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Bernard Nowak zeigt uns, dass in diesem seltsamen Tanz der Lebenden und der Toten – Polen, Deutsche, Russen, Flüchtlinge aus den Ostgebieten hinter dem Bug, Partisanen der Heimatarmee, Soldaten der Wehrmacht, Plünderer und Festiger der Volksmacht – eine neue Welt entsteht. (Jarosław Cymerman) In unserem spontanen Gespräch über den Tanz der Koperwasery kehrten zwei Worte immer wieder – ein magischer Roman. (Henryk Bereza) Dem Autor ist eine außerordentlich schwierige Sache gelungen: er hat in seiner Erzählung ein gutes Stück polnischer Geschichte von universaler Bedeutung eingefangen. (Jacek Trznadel) Für mich ist das ein Beweis, dass es noch Literatur gibt. (Tomasz Burek) Es liest sich im Handumdrehn! (Grzegorz Józefczuk) - Bernard Nowak, geb. 1950 in Kwidzyn (früher Marienwerder), verbrachte die ersten Lebensjahre in Malbork. 1959 zog die Familie in das Gebiet von Poznań. In Krotoszyn absolvierte er die Grundschule und das Gymnasium. Nach dem Abitur ging er nach Lublin und begann dort ein Polonistikstudium an der Katholischen Universität. Seine Diplomarbeit schrieb er über die faustischen Motive in W. Gombrowiczs »Tagebuch«. 1981 hielt er sich in Deutschland und Frankreich auf und kehrte kurz vor der Ausrufung des Kriegsrechts in die Volksrepublik Polen zurück. Er war Teilnehmer am Streik in der Hubschrauberfabrik Świdnik, dann Drucker und Herausgeber von Untergrundschriften, auch vielfacher Kurier nach Paris. 1988 gründete er mit Freunden den Verlag »Test«. Seit 1991 leitet er diesen Verlag selbst; bisher hat er etwa hundert Titel veröffentlicht. 1990 debütierte er als Prosaiker mit dem Roman »Cztery dni Łazarza« (»Die vier Tage des Lazarus«, Literarisches Institut Paris), im Jahre 2003 veröffentlichte er »Taniec Koperwasów« (»Der Tanz der Koperwasy«), 2006 »Smolice Nr. 86« und 2012 erschien sein Tagebuch »Wyroby duchowe« (»Geistige Produkte«). Des Weiteren war er Stipendiat des Kulturministers 2006 und 2011, Mitglied des Polnischen Schriftstellerverbandes und in den Jahren 2005 bis 2011 Vorsitzender der Lubliner Regionalabteilung des Verbandes.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wir saßen am Küchentisch und redeten über die Familie, die Kindheit, wie wir zur Tante gefahren sind, mehrmals umsteigen und auf den Zug warten mussten … An diesem Tisch fiel der erste Satz des Romans: »Tante Gienia starb viele Male.« Und so begann ich mit dem »Tanz« … Redend und lachend. Ich bekam Lust, Firlefanz zu schwatzen, an Familienmitglieder zu erinnern, über ihre gewöhnlichen und doch so unglaublichen Abenteuer zu lachen … Also, das ist in etwa diese Art von Literatur. Diese Art der Improvisation, ein Sich-Erinnern an darauffolgende Geschichten aus langer Weile – was im Wesentlichen leicht ist, wenn man sich darauf einlässt, gleichsam mit der Forke hantiert und eine Garbe nach der anderen weiterreicht. Das ist die Grundlage der Literatur. Reden, ohne aus dem Rhythmus zu kommen oder denen die Arbeit zu komplizieren, die einem diese Garben abnehmen. Das ist so eine bäuerliche Metapher für das Schreiben. Danach braucht es nur noch Sorgfalt, um dieses Gerede nicht zu verlieren – und ein Stück zu erfinden, aus dem eine Wahrheit, an die wir nie gedacht haben, an die Oberfläche gelangt. Eine seltsame Wahrheit, aber eine seltsam wahre.
