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Der Staatskassenraub: Das Gesetz war die Kälte Ein moralischer Politthriller, der die dunkelsten Mechanismen der Macht und die kalte Logik des Gesetzes freilegt. In einer Zeit, in der das Vertrauen in den Staat erodiert, geschieht das Unvorstellbare: Ein Raub findet nicht in einer Bank statt, sondern in der Staatskasse selbst – als perfekter Systemfehler, der kaum als Verbrechen identifiziert werden kann. Arnold Schiller führt den Leser in ein Netz aus politischer Intrige, Machtmissbrauch und philosophischer Kälte, das bis in die höchsten Ebenen des Staates reicht. Es geht nicht nur darum, wer das Geld genommen hat, sondern warum das System es zugelassen hat. Die Jagd auf die Täter wird schnell zur Jagd auf eine Wahrheit, die tiefer sitzt als jede Korruption: Sie enthüllt die Rechtsphilosophie der Mächtigen, in der das Gesetz zur Kälte wird – ein emotionsloses Instrument, das die Existenz der Einen sichert und die der Anderen vernichtet. Dieser Thriller nimmt die strukturelle Ungerechtigkeit auseinander und frägt: Was ist die "Gemeinsame Sache" wert, wenn der Staat selbst zum Täter wird? Für alle, die Romane suchen, die über die reine Spannung hinausgehen und Cum-Ex wie Wirecard wahrgenommen haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Arnold Schiller
Der Staatskassenraub
Das Gesetz war die Kälte
Arnold Schiller
Der Staatskassenraub
Das Gesetz war die Kälte
Roman
Texte: © 2025 Copyright by Arnold Schiller
Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Arnold Schiller
Verlag:
Arnold Schiller
Meggendorferstr. 28
80992 München
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Vorwort: Eine Warnung
Liebe Leserin, lieber Leser,
bevor Sie sich in die Welt von Mascha Derovic und dem Aeternum-Score stürzen, eine kurze Warnung – besonders an alle, die ihr Geld mit IT, Buchhaltung, Juristerei oder Verwaltung verdienen.
Dies ist ein Roman. Eine Geschichte.
Sie werden auf Algorithmen stoßen, die so nicht funktionieren. Auf Büroabläufe, die keinem Dienstweg folgen. Auf technische Erklärungen, bei denen Sie sich die Haare raufen werden. Das ist in Ordnung. Tun Sie es. Ich habe es beim Schreiben auch getan.
Denn diese Details sind nicht der Kern. Sie sind das Gefäß, nicht der Wein.
Die $Variablen in diesem Buch – seien sie nun technischer, bürokratischer oder juristischer Natur – dienen einem Zweck: Sie halten die Geschichte am Laufen. Sie übersetzen eine unbequeme Wahrheit in die Sprache der Fiktion. Die Wahrheit nämlich, dass Systeme kalt werden können, wenn die Menschen in ihnen zu reinen Dateneinheiten degradiert werden.
An die Fachleute unter Ihnen: Sie kennen die Realität. Sie wissen, wie kompliziert, redundant und oft auch absurd sie ist. Aber bitte, tun Sie mir einen Gefallen: Vergessen Sie sie für ein paar Stunden. Lassen Sie sich nicht von der Fachsimpelei davon ablenken, worum es wirklich geht. Es geht nicht um die Perfektion des Wie, sondern um die Wahrheit des Was.
Und an alle anderen: Keine Sorge. Sie müssen nichts davon verstehen. Glauben Sie einfach der Geschichte. Vertrauen Sie Mascha. Und fragen Sie sich am Ende: Wie viel Kälte bin ich bereit zu akzeptieren, im Namen der Effizienz?
Dieses Buch ist keine Anleitung, ein System zu hacken. Es ist der Versuch, ein menschliches Gefühl in einer unmenschlichen Maschinerie zu verorten.
Viel Vergnügen – und vielleicht auch ein wenig Unbehagen – beim Lesen.
