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Was ist vom wirkmächtigen, bis in die Antike zurückreichenden Ideal einer stoischen Lebensführung heute noch geblieben? Ist in Zeiten zunehmender Extreme und Katastrophen ein ausgewogenes, auf Vermittlung bedachtes Leben überhaupt möglich, oder bleibt uns nur, den Verlust der Gelassenheit zu verzeichnen, den Absturz in die Unversöhnlichkeit, in gleichgültige, lähmende Vereinzelung? In einer faszinierenden Tour de Force beschreibt Helmut Lethen die Suche nach Möglichkeiten der Gelassenheit, von der Kältewelt des Barock bis zu den Kriegen der Gegenwart, zeigt dabei aber auch, wie stoische Prinzipien Schiffbruch erlitten haben und die Parole «Du musst dein Leben führen!» heute kaum mehr eine Chance hat. Die Forderung nach «Wehrtüchtigkeit» trifft auf Körper, die dazu nicht taugen. Die Spannung von Empathie und sachlicher Distanzierung überfordert die Menschen schon vor dem Fernseher. Wie ist eine Lebenspraxis des Ausgleichs heute möglich? Immer wieder kehrt Helmut Lethen dabei zu eigenen Erfahrungen und Beobachtungen unserer Gegenwart zurück – was diesen eindringlichen, gedankenfunkelnden Essay nicht zuletzt zu einem sehr persönlichen Lebensbuch macht.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2025
Helmut Lethen
Versuche der Lebensführung
Was ist vom wirkmächtigen, bis in die Antike zurückreichenden Ideal einer stoischen Lebensführung heute noch geblieben? Ist in Zeiten zunehmender Extreme und Katastrophen ein ausgewogenes, auf Vermittlung bedachtes Leben überhaupt möglich, oder bleibt uns nur, den Verlust der Gelassenheit zu verzeichnen, den Absturz in die Unversöhnlichkeit, in gleichgültige, lähmende Vereinzelung?
In einer faszinierenden Tour de Force beschreibt Helmut Lethen die Suche nach Möglichkeiten der Gelassenheit, von der Kältewelt des Barocks bis zu den Kriegen der Gegenwart, zeigt dabei aber auch, wie stoische Prinzipien Schiffbruch erlitten haben und die Parole «Du musst dein Leben führen!» heute kaum mehr eine Chance hat. Die Forderung nach «Wehrtüchtigkeit» trifft auf Körper, die dazu nicht taugen. Die Spannung von Empathie und sachlicher Distanzierung überfordert die Menschen schon vor dem Fernseher. Wie ist eine Lebenspraxis des Ausgleichs heute möglich? Immer wieder kehrt Helmut Lethen dabei zu eigenen Erfahrungen und Beobachtungen unserer Gegenwart zurück – was diesen eindringlichen, schillernden Essay nicht zuletzt zu einem sehr persönlichen Lebensbuch macht.
Helmut Lethen, geboren 1939, lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Buch «Verhaltenslehren der Kälte» (1994) gilt als Standardwerk, «Der Schatten des Fotografen» (2014) wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die vielbeachtete Autobiographie «Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug» (2020) und «Der Sommer des Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen» (2022), eine «gedankenfunkelnde Darstellung», wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2025
Copyright © 2025 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Zitat S. 9: Herman Melville, Moby-Dick; oder: Der Wal, übersetzt von Friedhelm Rathjen, Salzburg/Wien 2016
Covergestaltung Frank Ortmann
Coverabbildung Himalaya,1945. Gemälde von Nicholas Roerich
ISBN 978-3-644-02450-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Ein achtzehnjähriger Mann mit langen Haaren steht zu Beginn seiner Reise unbeweglich neben dem Steuerrad des Dampfers, der ihn Mitte des 19. Jahrhunderts in eine noch unbekannte Versuchsanordnung von Trennung, Karriere, Liebe und Ökonomie bringt. Um ihn herum herrscht das Chaos eines ordentlichen Abschieds: «Atemlos kamen Reisende angerannt. Stückfässer, Taurollen und Wäschekörbe sperrten den Weg; die Matrosen gaben keinem Menschen Antwort, alles drängte und hastete. Die Gepäckstücke türmten sich zwischen den Radkasten, und der Lärm verlor sich im Zischen des Dampfes, der durch die Blechbeschläge ausströmte und alles in weißliche Dunstwolken hüllte; indes läutete vorn am Bug die Glocke unablässig und gellend. Endlich fuhr der Dampfer ab.»[1] Frédéric, so der Name des jungen Mannes, hatte kurz zuvor seine Reifeprüfung abgelegt. Nun bringt ihn das Schiff in eine Stadt, in der er vor dem Beginn seines Rechtsstudiums zwei Monate verbringen will.
