Der Spieler und seine Frau - Bert Kellermann - E-Book

Der Spieler und seine Frau E-Book

Bert Kellermann

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Beschreibung

Das Manuskript wurde in der Absicht verfasst, aufklärend und eindringlich auf die Leidenschaft und Leiden der Glücksspielsucht aufmerksam zu machen. Zur Aufklärung gehören die ärztlichen Kommentare, zur Eindringlichkeit Zitate aus Dostojewskis Romanen und seinen langen (Bettel-)Briefen, aber vor allem die Auswahl der ausführlichen literarischen Aufzeichnungen von Anna, Dostojewskis Frau, in ihren „Lebenserinnerungen“ und ihrem „Tagebuch“. Diese Schrift ist kein akademisch-trockenes Werk – eher ein einfühlsamer dokumentierter Bericht über einen tragischen Zustand von tiefer Liebe und süchtiger Verlorenheit.

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Dr. med. Bert Kellermann wurde 1933 in Stettin/Pommern geboren. Nach seiner Schulzeit in Frankfurt am Main studierte er dort Medizin. Er spezialisierte sich am Hamburger Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll als Psychiater auf Sucht-Erkrankungen und arbeitete als Chefarzt, Gerichtsgutachter sowie Berater in Therapiezentren. Medizin- und gesellschaftspolitisch setzte er sich in mehreren Publikationen für die Anerkennung des nichtsubstanzgebundenen pathologischen Glücksspielens als Suchtform ein.

„Man musste sich damit abfinden,

die Spielsucht als eine Krankheit anzusehen,

gegen die es kein Mittel gibt.

Die einzige Methode des Kampfes ist – Flucht.“

Anna Dostojewskaja „Lebenserinnerungen“

Ärztlich kommentierte Auszüge aus ihren Tagebüchern und Briefen, bearbeitet von Paul Kellermann.

Inhalt

Vorwort

Das Anfängerglück im Roman „Der Spieler“

Glücksspielproblematik in den Romanen „Der Spieler“ und „Der Jüngling“

Etwas zur Geschichte des Glücksspiels

Das Anfängerglück von Dostojewski

Die lange Reise mit Polina

Der Reinfall von Wiesbaden

Die Reise mit Anna

Was ist überhaupt Glücksspielsucht?

Dostojewski im Casino Homburg

Beispiele für Glücksspielsucht aus der Praxis

Dostojewski und seine Frau in Baden-Baden

Der süchtige Glücksspieler und seine Familie

Die Zeit der Dostojewskis in der Schweiz

Der zweite Aufenthalt in Dresden

Zeit der Glücksspielfreiheit („Abstinenz“)

Was ist überhaupt Sucht?

War Dostojewski glücksspielsüchtig?

Psychosoziale Hintergrundproblematik bei Sucht

Parallele: Sucht und unglückliche Liebe

Rückblick

Nachwort – eine ärztliche Bilanz

Glücksspiel im heutigen Deutschland

Anhang

Quellen

Literatur

Vorwort

Das Manuskript wurde in der Absicht verfasst, aufklärend und eindringlich auf die Leidenschaft und Leiden der Glücksspielsucht aufmerksam zu machen. Zur Aufklärung gehören die ärztlichen Kommentare, zur Eindringlichkeit Zitate aus Dostojewskis Romanen und seinen langen (Bettel-)Briefen, aber vor allem die Auswahl der ausführlichen literarischen Aufzeichnungen von Anna, Dostojewskis Frau, in ihren „Lebenserinnerungen“ und ihrem „Tagebuch“. Diese Schrift ist kein akademischtrockenes Werk – eher ein einfühlsamer dokumentierter Bericht über einen tragischen Zustand von tiefer Liebe und süchtiger Verlorenheit.

P.K. 7.2.2016

Das Anfängerglück im Roman „Der Spieler“

Das typische Anfängerglück beim Glücksspiel wird von Dostojewski in seinem Roman „Der Spieler“ ausführlich und meisterhaft dargestellt und außerordentlich eindrucksvoll geschildert: Eine alte und vermögende russische Dame hat gleich bei ihrem allerersten Casinobesuch eine Glückssträhne und erzielt einen sagenhaften Gewinn. Dann jedoch verspielt sie bereits am folgenden Tag nicht nur ihren Riesengewinn, sondern auch ihr gesamtes Barvermögen. Dies ist wohl die bekannteste Szene aus dem Roman „Der Spieler“ – der Besuch der Großmutter, der „Bábuschka“, im Casino:

„Der Eintritt der Großmutter in den Spielsaal rief eine starke Wirkung im Publikum hervor. Um die Roulettespieltische und am andern Ende des Saales, (…) drängten sich vielleicht hundertfünfzig oder zweihundert Spieler in mehreren Reihen. (…) Die Croupiers wurden aufmerksam: ein so ungewöhnlicher Spieler schien tatsächlich etwas Außerordentliches zu versprechen. Dass eine gelähmte fünfundsiebzigjährige Frau zu spielen wünschte, geschah natürlich nicht alle Tage. Auch ich drängte mich an den Tisch heran und blieb neben der Großmutter stehen. (…) Die Großmutter sah anfangs nur den Spielern zu. Sie stellte mir halb flüsternd kurze, unvermittelte Fragen: ‚Wer ist das? Wer ist diese da?‘ (…) Ich erklärte der Großmutter so gut wie möglich, was diese zahlreichen Kombinationen der Einsätze bedeuten (…) Sie hörte mir aufmerksam zu, wiederholte einzelnes, fragte mich nach manchem zweimal und gab sich Mühe, es zu behalten. Für jedes System von Einsätzen konnte man sogleich schon auf Beispiele hinweisen, so dass das Erlernen und Behalten sehr leicht und rasch vor sich ging. Die Großmutter war sehr zufrieden. ‚Aber was bedeutet denn das „Zéro“? Siehst du, dieser Croupier mit dem Krauskopf, der Hauptcroupier, schrie soeben „Zéro“! Und weshalb hat er alles zusammengerafft, was auf dem Tisch lag? Einen solchen Haufen, alles nahm er sich! Was bedeutet denn das?‘

‚„Zéro“, Großmutter, bedeutet den Gewinn der Bank. Trifft die Kugel auf „Zéro“, so gehört alles, was gesetzt ward, einerlei, wie viel es ist, der Bank. Zwar gibt es noch ein Quittspiel, aber dafür zahlt die Bank nichts aus.‘ ‚Sieh mal an! Aber bekomme ich denn gar nichts?‘ ‚Nein, Großmutter, nur wenn Sie auf „Zéro“ gesetzt haben und „Zéro“ herauskommt, so zahlt man Ihnen das Fünfunddreißigfache aus.‘ ‚Wie, das Fünfunddreißigfache, und geschieht das häufig? Weshalb setzen denn die Dummköpfe nicht darauf?‘ ‚Es sind sechsunddreißig Chancen gegen eine, Großmutter.‘ ‚Was für ein Unsinn! (…) Warte, auch ich habe Geld – da ist es!‘ Sie holte eine volle Börse aus der Tasche und entnahm ihr einen Friedrichsdor. ‚Hier hast du, setze sogleich auf „Zéro“!‘ ‚Großmutter, „Zéro“ ist doch eben erst herausgekommen‘, widersprach ich, ‚demnach wird es lange nicht mehr herauskommen. Sie werden viel verlieren, warten Sie wenigstens noch etwas.‘ ‚Du lügst! Setze nur!‘ ‚Wie Sie wünschen, das wird aber vielleicht bis zum Abend gar nicht mehr herauskommen. Sie werden bis an Tausend verlieren, das ist schon vorgekommen.‘ ‚Unsinn! Unsinn! Wenn man den Wolf fürchtet, soll man nicht in den Wald gehen. Wie? Verloren? Setze noch einmal.‘

Auch der zweite Friedrichsdor war verloren. Ich setzte den dritten. Die Großmutter konnte kaum noch ruhig sitzen bleiben. Mit funkelnden Augen blickte sie unverwandt auf die Kugel, wie sie über die Scharten des sich drehenden Rades sprang. Auch der dritte Friedrichsdor war dahin. Die Großmutter geriet außer sich, sie vermochte sich gar nicht stillzuhalten und schlug sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier ausrief: ‚Trente-six‘, statt des erwarteten ‚Zéro‘. ‚Da soll doch gleich!‘ rief die Großmutter zornig. ‚Ja, wird denn bald dieses verfluchte Zérochen herauskommen! Ich will nicht leben bleiben, wenn nicht „Zéro“ herauskommt solange ich hier bin! Das tut dieses verfluchte krausköpfige Croupierchen absichtlich! Bei ihm wird niemals „Zéro“ herauskommen. Alexei Iwanowitsch, setze noch zwei Goldstücke auf einmal! Wenn man so viel verliert, dann hat man auch gar nichts davon, wenn endlich „Zéro“ herauskommt!‘ ‚Großmutter!‘ ‚Setze, setze nur! Das ist doch nicht dein Geld!‘ Ich setzte zwei Friedrichsdor. Lange flog die Kugel über das Rad hin. Endlich begann sie über die Scharten zu springen. Die Großmutter hielt den Atem an und drückte mir die Hand, und plötzlich: bautz! ‚Zéro‘! rief der Croupier. ‚Siehst du, siehst du!‘ triumphierte die Großmutter und wandte sich mir rasch zu, ganz strahlend vor Freude. ‚Ich habe es dir doch gesagt! Gott selber hat mir den Gedanken gegeben; zwei Goldstücke zu setzen! Wie viel werde ich jetzt bekommen? Warum zahlt man denn nicht aus?‘ (…) Man warf ihr eine in blaues Papier eingesiegelte schwere Rolle von fünfzig Friedrichsdor zu und zählte ihr noch zwanzig weitere so hin. Das alles schob ich ihr mit der Schaufel zu. (…)

