Der Sommer des Großinquisitors - Helmut Lethen - E-Book

Der Sommer des Großinquisitors E-Book

Helmut Lethen

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Beschreibung

Helmut Lethen stößt auf eine Gestalt, die ihn in den Bann zieht: den Großinquisitor, der in der gleichnamigen Legende Dostojewskis den auf die Erde zurückgekehrten Jesus wie die Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen will. Diese Verkörperung des Bösen wird zum Ausgangspunkt und Begleiter, wenn Lethen den Bogen schlägt von den Schwarzen Messen des Fin de Siècle über den Kult des Bösen in den historischen Avantgarden und die französischen «Salonnihilisten» bis in unsere Gegenwart. Denn siehe da: Der Großinquisitor geistert durch die Schriften der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, als Denkfigur der Realpolitik bei Max Weber, als regelrechtes Idol bei Carl Schmitt und bei Helmuth Plessner. Noch in Arthur Koestlers Renegaten-Roman «Sonnenfinsternis» tritt eine Art Inquisition auf und mit ihr das Grauen der Verfolgung politischer Gegner in der Sowjetunion. Wo immer der Großinquisitor auftaucht, wird in Lethens bestechenden Lektüren nicht nur das kalte, moralbefreite Denken erfahrbar, sondern auch die dahinterstehenden historischen Verwerfungen und Brüche. Ein meisterhafter Essay über Macht und Moral – und ein aufregender Ritt durch die Literatur, Philosophie und Geschichte des 20. Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Helmut Lethen

Der Sommer des Großinquisitors

Über die Faszination des Bösen

 

 

 

Über dieses Buch

Helmut Lethen stößt auf eine Gestalt, die ihn in den Bann zieht: den Großinquisitor, der in der gleichnamigen Legende Dostojewskis den auf die Erde zurückgekehrten Jesus wie die Häretiker auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen will. Diese Verkörperung des Bösen wird zum Ausgangspunkt und Begleiter, wenn Lethen den Bogen schlägt von den Schwarzen Messen des Fin de Siècle über den Kult des Bösen in den historischen Avantgarden und die französischen «Salonnihilisten» bis in unsere Gegenwart. Denn siehe da: Der Großinquisitor geistert durch die Schriften der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, als Denkfigur der Realpolitik bei Max Weber, als regelrechtes Idol bei Carl Schmitt und bei Helmuth Plessner. Noch in Arthur Koestlers Renegaten-Roman «Sonnenfinsternis» tritt eine Art Inquisition auf und mit ihr das Grauen der Verfolgung politischer Gegner in der Sowjetunion. Wo immer der Großinquisitor auftaucht, wird in Lethens bestechenden Lektüren nicht nur das kalte, moralbefreite Denken erfahrbar, sondern auch die dahinterstehenden historischen Verwerfungen und Brüche.

Ein meisterhafter Essay über Macht und Moral – und ein aufregender Ritt durch die Literatur, Philosophie und Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Vita

Helmut Lethen, geboren 1939, lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Buch «Verhaltenslehren der Kälte» (1994) gilt als Standardwerk, «Der Schatten des Fotografen» (2014) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zuletzt erschien die vielbeachtete Autobiographie «Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug» (2020).

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

Covergestaltung Frank Ortmann

Coverabbildung akg-images

ISBN 978-3-644-01438-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Mit dem Polytheismus ...

Prolog

Teil I Der Großinquisitor im Fin de Siècle

Die Geschichte beginnt. Iwan Karamasow erfindet die Legende vom Großinquisitor

Schwarze Messen. Helena Blavatsky, die Sphinx der Theosophie, entdeckt die Legende für sich

Ein Kartenhaus der Macht. Iwan Karamasow wirft die spanische Inquisition als Feindbild an die Wand

Die Vereinigten Staaten von Europa oder Die Herrschaft des Antichrist. Wladimir Solowjow sieht schwarz

In der Legende pocht die Verzweiflung. Wassili Rosanows Wehklag 1891

Teil II Realpolitik und Revolution

Im Kältebad. Max Weber zitiert den Großinquisitor als Erziehungsgespenst herbei

Nur Angsthasen wie Dostojewski können im Großinquisitor einen Sieg des Teufels erblicken. Carl Schmitt als Luzifer

Helmuth Plessners Verhaltenslehre. Die schwarze Anthropologie des Großinquisitors wird gegen den Liberalismus in Stellung gebracht

Unter dem Pflaster liegt nicht der Strand, sondern die Kanalisation. Die Avantgardisten fasziniert das Böse

Vom Wiener Café Imperial in die Sowjetunion. René Fülöp-Miller fahndet nach Dostojewskis Nachlass

Teil III Im Zeichen der großen Säuberungen

Geister und Fakten. In der Sowjetunion entdeckt ein Wiener Dandy schon 1926 den Großinquisitor an allen Ecken und Enden