Mit diesem Aufbruch zu Flauberts «Éducation sentimentale», den «Lehrjahren des Herzens», beginnt eine Reise durchs Räderwerk der Erotik, Geldwirtschaft und Politik. Eines steht von Beginn der Geschichte seines Helden an fest: Er befindet sich vom Anfang bis zum Ende «neben dem Steuerrad». Geschichte, auch die seine, ist unverfügbar, wenngleich ihm alle Welt (und vor allem die Mutter) zuruft: Du musst dein Leben führen! Flaubert lässt seinen Helden in einem Meer «naturgetreu» verzeichneter «Fakten» des Gesellschaftslebens versinken; Frédéric spürt, dass die Gesellschaft einen «nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit» besitzt,[2] was ihn selber anstachelt, eine stoische Haltung einzunehmen: «Vor der Rue Fromanteau lagen haufenweise Soldatenleichen auf Stroh. Sie gingen kaltblütig und ungerührt an ihnen vorbei und waren sogar stolz auf das Gefühl, daß sie eine gute Haltung wahrten.»[3]
Den Tumult der Revolution von 1848 erlebt Frédéric als Aufstand, der von unsichtbarer Hand gelenkt ist.[4] Während die Anführer der Revolte nach einem heroischen Vorbild schielen, Saint-Just, Danton oder Marat «kopieren» oder sich Blanqui, einen Aufständischen von 1830, zum Vorbild nehmen, der wiederum Robespierre nachahmt, macht er ihr Maskenspiel nicht mit. In «allgemein grassierendem Wahnsinn»[5] bleibt er ein relativ kühler Beobachter der heißblütigen Revolutionäre. «Gut riechen sie nicht, die Helden»,[6] wird mit physiologisch geschulter Wahrnehmung festgestellt.
Im Gegensatz zu den in ihren Masken markanten Männern sind Flauberts Frauenfiguren vom Fluidum physiologischer Fülle, von Verletzbarkeit und dem Leiden am Mangel an sexueller Nähe umhüllt. So die kleine Louise, die, wie einer der ersten Leser des Romans, Edmond de Goncourt, schreibt, «die Liebkosung beneidet, die die Fische überall fühlen, schweinischer und kindlicher kann man nicht sinnlich sein».[7] Frédéric weiß das, und Flaubert lässt ihn den Wahnsinn erotischer Leidenschaft spüren, wenn er dieser Passion auch keine Dauer einräumt: «Und wie dürres Laub, das ein Sturmwind von dannen trägt, verflog seine Liebe. Er war darüber erleichtert, empfand eine stoische Freude und hernach einen heftigen Tatendrang. Und so ging er, immer der Nase nach, durch die Straßen.»[8] So scheint er sich in seiner Gangart einzupendeln, ohne je zur Balance zu finden. Zumindest macht er in Situationen des Unglücks in der Liebe das Beste daraus. Er empfindet im Absturz «stoische Freude» – «stoisch», weil der Schmerz der Trennung ausgehalten werden soll, «Freude» wie ein Turner am Reck, der hofft oder sich aus Erfahrung auf die Gewissheit verlässt, im Abschwung Energien für den Aufschwung zu gewinnen.