‚Mein Gott! Wir haben uns verspätet! Sogleich wird man drehen! Setze doch, setze doch!‘ rief mir die Großmutter geschäftig zu. ‚Ja, so zögere doch nicht! Rasch!‘ Sie geriet ganz außer sich und stieß mich aus aller Kraft an. ‚Ja, worauf soll ich denn setzen, Großmutter?‘ ‚Auf Zéro, auf Zéro! Setze wieder auf Zéro! Setze möglichst viel! Wie viel haben wir im Ganzen? Siebzig Friedrichsdor? Was soll man sie aufheben, setze zwanzig Friedrichsdor auf einmal.‘ ‚Besinnen Sie sich doch, Großmutter! Zéro kommt bisweilen zweihundertmal nacheinander nicht heraus! Ich versichere Sie, Sie werden all Ihr Geld verlieren!‘ ‘Du lügst, du lügst! Setze nur! Schwätz’ doch nicht so viel! Ich weiß schon, was ich tue‘, und die Großmutter bebte vor Eifer. ‚Dem Reglement nach darf man nicht mehr als zwölf Friedrichsdor auf Zéro setzen, Großmutter! Nun sehen Sie, ich habe diesen Einsatz gemacht.‘ (…) ‘Le jeu est fait!’ rief der Croupier. Das Rad drehte sich, und Dreißig kam heraus. Wir hatten verspielt.

‚Noch einmal! Noch einmal! Noch einmal! Setz’ noch einmal‘ rief die Großmutter. Ich widersprach ihr schon nicht mehr und setzte achselzuckend noch zwölf Friedrichsdor. Das Rad drehte sich lange. Die Großmutter bebte nur so, während sie seinem Lauf mit den Augen folgte. ‚Glaubt sie denn wirklich, wiederum auf Zéro zu gewinnen?‘ dachte ich und sah sie erstaunt an. In ihrem Gesicht malte sich die feste Überzeugung, sie werde gewinnen, offenbar war sie sicher, dass man sogleich Zéro ausrufen werde. Die Kugel sprang ins Quadrat. ‚Zéro!‘ rief der Croupier. ‚Siehst du!‘ wandte sich die Großmutter an mich. (…) Natürlich war es ein seltener Zufall, dass auf etwa zehn Spiele dreimal Zero herauskam (…)

Da die Großmutter den allergrößten Gewinn gemacht hatte, zahlte man ihr besonders aufmerksam und ehrerbietig aus. Sie hatte genau vierhundertzwanzig Friedrichsdor zu erhalten, das heißt viertausend Gulden und zwanzig Friedrichsdor. Diese zweiten zahlte man in Gold aus, alles andere in Banknoten. (…) ‚Alexei Iwanowitsch! Er sagte, auf einmal könne man nur viertausend Gulden stellen! Da, nimm, stell’ alle diese viertausend auf Rot‘, entschied sie. Es wäre nutzlos gewesen, zu widersprechen. Das Rad drehte sich. ‚Rouge!‘ rief der Croupier. Wiederum ein Gewinn von viertausend Gulden, im Ganzen demnach achttausend. ‚Gib mir vier hierher, und die anderen vier setze wiederum auf Rot‘, kommandierte die Alte. Wiederum setzte ich viertausend. ‚Rouge!‘ rief von neuem der Croupier. ‚Demnach zwölftausend! Gib sie alle her. Das Gold leg hierhin in den Beutel und die Scheine steck in die Tasche. Genug! Nach Hause! Rollt den Stuhl weg!“

Dies war der Vormittag ihres ersten Tages in „Roulettenburg“, wobei zu bedenken ist, dass die alte Dame eine mehrtägige Reise von Moskau nach „Roulettenburg“ hinter sich hatte. Sie hatte drei Friedrichsdor beziehungsweise dreißig Gulden verloren und 1220 Gulden bei ihrem ersten Casinobesuch gewonnen. Dies ist das hochgefährliche „Anfängerglück“. Sie ließ sich am Nachmittag wieder mit ihrem Rollstuhl ins Casino bringen. Denn nach solchen eindrucksvollen Erfahrungen ist wohl jeder Mensch der festen Überzeugung, er habe Glück im Spiel, er sei etwas ganz Besonderes, er werde mit Sicherheit weiterhin gewinnen.

Dostojewski beschreibt dramatisch den heftigen und schließlich verzweifelten Kampf der alten Dame mit dem sogenannten Glück – genauer: mit dem Zufall. Nach und nach verliert sie ihren Gewinn vom Vormittag. Zwischendurch gewinnt sie immer mal wieder, verliert aber immer mehr. Schließlich hat sie ihr gesamtes Bargeld verloren. Sie verkauft nun ihre Wertpapiere, zu einem schlechten Kurs, und verspielt auch dieses Geld, insgesamt 15.000 Rubel. Sie beschimpft sich hinterher selbst. Sie wollte ursprünglich gleich nach Moskau zurückreisen. Doch kurz vor Abfahrt des Zuges lässt sie sich zum dritten Mal ins Casino bringen, will unbedingt ihr verlorenes Geld zurückgewinnen. Sie verliert nochmals 10.000 Rubel innerhalb weniger Stunden. Wieder verschiebt sie ihre Heimreise auf den nächsten Tag. Ihre Begründung: „Ich will nicht leben, wenn ich’s nicht wiedergewinne!“

Dies ist eine andere ruinierende Psychofalle des Glücksspiels: die „Verfolgungsjagd“ ( engl, „Chasing“). Der Spieler setzt immer mehr Geld ein, in der festen Überzeugung, ganz nahe am „Großen Gewinn“ („big win“) zu sein und um keinen Preis aufhören zu dürfen – bis er schließlich finanziell ruiniert ist und aufgeben muss.

Bei diesem ihrem vierten Casino-Besuch verliert sie 90.000 Rubel. Hinterher sagt sie zu Alexei Iwanowitsch, der sich diesmal geweigert hatte, sie zu begleiten: „Ich habe alles dort gelassen, mein Lieber (…) Jetzt bin ich ohne Geld, keine Kopeke habe ich mehr bei mir.“ Für die Heimfahrt am selben Tag muss sie sich Geld leihen. Gut, dass sie abreist („Kapitulation“, „Flucht“) und nicht mit geliehenem Geld weiterspielt (wie Dostojewski es tat).

Glücksspielproblematik in den Romanen „Der Spieler“ und „Der Jüngling“

Von dem Konzept für den Roman „Der Spieler“ und von Notizen auf Zetteln berichtete Dostojewski in seinem Brief vom 18./30. September 1863 aus Rom an Strachow: „Das Sujet der Erzählung ist folgendes: ein Typ des Auslandsrussen (…) Ich nehme einen unbefangenen Charakter, einen durchaus vielseitig gebildeten Menschen, der aber in allem unfertig ist, seinen Glauben verloren hat und nicht wagt, ungläubig zu sein, der gegen die Autoritäten aufbegehrt und sie zugleich fürchtet. Er besänftigt sich damit, in Russland nichts zu tun zu haben, und unterzieht deshalb jene Menschen einer grausamen Kritik, die von Russland aus unsere im Ausland lebenden Russen zurückrufen. Doch lässt sich nicht alles erzählen. Er ist eine lebendige Figur – (ich sehe ihn förmlich vor mir) –, und man muss ihn lesen, wenn er fertig ist. Das wichtigste ist aber, dass all seine Lebenssäfte, seine Kraft, Kühnheit, sein Tatendrang für das Roulett verbraucht wurden. Er ist ein Spieler, aber kein einfacher Spieler, so wie auch Puschkins geiziger Ritter kein einfacher Geizhals ist. (Ich will mich durchaus nicht mit Puschkin vergleichen, sondern sage das nur zur Erklärung.) Er ist auf seine Art ein Poet, doch schämt er sich dieser Poesie, weil er deren Niedrigkeit tief empfindet, obgleich ihn der Drang nach dem Risiko in seinen Augen adelt. Die ganze Erzählung handelt davon, wie er schon das dritte Jahr in den Kasinos Roulett spielt.