Ihr
Arnold Schiller
Kapitel 1: Der Aktenvermerk
Der Aktenvermerk war älter als ihr Zorn.Zwischen vergilbten Formularen ihrer Mutter steckte ein dünnes, graues Blatt – ein Eintrag aus einer Zeit, in der Überleben als Betrug galt. Mascha Derovic hatte ihn nie vergessen. Jedes Mal, wenn sie den Namen Eben, Alfred, Dr. las, hörte sie wieder das trockene Rascheln von Papier und den Satz, der ihre Kindheit zementierte:„Leistungsbetrug festgestellt – Rückforderung veranlasst.“
Zwanzig Jahre später roch sie denselben Staub wieder. Nur diesmal lagen die Akten auf ihrem eigenen Tisch – nicht aus einem Sozialamt, sondern aus dem Finanzministerium der Bundesrepublik Deutschland. Und wieder war ein Name darin gestrichen worden: Aeternum GmbH. Eine Firma, die offiziell nie existiert hatte.
Es war kurz nach elf am Abend. Berlin hielt den Atem an, dieser Moment zwischen den Nachrichten und dem letzten U-Bahn-Zug.Mascha saß in ihrer kleinen Altbauwohnung in Neukölln, Laptop offen, die Schreibtischlampe war das einzige Licht.Vor ihr zwei Stapel Papier: links die alte Akte ihrer Mutter, rechts ein dicker Ordner, beschriftet mit einem einzelnen Wort in schiefer Männerhandschrift:„Staatskassenraub“.
Den hatte ihr Dr. Eben vor drei Wochen geschickt, kurz bevor sein Herz stehen blieb.
Ob Zufall oder nicht – im beigelegten Brief stand nur ein einziger Satz:
„Ich habe mich damals an das Gesetz gehalten. Ich sterbe, weil ich jetzt verstehe, dass das Gesetz die Kälte war.“
Mascha lehnte sich zurück. Der Satz war kein Geständnis. Er war ein Vermächtnis.
Sie öffnete den Entwurf auf dem Bildschirm: ein harmloser Fachartikel für FiskalWache.de, einem Blog für Steuerrecht, den kaum jemand las – außer den richtigen Leuten.Sie scrollte bis zum unscheinbaren Absatz in der Mitte, las den Satz laut:„Ermittlungsverfahren beendet: Unternehmen Aeternum GmbH wurde aus der Akte entfernt, da nicht systemrelevant.“Ein unscheinbarer Satz für alle – außer den Eingeweihten. Für den Finanzminister war es eine Sirene.
Mascha klickte auf „Senden“.Ein kleines Fenster poppte auf: Artikel veröffentlicht.Sie schloss den Laptop. Die Falle war gestellt.
Draußen begann es zu regnen. Der Ton auf dem Blechdach klang wie das Ticken einer Uhr, die jemand aufgezogen hatte.Mascha legte den Kopf in die Hände und wartete auf die Stille nach dem Sturm.
Kapitel 2: Die Temperatur des Schweigens
Der Regen hatte gegen Mitternacht aufgehört.Mascha saß noch immer am Schreibtisch. Das Licht der Lampe war schwächer geworden, gelblich, als würde auch sie langsam ermüden.Der Laptop war zugeklappt, doch sein kalter Metallkörper strahlte die Hitze des Entschlusses noch in den Raum.
Sie hatte gesendet.Das war der Moment, in dem andere schlafen gingen – und sie wusste, dass sie das nicht mehr konnte.
Auf dem Tisch lag der Brief von Dr. Eben, sein Satz noch einmal mit Bleistift unterstrichen:„Das Gesetz war die Kälte.“
Sie hatte ihn dreimal gelesen, und jedes Mal klang er anders.Beim ersten Mal wie Reue. Beim zweiten wie Beichte. Beim dritten wie Warnung.
Mascha stand auf, ging zum Fenster.Draußen war Berlin leer, nur ein einsamer Bus bog in die Karl-Marx-Straße, der Asphalt glänzte noch nass.Sie öffnete das Fenster einen Spalt, atmete die Nachtluft ein.Der Geruch erinnerte sie an die Kellerräume des Sozialamts, in denen sie als Kind mit ihrer Mutter gewartet hatte – dieser Mix aus Reinigungsmittel, feuchtem Papier und Angst.
Danica Derovic hatte nie über diesen Tag gesprochen, an dem der Aktenvermerk geschrieben wurde.Aber Mascha erinnerte sich an ihre Hand, wie sie zitterte, als sie den Brief öffnete.„Die sagen, ich habe gestohlen“, hatte sie gesagt. Und Mascha, zehn Jahre alt, hatte geantwortet: „Dann geben wir es zurück.“„Man kann Zeit nicht zurückgeben, Kind“, hatte Danica leise gesagt.
