterhalb der Burg. Die Gischt schäumte hoch über den Felsenkamm und Tropfen des salzigen Meerwassers benetzten sein Gesicht. Als James sich umdrehte, sah er einen kaum noch erkennbaren, weil fast vollständig mit dichtem Gebüsch überwucherten Pfad, der über einen schmalen Grat führte und den Felsen mit der zerklüfteten Küste des Festlandes verband. Intuitiv wusste er, dass er sich irgendwo in Schottland befand. Seine Hand streichelte den Schaft des Stabes und ein mächtiger Blitz fuhr in die Ruine.
Beim nachfolgenden Donner fand James sich im Innern der Ruine wieder und sah sich verblüfft um. Cupido hatte magische Veränderungen an den von außen zerfallen wirkenden Schlossresten vorgenommen und staunend betrachtete James das verwandelte Innere der Ruine.
Sharifa lag schlafend in einer gut geheizten, großen Halle auf einer der bequemen, dick gepolsterten Couchen, die auf ein Dutzend Sitzgruppen mit schweren Couchtischen und geschmackvollen Stehlampen in dem Saal verteilt waren. Die rohen Steinwände des großen Raumes waren mit Mahagoniholz getäfelt worden, an denen kostbare Gemälde hingen. Als James noch oben sah, erblickte er eine massive gotische Holzdecke, und an der Stirnwand ihm gegenüber befand sich ein brennender Kamin mit einem großen Spiegel darüber. Durch die sechs großen Fenster mit den bleigefassten Butzenscheiben, die von schweren Samtvorhängen umrahmt waren, konnte James über die schäumende Oberfläche des Meeres hinweg am Horizont die Sonne untergehen sehen.
„Gut gemacht, nicht wahr?“, vernahm er die heisere Stimme in seinem Kopf. „Du siehst, ich habe meine Fähigkeiten dank deiner Hilfe zurückgewinnen. Das bedeutet, dass ich mit meinem Geist alles erschaffen kann, was wir für unsere Mission benötigen. Während deiner Bewusstlosigkeit habe ich Ashmun gefragt und er hat mir diese von außen wie kurz vor dem Zusammenbruch aussehende Ruine gezeigt. Sie wird unser Hauptsitz und unsere Zentrale. Ich habe einen Bann um den Felsen gelegt, so dass niemand auf die Idee kommen wird, über den Pfad hierher zu kommen. Wir werden hier also vollkommen ungestört sein.
Aber wir haben jetzt keine Zeit, die von mir geschaffenen Annehmlichkeiten zu genießen. Als nächstes reisen wir in den Süden Asiens. Unser nächster Gast liebt die Macht und legitime Gewalt. Wissen, Können, Führerschaft und Stabilität, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen zeichnen ihn aus. Er wird eine harte Nuss für uns werden.“
Mehr als vier Quadratkilometer umfasst der Campus des Indian Institute of Technology (IIT) in Kanpur im westlichen Indien. Professor Dr. Samarjit Mehta, der aus Bengulu kam, um am Advanced Centre for Material Science (ACMS) acht Wochenstunden zu unterrichten und sonst ungehindert weiter an seinem Spezialgebiet Gehirnforschung zu arbeiten, schlenderte über den gepflegten Fußweg unter Mangroven zum Institut.
Er war für seine Verabredung zum Abendessen viel zu früh und entschied sich, auf dem einsamen Bänkchen unter der Mangrove noch ein wenig zu entspannen. Seine Aktentasche neben sich, zog er sogar das weiße Seidenjacket aus, denn die Temperaturen waren heute frühlingshaft. Er schloss die Augen und genoss die letzten Strahlen der Abendsonne.