Die stoische Gangart hält er durch, bis für ihn alle möglichen ökonomischen und politischen Einstellungen nach der 48er Revolution sowie seine erotischen Bande mit vier Frauen diskreditiert sind, bis er als «kleinbürgerlich» mittelmäßiges Ding unter Dingen ohne seine unsterblich Geliebte weiterlebt und sich auf der letzten Seite mit seinem Jugendfreund über gemeinsame Erlebnisse mit Prostituierten amüsiert. Den Kompagnons auf seiner Tour war es ähnlich ergangen. Sein Malerfreund Pellerin hatte «nacheinander dem Fourierismus angehangen, sich mit Homöopathie, mit Tischrücken, der gotischen Kunst und der menschheitsbeglückenden Malerei abgegeben und war zuletzt Photograph geworden. Jetzt sah man ihn an allen Hauswänden in ganz Paris angeschlagen, im schwarzen Frack und mit einem winzigen Körper und einem übermäßig großen Kopf.»[9]
Fotografien sind zuletzt die «Fakten», vor denen Künstler im 19. Jahrhundert zu kapitulieren drohen. Und Frédéric? Er hat nichts gelernt. «Und das war alles», heißt es lakonisch gegen Ende.[10] Nichts, was er gesehen hatte, konnte ihn verändern – nichts, bis auf eines, wie die Flaubert-Übersetzerin Elisabeth Edl treffend formuliert: «die Zeit, das unaufhaltsame Vergehen der Zeit. Seine einzige Triebkraft war tatsächlich der Kalender.»[11]
Flaubert führt uns eine stoische Gangart im 19. Jahrhundert vor. Was ist aus ihr im 20. und 21. Jahrhundert geworden? Der Ruf der Mutter, das Leben in die Hand zu nehmen, verfehlt den Adressaten, der von Zufällen weniger geführt als mitgeschleift wird. Am «nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit der Gesellschaft», den Flaubert feststellt, herrscht in der Gegenwart kein Mangel.
Vor sechzehn Jahren hatte ich in der «Suche nach dem Handorakel» über meine Situation in den sechziger Jahren noch geschrieben: «Die historische Konstellation hat mehr aus uns herausgeholt, als drin war.»[1] Damals war mir anscheinend klar, worin die «historische Konstellation» bestand. Heute weiß ich es nicht mehr. Ich empfinde nur, dass die Zukunft leer und drohend auf uns zukommt. Wir leben in einem Raum, in dem politische Paradoxe Handlungslähmung bewirken und Handlungslähmungen Paradoxe plausibel erscheinen lassen.
Schwer, eine Mitte zu finden. Die Erfindung einer Mitte wäre die Lösung des Rätsels, wie man heute noch Stoiker sein könnte.[2] So verbindet sich für mich die Erfahrung des Gleichgewichtsverlusts mit einem so brisanten wie lähmenden geopolitischen Problem, das mir eine Fernsehnacht vergegenwärtigte. Vom 7. auf den 8. Oktober 2024, am Jahrestag des Angriffs auf Israel, sendet ORF III drei Dokumentarfilme. Der erste zeigt die Konstruktion des Staates Israel in den, wie es heißt, «zynischen» Machinationen des britischen Mandatsträgers, der USA, der amerikanischen Zionisten und der Waffenlieferungen der Sowjetunion. Der Film endet mit dem schrecklichen Satz: Die «Asche des Holocaust» sei nicht der geringste Faktor im Machtspiel der Staatsgründung gewesen.
Der zweite Film konzentriert sich auf den Überfall der Hamas auf das Musikfestival und einige Kibbuzim im Grenzgebiet Israels am 7. Oktober 2023. Entsetzlich die Videoaufnahmen, in denen die Mörderbanden der Welt ihre Tötungslust zur Schau stellten. Und als Leitmotiv die zu Herzen gehende Tragik eines Liebespaares im Keller eines Kibbuz, und schließlich der Seufzer eines der Überfallenen, der sich zuvor für ein friedliches Zusammenleben mit Palästinensern ausgesprochen hatte, seine Neigung zum Mitleid mit den Menschen im Gazastreifen sei gestorben.
Der dritte Film zeigt einen Blick auf die Zerstörungen in Gaza und im Libanon. Jetzt herrscht weniger individuelle Tragik als die große Zahl von bis zu diesem Zeitpunkt, wie der Film berichtet, Zehntausenden Opfern. Große Zahlen bilden den Sargdeckel der Empathie und werden in der Regel als statistisches Zwischenergebnis dem Feindbild hinzugefügt. Tragik spielt in der Statistik keine Rolle. Man sieht in Gaza Flüchtende, die man zu Fluchtorten dirigiert, an denen sie wiederum bombardiert werden. Und die verzweifelte Stimme von Besonnenen beider Seiten, die nicht wissen, wie die «Tötungsspirale» jemals enden könnte.