Bernard Nowak
DER TANZ DER KOPERWASY
Übersetzung aus dem Polnischen von Zbigniew Wilkiewicz
Mit einem Nachwort von J. Cymerman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
Bild »Totentanz«: Pieter Brueghel (Fragment)
Homepage des Autors: www.bernard-nowak-wydawnictwo-test.com
Übersetzung © Zbigniew Wilkiewicz
Übersetzung des Nachwortes und redaktionelle Mitarbeit: Herbert Ulrich
www.engelsdorfer-verlag.de
Für meine Mutter
Cover
Titel
Impressum
Kapitel I. Der Tanz der Koperwasy
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Nachwort
Biografische Anmerkung
Tante Gienia starb viele Male. Man könnte ohne größere Übertreibung sagen, dass sie diese Kunst in vollkommener Weise beherrschte. Dann kamen bei den Koperwasy alle Familienangehörigen zusammen, die engeren und die ferneren, in erster Linie aber ihre neun Kinder, und jedes von ihnen mit dem eigenen, zahlreichen Anhang. Es kamen alle, sogar »die Stettiner von hinter dem Bug«, die von der Familie am weitesten entfernten Umsiedler. Im Haus wurde es eng und dunkel, man hörte Geflüster und das fieberhafte Aufzählen von Details, man zählte die Ansässigen und die Angereisten, aber alle wussten, dass auf den Listen sowieso jemand fehlen würde. Immer wenn sie starb, warteten wir auf die Anreise einer weiteren Person. Gienia erwartete den Besuch ihrer Schwester, Tante Marta. Und immer wartete sie umsonst.
Das Sterben fand im größten Zimmer des Fachwerkhauses statt, wo die Tante die Angereisten in dem bald nach dem Krieg irgendwoher beschafften Ehebett liegend empfing. »Meine lieben Kinder …«, seufzte sie auf den ihre vollbusige Gestalt stützenden Kissen. »Ihr seht mich zum letzten Mal, danke, dass ihr gekommen seid … Ist Iryś auch da? Aha, er soll übermorgen kommen, dieser Schlauberger taucht immer als Letzter auf. Du, Aloch, bist sicher wieder besoffen, was? Kannst du nicht die paar Tage abwarten, du siehst doch, wie schwach ich bin … Geh lieber und hilf Sabcia, das Mädel hat alle Hände voll zu tun«, dirigierte sie aus der Höhe ihres Todesthrons und zeigte damit allen, dass sie die Situation im Griff hatte und ihre Herrschaft bis zum letzten Atemzug verteidigen würde.
Bei jedem dieser Auftritte vergaß sie auf keinen Fall, zumindest für einen Moment einen Schwächeanfall zu erleiden und eine ihrer Hände so herabsinken zu lassen, dass sie schließlich kraftlos herabhing. Diese leblose Gelöstheit, die leicht geöffneten altersschwachen leberblauen Lippen und ihre durch Kosmetika balsamierte Blässe hielten sie nicht davon ab, den Moment abzuwarten, bis ihr eine der Töchter einen Becher mit leicht verdünntem Kompott an den Mund hielt. Verstohlen lugte sie unter ihren Lidern hervor, welche von ihnen die Erste sein würde. Und gerade in diesem Moment, urplötzlich, als das Ritual beendet schien, warf sie die noch heute in meinen Ohren nachklingende Frage in den Raum: »Habt ihr Marta ein Telegramm geschickt?«
Langsam und etwas zögerlich antwortete eine Stimme mit einem »Ja«.
Dann ereilte uns die zweite Frage: »Hat sie geantwortet?«
Es wurde still. Schließlich erklärte ein etwas Mutigerer: »Wir waren heute noch nicht auf der Post, Tante, aber wahrscheinlich noch nicht …«
Dann drehte sich Gienia, deren letzter Wusch unerfüllt geblieben war, zur Wand und wir – ignoriert und voller Hochachtung – schoben uns in die Küche hinaus, wo sich, so weit ich zurückdenken kann, schon immer das Familienleben abgespielt hatte.
In der westfälischen Küche war es ruhig und heimelig, wie mit Resten jener anderen, deutschen Gemütlichkeit versetzt, die auf häuslichen Gerüchen und der vom Ofen her pulsierenden Wärme beruht. So war es hier, dort aber, im Zimmer der Tante, herrschten Starre, Ruhe und Kälte. Und all dies, damit die Kranke leichter atmen und besser schlafen konnte, wobei jedem klar war, dass sich das Leben, mit den sich zwischen unseren Beinen tummelnden Hunden und Katzen, ganz auf unserer Seite vollzog. Auf Seiten der Tante gab es nur noch die zur vollkommenen Starre heruntergekommene Zeremonie der letzten Vermählung.
