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Ein Übergriff auf eine schöne junge Frau. Ein langjähriger Grenzkonflikt. Die verletzte Ehre eines germanischen Stammes. Viele Sippen und einer ihrer Krieger reisen zu einem Thing, die Schmach muß beendet und Recht wieder hergestellt werden. Die seherische Gabe vom Eheweib des Kriegers läßt Ungutes erahnen und welche Bedeutung besitzt die Handspindel die sie ihm mitgibt? Ein Rachefeldzug beginng hinter der Grenzmauer des Südens. Wem schenken die Götter bei dieser Unternehmung ihre Gunst?
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2019
Der Suebe
Friedrich Toni Welzmiller
(C) 2019 Friedrich Toni Welzmiller - „Der Suebe“ Umschlagsgestaltung / Ölgemälde: Karla Schupfner Die Rechte des Gemäldes liegen bei der Künstlerin Karla Schupfner. Der Autor besitzt das Einverständnis zur Verwendung im Rahmen dieses Werkes.
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
978-3-7482-3808-9 (Paperback)
978-3-7482-3809-6 (Hardcover)
978-3-7482-3810-2 (e-Book)
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Inhalt
Zu Hause
Am heimischen Feuer
Die Abreise
Ferun und die Eisensucher
Das Thing
Nacht der Entscheidung
Der Abmarsch
„Sie kommen!“
Hunger und Warten
Angst vor Wölfen
Blut an der Alkmuna
Die Vorbereitungen
Vetoniana
Feuer
Kein Entkommen
Im Nebel
Im Ungewissen
Die Jagd
Entsetzen
Spuren im Schnee
Die Halle
Freiheit?
Ylvies Geschenk
Für meine liebe Freundin und Großmutter
Elsa Brigitte
in dankbarer Erinnerung
AHNENÄHREN
Ich sehe ein Land voll Stärke und Zuversicht,
die Kinder draußen auf den Wiesen spielen,
hier scheint die Sonne hell und warm uns ins Gesicht,
stolze Fachwerkhäuser stehen ehrwürdig auf den Fluren,
es lebt die freudige Gemeinschaft des Mutes,
viele Vögel besingen melodisch den weiten Horizont,
alte Lieder erklingen im neuen Stimmenklang,
der Duft des Waldes weht sanft herüber,
vergessene Gedichte werden wiederentdeckt,
zärtlich windet sich dort ein klarer Fluß hervor,
Ehre und Sinnhaftigkeit durchströmen das grüne Land,
die Hügel liegen immerdar, die Berge thronen fern,
als Schwestern und Brüder lachen wir zusammen jetzt,
während die Ähren im Felde der Gischt gleich rauschen,
die Dämmerung war seit jeher vor dem Tag,
drum wahrlich fürchten wir sie beide nicht,
entzündet die lodernden Feuer, tanzet um sie herum,
unsere Ahnen sind um uns und wir, und deshalb nicht stumm! (2012)
Zu Hause
„Agilulf!“ erschallte der Ruf einer körnigen Männerstimme quer über das Feld, um am Siedlungsrand am Ende der Fluren, in den tiefen Tannenwäldern in einem Echo zu verhallen.
Agilulf, der erst vor kurzem auf das Feld getreten war, um seine Steckrüben wie jeden Morgen zu überprüfen, mußte sich gewiß nicht umdrehen um zu wissen wer ihn da gerade gerufen hatte.
Aus der Hocke heraus stand Agilulf auf, riß dabei eine Steckrübe aus der lehmigen Erde heraus.
„Volkhard!“ rief er die beinahe einhundert Ellen lange Strecke bis zu seinem Gehöft, an dem sein Onkel stand zurück.
„Ich sehe dich!“
„Und ich sehe dich!“ antwortete sein Onkel, dabei die rechte Hand zum Gruße erhebend. Agilulf tat es ihm gleich und begann zum Wohnhaus zu gehen, dabei achtete er vorsichtig darauf nicht auf die Rüben zu treten, die er heute noch ernten wollte.
Agilulf grinste über beide Backen. Er war sehr froh wieder einmal seinen Onkel seit dem letzten Spätherbst zu sehen. Sein Eheweib, seine Kinder und er würden heute wieder einige Geschichten zu hören bekommen, Onkel Volkhard steckte voll von ihnen. Volkhard, der am letzten Julfest nun fünfzig Jahre alt geworden war, wenn Agilulf sich da nicht verrechnete, war der Bruder seiner Mutter. Ein Bär von Mann, der in jungen Jahren, schon mit einiger Kampferfahrung in vielen Fehden in Richtung Süden losgezogen war, um bei den lateinisch sprechenden Soldaten an der Grenze Dienst zu tun. Jene Grenze die willkürlich gezogen wurde, als die Großeltern von Volkhard noch sehr kleine Kinder waren und um den Handel sowie die üblichen Überfälle zu kontrollieren, beziehungsweise ihrerseits einzudämmen. Auf der südlichen Seite lebten die Nachfahren der einst unterworfenen keltischen Stämme, aber auch Menschen aus dem Norden und Nordosten, die wiederum einige Jahre später durch einen Erlaß des lateinischen Oberhauptes die selben Rechte verliehen bekamen, welche die Lateiner inne hatten.
Volkhard erzählte viele kleine Geschichten von Männern in Türmen, auf Burgen, von steinernen Städten und steinernen Wegen. Er erzählte auch von seltsamen Göttern, anderen Menschen und Traditionen, von Gewürzen und vielfarbenen Tüchern.
Er erzählte aber auch von ungebührlichem Verhalten dieser Lateiner gegenüber der Bevölkerung, die ja zum Teil demselben Stamm angehörten wie er selbst, oder eben Nachbarstämmen. Er kämpfte für Silber gegen Angehörige eines Nachbarstammes, als diese versuchten einen Raubzug durchzuführen. Als die lateinische Reiterei dann auszog um die Verfolgung aufzunehmen, war ihre Rache über alle Maßen unverhältnismäßig gewesen. Die Reiterei erwischte nicht den Plünderzug, sondern überfiel nördlich ein Dorf des Stammes von Agilulf und Volkhard und tötete viele. Als die Reiterei mit Gefangenen zurückkam, welche die Lateiner nach ihrer heiligsten Stätte Rom verkaufen wollten, entschied sich Volkhard mit der Hilfe der Götter einen kleinen Aufstand unter den Hilfstruppen loszutreten der am Ende einige der Gefangenen befreien konnte. Er und suebische Kameraden flohen noch in selbiger Nacht in Richtung Norden. Volkhard war ganze fünf Winter bei den Lateinern gewesen. Danach reiste er abermals umher, meist zwischen den Stammesgebieten um selber Handel zu treiben. Er hörte viel, er sah viel. Als Agilulf näher an sein Wohnhaus herankam, öffnete sich die Türe und sein Weib Tilrun, nebst der jungen Ylvie und dem älteren Sohn namens Ingram traten heraus und begrüßten den in blauem Leinenhemd gehüllten Onkel sehr stürmisch. Beinahe zu stürmisch und Volkhard hatte einige Mühe auf den Beinen zu bleiben, an einem seiner Beine hing just die sechs Jahre alte Ylvie, schaute gen Himmel empor, um den für sie wohl als Riesen empfundenen Volkhard anzulachen.