Mascha schloss das Fenster wieder.Die Stille im Raum war dicht, beinahe körperlich.Sie ging zurück zum Tisch, nahm Dr. Ebens Brief in die Hand und drehte ihn um. Auf der Rückseite klebte noch der Schatten eines Büroklammers, eine kleine Spur der alten Ordnung, aus der er kam.
Sie fragte sich, ob er wirklich gestorben war – oder ob der Tod nur die letzte Form seiner Disziplin gewesen war.Ein Beamter, der auch beim Sterben noch eine Frist einhielt.
Sie setzte sich wieder, zog die alte Akte ihrer Mutter näher heran.Die Formulare waren mit Schreibmaschine ausgefüllt, manche Buchstaben leicht versetzt, wie Zähne, die nicht mehr passten.Oben rechts das Wort „Rückforderung“, daneben ein Stempel, halb verwischt: „Erledigt“.
Erledigt.Mascha fuhr mit dem Finger darüber.So nannte man es, wenn ein Leben in den Akten abgeschlossen war.Ein Begriff ohne Blut, ohne Geruch, ohne Geschichte.
Sie öffnete den Ordner mit der Aufschrift „Staatskassenraub“.Die Seiten rochen nach Metall, nach Druckerfarbe, nach der neuen Zeit.Alt und neu lagen nun nebeneinander – zwei Sprachen derselben Macht.
Mascha nahm ihren schwarzen Lackstift, zog eine Linie zwischen den beiden Akten.Ein Strich, kein Kommentar.Sie sah ihn an, wie eine Grenze, die sie selbst gezogen hatte.Links die Schuld ihrer Mutter. Rechts die Schuld des Staates.
Zum ersten Mal fühlte sie nicht nur Wut, sondern etwas Kühleres, Schwereres.Eine Art mathemische Traurigkeit.Vielleicht war das die Kälte, von der Eben gesprochen hatte – nicht das Fehlen von Mitgefühl, sondern das Übermaß an Berechnung.
Mascha legte den Stift weg.Sie ließ das Licht an, als sie sich auf das Bett legte.Die Schatten der Papierstapel zeichneten sich an der Wand ab wie Türme, die in der Nacht weiterwuchsen.
Sie wusste, dass sie morgen aufwachen würde – und dass die Welt dann bereits angefangen hatte, auf ihre Tat zu reagieren.Aber noch war es still.Noch gehörte die Nacht ihr.Die Temperatur des Schweigens: drei Grad über null.Gerade genug, um nicht zu erfrieren.
Kapitel 3 : Morgen über Neukölln
Mascha wachte auf, bevor der Wecker klingelte.Ein grauer Streifen Licht schlich sich durch die Ritzen der Jalousie. Draußen hörte man das ferne Rumpeln der Müllabfuhr, irgendwo klapperte eine Straßenbahn über alte Schienen. Berlin war wach, noch müde, aber in Bewegung.
Sie blieb kurz liegen, die Decke bis zum Kinn, der Laptop auf dem Nachttisch.Der Artikel war online. Die Falle lief.Ein Teil von ihr wollte aufspringen, checken, ob ihn jemand gelesen hatte. Der andere Teil wusste: Wenn du den Köder ausgelegt hast, darfst du dich nicht bewegen.
Sie stand auf, barfuß, zog einen grauen Pullover über und ging in die kleine Küche. Kaffeemaschine, Toaster, eine Packung billiger Cornflakes. Routine.Ihr Blick fiel auf die Pinnwand über der Spüle. Zwischen Notizzetteln und alten Presseausweisen klemmte ein Foto: sie und ihre Mutter, vor einem Wohnblock in den Neunzigern. Die Mutter im geblümten Kleid, die Hände tief in den Hüften, Mascha zehn Jahre alt, mit zu großen Sandalen und einem Ausdruck, der schon damals keine Schwäche kannte.
„Ein Name wie Sonne“, hatte ihre Mutter Danica immer gesagt, „aber die Sonne brennt, Kind. Sie wärmt nicht alle.“
Danica war mit Mascha 1994 aus Bosnien gekommen.Kein Land wollte sie, kein Formular passte auf sie. „Staatslos“ stand in den ersten Papieren.Deutsch lernte sie nie richtig, sie mischte alles: serbisch, deutsch, ein bisschen österreichisch von den Nachbarn. Mascha übersetzte schon mit acht die Briefe vom Amt, und wenn sie das falsche Wort wählte, kostete es sie Geld.