Wir, die Heranwachsenden, lungerten ziellos herum, wie irgendwo vergessene Jungs, und warfen verstohlene Blicke auf die selten gesehenen Altersgenossen der ferneren Verwandtschaft. Die blasse Sabina, die Tochter der Tante, schon ein wenig Hausfrau, kochte irgendetwas, ihr Mann, der von der Sterbenden erwähnte Aloch, nahm aus dem Backofen, feierlich wie aus einem privaten Tabernakel, Gefäße mit aromatischem Punsch heraus. All dies geschah, um sich aufzuwärmen, denn der Zufall wollte es, dass das Sterben der Tante auf die Wintermonate fiel, wenn die Feldarbeiten beendet waren und das Geschäft mit dem Vieh weniger wurde. Wenn – kurz gesagt – die Zeit fürs Sterben am günstigsten war.
Man muss zugeben, dass Gienia es verstand, den Moment fehlerfrei zu wählen, um für uns all die Langeweile, die uns wie eine dunkle Herbstnacht zusetzte, erträglicher zu machen. Ich glaube, alle Verwandten waren ihr ein wenig dankbar, dass sie die Feiertage um einen neuen, etwas makabren Brauch bereicherte. Gern fuhren wir, selbst vom ganz anderen Ende Polens, zu ihr. Gern kämpften wir uns durch das Land, froren in schlecht beheizten Bahnhöfen, garten in überfüllten Abteilen, nur, um die in der Kindheit so verlockende Odyssee erleben zu dürfen.
Bis zu einem bestimmten Alter fuhren wir zu zweit, Ania und ich. Später fuhr ich meistens allein und ein- oder zweimal mit Michał. Am liebsten war ich mit Ania unterwegs, denn dann war ich mir sicher, dass nichts passieren konnte. Dass sie es immer schaffen würde, mir zu helfen. Später wurde ich allein losgeschickt, man kaufte mir die Fahrkarte und erinnerte mich daran, wo ich umsteigen musste.
Zur Sicherheit nahm ich allerdings eine Landkarte mit: vergilbt und abgewetzt, mit nicht mehr gültigen Grenzen, aber mit den gleichen Verbindungen wie vor dem Krieg. Grenzen lassen sich ändern, aber Schienen bleiben am Ort, selbst nach allen noch so großen Verschiebungen. Damals bemerkte ich, dass man sich mithilfe des Schienennetzes leicht orientieren kann, wie weit der Einfluss der einen Zivilisation reicht und wo eine andere beginnt. Oder – genauer gesagt – gar nicht vorhanden ist. Und auf einer solchen Landkarte zeichnete ich mir mit einem dicken Strich meine eigene, von Süden nach Norden führende Trasse ein.
Wir kamen im Morgengrauen an. Der Zug hielt an einer kleinen, in einem Tal gelegenen Station und wir suchten mit unbeholfenen Füßen nach den hölzernen Stufen des Waggons, um – mit dem Köfferchen beladen – nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das schwarze Ungeheuer fuhr weiter, während wir, zwei auf dem geschotterten Bahnsteig stehende Kinder, die nach Ferienfrische duftende Landschaft in uns aufnahmen.
Wir gingen dann den leeren, sich wie alle pommerschen Chausseen schlängelnden Weg entlang. Wir schritten wortlos nebeneinander her, mit in Träumen verfangenen Gedanken und mit Augen, die die vertrauten Orte wiedererkannten. Den Backsteinschlot ließen wir hinter uns und in der Ferne zeichneten sich das Kirchlein und der Dorffriedhof ab, auf dem die Zwillinge Martas lagen. Beim Sägewerk dufteten die Bretter und gleich dahinter fiel einem der rote Backstein der Tabakfabrik ins Auge. Hier hatte direkt nach dem Kriege Marta, die von allen nur »die Amerikanerin« genannt wurde, gearbeitet.
Wir wussten nie, auf welche Situation wir treffen würden. In den Telegrammen stand, dass der Zustand der Tante bedenklich sei, dabei war seit der frühesten Kindheit, seit den ersten Besuchen klar, dass sie krank war. Man sprach bei jeder möglichen Gelegenheit darüber. Ringsherum wuchsen die Kinder heran, gingen zur Kommunion, die Familie kam zu Kirchweihen und Hochzeiten zusammen und die Tante lebte gleichsam nebenher und außerhalb der Zeit, mit einer für die Ärzte ungeklärten Erkrankung ausgestattet. Wenn wir uns also zum wiederholten Mal dem Ort näherten, von dem aus die Fachwerkmauern dieses in der ganzen Gegend größten Hauses sichtbar wurden, wich die durch die Reise verursachte Aufregung jäh einer die Kehle zuschnürenden Angst.