Hat das ‚Totenhaus‘ die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen, weil darin Zuchthäusler so anschaulich gezeichnet wurden, wie das noch niemand zuvor getan hatte, so wird die neue Erzählung dadurch Interesse erwecken, dass sie eine anschauliche und sehr detaillierte Darstellung des Roulettspiels gibt. Abgesehen davon, dass ähnliche Artikel bei uns voller Neugier gelesen werden – in den Kurorten hat das Spiel eine gewisse (vielleicht gar nicht unwesentliche) Bedeutung, zumal wenn es um die Auslandsrussen geht. Und schließlich glaube ich zuversichtlich, alle diese überaus interessanten Dinge mit Gefühl und Verstand und recht schnell darstellen zu können.“

Dostojewski wusste somit bereits nach seinem allerersten Casinoaufenthalt während seiner zweiten Auslandsreise Bescheid, wohin Roulette-Glücksspiel führen kann: „Das wichtigste ist aber, dass all seine Lebenssäfte, seine Kraft, Kühnheit, sein Tatendrang für das Roulett verbraucht wurden. Er ist ein Spieler (…)“ Vielleicht von sich auf andere schließend, rechnete er damit, dass seine russischen Leser sich interessieren würden für „eine anschauliche und sehr detaillierte Darstellung des Roulettspiels“.

Im zehnten Kapitel des Romans hatte Dostojewski – wie zitiert – außerordentlich eindrucksvoll geschildert, wie eine alte und vermögende russische Dame gleich bei ihrem ersten Casinobesuch eine Glückssträhne hat und einen sagenhaften Gewinn erzielt, dann jedoch bereits am folgenden Tag nicht nur ihren Riesengewinn, sondern auch ihr gesamtes Barvermögen verspielt hatte. Tatsächlich jedoch heißt der Roman nicht „Die Spielerin“, sondern „Der Spieler“. Die alte Dame ist eben auch kein Beispiel für eine Glücksspielsucht. Die Entwicklung der Glücksspielprobleme des Roman-Helden, des Ich-Erzählers Alexei Iwanowitsch, werden von Dostojewski zunächst eher nebenbei und wesentlich weniger dramatisch als dessen Liebesprobleme dargestellt. – Der Inhalt der ersten Kapitel von Dostojewskis „Der Spieler“ soll im Folgenden kurz zusammengefasst werden:

Schauplatz ist das deutsche Kurbad Wiesbaden, von Dostojewski in diesem Roman „Roulettenburg“ genannt, in den Jahren vor 1870. Der Erzähler, Alexei Iwanowitsch, ist ein junger Mann, als Hauslehrer angestellt in der Familie eines vornehmen russischen Generals. Alexei Iwanowitsch liebt Polina, die schöne und unglückliche Stieftochter des Generals; ihre Einstellung zu ihm hingegen ist zwiespältig. Der General liebt Mademoiselle Blanche, offenbar eine kokette Betrügerin, die irgendeinen reichen Mann heiraten will. Der General möchte sie tatsächlich brennend gern heiraten, ist allerdings völlig verschuldet, jedoch hält er die prunkvolle Fassade aufrecht. Seine einzige Chance ist, dass seine Tante stirbt und er ihr großes Vermögen erbt. So warten alle auf die Nachricht aus Moskau, dass die Großmutter, die Bábuschka, wie sie genannt wird, endlich gestorben ist. Doch stattdessen taucht die Bábuschka selbst plötzlich in Roulettenburg auf, zum Entsetzen des Generals, der jedoch Freude wegen der Überraschung mimen muss. Köstlich, wie die recht vitale alte Dame alles durcheinander wirbelt und sogar unbedingt in das Casino möchte, um Roulette zu spielen.

Einige „Kostproben“ aus dem Roman, zum Teil gekürzt.

Zunächst ein Zitat über das Roulettespiel: „Unser General trat zum Beispiel mit solider und würdevoller Miene zum Tisch. Ein Lakai stürzte herbei, um ihm einen Stuhl anzubieten, er bemerkte ihn aber gar nicht. Sehr gelassen zog er einen Beutel hervor, und ohne sich im geringsten zu beeilen, entnahm er ihm dreihundert Franken in Gold, setzte auf Schwarz und gewann. Er nahm den Gewinn nicht an sich und ließ ihn auf dem Tisch liegen. Wieder kam Schwarz heraus. Auch diesmal nahm er das Geld nicht, und als beim drittenmal Rot herauskam, hatte er auf einen Schlag zwölfhundert Franken verloren. Er ging lächelnd vom Tisch weg und hatte Charakter bewiesen. Ich bin aber überzeugt, dass ihm dabei übel zumute war, und wäre der Einsatz zweimal oder dreimal größer gewesen – so hätte er nicht mehr an sich halten können und seine Aufregung gezeigt. Übrigens gewann und verlor in meiner Gegenwart ein Franzose gegen dreißigtausend Franken, und er blieb dabei lustig und zeigte keinerlei Erregung. Der wirkliche Gentleman darf sich gar nichts anmerken lassen, wenn er auch sein ganzes Vermögen verspielt. Das Geld muss derart für niedriger gelten als das Gentlemantum, dass es fast gar nicht lohnt, sich nur darum zu bekümmern. Natürlich ist es äußerst aristokratisch, den Schmutz all dieses Gesindels und der ganzen Umgebung überhaupt nicht zu bemerken.“ Der General ermahnte paradoxerweise Alexei Iwanowitsch, den Ich-Erzähler, nicht Roulette zu spielen, weil er damit den Ruf des Generals gefährden könnte. Alexei Iwanowitsch entgegnete, dass er dafür gar kein Geld habe.

Alexei wurde dann jedoch von Polina gebeten, mit ihrem Geld zu spielen, was er ungern tat. So berichtet er von seinem ersten Casino-Glücksspielen: „Ich begann damit, dass ich fünf Friedrichsdor, das heißt fünfzig Gulden, herausnahm und sie auf Gerade setzte. Das Rad drehte sich, es kam Dreizehn heraus – ich hatte verspielt. Mit einer ganz krankhaften Empfindung, einzig und allein um mich loszumachen und wegzugehen, setzte ich noch fünf Friedrichsdor auf Rot. Rot kam heraus. Ich setzte alle zehn Friedrichsdor – wiederum kam Rot heraus. Ich ließ weiter stehen. Als abermals Rot herauskam, erhielt ich vierzig Friedrichsdor und stellte zwanzig auf die zwölf der mittleren Reihe, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Man zahlte mir das Dreifache aus. Auf diese Weise hatte ich plötzlich an Stelle von zehn Friedrichsdor achtzig. Mir ward derart unerträglich zumute, eine ganz ungewöhnliche und seltsame Empfindung hatte mich erfasst, dass ich wegzugehen beschloss. Mir schien, ich würde überhaupt nicht so gespielt haben, wenn ich für mich gespielt hätte. Gleichwohl setzte ich alle achtzig Friedrichsdor noch einmal auf Gerade. Diesmal kam Vier heraus; ich erhielt noch achtzig Friedrichsdor, nahm diesen ganzen Haufen von hundertsechzig Goldstücken und ging weg; um Polina AIexandrowna aufzusuchen.“

Dostojewski beschreibt hier erstmals das typische Anfängerglück: Alexei Iwanowitsch ließ sich von Polina überreden, mit ihrem Geld ins Casino zu gehen, natürlich in der sicheren Erwartung, er werde gewinnen. Anfangs gewann er auch, vierhundert Friedrichsdor. Dann verlor er immer wieder; Zitat: „Was mich indes betrifft, so verspielte ich alles bis aufs Letzte, und zwar sehr rasch.“ Der Fachver-band Glücksspielsucht erinnert an die Erfahrung: „Die einzige Möglichkeit, ein Spielcasino mit einem kleinen Vermögen zu verlassen, besteht darin, es mit einem großen Vermögen zu betreten.“ Ein Zitat aus dem Roman: „Wie lächerlich es auch erscheinen mag, vom Roulett etwas zu erwarten, so finde ich doch die langläufige Meinung, es sei direkt dumm und unsinnig, auf das Spiel irgendeine Hoffnung zu setzen, noch viel lächerlicher. Allerdings gewinnt hier von hundert nur einer und neunundneunzig verlieren (…) doch was geht das mich an?“ Der Spieler ist demnach davon überzeugt, dass die statistische Wahrscheinlichkeit nur für die anderen, aber nicht für ihn zutrifft. Diese irrationale Überzeugung kann nur als wahnartig bezeichnet werden.

Dostojewski hatte zum Zeitpunkt der Roman-Niederschrift zwar bereits eindrucksvolle Erfahrungen mit dem Casino-Glücksspiel, war jedoch vermutlich noch nicht selbst glücksspielsüchtig, so dass er die Symptomatik der Glücksspielsucht von Alexei Iwanowitsch nur eher abstrakt schildern konnte. Zudem ist der Kurzroman unter erheblichem Zeitdruck entstanden.