Tilrun umarmte Volkhard, da war Agilulf schon herangetreten und umarmte seinen Onkel ebenfalls.
„Lass dich anschauen!“ und Agilulf machte ein paar Schritte zurück während Tilrun Volkhard von der kichernden Ylvie befreite.
„Da ist mehr grau in deinem roten Bart.“ sprach er immer noch leicht grinsend.
Kurz verfinsterte sich Volkhards Miene.
„Vieeel mehr. Viel mehr. Donar hat mir eben noch keinen gegenüber gestellt, der mich zu den Göttern schicken konnte.“ Jetzt lachte Volkhard und sie umarmten sich noch einmal gegenseitig, dabei auf die Schultern klopfend.
„Schön dich zu sehen. Wie ist es dir ergangen seit letztem Herbst?“ sprach Agilulf.
„Ach, ich war drüben bei den unsäglichen Markomannen, brachte eine Wagenladung Wein zu ihnen, die ich an der gallischen Grenze erwarb. Der Schnee fiel dort in Mengen und ich überwinterte bei ihnen.“
„Dann wollen wir mal schauen, daß wir dem leicht gewachsenem Ungeheuer Futter vorwerfen können.“ sagte Agilulf, rieb an seines Onkels Bauch und beide gingen lachend kurzerhand in das Haus. „Ingram. Nimm die Rübe, säubere sie, rieche daran, schneide sie auf und rieche erneut daran. Dann sag mir, ob sie schon erntereif sind.“
Agilulf gab seinem Sohn die Steckrübe in die Hand.
Ylvie saß auf ihrer Schlafstätte auf ihrem Lieblingslederkissen, lehnte mit dem Rücken an der Wand. Ihre großen blauen Augen starrten Volkhard interessiert an.
Volkhard schnallte und legte seinen großen mit Motivgoldblättchen vernähten Ledergürtel mitsamt Schwertgehänge in der Ecke ab, setzte sich an den Esstisch.
Tilrun bemühte sich mit dem Feuerbrett und einer Handspindel nahe der Feuerstelle eine Glut zu entfachen, doch ihr Faden riß schließlich bei den schnellen Auf- und Abwärtsbewegungen der Spindel.
Einige Momente lang guckte sie in die Holzspäne, die auf dem hölzernen Bohrbrett lagen. Beunruhigt stand sie auf.
„Ich werde hinüber gehen in das Webhaus, ich denke ich habe da noch eine Handspindel.“ sagte sie, als sie an den Tisch trat. Ein nachdenklicher Blick umschwebte dieselben Augen wie auch Ylvie sie besaß. Freilich waren Ylvies kindliche Augen viel unbekümmerter als in diesem Moment die von Tilrun.
„Warum nimmst du das Messer mit?“ fragte sie ihr Mann.
„Ich werde uns eine Suppe machen, mit frischen Kräutern.
Ingram, komm mit.“
„Nicht zu bitter und auch nicht zu süß. Sie sind ausgewachsen.“ sprach Ingram und legte die gesäuberte, aufgeschnittene Steckrübe auf den Tisch, bevor er seiner Mutter hinaus folgte.
Am anderen Ende des mit Holz, Reisig und Lehm erbauten langen Hauses, warteten ein paar Kühe und Schweine darauf, seit dem Morgengrauen hinausgelassen zu werden. Irgendwo, unsichtbar bisher, gackerten ein paar Hühner zwischen den schnaufenden Atemgeräuschen des Viehs.
„Dein Junge ist größer geworden und dein Weib schöner. Ich hoffe ich komme nicht ungelegen. Besitzt sie noch die Gabe?“
Agilulf kratzte sich an seinen rotbraunen Haaren, er löste den Knoten über seinem rechten Ohr, den die freien Männer überwiegend in seinem Stamm trugen. Volkhard trug ihn seit seiner Zeit bei den Lateinern nicht mehr.
„Manchmal ist es Frigg, manchmal Freia die zu ihr spricht. In Ahnungen und Träumen wie sie sagt.“ antwortete Agilulf.
Volkhard entschuldigte sich kurz und holte vom angeleinten Ross draußen eine hölzerne Trinkreiseflasche, nachdem er seinen Neffen darum bat Humpen auf den Tisch zu stellen.
Einige Momente später gossen sie sich die mit Honig gesüßte Hopfenmixtur in die Trinkgefäße.
Ylvie, noch sitzend an der Wand gelehnt, beobachtete ihren Vater und ihren Großonkel mit großen Augen.
„Auf die Ahnen!“ und die Männer stießen an, nahmen jeweils nur einen kleinen Schluck.
Es herrschte einen Augenblick Ruhe in der Stube. Agilulf erkannte da, daß sein Onkel nicht nur der längeren Abwesenheit einen geschuldeten Besuch abhielt, sondern ein Anliegen mit in den Raum brachte.
„Es wird übermorgen ein Thing geben.“ erklärte Volkhard mit sehr ernsthafter Stimme, was etwas ungewöhnlich war, denn es gab bei jedem Vollmond ein Thing. Er zählte die Sippen auf, von denen er durch seine Heimreise durch das Stammesgebiet wußte, das jene eine Einberufung über eine Angelegenheit verlangten. Da waren die Krautbauern, die Holzschilde und Eisensucher dabei, um ein paar der mächtigsten Sippen zu nennen. Die eigene Sippe, die allgemein hin als Waldflechter bekannt war, war, einst eine große und mächtige Sippe gewesen. Doch als Volkhards Eltern, also Agilulfs Großeltern jung waren, herrschte eine Blutfehde mit zwei anderen Sippen, deren Namen seitdem niemand mehr aussprach. Alle drei beteiligten Parteien wurden dadurch beinahe ausgelöscht, darunter die Eltern und Großeltern von Agilulf. So war es der Wille der Götter gewesen.
Einige Familienmitglieder mit ihren niederem Gefolge lebten noch verstreut ein paar Tagesreisen von Agilulfs Feldern, aber auch mit ihnen war man im Laufe der Jahre in den Streit geraten. Unblutig zwar, aber dennoch. Die Ehre verbot innerhalb der Sippe wieder aufeinander zuzugehen, da jene Versuche als Schuldeingeständnis aufgefaßt werden könnten.
So verstummte das Reden durch Starrsinn. Wenn, dann sah man die anderen bei offiziellen Versammlungen, Festen und dergleichen. Aber ansonsten ging man sich aus dem Weg.
„Was ist der Anlaß?“ fragte Agilulf, doch hatte er schon eine Ahnung. Vor wenigen Monaten, als die Frühlingssonne das erste Mal den restlichen Schnee gänzlich wegschmolz, gab es einen Zwischenfall an jener Grenze mit den lateinischen Legionären. Beim Verzollen von mehreren Wagen von einer Händlergruppe kam es aufgrund eines Übergriffes der Lateiner auf eine Frau zu einem Handgemenge bei dem die Händler wütend zu den Äxten griffen und wie wild die Ehre der eigenen Namen verteidigten. Dabei beförderten sie einige der Lateiner in das Totenreich.