«Hochkultur beginnt damit, daß Menschen lernen, quasi nach Belieben Empathie auszuschalten und wiederanzuschalten», vermutete einmal Peter Sloterdijk. Der Wechsel zwischen Mitleid und Gefühlskälte, den Kriminalpsychologen als Merkmal von psychopathischen Persönlichkeiten hervorkehrten, sei jeder höheren Zivilisation inhärent. «Die hochkulturellen Individuen haben am Kippschalter ihres Weltzugangs die Wahl zwischen den Positionen ‹Empathie ein› – im Umgang mit Freunden, Landsleuten und Glaubensgenossen – und ‹Empathie aus›, wenn es um Barbaren, Feinde und Andersgläubige geht.»[3] In dieser Fernsehnacht zitterte die Nadel des Mitgefühls mit der einen und der anderen Seite der gequälten Bevölkerungen in einer Mitte, die keine klare politische Entscheidung zuließ.
Die Dokumentarnacht im ORF war ein bemerkenswerter Objektivitätsversuch, vielleicht selbstquälerisch, vielleicht ein Kompromiss unterschiedlicher Fraktionen in der Redaktion des Senders, der nur für einen Moment aufrechterhalten bleiben konnte und schnell verfiel. Wer weiß? Fluchtorte der Mitte erzeugen beim Betrachter vor dem Fernseher wahrscheinlich nur Gleich-Gültigkeit. Soll man seine Unentschiedenheit «stoisch» nennen, oder ist sie nur ein Zeichen existenzieller Müdigkeit, angesichts der immer heftiger auf ihn anstürmenden Extreme der Geopolitik?
Vierzehn Tage nach der deprimierenden Fernsehnacht kommt mir ein Film in den Sinn, der im Zeichen der Objektivität meine Mitfühlkapazität ähnlich in die Mangel genommen hat. Ein Albtraum. Im Rahmen einer Reihe zur Filmmusik von Ennio Morricone zeigte das Wiener Filmmuseum Gillo Pontecorvos «Schlacht um Algier» aus dem Jahr 1966, den ich zusammen mit Michael Rohrwasser sah. Szenen aus dem algerischen Unabhängigkeitskrieg 1954 bis 1962. Man ist Zeuge von Mord und Folter, mit denen die französische Kolonialmacht 1957 die algerische Befreiungsfront FLN, die auch keine Scheu vor terroristischen Anschlägen erkennen lässt, in der Altstadt Kasbah bekämpft. Die erschütternde Schlüsselszene: Man sieht drei sehr hübsche Algerierinnen, die sich aufwendig schminken und Perücken überziehen. Durch einige lockere kosmetische Adaptionen versuchen sie, das Aussehen mondäner französischer Damen anzunehmen – was ihnen offenbar gelingt, denn sie fallen im französisch dominierten Straßenbild nicht weiter auf. Ihre Wege trennen sich, und sie gesellen sich in Cafés und Restaurants zu sich vergnügenden Familien und Einzeltrinkern. Dort deponieren sie, bevor sie, den Gästen liebevoll zulächelnd, die Vergnügungszentren der Geselligkeit wieder verlassen, unter den Tischen unauffällig ihre Einkaufskörbchen. Wenig später detonieren die darin transportierten Granaten.
Warum spielte sich mein Versuch, extrem entfernte Mitleid-Situationen zu verstehen, zur Nachtzeit vor dem Fernseher ab? Weil wir von dem Traum, in der «Öffentlichkeit» freie Atemluft vorzufinden, in der wir das Gleichgewicht von Empathie und Sachlichkeit gewinnen könnten, heute weiter entfernt sind, als es sich Alexander Kluge und Oskar Negt vor einem halben Jahrhundert erhofft hatten.[4] Dass Öffentlichkeit Gleichgewicht bildet – das war der fast utopische Gedanke von Negt und Kluge. Was trennt uns heute davon, tiefgreifender als früher?
Meine eigentümliche Reise mit der Stoa in leichtem Handgepäck gipfelte 1994 mit einem Buch über «Lebensversuche zwischen den Kriegen». Damals fand ich in der heillosen Geschichte der ersten deutschen Republik ein mentales Ordnungsschema, das in unterschiedlichen politischen Strömungen wirksam war, und nannte es «Verhaltenslehren der Kälte». Ich begriff sie als Anweisungen zu stoischem Verhalten und Denken, mit denen man die damaligen Lebensversuche angehen wollte.