Das Endstadium der Glücksspielsucht von Alexei Iwanowitsch, der Hauptperson des Romans, schildert Dostojewski nur relativ kurz im letzten Kapitel: Eines Tages traf Alexei in Homburg den Mister Astley, einen sympathischen Engländer, der ihm schließlich offen sagte: “Sie sind abgestumpft, Sie haben nicht nur dem Leben, Ihren eigenen Interessen (…) den Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch (…) Sie haben sich nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt, außer dem einen: im Spiel zu gewinnen (…) Bis jetzt waren Sie noch ehrlich (…) und haben es vorgezogen, Diener zu werden statt zu stehlen.“

Dostojewski beschreibt hier die negative Persönlichkeitsveränderung, die sich im Laufe der Zeit bei einem Süchtigen entwickeln kann; eine mögliche „Rückbildung“ der Sucht ist nicht beschrieben. Doch diese hatte sich nach den Tagebuchaufzeichnungen von Anna bei Dostojewski allmählich offensichtlich entwickelt. Im Roman bleibt der Held als stumpfsinniger Tagedieb zurück.

In dem Roman „Ein grüner Junge“ („Der Jüngling“), der 1875 veröffentlicht wurde, stellte Dostojewski die Atmosphäre in den privaten Spielhöllen dar. Es wird deutlich, dass Dostojewski zu diesem Zeitpunkt immer noch glaubte, „dass man ohne weiteres ein Millionär werden kann, wenn man nur einen entsprechend starken Charakter hat. (…) So, wie ich bis heute an der Überzeugung festhalte, dass man im Hasardspiel, bei einem völlig ruhigen Charakter, bei dem die ganze Schärfe der Vernunft und der Berechnung erhalten bleibt, die blinde Plumpheit des Zufalls unbedingt überwinden und gewinnen muss (…)“ „Kaltblütigkeit und Zuversicht“ seien entscheidend. Auch beschreibt er, wie der Ich-Erzähler einen Großgewinn mit (bzw. trotz) seiner Spielmethode erzielt. Dies lässt vermuten, dass zu diesem Zeitpunkt Dostojewski immer noch an seine Droge glaubte und stark rückfallgefährdet war.

Etwas zur Geschichte des Glücksspiels

Glücksspieler („Zocker“, „Hasardeure“, „Glücksritter“) hatten immer schon einen eher schlechten Ruf, sie galten als liederlich, unsolide, unzuverlässig, unmoralisch. Schon früh war bekannt, dass jemand, der sich durch Glücksspielen aus einer finanziellen Notsituation befreien wollte, mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Not nur noch verschlimmert. Glücksspiel und Prostitution waren oft miteinander verknüpft, ebenso illegales Glücksspiel und organisierte Kriminalität. Das älteste Glücksspiel ist wahrscheinlich das Würfelglücksspiel; es soll bereits in der Antike zu psychosozialen Problemen geführt haben. Schon Mohammed (570 – 632) warnte, dass das Glücksspiel (wie der Wein) „Gräuel von Satans Werk“ sei. Bereits damals war verbreitet bekannt, dass sowohl Wein als auch Glücksspiel psychotrop wirken, das heißt, dass man durch den Konsum von Wein und Glücksspiel seine Stimmung verändern kann, genauer: Dass man durch Weintrinken und Glücksspielen sein Gehirn beziehungsweise seine Psyche manipulieren kann.

Dass Glücksspielkonsum – wie Alkoholkonsum – nicht nur faszinierend, sondern auch psychisch und sozial schädlich sein und insbesondere zu einer Suchtentwicklung führen kann, war ebenfalls bereits vor Jahrhunderten bekannt. 1561 veröffentlichte der flämische Arzt Pascasius Iustus ein Buch mit dem Titel „Über das Würfelspiel“ und beschrieb darin in typischer Weise die Glücksspielsucht. Er führte bereits aus, „dass das Würfelspiel genau dieselbe Wirkung hat wie der Wein“. „Die sichtbarsten und schlimmsten Auswirkungen (der Spielsucht, B. K.) sind folgende: ständige geistige Ruhelosigkeit, Pflichtvergessenheit, Armut, Verfluchung, Diebstahl und Verzweiflung.“ Diese Beschreibung der wichtigsten Sucht-Symptome ist auch heute noch gültig.

Ab dem 14. Jahrhundert verbreiteten sich in Europa die Karten-Glücksspiele und ab dem 18. Jahrhundert das Roulette, das bis etwa 1975 (d.h. bis zum Auftreten der modernen elektronischen Glücksspielautomaten) das Glücksspiel mit dem höchsten Suchtpotenzial war; es war sozusagen das „Heroin unter den Glücksspielen“. Die ersten deutschen Spielcasinos eröffneten 1748 (Baden-Baden) und 1771 (Wiesbaden). Heute ist das Roulette überrundet durch die psychologisch äußerst raffinierten modernen elektronischen Glücksspielautomaten, die hauptsächlich in den Automatensälen beziehungsweise Dependancen der Spielcasinos und in den zahlreichen Spielhallen aufgestellt sind. Zu der Zeit von Dostojewski fand das Casino-Glücksspiel in mondänen Kurorten statt. Es war gedacht als Unterhaltung für die vermögenden, insbesondere ausländischen Kurgäste, während Ortsbewohnern und Arbeitern der Zutritt verboten war. Heute befinden sich die Casinos möglichst gut erreichbar oft im Stadtzentrum; auch jemand ohne ausreichendes Einkommen oder Vermögen kann sie betreten, sogar Arbeitslose und hochgradig verschuldete Menschen. Damals stand das Roulette im Mittelpunkt, so auch in Dostojewskis Roman „Der Spieler“.

Roulette wirkt wie ein euphorisierendes Aufputsch- und letztlich wie ein Betäubungsmittel. Es ist eine (nichtstoffliche) Droge und hat ein höheres Sucht- und Schadenspotenzial als beispielsweise das keineswegs harmlose traditionelle Haschisch, das heißt, es ist stärker suchterzeugend und schädlicher. Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass Casino-Glücksspiele wie Roulette bereits lange vor den in Betäubungsmittelgesetzen genannten Drogen unter Prohibition (Verbot) gestellt wurden; das heißt, es war (und ist) verboten, diese Glücksspiele außerhalb der Casinos zu veranstalten. Bereits 1838 wurden in Frankreich – dem Mutterland des Roulettes – durch Gesetz die Glücksspiele verboten und somit die Casinos geschlossen, obwohl insbesondere das Casino in Paris dem Staat hohe Einnahmen erbrachte. In Deutschland gab es zu Zeiten von Dostojewski Casinos in den Kurbädern Baden-Baden, Homburg, Ems, Wiesbaden, Nauheim und Pyrmont. „Das große Spiel, die Roulette, emigrierte nach Deutschland.“ (Kraus 1952) Die deutsche Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte, beschloss 1849 die Schließung aller deutschen Spielbanken, die jedoch nach Auflösung der Frankfurter Nationalversammlung bald wieder öffnen konnten.

Wegen der negativen Erfahrungen mit dem Casino-Glücksspiel, die man im 19. Jahrhundert gemacht hatte, wurden 1872 (somit noch zu Lebzeiten von Dostojewski) alle Casinos in Deutschland geschlossen, trotz der erheblichen Steuereinnahmen für den Fiskus. § 284 Strafgesetzbuch (StGB) verbietet bei Strafandrohung die öffentliche Veranstaltung von Glücksspielen ohne behördliche Genehmigung. Auch die Beteiligung an unerlaubtem Glücksspiel wird bestraft. Ursprünglich sollten hierdurch schädliche Folgen für die Spieler und die Bevölkerung eingedämmt werden. Allerdings wurde die „behördliche Erlaubnis“ in den letzten Jahren immer großzügiger erteilt und die Höhe der Einnahmen für die Staatskasse trat immer mehr in den Vordergrund; der Schutz der Casinoglücksspieler vor finanziellem Ruin und vor Sucht trat immer mehr zurück. Doch bestimmte Glücksspiele, die besonders stark suchterzeugend und psychosozial schädlich sind, wie insbesondere Roulette, durften und dürfen deshalb auch heute noch ausschließlich in staatlich konzessionierten Spielcasinos gespielt werden. Dostojewski hätte nach 1872 nur die Möglichkeit gehabt, im Casino Monte Carlo in Monaco zu spielen, abgesehen von der Schweizer Spielbank in Saxon, die jedoch 1877 ebenfalls geschlossen wurde. Dostojewskis Spielerlebnisse fanden während verschiedener Auslandsreisen statt. Auch sein Roman „Der Spieler“ spielt im Ausland, in der fiktiven deutschen Stadt Roulettenburg.