Sonnenfinsternis. Arthur Koestler löst das Rätsel der Moskauer Geständnisse in den Säuberungsprozessen von 1937/38

Dostojewski – mit Maßen. Thomas Mann gesteht angesichts der «satanischen Tiefe des Russen» seine Feigheit ein

Jahrzehnte der Säuberung. Michail Bulgakow inszeniert in «Meister und Margarita» eine Oper des Verschwindens

Teil IV Der junge Fürst gegen den Strom der Inquisitoren

Albert Camus’ «Mensch in der Revolte» verfängt sich in den Netzen des Großinquisitors. In Polen hofft man auf einen reumütigen Kardinal

Dostojewski unter Surrealisten. Mit einem Exkurs über den Schmerz

Marcel Prousts «Recherche». Die kalte Gymnastik des Salons bedeckt nur fadenscheinig die Regionen der Krankheit

Auftritt der Nihilisten in Turgenjews «Väter und Söhne». Mit den Naturwissenschaften in den Tod

Ein Gottesnarr in Sankt Petersburg. Der «Idiot» überstrahlt den Großinquisitor

Epilog

Literatur

Dank

Mit dem Polytheismus der Einbildungskraft gegen den Monotheismus der Macht.

Prolog

Am 10. März 2020 fuhr ich mit meiner Familie nach Petersruh bei Brüssow in der Uckermark, wo die Schwester meiner Frau mit ihrem Mann und drei Kindern ein zerfallenes Gehöft mit bewundernswerter Arbeit wieder bewohnbar gemacht hat. Ich fand einen Platz mit Blick auf den Hühnerstall, die Gemüsebeete und das Trampolin, und dort las ich zum ersten Mal das Alte Testament – viel zu spät, für einen Katholiken kein Sonderfall. Während ich über die Farbenpracht und Grausamkeit der biblischen Erzählungen staunte, fiel mir auf, wie farblos dagegen das Neue Testament erschien. (Ich hatte, beeinflusst von Emmanuel Carrères Buch «Das Reich Gottes», den sinnesfeindlichen Evangelisten Paulus im Verdacht, alle Farben aus den Büchern des Neuen Testaments gelöscht zu haben. Die christlichen Maler haben offenbar in ihren Darstellungen das Neue Testament nachträglich mit den Farben des Alten verlebendigt.) Danach verschlang ich die «großen Russen». Mit Leidenschaft, also ohne besondere Verwertungsabsicht und ohne Bleistift, las ich Tolstois «Anna Karenina», Turgenjews «Väter und Söhne», Gogols «Tote Seelen» und Tschechows Erzählungen. Schließlich stieß ich in Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» auf die Legende vom Großinquisitor, die ich nur vom Hörensagen kannte.

Die Geschichte, die einer der Karamasow-Brüder erzählt, versetzt uns ins Spanien des 16. Jahrhunderts. Ein Fremder geht stumm über einen belebten Platz in Sevilla, auf dem zuvor an die hundert Häretiker verbrannt wurden. Wie nebenbei vollbringt er mehrere Heilungswunder. Die Menschen wissen sofort, dass der Unbekannte Jesus ist. Das erfährt bald auch der Kardinal-Inquisitor, der befiehlt, den Mann zu verhaften. Er will ihn verbrennen lassen, wie die Häretiker. In einem nächtlichen Monolog erklärt er dem Gefangenen, dass dessen Tugendlehre ein Störfaktor im Machtapparat der katholischen Kirche sei. Wer Macht ausüben wolle, müsse die Gebote der Bergpredigt zu den Akten legen, Empörung führe zwangsläufig zu Vernichtung, die Willensfreiheit sei ein trügerisches Geschenk. Die Einschätzung von Machtverhältnissen solle nicht durch Kategorien der Moral verstellt werden, realitätstüchtige Politik müsse sich diabolischer Mittel bedienen, die Verwaltung zukünftigen Heils möge man der Kirche überlassen, Humanismus erzeuge nur kraftlose Kreaturen, Ohnmacht ziehe Aggressoren an. Am Ende des Sermons enthüllt der Herr der Scheiterhaufen sein Geheimnis: Aus ihm spricht der Teufel selbst. Gott ist tot, doch die Teufel sind sehr lebendig; letztlich sind nur sie Garanten des Machterhalts.

Die Sätze der kardinalroten Klugheitslehre faszinierten mich. Mochten sie auch zynisch klingen, sprach aus ihnen doch historische Erfahrung. Der Großinquisitor verbirgt sich nicht, seine todbringende Heilsmaschinerie ist sichtbar und effektiv. Er operiert als ein Generalstaatsanwalt Gottes, die Entourage des königlichen Hofes hat sich um ihn herum auf dem Brandplatz eingefunden; man spricht davon, dass sich beim «Volksfest» eines Autodafés bis zu hunderttausend Schaulustige eingefunden hätten. Die Legende führt einen Diskurs der Herrschaft vor, der weit bis ins 20. Jahrhundert strahlen wird.

