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»Jenseits des Puschkin-Passes, wo die biblische Landschaft Armeniens allmählich dem warmen und feuchten Lebensatem Georgiens weicht und alles so stetig und zielstrebig anders wird, bogen wir von der Landstraße ab und tauchten ins herandrängende Grün.« Die Fahrt durch eine Schlucht, über eine löchrige Brücke, die den Blick auf ein Autogerippe tief unten im gischtenden Wasser freigibt, gleicht einem Augenrausch. Als hätte der Mensch die Welt soeben zum ersten Mal betreten.
Das Ziel der Reise ist die Ankunft in der Gegenwart, »im Echten«, dort, wo man im Fremden ganz bei sich ist. Bitow erhebt die Fernsicht zum poetischen Prinzip. »In Georgien schrieb ich über Rußland, in Rußland über Georgien. Warum mußte ich mich im Dorf Golusino bei Kostroma oder in Golizyn bei Moskau von Tifliser Visionen bedrängen lassen, um dann, als ich endlich in Tiflis war, über den Leningrader Zoo zu schreiben!« Was ihm im Süden wie eine Gnade zuteil wird – die Fülle des Lebens –, das kann er im russischen Norden, in der Stadt, nur im Wachtraum, im Bewußtseinsdämmer heraufbeschwören.
Die Reisebilder und autobiographisch gefärbten Erzählungen im Georgischen Album gehören zu Bitows stärksten Prosastücken: Erinnerungsblätter, die nicht nur den Landschaften des »russischen Italien«, sondern auch den geliebten Orten und Menschen seiner Heimatstadt Petersburg gewidmet sind.
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2017
Ankunft in der Gegenwart, »im Echten«, dort, wo man im Fremden ganz bei sich sein kann, ist das Ziel der Reisen Andrej Bitows. Die Fahrt durch eine Schlucht, über eine löchrige Brücke, die den Blick auf ein Autogerippe tief unten im gischtenden Wasser freigibt, gleicht einem Augenrausch. Als hätte der Mensch die Welt soeben zum erstenmal betreten.
»In Georgien schrieb ich über Rußland, in Rußland über Georgien.« Was ihm im Süden wie eine Gnade zuteil wird – die Fülle des Lebens –, das kann er im russischen Norden, in der Stadt, nur im Wachtraum, im Bewußtseinsdämmer heraufbeschwören.
Hingerissen von Tiflis und den Landschaften des Südkaukasus, umkreist Bitow ein Thema der russischen Dichtung, das heute wieder aktuell ist: Georgien als Zuflucht. Als Ort der Erholung von imperialer Verfolgung.
Andrej Bitow, 1937 in Leningrad geboren, veröffentlichte seit 1959 Erzählungen, Essays, Romane und Reiseprosa. Sein Hauptwerk, der Roman Das Puschkinhaus (2007 in neuer Übersetzung), gehört zum Kanon der russischen Literatur. Auf deutsch erschien zuletzt Der Symmetrielehrer (2012). Bitow lebt in Moskau und Sankt Petersburg.
Rosemarie Tietze, seit fast drei Jahrzehnten Bitows deutsche Stimme, wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und dem Paul-Celan-Preis. Sie lebt in München.
Andrej BitowGeorgisches Album
Auf der Suche nach Heimat
Deutsch von Rosemarie TietzeMit Photographien von Guram Tsibakhashvili
Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel Gruzinskij al'bom bei Folio Charkov/TKO AST, Moskau. Nach späteren russischen Ausgaben wurden Vorwort und Epilog in dieser Neuauflage ergänzt.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2017
© Suhrkamp Verlag Berlin 2017
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Umschlag: Konzept von Willy Fleckhaus
Umschlagfoto: Guram Tsibakhashvili
Meine Tochter sagt: »Früher mal gab es viele Georgier.«
Und meine Tochter ist vierzig. Da hat der Mensch schon Erinnerungen …
Es gab also viele Georgier, noch vor einer Generation.
Und meine Tochter hat recht!
Früher gab es bei uns Völkerfreundschaft. Usbeken, Tadschiken und Aserbaidschaner waren in aller Munde, sogar Osseten. Armenier gab es noch speziell, der Witze wegen. Und Juden natürlich. Tschetschenen gab es, wie mir scheint, noch nicht. Es gab Gerüchte über die vertriebenen Tschetscheno-Inguschen (wie über die Krimtataren). Aber nur die Georgier haben wir speziell geliebt, ohne Völkerfreundschaft. Sollten wir sie dafür geliebt haben, daß sie keine Usbeken, keine Tataren, keine Armenier und keine Juden sind? Heute kommt mir der Verdacht, wir hätten sie dafür geliebt, daß sie keine Russen sind. Nicht wir. Aber wie wir. Aber besser als wir … Nein, nicht besser natürlich – schöner!
Schwierig, sich selbst der Unschönheit zu verdächtigen.
Nein, es will mir nicht gelingen, Politkorrektheit zu wahren!
Das Georgische Album wurde gleich nach den Armenischen Lektionen geschrieben, davon zeugt die »Erinnerung an Hararzin«, das erste, das Einreisekapitel.
Der Übergang. Über den Paß.
Die Armenischen Lektionen waren, so erwies sich beim Blick zurück von der Paßhöhe, gebaut wie eine Kirche. Eine ganzheitliche, siebenkuppelige Konstruktion, durchaus dem Objekt der Beschreibung vergleichbar – und ist nicht eingestürzt, hat standgehalten.
Armenien hatte ich erschlossen, nach Georgien kehrte ich zurück. Wie nach Hause. Deshalb ist das Georgische Album keine Kirche mehr, sondern eine Kirchenruine. Darum wechseln georgische und russische Kapitel einander ab. Darum auch »Album«, weil die einzelnen Seiten für sich stehen.
