Der Symmetrielehrer - Andrej Bitow - E-Book

Der Symmetrielehrer E-Book

Andrej Bitow

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Beschreibung

Eine Gruppe Geologen sitzt bei schlechtem Wetter in der Taiga fest. Um die Zeit zu vertreiben, erzählt der Übersetzer A. B. ein »ausländisches« Buch nach, das er nur halb verstanden hat und deshalb mit Erfindungen ausschmückt. Zehn Jahre später – das Buch ist verschollen, sein Inhalt lange vergessen – steht A. B. plötzlich ein Kapitel vor Augen, vollständig, wie eine Vision. Während sein Gedächtnis den Text speichert, wird das Ereignis, das die Vision ausgelöst hat, gelöscht. Aus dieser irritierenden Erfahrung erwächst Andrej Bitows Meisterwerk, in dem er sich den letzten Dingen des literarischen Daseins zuwendet: dem Verhältnis zwischen Autor und seinen Geschöpfen; der Schriftstellerexistenz, die Schuld und Schmerz zurücklässt; der Liebe, die dem Schreiben geopfert wird; und nicht zuletzt Russland »als Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen«. Ein ungemein intelligent komponiertes, ironisch gefärbtes, doch unverhohlen melancholisches Buch. Opus magnum und Lebensbilanz: das Schlüsselwerk eines Autors von Weltrang.

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Seitenzahl: 471

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Eine Gruppe Geologen sitzt bei schlechtem Wetter in der Taiga fest. Um die Zeit zu vertreiben, erzählt der Übersetzer A. B. ein »ausländisches« Buch nach, das er nur halb verstanden hat und deshalb mit Erfindungen ausschmückt. Zehn Jahre später – das Buch ist verschollen, sein Inhalt lange vergessen – steht A. B. plötzlich ein Kapitel vor Augen, vollständig, wie eine Vision. Während sein Gedächtnis den Text speichert, wird das Ereignis, das die Vision ausgelöst hat, gelöscht.

 Aus dieser Erfahrung erwächst Andrej Bitows »philosophischer Roman« (Novyj Mir), in dem er sich den letzten Dingen des literarischen Daseins zuwendet: dem Verhältnis zwischen Autor und seinen Geschöpfen; der Schriftstellerexistenz, die Schuld und Schmerz zurücklässt; der Liebe, die dem Schreiben geopfert wird. Schicksal und Freiheit, Glauben und Unglauben und schließlich Russland »als Versuch Gottes, die Zeit durch den Raum zu ersetzen«. Unerwartet aktuell geht es aber auch um Machtinstanzen, die darüber verfügen, was in die große Enzyklopädie der Weltgeschichte aufgenommen oder endgültig »aus der Zeit, aus dem Gedächtnis des Menschen« verbannt wird.

 Das Buch kommt ganz traditionell, nämlich als Novellenkranz daher. Allerdings braucht es Leser, die sich unerschrocken ins akustische Spiegelkabinett dieses »Echo-Romans« hineinwagen. Die zahlreichen Anagramme – beispielsweise Tired-Boffin/Andrei Bitoff –, die vertrackten Zeitstrukturen und erfundenen Biographien verweisen auf einen Autor, dem Bitow neben Laurence Sterne und Jan Potocki seine besondere Reverenz erweist: Vladimir Nabokov. Während aber dieser sein Werk bis ins Letzte durchorganisierte, herrscht bei Bitow das schöpferische Chaos, ein Geist der Offenheit, eine Kombinatorik des Zufalls, die den Symmetrielehrer zu einer Figur der radikalen literarischen Moderne macht.

Andrej Bitow

Der Symmetrielehrer

Roman

Deutsch vonRosemarie Tietze

Die Originalausgabe erschien 2008 u. d. T. Prepodavatel' simmetrii. Roman-ėcho im Verlag Fortuna Ėl in Moskau.

Die Übersetzung berücksichtigt die nachträglichenÄnderungen des Autors.

Bei den Illustrationen der Zwischentitel handelt es sich

um Figuren aus dem Gemälde The Fairy Feller's Master-Stroke von Richard Dadd.

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung ihrer Arbeit.

The publication was effected under the auspices of theMikhail Prokhorov Foundation TRANSCRIPT Programme to Support Translations of Russian Literature

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

Copyright © by Andrej Bitov 2008

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortragssowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelnerTeile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie,Mikrofilm und andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung desVerlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systemeverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Der Symmetrielehrer

A. Tired-Boffin

The Teacher of Symmetry

A Novel

London o. J.

Übersetzt aus dem Ausländischen

Der Symmetrielehrer

Ein Echoroman

Aus der russischen Übersetzung

Inhalt

Vorwort des Übersetzers

I.

Ansicht des Himmels über Troja (Future in the Past)

Aus dem Buch »Die Fliege auf dem Schiff«von Urbino Vanoski:

O – Zahl oder Buchstabe? (Freud's Family Doctor)

Am Ende eines Satzes (The Talking Ear)

II.

Das vergessliche Wort (A Couple of Coffins from aCup of Coffee)

Aus dem Gedichtband »Verse aus dem Kaffeesatz«von Ris Vokonabi:

Ein letzter Fall von Briefen (Pigeon Post)

Aus dem Buch »Das Papierschwert«von Urbino Vanoski:

Die posthumen Papiere des Tristram-Klubs (The Inevitability of the Unwritten)

Die Schlacht am Alphabetos (King of Britannica)

III.

Auf Abruf (Dooms Day)

Postskriptum

Wir leben in einer Zeit, da die paradoxalsten Werke verfasst werden, aber nicht in einer, da sie Erfolg haben.

Voltaire über Laurence Sterne

»Mir scheint, Señor«, sagte Rebekka, »dass Sie die Triebfedern des Menschenherzens zur Gänze erforscht haben und dass die Geometrie der verlässlichste Weg zum Glück ist.«

Jan Potocki,

»Die Handschrift von Saragossa«

Gott genügte ihm nicht, er führte zum Beweis noch die Mathematik an.

Thornton Wilder,

Vorwort des Übersetzers

Ich halte es für unabdingbar, den nachfolgenden, einigermaßen ungewöhnlichen Erzählungen nun doch eine Erklärung vorauszuschicken. Vor sehr langer Zeit, noch in vorschriftstellerischen Jugendjahren, in meiner »geologischen« Vergangenheit, stieß ich einmal auf das Buch eines unbekannten englischen Verfassers: »The Teacher of Symmetry«. In dem guten Vorsatz, mich weiterzubilden, nahm ich es auf eine Expedition mit, doch aus Faulheit, aufgrund der schweren Arbeit und unter den ironischen Blicken der harten Kerle in der Expedition schlug ich es den ganzen Sommer nicht auf. Dann aber – Herbst, schlechtes Wetter, kein Hubschrauber, Warten auf Flugwetter … Alles x-fach gelesen, alle Spiele x-fach gespielt. Unglücklicherweise fiel jemandem ein, er habe bei mir ein ausländisches Buch gesehen, und so musste ich, ohne dass ich die Sprache wie auch den Sinn gänzlich verstanden hätte, unterm unaufhörlichen Prasseln des Regens das Buch nacherzählen. Mehr schlecht als recht, ohne Wörterbuch, einiges erratend, anderes hinzuerfindend, notierte ich in Schulheften eine Erzählung pro Tag. Wie Scheherazade … Endlich traf der Hubschrauber ein, meine Qualen hatten ein Ende, und nur zu gerne vergaß ich sowohl die Mühe wie das Buch in der nassen Taiga.

Wohl zehn Jahre später hatte ich ein unglaubliches Erlebnis, etwas in seiner Unwahrscheinlichkeit absolut Frappierendes, und weder Erfahrung noch Gedächtnis boten mir irgendwelchen Rückhalt, nur die plötzliche Erinnerung an eine der Erzählungen aus dem vergessenen Buch. Die Erzählung tauchte dermaßen vollständig auf, dermaßen deutlich, als hätte ich sie gestern gelesen. Dafür will mir nun um nichts in der Welt der unglaubliche Vorfall aus meinem Leben mehr einfallen, dessenthalben mir die Erzählung eingefallen war.

Ich stöberte im Kabuff, zwischen zerbrochenen Skiern und Rudern, die hingeschluderte Handschrift meiner »Übersetzung« auf, auch andere Erzählungen aus dem Buch fielen mir ein, und auf diese Weise »wiedergelesen«, bemächtigte sich das Buch meiner Phantasie – nun suchte ich danach. Aber mir wollte der Name des Verfassers nicht mehr einfallen! Er hatte so etwas Nichtenglisches … ob Holländisches oder sogar Japanisches … Nein, weiß ich nicht mehr! Nun befragte ich Fachleute, erzählte den Inhalt nach, doch ohne Erfolg. Niemand hatte ein solches Buch je gelesen.[1] So viele Jahre sind seit dem urplötzlichen »Wiederlesen« im Geist schon vergangen, und noch immer geht es mir nicht aus dem Sinn. Gefunden hat es sich nie.