War es die Faszination des Bösen, die mich an ihm fesselte? War es der Gestaltwandel, den der Fürst der Finsternis vollzieht, wenn er in prächtigem Ornat der Verbrennung seiner Gegner präsidiert, um dann in einfacher Mönchskutte die Disziplin der Herde seiner Gläubigen zu überwachen? Oder erschien im Großinquisitor eine unerwartete Inkarnation des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián, um den sich vor Jahren meine «Verhaltenslehren der Kälte» drehten?

Mein Entschluss war spontan. Ich wollte das Nachleben des Herrschaftstraktats mit seiner Rechtfertigung der Gewaltarchitektur verfolgen. Die Reise führte mich über einen sonderbaren Parcours: von den Schwarzen Messen gegen Endes 19. Jahrhunderts über die Schreckensvorstellung von den Vereinigten Staaten Europas unter dem Diktat des Antichrist, Grundsätze der Realpolitik zu Beginn der Weimarer Republik, Heiligsprechungen des Großinquisitors in Kreisen der Konservativen Revolution und Verhörpraktiken in der Sowjetunion zur Zeit der großen Säuberungen 1937/38 bis zu dem Schicksal des Menschen in der Revolte bei Albert Camus. Ganz am Ende der Reise lande ich unverhofft bei Dostojewskis «Idioten». Ich sehe den Fürsten Myschkin, fern von den Heilsmaschinerien politischer oder religiöser Institutionen, schließlich wie den biblischen Hiob – nein, schlimmer noch, denn Gott hat den Idioten vergessen, wie ein Ding unter Dingen. Doch auch wenn ich Dostojewskis Fürst Myschkin zum Schluss in der Landschaft der Physiologien des 19. Jahrhunderts versinken lasse, ist dies kein fatalistisches Buch. Dem Sturz ins Körperschicksal kann ich keine «Dialektik» entnehmen. Ich denke an die Turnerin am Reck, die weiß, dass sie im Absturz Energien für den Aufschwung gewinnen kann.

Zurück in Wien lagen die versammelten großen Russen, ergänzt durch Joseph Franks «Dostoevsky. A Writer in His Time», wie ein Kubikmeter Holz vor mir im Regal. Dazu kamen im darauffolgenden Sommer Bret Easton Ellis’ Essays, Joris-Karl Huysmans’ «Tief unten» und Michel Houellebecqs «Elementarteilchen». Zusammen mit Emmanuel Carrère alle großen Depressiven beisammen! Ich ahnte nicht, wie sehr Carrère, Easton Ellis, Huysmans und Houellebecq sich in mein Unternehmen einmischen würden. Vorerst aber herrschte heillose Verzettelung, und die Erinnerung an die Inhalte des Lektürestapels fing an zu verblassen – vielleicht hatten die Slawisten ohnehin schon alles zum Thema gesagt.[1]

Der entscheidende Anschub kam schließlich aus einer völlig unerwarteten Richtung. Im Herbst 2021 traf mich mit Jan Assmanns Artikel «Hiobs Botschaft» in der «Zeitschrift für Ideengeschichte» ein Erkenntnisschock. Dass Gott im Buch Hiob eine Wette mit dem Satan eingehe, so Assmann, sei ein «literarisches Experiment». Es führe in die Welt vor dem «Zeitalter des Glaubens» zurück, das erst nach der großen Wende des Auszugs aus Ägypten mit Abraham und Moses beginne.[2] Die Hiob-Erzählung untergrabe das umfangreiche Gesetzeswerk jenes Bundes, der auf der Grundlage einer Verfassung (des Dekalogs) errichtet wird und in dem alles Handeln Gottes Richtertum unterworfen ist. Die Treue zum mosaischen Gesetz mit seinen 613 Geboten, Verboten und Strafandrohungen werde erst danach zum Richtwert des Glaubens und der christlichen Moral. Das Buch Hiob dagegen folge den Weisheitslehren, die lange vor Moses und Abraham im Orient zirkulierten. Moral und Gerechtigkeit spielten in ihnen keine Rolle. Hiob sei außerhalb des Heilsversprechens und jenseits der im Neuen Bund geltenden moralischen Kodizes fromm, denn er wisse sich in der Hand eines universellen Gottes der Schöpfung, der auch die See- und Landmonster Leviathan und Behemoth beherrsche.

Keine Rede von Schuld! Hiob habe alles richtig gemacht, also schuldlos gelitten, und scheitere trotzdem.[3] Gottes Gerechtigkeit manifestiere sich im Kosmos – nicht aber im Menschenleben. Die Theodizee, die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Elends in der Welt, spiele im Fall von Hiob keine Rolle.