Wir sind uns ähnlich, aber sie sind schöner. Verliebtheit und Liebe, heißt es, unterscheiden sich genauso wie Werbung und Ehe. Weiß ich nicht, sagt Soschtschenko, glaub ich nicht. Werben, das können die Georgier. Und eben da setzt wenn nicht Neid, so Eifersucht ein. Wie der den letzten Rubel aus der Tasche zieht, wie ein Cowboy die Pistole, was der für Halbschuhe anhat! Wie ihm der Mantel vorne aufspringt! Was für ein Manschettenknopf, dabei fehlt der andre. Wie unrasiert der ist! Als hätte er extra drei Tage ausgeharrt, bevor er aus dem Haus ging. Der Haß auf Menschen von gutem Schlag, der im Oktober-Umsturz triumphierte, wurde unbewußt (und trotz allem über Stalin) SUBLIMIERT in dieser eifersüchtigen Vorliebe für die Georgier. Haben ja praktisch den gleichen Glauben, trinken gern, ihr Akzent bringt uns die Muttersprache zurück. Im übrigen hat Stalin die russische Sprache sehr geliebt, sogar zu sehr, womöglich hätte er sie liebend gerne BEHERRSCHT. O russische Sprache! Ich beherrsche sie nicht, sie beherrscht mich … In allen anderen Fällen hat Stalin … Doch ich komme vom Weg ab. Kehren wir zur Mutter zurück.
Das Georgische Album wurde IM ÜBERMASS geschrieben. Was ist das denn für ein Wort! Was steht hinter diesem Wort? Zuviel. So geht das nicht. Kehren wir zur Mutter zurück.
Ich wollte meine letzte Liebe durch meine Rederei DECKEN.
Während ich an diesem Vorwort schreibe, sind es fünfzig Jahre seit Stalins Tod. Gestern hat Reso angerufen (der Freund, der mir seinerzeit die Schreibmaschine brachte, damit ich endlich anfing, fertig zu werden).
Das Jahr war allerdings 1970. Das Kapitel (das zuerst geschriebene) war allerdings »Der letzte Bär«, in dem ich mit meiner Tochter, noch im heimatlichen Leningrad, wir beide eine Generation jünger, in den Zoo gehe. Geschrieben ist es allerdings in Tiflis.
Schwierig, heute das Maß der damaligen Verzweiflung einzuschätzen. Wie wir nichts als den teuren Leonid Iljitsch vor uns hatten, und das für immer. Wie außer Breschnew alles Mangelware war. Zumindest über sich selbst lachen konnte man.
Jedes Kapitel des Georgischen Albums ist geschrieben, als wäre es das letzte, als Abschiedskapitel. Wovon nahm da wer Abschied?
Drei georgische Kapitel wurden dann legal veröffentlicht, 1976, als Hintergrund zu Porträts meiner Freunde, drei russische Kapitel bereits illegal, 1979, im zensurlosen Metropol, dem berüchtigten Almanach.
Das Buch als Ganzes mußte Glasnost abwarten, um veröffentlicht zu werden.
So daß dieses Buch auch ein Denkmal für die glasnostlose Zeit ist.
Davon handelt das ganze Buch. Ich hatte schon 1970 von der Glasnostlosigkeit Abschied genommen, als ich, zur gleichen Zeit, ans Puschkinhaus ging, und seither habe ich noch einmal dreiunddreißig Jahre gelebt.
Sowjetisches und Russisches war damals noch deutlich geschieden. Besonders leicht gelang das in Georgien. Als ob die Georgier alle anders wären, und du allein dazwischen, na, ein Russe eben. Als ob Georgien sogar mehr Rußland wäre als Rußland selbst, jedenfalls mehr Rußland als die Sowjetunion.
Haben sie mich tatsächlich so geliebt wie ich sie? Schließlich stellte ich niemals mein Recht in Frage, zu ihnen auf Besuch zu kommen, als käme ich nach Hause. Aber war ich ihnen nicht zuallererst vor dem Zentralen Telegraphenamt in Moskau begegnet, wo sie betont geschäftig die Treppenstufen herabstiegen, wie Ausländer? Das ist es ja, daß ich jetzt so schreiben kann, damals konnte ich es nicht. Umsorgt und über Beziehungen in einem luxuriösen Einzelzimmer untergebracht, merkte ich gar nicht, wie alles vonstatten ging, wo mein Freund verschwand und wo er wieder auftauchte, »mein erster Freund, mein teurer Freund«, wem er was unmerklich ins hohle Händchen steckte, und als mir endlich aufging, ihn zu fragen, war er gar nicht mehr da, weil er irgendwie ganz besonders weit irgendwohin gefahren war, um für mich eine Schreibmaschine zu besorgen, eine mit russischem Alphabet, seine war dummerweise mit georgischem – ach, es gibt auch welche mit georgischem? wie viele Buchstaben hat denn das Georgische? – kam nicht mehr dazu, ihn zu fragen, denn da war er schon mit der Schreibmaschine zurück, denn ich hatte den Wunsch geäußert, in diesem Einzelzimmer mit dem Schreiben dessen anzufangen, was nach diesem Vorwort folgt.
All die Käuflichkeit in Georgien war von vertrauter, familiärer Art. Bestechen konnte man nur, wem man vertraute, oder vielmehr – wer einem vertraute.
»Was für ein netter Russe!« Ein Ausspruch, der mir auf einem Treppenabsatz im Ohr hängengeblieben war; ausgesprochen hatte ihn das betagte Muttchen oder Tantchen des Freundes meines Freundes, und aufgenommen hatte ich ihn erstaunlich positiv, als ein Kompliment, meiner würdig. Dreiunddreißig Jahre später brennt mich die Scham. Bin ich wirklich so nett? Sind sie wirklich so schön?
Mit meiner Mutter hatte ich Georgien vor mehr als einem halben Jahrhundert zum ersten Mal erblickt. Mama zeigte mir also Georgien. Zu Anfang hieß das Kaukasus. Ich erblickte die Berge am Horizont von Mineralnyje Wody. Das können Sie bei Lew Tolstoi in den Kosaken und bei Lermontow im Held unserer Zeit nachlesen. Mir ist im Gedächtnis geblieben, wie der Hausknecht morgens das schäbige, noch nicht erwachte Städtchen fegte. Er kämmte den Staub mit gleichmäßigen Besenschwüngen, als ob er Gras mähte, und hinter ihm setzte sich der Staub wieder in ebenmäßigen Reihen, wie der Sand am Saum der Brandung. Mama mußte sehr lachen, als ich ihr sagte, daß er den Staub kämmte, das gefiel ihr.
Was für ein Jahr das war: Stalin wurde 70, Puschkin also 150.