Anfängerglück von Dostojewski

Während seiner ersten Westeuropareise, die von Juni bis September 1862 stattfand, hat Dostojewski wahrscheinlich noch kein Casino besucht, obwohl er auf der Durchreise in den Casino-Orten Wiesbaden und Baden-Baden war. (Sein erster Biograf, Strachow, hat sich da vermutlich geirrt. Tatsächlich findet sich weder in seinem eindrucksvollen Reisebericht über seine so hoffnungsvoll angetretene Reise in den fortschrittlichen Westen, den „Winterlichen Aufzeichnungen über sommerliche Eindrücke“, noch in irgendeinem Brief ein Hinweis auf einen Casinobesuch. In seiner späteren Korrespondenz bezieht er sich auch ausschließlich auf den Besuch im folgenden Jahr, von dem er seiner Schwägerin damals sofort im September 1863 schreibt. Es ist daher davon auszugehen, dass Dostojewski das Casino-Glücksspiel 1863 während seiner zweiten Reise nach West-Europa in den Casinos in Wiesbaden und Baden-Baden kennenlernte; höchstwahrscheinlich hat er deshalb diese beiden Kurorte besucht.

An seine Schwägerin schrieb er über seine Zeit in Wiesbaden:

„Paris, 1.September 1863

Liebste und hochverehrte Warwara Dmitrijewna,

Sie haben vielleicht schon aus meinem Brief an Pascha (sein Stiefsohn, B. K.) erfahren, dass ich glücklich und wohlbehalten in Paris angelangt bin, wo ich mich niedergelassen habe; ich glaube aber kaum, dass ich hier lange bleiben werde. Paris gefällt mir nicht, obwohl es ganz großartig ist. (…) Ich will Ihnen nur von geschäftlichen Angelegenheiten schreiben. Ich habe nämlich eine Bitte an Sie, meine liebe Warwara Dmitrijewna. Sie müssen wissen, dass ich mich unterwegs vier Tage in Wiesbaden aufgehalten und natürlich auch Roulette gespielt habe. Und was glauben Sie? Ich habe gewonnen und nicht verloren; ich habe zwar nicht so viel, wie ich wollte, keine 100.000 gewonnen, doch immerhin eine kleine Summe. (NB: Erzählen Sie niemand davon, liebe Warwara Dmitrijewna. Sie können es zwar auch niemand erzählen, denn Sie kommen mit niemandem zusammen; ich meine aber in erster Linie Pascha: Er ist noch dumm und wird sich vielleicht einbilden, dass man durch das Spiel eine Existenz begründen kann. Er hat sich ja neulich in den Kopf gesetzt, Kommis zu werden und sich auf diese Weise Geld zu verdienen; ‚folglich brauche ich nichts zu lernen‘, hat er mir erklärt. Folglich braucht er nicht zu wissen, dass sein Papa Spielsäle besucht. Erzählen Sie ihm daher kein Wort davon.) Warwara Dmitrijewna! Während dieser vier Tage habe ich mir die Spieler näher angesehen. Mehrere hundert Personen nahmen am Spiel teil, doch nur zwei verstanden richtig zu spielen, mein Ehrenwort! Eine Französin und ein englischer Lord waren es; sie verstanden zu spielen und verloren nichts, sprengten sogar beinahe die Bank. Glauben Sie bitte nicht, dass ich nur aus Freude darüber, dass ich gewonnen und nicht verloren habe, prahle und das Geheimnis des Spieles zu kennen behaupte. Das Geheimnis kenne ich wirklich, und es ist höchst dumm und einfach: Es besteht darin, dass man sich jeden Augenblick beherrscht und bei keiner Phase des Spieles hitzig wird. Das ist alles; unter diesen Umständen kann man unmöglich verlieren und muss unbedingt gewinnen. Es handelt sich nur darum, dass der Mensch, der dieses Geheimnis kennt, auch die Kraft und die Fähigkeit hat, es richtig anzuwenden. Wenn man noch so gescheit ist und einen noch so eisernen Charakter hat, kann er einen schließlich doch umschmeißen. Selbst der Philosoph Strachow würde verlieren. Selig sind daher, die nicht spielen, das Roulette verabscheuen und es für die größte Dummheit halten.

Doch zur Sache. Ich habe, liebe Warwara Dmitrijewna, 5.000 Franken gewonnen; das heißt, ich hatte anfangs 10.400 Franken gewonnen, das Geld nach Hause getragen, in die Reisetasche gelegt und beschlossen, am nächsten Tag aus Wiesbaden abzureisen und nicht mehr in den Spielsaal zu gehen. Ich habe es aber nicht ausgehalten und die Hälfte des Geldes wieder verspielt. Es sind mir also nur noch 5.000 Franken geblieben. Einen Teil des Gewinns habe ich mir für jeden Fall aufgehoben, und den Rest schicke ich nach Petersburg: die Hälfte meinem Bruder, damit er das Geld bis zu meiner Rückkehr aufhebt, und die Hälfte Ihnen, damit Sie es Maria Dmitrijewna (seine erste Frau, B. K.) übergeben oder übersenden. Verzeihen Sie, mein Täubchen, dass ich mit Ihrer Hilfe rechne, ohne Sie darum zu bitten. Aber ich denke an Ihre Freundschaft, von der ich mich fest überzeugen konnte. Im Ganzen schicke ich Ihnen 30 Dublonen, das heißt, doppelte preußische Friedrichsdor. Eine jede Dublone hat hier in Paris den Wert von 41 Franken und 50 Centimes. Aber das ist zu wenig, das liegt an der Räuberei der hiesigen Geldwechsler; er ist mehr wert.“

Dieser Brief an die Schwägerin ist das allererste Dokument, in dem Dostojewski lebendig und spannend über die vier Tage in Wiesbaden eine Woche vorher berichtet. Bereits in diesem Brief werden drei typische Verhaltensweisen des Spielers deutlich: Besonders hervorzuheben ist der Satz: „Ich habe (…) 5.000 Franken gewonnen; das heißt, ich hatte anfangs 10.400 Franken gewonnen, das Geld nach Hause getragen, in die Reisetasche gelegt und beschlossen, am nächsten Tag aus Wiesbaden abzureisen und nicht mehr in den Spielsaal zu gehen. Ich habe es aber nicht ausgehalten und die Hälfte des Geldes wieder verspielt.“ Dieses „Nicht-aufhören-können“ ist jedoch bei Dostojewki zu diesem Zeitpunkt noch nicht suchtbedingt; es handelt sich vielmehr darum, dass er in eine für Glücksspiele typische Psychofalle geraten ist: Er dachte, durch Weiterspielen noch mehr gewinnen zu können. Dann „kennt“ Dostojewski das „Geheimnis“, er meint zu wissen, wie man sicher gewinnt: Das Geheimnis bestehe darin, „(…) dass man sich in jedem Augenblick beherrscht und in keiner Phase des Spiels hitzig wird – das ist alles.“

Dieses „Cool-Bleiben“ ist zunächst kein System. Allerdings gehört der Glaube an ein System zum typischen Wesenszug des Spielsüchtigen. Seit den Anfängen wird dieser Glaube durch die Industrie genährt und unterstützt. In jüngster Zeit wird insbesondere bei Sportwetten der Glaube vermittelt, nicht der blinde, unberechenbare Zufall entscheide das Spiel, sondern jeder, der wirklich kompetent sei, der das System verstehe, könne gewinnen. Diese Kompetenzillusion findet sich durchgängig in allen Briefen Dostojewskis, den Aufzeichnungen seiner Frau und natürlich auch im Roman „Der Spieler“: „Es gilt nur einmal im Leben berechnend und geduldig zu sein – das ist alles.“ Noch ausgeprägter ist die „Psychofalle Kompetenzillusion“ bei den modernen Sportwetten.

Doch gibt es beim Roulettespiel unendlich viele Möglichkeiten; wenn beispielsweise die Kugel zehnmal hintereinander auf „Rot“ gefallen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie beim nächsten Mal ganz bestimmt nun endlich auf „Schwarz“ fallen werde, weiterhin 1 zu 1. Dostojewski beschreibt die auch heute noch von Casino-Zeitschriften geübte Gepflogenheit, Berechnungen und Anleitungen herauszugeben. Auch heute noch lebt die Industrie von der Veröffentlichung sogenannter „Permanzen“, mit denen das angeblich wissenschaftliche und deshalb erfolgreiche Spielen in Hunderten Systemen propagiert wird und der Zufall beherrschbar werde. Sicher erfolgreich sind dabei jedoch nur die Casinos, und zwar weniger wegen des rechnerischen Bankvorteils, sondern weil die Spieler nicht aufhören können – nicht, wenn sie gewinnen, und nicht wenn sie verlieren.