Am Ende seines Essays erinnert Jan Assmann an Primo Levis «Muselmann», ein nacktes Opfer im KZ als moderner Hiob.[4] Schuldlos sitzt er in der Asche und kratzt mit einer Scherbe seine Wunden. Hier wie dort, in der Hiob-Erzählung wie bei Levis «Muselmann», gehe es um die «abgründige Verborgenheit von Gottes Gerechtigkeit in der Menschenwelt».[5]

Am Abend des 21. September 2021 las ich in dem Buch «Die sieben Sprachen des Schweigens», wie eine Schlüsselstelle des Alten Testaments für Friedrich Christian Delius zur Schrecksekunde wird: «Es war mir», erzählt Delius, «als durchschaute ich plötzlich das Wesen des Christentums und seiner Gnadenlosigkeit: Abrahams Gott des Alten Testaments stoppt die Schlachtung des Sohnes im letzten Moment, der Christengottvater des Neuen Testaments aber opfert den Sohn, um damit angeblich die Menschen zu retten und gnädig zu erlösen, was für ein Rückschritt, was für ein Umweg.»[6] Hatten hier im «Zeitalter des Glaubens» von Moses und Abraham, das die Hiobsgeschichte rückgreifend unterwandert, schon Tendenzen zum Erhalt der Herrschaft Einzug gehalten, die ich später beim Großinquisitor wiederfand? Bei Abraham bestand die Prüfung in dem Befehl, seinen Sohn als Brandopfer darzubringen; Hiob dagegen musste zeigen, wie viel er aushalten kann, ohne sich von Gott loszusagen.[7]

Bei Delius geht der Schrecken zwar in kompliziertere Reflexionen über, aber zu sehen, wie er seine Erzählungen in Gedankensprüngen fortführt, durch Gedankenstriche voneinander getrennt, gab mir einen nächtlichen Impuls. So fing ich in den Tagen vor der Wahl zum Deutschen Bundestag an zu schreiben.

Teil IDer Großinquisitor im Fin de Siècle

Die Geschichte beginnt. Iwan Karamasow erfindet die Legende vom Großinquisitor

«Moralische Kommunikation ist nicht schwierig. Außer bei Dostojewski, was seine Werke ihrerseits schwierig, vieldeutig, gedankenschwer macht.»

Jürgen Kaube auf der Titelseite der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», 5. März 2022

Im April 1878 notiert Dostojewski ein «Memento» zu seinem Karamasow-Projekt: «Möchte erfahren, ob es möglich ist, auf den Schwellen unter einem Zug zu liegen, während dieser in voller Fahrt über ihn hinwegfährt. – Nachfragen, die Frau des Verurteilten in der Verbannung (katorga), sie möchte gleich eine Ehe mit einem anderen eingehen – Ob der Idiot das Recht erhält, eine so große Menge angenommener Kinder zu halten, eine Schule hat usw. – Nachfragen über Kinderarbeit in den Fabriken. Über Gymnasien, das Leben in den Gymnasien. – Darüber Recherchen anstellen, ob ein junger Mann, Adliger oder Gutsbesitzer, viele Jahre als Novize im Kloster eingeschlossen sein darf …»[1]

Der flüchtige Blick in dieses Dokument zeugt vom schwindelerregenden Ausmaß des Unternehmens. Das Kapitel des Großinquisitors ist dagegen im Roman nur ein kleines Fragment. Die Ausgangssituation ist schnell umrissen: Die beiden Brüder Iwan, der Zyniker, und Aljoscha, der tiefgläubige Mönch, treffen sich in einem Gasthaus. Iwan zögert: Soll er seinem frommen Bruder die Geschichte vom Großinquisitor erzählen? «Ich bin ganz Ohr», sagt Aljoscha. «Mein Poem heißt ‹Der Großinquisitor›», beginnt Iwan also, «es ist absurd …»[2]

Die Absurdität seiner Geschichte rechtfertigt Iwan mit der langen Tradition christlicher Legenden, in denen Heilige durch die Hölle getrieben werden. Eine der Legenden mit einer «höchst bemerkenswerten Kategorie von Sündern in einem brennenden See» verstört besonders: «Wer in diesen See so tief versinkt, dass er nicht mehr an die Oberfläche auftauchen kann, der ‹ist schon von Gott vergessen›.» Ein «Ausdruck von außerordentlicher Tiefe und Kraft», bemerkt Iwan sarkastisch, denn er glaubt, dass Gott auch ihn vergessen hat.[3] Aber ebendiese «Gnadenlosigkeit» Gottes ist es, die ihn als Atheisten immer noch maßlos erregt.