Ein Berg ist etwas zum Raufklettern. Als ich den Elbrus erblickt und bis zum Gletscher erstiegen hatte, begriff ich, daß ich als Bergsteiger zur Welt gekommen war. Jetzt kraxle ich am Steilhang des Vorworts zum Gipfel des eigenen Buchs hoch – und rutsche ab.
Damals war Stalin noch am Leben. Ich wurde mit Mama vor dem Häuschen photographiert, in dem er zur Welt gekommen war. Mama sitzt in der ersten Reihe auf dem Boden, die letzte Reihe steht; ich bin in der mittleren, habe so einen weißen Militärrock à la Mao an; aber wenn ich nicht sitze und nicht stehe, wie komme ich dann auf dem Photo in die mittlere Reihe? Somit knie ich.
Wie ließe sich, was ich damals empfand und verstand, von dem trennen, was ich empfand und verstand, als ich das Georgische Album schrieb, und von dem, was ich heute empfinde oder nicht empfinde, verstehe oder nicht verstehe? Nein, ich kann nicht mein eigener Leser sein, dazu bin ich ja Autor. Und ich werde dieses Buch vor der deutschen Ausgabe nicht erneut lesen. Bestimmt steht alles, was ich jetzt, dreißig Jahre später, schreiben könnte, darin schon geschrieben.
Wir beneideten uns gegenseitig, Georgier und Russen, von gleich zu gleich – das Fundament einer großen Freundschaft. Nach Georgien und Armenien haben sich viele geflüchtet. Haben sich hinter der Völkerfreundschaft versteckt, unsere großen Dichter, hinter der Übersetzung dortiger Dichter ins Russische. Schon für Puschkin war das einzige große Geburtstagsfest zu Lebzeiten in Tiflis arrangiert worden. In sowjetischer Zeit versteckten sich alle dort – Mandelstam wie Pasternak, Sabolozki wie andere, und so auch ich. Zuerst hatte das also Kaukasus geheißen.
»Nach einem bescheidenen Abendessen sitzen die alte Mutter und ihr erfolgloser Sohn still beisammen.« Ich kenne kein kürzeres abgeschlossenes Werk. Es genügte, damit sein Autor bei uns das Renommee eines Genies erlangte.
Wir rückten am Tisch leicht zusammen, denn wir waren alle so. Das war vor rund vierzig …
In meinem ganzen Leben bin ich nur einem Menschen begegnet, der sich vor dem geschriebenen Wort noch mehr gefürchtet hat als ich. Das war Erlom Achwlediani. Dabei ist gerade er der Autor der Märchen von Wano und Niko, die ich erst für Volksmärchen gehalten hatte. Sie starten so rasch, daß man gar nichts weiter sagen muß.
»Einmal hieß es: Wano ist dumm und Niko nicht.« Oder: »Einmal war Niko zwanzig Jahre älter als Wano.« Oder: »Einmal kam es Niko vor, als wäre Wano ein Vogel und er selbst ein Jäger.« Oder: »Einmal war Niko allmächtig. Und Wano war nur Wano.« Oder (womöglich unübersetzbar): »Einmal war Niko die Familie Niko, und Wano war einer allein.« Oder sogar: »Früher war Niko Wano, und Wano war Niko. Doch gegen Ende wurden sie beide Wano.«
Weil nämlich (ich erzähle aus dem Gedächtnis eines der Märchen nach):
»Einmal hatte Wano einen Wunschtraum.
Einen Wunschtraum hatte auch Niko.
Beide saßen auf freiem Feld, die Rücken gegeneinandergelehnt, und beide blickten aufs freie Feld.
›Und was, wenn‹, träumte Wano, ›was, wenn ein Mensch geboren würde …‹«
So beginnt es. Geht es zielstrebiger? Ohne Anlauf.
In der nächsten Zeile träumt Niko bereits von der Sonne, daß sie aufginge und unterginge. »Verlangst viel, Niko!« hören wir zur Antwort (ob das nun Wano ist oder der Autor oder von noch höher oben …).
Aber sie träumen weiter, der Reihe nach: der eine davon, daß der Mensch aufwüchse, der andere von Mond und Sternen, der eine vom bevorstehenden Leben, von seinem zielstrebigen Verlauf, von der Liebe, sogar von Krankheiten; der andere vom Wechsel der Jahreszeiten, vom Frühling und sogar vom Herbst.
Und indem sie, inspiriert, die allgemeine und sozusagen immer vorhandene Daseinsreihe durchlaufen, gelangen sie zu fast schon Unmöglichem:
»Und da gäbe es auch dieses Feld. Es gäbe auch Wano, es gäbe auch Niko. Sie würden aufs freie Feld schauen, und sie würden beide träumen von …«
Und wieder die gleiche Stimme: »Verlangst viel, Niko!«
Aber sie können sich nicht bremsen. Wano träumt, daß es Lachen gäbe und Tränen gäbe. Niko träumt, daß es »die Welt gäbe und …«
»Oh, und wenn der Mensch sterben würde!«
»Oh, das geht zu weit, Wano! Verlangst viel, Wano!«
Das ist alles. Der Kreis des Daseins. Ich befürchte, meine Nacherzählung ist länger geraten – ich konnte meinen Kommentar nicht unterdrücken.
Ins Heute übersetzt, ginge es auch so: »Früher war Niko Georgier und Wano Russe. Oder umgekehrt …«
War doch unmöglich, den Freund nicht zu lieben?
Und wenn Sie den ganzen Text bewältigt haben, werden Sie Georgien lieben und Rußland bedauern. Oder umgekehrt.
Autor! Verlang nicht viel …
9. Mai 2003
Ich war mit Postpferden unterwegs von Tiflis.Die Ladung meines Fuhrwerks bestand aus einem einzigen, nicht sehr großen Koffer, der zur Hälfte mit Reisenotizen über Georgien vollgepackt war. Der größere Teil davon ging, zu Ihrem Glück, verloren, der Koffer mit den übrigen Sachen blieb, zu meinem Glück, unversehrt.
Versuchst du nachzuweisen, etwas sei so und so, verlierst du es vollkommen.