Die Tante fragte auch uns wegen Marta und jedes Mal mussten wir hervorbringen, dass sie »momentan nicht vorhabe, zu kommen«. Marta hatte sich mit unserer Großmutter angefreundet und schrieb ihr oft, aber aus dem, was man mitbekam, zeichneten sich keine Reisepläne ab. Zunächst dachte ich, dass es eine Frage der Entfernung und der vielen Dollars sei, erst später erfuhr ich, dass es um mehr ging. Ein wenig von der Großmutter und ein wenig aus den in den Ferien aufgeschnappten Äußerungen folgerte ich, dass es zwischen ihnen Dinge gab, die viele Jahre zurücklagen, aber für ein Kind war es schwer, sich zu orientieren, und noch schwerer, sich Fragen zu erlauben. Es ging nicht um Geld, denn die kinderlose und berufstätige Marta war eine der wohlhabendsten Personen in unserer Familie und musste nicht auf jeden Groschen achten. Außer dieser Tatsache verstand ich nicht viel; die halb ausgesprochenen Worte und Andeutungen vergrößerten die Verwirrung nur. Immer dann, wenn der Name Marta fiel, öffnete ich aus purer Neugier den Mund.
Der Weg nach rechts führte nach Brachlewo, wohin ich als Kind, trotz zahlreicher Streifzüge, niemals kam. Die Grenze meiner Welt verlief unmittelbar am Anwesen der Tante entlang, am Ansatz der asphaltierten Gabelung; dahinter begann ein unbekanntes Land. Der dortige Himmel, weiter weg, war wie aus Blei, durch den kein Strahl hindurchdringt, nicht hindurchgelangen kann, obschon es doch etwas Verkehr in beiden Richtungen der Chaussee gab. Manchmal sprang hinter der Kurve ein LKW hervor, nicht selten fuhr an mir ein PKW vorbei, und ich war so vergafft, dass der Fahrer kurz bremsen musste, um mir mit der Faust zu drohen, doch die Fahrtgeräusche brachen – was mir erst jetzt bewusst wird – schon ein paar Meter weiter wie abgeschnitten ab. Die Fahrzeuge, egal welche, wurden unglaublich schnell kleiner und verschwanden zusammen mit den Motorgeräuschen und den sich ringelnden Abgasen im Raum, so als würden sie aufgesogen.
Nicht nur ich, sondern keiner von der Familie, die doch zahlreichen Geschäften nachging, fuhr jemals in diese Richtung. Schon bei der Nennung des Ortsnamens spürte man geradezu Abneigung. Auch der Pfarrer von Brachlewo (manche sagten noch immer Brachnebrau) wurde von der Tante kaum toleriert. Die offizielle Ursache war seine berühmte Gefräßigkeit, die jede Hausfrau fürchten musste, aber auch in dieser Angelegenheit witterte man eine durch das familiäre Beschweigen bemäntelte Unklarheit. Die Abneigung war gegenseitig. Der Pfarrer kam, wenn er zur Kirchweih erschien, niemals auf meine Tante zu.
Wir gingen weiter, vorbei an dem zu dieser Tageszeit abgezäunten Kółeczko, wo ein mir wenig bekannter Teil der Familie lebte. Die in den dortigen Häusern wohnenden Anverwandten und Verwandten gehörten – obschon vom Stamm der Koperwasy – zu einem Seitenzweig der Dynastie. Ich erinnere mich wie durch einen Nebel an diese Menschen; sie waren klein, dunkel, mit ein wenig semitischem, rötlichem Einschlag und trugen Vornamen, die mir heute nicht mehr geläufig sind. Der Stammbaum des Geschlechts war recht verworren, sodass mir manchmal schien, dass jeder mit jedem verwandt war, was wohl in gewisser Weise auch stimmte. Niemand außer Großmutter Weber war in der Lage, diese Verwandtschaftsverhältnisse zu entwirren.
Nach Kółeczko ging man, um mit anderen Jungen zu spielen. Dort war es leichter, einem der Altersgenossen zu begegnen, während andere in den auf den Feldern verstreuten oder sich an der asphaltierten Chaussee hinziehenden Gehöften unauffindbar blieben.