Seine Geschichte unterscheidet sich von diesen Legenden nicht durch ihre Grausamkeit, sondern durch eine neue Konstellation: «ER», der Heiland selbst, erscheint auf der historischen Bühne des 16. Jahrhunderts. Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, seitdem Er seine Wiederkehr verheißen hat. Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger sein: Wunderheilungen stoßen auf allgemeine Skepsis, und «der Teufel schläft nicht».[4] Der Schauplatz ist das spanische Sevilla, auf dem Höhepunkt der Inquisition. Mit seinem «unermesslichen Mitleid» verlangt es Ihn, «wenigstens für einen Augenblick Seine Kinder zu besuchen, und zwar gerade dort, wo die Scheiterhaufen mit den Häretikern prasselten».[5] Am Vorabend sind bei einem prunkvollen Autodafé in Gegenwart des Königs, seines Hofes, der Ritter, der Kardinäle, der «entzückendsten Hofdamen» sowie des Kardinal-Großinquisitors «beinah ein volles Hundert Häretiker auf einmal ad majorem Dei gloriam verbrannt worden».[6]

Die noch immer um die Scheiterhaufen Versammelten erkennen Ihn, der mit stummem Lächeln durch die Menge schreitet. Die «Sonne der Liebe» scheint in Seinem Herzen, von der Berührung Seiner Gewänder geht heilende Kraft aus. Da kommt der Großinquisitor über den Platz vor der Kathedrale, «ein Greis von bald neunzig Jahren, hochgewachsen, aufrecht, mit ausgemergeltem Gesicht und tief eingesunkenen Augen, in denen aber immer noch ein heller Funke glimmt. Oh, er hat nicht seine prunkvollen Kardinalsgewänder angelegt, in denen er gestern vor das Volk trat, als die Feinde des römischen Glaubens verbrannt wurden – nein, jetzt trägt er seine alte grobe Mönchskutte.»[7] Er sieht Ihn, sein Gesicht verfinstert sich, und er befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. «Und siehe, so groß ist seine Gewalt und so abgerichtet, gehorsam und ihm ergeben ist das Volk, daß die Menge sich sofort vor den Wachen teilt, und in der plötzlich eingetretenen Totenstille legen sie ungehindert Hand an Ihn.»[8] Ohne Widerstand der Menge wird Er abgeführt und in ein Verlies gebracht.

Der Tag vergeht, die Nacht bricht an, der Großinquisitor tritt ein, das Verhör beginnt: «Warum bist du gekommen, uns zu stören?», fragt er und kündigt an, Ihn morgen als den schlimmsten aller Häretiker auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.[9] Jesus habe kein Recht, «die Ordnung zu stören», die die römisch-katholische Kirche in über tausend Jahren errichtet habe. Die Kirche habe die Freiheit besiegt, um die Menschen glücklich zu machen. Denn der Mensch sei zwar zum «Rebellen» der Freiheit geschaffen, sie führe ihn aber nur ins Unglück. Nie habe es etwas Unerträglicheres für die Menschen gegeben als die Freiheit. Sie seien alle lasterhaft und müssten den Gehorsam erst lernen; der Betrug des Heilsversprechens helfe ihnen, sich den strengen Gesetzen der Kirche zu unterwerfen, zur Ruhe zu kommen und das Rätselhafte und Schwankende und überhaupt alles, was Jesus versprochen habe, obwohl es über die Kräfte der Menschen gehe, zu vergessen. «Kraftlose Rebellen» habe Jesu Botschaft erzeugt, Rebellen, «die ihre eigene Rebellion nicht aushalten können», zerrissene Kreaturen, die einer starken Macht bedürften, die Geheimnis und Autorität zugleich verkörpere.[10] Die Kinder, die sich seiner Tugendlehre anschlossen, hätten in der Geschichte immer ein blutiges Ende gefunden. Darum habe die Kirche die Lehre Jesu korrigiert, indem sie ihre Macht «auf Wunder, Geheimnis und Autorität» gegründet habe. «Und die Menschen haben sich gefreut, daß sie wieder geführt wurden wie eine Herde.»[11]

Ein inzwischen schon langer Monolog über Macht und Moral, Jesus schweigt. Warum ist Er also gekommen, und schlimmer noch: Warum schaut Er ihn, den Großinquisitor, stumm und eindringlich mit seinen sanften Augen an?[12] (Eine klassische Situation der Psychoanalyse? Der Therapeut hört zu, der Patient macht aus seinem Herzen eine Mördergrube? Wir werden es nicht erfahren.)