Aus der Handelsunternehmung wurde freilich nichts mehr und als die Grenztruppen auf den Türmen ein Feuersignal entfachten, flüchteten die Stammesleute in die nördlichen Wälder zurück. Die Ware war verloren.
Die lateinische Reiterei, die im rückwärtigen Grenzraum auf Posten war, verfolgte die Händlergruppe und tötete skrupellos alle die sie aufspüren konnte.
„Die Bedenkzeit der Sippen ist vorbei. Unsere Boten kamen ohne Blutgeld, aber mit einer großen erfahrenen Schmach zurück. Es dürstet unsere Leute nach Rache und Gerechtigkeit.“
„Ich habe die junge Frau beim letzten Thing gesehen. Sie wurde arg zugerichtet.“ ergänzte Agilulf, der sich schaudernd an die Wunden jener Frau erinnerte.
„Ich sprach Barolf von den Eisensuchern.“ sagte Volkhard und führte fort:
„Sie werden geschlossen dafür stimmen den Lateinern eine Lektion zu erteilen. Eine, die sie nicht vergessen werden.“
„Was sind Lateiner?“ ertönte es wissbegierig aus Ylvies Mund. Volkhard nahm einen weiteren Schluck des leicht gegärten und gesüßten Getränkes.
„Komm hierher!“ gab ihr Vater Ylvie zu verstehen, die auf die ihr entgegengebrachte Aufmerksamkeit wieder etwas mehr lächelte, sich in den Stand krabbelte und an den Tisch ging.
Mit beiden Händen ergriff Agilulf seine Tochter und platzierte sie auf den freien Klappstuhl neben sich am Ende des Tisches. In neugieriger Erwartung sah sie beide mit großen Augen an.
„Weißt du noch wie du dich auf meinem Rücken festgehalten hast und wir auf den großen Baum auf der Lichtung geklettert sind?“ Ylvie nickte mehrmals.
„Kannst du dich an die Berge erinnern die wir in der Ferne sahen?“
„Ja.“
„Die Lateiner sind ein großes Volk aus dem Süden, hinter den Bergen. Vor vielen hundert Jahren, so sagt man, haben dort viele lateinische Stämme gelebt und sich langsam zusammengeschlossen. Sie haben ein große Stadt aus Stein erbaut und ihre Götter verliehen ihnen Sieg um Sieg in vielen Schlachten. So ist ihre Macht gewachsen, und immer weiter gewachsen. Sie besiegten sogar die Kelten, vertrieben sie und kamen schließlich über die Berge hierher. Und wer nicht so lebt wie sie, den erklären sie zu ihrem Feind. Und wer sich nicht vor ihrem Feldzeichen verbeugt, den versuchen sie in ihre Stadt zu verkaufen.“
„Welche Götter?“ fragte sie nach.
Agilulf schaute auf seinen Onkel. Dieser trank jetzt eine große Menge des Gebräus und sprach:
„Jupiter und Mars. Jupiter ist ihr Göttervater.“
„Dann ist Jupiter also Wuotan?“ wollte die Kleine wissen und kicherte abermals dabei.
Verdutzt schauten die beiden Männer sich an.
„Vielleicht. Du weißt ja, Wuotan wandelt manchmal auf unserer Welt und nimmt verschiedene Namen an.“ antwortete ihr Vater Agilulf.
Er erklärte weiter:
„Die Lateiner teilten das Land unser aller Vorfahren mit einer Grenze und wollen alles kontrollieren. Sie haben ein paar gute Sachen die wir nicht haben, deshalb handeln wir mit ihnen. Aber sie behandeln unsere Stämme sehr schlecht, so als wären wir ihre Untergebenen. Aber wir sind frei und wollen es bleiben. Es wird unsere Entscheidung sein wie wir uns kleiden, was wir essen, welche Lieder wir singen und welche Götter und Haine wir anbeten. Die Lateiner sind ein herrschsüchtiges Volk. Und unser Volk läßt sich nicht beherrschen. Schon gleich gar nicht auf Dauer. Verstehst du das?“
Ylvie nickte.
Die Türe knarzte und Tilrun kam mit einer neuen Handspindel sowie diversen frisch geschnittenen Kräuterbündeln in der Hand zurück.
„Was habe ich von draußen gehört? Ylvie ist erst sechs Jahre alt und noch zu jung um alles von den Lateinern zu erfahren.“ beschwerte sich Agilulfs Weib.
„Und warum fangt ihr schon in aller Frühe an etwas zu trinken? Und dann noch ohne mich!“
Mit diesen Worten gab Tilrun ihrem Mann einen mehr oder weniger liebevollen Klaps auf den Hinterkopf, griff sich seinen Humpen und leerte ihn vollständig.
„Dann werde ich mal ein Huhn schlachten gehen.“ gab Agilulf von sich, als er aufstand um in das hintere Hausareal zu gehen, wo das Vieh beherbergt war.
„Wo ist Ingram?“ wollte Volkhard wissen.
„Am Fluß, Wasser holen.“ erklärte sein Weib.
„Ach so. Sag mal soll ich das Feuer entfachen?“
Ein kurzer zurechtweisender Blick von Tilrun streifte Volkhard. Dieser stand verstehend auf und griff nach der Hand von Ylvie. „Komm, kleine Wölfin. Zeig mir mal draußen wie alles so seit letztem Jahr gewachsen ist.“
Freudestrahlend schritt Ylvie mit Volkhard an der Hand hinaus, am Steckrübenfeld vorbei zum Kornfeld.
Am heimischen Feuer
Die Sonne war bereits hinter dem Wald am untergehen und schickte als letzten Gruß ihre Strahlen in den dunkler werdenden Himmel. Erwärmend knisterten lodernde Flammen in der Feuerstelle die den Rauch durch einen leichten Sog unter das Dachgebälk und dann durch die Öffnungen in den oberen Seitenwänden nach draußen verbannte.
„Ein köstliches Huhn war es. Ich bedanke mich für eure Gastfreundschaft.“
Mit diesen Worten legte Volkhard den letzten Knochen den er gerade abnagte zurück auf den hölzernen Teller, wo die letzten Überreste von einer Kräuter verstärkten Linsenbreisuppe mit vielen Rübenstückchen darauf warteten, später vom Vieh schmatzend weggefressen zu werden.
Längst war der durch Honig gesüßte Hopfentrank einer ebenfalls von Volkhards Reisen mitgebrachten Amphore gewichen. „Köstlich ist auch der rote Wein. Danke für dein Gastgeschenk.“ erwiderte Tilrun aufrichtig. Und während Agilulf anfing den Tisch abzudecken, das dreckige Geschirr in einen mit Wasser gefüllten Bottich vor dem Hause zu säubern, erzählte Volkhard von den Sitten und Gebräuchen der nachbarlichen Markomannen, die er im letzten Winter ja zu genüge kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Gespannt lauschte die Familie den amüsanten, zumeist auch erschreckenden Ausführungen.