Dostojewski hatte bei seinem allerersten Casinobesuch einen beeindruckenden Gewinn, ein Anfängerglück, wie die Großmutter im Roman „Der Spieler“. Typischerweise berichtet die Mehrzahl der süchtig gewordenen Glücksspieler von faszinierenden Anfangsgewinnen. Dies ist eine entscheidende Psycho-Falle: Solche Big win-Erlebnisse in der ersten Zeit des Glücksspielens prägen sich tief ein und führen erfahrungsgemäß zu einem magischen beziehungsweise irrationalen Denken. Nach den Erkenntnissen der Lernpsychologie sind Erfolgserlebnisse (positive Verstärkung) von großer Bedeutung für das spätere Verhalten. Eine erfahrene Glücksspieler-Therapeutin (Füchtenschnieder 1992) formulierte dies so: „Wer Pech hat, gewinnt – am Anfang!“ Wie bei einem Computerprogramm durch ein Virus wurde auch Dostojewkis Psyche beziehungsweise sein Gehirn durch das Anfängerglück im Glücksspiel infiziert.

Die lange Reise mit Polina

Bei der zweiten Westeuropa-Reise von Dostojewski, die 1863 stattfand, ist von Bedeutung: Damals hatten sich Dostojewski und Polina, seine junge Geliebte, verabredet, gemeinsam Paris zu besuchen. Polina reiste schon ab, doch Dostojewski wurde noch wochenlang beruflich in Petersburg festgehalten, da er Chefredakteur der mit seinem Bruder herausgegebenen Zeitschrift „Vremja“ war. Als er dann im Sommer 1863 endlich reisen konnte, fuhr er jedoch zuerst nach Wiesbaden zum Roulettespielen, obwohl Polina, die er liebte und begehrte, auf ihn wartete. Dies war höchstwahrscheinlich sein erster Casino-Besuch.

Nachdem Polina drei oder vier Monate lang in Paris auf Dostojewski gewartet hatte, schrieb sie ihm am 9. August 1863, wie es sich aus ihrem Tagebuch ergibt: „Du kommst etwas zu spät (…)“, sie hatte sich nämlich inzwischen in einen anderen Mann verliebt. Dies machte sie ihm auch deutlich, als er endlich bei ihr in Paris eintraf – für ihn, nachfühlbar, eine herbe Enttäuschung. In seinem Brief an Polinas Schwester vom 19. April 1865 schreibt Dostojewski: „Nicht die Liebe zu einem anderen werfe ich ihr vor, sondern die vier Zeilen, die sie mir ins Hotel schickte, mit dem groben Satz: ‚Du bist ein wenig zu spät gekommen’.“ Anfang September begannen sie ihre gemeinsame Reise nach Italien, auf seinen Kompromiss-Vorschlag hin wie „Bruder und Schwester“.

Diese Italien-Reise führte – bestimmt nicht zufällig – von Paris aus über Wiesbaden und dann nach Baden-Baden. Am 6. September 1863 schrieb Polina in Baden-Baden in ihr Tagebuch: „Er spielt fortwährend Roulette.“ Am Abend desselben Tages notierte sie: „F. M. hat unglücklich gespielt, und er befürchtet, das Geld für unsere Reise werde nicht langen.“ Tatsächlich konnten sie nur mit geliehenem Geld von Baden-Baden aus weiterreisen.

Am 18./30.September 1863 schrieb Dostojewski aus Rom einen steinerweichenden Bettelbrief an seinen Freund Strachow, „(…) Anderenfalls, ich wiederhole es, bin ich verloren. (…) Und deshalb bitte ich Sie, bei Christus und bei Gott (…)“ In diesem Brief berichtete er auch, wie schon beschrieben, von seinem Konzept für seinen Kurzroman „Der Spieler“.

Beim Zwischenstopp in Baden-Baden, wo er – so ergibt es sich aus dem Tagebuch von Polina – „befürchtet, das Geld für unsere Reise werde nicht langen“, verspielte er offensichtlich mehr Geld als er sich leisten konnte. Dies ist vielleicht mit seinen Polina-Enttäuschungen zu erklären, die er im Casino wirksam „vergessen“ konnte.

Nachdem sein Bruder Michail ihm Vorwürfe gemacht hatte, „(…) hör um Gotteswillen auf zu spielen, wo soll das hinführen (…)“ antwortete Dostojewski ihm am 20. September1863 aus Turin über seine Verluste beim Roulette:

„(…) aber wir zitterten jeden Augenblick, dass uns im Hotel die Rechnung präsentiert werde und wir ohne einen Groschen sein könnten. Ein Skandal, die Polizei drohe, und hier wird kurzer Prozess gemacht, wenn es keinen Bürgen oder keine Wertgegenstände zu verpfänden gibt; dabei bin ich nicht allein! Scheußlich! Meine Uhr habe ich noch in Genf bei einem wirklich edlen Menschen versetzt, (…) Polina hat einen Ring versetzt (…)

Du schreibst, es sei Dir unbegreiflich, wie man alles so bis zum Letzten verspielen könne, wenn man mit jemandem reist, den man liebt! Freund Mischa, in Wiesbaden habe ich ein Spielsystem erfunden, habe es erprobt und auf der Stelle zehntausend Francs gewonnen! Gegen Morgen, da ich bereits erregt war, bin ich von dem System abgewichen und habe im Nu verloren. Abends kehrte ich zu meinem System zurück, befolgte es mit aller Strenge und gewann ohne Mühe schnell wieder dreitausend Francs. Sage also selbst, wie sollte man nach einem solchen Erlebnis nicht mitgerissen werden, wie sollte man nicht glauben, bei genauem Befolgen dieses Systems das Glück in den Händen zu halten!

Und ich brauche ja Geld, für mich, für Dich, für meine Frau, für den Roman! Hier gewinnt man spielend leicht Zehntausende! Mit diesem Vorsatz, Euch alle zu retten und schließlich mich selbst, bin ich ja doch hierher gereist, und ich glaube fest an mein System!

Noch ein Erlebnis: ich komme nach Baden, trete an den Spieltisch und gewinne in einer Viertelstunde sechshundert Franken! Das reizt mich! Plötzlich aber beginne ich zu verlieren, kann nicht haltmachen und verspiele alles bis auf das Letzte! Nachdem ich Dir aus Baden geschrieben hatte, nahm ich das ganze noch übrige Geld und ging spielen. Mit vier Napoléons gewann ich fünfundreißig in einer halben Stunde! Das ungewöhnliche Glück berauschte mich, ich hasardierte auf einen Zug diese fünfunddreißig Napoléons und verlor sie auf einmal. Nach der Abrechnung mit der Wirtin blieben uns sechs Napoléons für die Reise. In Genf musste ich bereits meine Uhr versetzen!

In Baden sah ich Turgenjew; ich war zweimal bei ihm und er auch bei mir. Turgenjew hat A. P. (Polina, B. K.) nicht gesehen, ich hielt sie vor ihm verborgen. (…) Ich verhehlte ihm nicht, dass ich spiele; er gab mir die ‚Gespenster‘ zu lesen, aber durch das Spiel kam ich nicht dazu und gab ihm das Buch ungelesen zurück. (Der offizielle Anlass der Reise nach Baden-Baden war, von Turgenjew einen Beitrag wie die „Gespenster“ für die Zeitschrift der Brüder Dostojewski zu erhalten, B. K.) (…) denn mit den vierzehnhundertfünfzig Franken, die Du mir geschickt hast, kann ich nicht auskommen (…) NB. Von meiner Lage erzähle niemandem. Meine Spielverluste sollen ein Geheimnis bleiben.“

Nach der gemeinsamen Reise trennten Polina und Dostojewski sich; am 22. Oktober war sie wieder in Paris. Dostojewski reiste jedoch nicht direkt nach Russland zurück, sondern zunächst zu einem deutschen Casino, nach Homburg. Am 27.Oktober 1863 schrieb Polina in ihr Tagebuch: „Gestern erhielt ich einen Brief von Fjodor Michailowitsch. Er hat im Spiel verloren und bittet, ich möge ihm einen Betrag schicken. Ich hatte kein Bargeld, da ich eben Rechnungen beglichen hatte, und entschloss mich, meine Uhr und die Kette zu versetzen.“ Während dieser Zeit lag seine erste Frau, von der er sich bereits weitgehend distanziert hatte, im Sterben.

Trotz aller realen Verluste, trotz aller im Endergebnis negativen Erfahrungen glaubt Dostojewski weiterhin, er könne mit einem „System“ letztendlich beim Roulette doch gewinnen. Sicherlich sind die (vorübergehenden) „leichten“ Gewinne eindrucksvoll. Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob Dostojewski zu dieser Zeit bereits glücksspielsüchtig war. Eine Sucht entwickelt sich nicht in Tagen, sondern in Monaten und Jahren, weil dabei auch ein Lernprozess eine wesentliche Rolle spielt. Dostojewski hat möglicherweise bereits vor seiner Zeit in Sibirien sich exzessiv an glücksspielähnlichen Kartenspielen beteiligt, so dass damals bereits eine Prägung stattgefunden hat. In Sibirien hingegen soll er nicht Karten gespielt haben.