Die Gehöfte hießen nicht wirklich Kółeczko. Vielmehr bildeten sie das eigenständige Dorf Ołędry Sztumskie. Allerdings benutzten alle den verkürzten Ersatznamen, indem sie etwas hervorhoben, was sowieso klar war: Das Dorf war in Kreisform aufgebaut worden. Dort, mitten auf dem Platz, stand eine der wichtigsten Requisiten meiner Kindheit: eine große gusseiserne Pumpe mit einem abgewetzten glänzenden Griff. Dieses Meisterstück deutscher Gusskunst, das unter unseren Füßen unsichtbar blieb, hatte eine Eigenart, die mich immer wieder neugierig machte. In gewisser Weise identifizierte ich mich sogar mit ihr; ich kann sogar behaupten, dass sie genauso stotterte wie ich. Wenn man den Hebel bewegte und nicht das Wasser, sondern die neben dem Kolben entweichende Luft angesaugt wurde, gab die Pumpe Geräusche von sich, die aus dem Erdinneren zu kommen schienen, indem sie lange, metallische Selbstlaute ausstieß. »Aa… Aahh… Iiii… Aaa… Aah«, stöhnte sie arm und einsilbig vor sich hin, als könne sie trotz der Anstrengung nichts anderes hervorbringen.
Aber diese Spiele dauerten sogar im Sommer nicht lange. In der Abenddämmerung wurde Kreislein mit einem breiten, unüberwindlichen Zaun abgesperrt. Wir spürten, dass die von dort doch etwas anderes waren als die Kinder an der Chaussee oder die aus den im Tal verstreuten Gehöften. Die Dorfbewohner bildeten eine Gruppe für sich mit einem durch Sitte festgelegten Rhythmus des Verschließens, während alle anderen ein weitaus weniger geregeltes Leben führten. Für uns war das beschwerlich, denn manchmal wären wir gern bis abends geblieben, aber da wurde schon der Palisadenzaun aufgestellt und wir mussten weichen. Die aus Kółeczko blieben zurück, auf der Wiese und mit der geheimnisvollen Pumpe, wir aber gingen zögerlich in alle Richtungen auseinander. So richtig habe ich diese Unbequemlichkeit aber erst viel später verspürt. Und zwar dann, als mich die dort – wie hinter der Palisade einer von Schwarzerde umgebenen Burg – eingesperrte Kasia Kurcjanow zu interessieren begann.
Kasia war die Erste von den Altersgenossinnen aus der Familie, bei der ich schon lange die immer größer werdenden Wölbungen ihrer Brüste wahrgenommen hatte. Sie nahm meinen ebenso verschämten wie kühnen Blick genau wahr und erwiderte ihn mit der ganzen Direktheit einer zum Leben erwachenden jungen Frau. Sie sah mir gleichermaßen mutig wie schamlos in die Augen. Sie war älter und brauchte mich nicht ernst zu nehmen, weshalb sie bei mir weitergehen konnte als bei anderen. Mit den anderen hatte sie sicher schon das eine oder andere ausprobiert, sie musste sich also vor ihnen in Acht nehmen, aber mit mir konnte sie sich alles erlauben. Ich glaube, dass ich für sie so etwas wie ein bequemes Versuchskaninchen war, von dem man sich, wenn es denn so weit ist, ein für alle mal trennt. Das habe ich erst viel später verstanden und bevor dieser Moment kam, war ich überzeugt, dass sie für mich die gleichen Gefühle hegte wie ich für sie. Dabei handelte es sich – denn ich muss den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen – um mit Provokation vermischtes Mitleid und Erbarmen.
Wir bogen nach links ab und gelangten vorsichtig durch das verwässerte Ultramarin des Morgens zu den an dem doppelten Bogen – aus Weg und Bachlauf – gelegenen Gebäuden. Das große Haus, mit dem unter einem Dach untergebrachten Wirtschaftsteil, war im Schlaf versunken. Manchmal klirrte ganz kurz eine von einem Kuhschädel bewegte Kette. Ihr antwortete von der gegenüberliegenden Seite des Hofes die andere, durch die Schwelle der Bude hindurchgezogene und auf dem Holz schnarrende Kette des Hundes. Der alte Schäferhund, der von Aloch als »einstdeutsch« bezeichnet wurde, begrüßte uns als Erster. Wir waren immer ein wenig verwundert, dass in dem Trauerhaus kein Licht zu erblicken war, dass alle schliefen, so als ob nichts passiere. Und dass es nicht gelingen würde, dem für niemanden angenehmen Wecken, den verschlafenen Gesichtern und den nächtlichen, uns küssenden Mündern zu entgehen.
Zunächst ein schüchternes, dann ein zweites Anklopfen und danach die blässliche Cousine Sabina in der Tür, der die Mutter einst, als es ihr schlecht ging, die Schlüssel übergeben hatte. Danach das Eintreten, das Hinstellen der Koffer und der Blick in die nach Knoblauch duftende Küche, während Sabina, noch immer in dem mit braunen Punkten bekleckerten Nachthemd, die Herdringe abnahm und Feuer machte. »Wie geht es der Tante?«, fragten wir, nachdem wir einen Moment gewartet hatten, um im Gegenzug das zwischen dem Kratzen der Schaufel erwiderte »Krank … Gestern war der Arzt da« zu hören.
