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Zukunft ist wie Fußball - man weiß nie, wie es endet. Und die Abseitsregel verstehen wir so wenig wie die Globalisierung. Und auch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, FakeNews und alternative Fakten verlangen uns mental alles ab. "Der Skoptimist" ist ein flammender Appell zum eigenen Denken im postfaktischen Zeitalter. Ein gedanklich hoch kreativer und phantasievoller Ritt durch die Nebel hindurch mitten hinein in die Zukunft. Ein satirisch durchtränktes Plädoyer, neben der künstlichen auch die menschliche Intelligenz weiter zu entwickeln. Dabei lässt der Autor es bewusst offen, ob dieses Pilotprojekt wirklich funktionieren kann. Einen ersten Schritt können Sie selber tun: Nehmen Sie sich dieses Buch vor und lesen Sie es! Viel Vergnügen.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Haben wir noch eine Zukunft?
Auf der Hornisgrinde
Leberpastete & Lügenpresse
Der Zeitgeist klingelt nicht
Der Skoptimist
Weinfest & Sitzblockade
Die Sache mit den Fakten
Inuit sind keine Eskimos
Die Welt ist schöner als sie ist
Wenn Banker Hebammen retten
Die Beschleunigungs-Schleuder
Machen Kohlrouladen dumm?
Der transhumane Hybrid
Die neue Ahnungsvolligkeit
Beine an die Börse
Weihnachten kommt immer
Blogs for Future (Sammlung)
Schlusswort
Wir wissen, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Meistens ist es so ziemlich das einzige, was wir wissen – oder auch nur ahnen. Und in der Globalisierung scheint unser Verständnis der Dinge eher ab- als zuzunehmen. Wir gleichen das zwar dadurch aus, dass wir es bei unserem Bauchumfang genau anders herum machen – aber das kann ja nicht die Zukunft sein, dass sich unser Verständnis der Welt mit unserem Bauchumfang die Waage hält, nur weil das eine im gleichen Maße ab-, wie das andere zunimmt. Willkommen in meinem Buch.
Wenn wieder mal Fußball läuft, wandere ich gerne auf die Hornisgrinde im Schwarzwald, um mir Gedanken über die Welt, das Leben und die Zukunft zu machen. Nicht dass ich was gegen Fußball hätte. Doch spätestens beim Fernsehinterview mit den Akteuren nach Abpfiff denke ich, dass die Welt aus mehr bestehen müsste als aus Sätzen wie „Wir müssen jetzt einfach nach vorne schauen“ oder „Wir haben das Tor heute nicht getroffen“. Ein Trainer aus der rheinhessischen Kreisklasse toppte diese sinnfreie Sprache kürzlich noch, als er nach dem Spielende wörtlich erklärte: „Die Tore haben heute das Spiel entschieden“. Darauf wäre man alleine nie gekommen.
Fußball und Zukunft haben immerhin eines gemeinsam: Man weiß nie, wie es ausgeht. Da hat man auf ein klares 3:0 gewettet und was passiert? Sehen Sie. Auch die Zukunft kann man noch so gut in Angriff nehmen wollen – irgendwas kommt doch immer dazwischen oder alles ganz anders. Etwa wenn wir uns mal ins Jahr 2040 versetzen: Weil die Polkappen schmelzen, stehen darunter in großer Tiefe plötzlich Rohstoffe wie Öl, Kohle und Gas für die nächsten 500 Jahre unbegrenzt zur Verfügung. Die Diskussion um die Endlichkeit von Rohstoffen bricht in sich zusammen. Die Norweger pumpen verflüssigtes CO2 in aufgelassene unterirdische Gas- und Ölspeicher. Verkehrsflugzeuge werden durchweg mit klimaneutralem künstlichem Rohöl betankt, Grillen wurde verboten und die Klimafrage verliert an Dramatik. Sex gilt als veraltete, weil für Frau wie Kind viel zu gefährliche Form der Fortpflanzung, China kapert Afrika, der israelische Geheimdienst Mossad hackt das Weiße Haus und legt Donald Trumps Golfclub lahm. Donald Trump ist derweil Nachrichtensprecher bei Fox News. Die Franzosen verlassen die EU und Wladimir Putin wird endlich Nachfolger von Ursula von der Leyen als EU-Kommissions-Präsident. Beide gehen auf Bärenjagd in Sibirien. Montenegro tritt aus dem Euro aus, der Libri von Facebook ist die Leitwährung der Welt. Die Rolling Stones schicken ihre Roboter-Doubles auf Tournee, ohne dass es jemand merkt. Der Golfstrom gibt seinen Geist keineswegs wie befürchtet auf, sondern wird stärker und die Shetland-Inseln werden das neue Barbados. Deutschland denkt über die Monarchie nach. Die SPD schlägt Kevin Kühnert vor. Die CSU will in diesem Fall die Koalition verlassen. Einen König ohne abgeschlossenes Studium habe es noch nie gegeben. Ein Novovirus wird der veganen Ernährung zugeschrieben und führt zu deren Ende. Wissenschaftler finden heraus, dass Krebs gesund ist, wenn man ihn nur richtig ernährt. In Afrika entwickelt sich Nigeria zur neuen Supermacht, die in Fragen der Nanotechnologie weltweit führend ist und den ersten hybriden Menschen produziert. Spinat gilt als giftigstes Nahrungsmittel überhaupt. Der erste Roboter gewinnt die Tour de France. In Deutschland regieren die Grünen und haben die Autos abgeschafft. Dafür können sich Menschen an jeden Ort der Welt beamen. Die meisten wissen jedoch nicht, wo sie eigentlich seien wollen und lehnen das System ab. Die SPD überspringt in Niedersachsen erstmals wieder die 5-Prozent-Hürde und zieht in den dortigen Landtag ein. Die Auffahrunfälle fliegender Autos in 500 Meter Höhe nehmen dramatisch zu, auch E-Tretroller können jetzt fliegen. In Berlin wird die Ehe mit Tieren erlaubt und der erste Mensch hat sich im Alter von 150 Jahren einfrieren lassen.