Und als ungefähr eine Stunde vergangen, da waren die Befragungen über den Nachbarstamm der Markomannen auch schon zu Ende gegangen.
Viel Neues, außer einige Details in Traditionen und dem alltäglichen Leben der Markomannen erfuhren sie nicht.
Ylvie fielen zu späterer Stunde beinahe die Augen zu und Ingram starrte sitzend, unablenkbar in die wabernden Flammen.
„Nun gut. Ich sehe schon. Das Junggemüse hat für heute genug in Erfahrung gebracht bekommen. Dann gibt es die Geschichte von Marbod, dem Markomannenkönig ein anderes Mal.“ sprach Volkhard schließlich.
Draußen war die frühsommerliche Nacht bereits angebrochen. „Wann wird es das Thing geben?“ fragte Tilrun den Onkel ihres Mannes.
„In zwei Tagen bei aufgehenden Vollmond.“
„Wirst du mich mitnehmen Vater?“ Ingram wandte sich denen im Kreise sitzenden Erwachsenen zu.
Agilulf blickte zu Volkhard und wartete ab. Dieser bemerkte die Blicke von seinen beiden Gastgebern und nach einer für Ingram viel zu langen Pause sagte er:
„Es wird gegen die Lateiner gehen. Du bist noch zu jung für das Thing.“
„Aber ich bin schon fünfzehn Jahre alt und habe meinen eigenen Speer. Selber ausgesucht, abgeholzt, bearbeitet und gehärtet. Das Gesetz besagt, ich darf somit auf ein Thing gehen.“ rief Ingram nun lauter in die Runde.
„Das ist richtig. Aber wie schon gesagt; es wird sicher entschieden werden gen Süden und somit gegen die Lateiner zu ziehen. Es wird einen Rache- und Plünderungszug geben, damit die Gerechtigkeit und Ehre der unseren wieder hergestellt werden kann. Du bist zu jung zum kämpfen.“
Und als Ingram dem Machtwort seines Vaters noch etwas in aufgebrachter Stimmung entgegen bringen wollte, fiel ihm vorher seine Mutter ins Wort:
„Wir müssen die Rüben, die Salate und Früchte ernten. Außerdem, wenn dein Vater dort mitzieht sollten wir noch viele Brote backen und vorbereiten! Denkst du nicht so, Ingram?“
„Na toll!“ der Sohn erhob sich vom Stuhle und trat gegen einen großen Wassereimer, der zur Löschung bei brennender Feuerstelle im Hause immer bereit stand. Daß das Schilfdach Feuer fing, konnte schon einmal passieren. Ingram verließ das Haus etwas genervt und leicht wütend.
Ylvie, die durch das Tretgeräusch ihres Bruders nun wieder völlig aus ihrem schläfrigen Dämmerzustand erwachte, fragte:
„Wo geht er hin?“
Agilulf: „Er geht sich abreagieren.“
„Ach so.“ Und schon schloß Ylvie ihre Augen wieder und das Traumland senkte sich über sie.
„Habe ich das richtig aufgefaßt, du ziehst nicht mit uns?“ fragte Volkhard Tilrun etwas überrascht.
Sie griff sich an ihre mit Bernstein und Silber verzierte Halskette. „Nein. Ich habe jetzt zwei Kinder und diesen Hof. Frigg bewahre, mein Mann und ich würden beide auf so einem Feldzug sterben. Vieles ist schon erntereif. Ich bleibe hier.“
„Aber auf das Thing kommst du doch mit, oder?“
„Nein Agilulf. Ein schlechtes Vorzeichen wirft seine Schatten voraus. Ich möchte nicht dabei sein wenn womöglich beschlossen wird, ich sehe dich zum letzten Mal.“
Etwas beunruhigt ging Agilulf nach diesen Worten seines Eheweibes am Tisch in sich.
Er goß sich wieder Wein ein. Tilrun legte ihre Hand auf den liegenden Unterarm von Agilulf und schaute ihm tief in die Augen.
Auch Volkhard wurde bei den gesagten Worten sehr nachdenklich und blickte zur im Sitzen eingeschlafenen Ylvie. Sie begann leicht zu schnarchen.
„Dann werde ich nicht gehen.“
„Besser wird es dann sein, du bleibst hier.“ ergänzte Volkhard beiläufig, immer noch auf die kleine Wölfin schauend.
Tilrun lächelte Agilulf nun an, der sorgenvolle Blick aus ihren Augen den sie seit heute Morgen durch den Spindelriß hatte, wich einem liebevollen gar freudigem Ausdruck.
„Du wirst gehen! Du mußt sogar gehen.“
„Was hast du gesehen?“ wollte Agilulf wissen und legte seine andere Hand auf die ihrige.
Noch bevor sie etwas darauf antworten konnte, ergriff Volkhard das Wort:
„Hör mich an Tilrun! Es sind viele Jahre seit damals in das Land gezogen. Ihr müßt euren Ahnen keine Ehre mehr machen, auch wenn die Sippen nicht mehr offen darüber sprechen. Sei gewiss: Die Geschichte von der einstigen Blutfehde wird auch noch in Generationen die Runde machen. Es ist nicht notwendig, daß du deinen Mann verlierst.“
„Vielleicht kannst du sie alle retten.“ sagte sie so leise, daß das Knistern des Feuers fast ihre Worte verschluckten.
„Was hast du gesehen?“ wiederholte Agilulf.
„Nur das, was die Götter mir zeigen wollten. Es ist nur eine Möglichkeit. Es ist nicht wahr und doch ist es wahr.“
Tilrun stand auf und ging in den hinteren Teil des Hauses. Sie kam mit einer Laute zurück und fing an eine sanfte Melodie zu spielen. Nach einiger Zeit summte sie zu jener Melodie.
Volkhard bekam es sichtlich mit der Angst zu tun, doch stark und verwegen wie man ihn kannte, übertünchte er den erhaltenen Schrecken mit einer breitbeinigen Körperhaltung. Er schenkte sich abermals den roten Wein ein, trank ihn leer und verabschiedete sich zur Nachtruhe. Er sagte, er wolle das Ehepaar nun nicht weiter stören und ging zum Webhaus um dort die Schlafstätte aufzusuchen. Agilulf saß noch länger am Tisch, trug anschließend die schlafende Ylvie in ihr Bett. Es hatte den Anschein, daß Ingram heute Nacht draußen übernachtete, denn er kam auch dann nicht mehr zurück, als Tilrun ihr für gewöhnlich längeres Lautenspiel längst schon beendet hatte. Als sie und Agilulf dann gemeinsam im Bett waren, lagen sie eng umschlungen zusammen. Agilulf streichelte ihr Haupt bis sie eingeschlafen war.