Um das aufdringliche Buch irgendwie loszuwerden (schließlich hatte nicht ich das alles erdacht!), fing ich an, es beiläufig zu »übersetzen«, nicht wie man Texte übersetzt, sondern wie man Abziehbilder überträgt. Nicht ohne dazuzuerfinden, versteht sich (die etwas schlechteren Stellen gehen auf meine Kappe). Während ich einige der Texte auf diese Weise »übersetzte«, vergaß ich endgültig das Original (wie seinerzeit jenes Ereignis aus dem eigenen Leben). Zurückverfolgen lässt sich nun kaum noch etwas. Statt der Erinnerungen an das verschollene Buch belasten mich seither die aus seinem Anlass entstandenen Manuskripte. Nun will ich das Risiko eingehen, auch sie loszuwerden, um das Ganze endgültig zu vergessen.

Nichts aus der Biographie des Verfassers. Höchstens, dass er seinem schreibenden Helden (Urbino Vanoski) hie und da ein Fitzelchen aus der eigenen Biographie beigegeben hat. Ein Altersgenosse des Jahrhunderts. Die Herkunft bizarr gemischt (polnisches, italienisches und fast noch japanisches Blut). Erst späte Aneignung der Sprache seiner künftigen Literatur,[2] daher gewisse stilistische Künsteleien. So nahm er zum Beispiel die Unmenge grammatischer Zeiten im Englischen wortwörtlich, verfasste jeden Text in je einer Zeit und ordnete die Titel als Tabelle an.

Den Inhalt hatte ich seinerzeit noch abgezeichnet:

Present

Past

Future

Futurein the Past

Indefinite

Freud'sFamilyDoctor

TheTalkingEar

KingofBritannica

TheInevitabilityof theUnwritten

Continuous

PigeonPost

Futurein the Past

A Couple of Coffinsfrom A Cup of Coffee

Doom's Day

Perfect

Bach's Spring

The HistoryofHistories

TheCalendar's Prohibition Centennial

No Idea

SameAuthor

My FatherinParadise

The MonkeyLink

Nothingabout Japan

Back fromthe Earth

Zunächst einmal ist ein Übersetzer imstande, die Titel von Werken zu ändern. Was ich auch vor allem getan habe:

Present

Past

Future

Futurein the Past

Indefinite

O – Zahl oderBuchstabe?

Am Ende eines Satzes

Die Schlacht amAlphabetos

Die posthumen Papiere desTristram-Klubs

Continuous

Ein letzter Fall von Briefen

Ansicht des Himmels über Troja

Dasvergessliche Wort

Auf Abruf

Perfect

Mozarts Ohr

Geschichte derzwanzigsten Jahrhunderte

Zum hundertstenJahrestag der Abschaffung desKalenders

DasEvangelium des Judas

Andere Bücher desselben Verfassers:

PerfectContinuous

Irgendwas mit Liebe

Derverbrannte Roman

Autogeographie

Lebendigbestattet

Dies nur der Kuriosität halber. Mit den Mitteln der russischen Grammatik lässt sich solche Eigenwilligkeit ohnehin nicht wiedergeben – sie ist prinzipiell unübersetzbar.

Jetzt hatte ich lediglich noch die Übersetzung ins Russische abzuschließen. Wenn ich dem geneigten Leser diese Versuche nun zaghaft unterbreite, stütze ich mich dabei auf ein Zitat meines Lieblingsautors: »Wie dem auch sei, in Erwartung der Veröffentlichung meines berühmten in quarto beabsichtige ich für Sie ein paar Auszüge aus meinem Heft anzufertigen. Seien Sie im vorhinein gewarnt, dass darin schrecklich viel gestohlen ist: Auf eine Seite von mir kommen manchmal zehn Seiten reiner Übersetzung, dann ebensoviele Seiten mit Exzerpten. Mir die Seiten mit Verweisen auf die Quellen meiner Räubereien zu garnieren wäre zwecklos gewesen; einige der Bücher würden Sie nicht finden, andere nicht erst lesen; es waren dies sieben Bücher voller Witz und Wahnwitz, medizinische, mathematische, philosophische und keiner Kategorie zuzuordnende Bücher. Im vorhinein verneige ich mich vor meinen sämtlichen Diebstahlsopfern; nur wenige wären heutigentags zu solcher Offenheit imstande …« (Wladimir Odojewski: Briefe an Gräfin J. P. R-a über Gespenster, abergläubische Ängste, Gefühlstäuschungen, Magie, Kabbalistik, Alchemie und andere geheimnisvolle Zeichen).

Jedes Kapitel des »Symmetrielehrers« kann als separates Werk gelesen werden, es steht dem Leser frei, dem einen oder anderen Kapitel als eigenständiger Erzählung den Vorzug zu geben, aber wenn er alle nacheinander bewältigt und das Echo vernimmt, das sich von der vorhergehenden zur nächstfolgenden und von jeder zu jeder ausbreitet, so entdeckt er auch dessen Ursprung, das heißt, liest er auch den Roman und nicht eine Sammlung von Erzählungen.

1971 im Dorf Rybatschi (dem ehem. Rossitten)

P. S. von 2008. Die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren angebrochen. In Russland hatte noch kein Mensch irgendwas gehört, irgendwas gesehen und war auch noch nirgends gewesen. Darum hörten sich die harten Kerle der Expedition, wie sehr ich das Original auch verdrehte, meine mündliche Nacherzählung an: Sowas aber auch! was es nicht alles gibt! Den heutigen Leser bitte ich, in gleichem Maße die Arbeit des Übersetzers zu achten, wie dieser die Arbeit des Lesers achtet: vomersten bis zum letzten Wort.

Der Verfasser der Übersetzung fühlt sich den Orten verbunden, an denen das alles übersetzt wurde:

der Biostation der Akademie der Wissenschaften der UdSSR im Dorf Rybatschi (dem ehem. Rossitten), Gebiet Kaliningrad, 1969-1975;

dem Schriftstellerhaus in Peredelkino, 1976-1977;

dem Dorf Golusino im Antropow-Bezirk, Gebiet Kostroma, 1978-1985;

der Petropawlowskaja Straße und der Dostojewskistraße in Leningrad, 1986;

New York und Princeton, USA, 1995-1997;

dem Baltic Centre, Insel Gotland, Schweden, 2007;

dem Hotel Alpengut, Elmau, Bayern, 2008,

außerdem gilt sein Dank der Kulturstiftung Landys & Gyr in Zug, Schweiz, die ihm finanziell die Möglichkeit verschafft hat, diese Übersetzung zu Ende zu führen.

P. P. S. von 2011. Zusätzlich dankt er anlässlich der deutschen Fassung:

Jelena Pasternak, Gotland, für das Dach überm Kopf;

Rosemarie Tietze für ihre Redaktion;

Arvydas Juozaitis für das längste englische Wort und für Pingpong.

Andrej Bitow

[1] In Washington fragte mich 1987 der Direktor der Library of Congress, Lord Billington, wohl aus purer Höflichkeit, woran ich derzeit arbeitete. Er war ein hochaufgeschossener, hagerer Herr und erinnerte mich irgendwie an den Helden aus dem »Symmetrielehrer«. Deshalb sagte ich unbedachterweise, ich säße am Remake eines vergessenen englischen Autors, könne bloß um nichts in der Welt das Original finden. »Oh«, sagte der Lord, »wurde das Buch auch nur einmal ediert, haben wir es unbedingt in unserer Bibliothek.« Er kam mir verlegen vor, als er mir, bei der Begegnung auf einem Empfang, einige Tage später versicherte, ein solches Buch gebe es nicht. Mir war das noch viel peinlicher. (Anm. d. Ü.)

[2] Ob Tired-Boffin wohl von seinem Altersgenossen gelesen wurde, dem künftigen Verfasser von »The Real Life of Sebastian Knight«? (Anm. d. Ü.)Um den Leser nicht noch durch das Aufschlüsseln von Kürzeln zu belasten: Anm. d. Ü. bezieht sich auf den Übersetzerkollegen Bitow. Da die Urheberin der deutschen Fassung ja eine Übersetzung übersetzt, zeichnet sie ihre Kommentare mit: Anm. d. ÜÜ.

I.

Ansicht des Himmels über Troja

(Future in the Past)

Wie ein zuckender BlitzWie ein verdunstender TautropfenWie ein Gespenst –Der Gedanke an einen selbst.

Prinz Ikkyū

Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der in das rätselhafte Ende von Urbino Vanoski ein wenig Licht bringen könnte. Doch leider sehe ich mich dazu außerstande. Eine Legende ist ja darum Legende, weil sie sich nicht erschüttern lässt. Und so ist er nun mal gestorben, vielmehr auferstanden im Bewusstsein von Lesern und Kritik: gänzlich unerkannt, ohne von seinem Ruhm etwas zu ahnen und arm wie eine Kirchenratte (zu solch einem Vergleich würde ich nicht greifen, wenn es nicht buchstäblich so wäre: der Legende nach diente er in den letzten Lebensjahren als Wächter in einer Kirche und verkaufte Kerzen). Sein Grab ist verschollen, und das ist schön, denn die Unbekanntheit zu Lebzeiten speist die Strahlen seines verspäteten Ruhms, und diese bringen seinen nichtexistenten Grabstein zum Glühen. Der größte Literaturpreis zu Lebzeiten war und blieb für ihn ein posthumer Preis, er wurde zum Fundament für den Fonds seines Namens, dank dessen Mitteln wir, die Erforscher seines Werks, uns alljährlich irgendwo an der Adria versammeln, wonach wir unsere Dispute in einem (später wiederum von uns gelesenen) Band herausbringen, ohne für potentielle Genies unter den Kirchenwächtern Mittel übrig zu lassen.