Ist all das unmöglich? Oder ist es nur unmöglich, weil wir es bisher nicht gedacht haben? Leider kann es so oder auch anders kommen. Das liegt nicht nur an der Zufälligkeit der Zukunft, sondern auch daran, dass die Zukunft sich einer demokratischen Abstimmung einfach entzieht. Ich zum Beispiel durfte nie darüber abstimmen, ob ich Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Globalisierung und Facebook haben wollte. Irgendwie sind wir mittendrin in allem und werden ungefragt mitgerissen mit dem Strom der Zeit. Urplötzlich ist die politisch korrekte Sprache da, eine 16jährige Schwedin ist charismatischer als Andrea Nahles und ein YouTuber namens Rezo zerlegt mit einem CDU-kritischen Video fast den ganzen Regierungsapparat in Berlin. Wie sollen wir uns auf all das einstellen? Sollen wir mitschwimmen in diesem Strom oder uns am Ufer an einem zackigen Felsen krampfhaft festhalten, um zu überleben und auf bessere Zeiten zu warten? Über unser Smartphone, die Tagesschau, Gerüchte, Bekannte und BILD-Zeitung kriegen wir so gerade eben noch mit, was da draußen passiert, aber richtig verstehen tun wir das alles nicht mehr. Darin liegt die eigentliche Gefahr: Die Globalisierung erwischt uns ständig auf dem falschen Fuß. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie die Algorithmen bei Facebook funktionieren und auch beim Klimawandel kann kaum jemand die komplexen Wirkungsmechanismen erklären oder, ob nun ein Diesel oder Benziner besser ist. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. So rum oder anders. Nur wie? Ein Machtwechsel in Venezuela arbeitet sich in der Tagesschau auf Platz 2 der Nachrichten hoch, und wir müssen klammheimlich erst einmal nachgucken, wo Venezuela überhaupt liegt. Wenn ich Menschen bitte, mal in einer Minute zu erklären, wie sie gerade die Welt so sehen, enden wir in der Regel im chaotischen Durcheinander von tausend Gedanken und wenig analytischem Durchblick.
Je weniger wir verstehen, was da draußen passiert, umso überzeugter – und das ist das Erstaunliche - treten wir jedoch an Stammtischen, im Netz und in der Familie, sofern diese noch existiert, auf. Wir haben zu allem eine feste Meinung, die wir mit Nachdruck vertreten und die wir uns auch nicht durch Fakten, neue Entwicklungen oder neue Einsichten kaputt machen lassen. Eine feste Meinung zu vertreten gilt uns nach wie vor als höchste Kunst der Kommunikation. Sie stabilisiert die Psyche, sie verschafft uns Anerkennung und ist dennoch ein heikle Angelegenheit in unsicheren Zeiten. Alles könnte sich anders entwickeln, könnte anders kommen und plötzlich gehört man zu den Verlierern, steht auf der falschen Seite der Welt. Soll man nun also fest an etwas glauben, seine Überzeugungen posaunend vor sich hertragen oder eher auch mal zweifeln, vorsichtig sein, immer ahnend, dass es auch irgendwie alles anders kommen kann?
Ich selber habe in den letzten Jahren von keinem einzigen Menschen gehört, dass er zu „neuen Einsichten“ gelangt und seine Meinung zu diesem oder jedem Thema geändert hätte. Doch selbst die überzeugtesten Überzeugungs-Fetischisten und Moral-Marschierer laufen mit ihren Vorstellungen genauso oft gegen die Wand wie wir selber und sind wohl nur deshalb so selbstsicher, weil man sonst als unsicherer Kantonist, als meinungsloser Sonderling oder als jemand gilt, der gar nix rafft und die großen Herausforderungen nicht versteht, zu denen man, das will der Zeitgeist, angeblich eine feste Überzeugung vertreten muss. In Facebook und Instagram werde ich mit einem „Weiß im Moment nicht“ kein einziges „Like“ einheimsen. Eine feste Meinung ist aber noch kein Rettungsanker oder gar ein Ausweis für Kompetenz. Wie sagte ein Beobachter so schön: „Die Festigkeit, mit der ich eine Meinung vertrete, ist noch kein Beweis dafür, dass sie auch richtig ist“.
Dabei sind die Fragen, um die es in der Zukunft geht, äußerst komplex und klare Antworten ausgesprochen schwierig: Wie können wir Globalisierung, Digitalisierung, smarten Maschinen und Künstlicher Intelligenz begegnen, ohne ständig den Eindruck zu haben, wir hecheln der Zukunft nur noch hinterher und diese macht mit uns sowieso, was sie will? Wir werden in den nächsten Jahren nicht nur erleben, wie intelligente Technologie uns selbst als Menschen verändert, sondern auch, dass Mensch und Maschinen miteinander verschmelzen. Was ein spannendes Projekt sein kann, weil niemand weiß, was dann aus uns wird: Nanotechnologie und Biogenetik werden uns technologisch in einer nie gekannten Art und Weise als Menschen aufrüsten und uns in hybride Wesen verwandeln, eine Mischung aus natürlichem Menschen und Technologie – die nächste Stufe der Evolution.