Als eine der Töchter einer befreundeten Sippe hatte er sie vor vielen Jahren kennengelernt. Als Tilrun sehr jung gewesen, fiel den Menschen in ihrer Umgebung ihre Gabe auf. Hatte beispielsweise jemand einen Unfall, dann sah sie ihn vorher. Oder tagelang, bevor ein Feuer ausbrach im gemeinschaftlichen Getreidehaus, sprach sie davon. Als dann tatsächlich später in diesem Haus ein Blitz einschlug und es entzündete, war ihr Ruf als Seherin gefestigt. Es war dann auch jener Ruf, der die Blutfehde in ihrer Jugendzeit auslöste, denn es war nicht so, daß sie alles vorhersehen konnte. Die Götter entschieden was sie wann zu sehen bekam.
Jenseits dieser harten Bürde jedoch, war ihre Vorhersage sie würde einmal ihn ehelichen, für Agilulf die im Nachhinein schönste von allen. Damals glaubte er ihr nicht, denn er stellte bereits einem anderen Mädchen erfolgreich hinterher.
„Du mußt zu mir zurückkommen. Zurückkommen…“ säuselte Tilrun im Schlafe.
Agilulf dachte noch länger nach und hielt sie im Arm. Der Mond war schon am untergehen, die Feuerstelle dampfte noch, als die letzte Glut längst schon erloschen war.
Die Abreise
Am nächsten Morgen, Ingram mußte sehr spät im Morgengrauen zurückgekommen sein, gab es hin und wieder ein paar leichte Regengüsse aus dem sommerlich weiß bewölkten blauen Himmel. Ingram hatte nach dieser kurzen Nacht verständlicherweise noch mehr Schatten unter den Augen als sonst.
Aber es half nichts, der junge Mann hatte mit allen zu früher Stunde aufzustehen. Volkhard wurde nach dem Anklopfen in das Haupthaus hereingebeten und stand angekleidet schon fertig im Raum. Ylvie sprang auf und klammerte sich begrüßend und lachend abermals an ihres Großonkels Bein. Dieser hob sie mit einem Satz in die Luft und über seinen Kopf, beide fingen an zu lachen und Volkhard drehte sich im Kreise mit dem offensichtlichen Ziel, Ylvie schwindlig zu machen.
„Das hast du mit mir früher auch immer gemacht.“ bemerkte Agilulf.
„Na dann weißt du ja was gleich kommt.“ antwortete Volkhard, ließ die Kleine nach einigen Umdrehungen wieder auf den Boden und befahl ihr:
„Lauf los an die frische Luft, die große Nadrawürm ist hinter dir her.“
Ylvie kicherte und lief auf die Haustüre zu, was ihr trotz einer mächtigen Schieflage ihrer Haltung gelang. Doch anstatt den Türgriff zu erwischen, stieß sie hörbar gegen den Türrahmen. „Aua!“ rief sie am Boden sitzend und kratzte sich den Kopf.
„Die Nadrawürm hält die Welt zwar zusammen, doch kann sie uns auch erdrücken. Ungefähr so fühlt es sich an, wenn sie sauer auf dich ist, Ylvie. Mögen dich die Götter davor bewahren, daß du jemals in ihren Fängen bist.“ sagte Volkhard und tröstete sie.
„Wo ist die Frau des Hauses?“
„Unten am Bach, sie wäscht sich gerade.“ antwortete Agilulf.
„Sie werden morgen alle dafür stimmen loszuziehen. Agilulf, du mußt nicht mitgehen wenn du ein schlechtes Gefühl hast.“ sprach Volkhard.
Der Hausherr schaute seinen Sohn an.
„Unser Schicksalsfaden wurde schon vor unserer Geburt gesponnen. Und es ist deine Mutter die etwas gesehen hat mein Sohn. Gehe das Vieh hinaustreiben.“
Ingram tat wie ihm aufgetragen, ging hinter den Vorhang in das hintere Hausareal und trieb die Kühe und Ochsen, nebst den Schweinen mittels einer Rute auf die saftigen Wiesen, die das Land um das Haus beherbergte.
Nachdem die beiden Männer nun alleine waren, sprachen sie sich etwas aus, lediglich Ylvie spielte in sich versunken, mit einer Strohpuppe, die in genähte Kleider gehüllt war.
Sie sprachen darüber, wie in einem Falle des Todes von einem von beiden zu verfahren sei, denn solche Angelegenheiten waren am morgigen Thing öffentlich zu bekunden, wenn es um Land und Besitz ginge.
So wurde seit Generationen ausgeschlossen, daß, wenn eine Schar von Kriegern loszog und nicht alle zurückkamen, später unrechtmäßige verwandtschaftliche oder gar fremde Ansprüche erklärt wurden. Würde im Falle von Agilulfs Tod Volkhard unbeschadet zurückkommen, so dürfte er auf seinem Land ein Haus bauen und einen Teil des Landes bestellen, wenn dieser es denn wünsche, Erben blieben selbstverständlich Tilrun und Ingram mit Ylvie. So war das Angebot von Agilulf. Volkhard machte bekannt, wie im Falle seines Todes Ingram all seine Besitztümer erben sollte, darunter eine kleine Jagdhütte nahe der Hauptsiedlung, die Volkhard immer nur dann bewohnte, wenn er denn nicht gerade auf einer Handelsreise war.
In diesem Moment kam Tilrun zurück, sie hielt eine kleine Holzschüssel mit Wasser in den Händen, in der aufgebrochene Kastanien schwammen.
Beide erzählten und fragten sogleich, ob sie mit dieser Übereinkunft einverstanden wäre. Sie war es.
Die Worte waren gewechselt und gegeben.
Dann wurde es geschäftig für alle. Tilrun beauftragte die sechsjährige Ylvie im Wald nach Beeren zu suchen und die Kleine nahm sich einen Weidenkorb von der mit Schnitzereien verzierten Kommode und lief freudig in den angebrochenen Tag und den nahen Wald hinaus.
Tilrun unternahm kleinere Vorkehrungen für die bevorstehende Reise der Männer, unter anderem trat sie auf den Hof, um dort unter einem höheren Dach welches auf vier Pfählen aufgesetzt war, das Feuer für den Lehmofen zu entfachen. Jener Lehmofen war teils in der Erde mittels Steinen eingelassen und diente zum Brot backen. Das Leben auf dem Gehöft erforderte auch, wöchentlich Brote zu backen und eine beinahe tägliche Aufgabe war es, für alle Familienmitglieder den bearbeiteten und vorbereiteten Teig, der zur Gärung im kühleren Webhaus in Schüsseln lag, zu kneten, zu schlagen und nochmals stehen zu lassen.
Einen Mahlstein hatte dieser Hof zwar nicht, aber um das Korn zu verfeinern gingen alle in dieser Region zu dem Mann, der an dem Bach weiter unten ein Mühlrad sowie einen Mahlstein besaß.
Das Korn wurde in verschieden feinen Stufen dann, wie es jedesmal erneut preislich ausgehandelt wurde, gemahlen. Meist wurde der Tauschhandel mit Waren eingehalten, weniger oft mit Raritäten, wie etwa Schmuck oder Silberstücken bezahlt. Das war Aufgabe der Männer im Stamm. Aufgabe der Frauen war es, sich um das heimische Herdfeuer zu kümmern, ganz wie Frigg es bei den Göttern tat.