Ein Thema hat die Eigenheit, daß es erschöpft werden muß. Bist du erst drin, führt kein anderes Labyrinth heraus. Du brauchst etwas nur ein einziges Mal zu machen, schon hast du Erfahrung; du brauchst nur Erfahrung zu haben, schon ist sie nicht mehr anwendbar, dafür wirst du nun geholt, wenn nicht als Spezialist, so als Zeuge: »Iwanow ist vor Ihren Augen gestorben? Tja, nun geht es Sidorow nicht gut.« Sich spezialisieren bedeutet, in diesem Sinne, sich dem ersten Fall unterzuordnen: Du brauchst nur »eins« zu sagen, schon mußt du bis drei zählen.
Du brauchst dich nur zu entschließen, schon fliegt dir alles von selbst in die Hand …
Ich brauchte einst nur vom neuen georgischen Kino hingerissen zu sein, brauchte nur den Ursprung solchen Erfolgs zu ergründen versuchen, an einem Beispiel zumindest – schon war das zuwenig, schon war fast alles außen vor geblieben. So mußte ich noch einmal beginnen, um zu überprüfen und mich zu überzeugen, daß ich recht gehabt hatte. Ein Anlaß, mir Gewißheit zu verschaffen, bot sich überraschend und ganz von selbst. Ich ging auf den verlockenden Vorschlag ein, nach Georgien zu reisen, um Drehorte auszuwählen. Es gibt keine glücklichere Zeit während der Arbeit an einem Film als die Auswahl der Drehorte! Die Aufregungen um den Start der Produktion sind vorüber, die bitteren Niederlagen stehen noch bevor. Du genießt die Privilegien eines Menschen, in den größte Erwartungen gesetzt werden. Vor dir nichts als weite Perspektiven, wie die Sicht, die sich vor dem Fenster des Studiobusses entfaltet. Die Frontscheibe liefert den Bildausschnitt. (Vor welchem wunderbaren Hintergrund sich so manche Kinofarce entfaltet – eine Erinnerung daran, von welchem Aufschwung des Gefühls der Anfang bestimmt war …).
»Du wirst Georgien sehen, wie ich es hier drin habe!« Der Freund klopft sich auf die Brust, um mich zur Reise zu verleiten. Er schlägt also vor, ihm ins Herz zu schauen – das geht zu weit … Aber ja, aber ja, hast mich überredet.
Klar doch – ich reise.
Rechtfertigen läßt sich die Zufälligkeit dieser Eindrücke nicht nur damit, daß sie abhanden gekommen waren (zusammen mit dem Koffer übrigens), nicht nur damit, daß sie eigentlich gar nicht »geschrieben« sind, sondern auch damit, daß sie gar nicht geschrieben werden konnten. Folgende Erinnerungen:
Ich war bereit, vom Leben Abschied zu nehmen. Warum, war mir nicht mehr wichtig. Seine Unerträglichkeit war noch Leben gewesen, damals war ich noch nicht bereit. Nun war auch die Unerträglichkeit dahin. Nichts schien mir mehr … Von allen dreiunddreißig, die Kinderjahre vielleicht abgerechnet, war mir die Zeit zwischen den Fingern durchgerieselt, und auf der Hand blieb davon nur … Die Sandkörnchen schwiegen. Ich versuchte, diese Klümpchen des Schweigens aufzuknacken, hielt das für meine Aufgabe. Womöglich gefiel mir der Zweikampf sogar, eben aufgrund seiner Aussichtslosigkeit. Von allen Funktionen des Wortes hat mich stets am meisten angezogen, daß es eindringt. Ich mutmaßte, es sei möglich, einfach nicht zurückzukehren. Ich kehrte jedesmal aus diesen Engpässen zurück. Zerschrammt, doch hineingelangt war ich nicht. Denn stärker als die Angst vor dem Tod (die hatte ich, so schien mir, nicht mehr), stärker als der Hunger nach Wahrheit (den, so schien mir, hatte ich noch) wirkte in mir die Angst, zu verstummen. Nein, nicht erfassen wollte ich! Ich wollte nicht sterben.
In Georgien schrieb ich über Rußland, in Rußland über Georgien … Ich starrte auf eine krumme finnische Birke, die im Sumpf des heimatlichen Toksowo eingefroren war, um den Frühlingsrausch im georgischen Städtchen Sighnaghi in mir wachzurufen; und ich stapfte über Hochgebirgswiesen, um das Heimweh nach jenem Sumpf in Toksowo zu stillen. Die Jahreszeiten und die Orte der Handlung und ihre Beschreibung überlagerten und vermengten sich in meinem Gehirn, dabei setzten sie die Realität außer Kraft. Im Dorf Golusino bei Kostroma oder in Golizyno bei Moskau – warum mußte ich dort von Tiflisser Visionen überrollt werden, um dann, als ich endlich in Tiflis war, über den Leningrader Zoo zu schreiben? Ich weiß es nicht. Doch aus dem gleichen Grund träumte ich im legendären Wardsia von den Vögeln auf der Kurischen Nehrung …
Das Imperium des Reisenden ist ein anderer Planet. Eine unterschiedliche Sonne bescheint Metropole und Provinz. Die zweifache Sonne blendete mich von hier wie von dort; ich warf zwei Schatten. Und als ich diese Blindheit und den Staub endlich weggeblinzelt hatte, unterwarf ich mich. Das Glück der Übereinstimmung beherrschte mich einen Augenblick, während ich mich, ganz losgelöst, dem fremden Heimatgefühl hingab. Als Einbrecher und Eroberer! Ich wollte nach Hause importieren, was sie sich dort bewahrt hatten: sich selbst zu gehören. Doch von wegen! nur von dort konnte ich mein Haus erblicken, nur von dort mich darin zu Hause fühlen. Zu Hause begann ich am Verlust dieses Gefühls zu leiden. Wahrhaftig, nur in Rußland kann man Heimweh empfinden, ohne das Land zu verlassen. Ein grandioser Vorzug!