Dafür haben kluge Geister auch schon einen Begriff gefunden: Den Transhumanismus. Welchen Menschen wollen wir? Welche ursprünglich menschlichen Fähigkeiten nehmen uns intelligente Roboter gerade ab, welche werden, welche müssen wir dazugewinnen? Werden wir in den nächsten Jahren dümmer oder klüger? Und welche Fähigkeiten und Eigenschaften helfen uns, die Zukunft zu bewältigen? Das sind so die Dinge, über die ich auf der Hornisgrinde nachdenke. Wer zu alledem schon eine feste Meinung vertritt, den bewundere, nein, den zweifele ich eher an. Wir nähern uns, denke ich, der Zukunft nur, indem wir langsam, Schritt für Schritt, die Füße und Gedanken voreinander setzen und versuchen zu verstehen, was hier in unserer Welt gerade passiert. Ich empfehle Ihnen, dieses Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Nur dann können Sie der Verwirrtheit meiner eigenen Gedanken folgen. Sonst nehmen Sie sich einzelne Kolumnen vor, gedankenkondensierte Artikel, die Sie lesen können, wenn das Meeting gerade besonders langweilig ist, in dem Sie sich befinden. Ich habe diese Artikel, die ich in den letzten Monaten veröffentlicht habe, für Sie am Ende des Buches noch einmal zusammengestellt. Ich bin aber sicher, dass Sie lieber meiner wilden Gedankenflut folgen, die ich auf den nächsten rund 200 Seiten vor Ihnen ausbreite.
#zukunftskunst 1:Eine feste Meinung zu etwas zu haben, ist keine gute Voraussetzung für eine sich schnell wandelnde Zukunft. Vielmehr ist die Fähigkeit, seine Überzeugungen zu verändern, flexibel zu sein und neue Entwicklungen und Tatsachen sofort in seinem Mindset zu verarbeiten, die eigentliche entscheidende Fähigkeit, um Zukunft zu bewältigen.
In der Zukunft weiß jeder etwas anderes. Denn niemand googelt wie sein Nachbar. Das ist nicht weiter schlimm, solange wir wissen, dass es so ist. In so einer Situation sind Ratgeber sehr gefragt. Ihre Autoren scheffeln Millionen. Dabei sind die Ratgeber oft flacher als die Sohle eines Badelatschens. Deshalb habe ich mich entschieden, keinen Ratgeber zu schreiben.
Um Ihnen einen Eindruck zu geben, wovon ich spreche und warum Denken gerade dort oben gut funktioniert: Die Hornisgrinde ist mit 1150 Metern die höchste Erhebung des Nordschwarzwaldes. Oben stehen ein Fernsehturm sowie ein Windrad, ein großer und ein kleiner Aussichtsturm mit schmiedeeiserner Wendeltreppe, mehrere Ehrfurcht vor der Natur einflößende Wandertafeln sowie schrottreife Gebäude aus der französischen Besatzungszeit. Den Franzosen selber fällt das nicht auf, da es in ihrem Land überall so aussieht. Weil der Sturm Lothar 1999 erfreulicherweise die sichtstörenden Tannen und Fichten einfach abgeräumt hat wie Pins beim Bowling, öffnet sich einem heute ein weitläufiger Blick auf die rheinische Tiefebene bis nach Straßburg, zu den Vogesen und bei klarem Wetter bis zu den schneebedeckten Alpen. Der nächste Sturm wird hoffentlich auch noch das unerbittlich surrende Windrad sowie den Bratwurststand am Mummelsee schlucken.
Sie sollten vorab auch wissen, dass der Auerhahn der typische Vogel für den Nordschwarzwald ist, der Dreizehenspecht wieder Fuß gefasst hat, was beim Specht durchaus wörtlich zu nehmen ist, und seit 2016 zwei große Gebiete als Nationalpark ausgewiesen wurden, deren Kern darin besteht, dass man den Wald einfach vor sich hin wuchern lässt in den nächsten 200 Jahren, wild, urwüchsig, ohne dass der Mensch in ihm rumhantiert. Ich glaube, das ist auch besser so. Man kann sich als Ranger ausbilden lassen und führt dann Wandergruppen durch den Nationalpark, beschützt die Ameisenhügel und nimmt all jene in Gewahrsam, die anfangen, das Badener oder Schwarzwald-Lied von 1865 zu intonieren.
Das öffentlich vorgetragene Schwarzwaldlied gehört zu den schlimmsten Ruhestörungen im Nordschwarzwald, denen man fast regelmäßig ausgesetzt ist, wenn Betriebsausflüge in die Gegend einfallen: Die zahlreichen „Schnapsbrunnen“, die, tiefer im Tal gelegen, den Weg säumen, legen, gerade bei warmem Wetter, entsprechende Marschpausen nahe. Wenn man dann ganz oben ankommt, ist man bereits schwer alkoholisiert, kann den Fichtenstamm nicht mehr von der Kollegin aus der Buchhaltung unterscheiden, hält Lothar nicht für den Sturm, sondern den Chef und erheitert die schenkelklopfenden Kollegen mit der Frage, wo man seine Alkoholfahne auf der Hornisgrinde denn nun hissen kann. Da die „Schnapsbrunnen“ auf dem Rückweg automatisch alle noch einmal an einem vorbeikommen, ist der Weg in die postfaktische Welt nicht mehr weit: Man fühlt sich am Ende des Ausflugs absolut großartig, ist aber sturzbesoffen.
Es soll in diesem Buch um die Frage gehen, wie wir ein gutes Verhältnis zur Zukunft bekommen. Wie wir das, was auf uns zukommt, am besten bewältigen. Sollen wir grundsätzlich skeptisch sein gegenüber allem und jedem – in Zeiten von Fake News und manipulierten Facebook-Videos sicher keine schlechte Sache. Oder wollen wir uns den stets frohgelaunten Berufsoptimisten in den Unternehmen anschließen, die uns mit Tschaka-Kursen vorantreiben, damit wir bloß nicht auf die Idee kommen, uns zu fragen, ob man den Schmonzes, der da tagtäglich produziert wird, wirklich braucht. Vor kurzem wurde im Supermarkt eine „Toilet Brush Gun“ angeboten, eine zum Maschinengewehr umgebaute Klobürste. Ich habe keinen Test gemacht. Meine Vorstellungskraft reichte aber aus, mir das Badezimmer vorzustellen, nachdem man mit dem Maschinengewehr in der Kloschüssel rumhantiert hat.