Nach dem Frühstück, bei dem kaum gesprochen wurde, legten wir uns für zwei, drei Stunden hin; wir in unser kühles Bett, die blasse Sabine in ihr warmes, zu dem im ganzen Haus vernehmbar schnarchenden Aloch. Es schickte sich zu so früher Tageszeit nicht, in das von Krankheit erfüllte Zimmer der Tante hineinzuschauen. Sie schlief.
Während unserer Besuche erhielten wir immer dasselbe Zimmer. Auf der einen Seite des Korridors befand sich der Kuhstall, auf der anderen der Wohnbereich, von dem aber nur die Küche und die drei größten Stuben hergerichtet worden waren. Unsere Tür war die zweite in der Zimmerflucht, die dritte führte zu einer Stube, die nie genutzt wurde. Dahinter befand sich noch eine Stube mit Blick auf die Darre, das sogenannte Gästezimmer, das den Trauernden zur Verfügung gestellt wurde. Gerade hier sollte später, für ein paar Wochen, Marta wohnen.
Auch unsere Stube war, außer den zwei Betten und einigen Stühlen, von denen jeder einzelne einer anderen Garnitur entstammte, nicht eingerichtet. Als Tante Gienia einmal gefragt wurde, warum dort niemand wohne, erwähnte sie die Feuchtigkeit, die man zwar noch nicht spüre, aber die noch kommen werde, die unter dem Fußboden scharrenden Mäuse und noch etwas anderes … Sie gab mir aber niemals eine eindeutige Antwort.
Das Haus der Tante war mit allerlei Absonderlichkeiten vollgestopft, die für ein Kind unverständlich blieben. Oben der verwahrloste Dachboden voller Gerümpel, hinter dem Kuhstall der verfallende Keller, schließlich die in der Scheune stehenden, niemals in Gang gesetzten Maschinen. Dies alles formte sich zu einer unverständlichen und dadurch noch attraktiver werdenden Chiffre. Es wurden keine neuen Gebäude errichtet und nur selten nahm man Reparaturen am Gehöft vor. Sicherlich, keiner konnte in jenen Jahren wissen, wie lange er dort bleiben würde, aber man hätte doch die einstdeutschen Werkzeuge oder das niemals in Bewegung gesetzte und mit Grünzeug überwucherte Göpelwerk benutzen können. Zur Rechtfertigung von Frau Koperwas muss allerdings ergänzt werden, dass die Gerätschaften der Tante nicht die einzigen waren, die ungenutzt herumlagen. Jeder, der sich in jenen Jahren nach Pommern verirrte, konnte mit eigenen Augen wesentlich schlimmere Dinge erblicken.
Wir erhoben uns von unseren Schlafstätten, wenn das Haus schon lange auf den Füßen war. »Die Kinder sollen sich richtig ausschlafen, sie waren die ganze Nacht unterwegs, Gott verhüte, dass sie krank werden …«, rechtfertigte uns die von einem aufs andere Jahr schmaler werdende Sabine. Man weckte uns also erst, wenn das Mittagessen schon fertig war, sodass wir uns wieder schläfrig abermals an den Tisch setzten. Man erzählte, unterhielt sich und erkundigte sich nach unseren Angelegenheiten, also nach der Oma und der Schule; wir fragten umgekehrt nach der Tante, nach ihrem Befinden und der neuesten Entwicklung ihrer Erkrankung. Ich wusste, dass ich sie auch diesmal im gleichen Zustand erblicken würde. Dass wir wiederum ein ums andere Mal bei ihr hineinschauen würden, immerzu verlegen und desorientiert und selbst nach einigen Tagen nicht wissend, ob wir uns auf die Rückreise vorbereiten oder auf ihren Tod warten sollten.
Im Trauerhaus wurde natürlich nur halblaut gesprochen. Man fragte uns nach Marta, nach den Chancen für ihr Kommen und nach anderen Neuigkeiten, worauf wir aber nur wenig zu antworten wussten. Im Laufe der Jahre schrieb Marta immer seltener und beschränkte sich auf Postkarten, die sie zu bestimmten Anlässen verschickte. Ihre langen und auf Deutsch verfassten Briefe (sie hatte es ein wenig während der Besatzungszeit und später gut von Kurt gelernt) erhielt die Großmutter, die uns Kindern allerdings nicht erzählte, worauf sie sich bezogen.