Das relativ sicherste und früheste Symptom einer Sucht ist das sogenannte Kontrollverlust-Phänomen: Dies ist der Verlust der Fähigkeit, sein Suchtmittel (seine Droge) kontrolliert, also mit seinem Willen gesteuert, konsumieren zu können. Allerdings weiß man ja, dass junge Menschen anfangs unkontrolliert Alkohol trinken und betrunken werden, weil sie es noch nicht gelernt haben, ihn kontrolliert zu trinken. Vielleicht wollte Dostojewski in Wiesbaden nur seine knappe Reisekasse füllen und geriet in einen Spielrausch, wie ein unerfahrener Alkoholkonsument. Aber wie kann man es sich erklären, dass er am Schluss dieser Reise allein nach Bad Homburg fuhr und alles verspielte, so dass Polina ihre Uhr und ihre Kette versetzen musste?

Der Reinfall von Wiesbaden

Ende Juli 1865 fuhr Dostojewski mit nur 175 Rubeln in der Tasche nach Wiesbaden und traf sich dort mit Polina. In Wiesbaden bezog er das Hotel Victoria in Bahnhofsnähe. Von da aus waren es nur wenige hundert Meter zum Kursaal. Wieder ergibt sich die Frage: Was war ihm wichtiger – Polina oder das Roulette? In einem Brief an Turgenjew berichtet er vom „Erfolg“ seines Spielens: „Vor zwei Jahren gewann ich in Wiesbaden in einer Stunde nahezu 12.000 Francs. Auch wenn ich mir diesmal nicht vornahm, meine Finanzen aufzubessern, hätte ich doch gern tausend Francs gewonnen, um in den nächsten drei Monaten etwas zum Leben zu haben. Aber im Laufe von fünf Tagen in Wiesbaden habe ich alles verloren, ich bin pleite bis aufs letzte Hemd – sogar meine Uhr habe ich verspielt, und im Hotel schulde ich Geld.“ – Während seines Aufenthalts in Wiesbaden setzte er die Arbeit zu einem Meisterwerk der Weltliteratur fort: „Verbrechen und Strafe“.

Offensichtlich hielt es Polina diesmal nicht sehr lange mit ihm aus. Kaum war sie aus Wiesbaden wieder nach Paris abgereist, schrieb Dostojewski am 10./22.08.65 an sie einen Bettelbrief wegen seiner glücksspielbedingten finanziellen Misere. Er habe schon an einen Schriftstellerkollegen mit der Bitte um Geld geschrieben, jedoch noch keine Antwort erhalten. „Unterdessen hat sich meine Lage im höchsten Maße verschlimmert. Unmittelbar nach Deiner Abreise, am nächsten Tag ganz früh, wurde mir im Hotel mitgeteilt, es sei Auftrag gegeben worden, mir weder ein Mittagessen noch Tee oder Kaffee zu verabreichen. (…) Sollte es Dir, in Paris angelangt, auf irgendeine Weise möglich sein, Dir von Deinen Freunden und Bekannten Geld zu verschaffen, so schicke mir ein Maximum von hundertfünfzig Gulden oder aber so viel Du willst.“

Zwei Tage später schrieb er an Polina: „Ich fahre fort, Dich mit Briefen und dazu noch mit unfrankierten, zu bombardieren. (…) Ich frankiere nicht, weil ich keinen Groschen übrig habe.“ Am Ende dieses langen Briefes schrieb er, dass er nicht mehr schreiben wolle. Doch schon am Nachmittag schrieb er ihr wieder einen Bettelbrief: „(…) Pola, meine Freundin, erlöse mich, rette mich! Bringe irgendwo hundertfünfzig Gulden auf.“

Aus seinem Brief an seinen Freund Wrangel ergibt sich:

„Wiesbaden, 5. September (hiesigen Stils) 1865

Hochgeehrter und lieber Freund Alexander Jegorowitsch (…)

Ich will heute nur von mir schreiben, und zwar nur von einer einzigen Sache. Teilen Sie das, was ich Ihnen nun schreibe, niemandem mit, weil ich fühle, dass es mich einigermaßen bloßstellt. Aber(weil, B. K.) in einem solchen Fall Phrasen nur peinlich und völlig überflüssig sind, will ich Ihnen ganz offen eingestehen – obwohl ich mich schäme, es einzugestehen –, dass ich, in meiner Dummheit, vor zwei Wochen alles verspielt habe, das heißt alles, was ich besaß. Ich hatte schon vordem, gleich nach meiner Ankunft in Wiesbaden, gespielt, aber glücklich und sogar (verhältnismäßig) viel gewonnen, aber dann packte ich in meiner Dummheit die Sache verkehrt an, und in drei Tagen verlor ich alles. Nun sitze ich da, in der peinlichsten Lage, die man sich vorstellen kann, und kann aus Wiesbaden nicht wegreisen.

Ich habe nach Rußland an einen mir wohlgesinnten Menschen (Miljukow) geschrieben und ihn gebeten, mir von irgendeinem Verleger Vorschuss für zukünftige Arbeiten zu verschaffen. Er verspricht mir das bestimmt und wird mir vielleicht auch selbst helfen, aber meiner Berechnung nach kann ich Brief und Geld von ihm nicht eher als in zwei Wochen (von heute ab) erwarten, und das wäre noch das Früheste. Bis dahin sitze ich aber ohne einen Groschen da, und was dabei das Schlimmste ist: ich habe im Hotel Schulden gemacht. Das ist aber schon das Allerschlimmste!

Und deshalb, mein guter Freund, wage ich es, mich an Sie zu wenden. Retten Sie mich, und helfen Sie mir aus dieser Not: Schicken Sie mir für eine ganz kurze Frist 100 Taler. Mit diesem Geld will ich hier alles bezahlen und unverzüglich nach Paris fahren, wo ich zu tun habe und einen Menschen aufsuchen will (der bestimmt dort ist) und der mir sofort helfen wird. Dann werde ich Ihnen das Geld zurückgeben. (… ) In diesem Fall kann ich lange ohne Geld dasitzen, und meine Reise nach Paris, die mir sehr wichtig ist, kann dann gar nicht zustande kommen. Dort könnte ich aber auch Geld auftreiben. Außerdem käme ich hier allzu tief in Schulden, und das ist außerordentlich bedrückend. Schicken Sie mir deshalb das Geld um Gottes willen, wenn Sie können.

Ich wende mich an Sie, weil ich Sie noch so im Gedächtnis bewahrt habe, wie Sie einst waren, und weil es in unserem Leben viele Augenblicke gab, die uns so verbanden, dass wir, wenn uns das Leben trennen mag, uns doch niemals mehr fremd werden können. Aus diesem Grund habe ich mich auch dazu entschlossen, Ihnen meine dumme und feige Tat offen einzugestehen. Möge es unter uns bleiben. Was aber das Geld betrifft, so glaube ich, werden Sie einen Ertrinkenden nicht ohne Hilfe lassen, falls Sie in diesem Augenblick selbst etwas besitzen.

Sollte ich irgendwie die Möglichkeit haben, so will ich unbedingt nach Kopenhagen kommen. Ich umarme Sie, Ihr aufrichtige Fjodor Dostojewski.“

Wrangel berichtete später:

„Diese Leidenschaft für das Glücksspiel war für mich etwas Überraschendes. In Sibirien, wo das Kartenspiel so sehr verbreitet ist, hat er nie eine Karte angerührt.“

Dostojewski hat in den ersten fünf Tagen seines zweieinhalbmonatigen Aufenthaltes alles Geld (incl. das fürs Hotel und die Rückreise vorgesehene) in Polinas Anwesenheit verspielt, obwohl sie doch seinetwegen nach Wiesbaden gekommen war. Es drängt sich nun wirklich die Vermutung auf, stärker als zwei Jahre zuvor: Das Roulette war ihm wichtiger als Polina und er konnte den „Konsum“ seiner „Droge Glücksspielen“ nicht mehr kontrollieren. Wenn er sich zu diesem Zeitpunkt das bewusst gemacht und konsequent auf weitere Casino-Besuche verzichtet hätte, wäre ihm (und anderen) viel Leid erspart geblieben. – Je früher sich jemand klar macht, dass er am Beginn einer Suchtkarriere steht und deshalb „konsequent aufhören“ muss, desto leichter gelingt ihm dies dauerhaft. (Ein Erfahrungssatz besagt: „Bisschen schwanger gibt es nicht. Wer bisschen süchtig ist, ist schon süchtig.“)

Als Wrangel ihm endlich etwas Geld schickte, nahm es der Hotelwirt gleich an sich, der ihm mit einer Anzeige bei der Polizei gedroht hatte, was Dostojewski sicherlich sehr peinlich war. Die Heimreise erfolgte über Kopenhagen, Wrangels wegen. – Wenn Wrangel ihm in dieser existenziellen Krise nicht geholfen und der Wirt tatsächlich die Polizei eingeschaltet hätte, was wäre dann aus Dostojewski geworden? Jedenfalls: Er wäre nicht in diese gefährliche Krise geraten, wenn er nicht ins Casino gegangen wäre. (Dieser Aspekt ist nur scheinbar banal.) Angesichts des „Wahnsinns“ seines Glücksspielens würde ein heutiger Suchtberater ihm dringend empfehlen, ab sofort auf Casinobesuche völlig zu verzichten.