Heute springt ins Auge, dass die ungeheuren linken Textmassen der sechziger und siebziger Jahre mit ihren Adaptionen des marxistischen und psychoanalytischen Vokabulars von Wilhelm Reich, Karl Marx, Antonio Gramsci, Karl Korsch, Herbert Marcuse und Max Horkheimer sowie die existenzialistische Verankerung des Terrors bei Sartre und Fanon – dass diese ganze brillant silberne oder getrübt dunkle Diskurssuppe, in der wir damals schwammen, in den «Verhaltenslehren» keinen Platz gefunden hat.[1] Die radikalen Lehren, die jetzt fehlten, waren auf politischen Umsturz gerichtet gewesen. Davon hatte ich mich, als ich das Buch 1989 bis 1993 in einer Plattenbausiedlung zwischen Utrecht und Amsterdam schrieb, abgewendet. War meine Anpassung eine Umsetzung des «Erfahrungshungers» (Michael Rutschky), den die Abstraktionen radikalen Denkens nie hatten stillen können?
Sicherlich war es ein «lagerübergreifender Enttäuschungsdiskurs», wie es damals in der «Frankfurter Rundschau» hieß.[2] Aber welche Erfahrung beginnt nicht mit Enttäuschung? Von den rebellischen Theorien blieb nur die Stimmung eines eher von Hegels Negativität geprägten Freiheitsraums der Kälte übrig. Ich begrenzte ihn auf kleinere Handlungsräume der Gesellschaft. Die Provokation der «Verhaltenslehren» bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine «Vulnerabilität», in die sich die Einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten. Mein Vorstoß gegen diese Empfindsamkeit trug durchaus unzeitgemäße Züge, weil ich zu Formen strategischen Verhaltens für Hofleute und Jesuiten im 17. Jahrhundert griff,[3] die von Schopenhauer und Nietzsche im 19. Jahrhundert aufgefrischt worden waren und deren Nutzen ich für die Gegenwart ausloten wollte. Man konnte ihnen Spielregeln der Distanz entnehmen, mit denen selbst auferlegte, erzwungene und verletzende Näheverhältnisse überwunden werden sollten. Es war ein Ratgeber für soziale Spielformen, mit denen sich die Menschen nahekommen konnten, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen konnten, ohne sich zu verletzen. Wer wollte diese Regeln nicht beherzigen? Ein Taschen-Machiavelli für den Hausgebrauch! Darin zeigte sich das Positive der «Kältelehre» als einer privaten Endmoräne der Stoa.
Die «Verhaltenslehren» standen unter dem Einfluss des «Handorakels», das aus den Schriften des Jesuiten Baltasar Gracián 1647 zusammengestellt worden war.[4] Bei Gracián geht es im Grunde darum, das Leben in eigener Regie zu führen und seine Hoffnungen nicht an Prozesse zu heften, die man nicht verändern kann. In den 1920er Jahren kursierte sein «Handorakel» in intellektuellen Kreisen sowohl des rechten wie des linken Lagers; sicherlich bildete ihre Amoralität den Reizstoff für die Intellektuellen. Dreihundert Maximen bietet das «Handorakel» als Anleitung für stoisches Verhalten an. Darunter die folgenden:[5]
«Sich zu entziehen wissen. Wenn eine große Lebensregel die ist, daß man zu verweigern verstehe, so folgt, daß es eine noch wichtigere ist, daß man sich selbst, sowohl den Geschäften als den Personen, zu verweigern wisse …»
«Nie aus der Fassung geraten. Ein großer Punkt der Klugheit, nie sich zu entrüsten. Es zeigt einen ganzen Mann von großem Herzen an: denn alles Große ist schwer zu bewegen …»
«Nicht abwarten, daß man eine untergehende Sonne sei. Es ist die Regel der Klugen, die Dinge zu verlassen, ehe sie uns verlassen …»
«Nie sich beklagen. Das Klagen schadet stets unserm Ansehn. Es dient leichter, der Leidenschaftlichkeit Anderer ein Beispiel der Verwegenheit an die Hand zu geben, als uns den Trost des Mitleids zu verschaffen …»
«Nichts setzt den Menschen mehr herab, als wenn er sehn läßt, daß er ein Mensch sei (…) Wie der zurückhaltende Mann für mehr als Mensch gehalten wird, so der leichtsinnige für weniger als Mensch …»
Neben Graciáns barocker Lehre distanzierten Verhaltens hat Helmuth Plessners «Grenzen der Gemeinschaft» aus dem Jahre 1924 mein Buch maßgeblich geprägt. Plessner ging von der Erfahrung aus, dass die Existenz des Menschen «nie im Gleichgewicht»[6] ist. Die Gesellschaft der Weimarer Republik war 1924 noch vom eben erst abebbenden Bürgerkrieg und von der Inflation erschüttert. Wie hätten sich die Einzelnen in dieser zerrütteten Phase stabilisieren können? Die politischen Fronten waren verworren, der Einzelne, der den Parteien misstraute, musste aus eigener Kraft einen Ausgleich zwischen Vertrauens- und Misstrauenssphären schaffen. Stark war nach Plessner, wer die «Spielregeln» der Balance (für ihn das einzige Sittengesetz der Gesellschaft) beherrscht.