Dass es um Vanoski, den unerkannten Autor der dreißiger Jahre, gegen Ende der sechziger zu einem Boom kam, ist voll und ganz das Verdienst des unersetzlichen Fonds-Vorsitzenden V. van Book, und ich würde von den Kollegen mit Schimpf und Schande aus unseren fest geschlossenen Reihen gejagt, wollte ich den von ihnen errichteten Mythos ins Wanken bringen. Mir würde niemand glauben, ich würde überzeugend widerlegt, einer Fälschung geziehen werden … Und wo bliebe dann mein jährlicher Sommerurlaub?

Dabei war Urbino Vanoski gar nicht Kirchenwächter – er war Aufzugführer. Und als er starb (vielleicht ist er auch noch gar nicht gestorben …), wusste er von seinem plötzlichen Ruhm, und von seinem Grand Prix wusste er auch. Ich war es nämlich, der ihn vor seinem Tod (vielleicht auch nicht vor seinem Tod …) ausfindig gemacht hatte, der ihn als letzter sah, der ihm all die freudigen Nachrichten überbrachte. Mir auch gewährte er sein letztes Interview. Das im Grunde kein Interview war, sondern eine Beichte. Ich weiß nicht, warum er gerade mich dafür auserwählte, vielleicht, weil ich ihm gleich auf den ersten Blick nicht sympathisch war. Nicht jedem Detail dieser Beichte sollte man Glauben schenken, ich habe Grund zu dem Verdacht, dass er nicht mehr recht bei Verstand war. So gab er auf die Frage, wie er zu der überaus hohen Auszeichnung stehe, zur Antwort, er habe eine höhere erwartet. Ich konnte die Frage nicht unterdrücken: »Welche denn?« – »Den Tod«, gab er gelassen zur Antwort. Besonders in Rage brachte ihn die schlichte Frage, an welchem Werk er gerade tätig sei. Er brauste auf: »Ein Werktätiger war ich nie, Gott sei Dank!« Ich korrigierte mich, so gut ich konnte: was für einen Plot er gerade ausmale. »Malen, das tun Maler! Wenn ich etwas male, dann Landschaften. Aber was fragen Sie, wo Sie nicht einmal gelesen haben, was längst geschrieben ist!« Ich fasste das so auf, dass er noch Unveröffentlichtes in petto habe. »Wohl kaum«, fuhr er mir über den Mund. »Im übrigen, nach jedem anständige Schriftsteller sollte etwas hinterbleiben, das einer posthumen Veröffentlichung würdig ist.« Ich wäre nicht ich, hätte ich da nicht nachgehakt. »Schon, habe ich, habe ich«, räumte er ein, widerwillig und bereitwillig. »Ich habe einen unvollendeten Roman, ›Das Leben ohne uns‹ heißt er – oder ›Lebendig bestattet‹? Nicht einmal an den Titel erinnere ich mich … doch werde ich ihn wohl kaum vollenden … das Leben wird ihn vollenden.«

»Über das Leben im Jenseits?« suchte ich zu ergründen.

»Im Diesseits!« Er war aufgebracht. »Woher wollen Sie wissen, welche Seite die hiesige ist und welche die andere?!« Wahrscheinlich sah ich mutlos drein, er schaute mich an, als wäre ich ein Kind, und seine Augen waren erneut wunderschön. »Ich habe einen Roman, einen vielleicht fast abgeschlossenen … aber ich kann ihn nicht finden. Was im übrigen kein Wunder ist, denn so heißt er: ›Das Verschwinden der Gegenstände‹. Darin … Nein, ich werde ihn nicht nacherzählen! Das wäre ein ›falscher Fauxpas‹.

Ist Ihnen das nie passiert, dass Sie ein Wort vollständig vergessen? Sie wissen es ganz sicher, sind aber nicht in der Lage, es herauszubringen? … Sie sagen, das ginge allen so? Aber später fällt es Ihnen doch wieder ein. Dagegen so vergessen, dass es für immer ist, fürs ganze Leben! Ich hatte einmal solch ein Schlüsselwort; in meinem ganzen Leben war es mir nur einmal eingefallen, aber da geriet ich in einen Sturm und vergaß es für immer. Bis zum heutigen Tag … Irgendwas muss das zu bedeuten haben, dass gerade dieses Wort und gerade ich …! Haben Sie mal beobachtet, wie Sonnenblumen sich die Sonne einprägen, um sie bis zum Morgen nicht zu vergessen?« Das Auge des Alten begann verschmitzt zu funkeln. »Wollten Sie nicht, dass ich Ihnen eine Landschaft male? Na schön. Das wird eine Landschaft, die außer den alten Griechen nie jemand gesehen hat …«

»Solche Sonnenblumenfelder dürfte es auch im antiken Griechenland gegeben haben. Wir haben das, Dika und ich, in Italien beobachtet, nein, nicht mehr im antiken.« Der Überzeugung halber griff er sich an die Wade, um zu zeigen, wo das war. »In Umbrien. Da gab es ein riesiges Sonnenblumenfeld, an ihm vorbei stiegen wir ins Gebirge, um Sonnenauf- und Sonnenuntergänge zu erleben. Wie jedermann weiß, sind Sonnenblumen stets der Sonne zugewandt. Fangen jeden kleinen Strahl ein. Haben sich die Sonne sogar aufs Mäulchen gemalt wie Kinder. Wir gingen vorbei, lächelten ihnen zu und sie uns. Bei Sonnenuntergang sahen sie übrigens konzentrierter und besorgter aus, wie Soldaten in Reih und Glied, die auf ein Kommando warten. Man hätte meinen sollen, sie müssten die letzten Strahlen einfangen – da schwenkten sie plötzlich geschlossen um, weg von der Sonne, und zeigten uns ihre gleichmäßigen, geschorenen Nacken! Es war unverständlich. Sie konnten es der Sonne doch nicht übelnehmen?

Ich wusste es mir nur so zu erklären: Sie sind bereit, den ersten Strahl zu begrüßen, und nicht, den letzten zu verabschieden! Die Energie der untergehenden Sonne nutzen sie, um sich der aufgehenden Sonne zuzuwenden! Bestimmt bietet die aufgehende ihnen mehr brauchbares Licht. Dika akzeptierte meine Theorie nicht, obwohl sie, im Unterschied zu mir, von Biologie etwas verstand. Aber sie interessierte sich mehr für Tiere, mich hatten Pflanzen stets mehr fasziniert. Ich erzähle ihr was von Sonnenblumen, sie mir von Ziegen. Warum sie den Hang immer in eine Richtung hochliefen, das sei doch unbequem, immer in eine. Und nie zurückkehrten … Ich sage zu ihr, das sei so eine spezielle Rasse, eine Bergziege, da seien die rechten Beine kürzer als die linken. Aber wie kehrten sie zurück?? Dika war ihretwegen besorgt. Sie fallen doch um! Da müssten sie eben ihr Leben lang im Kreis herumlaufen, fand ich die passende Erklärung. Und sie glaubte es. Sie war sehr vertrauensselig.«

Das Gesicht des Alten wurde plötzlich streng, nun fuhr er so fort:

»Verstehen Sie, Leben ist Text. Ein Text, den die Lebenden nicht bis zu Ende gelesen haben. Aber auch Text ist Leben! In jeder Zeile muss das Geheimnis der künftigen Zeile stecken. Wie im Leben – die Unbekanntheit des nächsten Augenblicks. Wir sind keine Sonnenblumen. Wir sind Ziegen. In Amerika wunderte sich Dika, wo die Amerikaner am Thanksgiving Day so viele Putenbeine hernähmen. Ich konnte sie leicht überzeugen, dass die Amerikaner zu diesem Zweck eine spezielle Rasse mit vier Beinen gezüchtet hätten, verstehen Sie?« Der Alte schneuzte sich geräuschvoll und tupfte die tränenden Augen trocken.