Ist es richtig, grundsätzlich misstrauisch zu sein oder hilft uns nur grenzenloses Vertrauen weiter, um mit dem Rest der Menschheit langfristig zu überleben? Sollen wir einem Migranten an der Grenze aus humanitären Gründen vorbehaltlos Glauben schenken oder seine Angaben anzweifeln? Oder ist es eben letztendlich gar nicht wichtig, woher er kommt und welche Angaben er macht, weil ihm einfach geholfen werden muss? Sollen wir die Welt rational erklären, helfen uns Zahlen und Statistiken weiter oder sind „gefühlte“ Tatbestände viel wichtiger? Was zählt: Ob es in unserer Gesellschaft ungerecht zugeht oder ob es sich nur ungerecht anfühlt? Ist wichtiger, ob Mitarbeiter bei einem Workshop wirklich etwas gelernt haben oder ob sie danach einfach nur ein „gutes Gefühl“ haben, es sich „gut anfühlt“?
Sollen wir den Anfängen wehren oder erst mal abwarten, wie sich viele Dinge entwickeln? Etwa panisch eine Datenschutzgrundverordnung in die Welt setzen, die niemand versteht – oder wäre es nicht besser, an die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen zu appellieren, auf sensible Daten aufzupassen? Brauchen wir mehr Staat oder weniger? Kognitionswissenschaftler haben uns ja kürzlich erklärt, dass es „DIE“ Welt nicht gibt, dass jeder eine andere und sehr subjektive Wahrnehmung der Welt hat. Es gibt also leider kein Nachschlagewerk, in dem Sie nur das Vorwort lesen müssten, um zu begreifen, wie die „wirkliche Welt“ aussieht, quasi der Holzpfahl im Wattenmeer, an den wir uns klammern können, wenn die Flut kommt – oder wenn wir die Welt gleichzeitig für gut und schlecht, Steuern für sinnvoll und gleichzeitig zu hoch, den Partner für liebenswert aber völlig bescheuert in einem halten. Ist die AfD das größte Unglück in der deutschen Nachkriegs-Geschichte oder rüttelt sie die etablierten Parteien endlich mal wach? Sind die Veganer eine unbedeutende schmarotzende Minderheit oder zeigen sie uns, wie die Welt gerettet werden kann?
Wenn sich 100 Menschen daran machen würden, die Realität mit Legosteinen nachzustellen, würde kein einziges Ergebnis dem anderen gleichen. Wir selber sehen die Welt ja schon unterschiedlich, je nachdem in welcher Rolle wir sie gerade erleben: Als Fahrradfahrer, als Autofahrer, als Fußgänger, als Raucher oder als Experte für dies und das. Je nach Blickwinkel, der sich ja fast minütlich verändern kann, ärgern wir uns einmal über zu wenige Radwege, danach über zu lange Rotphasen für unser Auto und schlussendlich über den rücksichtslosen Motorradfahrer, der noch bei gelb über die Ampel brettert und uns fußgängerisch fast von den Beinen holt. Wir vereinen ins uns mindestens 20 unabhängige Beobachter der Welt. Wenn wir mal ins Krankenhaus müssen zu einer urologischen Untersuchung, werden wir den Eindruck nicht los, die halbe Welt leide an Blasenschwäche, so voll ist es. Wenn wir beim Augenarzt ein halbes Jahr auf einen Termin warten müssen, wissen wir, was wir schon immer ahnten: Über die Hälfte der Weltbevölkerung muss an erhöhtem Augeninnendruck leiden. Zeigt uns jemand eine gegenteilige Statistik, wird diese nie eine Chance gegen unseren persönlichen Eindruck haben.
Überdies spielt uns die Tatsache einen Streich, dass wir über keinen einheitlichen Bildungskanon mehr verfügen, sondern uns unsere Informationen wild und zufällig aus dem Netz zusammenklauben. Stellen Sie sich mal vor, 20 Personen bekommen die Aufgabe, im Internet die Frage zu googeln: „Darf ich nach 18 Uhr noch Schafsmilch trinken, ohne meine Verdauung zu gefährden?“ Schon nach dem ersten Klick schlagen 20 Personen 20 unterschiedliche Pfade ein: Der eine googelt erst mal die Zusammensetzung von Schafsmilch, der Zweite bleibt hängen bei den Grundsätzen der Verdauung, der Dritte wählt sich ein in einen Chat, in dem gerade eine Runde die Kleiber-Diät diskutiert. Da es keine vorgegebenen „Lernpfade“ mehr gibt, haben nach spätestens vier Klicks alle 20 Personen ein vollkommen unterschiedliches Bild von der Situation, verfügen über die unterschiedlichsten Informationen und würden die Frage völlig unterschiedlich beantworten. Extrem gesagt entwickeln 3,9 Milliarden Menschen auf dieser Welt, die laut einer Umfrage des Gartner-Instituts jährlich auf Informationssuche im Internet sind, 3,9 Milliarden unterschiedliche Weltbilder. Kein einziger Informations-Status wird sich mehr mit dem des Nachbarn oder einer einzigen Person in dieser Gruppe decken. So wird Wissens-Individualisierung über die Informationsbeschaffung zum festen Markenkern der postfaktischen Welt und der Globalisierung. Den letzten Satz kann man auch einfacher fassen: „Kein Schwein schert wirklich, was du denkst“.