Plessners Verhaltenslehre der Distanz war von der Sehnsucht diktiert, eine Elite der Gesellschaft in Formen der Höflichkeit und des Taktes, die auch in Sphären der Gewalt gewahrt werden sollten, zu erziehen. Wo sind diese (zuweilen martialischen, mitunter «coolen») Spielregeln stoischen Gleichgewichts heute zu haben? Ist die stoische Gangart im 21. Jahrhundert an ein Ende gekommen oder ganz gescheitert? War sie immer schon eher virtuell, eher in neobarocken Wunschbildern als in den Härten des politischen Konflikts oder gar des Klassenkampfes verankert? Vielleicht hat Peter Sloterdijk 2009 einen Abgesang auf die Versteinerungen stoischer Haltung antiker Herkunft angestimmt, als er schrieb: «Mochten die Stoiker der Antike ihr Leben dem Versuch gewidmet haben, durch stetiges Üben in sich die Statue aufzustellen, die in unsichtbarem Marmor ihr bestes Selbst herausarbeitete – die Modernen finden sich als fertige Trägheitsplastik vor und stellen sich im Identitäten-Park auf, gleich, ob sie den ethnischen Flügel wählen oder das individualistische Freigelände bevorzugen.»[7]
Während sich die «Verhaltenslehren der Kälte» noch an der Moralistik als einer strategischen Konsultation für Hofleute und großbürgerliche Individuen[8] mit ihren Regeln des aktiven Lebens orientierten, brennen mir heute die Abstürze der stoisch anmaßenden Seligkeit, das Leben auch in der Kälte der Entfremdung, der Hitze der sozialen Nachbarschaften, der Angst vor wirtschaftlichem Niedergang und schließlich in den lähmenden Paradoxien der großen Politik «führen» zu können, auf der Haut. Wo bleibt die Möglichkeit, ruhigen Bluts die politischen Lager zu inspizieren, beim «Feind» Kerne von Wahrheit zu entdecken, uns zum Ausgleich zu ermutigen?
Die Überlegungen zu den «stoischen Gangarten» können nicht mit Ratschlägen zur Lebenspraxis der Gelassenheit aufwarten. Sie folgen vielmehr der Beobachtung, dass im diffus bleibenden, in diesem Buch nirgendwo fix definierten Zeichen der Stoa in ihrem antiken Sinne nichts außer der Instruktion übrigbleibt, dass Emotionen den Stoiker nicht aus der Fassung bringen dürfen, dass das Unverfügbare hingenommen werden und wie dem römischen Kaiser Marc Aurel die «seelische Meeresstille» immer ein Ideal sein sollte.[9] Es ist kein glücklicher Zustand, sondern nur, wie Schopenhauer befand, «das gelassene Ertragen der Leiden, die man als unvermeidlich vorhergesehen hat» und die man wie eine Abhärtung gegen Wind und Wetter mit «melancholischer Ruhe» ertragen sollte.[10]
Bei deutschen Stoikern findet man selbst diese Haltung nur als schwaches Zeichen in der Niederlage. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges heißt es pessimistisch bei Gottfried Benn: «‹Überwachsen, nicht überwältigen› sagt Laotse, das ist die Stimmung der tiefsten Schicht; oder sein anderer Satz: ‹das Abwartende pflegen und das Auswirkenlassen des Seins›. Alles meint das Gleiche, reifsein ist alles. Wer stillsteht, auf den kommen die Dinge zu. Die Männer grosser äusserer Erfolge wie die Männer grosser innerer Erfahrung vereinen sich darin, ihren eigenen Willen zu überwachen und das Bereitwerden der Objekte zu empfinden.»[11] So also sah die deutsche Stoa in Zeiten der Niederlage aus – die surreale Komplizenschaft mit dem NS-Staat, die Benn für einige Monate im Jahre 1933/34 pflegte, lag im Dunkel vergangener Geschichte. Die furchtbaren Akteure des letzten Jahrzehnts sowie ihre passiv konservativen Beobachter, die alles zugelassen hatten, bereiten sich darauf vor, als Objekte anonymer Prozesse vorangetrieben oder liegengelassen zu werden. Schuldlos, versteht sich. Jetzt dürfen sie das «Sein» in Seelenruhe «auswirken» lassen. Ein Tiefpunkt der Stoa, wenn man diese Haltung damit noch bezeichnen kann.