Kaum hatte ich erobert, fand ich mich gefangen. Diese traditionell russische Fähigkeit, sich von fremder Existenz gänzlich durchdringen zu lassen (Puschkin, Lermontow, Tolstoi …), erwies sich als etwas Rußländisches, verwandelte sich unter der Hand in … Mit welcher Truppeneinheit ließe sich »Der Gefangene im Kaukasus« oder »Hadschi-Murat« gleichsetzen? Wesentlich ist dabei die Makellosigkeit der künstlerischen Form – bloß nicht aus dem Kanon fallen. Schwerlich ließe sich sagen, sie hätten schlecht geschrieben. Schreiben, das geht. Was haben wir nicht alles … Aber Geisteskraft läßt sich nicht vom Nachbarn entlehnen: Der Geist gewinnt Kraft nur auf dem eigenen Boden, und sei er noch so ärmlich.
Ich wollte nicht erfassen. Ich wollte wegrücken. Jegliche Mehrung des Ruhms (auch durch mich), jegliche Anerkennung von dritter Seite (sei sie noch so verdient!) ist ein Vorbote des Endes, ist Eroberung und Aneignung. Merkwürdigerweise wird der Liebe ein nicht zu bestreitendes Recht zugestanden. Dabei sollte derjenige gefragt werden, den man liebt: Kann er das brauchen, das Unerwiderte, schmeichelt es vielleicht … Die Rechte des Geliebten werden nicht berücksichtigt. Er ist das Opfer unserer Leidenschaft.
Aber wollen wir auch nicht übertreiben. Uns fragt keiner. Uns fragen nicht einmal die Eltern. Und die Geburtshelfer bringen den Menschen in gewissem Sinn dem Tod näher, eben das ist die Norm des Lebens. Seine normale Absurdität.
Das Wort »Norm« ist gefallen. Ich will mich darauf stützen, um über die Norm etwas sagen zu können. Die so wunderschön, erwünscht, langersehnt ist wie Wasser und Luft. Wo wir davon ja nicht mehr genug haben, von Wasser und Luft.
Ich weiß noch, in meiner Kindheit war das ein normales kleines Wort, fast Jargon, fast aus dem Wortschatz der Dürftigkeit und Beschränktheit; aber merkwürdigerweise hatte gerade dieses kleine Wort – ein »normaler Bursche« oder »normaler Film« – ein Ausrufezeichen, es war ein Superlativ. Die »Norm« war umgeben von der »Nicht-Norm«, und die war vielfältiger: »ein Irrer, ist doch nicht normal, sowas Beschränktes« oder »Spinnerei, Schwachsinn«, kurz gesagt: »nehm ich doch nicht ernst!« Allgemein ist bekannt, daß Kinder wie auch Hunde nichts Unnormales mögen, keine Mißgestalten, Betrunkenen, Simulanten – da sind sie kategorisch und streng. Sie haben ein überfeines Gefühl für Norm. Frei von Menschenliebe.
Später, nach der »Brot-Norm«, in weniger hungriger Zeit, nahm »Norm« als gängiges Wort eine konziliantere Färbung an: »normal« im Sinne von »nicht schlecht«, aber auch »nichts Besonderes«. Noch später, näher zu unserer Zeit, klang es sogar abschätzig, im Sinne von »nicht mehr als das«, im Sinne von »sonst nichts«. Als ob wir selbst fraglos über der Norm stünden, ihr überlegen wären und unseren Blick gewöhnlich nur auf das Außerordentliche lenkten …
So hat dieses Wort sich entwickelt, zumindest in meinem Umkreis, zusammen mit mir. Bis schließlich in allerjüngster Zeit im Wort »Norm«, wie mir scheint, wieder die Möglichkeit fast des früheren, kindlichen Lebens aufblitzt.
Andauernd strebst du irgendwohin. Vorwärts, aufwärts. Bist plötzlich außer Puste, sei es, daß du müde, sei es, daß du alt wirst beim Laufen. Schau: Gibt es überhaupt noch etwas, das gut steht, seiner Bestimmung entspricht? Gibt es, doch. Wenn auch eigentlich nichts steht, alles schief, schlecht und recht, husch husch, nicht recht gezeichnet, nicht recht gefertigt, nicht mal recht liegengelassen während des Zeichnens und Fertigens …
Hier hätten Sie ein Bild: Ein wunderschönes Kapitell liegt ohne Säule herum, und schon erstehen gleichsam Kolosseum und Parthenon als Ruinen, unmittelbar, ihre Bestimmung überspringend. Verführerisch, diese Einsparung dank verkürzten technischen Prozesses, und gleich das Resultat: nullkommanix. Je weiter, desto schlimmer: eine Makkaronifabrik produziert zufälligerweise Streichhölzer, eine Bonbonfabrik Zigaretten … Setz dich bitte einen Augenblick hin, steck dir eine an, überlege: Solange du so zielstrebig vorwärtsrennst, daß das Wort »Norm« für dich schon etwas unterhalb »unserer« (meiner, deiner) Norm ist (heute ist »Niveau« anstelle von »Norm« das Wort: etwas ungreifbar Fortschrittliches, andauernd frontal Davonlaufendes, das eingeholt und erreicht werden will … eine Kategorie anstelle der Realität) – solange wir derart vorwärtsjagen, wird da nach uns noch viel übrigbleiben?
Wie wäre das denn … daß der Stuhl zum Sitzen da wäre, das Fenster zum Hinausschauen, der Zug zum Fahren, das Brot zum Kauen, das Wasser zum Trinken, die Luft zum Atmen und das Wort zum Aussprechen … Daß den Gegenständen ihre Namen und Bestimmungen entsprächen und daß sie dabei nicht aufhörten, sie selbst zu sein – nicht wie bei »Austragungsort«, »Sehschlitz«, »Verkehrsmittel«, »Naturprodukt«, »Kulturpark« und »Erholungszone« … Normen der Gesellschaft.
Doch wie war ich verblüfft, als ich im Getöse meiner Betriebsamkeit einst Musik von Mozart hörte, weil ich endlich einmal, obwohl in der Rolle des Kenners, mit allem zufrieden war, während ich zuhörte. Weil ich lange nicht mehr mit allem zufrieden gewesen war. Nicht, daß ich nichts Gutes gehört hätte. Aber alles war mal einerseits, mal andrerseits gewesen, da war keine Fülle. Hier aber war Fülle. Und nicht, weil sie in einer bestimmten Hinsicht besser als alle anderen gewesen wäre, diese Musik. Wie ständig irgendwas besser ist als was anderes, in einem Husch progrediert. Sondern weil sie ganz war, weil alles in ihr war, weil in ihr alles richtig war – alles entsprach, alles war normal. Nichts in ihr war einseitig, nichts mangelhaft. Sie war Göttliche Norm. Die gleiche wie in der Natur. Die Norm der Schöpfung.