Tilrun erhitzte den Ofen und Agilulf schob die zu backenden Brote hinein. Währenddessen molk Ingram die dafür in Frage kommenden Kühe, fütterte das Vieh und Volkhard als Gast durfte nicht eine helfende Hand anlegen. So war es zumindest Sitte, doch er machte sich hier und da letzten Endes doch nützlich.
Als der späte Nachmittag anbrach, ein herrlicher Duft von frischem Brot durchzog das Gehöft, war der Aufbruch von Agilulf und Volkhard nicht mehr weit. Die kleine Ylvie schlief gerade erschöpft im Langhaus, sie hatte den halben Tag wilde Beeren und Nüsse gesammelt um ihrem Vater auch ja viel für die Reise mitgeben zu können. Es wurden so viele Beeren und Nüsse wie noch nie, mehrere Weidenkörbe standen mit gewaschenem Inhalt auf dem Tisch.
Der Großonkel übte gerade mit ein paar Stecken den Speerkampf mit Ingram und bescherte ihm blaue Flecken.
Tilrun kam in das Speicherhäuschen, wo Agilulf gerade getrocknete Früchte in einen Lederbeutel steckte.
„Lass das stehen!“
Lächelnd nahm sie ihn an der Hand und zog ihn wortlos hinter sich her in den Wald, vorbei an den großen Tannen und tiefer hinein bis sie zur großen Lichtung kamen, auf dem Agilulf mit Ylvie auf dem Rücken einst die alte Linde erklomm.
Zuerst dachte Agilulf an etwas, was nur unter Eheleuten besprochen werden könne, doch als Tilrun sich mit dem Rücken zum Buchenstamm befand und ihn am Gürtel zu sich herzog, da bemerkte er ihre fordernden blauen Augen. Sie küssten sich heftig gegenseitig am Hals und ihre Lippen fanden unter ihren zärtlich leichten Bißversuchen zueinander. Fest presste er sie mit seinem Körper an den Baumstamm, seine Hände fuhren auf dem Kleid von den Knien bis hoch zu den Schultern, in immer stärker werdender Leidenschaft die Konturen ihres Körpers abfahrend, während sie im festen Griff sich an seinem Rücken hielt. Schließlich lösten sich die Fibeln ihres Kleides und jenes wurde von beiden rasch zuerst ausgezogen, danach entkleidete sie ihren Mann. Beide hätten im hohen Weidegras auf dieser Lichtung versinken können, doch sie hielt sich am Baum bis die Rinde bröckelte, als Agilulf Tilrun in ihr Haar griff, daran mehrmals roch und sie sich stürmisch liebten.
Später, als die Vereinigung zwischen Mann und Weib geschehen und mittlerweile beide ineinander verschlungen am Baum lehnten, fragte Agilulf:
„Was hast du gestern gesehen?“
Sie küsste seine Hand, die die ihre hielt.
„Ich habe gesehen, wie du schwächer und schwächer wurdest, bis du mir entschwunden bist im Nebel.“
Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf dem Boden und er umarmte sie jetzt in der Hoffnung, er könne sie noch fester an sich schmiegen, damit sie verstand wie sehr sie sein Eheweib für ihn war. Wiederum roch er an ihrem hellbraunen Haar. Halb flüsternd in ihr Ohr antwortete er:
„Ich werde zu dir zurückkommen. Und wenn es nicht so ist, dann warte ich bei unseren Ahnen auf deine Ankunft und vielleicht werden wir mit unserer starken Liebe daraufhin wiedergeboren an demselben Ort, in derselben Zeit, wenn unsere Altvorderen uns gnädig sind.“
Das waren die letzten Worte gewesen, bevor sie beide Hand in Hand zurück zum Gehöft durch den Wald gingen. Die Sonne war am Himmel schon weiter gewandert, der Abend war angebrochen. Als sie zu Hause ankamen, fanden sie Volkhard auf einem Stuhl im Hofe vor, wie er Ingram und Ylvie mit viel Aufwand in Mimik und Stimmlage die Geschichte vom einstigen Markomannenkönig Marbod erzählte.
Tilrun gesellte sich mit Agilulf noch ein wenig dazu, womöglich war das die letzte gemeinsame Runde im familiären Kreise.
Als die Geschichte von Marbods Verrat an den Stämmen von Volkhard spannend auserzählt wurde, erhob sich dieser.
„Ich habe Ingram mein Ross geschenkt und ihm alles über den 'Waldtänzer' erzählt was er wissen muß. Ihr wisst ja, er ging noch nie durch und euer Fransen ist nichts für einen jungen Mann der das Kampfreiten lernen will. Nehmt ihr mein Geschenk für Ingram an?“
Agilulf nickte, Tilrun sprach:
„Wir nehmen es an.“
Ingram war erleichtert und ballte die Faust.
„Danke Großonkel! Danke Mutter!“
„Ich werde mir bei den Lateinern ein neues Pferd holen müssen.“ grinste Volkhard.
Sogleich wollte die junge Ylvie natürlich nicht hinten anstehen und zeigte, was ihr Großonkel während des langen Winters bei den Markomannen für sie angefertigt hatte.
Sie hielt nacheinander etwa ein halbes Dutzend kunstvoll geschnitzte Holzfiguren hoch, die allesamt ungefähr dreifach so groß waren wie ihre noch kleinen Hände.
Es waren Schutz- und Opferfiguren die einen Krieger darstellten, einen Eber oder eine Frau, die in der einen Hand einen Apfel und in der anderen eine Schere hielt.
Volkhard hatte die Figürchen sogar bemalt, wenngleich die Farbe nun nicht mehr ganz so stark zu sehen war. Ylvie war sehr stolz um diese Geschenke.
So langsam wurde die Stimmung aber gedämpft, die Sonne würde demnächst hinter den Baumwipfeln untergehen.
Agilulf ging alleine in das Haus. Sein Langschwert holte er aus der Truhe und schlang es sich um den Oberkörper. Er trug das Notwendigste in dem Rucksack auf dem Rücken, nahm den mit Eisen beschlagenen Rundschild von der Wand, schnallte sich diesen ebenso um. Zwei Holzfeldflaschen mit Verschluß und ein paar kleinere Säckchen befestigte er sich am Gürtel. Zum Schluß nahm er einen Lederriemen und band mit jenem seine lange Frame zusammen an den etwas kleineren Wurfspeer.
Ein kleines Feuerchen im Hause züngelte in der Feuerstelle. Tief atmete er ein. Er blickte sich noch einmal um. Dann nahm er die erloschene Fackel aus der Halterung am Stützpfeiler, entzündete sie und trat wieder auf den Hof um sie dort Volkhard zu übergeben, der sich schon verabschiedete, wie Agilulf von drinnen bereits hörte.
Ylvie fing an zu weinen und steckte sich die Eberfigur in den Mund. Sie begriff nun, daß ihr Vater gehen würde.