Ich verbrachte alle Ferien in Koperwasy und das nicht nur deshalb, weil Gienia für mich einer engen Verwandten gleichkam, sondern aus dem einfachen Grund, weil es in den Nachkriegsjahren kaum Orte gab, wohin man reisen konnte. Allein hätte man mich nicht reisen lassen, und beide Kinder irgendwohin zu schicken, konnte sich die Großmutter nicht leisten. Um sich zu revanchieren, schickte Marta, meine Patin, etwas Geld, Pakete mit Kleidung und für die Erwachsenen Ansichtskarten, die man hinter die Scheibe der Anrichte steckte. Im Gegenzug wurden wir als Kinder von den Koperwasy ein wenig umsorgt.
Eine spezielle Betreuung ist in diesem Alter übrigens nicht nötig. Wir verbrachten viel Zeit damit, bei der Arbeit zu helfen, den Rest der Zeit verbrachte ich mit Streifzügen durch die Gegend oder in der immer interessanten Ziegelei mit ihrem ganzen System von Lehmhöhlen. Die Tante mochte mich wohl trotz all meiner Wunderlichkeiten und drückte mich öfters an sich als ihre echten Enkel, die sich das ganze Jahr über in ihrer Nähe aufhielten. Ich musste allerdings schon jetzt und etwas beschämt feststellen, dass die Aussicht auf ihren Tod mich nicht so richtig in Angst versetzte. Nicht nur deshalb, weil ich die mit der Möglichkeit ihres Ablebens verbundenen Zweifel der Erwachsenen wahrnahm, sondern weil ich selbst den Eindruck hatte, dass all das – diese ganzen Todesvorbereitungen – eine mit unbekanntem Ziel ausgedachte Inszenierung darstellten. Man hatte den Eindruck, dass Gienia, nachdem sie auf die Idee mit dem Todesspiel gekommen war, sie immer dann, wenn die Bedingungen günstig waren, in Szene setzte. Damals war noch niemand aus der Familie gestorben, es gab also keinen Grund, sich mit so extremen Lösungen zu beschäftigen. Auch der in der Nähe gelegene Friedhof weckte keine Unruhe. Sicher, ich ging da ab und zu hin und ich kannte schon das kleine Grab von Martas Kindern, aber all das, was aus einer anderen Epoche stammte, konnte die bestehende Bedrohung nicht anschaulich werden lassen.
Die fast alljährlichen Querelen mit der Tante sorgten für Situationen, denen ich niemals Glauben geschenkt hätte, wäre ich selbst nicht einmal ihr Zeuge geworden. Es geschah, wenn ich mich recht erinnere, im Herbst, nach einer der ersten Gesundungen. Es goss damals in Strömen, wohl an die zwei Wochen lang, und niemand wollte sich rühren. Es stellte sich aber heraus, dass Aloch hinausmusste, und zwar bis nach Sztum, um einen Auftrag zu stornieren. Ob er wollte oder nicht, er musste sich auf das nasse, unter der Dachtraufe stehende Fahrrad setzen und losfahren. Wegen der Blumen. Denn gerade damals hatten sie es, wie sich herausstellte, mit der Ausstattung übertrieben.
Seit dieser Zeit zahlte die Familie für die Blumen einen kleinen, immer wieder verfallenden Vorschuss, während sie bei anderen Einkäufen Abmachungen traf, die an konkrete Bedingungen geknüpft waren. Ich erfuhr nämlich, dass dies nicht die einzige Vorbereitung war und dass sich die engsten Verwandten der Tante schon seit einiger Zeit um die Ausstattung für ihren letzten Weg gekümmert hatten. Ich wunderte mich über diese Art zu denken, ich war sogar bestürzt, aber im Laufe der Jahre verstand ich, dass sie diese traurigen Probleme nicht so behandeln konnten, als würde zukünftig nichts geschehen.
Einige Dinge erledigte man früher, andere, die heikel waren, sah man für die letzte Stunde vor. Im Falle der Kleidung gelang es zum Beispiel, einen vorsichtigen, absolut vernünftigen Kompromiss zu schließen. Die von dem mehrjährigen Tanz erschöpfte Familie kam zum Ergebnis, keine Kleider zu kaufen, die sämtliche Merkmale von Einmaligkeit trugen, sondern sowohl das Kostüm als auch die Stiefel sorgfältig auszuwählen. Sie sollten der Tante länger als nur eine Saison dienen. Man vermied Schwarzes und wählte Brauntöne, die zu älteren Damen passten, und man ergänzte das Ganze um geschmackvolle Schuhe mit niedrigen Absätzen. Die schwarze Unterwäsche hatte die Tante selbst gekauft. Sie hob sie im Wäscheschrank auf dem Todesregal auf.