Ich habe Grund zu dem Verdacht, dass er nicht mehr recht bei Verstand war. Hätte ich dieses Wahngerede damals veröffentlichen können? Hätte ich zwar, eine Sensation wäre es auf jeden Fall geworden. Ich war jung, träumte von Ruhm. Nun gut, ein kluger Beamter riet mir ab: Ich würde meine Arbeit verlieren. Stimmt ja, wer war ich schon? Meine Sensation wäre unweigerlich am Fels des mit Elan errichteten Mythos zerschellt. Manchmal kommt es mir vor, als wäre auch der arme Aufzugführer daran zerschellt. Als ob sein Aufzug abgestürzt wäre … Auch umbringen hätten sie ihn können …

Vielleicht doch besser so: in einer Kirche, beim Verkauf von Kerzen, ohne Gedanken nachzuhängen? Ein leichter, lichter Tod …

»Also, daran ist noch nichts Besonderes, wenn sich im Garden Park ein Unbekannter neben Sie setzt, dick, mit Glatze, schwitzend, sich eigentlich nicht setzt, sondern auf die Bank plumpst, quasi: uff! endlich geschafft! und zur Ruhe kommt, ausdampft unterm Aprilsönnchen, und hat er verschnauft, sagt er: ›Tja, Urbino, viel kann ich nicht, aber Ihnen Ihr Photo zeigen, das kann ich …‹ Doch wenn Ihnen dergleichen zustößt, wie es mir zugestoßen ist, wundern Sie sich nicht und überlegen Sie nicht, sondern jagen Sie diesen Herrn sofort davon. Überhaupt ist Davonjagen stets die bessere Philosophie, die Weisheit der Würde … Bloß habe ich das erst viel später begriffen. Bloß habe ich mir diese Tugend, wiewohl begriffen, bis zum heutigen Tag nicht zu eigen gemacht …«

So ausgiebig seufzte der alte Urbino Vanoski, seine wunderschönen Augen auf mich gerichtet – nie habe ich in jemandes Blick eine solche Direktheit erlebt, gepaart mit Demütigkeit. Im übrigen wandte er seinen wunderschönen Blick sogleich verlegen ab, damit ich bloß nicht auf den Gedanken käme, diese Philosophie könnte irgend etwas mit mir zu tun haben, obwohl sie das ja hatte, gerade mit mir. Als Reporter des »Thursday Evening« und der »Yesterday News« führte ich mit ihm ein Interview. Wir saßen in seinem winzigen Kämmerchen, das aber derart sauber war und leer, dass es sogar übermäßig geräumig erschien. Das einzige Möbelstück war ein löchriger Furnierholzschrank.

Es wäre regelrecht eine Gefängniszelle gewesen, wenn nicht eine gewisse Gefügigkeit des Ambientes: Die Kammer war die Gefangene seines Blicks, nicht er der Gefangene der Kammer. Der Raum umrahmte das Gesicht seines Herrn, und das Gesicht war der Rahmen seiner Augen. Ein gegenseitiges Eingepasstsein, gleichsam verkehrt herum: das Gesicht dem Blick, der Raum dem Gesicht. Seine Hundehütte befand sich unterm Dach, durch das schräge Fensterchen waren weder Hof noch Dächer zu sehen, nur ein Fetzchen Himmel mit einem in den Rahmen geschwommenen Wölkchen. Ich saß auf dem einzigen Kaffeehausstuhl, sehr unsicher; Vanoski auf seinem schmalen Klappbett. Sein sehr glattrasiertes, längliches Gesicht war ebenso sauber wie sein Zimmer, die Haut sogar jugendlich, was seltsamerweise sein Alter unterstrich, ihm Tiefe verlieh. Oh, wie leer, wie sauber, wie vorbereitet, um es jeden Augenblick zu verlassen, stets im reinen mit der Außenwelt! Nichts war in diesem Zimmer – nur ich mit meiner Dickleibigkeit und unschicklichen Gesundheit und ebensolchen Daseinsgier, und bald meinte ich die Küchenhitze meines Körpers, bald Grabeskühle zu spüren, sei es, dass ich aus anderen Dimensionen herkam, sei es, dass diese hier anders waren …

Irgendwas hatte sich in meiner Wahrnehmung verschoben, denn mir gerieten andauernd die äußere und innere Oberfläche der Phänomene und Gegenstände durcheinander – ein eher unangenehmes Gefühl; und ich warf bereits feindselige Blicke auf diesen Irren, der allerdings den »Letzten Fall von Briefen« geschrieben hatte, ein dermaßen erstaunliches Buch, dass nur ich selbst es hätte schreiben können, wenn ich das könnte … Mit wieviel Freude hatte ich mich auf die aussichtslose Aufgabe gestürzt, das Grab des rätselhaften Vanoski ausfindig zu machen. Und dann das! Nicht das Grab hatte ich gefunden, sondern ihn selbst, und lebendig! Obwohl – lebendig? Gefunden hatte ich ihn, um in der Nähe dieses Minus-Menschen zu frieren und mich über die Ironie der Vorsehung zu wundern, hatte sie doch die Fähigkeit gesandt – eigentlich nicht die Fähigkeit, sondern die Möglichkeit, eigentlich nicht die Möglichkeit, sondern den Zufall, ein solches Buch zu schaffen … eine solche Kraft, und das in den toten Lenden eines nicht mehr lebenden Menschen … gefunden hatte ich ihn, um voll heißem, pulsierendem Neid auf die Vergeblichkeit jeglichen Neids zu stoßen und außerdem die quälende Peinlichkeit zu empfinden, dass da einem Menschen zugesetzt wird, der zum Leben gewissenhaft auf Distanz gegangen ist, als wäre es meine Rolle, ihm den letzten und nun doch lebhaften Schmerz zuzufügen. Jede meiner Bewegungen riss seinen altersschwachen aschgrauen Kokon weiter ein, der, Kindheitserinnerungen nach, einem verlassenen Wespennest glich! Jetzt kam es mir vor, als hätte der Alte auf den ersten Blick, kaum dass ich zu ihm in den Aufzug trat, seinen Henker in mir erkannt – soviel Schwermut hatte sein erster Blick ausgedrückt, in den Grenzen von Wohlerzogenheit und Schicklichkeit, allerdings war das Geviert innerhalb dieser Grenzen gefüllt bis zum Rand. Schließlich konnte er nicht jeden Fahrgast so anschauen, also hatte er bereits erwartet … Zugleich jedoch, und das wusste ich genau, konnte er nicht mich erwartet haben, schon deshalb nicht, weil er von seinen Büchern nichts mehr erwartete, keinerlei Effekt, also hatte er jemanden erwartet. Dieser »Jemand« hätte ich sein können, war es aber nicht, das erkannte ich daran, wie rasch ihn die Furcht verließ, als ich ihm meine Aufgabe erklärte. Aber als sie ihn verließ, war das, so kam es mir vor, nicht nur eine Erleichterung, sondern im selben Moment auch eine Enttäuschung. Nun empfand er Langeweile, Überdruss, Ärger, und das in jenem letzten Ausmaß, über das ich nur Vermutungen anstellen, aber keine Vorstellungen haben konnte, wusste ich doch nichts von jener abgrundtiefen Abwesenheit, in die ein Autor versinkt, der uns naheliegende und verständliche Dinge neu erschafft …

Vanoski sagte, bis zum Ende seines Dienstes könne er sich mir nicht widmen, das wollte ich jedoch umgehend regeln. Er suchte mich abzuhalten, erschrocken und schüchtern, und ich erklärte, es mache mir absolut keine Umstände. Mit der Selbstsicherheit eines jungen Holzkopfs vermutete ich, dem in Armut und Unbekanntheit dahinkümmernden genialen Alten müsse der Ausbruch an Liebenswürdigkeit und Unterwürfigkeit angenehm sein, den seine Chefs an den Tag legen würden, sobald ich mein Mandat von der mächtigen »Yesterday News« vorgewiesen hätte. Und in der Tat, alles kam, wie ich vermutet hatte: Der Chef zeigte sich beflissen – natürlich, natürlich! – und gab dem Alten für den ganzen Tag frei, ersetzte ihn mühelos durch jemand anderes. Die tiefblaue Pein allerdings, die sich auf dem Gesicht des alten Vanoski abzeichnete bei all dieser Beflissenheit, dem servil neugierigen Blickewerfen des Chefs, dem kannibalischen Lippenlecken in Erwartung eines kostenlosen Wunders – eine solche Schwermut im Blick hatte ich nicht vermutet: So wird aus dem Käfig auf Zoobesucher geblickt. Ich hatte den Kräftehaushalt des Alten aus dem Gleichgewicht gebracht; das war bereits geschehen und war ihm klar.