Ob er, der Großinquisitor, Ihm das Geheimnis der römisch-katholischen Kirche offenbaren solle? «So höre denn: Seit langem schon sind wir nicht mit Dir, sondern mit Ihm im Bunde.»[13] Der Teufel, der «furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins», ist der Souffleur.[14] «Wir nahmen aus Seiner Hand Rom und das Schwert der Cäsaren …»[15]Ihm also, dem Antichrist, sei man gefolgt. Auf seinem Tier (dem Leviathan?) säßen sie wie die Cäsaren. Während die Hörigen der Freiheit nur immer tiefer in «Abgründe der Sklaverei und Verwirrung» versänken und ihre Wissenschaft in ein undurchdringliches Dickicht münde, nichts als Selbstausrottung verheiße, und den Ärmsten nichts bleibe, als ihr Scharlachgewand zu zerreißen und ihren «eklen Leib» zu entblößen.[16] (Wie Hiob? Das Buch Hiob hatte Dostojewski in jungen Jahren in eine «schmerzhafte Ekstase» versetzt.[17])

Er, der Befehlshaber der Inquisition, habe sich entschlossen, die Lehre der Bergpredigt, die nur zu einer Kultur der «Pygmäen» anleite, zu korrigieren. «Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, das ist sein ganzes Geheimnis.»[18] Bis zu diesem Punkt kann man dem Traktat des Großinquisitors mit den Versen von Brecht Gewicht verleihen: «Wenn ich mit dir rede / Kalt und allgemein / Mit den trockensten Wörtern / Ohne dich anzublicken … So rede ich doch nur / Wie die Wirklichkeit selber …»[19]

In der Folge wendet sich der Großinquisitor – nicht nur ein Ingenieur der Gewalt, sondern ein sehr belesener Dämon, der sich in den Heiligen Schriften der Evangelien blendend auskennt[20] – der Auslegung des Disputs zwischen Jesus und dem Teufel in der Wüste zu (Mt 4,1–11 EU). Er wirft Jesus vor allem vor, das Wunder der Brotvermehrung unterlassen zu haben. Darauf legt er (im Gegensatz zu den Evangelisten, für die alle drei Verführungen Satans – aus Steinen Brot zu machen, Gott zu versuchen, indem Jesus sich von einem Berg herabstürzen würde, schließlich die angebotene Macht – gleich schwer wiegen) das Hauptgewicht seines Arguments. Hätte Jesus Wunder vollbracht, hätten die Menschen nicht glauben müssen, sondern wissen können. Hätte er auf die drei Verführungen im Sinne Satans positiv reagiert, wären sie von der Seelenqual der freien Wahl befreit gewesen. «Denn wo ist das Freiheit, dachtest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebe. Weißt Du aber, daß im Namen eben dieses Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen und Dich besiegen wird?»[21] Auch vom Kreuz sei er nicht vor aller Augen herabgestiegen, um durch dieses Wunder die Massen direkt zu überzeugen.

Die Kirche habe dagegen den schwachen Menschen ein Geheimnis gegeben, dem sie sich blind unterordnen könnten. Sie habe die Lehre auf strikte Autorität gegründet – und damit die Menschen von der Verantwortung freier Willensentscheidung entlastet. Ordnung sei ein Elementarbedürfnis der Massen. Und nur der Teufel könne «erträgliche Ordnung in das Leben schwächlicher Rebellen bringen».[22] Das Brot, das man verteile, habe man denen weggenommen, an die es zur Freude der Armen danach wieder verteilt werde. Es komme darauf an, dass an der Spitze ein Imperator stehe, in dem sich «die Grundidee Roms mit all seinen Armeen und Jesuiten» kristallisiere.[23] Die Kirche mache alle Menschen glücklich, nur sie selber sei «im Unglück», die Sünde auf sich genommen zu haben, um das Geheimnis des satanischen Bundes zu bewahren. Es sei nur konsequent, dass Jesus verbrannt werde: «Schon am morgigen Tage wirst Du sehen, wie diese gehorsame Herde auf meinen ersten Wink hinzustürzen wird, um glühende Kohlen an Deinen Scheiterhaufen heranzuscharren … dafür, dass Du gekommen bist, uns zu stören.»[24]

Der Großinquisitor wartet auf eine Antwort von Jesus. Der aber nähert sich plötzlich dem alten Mann und küsst ihn still auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist seine ganze Antwort. Der Greis erschauert, in seinen Mundwinkeln zuckt es; er geht zur Tür und schließt sie auf und sagt zu Ihm: «Geh und komme nicht wieder … Komme nie mehr wieder … Niemals, niemals!» – worauf er die Kerkertür öffnet und den Gefangenen hinaus auf die dunklen Plätze der Stadt entlässt.[25]

Die Eloquenz des Kardinals kaschiert die Sprachlosigkeit seiner tödlichen Maßnahmen. Sein Monolog ist kein Sprechen, das Menschen in ihrer Verlassenheit erreicht. Der Eiserne ist dialogunfähig. Der Kuss zeigt einen Jesus, der sich auf die Kraft seiner Sprachlosigkeit zu verlassen scheint. Die schlichte Geste trifft den Kardinal-Großinquisitor wie ein Giftpfeil ins Herz, wenn seine Panzerung überhaupt durchbrochen werden kann. Sein Monolog ist, wie der Kirchenrechtsgelehrte Konrad Onasch aus Halle in Zeiten der DDR befand, der Ausdruck eines «rettungslos ideologisch kasernierten Ichs» in der «Abgestorbenheit seiner hierarchischen Klausur».[26] Ist das Zucken in den Mundwinkeln eine Schwundstufe dessen, was man als Zeichen eines von Gott und Welt verlassenen unglücklichen Bewusstseins begreifen könnte?[27] Der protestantische Theologe Karl Barth hielt die Legende für den Ausdruck eines «satanischen Atheismus», dennoch wollte er im Kuss auf die Lippen des Großinquisitors eine Rettung auch der Kirche erkennen, da in ihm das nur «von Gott selbst begründete Erbarmen, das alles Denken übersteigt», als Hoffnung aufblinke.[28]