Alle blickten still auf Ylvie.
Tilrun beugte sich nicht zu ihr herunter, doch sprach sie, als Ylvie immer noch weinte:
„Hör auf zu weinen! Soll das vielleicht der letzte Eindruck deines Vaters von dir sein, Ylvie?“
Ylvie schüttelte den Kopf und versuchte jetzt ihr Weinen zu unterdrücken. Ein paar Tränen kullerten ihr noch über die Wangen.
„Wenn wir nach Walhalla kommen, können wir Wuotan nichts über die tapfere und starke Ylvie erzählen. Laß die Götter uns nicht auslachen.“ fügte Volkhard bei.
Es dauerte zwar einen Augenblick, doch nun fing die Kleine sich und rieb mit ihrem Ärmel die Tränen beiseite.
Endlich konnten sich nun Tilrun und Agilulf zu ihr herunterbeugen und sie in den Arm nehmen.
Alle drückten sich noch gegenseitig und hielten sich im Arm. Tilrun gab ihren Mann noch eine kleine Handspindel mit auf den Weg als Schutz, nicht so eine zum Feuermachen, sondern eine aus dem Webhaus.
„Ich werde weben bis du zurück bist. Webe du an deinem Rückweg.“
Er steckte sie behutsam ein.
Agilulf gab flüsternde Anweisungen an Ingram, er ermahnte ihn bloß nicht die Steckrüben zu vergessen, küsste seine Frau liebevoll ein letztes Mal und kitzelte Ylvie ein wenig bis sie wieder lachen konnte.
Dann brachen die beiden Männer im Fackelschein in Richtung Thingstätte auf, sie würden die ganze Nacht und den ganzen Tag marschieren.
Tilrun, die Ylvie an der Hand hielt und den kleiner werdenden Lichtschein im Wald nachschaute, sagte zu ihrer Tochter:
„Jetzt ist alles gut Ylvie. Er hat dich lachen sehen.“
Und die helle Sommernacht verschluckte die beiden erst, als sie sich weiter vom Gehöft entfernten und tiefer in den Wald gingen.
Ferun und die Eisensucher
Viele Stunden wanderten die beiden Männer ungleichen Alters auf Pfaden, Wegen oder an Feldrändern und deren Hecken entlang, bevor sie eine erste Rast machten.
Ein neuer Tag brach an. Der Tag mit kommender Nacht und ihrer Versammlung aller freien Männer und Frauen des Stammes. Volkhard und Agilulf setzten sich auf große angespülte Steine in ein Flußbett, dessen Gewässer sommerlich fast ausgetrocknet und nur noch als kleiner Rinnsal plätscherte. Beide kannten diese Flußstelle und ihre Biegung. Auf der anderen Uferseite erhoben sich sanfte Hügel mit viel Gestrüpp, wie Baumwerk. Hoch oben ragten Felsformationen sehr unzugänglich empor, durchzogen mit Scharten mit von unten kaum einsehbaren Höhlenöffnungen.
Als Agilulf noch ein kleiner Junge gewesen, nahm ihn Volkhard einst hierher mit um genau dort hochzuklettern. Eine Fackel wurde entzündet und sie sind gebeugten Hauptes in eine der Höhlen geschritten. Volkhard erleuchtete die Wände und Agilulf konnte damals eine Vielzahl von roten und schwarzen Zeichnungen an der Wand erkennen. Die Tiere des Waldes waren dort aufgemalt, auch Tiere die heutzutage nun nicht mehr die Wälder bewohnten. Menschen mit Speeren jagten sie, andere standen um ein großes Feuer herum.
Agilulf erinnerte sich, was Volkhard damals ihm zu jenen Kunstwerken erklärte:
„Das sind unsere Ahnen, zu einer Zeit als die Götter gerade im Begriff waren unsere Welt zu verlassen um für immer in der Götterwelt zu leben. Auch die Eisriesen wohnten noch teilweise auf Mittelerde und ein Waffenstillstand zwischen ihnen und den Göttern verpflichtete sie in ihre Welt zu gehen. Von da ab trauten sich die Menschen auch in der Dunkelheit die Höhlen zu verlassen und alle Menschengeschlechter wuchsen und wuchsen zu den Stämmen zusammen.“
Agilulf hatte es nie vergessen.
Beide füllten mit Flußwasser ihre Feldflaschen auf.
„Männer am Wasser!“ erschallte ein Ruf.
Die zwei standen rasch auf, blickten sich um. Und in der Tat, eine kleine Gruppe von Leuten stand am Ufer.
Agilulf erblickte sie, es waren Männer und Frauen der Sippe der Eisensucher, die zu ihnen herüber winkten.
„Wir sehen euch!“ rief Volkhard, der sie nun hinter sich ebenfalls sah.
Die Eisensucher lebten mehrheitlich in diesem Gebiet und waren sehr wahrscheinlich mit allen fähigen Kriegern, jung wie alt, ebenso auf dem Weg zu der Versammlung.
Agilulf erkannte Barolf, einen der Wortführer von ihnen, als er und Volkhard die Böschung hinauf zu ihnen stießen.
Oben angekommen, es waren noch viele Ellen zwischen der Gruppe und ihnen, hielten die beiden Reisenden kurz inne, wechselten ihre Speere in die linke Hand und hielten jeweils die rechte zum Gruße hoch.
Die Gruppe der Eisensucher tat daraufhin dasselbe.
Agilulf zählte ein Zugpferd, welches ein einachsiges Fuhrwerk zog, zwanzig Männer und sechs Frauen in Waffen, dazu Barolf der sogleich sprach:
„Ihr Waldflechter, wir sehen euch. Wir sind von der Sippe der Eisensucher und auf dem Weg zur Thingstätte. Ich, Barolf, Kundolfs Sohn und meine Leute suchen diesen Ort auf. Wer will, kann mit uns reisen, ob der Gesellschaft oder der sicheren Ankunft wegen.“
„Wir werden zusammen gehen.“ bekräftigte Volkhard dieses Angebot.
Und Agilulf und er reihten sich in die Gruppe von Reisenden ein. Unterwegs aßen die beiden Waldflechter die von Ylvie aufgesammelten Beeren aus dem Beutel als Stärkung und unterhielten sich mit den Eisensuchern. Agilulf erkannte die junge Frau von der letzten Versammlung. Es war jene, die der Auslöser bei dem Übergriff der Lateiner bei der Handelsunternehmung war, der am Ende den Stamm zur gemeinsamen Racheaktion bewegen würde.
Die Gesetze und Sitten waren in diesem Fall klar. Eine gewalttätige Auseinandersetzung innerhalb des Stammes, sofern nicht gesühnt und ausgeglichen werden konnte, endete in einer Blutfehde und gemeinhin verhielten sich nicht beteiligte Sippen neutral.