»Geb's Gott, nicht den Verstand verlieren …« Wo Normalität ist in dieser Welt, bleibt völlig unklar. Im Idealfall ist das offenbar vollkommene Entsprechung, ein Bezug zu uns persönlich. Denn wenn etwas imstande ist, uns zu entsprechen, so ist das ein Beweis vor allem für unsere Norm. Eben da wird offenkundig, wie wenig wir selbst uns ihrer sicher sind, der eigenen Norm – wir wissen nicht, wo sie ist. Wir halten uns aus letzter Kraft, wahren den Schein. Ich rede nicht von denjenigen, die so von sich überzeugt sind, daß das Leben für sie da ist. Ich rede nicht von der stumpfsinnigen Norm, von der Normalität der Fühllosigkeit. Ich möchte vielmehr von jener Norm des Fühlens sprechen, jener höchsten, herzklopfenden Norm, der feinen Balance, dem Stocken im Flug, wenn die Lebensfreude noch nicht verloren ist und du zugleich jeden Augenblick sie zu verlieren imstande bist, aber weiterlebst und weiterlebst in diesem labilen und unbeständigen Gleichgewicht, von jener Form des Fühlens, bei der du – nein, eben doch nicht den Verstand verlierst: vom Glück.
Jenseits des Puschkin-Passes, wo die biblische Landschaft Armeniens allmählich dem warmen und feuchten Lebensatem Georgiens weicht und alles so stetig und zielstrebig anders wird – Gebirgslinien, Baumkronen, Bächerauschen, Grasfarbe und Fruchtbarkeit der Felder –, da bogen wir von der Landstraße und tauchten ins herandrängende Grün.[1] Über eine schmalere Straße fuhren wir eine Zeitlang eine enge Schlucht hinauf, immer tiefer in die feuchte Düsternis des Waldes tauchend. Rechts ragte nackter Fels, spitzwinklige, gelbgrüne Gesteinsschichten, links zog sich, steil abstürzend, saftiger Laubwald bis zum Grund, wo der wie ein Fisch silbrige Gebirgsbach tönte. Das Laub war schon fast nicht mehr grün, so dicht stand es. Der aus der Schlucht aufsteigende Geruch – von Wasser, Fels und Laub – stimmte heiter. Ein Sonnenstrahl, der mühsam durch die überhängenden Baumkronen gebrochen war, zitterte auf dem Weg.
Vor einer kleinen Brücke, die über einen trockenen Seitenlauf führte, hielt der Wagen. Die Brücke war zur Hälfte demontiert. Wir stiegen aus. Der Seitenlauf schob den Wald auseinander, und beim Überqueren der Brücke konnte man durch die fehlenden Bohlen den Grund unserer Schlucht sehen. Dort gischtete weißes Wasser über das rostige Gerippe eines verunglückten Autos.
Der Weg verengte sich noch mehr, wurde zum Pfad und ging immer steiler nach rechts und nach oben. Eine Zeitlang stiegen wir im Gänsemarsch diesen steilen grünen Korridor hinauf. Die Bäume verloren ihre Üppigkeit (man merkte die Höhe), wurden zu Büschen und öffneten über unseren Köpfen den Himmel, sie wechselten sich ab mit dem Fels und wichen schließlich dem Fels.
Schon war über uns nur noch Himmel, doch seltsamerweise weitete sich die Perspektive nicht, sie verengte sich, begrenzt durch die Festungslinie aus Fels, zu der der Pfad uns führte, und darüber hing der Himmel als Fetzen. Es drängte einen, den Aufstieg rasch zu bewältigen, um zu sehen, was hinter dem Fels war. Unser Ausflug hatte etwas angenehm Leichtsinniges und Ungezwungenes, als sei die Kletterei auf den Berg für uns gar nicht dringlich und gar nicht schwierig; dazu die Frische der lebendigen und endlich grünen, nicht glühenden Natur, das alles erfreute mein nördliches Herz, es atmete sich leicht, und ich kam mir vor wie auf einem alten Kupferstich – mit Pelerine, breitkrempigem Hut und kräftigem Bergstock, als wäre ich ein ganzes Jahrhundert jünger.
Solcherart »breitkrempig« hatte ich schließlich den Steilhang erklommen und fand mich auf einer Buckelkuppe, von der sich, recht unvermittelt, das Ziel unseres Ausflugs vor mir auftat. Es war ein Kloster. Es stellte sich mir plötzlich in den Weg, wie ein Mensch, der um die Ecke biegt.
Klein, bescheiden und gemütlich, hatte es nichts Majestätisches und Bedrückendes. Es sah aus, als wäre es bewohnt. Zwar hatte es mir, unvermittelt wie ein menschliches Wesen, den Weg vertreten, als ob die Neugier auf seiner Seite wäre und nicht auf unserer, doch es war ein gutgesinntes Wesen. Eigentlich hatte es nichts Besonderes an sich, dessentwegen die Kletterei sich gelohnt hätte, aber es gab auch keinen Grund, enttäuscht zu sein. Ich schaute zurück, lächelte den mir nachhastenden Gefährten zu, außer ihnen war jedoch unten nichts zu sehen – nur Fels, Weg und Klostermauer. Nicht einmal eine Aussicht gab es an diesem dörflich friedlichen Ort.
Dörflich ging es hier auch zu. Das Kloster war natürlich längst aufgelassen, und die wohltuend gesunde und sanftmütige Wächtersfamille hielt sich Kuh, Kalb, Schafe, Bienen, Großmutter und Kinder. Etwas Warmes, wie frisch gemolkene Milch, ging von diesen Menschen und ihrem verlegenen Lächeln aus.