Die Ernsthaftigkeit der Themen in diesem Buch soll nicht Hand in Hand gehen mit einem verschwurbelten, besonders komplizierten oder mit Fremdworten gespickten Schreibstil, der Sie glauben machen soll, ich verfügte über die finale Weisheit und setze alles daran, dass Sie zwar beeindruckt sind von dem, was ich schreibe, es aber nicht verstehen. So etwa, wenn Spinoza, ein großer Denker des 17. Jahrhunderts, sagt „Gott ist das Sein, doch ohne Sein ist Gott nichts“ – oder so ähnlich. Vor so einem Satz knicke ich geistig vor lauter Hochachtung ein, versuche jedoch verzweifelt zu begreifen, was Spinoza wohl meint. Vielleicht hat es Spinoza ja genau darauf angelegt.
Der Titel meines jüngsten Satire-Programms, mit dem ich auf Kleinkunstbühnen auftrete, lautet „Nichts wird mehr wie morgen sein“. Das reicht schon fast an Spinoza heran, denn auch dieser Satz ist in sich unlogisch. Würde er heißen „Nichts wird mehr wie früher sein“, würden wir ihn verstehen. So aber negiert sich die Aussage selber: Das, was morgen ist, wird eben nicht sein. Wenn es morgen bei Ihnen Spaghetti geben soll, wird es morgen eben genau aus diesem Grund keine Spaghetti geben. Es wird keine Spaghetti gegeben haben, verstehen Sie? Der totale Nihilismus, aber vielleicht ist genau das ja die Zukunft. Sie müssen nicht besorgt sein: Mit solchen gedanklichen Banalitäten werde ich Sie nur selten belästigen. Ich werde versuchen, die Ernsthaftigkeit der Themen mit einem satirischen Stil zu kaschieren. Sie haben ihn auf den ersten Seiten ja schon kennengelernt. Für mich ist es gleichzeitig ein Test darauf, wieviel schwarzen Humor Zukunft und Zeitgeist vertragen.
Ich hätte es mir auch einfach machen und einen Ratgeber schreiben können. Ratgeber stehen im Moment hoch im Kurs. Wir sind wild nach Ratgebern. Dabei verkaufen sich jene Ratgeber am besten, in denen wir lesen können, was wir sowieso schon wissen – etwa, dass man bei Husten Hustensaft nehmen oder bei Magengrimmen Fencheltee trinken soll, dass bei Kopfschmerzen keine Wadenwickel helfen und festkochende Kartoffeln noch fester kochen, wenn man die Herdplatte anmacht. Alleine mit der Frage, wie man sich richtig die Zähne putzt, hätte ich einen 300-Seiten-Ratgeber füllen können. Im Mittelpunkt hätte die Frage gestanden, wie man getrocknete Zahnpasta mit dem Hammer aus dem Becken entfernt.
Kürzlich sah ich im Buchladen einen Ratgeber zur Frage, wie ich wilde Reptilien zu Hause halte. Der Ratgeber hatte sage und schreibe 272 Seiten, was mir nachdrücklich vor Augen führte, dass die Menge dessen, was geschrieben wird, nicht immer proportional zur Bedeutung einer Angelegenheit stehen muss. Wahrscheinlich waren 200 Seiten des Ratgebers nur Erste-Hilfe-Tipps gegen Bisswunden, Vergiftungen, den Verlust von Bein oder Arm oder der Frage, wie ich mich aus dem Würgegriff einer Python befreie, wenn ich gerade am Herd stehe und Wirsingkohl koche. In der Tat kann es nie schaden, wenn man so einen Reptilien-Ratgeber vorsorglich zu Hause rumstehen hat. In unserer überfremdeten Gesellschaft weiß man nie, welche Schlange plötzlich vor der Tür steht oder liegt und sich unter dem Vorwand, ein Amazon-Paket zu liefern, Zugang zur Wohnung verschaffen will. Im Zweifel ist das Reptil mit seinem Biss schneller als der Ratgeber, den wir, wenn es ernst wird, dann doch nicht finden, obwohl wir hätten schwören können, dass wir ihn in der Schrankwand neben dem Bildband der Insel Usedom abgelegt hatten.
Ratgeber gibt es auch für Glück, Erfolg, Liebe, Gesundheit, Fitness, für Zufriedenheit, Achtsamkeit, Gefühle, Empathie, Garten, Nachhaltigkeit und die Partnerschaft. Da uns das Leben keine Gebrauchsanleitung für Glück frei Haus liefert und Glück auch nicht so leicht zu lernen ist wie Blockflöte, bringen es die Glücksberater nicht nur zu Millionen auf ihrem Konto, sondern wie Ekkehart von Hirschhausen sogar ins Fernsehen. Dabei dürfte die Einfachheit der Ratschläge nur noch durch ihre überall abgeschriebene Wiederholung in den anderen Ratgebern übertroffen werden. Ich habe sogar schon Ratgeber gelesen, in denen der Titel identisch mit der Empfehlung war. In einem Ratgeber über „Empathie“ stand zu lesen „Sei einfach mal empathisch“. Das ist wie die Empfehlung in einem Fitness-Ratgeber: „Halte dich fit“.