Steht die Hermeneutik der Rettung eines Resthumanen im Tyrannen nicht auf verlorenem Posten? Nichts liegt dem Tyrannen ferner als der Dialog, das Medium, in dem Dostojewski die Humanität seines Christus verbürgt glaubte.

«Das ganze Unglück Europas kommt daher», hatte Dostojewski in einem Brief am 9. Oktober 1870 geschrieben, dass die «römische Kirche Christus verlor und sich dann entschied, auch ohne Christus auszukommen.»[29] Die Legende[30] ist das Experimentierfeld, auf dem er diesen Gedanken durchspielt.

Politisch ist Iwan, der Erzähler der Legende, eine kompliziertere Natur als seine Brüder, eine Synthese aus zeitgenössischem Anarchismus, Atheismus, nihilistischen Anflügen und Ideen des Sozialismus. Er teilt die Sicht des Großinquisitors insofern, als er davon ausgeht, dass der Atheismus der katholischen Kirche den Weg für sozialistisches Gedankengut frei gemacht habe.[31] Er ist welterfahren genug, um einen Machthaber zu erfinden, der die Stellschrauben der Unterdrückung kennt. Er ahnt die Verführungskraft des Römers: Als Machthaber entlastet er die Menschen von ihrer Glaubensentscheidung.

Aljoscha, weder Fanatiker noch Mystiker, auch als Mönch ein «Realist», ein Menschenfreund, das heißt vom Keim der Rebellion nicht frei, zweifelt an Wahrheit und Wahrscheinlichkeit der Erzählung. Iwan entgegnet ihm, dass der Greis nur laut ausspreche, was er neunzig Jahre lang verschwiegen habe, Ironie sei nicht im Spiel. Aljoscha ist empört, dass sein Bruder im «Unsinn» der Erzählung nur die schlechtesten Elemente aus der Geschichte der katholischen Kirche zusammenfabuliert habe. Aber Iwan beharrt darauf, dass sich die Gläubigen nur aufgrund der Verstellungen des furchtbaren Geistes (des Antichrist) für glücklich halten. Der junge Mönch trauert; sein Bruder beruft sich auf die «Kraft der Karamasow’schen Gemeinheit» und den eigenen Hang zur Amoralität der Machtausübung, in der allen alles erlaubt sei. Immerhin steht im Roman das Rätsel eines unaufgeklärten Mordes im Raum, dessen Dimitri, der älteste der drei Brüder, verdächtigt wird. Es könnte jedoch auch Iwan gewesen sein. Schließlich stellt sich heraus, dass es der «Bastard»-Bruder Smerdjakow war, unehelicher Sohn des hedonistisch-brutalen Vaters.

Begegnen wir in Iwan und Aljoscha, dem Erzähler und dem Zuhörer in dieser Szene, eigenständigen «Subjekten»? Theodor W. Adorno zweifelte nach der Lektüre des Romans an der Identität der Charaktere. Mich selbst erstaunt das nicht; denn wer kann bei Adorno schon Identität beanspruchen? Eine Ausnahme immerhin macht er: Iwan habe zumindest «bei Mahler seine Musik gefunden», diese sei «seine wahre Sprache».[32] Das Fremdartige von Dostojewskis Gestalten rühre «von der Nicht-Identität des Ichs mit sich selbst her: keiner der Brüder Karamasow ist ein ‹Charakter›».[33] Sigmund Freud schlägt in die gleiche Kerbe, wenn er hervorhebt, dass es egal sei, wer von den Brüdern den Vatermord begangen habe.[34] Von der Kontrastfigur Aljoscha abgesehen, seien alle Brüder gleich schuldig: «der triebhafte Genussmensch» (Dimitri), der «skeptische Zyniker» (Iwan) und der «der epileptische Verbrecher» (Smerdjakow).[35]

Rudolf Steiner bemerkt in einem Vortrag am 13. Februar 1916: «Nun, nehmen Sie einmal die vier Brüder Dmitri, Iwan, Aljoscha Karamasow und Smerdjakow in Dostojewskis ‹Brüder Karamasow›. Sie haben in diesen vier Brüdern Karamasow, wenn Sie mit seelischem Auge sehen können, wirklich vier Typen, die Sie nur verstehen können in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zusammengetragen sind, so daß man weiß: Da trägt ein Strom des Karma vier Brüder in die Welt herein so, daß sie Söhne sein müssen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfigsten Milieus, der diese vier Brüder zu seinen Söhnen hat. Da werden sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma auswählen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so daß man sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen, wenn man weiß: In dem einen überwiegt das Ich, in Dmitri Karamasow; in einem zweiten überwiegt der astralische Leib, in Aljoscha Karamasow; bei dem dritten überwiegt der Ätherleib, in Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, überwiegt ganz der physische Leib.»[36] Aus den verschiedenen Gesichtswinkeln geben die Brüder ein ganzes Panorama von Temperamenten her; sie bilden ein Portal für Steiners Esoterik.