Das machte sie zäh.Sie lernte früh, dass Sätze Macht haben. Und dass Wahrheit nichts wert ist, wenn sie in der falschen Sprache kommt.
Der Kaffee blubberte. Sie goss ihn in die Tasse, nahm einen Schluck und sah aus dem Fenster. Draußen, auf dem Balkon gegenüber, hing ein Mann die Wäsche auf. Ein anderer schob ein Fahrrad durch den Innenhof. Alles wirkte normal – und genau das machte sie nervös.
Mascha nahm den Rucksack vom Haken, den sie seit Tagen gepackt hielt.Laptop, Unterlagen, Dr. Ebens Akte, Notizblock, der schwarze Lackstift.Dann den Autoschlüssel. Ihr alter Golf, staubgrau, unauffällig. Sie hatte ihn geerbt, genau wie die Hartnäckigkeit ihrer Mutter: alt, laut, aber unzerstörbar.
Die Fahrt durch Berlin war ein Stück Heimat und Flucht zugleich.Sie kannte jede Ecke, jede Ampel. Zwischen Hermannplatz und Potsdamer Straße flirrte der Verkehr wie ein Organismus, den niemand wirklich kontrollierte.
An der Ampel vor dem Landwehrkanal vibrierte ihr Handy.Eine SMS, nüchtern, ohne Logo:
Ihre Kontoverbindung wurde bis auf Weiteres aus sicherheitstechnischen Gründen gesperrt. Bitte wenden Sie sich an Ihre Filiale.
Mascha starrte auf den Text.Ein Satz, kalt wie Eiswasser.
Kapitel 4: Der Mentor
Der Verkehr floss wie ein träger Strom aus Stahl und Abgas.Mascha hielt sich an der Mittellinie der Stadt fest – einer unsichtbaren Achse, die vom Hermannplatz bis zum Tiergarten führte.Auf der Rückbank der Aktenordner, neben ihr der Geruch von Papier und Staub, der inzwischen ihr zweites Parfum war.
Sie fuhr langsamer, als nötig. Nicht aus Vorsicht – aus Aufschub.Die Fahrt zum Juridicum war eine Rückkehr, und Rückkehr bedeutete immer, einer früheren Version von sich selbst zu begegnen.
Sie erinnerte sich an den ersten Tag bei Konrad.Seminarraum 214, Staatsrecht III.Er hatte den Satz an die Tafel geschrieben:„Das Gesetz ist der Versuch, Ordnung aus Angst zu machen.“Dann hatte er sich umgedreht, die Hände in den Taschen, und gefragt:„Wer hier glaubt, dass Ordnung Gerechtigkeit schafft?“Nur Mascha hatte die Hand gehoben.Er hatte gelächelt. Nicht spöttisch, sondern traurig.„Dann passen Sie auf, Frau Derovic. Wenn Sie das lange genug glauben, arbeiten Sie irgendwann im Ministerium.“
Jetzt dachte sie daran, und das Lächeln tat weh.
Der Regen hatte aufgehört, aber die Straßen glänzten noch wie Spiegel.Ampeln wechselten träge von Rot zu Grün, als würde die Stadt selbst überlegen, ob sie weitermachen wollte.Mascha fuhr am Anhalter Bahnhof vorbei, wo die Fassade des alten Postamts in der Sonne dampfte.Hier hatte sie früher mit Konrad Kaffee getrunken, nach seinen Vorlesungen.Er war einer der wenigen, die ihre Fragen ernst genommen hatten.Nicht, weil sie klug waren, sondern weil sie unbequem waren.
Er hatte ihr einmal gesagt:„Es gibt zwei Sorten Juristen, Mascha. Die, die das Gesetz anwenden, und die, die prüfen, ob es noch Mensch enthält.“Damals hatte sie gelacht. Heute wusste sie, dass er es ernst gemeint hatte.
Ein Motorrad zog neben ihr vorbei, viel zu nah.Mascha zuckte nicht. Sie spürte, wie sich die Stadt gegen sie richtete, als wäre sie bereits unter Beobachtung.Die Ampeln wechselten immer genau dann auf Gelb, wenn sie ankam.Die Radiosender rauschten.Kleine Unregelmäßigkeiten – oder nur Paranoia.
Sie schaltete das Radio aus.Stille. Nur der Motor und ihr Atem.