Wir besichtigten das Refektorium, das man uns mit besonderer Sympathie und geradezu mit Wohlwollen vorführte: »Hier also haben sie gespeist« – was erstaunlich war und verständlich. Wir zündeten in der Kapelle unser schwaches Kerzchen an und standen eine Weile in der staubigen Düsternis der nicht sehr großen Kirche, die die Klosterbauten um sich geschart hatte wie eine Glucke. Die Familie des Wächters blieb abseits, aus Schüchternheit. Alles hier war rechtschaffen, schlicht und so friedfertig – absolut nichts Aufregendes, und man bekam Lust zu schlafen. Heraufgestiegen waren wir denn doch recht lange im Verhältnis dazu, wie rasch alles vor uns aufgetaucht und bereits besichtigt war, und damit hatte es sich auch. Wir reckten und streckten uns wie nach einem Schlaf, als wir aus der Kirche traten, und in dem schmalen Durchlaß zwischen Kirche und Kapelle gingen wir die paar letzten, noch ungegangenen Schritte. Die kurze Gasse war sogleich zu Ende und brachte uns auf eine kleine freie Fläche oder Plattform. Ein hohler, ausladender Baum nahm sie fast völlig in Beschlag. An seinem Fuß waren eine Bank und ein Tisch in den Boden eingelassen. Der Baum versperrte die Sicht, man hätte gern gesehen, was dahinter war, hinter der Plattform. Wir umrundeten den Baum und …
O Gott! Wir waren.
Wieder einmal finde ich kein anderes Wort. Wir waren. Waren da. Nein, nichts Übersinnliches. Wir waren da, wo wir schon ein Leben lang gelebt haben, wir und niemand anders. Wir waren in jener Welt, wo wir leben. Aber sie war ganz, ganz unserem Blick eingepaßt, gleichsam als wären wir eben erst, aus heiterem Himmel, auf dieser Welt gelandet. Eben erst angekommen, vertrieben worden … Als hätte man uns eben erst an der Hand hergeführt und gesagt: »Seid fruchtbar und mehret euch.«
Verwirrt schlug ich die Augen nieder. Stocherte mit der Schuhspitze in Steinchen. Ein Steinchen rollte fort und riß den Kameraden mit sich. Nur ihnen folgend, konnte ich langsam den Blick wieder heben. Die Welt strömte unter meinen Füßen hervor wie ein Bach, ein Fluß. So ungestüm, als flöge sie, floß sie in die Breite … Strom – Meer – Element …
Diese blaugraue Welt war noch unbesiedelt. Kein Dach, kein Rauch, so weit das Auge reichte. Doch es reichte nicht, das Auge, so fern war alles und ohne Ende. Ich stand im Hals eines Trichters. Hier war es eng. Dicht heran drängten die beiden Flügel der Schlucht, die genau hinter meinem Rücken zusammentrafen. Draußen aber breitete sich alles aus, wachte auf, reckte sich, wurde munter, lebte, blühte, wuchs und wucherte und quoll wie aus dem Füllhorn. Das ganze, vor mir ausgebreitete Tal erinnerte seiner Form, Weitung und Biegung nach eben an dieses Horn. Als hätte es jemand auf die Erde fallen lassen und als wäre seine obere Wölbung durchsichtig geworden wie der Himmel. Mich hatte es auf den Boden des Horns verstoßen, und unter mir hervor war alles geflossen, wovon mein Blick fast überquoll.
Das Land war sanft, befruchtet, satt. Hinter einer blaugrünen Almwiese erhoben sich riesige schwarzblaue Tannen; diese schob, ja trieb ein weißes Flüßchen auseinander, das sich bald links, bald rechts dagegenstemmte, als treibe es die Tannenherde von der Alm ab, der gestrenge Wald begann sich zu runden, zu kräuseln, er zerfloß zu einem sacht wogenden Laubmeer; das tiefe saphirfarbene Talbecken lag, still und langgezogen, schon weit in der Ferne, und dahinter erhoben sich, ebenso langsam zu sich findend, die Berge. Mein Herz hüpfte glückselig dem Blick hinterdrein, als er das Entspringen der Welt aus meinem Punkt ungehindert nachvollzog und über den gedankenleeren Himmel wieder zurückkehrte zu mir. Mich selbst konnte ich nicht sehen. Da betrachtete ich voll Verwunderung meine Hand, um mich zu vergewissern. Eine Hand. Noch hat sie keine Berührung gehabt mit dieser Welt. Sie hat ihr noch nichts getan. Kennt noch keine Arbeit. Die Hand spielte wie ein Säugling mit den Fingern, sie grapschte nach der Welt, die ihr bevorstand.
Als wäre ich an der Hand hergeführt worden … Ich schaute und staunte; doch als ich mich besann und mich umblickte, war Er schon nicht mehr da. Nur meine leere Handfläche wahrte noch die Berührung dessen, der uns hergeführt hatte. Leer war die Hand.
Ich habe in meinem Leben eine Reihe von Gotteshäusern gesehen, die meine Einbildungskraft erschütterten. Einbildung in jenem alten Sinne, als das Wort sich noch nicht von der Realität gelöst hatte, sondern rasche Vorstellungskraft symbolisierte. Nicht Phantasie, sondern eben – Einbildung. Das Bild stand vor mir, ging in mich ein.
Solches Schauen verwies mich jedesmal wieder an meinen Platz, das heißt, von mir fiel ab, was ich mir zugeschrieben hatte in eitlem Wahn. Von Dauer war das nie. Ich konnte den Zustand nicht aufrechterhalten, wenn ich die Kirche nicht mehr sah. Eine solche Kirche hatte sich jedesmal vor einem Hintergrund befunden, in der Natur, sie war in sie hineinkomponiert und nicht verdeckt vom Menschen und seiner Hände Werk. Und ich hatte bereits begriffen, daß die Wahl des Standorts womöglich die wichtigste architektonische Idee einer Kirche ist. Wie man in der Unendlichkeit der Taiga plötzlich auf ein graues Dreieck stößt – einen Triangulationspunkt, also eine topographische Anhängestelle –, so kam mir auch die an der einzig richtigen Stelle gebaute Kirche immer vor als ein Anhängepunkt des Menschen, nun jedoch nicht an der Oberfläche, sondern im Weltgebäude: Sie erinnert den Menschen, wenn er den Blick hebt vom täglich Brot, wo er sich befindet. Die Kirchen waren großartig und gewaltig. Sie erdrückten oder beschämten, löschten die Seele aus oder hoben sie empor, indem sie ihr unterhalb Gottes einen Platz zuwiesen oder in Gottes Nähe. Die jeweiligen Erbauer waren in ihrer Schöpfung so restlos aufgegangen, wie es keinem weltlichen Architekten je gelungen ist. In unterschiedlicher Weise hatten sie ihre Kirchen errichtet: Gott und ich, ich und Gott, nur Gott … Doch noch nie war ich auf eine Kirche gestoßen, die in solchem Maße der Idee der Auslöschung in der eigenen Schöpfung untergeordnet war. Auf solche Selbstzurücknahme war ich noch nicht gestoßen. Ganz unmerklich, leise, fast flüsternd … entführte der Erbauer seine Linien unserem Blick, entführte er unseren Blick, damit wir nicht die Kirche erblickten – nein, das ist Tand von Menschenhand, nichts als ein Bau –, sondern damit wir schauten, wo sie steht, wo wir leben: Gottes Antlitz im Spiegel seiner Schöpfung. Denn was spiegelte ihn besser?