Das Szenario, in das er geriet, stand von vornherein fest: Die Sensation eines neuen Stars – aus der Armut und dem Nichts unter die großen Künstler – stellte sowohl den Künstler wie die Armut in den Schatten, die Sensation war die Hauptsache. So dass der arme Alte in keiner Hinsicht mehr er selbst werden konnte, sondern nur der Vanoski zu sein hatte, wie ihn die ohne ihn entstandene Legende wollte – und diese musste weiterentwickelt werden, solange ihre Zeit da war, nach ganz schlichten und von vornherein feststehenden Handlungsgesetzen. Das in Armut geschaffene Meisterwerk verlangte Armut, die ein Meisterwerk geschaffen hat – und der Positivismus triumphierte. Ich fragte ihn, wie er es fertiggebracht habe, Derartiges zu schreiben, und er antwortete: »Weiß ich nicht.« Ich fragte ihn, was er mit den zwanzigtausend Dollar anfangen würde, und er sagte: »Erinnere mich nicht.«

Eigentlich hätte ich auch gehen können, denn der Alte konnte mir zu nichts mehr nütze sein. Er brauchte nichts, folglich müsste er auch nicht, aus allgemeinen Vorteilserwägungen, auf mich eingehen, an anderem war die Zeitung jedoch nicht interessiert. Auf die Wahrheit wäre allein ich persönlich neugierig gewesen, aber bis zu ihr war es weit, und Zeit hatte ich nicht. Auch konnte der Blick in diesem wie geschleckten Sarg nirgends haltmachen, denn nur ein einziger Gegenstand verschönte den Raum, ein ziemlich merkwürdiger übrigens, wollte man ihm Aufmerksamkeit schenken: eine verglaste, in dünnen Metallrahmen gefasste, recht großformatige Photographie. Doch auf der Photographie war eigentlich gar nichts dargestellt, sie war im Grunde leer, nur in einer Ecke befand sich so etwas wie ein Wölkchen. Gegenüber dem Fenster angebracht, über dem Bett, über dem Kopf des Alten, war sie eine Art Dekoration – ein zweites Fensterchen, durch das ich schaute, während der Alte mir gegenübersaß, folglich durch das richtige Fenster schaute. Diese Photographie konnte mir zusätzlich als Beweis für die Schrulligkeit des Genies dienen: überm Bett die Aussicht aus dem eigenen Fenster aufzuhängen, durch das wiederum nichts zu sehen ist außer einem Fetzchen Himmel! Unterhalb der Photographie war ein Metalltäfelchen, darauf eine verschnörkelt eingravierte Inschrift wie auf einem Türschild – ich dachte noch feixend: Sollte auch diese klägliche Photoarbeit einen eitlen Urheber haben? Der zweite Gegenstand, der mich gar nicht interessiert hätte, wäre nicht das Verhalten des Alten gewesen, war so etwas wie ein Klingelknopf, ebenfalls überm Bett angebracht, doch etwas tiefer als das »Bild«. Dieser Knopf lag unter Putz, so dass allein die Wölbung vorstand, rund, glatt, weiß und für einen Klingelknopf zu breit. Offenbar war die Anlage erst kürzlich eingerichtet worden, denn der graue Zementfleck ringsherum war noch nicht ganz trocken. Und zu diesem Knopf schielte bisweilen, gleichsam erschrocken, der Alte, suchte aber seinen Schrecken vor mir zu verbergen, indem er ungeschickt so tat, als wäre sein Blick zufällig darauf gefallen. Den Knopf konnte ich mir leicht erklären, nämlich dass eine Anlage angebracht worden war, um den Alten zum Aufzug zu rufen, und dass er hinschielte, deutete ich ebenfalls als Verängstigung des Unglücklichen, als Unterlegenheitsgefühl.

»Der Chef wird Sie heute nicht mehr behelligen«, sagte ich so sanft wie möglich zu ihm, damit ihn zumindest der Knopf nicht nervös machte; ohnehin war mir die Hoffnung fast vergangen, ich könnte ihm noch etwas Verwertbares entlocken.  

»Seien Sie bedankt, das habe ich begriffen«, sagte der Alte. Trotz allem, er war erstaunlich, dieser dem Gesicht eingepasste Blick! Und ich dachte: Wie ist doch die Wahrnehmung sozial vorbestimmt! ich wusste nur zu gut, wen ich suchte, solange ich suchte … und vergaß es völlig, als ich gefunden hatte! In dieser Hundehütte hatte ich ihm ein Maß an Verständnis zugebilligt, wie es die unterste Stufe der sozialen Leiter nahelegt. Mein Gott! wenn er Derartiges geschrieben hat, wie hat er dann alles gesehen und mich gesehen, die ganze Zeit! Mir wurde dermaßen peinlich zumute ob meiner Herablassung und Gönnerhaftigkeit, dass ich verwirrt vom Stuhl aufsprang, und um die heftige Bewegung irgendwie zu rechtfertigen, gab ich mir den Anschein, als sei ich aufgestanden, um die Bildunterschrift des Photographen zu lesen. Und was ich las, war nun wirklich schrullig: »ANSICHT DES HIMMELS ÜBER TROJA«.

»Sie sind in Troja gewesen?« fragte ich dümmlich.

»Wie könnte ich dort gewesen sein?« Der Alte griente leicht. »Mich gab es damals noch nicht.«

»Natürlich, ich meine …«, murmelte ich und stieß nur wieder auf meine Dummheit. »Ich spreche von dem Ort, der, wie ich gelesen habe, kürzlich ausgegraben wurde, wo Troja war … ich meinte das heutige Troja …«

»Nein, das ist der Himmel eben jenes Troja, ist jener Himmel«, sprach der Alte ausdruckslos.

Ein Kälteschauer lief mir über den Rücken. Als junger Mann hatte ich Angst vor der Begegnung mit dem Wahnsinn. Was rede ich! nicht einmal einen Toten hatte ich mein Leben lang je zu Gesicht bekommen, Unfallopfer nicht gerechnet, aber das sind noch keine Toten, sind nicht deine Toten. Und Wahnsinnige … nur lächerliche Schatten im Menschengewühl auf der Straße. Aber Schwachsinn ist kein Wahnsinn. Jetzt bekam ich einen Schreck vor Vanoski, wandte den Blick ab und starrte auf seinen Schrank.

Im »Letzten Fall von Briefen« (dem Roman über das Poem) gibt es bei ihm eine Stelle – ach, was für eine Stelle! Ich kann nicht erklären, weshalb gerade sie jedesmal so auf mich wirkt, dabei habe ich sie schon viele Male wiedergelesen, sie abgenudelt wie eine Lieblingsschallplatte, ja … Dort erwartet der Held einen Brief, der kommt nicht, darauf wandert er, von Leid und Leidenschaft zermürbt, durch eine Heide zur Meeresküste; plötzlich steht vor ihm auf der Düne ein löchriger Furnierholzschrank, offenbar von der Brandung an Land geworfen, der Held öffnet unwirsch und mechanisch die Schranktür – dort liegt ein Brief. Er reißt ihn wütend auf, starrt hinein, im Brief steht: »Lieber Urbino!«, weiter lässt sich jedoch nichts entziffern; es sind gleichsam Wörter und Buchstaben und ihre Handschrift, in einem Zug liest er ihn durch, doch wieder hat er nichts entziffert, er liest ihn wieder und wieder – und kann nichts entziffern. Sofort eilt er nach Haus, setzt sich hin und wirft hastig eine Antwort aufs Papier. Und nun – mein Gott! wie das geschrieben ist! – türmen sich die Wörter, raucht die Tinte, läuft der Text, den er mit Leidenschaft aufs Papier wirft, aber am Ende jeder Zeile verschwindet der Text, die Leidenschaft hängt in der Luft, verliert sich, ohne abzureißen, jenseits der Seitenränder, und anstelle des gerade gesagten Satzes erscheint etwas ganz anderes auf dem Papier, irgendwas über Tante Klara und ihren Papagei … Völlig entkräftet heult der arme Urbino, seine Tränen schwemmen Tante Klara weg, und als er, wieder getröstet, seinen durchsichtigen, durchgespülten Kopf hebt, da gewinnt er Kraft und Reaktionsvermögen zurück und schreibt den Brief nun ruhig und rasch, geschäftig, in Wirklichkeit zieht er nur Wellenlinien, wie Kinder das Meer malen … Da kommt ein Nachbar zu ihm, sie diskutieren ein lange anstehendes Geschäft, treffen eine sehr vernünftige Absprache und fahren in die Stadt Taunus. Und das ist dermaßen geschrieben – jedesmal habe ich versucht, diesen Übergang mitzubekommen und bekam ihn nicht mit –, dass diese Stelle dann auch gar nicht mehr im Buch war, ich konnte noch so viel blättern …

Auch jetzt kam es mir vor, als stünde ich am Rand seines Wahnsinns und als geriete dieser so fließend, so unmerklich und unaufhaltsam, so schwindelerregend ins Rotieren – ein Trichter, durch den das Bewusstsein abfließt, wie im Sand versickert –, so dass man gar nicht merkt, wie man über eine sinnbetäubende mathematische Kurve gleitet und an der inneren Oberfläche der Phänomene landet, und schon schaut man hinaus von dort, von wo es keine Rückkehr mehr gibt …

»Ja, ja, verstehe, jener Himmel …«, sagte ich, im Blick gleichsam auf dem Rückzug.

Der Alte griente:

»Ich habe durchaus reale Gründe, um zu glauben, dass dem so ist. Sie sind noch jung … Außerdem, bedeckt nicht ein und derselbe Himmel jenes Troja wie dieses, uns wie die nach uns … Damit Sie zumindest metaphorisch …«

»Das ist wahr!« Ich nickte freudig, beruhigt über Vanoskis Rückkehr in eine für uns akzeptable logische Reihe.