Einmal glaubte sie, im Rückspiegel einen grauen Transporter zu sehen, der ihre Spur hielt.Sie bog zweimal ab, ohne Grund, und der Wagen fuhr weiter geradeaus.Vielleicht Zufall. Vielleicht Statistik.
Vor einer roten Ampel griff sie nach dem alten Notizbuch, das zwischen den Sitzen klemmte.Ein Zitat stand auf der ersten Seite, von Konrad:„Die Akte ist der Schatten des Menschen – und jeder Schatten ist länger, wenn das Licht kälter wird.“
Mascha schloss das Buch wieder.Sie wusste, dass sie in ein Gebäude fahren würde, das keine Schatten mehr hatte.Weil jemand beschlossen hatte, sie auszulöschen.Nicht sie als Person – sondern ihre Spur.
Ein Anflug von Müdigkeit stieg in ihr auf, diese bleierne Schwere, die man bekommt, wenn man begreift, dass Wahrheit kein Ziel ist, sondern ein Temperaturbereich.Zu heiß – man verbrennt.Zu kalt – man erfriert.
Die Ampel sprang auf Grün.Mascha legte den Gang ein und fuhr los.Der Campus des Juridicums lag keine fünf Minuten mehr entfernt.
Im Seitenfenster glitt das Ministerium vorbei – grauer Stein, spiegelnde Scheiben, ein Monolith der Neutralität.Mascha dachte:Darin wird Wahrheit auf DIN-A4-Größe gepresst.
Sie musste nicht raten, von wem das kam.Der Minister hatte den Köder gesehen. Und er hatte angebissen.
Der Mann im Anzug im Wagen neben ihr hupte, die Ampel sprang auf Grün. Sie legte den Gang ein, fuhr an – und wusste, dass es kein Zurück mehr gab.
Vor ihr lag der Campus des Juridicums. Und irgendwo dahinter Professor Konrad, der einzige Mensch, der ihr helfen konnte, das zu verstehen, was sie gerade losgetreten hatte.
Kapitel 5: Die Falle
Der Campus des Juridicums lag still in der Vormittagskälte. Glasfassaden spiegelten das graue Licht, Studenten huschten über den Hof, Köpfe gesenkt, die Hände an Pappbechern.Mascha parkte den alten Golf in zweiter Reihe. Sie ließ den Motor noch einen Moment laufen – nicht, weil sie ihn brauchte, sondern weil das Brummen Sicherheit vorgaukelte.
Professor Konrad hatte ihr in der Nacht noch eine kurze Nachricht geschickt: „Kommen Sie vormittags. Diskret.“Das war alles.Sie hatte ihn früher bewundert – ein Mann, der Paragrafen kannte, aber auch den Dreck darunter.Wenn jemand die Codes in Ebens Unterlagen verstehen konnte, dann er.
Mascha nahm den Rucksack vom Beifahrersitz, überprüfte automatisch, ob die Mappe mit den Dokumenten noch da war.Dann stieg sie aus.
Der Wind war schneidend, trug den Geruch von Regen und Metall mit sich. Sie überquerte die Straße, ging an den gläsernen Eingängen vorbei zu einem Seitenflügel.Konrads Büro befand sich in einem älteren Teil des Gebäudes – hohe Decken, Holztreppen, der Geruch von Büchern und Staub.
Sie war schon fast bei seiner Tür, als sie innehielt.Ein schmaler Streifen Licht fiel unter der Tür hindurch. Offen.Ungewöhnlich.
Sie klopfte. Keine Antwort.Noch einmal.Stille.
Sie drückte die Klinke herunter.
Das Büro war leer.Nicht unordentlich – leer.Keine Bücher, keine Akten, kein Schreibtisch. Selbst der Teppichboden fehlte. Nur der graue Beton.Es roch nicht nach altem Papier, sondern nach etwas anderem. Metallisch.Reinigungsmittel und Kälte.
Ein Mann in dunklem Overall stand am Fenster. Er wischte die Fensterbank mit einem Tuch, langsam, präzise, als arbeite er nach einer Checkliste.Mascha blieb stehen.„Professor Konrad?“ fragte sie.
Der Mann drehte sich nicht um.„Ist umgezogen,“ sagte er. Die Stimme war flach, fast tonlos.„Gestern.“
Mascha spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.Das war kein Umzug. Das war eine Löschung.
Sie machte einen Schritt zurück, vorsichtig, den Blick weiter auf ihn gerichtet.Seine Bewegungen waren ruhig, mechanisch, wie die eines Technikers, der weiß, dass er fertig wird.Dann stoppte er, legte das Tuch ab – und sah sie an.Kein Ausdruck. Keine Neugier. Nur kalte, blanke Wahrnehmung.