Die Brüder können ungleicher nicht sein. Aber alle – außer Aljoscha – wissen um das Böse, das in den Tiefen ihrer Psyche schläft und auf seinen Auftritt wartet.

Beim Abschied, nachdem Iwan die Legende zu Ende erzählt hat, küsst Aljoscha seinen zynischen Bruder wortlos auf den Mund, was dieser spöttisch mit den Worten kommentiert: «Ein Plagiat!» Der kleine Bruder habe den Kuss aus der Erzählung des großen «geklaut».[37]

Gestalt und Diskursform des Großinquisitors werden in der Politischen Theorie und der Literatur des 20. Jahrhunderts Karriere machen. Ihm wird der Scharfsinn eines Realpolitikers zugeschrieben werden, während Christus den Menschen nur Leiden und Opfer abverlange.[38] Ein «Warmduscher», wie man heute sagen würde, der sich die Ohnmacht als moralisches Verdienst anrechne.

Schwarze Messen. Helena Blavatsky, die Sphinx der Theosophie, entdeckt die Legende für sich

«Welche bizarre Epoche. Gerade im Augenblick, wo der Positivismus mit vollen Backen bläst, erwacht der Mystizismus und die Narrheiten des Okkultismus beginnen.»

Joris-Karl Huysmans, «Tief unten»

Auf einem Foto aus dem Jahr 1889 schaut uns Helena Blavatsky, mal «Sphinx der Theosophie», mal «Sphinx der Esoterik» genannt, mit hypnotisierenden Augen an.[1] Am 7. September 1875 hatte die russische Weltreisende in New York beschlossen, eine Theosophische Gesellschaft zu gründen, die die mystischen Einsichten aller Weltreligionen in sich versammeln sollte. Was mag Blavatsky dazu bewogen haben, einige Monate nach dem Tod Dostojewskis, im November 1881, in ihrem Magazin «The Theosophist» die erste englische Übersetzung von Dostojewskis Legende «Der Großinquisitor» herauszubringen?[2]

Es war die Blütezeit des Okkultismus. Unter dem Eindruck dramatisch empfundener sozialer Umwälzungsprozesse (Binnenwanderungen im großen Stil, Massenauswanderungen, Verwertung der Arbeitskraft nach ökonomischen Konjunkturen etc.) breiteten sich Formen neuer Religiosität aus.[3] Die Bindekraft der Kirchen nahm ab, mit der «Entkirchlichung» des Glaubens[4] nahm die Anziehungskraft pantheistischer Vorstellungen zu, in denen Natur und Menschheit nur verschiedene Entwicklungsstufen des sich entfaltenden Göttlichen waren. In den modernen Formen der Zivilisation erblickte man die Präsenz des «Antichrist», dessen Schrecken der Finsternis als heilsgeschichtlich notwendig erachtet wurden, um den Weg zum Licht umso dringlicher erscheinen zu lassen. Allerorten sah man Rückgriffe auf asketische, naturrechtliche und messianische Religiosität.

Auch in Russland kam es zu diesem Orientierungswechsel, lebte die Sehnsucht nach einer völlig anderen, ekstatischen spirituellen Ordnung, die man im Byzantinischen, in den Ritualen der orthodoxen Kirche zu finden suchte.[5] Konnte die «dunkle Kraft», die von der Aufklärung bekämpft worden war, nicht zur Quelle neuer Lebensenergie werden? Die russischen Visionäre jenes «silbernen Zeitalters» der Jahrhundertwende, Wassili Rosanow, Wladimir Solowjow und Pawel Florenski, siedelten in unmittelbarer Nachbarschaft zur Okkultistin Helena Blavatsky.

In den Naturwissenschaften wurde belegt, dass das Bewusstsein stets nur einen Bruchteil der Wirklichkeit erfasst; Wilhelm Röntgen entdeckte die später nach ihm benannten Röntgenstrahlen, nun konnte man den Knochenbau unter der Muskulatur sehen; Heinrich Hertz übermittelte elektromagnetische Wellen von einem Sender zu einem Empfänger; Telegrafie und Telefon hielten Einzug in die Alltagswelt und übertrugen Text und körperlose Stimme ohne Zeitverlust an weit entfernte Orte.