Den Titel «Stoische Gangarten» hatte ich schnell gefunden, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen würde. Was die «Gangart» betrifft, folgte ich wieder der Attraktion von Bewegungs-Suggestionen, die die Literatur für mich enthält. Zugleich wollte ich an einen Satz aus Georg Büchners Drama «Dantons Tod» anknüpfen, den ich schon früher zitiert hatte, ohne ihn zu überprüfen. Als Danton in den Kerker eingeliefert wird, in dem er mit dem einstigen Kombattanten auf seine Hinrichtung warten soll, zeigt er sich entsetzt über die Zustände im Zwischenlager des Todes. Darauf ruft ihm Mercier, der ihn noch aus der revolutionären Phase seiner Grausamkeiten des Jahres 1792 kannte, zu: «Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.»[12] Diesem «Gang» fallen nicht nur die Parolen der Französischen Revolution oder jene von Lenin bis Mao zum Opfer. Seiner Logik unterliegen nicht nur viele Grundsätze der politischen Philosophie, sondern auch humanistische Losungen, mit denen bis heute alles imperial Machbare und selbst Militärinterventionen legitimiert werden.
Das Schicksal der «stoischen Gangarten» ist auch die Erzählung einer Enttäuschung. Wenn mich die Architektur des staatlichen Apparats der Gewalt, des «Leviathan» in rechter und linker Theorie früher fasziniert hat, so überlasse ich das große Tier jetzt der Gleichmütigkeit der Natur mit seinem Meeresungeheuer, das Melville in seinem «Moby-Dick» zeichnet: «Die Linien in seinem Gesicht nachzufahren oder die Buckel auf dem Kopf dieses Leviathans zu befühlen; dies ist eine Sache, welche kein Physiognom oder Phrenologe bislang unternommen. Ein solches Unterfangen schien beinah ebenso hoffnungslos wie für Lavater, die Runzeln am Felsen von Gibraltar auszuforschen.»[13] Dunkle Sätze, mit denen Melville mythisch die Staatstheorie von Hobbes’ «Leviathan» in ein Bestiarium übersetzt und die Kunst der Lebensführung, mit der Lavater als Physiognom unsere Orientierung durch Gesichtserkennung humanisieren wollte, an den Felsen Gibraltars zerschellen lässt.
Wenn sich bei diesem Gang hin und wieder Züge der Depression einstellen, rührt das vom Verlust der Fähigkeit, Verzweiflung in Melancholie (Lieblingsstimmung meiner Generation), Erschöpfung in Zorn und Selbstzweifel (Schwundstufe der Empörung) zu verwandeln.
Zufällige Ereignisse könnten die Wende des Denkens zur Schwermut hin verursacht haben; ein Kopfunglück und zwei Todesfälle.
Das erste war Gegenstand eines Briefes vom 10. Mai 2022:
Lieber Stephan,
sechs Stunden konnte ich das Kommunikationssystem auf der Intensivstation beobachten. Ali Mitgutsch hätte von den ca. vierzig blau und türkis bekittelten Wesen, die in ständigen Rudelbildungen ihre Maßnahmen berieten, ein Wimmelbild malen können. Aber der ist ja tot. Ich aber überlebte. Dienstag war ich bei meiner Zahnärztin kollabiert, die mich geistesgegenwärtig mit der Rettung in die neurologische Klinik Landstraße transportieren ließ. Dann fehlt mir ein halber Tag, man sagt, es sei dramatisch gewesen. Die Schädeldecke wurde aufgesägt, um das «subdurale Hämatom» zu entfernen. Die Ärzte halten es offenbar für ein mittleres Wunder, dass die OP keine neuronalen Schäden nach sich zog. So sitze ich kahlgeschoren, schwärme für die chinesische Pflegerin Ting und beginne zu leben, d.h. die lektorierten Teile des Buchs (vom Großinquisitor) zu überarbeiten.