Wurde ein Stammesmitglied von Fremden entehrt oder gar tätlich angegriffen, so galt dies als Angriff auf den ganzen Stamm selbst. In dieser Situation entsandte man Unterhändler aus, um dem Gegner die Möglichkeit einzuräumen, Abbitte in mündlicher wie materieller Form zu leisten. Wäre die gekränkte oder entehrte Partei damit einverstanden, so wäre Recht gesprochen worden, sofern die Stammesbelange nicht davon berührt gewesen wären. Wäre der Vorfall aber groß genug, um für den ganzen Stamm als entehrend zu gelten, so würde es im Thing besprochen und eine verhältnismäßige Antwort wäre die Folge.
Im letzten Thing schon, noch bei dem vereinbarten Aussenden der Unterhändler, wurden die Stimmen laut auf kriegerische Art eine Genugtuung für die erhaltene Respektlosigkeit und Schmach einzufordern.
Das einige der Unterhändler von den Lateinern erst nicht empfangen und andere sogar geschlagen wurden, grenzte beinahe schon an eine Kriegserklärung.
Jener Umstand wurde Agilulf erst durch den hiesigen Besuch Volkhards eröffnet, denn nicht jede Neuigkeit drang bis zu seinem abgelegenen Gehöft in der Geschwindigkeit vor, die wünschenswert wäre.
Aber selbst die neuesten Vorfälle mit den Boten, wären sie denn anders verlaufen, was bis dahin viele ja sowieso noch nicht wissen konnten, hätten die freien Männer und Frauen nicht abbringen können von der kriegerischen Lust an Rache.
Agilulf erblickte im gezogenen Fuhrwerk neben Körben mit Brot, Obst und ungekochten Hülsenfrüchten, viele Speere, Äxte,
Dolche, Kurzschwerter, Schilde und sogar ein paar Helme.
Die Gruppe zog gemeinsam auf kleinen Pfaden, an mehr und mehr Rodungen vorbei.
Alle strengten sich an, das Fuhrwerk gemeinsam an schwierigen Stellen vorwärts zu bringen. Siedlungen häuften sich in dieser waldigen Welt, kleine Dörfer von etwa einem Dutzend Langhäusern und ebenso vielen Nebenhütten. Dazwischen an entlegeneren Stellen einzelne Gehöfte, ganz wie Agilulf selbst ein solches besaß.
Es geschah, daß zur später Nachmittagsstunde Agilulf neben besagter jungen Frau lief. Zuerst stumm, generell sprachen die Reisenden alle nicht viel.
Doch nach einiger Zeit sprach er die mit schlecht verheilten Schnittwunden und noch mit sichtbar blauen Flecken Übersäte an: „Ich bin Agilulf von den Waldflechtern. Ich sehe, du bist die Frau der Unrecht getan wurde. Wie ist dein Name?“
Zuerst drehte sie ihren Kopf in Richtung des dunklen Nadelwaldes, welchen sie alle gerade durchschritten. Es dauerte ein paar Schritte bis sie ihn anschaute und antworten konnte. „Mein Name ist Ferun, jetzt zu den Eisensuchern gehörend. Mein mir frisch Verlobter war Otmund von den Eisensuchern. Ich komme aus der Sippe der Feldkarls. Ich weiß, wer du bist.“ sagte beinahe schon beiläufig.
Da schauderte es Agilulf, der sogleich langsamer wurde als er jene Worte verstand. Er ließ sich zu Volkhard zurückfallen, der am hinteren Ende der Gruppe marschierte.
„Pstttt!“ zischte er leise.
„Was gibt es?“
Volkhard hatte nicht die leiseste Ahnung, daß eine Feldkarl in der Gruppe war. Als er es in aller Deutlichkeit von seinem Neffen erfuhr, wurde auch er etwas leiser. Er dachte einige Momente angestrengt nach.
„Sind wirklich schon so viele Jahre vergangen? Kann das sein?
Sie muß das kleine blonde Mädchen sein, die Tochter von…“
„Ja, ich weiß!“ unterbrach ihn Agilulf und fragte weiter:
„Denkst du sie hat Rachegedanken?“
„Mit Sicherheit hat sie die. Dann haben die Eisensucher das kleine Mädchen von damals aufgenommen, das war mir unbekannt. Ich dachte, sie sei von der Priesterschaft aufgenommen worden, da lag ich wohl falsch. Dein Vater hat ihren Vater getötet, als die Fehde so viele gute Männer von ihnen und uns hinraffte.“
„Aber die Blutfehde wurde doch damals an einem Thing für beendet erklärt. Ich kann mich nicht an ihre Anwesenheit erinnern.“
Volkhard holte tief Luft.
„Ja, das wurde sie. Und das weiß sie auch. Auch die Eisensucher wissen es. Rache an uns würde gegen das Gesetz verstoßen. Ich denke, sie hegt im Moment eher Rachegedanken gegen die Lateiner die ihren Verlobten getötet haben.“
Volkhard machte sogleich eine von sich weisende Handbewegung und deutete so an, daß das Thema für ihn damit als beendet erklärt wurde.
Seitdem ging Agilulf mit Volkhard am Ende der Gruppe, die wenigen Stunden welche sie zum Burgberg und der nahen Thingstätte noch benötigten.
Je näher sie ihrem Ziel kamen, um so mehr Reisende begegneten ihnen. War man am Rand der Feldern unterwegs, so sah man in der Ferne auf geraden Wegen andere kleine Gruppen oder einzelne Personen.
Eine Handvoll Männer mit Kettenhemden und langen Reiterframen hatte sie vorhin schon im mittleren Galopp überholt. Diese sahen sehr grimmig unter ihren Eisenhelmen hervor, ihre Rundschilde waren alle mit einem weißen Kopf eines Ebers auf schwarzem Grund bemalt. Es war die Reiterei und Leibgarde des Stammesoberhaupts der Sueben.
Im letzten Dorf vor dem Sitz des Häuptlings mitsamt seinem Gefolge, der sommerliche Abend brach bereits an, hatten die Dorfbewohner am Weg entlang einige Bänke aufgestellt. Auf denen waren Körbe mit frischen Äpfeln, Beeren und getrocknetem Fisch wie frisches Brot für die Allgemeinheit abgestellt worden.
In heller Gewandung stand dort eine ältere Frau deren Haut zwar faltig, und ihr graues, sehr langes Haar zu einem Zopf gebunden trug, aber dennoch eine durchaus jugendliche Ausstrahlung besaß. Blaue und weiße Blumen zu einem Kranz verflochten, schmückte ihr Haupt, genau wie die vielen kleinen Knaben und Mädchen eben solche Blumenkränze trugen. Die Priesterin mit ihren auserwählten Lehrlingen verteilte Nahrung zur Stärkung der vielen Menschen des Stammes, die teilweise von weither aus allen Stammesgebieten anreisten, um der heutigen Thingversammlung bei Vollmond beizuwohnen.
Die Gruppe der Eisensucher machte an diesem Dorf Rast und stärkte sich. Agilulf und Volkhard griffen ebenfalls dankbar zu. In diesem dichter besiedelten Gebiet war es nicht mehr notwendig in der Gesellschaft der Gruppe zu bleiben, der Burgberg war zwischen den Baumstämmen des nahen lichten Waldes schon deutlich zu sehen.