»Schon interessant, weshalb Ihnen Abstraktion, Bild, Metapher aufgrund ihrer Entfernung als Annäherung an die Wahrheit erscheinen, hingegen die Realität, wie sie uns umfängt, als sinnlos, als verunreinigt mit Überflüssigem, gleichsam als unzureichend verallgemeinert und abstrakt und infolgedessen als nicht wahr. Alles verkehrt herum! Wohl kaum ist es für Sie an der Zeit, das zu begreifen. Ich kann Sie nur vorwarnen, auch das offenbar umsonst … Wohl kaum wird Ihnen meine persönliche Erfahrung von Nutzen sein, überhaupt ist Erfahrung nicht von Nutzen. Und wohl kaum wird Ihnen eine so offene Form des Schicksals zufallen … Jedenfalls, eines rate ich Ihnen: Gehen Sie niemals auf irgendwelche verführerischen Vorschläge ein, Sie sind ein vertrauensseliger und uneigennütziger Mensch (auf die erste Charakteristik zuckte ich zusammen und wollte schon beleidigt sein, auf die zweite nickte ich zustimmend und entspannt), darum nehmen Sie jeglichen Vorschlag stets als Geschenk an, oder als Abenteuer, oder als Schicksal, Sie stürzen sich darauf wie ein Mensch, der nichts zu erwarten hat, nie genug abkriegt. Weisen Sie jeden Vorschlag zurück – er ist immer des Teufels. Deshalb auch ist das der Himmel des echten Troja …«

Hier nun sagte er den Satz über den glatzköpfigen Dicken im Garden Park, und zum soundsovielten Mal verstand ich ihn nicht. Hier nun sagte er, Davonjagen sei die beste Philosophie, nach einem entsprechend schwermütigen Blick, dass er es wieder einmal nicht getan hatte …

»Sie wollen etwas von mir, doch in Wirklichkeit brauchen Sie mich überhaupt nicht, was Sie dringend brauchen, ist etwas, das Sie an meiner Statt vermuten. Alle sind heute Vergewaltiger der Realität, Praktikanten des Progresses … Denken Sie deshalb ruhig, es gäbe mich nicht. Aber insofern Sie von mir, wenn auch nicht von mir, etwas brauchen – und ich habe ebendarum alles Leben um mich verbannt, weil ich es stets für meine Pflicht hielt, darauf zu reagieren –, halte ich mich auch jetzt für verpflichtet zu einer Reaktion, insofern Sie das Leben sind, und nun sind Sie hier. Aber weil nicht ich Sie interessiere, sondern nur das Sie interessiert, was Sie voraussichtlich brauchen können, habe auch ich das Recht, so zu reagieren, wie ich mich befähigt fühle. Solch vollkommene, gleichgewichtige Nichtübereinstimmung ist das Wesen von Frage und Antwort. Von diesem Bild will ich Ihnen erzählen, ich habe Anlass, es mir heute näherzurücken (wieder gab er sich den Anschein, als schielte er nicht zum Knopf), das heißt, ich selbst denke jetzt unablässig darüber nach, deshalb erzähle ich Ihnen davon mehr oder weniger mit Leichtigkeit. Ob Sie das brauchen können oder nicht, ist Ihre Sache. Zu mir gekommen sind Sie von allein und allein mit sich, so verwundert nicht, dass ich vor Ihnen sitze, jemand, der keinerlei Beziehung zu Ihnen hat …«

»Es war also der Teufel?« fragte ich, über seine Belehrungen verärgert.

»Wieso unbedingt gleich der mit Hörnern?« Vanoski runzelte die Stirn. »Augen hatte er tiefblaue, überhaupt keine Kohlen. Und die Glatze – wie mit Absicht, um das Fehlen der Hörner zu betonen. Dickleibig. Dickleibigkeit erregt keinen Verdacht, so das Volksempfinden. Oh, erst später lernte ich seine Gutherzigkeit in ihrem ganzen Umfang schätzen! Er strengte sich gar nicht an. Er täuschte mich gar nicht, Versuchung hat nicht das geringste mit Täuschung zu tun, versuchen lassen wir uns ganz von selbst. Womöglich hatte er sich ja wirklich bloß so dazugesetzt, um zu verschnaufen, es war zu heiß.

Engländer sind bekanntlich sehr schwatzhaft. Vielleicht haben wir deshalb den Mythos von unserer Schweigsamkeit und Reserviertheit in Umlauf gebracht, weil wir dieses Laster zu verheimlichen suchen. Ich jedenfalls verabsäumte nicht, den aufdringlichen Unbekannten in die Schranken zu weisen: Hatte noch nicht die Ehre etc.

Irgendwie war er tatsächlich völlig fehl am Platz, für mich wie überhaupt, sogar rein äußerlich wirkte er so: fehl am Platz. Ich war jung wie Sie, war beherrscht von festen Vorstellungen über mich selbst, je vager, desto fester. Besonders wenn ich keinen Penny in der Tasche hatte. Über die Liebe, über den Ruhm … Ich hatte mich in dem Augenblick ziemlich weit forttragen lassen. Um so unangenehmer, wenn man sich bei dem Gedanken ertappt … In dem Augenblick hatte mir ein vage wunderbares Geschöpf vorgeschwebt, seltsamerweise in einem indischen Sari, an der Küste eines azurblauen Meeres drückte es eine Rose von mir an die Brust … Und so wies ich ihn mit der eisigen Würde des waschechten Briten in die Schranken.

›Wie das, sind Sie nicht Urbino?‹ sagte der Dicke beleidigt.

Da erst wurde mir die ganze Albernheit meines soeben mit soviel Würde ausgesprochenen Satzes bewusst, nämlich, dass ich gar nicht Urbino sei. Er jedoch hatte schon seine unförmige, abgeschabte Aktenmappe aufgemacht und seine fleischige Diebespratze hineingesteckt. Mir kam es auf einmal vor, als würde er bei sich selbst, in der eigenen Aktenmappe, etwas klauen.

›Sind das etwa auch nicht Sie?‹ Und ohne hinzuschauen, rupfte er wie aus dem Gemüsebeet eine Photographie heraus und hielt sie mir triumphierend unter die Nase.

Aber das war tatsächlich nicht ich! Das heißt, es konnte wer weiß wer sein. Das halbe Gesicht war von einem Apparat verdeckt, der teils an einen Photoapparat erinnerte, teils an eine phantastische Waffe mit Rohrmündung wie bei einem Gewehr, jedenfalls, dieser Typ auf der Photographie schien zu zielen, und das halbe Gesicht, das nicht vom Apparat verdeckt war, war zusammengekniffen und verzerrt. Und angezogen war er irgendwie auch nicht wie unsereiner, schrullig eher. So sagte ich, voll des Triumphs über meine kürzliche Verwirrung, das sei nun gewiss nicht ich.

›Nicht Sie?‹ Der Dickwanst wunderte sich und blickte endlich auf das Photo. ›Oh, ich alter Esel!‹ Sein Kummer war dermaßen unverfälscht! ›Verzeihen Sie mir, du lieber …‹ Jetzt krümmte er sich regelrecht vor Verdruss, schien sich sogar ohrfeigen zu wollen mit dem Photo.

›Hören Sie mit Ihrer ungehörigen Clownerie auf!‹ sagte ich kühl.

›Sie können sich nicht vorstellen, was für ein unverzeihliches Versehen mir unterlaufen ist und wie ich dafür eins aufs Dach kriegen werde!‹ Er war untröstlich. ›Mein Lebtag ist mir sowas nicht passiert! Tatsächlich, das ist keines von Ihnen … Sondern das Photo eines Ihrer künftigen Bekannten … Aber ich habe auch eins von Ihnen … Ehrenwort … Ich schwöre … Da hat bestimmt der Böse mich verleitet.‹ Er holte erneut gegen sich selbst aus, aber nun fast liebevoll. ›Werden Sie nicht wütend, gleich habe ich es …‹

Er wühlte endlos in seiner Mappe, zog dicke Bündel von Photos unterschiedlichen Formats und Alters hervor; sie sahen aus wie von Hobbyphotographen oder aus Familienalben geklaut, unter- und überbelichtet, mit Schlieren vom Entwickler, ausfransenden Leimflecken und abgerissenen Ecken.