Die Reise mit Anna

Der Roman „Der Spieler“ basiert auf den Erlebnissen von Dostojewski mit dem Roulette während der zweiten und dritten Westeuropareise. Zu Beginn der Niederschrift des Romans 1866 stand Dostojewski bereits unter massivem Zeitdruck: Wenn er den vereinbarten Abgabetermin nicht eingehalten hätte, hätte dies für ihn sehr bittere finanzielle Konsequenzen gehabt. In diesem Fall hatte er im Leben jedoch wirkliches Glück.

Aus einem Brief von Dostojewski an seine Freundin Polina vom 5. Mai (bzw. vom 23.04. nach Julianischem Kalender) 1867, aus Dresden ergibt sich:

„(…) Ich habe nämlich im Februar dieses Jahres geheiratet! Dem Vertrage mit Stellowski entsprechend, war ich verpflichtet, ihm bis zum 1. November des vorigen Jahres einen neuen Roman von nicht weniger als zehn gewöhnlichen Druckbogen zu liefern, widrigenfalls ich ihm einen bedeutenden Schadenersatz zu leisten gehabt hätte. Gleichzeitig schrieb ich auch einen Roman für den ‚Russki Westnik‘, 24 Bogen waren schon fertig und es blieben noch 12 Bogen zu schreiben. Nun kamen noch die 10 Bogen von Stellowski hinzu. Es war schon der 4. Oktober und ich hatte noch nicht einmal angefangen. Milukow riet mir, einen Stenografen zu nehmen und den Roman zu diktieren, wodurch es möglich sein werde, die Sache in einem Viertel der Zeit zu erledigen. Olchin, ein Professor der Stenografie, schickte mir seine beste Schülerin, und wir wurden denn auch bald einig. Meine Stenografin, Anna Grigorjewna Snitkina, war ein junges und ziemlich hübsches Mädchen, zwanzig Jahre alt, aus guter Familie, die das Gymnasium mit Auszeichnung absolviert hatte, ein außerordentlich gütiger und lauterer Charakter. Die gemeinsame Arbeit ging vortrefflich vonstatten. Am 28. Oktober war der Roman ‚Der Spieler‘ (jetzt bereits gedruckt) in vierundzwanzigtätigem Diktat fertig. Als wir beim Schluss des Buches angelangt waren, bemerkte ich, dass die Stenografin, wenn sie auch niemals ein Wort davon gesagt hatte, eine aufrichtige Neigung zu mir gefasst hatte; mir wiederum gefiel sie täglich mehr und mehr. Da seit dem Tode meines Bruders mein Leben sich so öde und schwer gestaltet hatte, habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht; sie willigte ein, und nun sind wir vermählt. Die Altersdifferenz ist furchtbar groß, zwanzig und vierundvierzig, aber ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass ich sie glücklich machen werde. Sie hat Herz und versteht zu lieben.“

Man kann wohl sagen, dass Anna Grigorjewna – seine zweite Frau – 20 Jahre alt, 24 Jahre jünger als er, nicht nur in seiner oben geschilderten Notsituation, sondern für sein ganzes weiteres Leben sein großes und wirkliches Glück war. Sie wurde zunehmend die Managerin des ziemlich schlecht organisierten Dichters und schaffte es im Laufe der Zeit, dass er nach und nach aus dem ständigen Schuldendruck herauskam.

Zum Zeitpunkt seiner Heirat war der Schuldendruck für Dostojewski so groß, dass ihm das Schuldnergefängnis drohte. So war die Hochzeitsreise nach Westeuropa weit eher eine Flucht vor den Gläubigern. Zudem hoffte er, im Ausland ruhiger und konzentrierter als Schriftsteller arbeiten zu können. Im April 1867 brachen sie auf, zwei Monate nach der Heirat. Geplant war eine Reisedauer von wenigen Monaten, sie kehrten jedoch erst nach vier Jahren zurück.

Was ist überhaupt Glücksspielsucht?

Es geht bei den Glücksspielen – im Gegensatz zu den Kompetenzspielen – hauptsächlich um den Irrglauben, mächtiger zu sein als der Zufall, von der Glücksgöttin bevorzugt zu werden und so weiter. Das Wort „Glücksspielsucht“ ist im Wesentlichen identisch mit „Wettsucht“. Frühere Begriffe sind: Spielleidenschaft, Spielwut, Hasardeur zu sein. Glücksspielen hat wenig mit dem kindlichen, unterhaltenden oder kreativen Spielen („homo ludens“) gemeinsam. Glücksspiele sind Wettkämpfe mit Einsatz von Geld oder Werten, bei denen der Zufall (das „Glück“) entscheidet. Beim Glücksspiel löst jeder neue Einsatz von Geld mit der Chance auf Gewinn und dem Risiko des Verlusts, durch Erwartung und Vorfreude, einen angenehmen Erregungsschub aus. Ein Gewinn erzeugt eine Art Euphorie, der Spieler fühlt sich groß und mächtig. Da dieser „Kick“ nur kurz anhält, wird rasch das nächste Glücksspiel begonnen. Nach Verlust des Einsatzes wird die Enttäuschung durch einen raschen neuen Einsatz überwunden, was nur bei Glücksspielen mit hoher Ereignisfrequenz wie Roulette oder an den Glücksspielautomaten möglich ist. Während des, meist stundenlangen, Glücksspielens fühlt sich der Spieler wie in einer „anderen Welt“, wie in einem Rauschzustand. Die alltägliche Realität ist vergessen. Glücksspiele haben dann die gleichen Effekte wie Betäubungsmittel. Interessierte Kreise haben die Fehlinformation verbreitet, es gebe einen „Spieltrieb“. Eher sind vermutlich beim Glücksspiel Rudimente eines steinzeitlichen Kampf- und Jagdtriebes von Bedeutung. Manche Spieler sagen allerdings, sie hätten den Kick beim Glücksspielen erlebt wie einen Orgasmus.

Beim Glücksspielen entstehen drogenähnliche Wirkungen im Gehirn beziehungsweise in der Psyche, die ähnlich sind wie die von Kokain. Der glücksspielbedingte Rauschzustand ist auch nach Konsumentenschilderungen mit dem Kokainrausch vergleichbar. Es ist zudem durch wissenschaftliche Untersuchungen nachgewiesen, dass es im menschlichen Gehirn während des Glücksspielens zu sehr ähnlichen neurobiologischen Veränderungen kommt wie beim Konsum von Kokain oder Psychostimulanzien. Deshalb kann man Glücksspielen (als Verhalten bzw. Tätigkeit) als Suchtmittel (Droge) bezeichnen. Wie Alkohol und Nikotin ist Glücksspielen eine legale Droge.

Glücksspielsucht ist die häufigste und bekannteste Form von Verhaltenssucht. In den letzten Jahren hat das wissenschaftliche Interesse an der Verhaltenssucht erheblich zugenommen (Grüsser und Thalemann 2006). Andere Formen sind beispielsweise Kaufsucht, Sammelsucht, Internetsucht, Bulimie („Fresskotzsucht“). Gebräuchlich ist auch noch der Begriff „nichtsubstanzgebundene Suchtformen“; in den 1930er Jahren sprach man – eigentlich exakter – von „Tätigkeitssucht“.

Der Begriff „hohes Suchtpotenzial“ bedeutet, dass eine Droge besonders stark suchtbildend ist. Von den Glücksspielen haben Roulette und insbesondere die Glücksspielautomaten in den Casinos und den Spielhallen ein besonders hohes Suchtpotenzial; es ist wesentlich höher als das von Lotto. Roulette und Glücksspielautomaten sind deshalb „harte Drogen“. Die Spielhallen-Geldspielautomaten werden allerdings offiziell nicht als Glücksspielautomaten bezeichnet, obwohl sie es eindeutig sind.

Durch die schrittweise Aufrüstung der psychologisch äußerst raffinierten elektronischen Spielhallen- und Casino-Glücksspielautomaten wurde deutlich: Das Suchtpotenzial eines Glücksspiels wird unter anderem dadurch erzeugt, dass es besonders rasch abläuft („Ereignisfrequenz“), also nur wenige Sekunden oder Minuten dauert. Von Bedeutung ist auch, ob bei dem Spieler eine Kompetenzillusion erzeugt wird, das heißt, dass er glaubt, das Spiel steuern zu können, was bei einem Zufallsspiel nicht möglich ist. Glücksspiele sind zumindest für süchtig gewordene Glücksspieler in Wirklichkeit „Unglücksspiele“.