Doch keineswegs schicken wir dem Autor solcher unterirdischen Flachheiten sein Buch empört zurück, sondern bekritzeln wie empfohlen einen dieser gelben Selbstkleber mit dem Satz „Halte dich fit“ und kleben ihn wie im Ratgeber empfohlen an den Wandspiegel. Ich könnte Ihnen ebenso gut sagen: Wiegen Sie sich vor allem nachts um 4 Uhr, nur dann erfahren Sie ihr wahres Gewicht, oder: Heben Sie einen mit Erbsensuppe gefüllten Kochtopf mehrmals mit beiden Händen über ihren Kopf, um ihren linken Schulterstrecker zu trainieren! Ich sage Ihnen auf eben diesen Kochtopf zu: Sie würden das machen. Sie würden den Unsinn gar nicht erkennen, weil ihr Gehirn süchtig und konditioniert darauf ist, den entsprechenden Ratgeber ernst zu nehmen. Ich sage ja immer, dass uns jede Distanz zu dem fehlt, was wir tun. Das haben ja schon jene Forscher entdeckt, die Testpersonen dazu bringen konnten, anderen Leuten mithilfe von Stromstößen immer größere Qualen zuzufügen. Wenn ich einen Ratgeber schreiben würde, würde ich einen Ratgeber zur Frage schreiben, wie ich mit Ratgebern umgehe und die wichtigste Empfehlung wäre: „Kaufe dir keine Ratgeber mehr, es sei denn, du brauchst Rat“.
Was für ein Buch aber soll man schreiben in einer Welt, in der vieles in Rutschen gekommen ist, in der die Künstliche Intelligenz von der einen, die digitale Revolution von der anderen schneller in unser Leben eingreifen als uns lieb ist; in der die Globalisierung über die Nationalstaaten hinwegfegt und diese nur noch als Reparaturkolonnen auftreten, aber nicht mehr als Gestalter der Zukunft. Werte, die uns wichtig waren, hat ein anonymer Zeitgeist hinweggepustet und die stabile Demokratie, in der wir uns wie selbstverständlich über 70 Jahre lang eingerichtet hatten, droht genauso wie die SPD in sich zusammenzufallen. Niemand erinnert sich mehr daran, was Durchschlagpapier war, wie man Tipp Ex benutzt oder das Farbband in einer Schreibmaschine wechselt. Die Vergangenheit entschwindet so schnell wie ein rückwärtslaufender Film im Zeitraffer. Plötzlich ist nichts mehr da von dem, was uns doch so viel wert war. Es ist eine Welt voller Gegensätze, die sich angeblich immer schneller dreht, in der wir aber auch immer länger warten: Im Stau, beim Arzt, an der Supermarktkasse oder beim Hochfahren des PCs. Kürzlich saß ein IT-Experte geschlagene vier Stunden vor meinem PC, um ein neues Windows-Programm aufzuspielen. Es war faszinierend zu beobachten, wie er mit verschränkten Armen und wippenden Füßen vor dem Bildschirm saß und nichts tat. Rein gar nichts, außer auf den Bildschirm zu schauen und mir nach einer Weile mitzuteilen: „Das dauert jetzt noch rund 150 Minuten, bis das hochgeladen ist“. In diesem Wartezustand verbrachten wir die nächsten Stunden miteinander. Genauso stelle ich mir die künftige Arbeitswelt vor: Wir sitzen nur noch da, warten und wippen mit den Füßen. Wenn wir ehrlich sind, tun wir in hunderttausenden Jobs genau das heute schon.
#zukunftskunst 2:Im Ozean der Veränderungen müssen wir uns an Unsicherheit gewöhnen. Das fällt unserem Gehirn nicht leicht, weil es gerne Dinge mag, die es schon kennt. Das Wort Sicherheit dürfen wir getrost aus unserem Sprachschatz für die nächsten 100 Jahre streichen. Unsicherheit verlangt, trotz allen Tempos langsam voran zu gehen – wie auf einem Gletscher, auf dem man das Gelände vor sich mit den Füßen prüft, um nicht gleich in einer Gletscherspalte zu entschwinden. Zukunftskunst wird darin bestehen, mit kalkulierten Unsicherheiten zu leben – eine Unternehmensstrategie kann falsch sein, eine Berufswahl sich als Sackgasse herausstellen, eine Partnerwahl als desaströs. Solche Unsicherheiten werden unser Leben stärker prägen als je zuvor. Sie dürfen uns aber nicht den Mut nehmen, überhaupt etwas zu entscheiden – etwa aus der Furcht heraus, es könnte falsch sein. Trotz kalkulierter Unsicherheit und möglicher falscher Entscheidungen überhaupt noch Entscheidungen treffen zu können, das ist die #zukunftskunst Nummer 2. Dazu gehört, einen Rückzug antreten zu können, ein Projekt rechtzeitig zu stoppen, ein angemessenes, vorsichtiges Tempo einzuschlagen, das richtige Lebens- und Bewegungstempo für sich oder sein Unternehmen zu finden. Nicht der Schnellste wird gewinnen, sondern der, der sich Ressourcen, Kraft und Motivation richtig einteilen kann. Denn die Zukunft hat eine lange Zielgerade und wir brauchen ihr nicht wie beim Windhundrennen hinterher zu jagen. Wie dort der Köder ist die Zukunft immer schneller als wir. Wären die Windhunde übrigens klug, würden sie einfach stehenbleiben. Der Köder kommt nämlich von hinten noch einmal wieder vorbei. Vielleicht ist es mit der Zukunft genauso und sie holt uns von hinten wieder ein.
Journalisten haben es nicht leicht. Der Leser weiß genau, was er lesen will. Und wenn der Journalist das nicht schreibt, wird das Käsblatt halt abbestellt. Dass der Leser Wahrheiten und Fakten lesen will, ist völliger Unsinn. Er will sich bestätigt fühlen, will aber auch immer sehen, wie schlecht es anderen geht, will Skandale, Korruption, schreckliche Unglücke und verschossene Elfmeter erleben. Nur wenn ich sehe, wie schlecht es mir gehen könnte, sehe ich, wie gut es mir geht.