›Wo steckt es bloß?‹ Ein seltenes Sortiment der Ungeschicklichkeit zog an meinen Augen vorüber: mal ein Klient ohne Kopf, aber in Ritterrüstung, mal eine einzelne Hand mit einem Glas, mal ein Strauch, daran ein verwackelter Zweig, als hätte ein Vögelchen photographiert werden sollen, sei jedoch davongeflogen. ›Sie beobachten sehr gut‹, sagte er, während er weitersuchte, ›darum habe ich mich eigentlich auch zu Ihnen gesetzt. Sehr selten, dass jemand auf diesem Photo gleich das Vögelchen findet. Dafür muss man zum Dichter geboren sein! Und das kommt drei- bis viermal pro Jahrhundert vor. Jemand wie Sie oder wie … Aber Sie sind ja kein Freund der Lake Poets. Dabei war ebendieses Vögelchen die Inspiration für … Sei's drum, das gehört nicht hierher. Was ich Ihnen sagen wollte: Das sind alles zufällige Abzüge, ganz sinnlose, ohne Bedeutung. Hier zum Beispiel, das ist Shakespeare. Und zwar keineswegs, während er den Monolog ›Sein oder Nichtsein‹ verfasst, auch nicht beim Rendezvous mit der Dark Lady, auch nicht bei einer Begegnung mit Francis Bacon – da ist er müde nach der Aufführung …‹ Auf dem Photo stand eine große Porzellanschüssel mit angeschlagenem Rand, eine tatsächlich altmodische, heraus ragten jedoch zwei normale nackte Beine, ob nun krumm geformt oder krumm hineingestellt, und ein Zeh war so vorgestreckt, als würden die Zehen spielen dort in der Schüssel, und aus der rechten Ecke des Photos ergoss sich ein Wasserstrahl in die Schüssel – das war's. ›Nein, ich bin weder verrückt noch Photograph, noch Phantast – all das nicht, was Sie jetzt nacheinander geargwöhnt haben, weit unter den Möglichkeiten Ihrer eigenen Phantasie. Was ich in Händen halte, sind alles historische Originale, ob Sie es glauben oder nicht … Dieser Gedanke von Ihnen ist allerdings wunderbar: Wieso eine historische Tatsache eigentlich exakter oder attraktiver aussehen solle als das, was ich in Händen halte. Die Geschichte läuft immer vor unseren Augen ab, da muss ich Ihnen recht geben …‹ Wirklich, er erriet mit Leichtigkeit alle meine Gedanken, und zwar traf er genau den Moment, wenn ich ihn entweder endgültig in die Schranken weisen oder einfach aufstehen und gehen wollte, um seine unerträgliche Aufdringlichkeit zu unterbinden. Aber seine Perspektive, die Sie in späterer Zeit als Großaufnahme bezeichnen sollten, kam mir aus dichterischer Sicht geradezu spannend vor – schwindelerregend leicht drängten dichterische Zeilen ins Freie: der Schmutz unter den Hufen vom Heer Alexanders des Großen, die Wellen, die über der ›Titanic‹ zusammengeschlagen, die Wolken, die über Homer dahingezogen waren … Was wusste der Schmutz vom siegreichen Huf? was kümmerten das Wasser die Schätze der spanischen Armada? was den Himmel Gedichtzeilen? ›Die Bodenritze, daher dringt das Licht‹, murmelte er für sich, doch im selben Moment wie ich die Zeile, die mir soeben durch den Sinn fuhr. ›Nicht schlecht, nicht schlecht … Sehen Sie, gerade Ihnen konnte ich durchaus Vertrauen schenken. In unserer Zeit womöglich nur Ihnen … Nein, das ist keine Schmeichelei, ich bin auch kein Medium und kein Gauner. Ehrlich gesagt, was ist da schon Besonderes, ganz gleich in welchem Kopf, dass es als wunder was gilt, das zu erraten? und dann, urteilen Sie selbst, was hätte ich davon? einen vertrauensseligen Kopf zu nasführen rein aus Liebe zur eigenen Kunst? Eine Überlegung wäre das schon wert, aber so kleinkrämerisch bin ich nicht in meiner Eitelkeit. Es gibt ja auch unspektakulärere, wenn auch weniger romantische Erklärungen als unbedingt Mephisto oder Cagliostro. Derzeit ist Science-fiction bei Ihnen in Mode, Herbert Wells zum Beispiel, ›Die Zeitmaschine‹ … Nein, da sind Sie Ihrer Jugend wegen zu streng, sein Stil ist so schlecht nicht; ich würde sogar sagen: gerade der Beigeschmack des Englischen ist angenehm. Heute eine Seltenheit. So ein kindliches Vergnügen … Kein Dickens natürlich. Also, wissen Sie, Sie entschuldigen schon, aber auch wir beide sind keine Dickense. Wieso eine Frechheit, wo es die Wahrheit ist … Obwohl, da haben Sie recht, in der Wahrheit schwingt immer ein klein bisschen schlechter Ton mit. Weil nun mal nicht jeder das Recht hat, obwohl, andrerseits hat auch nicht jeder die Gabe … Schauen Sie sich lieber das an, hochinteressante Aufnahme: das Kistchen mit dem Kopf von Maria Stuart. Für die Echtheit verbürge ich mich. Sowohl des Kistchens wie des Kopfes. Ach woher, das ist nicht einfach das Kistchen vom Kopf. Der Kopf war in dem Moment, als das photographiert wurde, da drin. Gut, gut, seien Sie doch nicht so wütend. Stellen Sie sich zumindest mal nach Art der armseligen Phantasie Ihres ungeliebten Wells vor, so etwas wäre möglich, ich wäre der Erfinder einer derartigen Maschine … Wissen Sie etwa, auf was für Schwierigkeiten einer stößt, bis er irgendwas Gescheites zustande bringt? Hat kein Material, keine Mittel, soll die Wohnung räumen, für den ersten Flug kann er sich keinen anständigen Photoapparat und noch nicht mal einen schlichten kaufen, ach was, nicht mal für ein Sandwich für unterwegs hat er das Geld! … Na endlich! Bloß, ich warne Sie … Nein, das werde ich Ihnen besser nicht zeigen, das sollte ich nicht, Sie würden es doch bloß wieder falsch verstehen …‹

Und er versuchte, mir das Photo aus der Hand zu reißen, aber ich war nun ernsthaft wütend, ich hätte diesen unflätigen Gentleman schon verprügeln können.

›Also, das ist unnötig, das ist unnötig, junger Mann! Sonst könnte ich es Ihnen doch nicht zeigen. Aber meinetwegen, meinem Versprechen bleibe ich treu, wenn Sie mich zur Abwechslung einmal anhören und sich einprägen wollten, was ich sage. Sie müssen mir auch unbedingt Glauben schenken. Ich schwöre, weiß gar nicht, bei wem, so sehr verwerfen Sie alles von mir, ich schwöre, dass ich Sie nicht täuschen werde. Jetzt habe ich Ihre Photographie in Händen. Aus Ihrer Zukunft, einer gar nicht so fernen. Von wann? Ich weiß es, aber das sage ich Ihnen nicht, sonst werden Sie drauf warten, und ich möchte Ihnen Ihre Zukunft nicht verderben – Sie haben nämlich eine. Ich kenne sowohl das Jahr wie den Tag. Was heißt – wann? was seid ihr jungen Leute doch ungeduldig! Na, nicht in fünf … Sie sind jetzt fast einundzwanzig. Sie träumen von Liebe und von Ruhm. Oh, ich weiß, welcher Art! erste Sahne! Haben Sie auch das Recht dazu, mehr noch: Sie haben diese Möglichkeiten und werden sie haben. Doch auch nicht in zehn … Aber nein, nicht vom Erfolg rede ich, von dem Bildchen da. Also, es ist genauso zufällig und unsinnig wie alle Photos, die Sie bei mir gesehen haben. Es ist ebenso echt, doch absolut zufällig. Sie dürfen mich für einen Verehrer der Dichtkunst halten, der es sich nicht versagen konnte, Sie so festzuhalten, wie Sie erst noch sein werden. Na schön, halten Sie mal. Bloß, schreiben Sie es sich hinter die Ohren, das ist ein zufälliger Moment, keineswegs ein Faktum Ihrer Biographie. Einfach, um Sie zu amüsieren …‹

Aber ich hörte seine Ermahnungen nicht mehr. Ich starrte auf diese Aufnahme, eine diesmal weit deutlichere als bei Shakespeares Beinen oder dem Vögelchen der Lake Poets. Mich schaute unverwandt das in einem Schaufenster gespiegelte Gesicht eines unbekannten jungen Mannes an; er war an die zehn Jahre älter als ich, vielleicht sogar weniger, sah nur viel männlicher aus. Sein Gesicht war sympathisch, aber dermaßen von Leid und Erschütterung verzerrt, wie man das selten auf Menschengesichtern antrifft und noch seltener festgehalten sieht. Eine derartige Maske ließe sich in mythischen Plots finden, wenn der Held, mit einem Ungeheuer konfrontiert, zu Stein wird; vielleicht hatte die Meduse ein derartiges Gesicht, als sie ihr eigenes Spiegelbild erblickte. Jedenfalls, dieses Spiegelbild bestürzte, obgleich es sich im Schaufenster eines gewöhnlichen Konfektionsgeschäfts zwischen zwei Schaufensterpuppen befand, einer männlichen und einer weiblichen, die einander entgegenzugehen, schon fast die Hände auszustrecken schienen – aber zwischen ihnen war etwas Entsetzliches, und eben das hatte ER, der sich spiegelte, erblickt. ER, der sich spiegelte, hatte SIE erblickte. SIE jedoch konnte derartiges Entsetzen gar nicht hervorrufen. Sie hatte gar nichts derart Entsetzliches an sich. Und Nichtentsetzliches auch nicht. Erschüttert sein kann man ja auch von Schönheit. Jedenfalls steht das so in Büchern. Nichts dergleichen. Bleiche Motte, sagte ich mir sofort. Konnte aber die Augen nicht abwenden. Was hatte ER in IHR erblickt? Vielleicht wird so das SCHICKSAL erkannt? Vielleicht sieht das SCHICKSAL so aus? Auch ihre Aufmachung fesselte die Aufmerksamkeit nicht, die sich selbst gegenüber gleichgültige Aufmachung einer Frau, bequem, nichts weiter, und in der Hand eine Einkaufstasche. Aschblondes langes Haar, hochtoupiert, als sträubte es sich. Schlampe. Aber ja, eine Schlampe, sagte ich mir. Und konnte die Augen nicht abwenden. Die Augen! Die Augen konnte ich nicht abwenden von ihren Augen! Eine hohe Stirn, breite, weißliche Brauen, die Augen wohl eher grau als blau (ein Schwarzweißphoto), aber groß, keine kleinen Augen, quasi rechteckig, und zauberhaft angeordnet, so weit vom Nasenrücken weg, wie es das gar nicht gibt. Die Wangenknochen ebenfalls unglaublich breit, aber gerade das fällt nicht auf, weil die Augen so weit auseinander stehen. In verschiedene Richtungen schauen, wie bei einem Fisch. Ein Fisch, sagte ich mir. Motte, Schlampe, Fisch, so sagte ich mir. Aber nie ist jemand so gut gebaut gewesen unter seiner Kleidung wie sie …