In diesem Moment vibrierte Maschas Handy.Sie zog es nicht heraus, aber sie sah das kurze Aufleuchten: eine Nachricht, keine Nummer, nur Text.
„Sie triangulieren dein Haupt-Handy. Weg. Jetzt.“
Sie drehte sich zur Tür, zwang sich, ruhig zu bleiben. Kein Rennen. Kein Zittern.„Richten Sie bitte aus, dass ich später wiederkomme,“ sagte sie, ohne zu wissen, warum. Ihre Stimme klang fast normal.Dann verließ sie den Raum, gleichmäßig, Schritt für Schritt, bis sie draußen war.
Erst im Flur beschleunigte sie, nahm die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal.Draußen atmete sie die kalte Luft, als wäre sie durch Wasser getaucht worden.Der Golf stand noch da.Sie stieg ein, startete, legte den ersten Gang ein – und fuhr los, ohne in den Rückspiegel zu schauen.
Hinter ihr blieb nur ein Büro, das keines mehr war, und ein Mann, der Spuren löschte, die nicht mehr existieren sollten.
Mascha wusste jetzt, was Ebens Satz wirklich bedeutete:Das Gesetz war die Kälte.Und irgendjemand hatte entschieden, dass sie die nächste Variable in dieser Gleichung war.
Kapitel 6: Schatten im Netz
Mascha lief durch die Straßen, die Gedanken rasend wie der Regen auf dem Asphalt. Konrad war weg – aber die Lücke, die er hinterlassen hatte, war kein bloßes Fehlen. Es war ein Alarm. Ein Echo, das sofort Antworten verlangte, die sie nicht hatte.
Sie bog in eine enge Gasse. Die Menschenmengen auf den Hauptstraßen waren vorbei, nur ein paar verkrüppelte Mülltonnen und das Rattern der Regenrinne begleiteten sie. Ihr Herz pochte, aber nicht panisch. Eher mechanisch, wie eine Maschine, die wusste, dass sie funktionieren musste.
Das Prepaid-Handy vibrierte erneut. Sie zog es aus der Jackentasche. Keine Nummer, nur Text:
„Sie sind beobachtet. Schritt zwei: Verlassen Sie das Auto.“
Mascha schluckte. Der Hinweis war konkret, und der Ton war neutral, kalt. Jemand wusste, was sie tat – oder kontrollierte, was sie tat.
Sie blieb stehen, lauschte. Kein Geräusch, nur Regen. Aber Instinkt sagte ihr, dass er schon da war: der Schatten, der die Stadt wie ein Schachbrett sah.
Sie entschied, keine Anzeichen von Panik zu zeigen. Schritt zwei: Sie musste das Auto zurücklassen, den Wagen als Lockvogel nutzen. Aber wohin? Wohin, wenn jede Straße, jedes Parkhaus, jede Tankstelle überwacht werden konnte?
Mascha zog den Rucksack enger an sich, überprüfte die Mappe mit den Dokumenten. Alles da. Sie durfte nichts verlieren, keinen Hinweis, keine Spur, die auf sie zurückführte.
Der Regen hatte nachgelassen. Eine kurze Pause. Sie bewegte sich wieder, langsamer jetzt, vorsichtiger. Überall in Berlin konnte jemand lauern, der wusste, wann sie atmete, wann sie eine Tür öffnete, wann sie einen Schritt zur Seite machte.
Eine kleine Nachricht blinkte auf dem Handy auf. „Nicht allein.“
Mascha sah sich um. Niemand. Nur das dumpfe Echo ihrer eigenen Schritte.
„Gut“, murmelte sie. „Dann bin ich nicht allein – aber auch nicht sicher.“
Sie beschloss, nicht zurückzublicken. Jeder Blick könnte registriert werden. Jeder Gedanke, den sie laut aussprach, konnte gelesen werden. Sie musste verschwinden, bevor sie selbst zur Zielscheibe wurde.
Berlin war groß. Aber groß genug, um ein Phantom zu werden, wenn man schnell genug handelte.
Die Entscheidung war gefallen. Sie würde untertauchen. Nicht für immer. Nur lange genug, um herauszufinden, wer Konrad ausgelöscht hatte – und warum sie als Nächste vorgesehen war.