Ich möchte Sie gerne auf den nächsten Seiten in die Vergangenheit entführen, dort, wo meine berufliche Karriere ihren Anfang nahm. Denn Sie werden sich zu Recht fragen: Warum soll ich diesem Halb-Dalai-Lama, diesem Richard-David-Precht-Verschnitt glauben, was er da zu Papier pinselt? Außerdem soll man als Autor gedanklich nicht zu schnell vorwärtsschreiten, weil man den Leser, wie eine schöne Floskel besagt, immer „mitnehmen“ oder dort „abholen“ soll, wo er gerade steht. Ich selber möchte nirgendwohin mitgenommen oder abgeholt werden, aber vielleicht geht es Ihnen ja anders. Gleichzeitig werde ich Ihnen auf den nächsten Seiten einen Einblick geben in das undankbare Geschäft des Journalisten sowie der Frage, ob es nun eine Lügenpresse gibt oder nicht.
Die Freude am Schreiben wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Ich musste sie mir hart erkämpfen durch Beiträge in der Schülerzeitung am Herder-Gymnasium in Rendsburg, einem alten, humanistisch ausgerichteten Backsteinbau mit parallel gealtertem Lehrpersonal, bei dem wir uns immer fragten, wer von beiden zuerst zusammenbricht, die Lehrer oder das Gebäude. Einer dieser Beiträge in der Schülerzeitung – vermutlich zum Thema „Nachsitzen“, aber ich weiß es nicht mehr genau – galt dem örtlichen LIONS-Club als besonders gelungen, so dass er beschloss, mich mit einem Scheck über 100 D-Mark auszuzeichnen. Die Feier fand im Hotel Green statt, dem ersten Hotel am Platz, in dem vermutlich bis heute Kaffee nur in Kännchen serviert wird. Bei der Feier, so ist mir in Erinnerung, gab es Leberpastete; eine Leberpastete, die so fett und ungenießbar war, dass sie mir die Lust am Gewinnen und Schreiben erstmal für ein paar Jahre austrieb. Noch heute ist mein Gehirn in der Lage, olfaktorische und optische Erinnerungen an die Leberpastete aus der damaligen Zeit an meinen Bauch zu senden, woraufhin dieser sich erneut umdreht.
Dennoch ergibt meine Kindheit keine direkten Anzeichen für eine spezielle Schreibbegabung. Außer an den Artikel in der in der Schülerzeitung und die Leberpastete erinnere ich mich nur an die gelben, aus einer bunten Plastikröhre mit Entenschnabel herausspringenden PIXI-Bonbons, die wir nach der Schule für fünf Pfennige aus einem Automaten ziehen konnten, bevor die Schwebefähre in Rendsburg uns um 13.21 Uhr ratternd ans südliche Ufer beförderte, wo unsere vierköpfige Familie in unserem kleinen Bungalow Punkt 13.35 Uhr nach festem Zeremoniell zu Mittag aß. Vor zwei Jahren rammte die Schwebefähre im Nebel einen Dampfer. Jetzt ist sie kaputt. Auch den PIXI-Automaten gibt es nicht mehr. Dunkel ist mir in Erinnerung, dass ein Schulkamerad namens Huwald mich nach dem Mittagsessen beim Spielen an der Wehrau, einem unscheinbaren Rinnsal, das an unserem Haus vorbeifloss, stets in die dortigen Brennesselstauden schubste, was meinen Eltern offenkundig ziemlich egal, allerdings auch kein Anlass war, Freude am Schreiben zu bekommen.
Ansonsten gibt meine Jugend nicht viel her, was für Sie interessant wäre: Bei gezuckerten Fruchtgelees wurde mir schlecht, dafür besaß ich ein eigenes Radio von Grundig, das eine Kurzwellenfrequenz hatte. Man konnte darauf Radio Beromünster einstellen, wo man durch das Krachen und Knacken hindurch Wortfetzen irgendeiner Stimme vernahm – der erste Vorgeschmack auf die Globalisierung. Ganz hinten, am äußersten rechten Ende der Skala, gab es einen Kanal, auf dem jeden Tag zwischen 23 und 24 Uhr eine monotone Stimme Zahlen durchgab: 14678, 993567, 88378, 17446 – die Ziffern jeweils einzeln gesprochen. Wir waren damals mitten im Kalten Krieg und ich stellte mir immer vor, wie ein amerikanischer Agent, als Fischer verkleidet, vor Leningrad auf der Ostsee in seiner Schaluppe gebückt vor sich hinkauert, geschützt durch einen großen Südwester, und die Angriffsbefehle per Ziffernfolge entgegennimmt – der Vorgeschmack aufs postfaktische Zeitalter: Uns interessierte damals nicht im Geringsten, was die Morse-Zeichen nun wirklich bedeuteten; die Vorstellung, die sie in uns auslösten, waren viel schöner. Wahrscheinlich ist das heute nicht anders. Sich vorzustellen, dass Hillary Clinton, wie eine Verschwörungstheorie im US-Wahlkampf wissen wollte, im Keller einer Pizzeria in Brooklyn einen Kinderpornoring betreibt, ist allemal anregender als selber nachzuschauen und festzustellen, dass dort nur Ratten ihr Unwesen treiben.
1983 bekam ich einen weiteren Preis, nämlich bei der Aufdeckung der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher des STERN. Der STERN hatte sich getürkte Hitler-Tagebücher andrehen lassen und diese in einer legendären Jahrhundert-Pressekonferenz der Weltöffentlichkeit als echt verkauft mit dem Satz „Die Geschichte des Dritten Reichs muss neu geschrieben werden“. Das war natürlich eine Sensation, weil man sich endlich dicht am Führer dran wähnte. Zufall und ein journalistischer „Riecher“ wollten es, dass ich – wie viele andere auch – nicht nur die Echtheit der Tagebücher anzweifelte, sondern auch bei der Suche nach dem Fälscher relativ schnell auf die richtige Fährte kam: Nicht mafiöse Rechtsradikale in Argentinien, nicht der sowjetische Geheimdienst, sondern ein umtriebiger Schriftenmaler namens Konrad Kujau, wohnhaft in Bietigheim vor den Toren Stuttgarts, hatte das alles zu Papier gebracht. Und eben dort, bei den Stuttgarter Nachrichten, oben auf der Höhe in Möhringen, war mein Arbeitsplatz.