Ach nein, ich kann das nicht wiedergeben. Ich weiß nicht mehr, was ich zuerst erblickt und was ich später entdeckt habe, in welcher Reihenfolge. Das ist sehr wichtig, die Reihenfolge. Zuerst sein erschüttertes Gesicht. Dann die Verstörung beim Anblick ihres Gesichts, an dem nichts war, um derart erschüttert zu sein. Dann ihr gespiegeltes Gesicht, noch bleicher, verwischt, doch auch verwundert. Dann sein Spiegelbild, gleichsam verzerrt von noch größerem Entsetzen, nun vor sich selbst, vor dem Anblick der eigenen Erschütterung. Für den Bruchteil einer Sekunde belebte sich die Photographie, sie schwenkte um. Wie wenn noch jemand in das Geschäft oder aus ihm gekommen wäre, die Glastür geschwenkt und gependelt hätte … aber zuerst schaute er auf sie und sie aufs Schaufenster, dann er aufs Schaufenster und sie auf ihn. Diese Photographie hat sich mir ein für allemal eingeprägt, ich habe sie auch jetzt vor Augen. Oh, ich habe sie studiert wie nichts sonst in meinem Leben! Bloß könnten es auch drei nacheinander gewesen sein, wie Bilder auf einem Filmstreifen. Oder die Photographie wurde, für den Bruchteil einer Sekunde, derart stereoskopisch, dass man meinte, den Photographierten hinter den Rücken schauen zu können.

›Messen Sie dem keine Bedeutung … Reiner Zufall … Absolut ein Fragment … Glauben Sie nichts von dem … Das sollte ich besser nicht … Hätte nicht gedacht, dass Sie …‹

Sein Gebrabbel schlug mir unangenehm ans Ohr und bewirkte schließlich, dass ich mich von der tatsächlich nicht übermäßig bedeutsamen Darstellung losriss, doch da war der verrückte Kerl schon fort.

Sein Rücken schien noch am Ende der Allee davonzuhuschen, obwohl das vielleicht nicht mehr er war. Ich wollte ihm nachlaufen, blieb jedoch merkwürdigerweise einfach sitzen; ich weiß nicht, wie lange ich zum Ende der Allee spähte, hypnotisiert davon, wie er sich verflüchtigt hatte, und zu mir kam ich erst, als die Photographie mir entglitt und in den Sand fiel – die Photographie gab es also! Ich beugte mich vor, hob sie automatisch auf. Es war nicht jene Photographie! Aber diese hatte ich ebenfalls flüchtig gesehen, während er in seiner Mappe wühlte: Wolken … Die ›Ansicht des Himmels über Troja‹ … Ja, genau die, die hier bei mir hängt.

Kommt Ihnen der Plot der ›Ilias‹ nicht ein wenig seltsam vor? sagen wir, in die Länge gezogen? Ich sehe ein, das steht nicht mehr zur Debatte. Die ›Odyssee‹ ist, als nächster Plot, für uns eher nachvollziehbar. Was bleibt da sonst, als zu segeln und zu segeln. Nur Wogen … Helena allerdings … Die poetischen Reminiszenzen, die sie über die Jahrhunderte ausgelöst hat, sind weit realer als sie selbst. Nein, nicht ihre unbeschreibliche, vielmehr ihre unbeschriebene, ihre eben nicht beschriebene Schönheit hat die Dichter erregt und erregt sie noch, sondern die Tatsache ihrer Existenz, ob es sie gegeben hat. Ihre Existenz ist durch nichts bewiesen, außer durch die Tatsache, dass ihretwegen der Trojanische Krieg ausgebrochen ist. Irgendwie muss ein Krieg doch erklärt werden? Den Krieg hat es gegeben, aber ob Helena der Grund war? und hat es Helena selbst gegeben? Die Dichter verehren nicht Helena, sondern in ihr den Kriegsgrund. Ebendeshalb kann man endlos sie als Figur beschwören, weil es sie selbst nicht gegeben hat. Versteht sich, dass ich meiner Photounbekannten sogleich den Namen Helena verpasste, zunächst aber nur dieser unplausiblen Wolken wegen. So, wie ich jetzt zu Ihnen spreche, dachte ich damals nicht. Weder über die ›Ilias‹ noch über die ›Odyssee‹. Ich hatte ja keine Ahnung, dass der Krieg schon verloren war, dass ich schon auf dem Schiff fuhr … Ist es nicht merkwürdig, dass wir beide Wolken sehen, die Homer nicht gesehen hat? Haben Sie sich mal vorgestellt, Sie wären blind? Jeder hat sich das vorgestellt … Was sieht ein Blinder vor sich? Nacht? Nein, endlose Wogen.«

Vanoskis Gesicht wurde blind, ich saß nicht mehr vor ihm, mir war sogar, als sähe ich in seinem Blick Wogen, aber das war Furcht: Erneut starrte er auf den albernen weißen Knopf an der Wand. Hatte er vor ihm Angst oder davor, dass ich ihn frage, wozu er diene? Jedenfalls, nach diesem Knopf wollte ich ihn gerade fragen, und gerade da – unterbrach er mich:

»Sie fragen, was danach kam?« Ich hatte nicht gefragt, und er hatte nicht die geringste Lust fortzufahren. »Danach lief alles ganz schlicht und viel zu präzise ab. Wie nach Noten. Nein, ich verliebte mich nicht gleich in sie. Ich bin kein Soldat, um mich in ein Photo zu verlieben. Zudem war ich schon verliebt. Und ich grinste über mich selbst mit jenem Grinsen der Jugend, mit dem sie sich von der Verlegenheit befreit, es könnte jemand ihre Unbeholfenheit bemerken. Niemand hatte sie bemerkt. So schüttelte ich die Sinnestäuschung ab als etwas, das nicht zu meinem wunderbaren, geschmeidigen Leben gehörte und darum gar nicht existierte, ich schob die ›Wolken‹ zwischen meine Vorlesungsmitschriften und eilte dorthin, wohin ich von Anfang an gewollt hatte, bloß war ich zu zeitig zum Rendezvous aufgebrochen, weshalb ich auch auf dieser verfluchten Bank gelandet war – ich eilte zu meiner Dika. Sie hieß Eurydika, nur ich nannte sie so. Nein, sie war noch nicht die Meine … Sie finden, das sei zuviel Griechenland? Ihr Vater war aber tatsächlich Grieche, obwohl sie sich nicht an ihn erinnerte, auch an die Heimat nicht, da sie ihr Leben lang mit der Mutter in Paris gelebt hatte, wie auch ich mich weder an den Vater noch an mein Polen erinnerte. Jetzt waren wir beide zweifelhafte Engländer. Das verband uns. Wir studierten an derselben Fakultät. Sie länger, ich kürzer. Sie war jünger als ich, hatte mich in der Wissenschaft aber stark überholt, während ich meine Kräfte an der Dichtung versucht hatte, und jetzt gab sie mir Nachhilfe in der Geschichte der Dichtung, damit ich den Übergang ins nächste Studienjahr schaffte. Es gefiel ihr, mich zu lehren, und mir gefiel es, schlecht bei ihr zu lernen, unsere Wissenschaft entwickelte sich langsam – wir küssten uns bereits. Oh, wir hatten damals sehr viel Zeit!

Und jetzt, ein halbes Jahrhundert später, da ich nichts brauche außer Ruhe, bin ich der Ansicht, dass es das Glück dennoch gibt, ab und zu. Denn es war ja da! Es gab diese endlose Zeit, als wir in Eurydikas Zimmerchen über den Mitschriften saßen. Sie begann nicht, diese Zeit, sie endete nicht – sie war, sie lebte in dieser Wohnung wie eine Katze, die sich heimisch fühlt, und wollte gar nicht fort. Für die Lake Poets hatte ich tatsächlich nicht viel übrig, ich weiß noch, damit plagten wir uns besonders lange – niemand hatte süßere Lippen! Hätten wir damals