Sowas aber auch, wieviel Mühe man sich gemacht hatte extra meinetwegen! Damit ich lange auf sorgfältig gewähltem Weg den Berg hochstieg, damit mein Blick sich immer mehr verkürzte, sich begnügte und immer weniger sah, damit ich genau dort das Ziel erreichte, wo die Perspektive sich endgültig reduzierte, damit sämtliche Bauten mein Auge weder beleidigten noch begeisterten, sondern mir weiterhin die Ferne verdeckten, damit ich, auch beim Zurückschauen, nirgends mehr erblicken konnte, als ich soeben erst gesehen hatte, damit meine Aufmerksamkeit und Erwartung eingeschläfert wurden und ich mich wie ein Kleinkind an der Hand genau an die Stelle führen ließ, von wo aus … genau zu dem Zeitpunkt, als.
Den Menschen an seinen Platz verweisen (ihn unterweisen), das kann nur jemand, der selbst seinen Platz kennt. Es gab keine genialere architektonische Idee, konnte keine geben, als die Errichtung des Gotteshauses dem Schöpfer selbst anzuvertrauen.
So stand ich, schloß die Hand und öffnete sie, als wäre sie harzverklebt, und konnte doch nicht fassen, was ich kannte seit dem ersten Augenblick – meine Welt.
Herrgott! Da war sie, da …
Nein, nicht in der Kirche, hier hätte ich auf die Knie fallen mögen. Ich tat es nicht, demonstrierte niemandem … sowieso lag ich in diesem Augenblick auf den Knien, hochgemut geläutert und demütig dankbar.
Wortlos. Als hätte es nie Worte gegeben.
Hier mußte die Sprache neu erlernt, neu geboren werden, mußten die Lippen mühsam sich auftun, so unerschrocken und unter Kraftaufwand, wie die Augen sich aufzutun gewagt hatten, mußte das erste Wort ausgesprochen werden, das eine, um zu benennen, was wir sehen: die Welt. Dann weiter silbenweise, schrittchenweise, die Hände fest um den Rand des Abc-Buchs geklammert: Das ist – die Welt. Sie ist. Das ist – alles. Die Welt – ist alles. Alles ist – vor mir. Vor mir tut sich die Welt auf. Ich verharre auf der Schwelle. Erstarre unter der Tür. Zur Welt. Das Tor zur Welt. Ich stehe auf der Schwelle. Da stehe ich. Das bin ich.
[1] Ich hatte natürlich Puschkin vor Augen (sowohl auf der Fahrt wie auch beim Schreiben), geht ja nicht anders … Doch ich schlug nicht extra bei Puschkin nach, während ich stilisierte, frischte nicht … Wie groß war mein Erstaunen, als ich später auf den halbvergessenen Text stieß:»Ich begann den Besobdal hinaufzureiten, den Berg, der Georgien vom alten Armenien trennt. Die breite, von Bäumen beschattete Straße windet sich den Berg entlang. […] Mir boten sich neue Berge dar, ein neuer Horizont; unter mir breiteten sich fette grüne Fluren. Ich blickte noch einmal auf das versengte Georgien zurück und begann, über den sanft geneigten Berghang zu den frischen Ebenen Armeniens hinabzureiten. Mit unbeschreiblicher Befriedigung nahm ich wahr, daß die Hitze plötzlich nachgelassen hatte – das Klima war bereits anders.« (»Die Reise nach Erzerum«)Alles entsprechend – nur umgekehrt. Wie Negativ und Positiv. Seines ist, darf man annehmen, das Positiv …
Am 8. April 1944 nahm Leutnant Lapschin, Held der Sowjetunion, mit seinem Schützenzug durch einen Überraschungsangriff von zwei Seiten die Brücke im Zoo ein, wobei 30 Faschisten getötet und 195 gefangengenommen wurden. Damit war der Kampf um den Zoo entschieden.
Inschrift an einem Denkmal im Zoo von Kaliningrad
Ich lebe wer weiß wo. Hin und wieder komme ich nach Hause. Meine Tochter sagt errötend, weit ausholend: »Papa, weißt du noch, letztes Mal, als du hier warst, da hast du gesagt, wir würden zusammen wohin gehen!« Welche Wörter sie laut ausspricht, welche leise – darin liegt der ganze Witz. Mir wird gleich übel von diesem ihrem Wissen, dieser ihrer Erfahrung, daß wir ja doch wieder nicht gehen. »Wohin« aber (dies im Flüsterton), ich weiß noch, das bedeutet: ins Schloß. Das Schloß schlechthin.
Plötzlich stehe ich entschieden auf, mit der zerschlissenen Würde eines Menschen, der den Erfolg gekannt und dann verloren hat, und sage: »Gehn wir.« Was kaum weniger erniedrigend ist, als erneut zu sagen: »Später mal.« Ich sage »Gehn wir« und hasse mich selbst dabei, doch sie – sie glaubt. Überhaupt weiß sie sehr viel mehr, als man das (zur Beruhigung der Erwachsenen) gemeinhin annimmt von, na ja, Kindern, na ja, ihres Alters. Und das bestürzt sie gar nicht, es bestürzt mich, ihr genügt offenbar vollauf meine Zustimmung, wie sie gegeben wurde – ohne rosarote Romantik.
Wir gehen. Wir treten aus dem Haus, und da zeigt sich