Freilich musste ich mich dabei tagelang durch hunderte von Indizien, falschen Spuren, Vermutungen und Zufällen hindurcharbeiten, die in die Militaria-Szene führten und zur Lebensgefährtin von Kujau, die in einer Kaffeekette in der Landeshauptstadt ihren Kollegen mehrfach klagte, dass ihr Partner nächtelang etwas schreibe für den STERN und dafür den Urlaub ausfallen ließe. Schließlich war die Indizienkette so dicht gewoben, dass Chefredaktion, Verlagsleitung und Anwälte beschlossen, diese Beweiskette am 13. Mai 1983 zu veröffentlichen: „Unsere Indizien: Konrad Kujau hat die Hitler-Tagebücher gefälscht“. Das war ein Hammer, die Telefondrähte aus aller Welt glühten (damals gab es noch Telefondrähte); uns erreichten hunderte von Anrufen, selbst das australische Fernsehen wollte mich interviewen. Mir wurde ziemlich blümerant und der Chefredaktion wohl auch, die mich und meine Familie zwei Tage in einem entfernten Hotel aus dem Verkehr zog, weil keiner wusste, ob nicht doch der russische Geheimdienst schon seine Kolonnen auf mich angesetzt hatte. Wenn, wäre ich wohl mit Nowitschok oder wie das Zeugs heißt, ermordet worden wie die Regimekritiker in London. Da ich, wie Sie sehen, nicht ermordet wurde, konnte ich ein halbes Jahr später für verantwortungsvollen Journalismus bei einer Feierstunde in Trier den Theodor-Wolff-Preis entgegennehmen. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es bei der Feierstunde keine Leberpastete.
Konrad Kujau selber war ein humorvoller Vogel, den ich dann in Untersuchungshaft noch mal interviewen durfte – immerhin musste geklärt werden, wo die neun Millionen Euro geblieben waren, mit denen der STERN seinen Mittelsmann Heidemann versorgte, um die Tagebücher anzukaufen. Und wie er es angestellt hatte, mit altem Papier und alter Tinte aus DDR-Zeiten in seiner Dachstube rum zu basteln und zu kleben, und aus welchen Büchern er irgendwelche Banalitäten über Hitler abschrieb. Und wie gerade die Banalität beim STERN ungeheuer Eindruck machte, etwa wenn Hitler angeblich an Darmproblemen und Sodbrennen litt und dies unter Sodbrennen zu Papier brachte. Letztendlich war es die Banalität des Inhaltes, die dem STERN zum Verhängnis wurde. Gerade diese Banalitäten bewiesen ja offenkundig, dass die Tagebücher echt waren. Niemand käme darauf, so einen Unsinn zu erfinden. Hätte Kujau geschrieben, dass Hitler gerade eine neue Kriegsfront am Horn von Afrika plante, hätte man das mit dem bisher bekannten Material verglichen und festgestellt, dass das nicht stimmen kann. Aber Darm und Sodbrennen kannst du mit nichts vergleichen. Außerdem – ich werde das oft gefragt – wollte man beim STERN einfach, dass es stimmt. Man war wie besessen über den vermeintlichen Coup. Ich bekam davon einen Eindruck, als mich das Recherche-Team des STERN zweimal kontaktierte und „Briefmarken“ austauschen wollte. Das heißt, gibst du mir eine Information, geb` ich dir eine Information. Heute noch lagern zwei Originalexemplare der Stuttgarter Nachrichten bei mir, die Kujau in aller Freundschaft signierte, obwohl ich ihn hinter Gitter gebracht hatte. Aber der Spaß, den er bei der ganzen Sache hatte, schien größer zu sein als die paar Jahre U-Haft.
Warum erzähle ich Ihnen das? Recherchieren ist wie Zukunft entdecken: Man folgt falschen Fährten, läuft gegen die Wand, macht urplötzlich eine überraschende Entdeckung, setzt 1 und 1 zusammen, stellt Hypothesen auf, verwirft sie und zweifelt alles an, was einem Informanten unterjubeln wollen. Man muss suchen, nachdenken, extrem flexibel sein, wenn sich eine Annahme als falsch herausstellt. Ein Zeuge flunkert. Du hast falsch gedacht. Die Puzzleteile nicht richtig zusammengesetzt. Dann darfst du nicht den Beleidigten spielen. Niemals darfst du als Journalist Visionen nachhängen. Visionen trüben dir den Blick für die Kleinigkeiten, die dir zeigen, was möglich ist. Etwa so wie wenn du spazierngehst und visionär in den Himmel schaust und dabei das Kreuz am Wegrand übersiehst, das dir zeigt, wo es lang geht. Zukunft und Möglichkeiten entdeckst du erst im Gehen. Denn wenn du vorher wüßtest, wie alles ist, bräuchtest du gar nicht erst zu recherchieren. Zukunft ist keine Autobahn. Nichts, wo der gewinnt, der simpel aufs Gaspedal drückt. Es ist etwas, das erst entsteht, wenn du es selber formst. Zukunft kann auch dauern. Sie stellt sich nicht sofort ein. So wie eine Recherche, weil ein wichtiger „Whistleblower“ gerade in Urlaub ist. Dennoch: Journalismus und Zukunftsgestaltung liegen ziemlich dicht beieinander. Beide eint die Neugier genauso wie das Wissen, dass nichts, aber auch gar nichts, konsequent linear, geradeaus, wie auf einen Strich aufgemalt, verläuft.
Unsere großen Vorbilder waren lange Jahre Robert Redford und Bob Woodward von der Washington Post,