Das zweite Ereignis war der Tod eines Freundes am 20. Juli 2023. Damals notierte ich:
Unter der Überschrift «Der Übervater» hätte ich die Nachricht vom Tod meines Freundes Hans-Thies Lehmann heute in der FAZ nicht erwartet. Wie unfair: Der Junge wurde nur siebenundsiebzig Jahre alt und starb im fernen Athen. Er war jünger als ich, und er war mein Lehrer. Er übersetzte die für mich schwer verständlichen neuen französischen Theorien, vor allem von Kristeva, Foucault und Deleuze, in die Sprache der Frankfurter Schule und inspirierte mich, die «Verhaltenslehren der Kälte» zu schreiben, indem er gegen Peter von Matts Essay «Brecht und der Kälteschock» und dessen Neigung zum Wärmepol mit Nietzsche die produktive Seite der Kälte betonte.
Am 20. Juli liegt sein Nachruf im Feuilleton der FAZ direkt neben einem sehr schönen Porträt von Ottilie Roederstein aus dem Jahr 1904, das mich an seine zweite Frau, die geniale Genia Schulz, erinnert, einem Artikel über das hautnahe Abbild von Beethovens Lebendmaske, das in London versteigert wird, Dietmar Daths Filmkritik eines «Horrorfilms über Geschlechterschrecken» und einem Gespräch mit dem Biologen Axel Meyer über Geschlechtsunterschiede bei Pflanzen und Tieren.
So lagert sein Nachleben zwischen diversen Texten, deren Aktualität vielleicht bald vergessen sein wird. Aber dem Vergessen konnte er mit Nietzsche etwas abgewinnen. Es sollte wie die Verdauung produktiv im Stoffwechsel des Lebens wirken.
Als ich ihn 1974 kennenlernte, waren «Texte» im Sinne von Peter Szondi (Thies berichtete von der verzweifelten Suche nach seinem Lehrer in den Wäldern, bis man Szondi im Halensee fand), war die Schrift letzte Instanz des Sinns; später hat er die Schauspieler ermutigt, aufzuhören, Zeichenträger zu sein. Jetzt sehe ich seine Fotografie, die dem Nachruf in der FAZ beigegeben ist, und habe wirklich nicht mehr als dieses Zeichen, nun hat sein Körper aufgehört, Zeichenträger zu sein, und ich höre noch die von Parkinson malträtierte Stimme, als er am IFK in Wien war. Auf dem Zeitungsfoto sind die Augen verschattet, das punctum rührt von seiner Stimme. Sie ist sanft und streift mich wie ein Pfeil. Oh, Thies, warum verrat ich Dich durchs Überleben? Dein Versuch der Lebensführung fand ein in längerem Leiden abgestuftes Ende. Du liebtest Unterbrechungen – im Theater, wo man sie als Vernunftperson ausbalancieren konnte. Du hast die diskursive Erkältung des Theaters nach Brecht mit Leib und Seele im Off-Theater durchgesetzt, während ich mir seine Wiederverzauberung wünschte. Jetzt umgibt Dich die fürchterliche Helligkeit des Nichts.
Mit dem absehbar-fernen Tod von Hans-Thies Lehmann und dem plötzlichen meines Freundes Heinz Dieter Kittsteiner vierzehn Jahre zuvor hatte ich meine beiden wichtigsten Lehrer verloren. Auch Kittsteiner war jünger als ich, aber beide waren sie so viel hellsichtiger als die Umwelt der Universitäten. Der so geniale, ruppig elegante wie archivbesessene Historiker Kitt, wie wir ihn nannten, überzeugte mich von der «Unverfügbarkeit der Geschichte» und verwies mich auf Tolstois «Krieg und Frieden», in dem den unberechenbaren Zügen des Schicksals ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Vielleicht hätte er in der stoischen Haltung immer schon einen untauglichen Versuch gesehen, dem Unsinn der Welt ins Gesicht zu schauen – um ihn zu verbergen. Er zitierte zwar gern Spenglers Geschichte von dem römischen Soldaten, der beim Ausbruch des Vesuvs Wache schob und den abzulösen man vergaß, der aber seinen Posten nicht verließ, sodass er, von glühender Lava übergossen, in der Haltung des Wachhabenden ausgegraben wurde.[1]