Es gab noch ein anderes Problem. Das war für ein Kind zwar sonderbar, aber nicht ganz so makaber. Viele alte Menschen, die sich eine Ruhestätte sichern möchten, kaufen auf dem Friedhof eine Parzelle und bereiten sie vor, indem sie einen Grabstein aufstellen und auf der Platte ihren Namen sowie den Namen ihres Ehepartners eingravieren lassen. Die Tante machte das auch. In ihrem Fall stellte sich die Angelegenheit allerdings einfacher dar als sonst. Es war bekannt, dass sie einzeln, auf Ewigkeit allein ruhen würde, weil sie weder verwitwet noch geschieden und schon gar nicht Jungfrau war.
Ich erinnere mich an sie und sehe immer wieder, wie sie aus dem Zug steigt, ihre Frisur automatisch richtet und – sich rasch aus der Menschenmenge lösend – entschlossenen Schrittes in Richtung Laden geht. Ich höre noch heute, wie sie mit ihren wohlgeformten, in Leder glänzenden Beinen den Asphalt bearbeitet. Leicht tragen die guten Schuhe den nicht gerade kleinen Körper, während sich das anmutige, hoch erhobene Köpfchen kaum bewegt. Ich sehe sie inmitten des Dorfladens mit dem vergitterten Fenster, mit den zwei Töchtern, die sich in ihrer Gegenwart schneller hinter der Theke bewegen als gewöhnlich. Die Tante macht sich an der Kasse zu schaffen, schaut in das Lager, füllt irgendwelche Rechnungen aus und setzt sich schon wieder in Richtung Wirtshaus in Bewegung, um die Höhe der für den Markttag bestimmten Lieferungen festzulegen.
Gienia, die auf der vom Regen glänzenden Straße entlangmarschiert, an der Kapelle den Gruß des Kirchendieners erwidert, das verrauchte Wirtshaus betritt (der Lärm ebbt respektvoll ab), das sind Bilder aus all meinen Ferien. Irgendwann einmal wurde dieses Portrait durch einen Spazierstock – einem Herrschaftszeichen gleich – ergänzt. Aber das war nur ein Detail. Ehrlich gesagt, hatte ich während meiner ganzen Kindheit den Eindruck, dass meine Tante außer während ihrer Krankheitsphasen wirklich unsterblich sei. Dass dies, wem sonst, wenn nicht ihr, ganz sicher gelänge. Gelingen müsse.
Sterben ist keine einfache Angelegenheit. Und auch nicht komisch. Man kann darüber zuweilen einen Scherz machen, wie man über ernste Dinge scherzt, also nur des Scherzes wegen. Das weiß man, selbst wenn man es nur einmal in seinem Leben mit einer nicht simulierten Agonie zu tun hatte. Deswegen wäre es falsch, anzunehmen, dass Gienia nach jedem ihrer Tode wieder so auferstand, als sei nichts gewesen, wie bis zur nächsten Folge einer nie endenden Serie. Das war durchaus nicht so. Die Tante behandelte den Tod mit vollkommenem, seiner Majestät angemessenem Ernst. Dies ergab sich aus der schrecklichen Überzeugung, dass diesmal – und bei jedem anderen Mal auch – ihr letzter Moment gekommen sei. Andernfalls wäre es von ihrer sowie von der Seite der Trauernden eine nie endende Komödie gewesen. Sicherlich, wir lächelten dümmlich vor uns hin, wie Kinder das so tun, allerdings nicht so sehr deshalb, weil wir nicht an den nächsten Akt dieses düsteren Trauerspiels glaubten, sondern weil wir nicht in der Lage waren, auf die uns über den Kopf wachsende Situation angemessen zu reagieren. Diejenigen, die die Wahrheit über die Erkrankungen der Tante kannten, waren sich der todbringenden Klinge bewusst, die in jedem Moment – einem Stilett gleich – den letzten Stoß setzen konnte.
Gut erinnere ich mich an das dunkelblaue Gesicht Gienias und die Gesichter der anderen. Und an die verzweifelten, unsere Blicke suchenden Augen. Ich fühle den stummen Druck der erlöschenden Hand auf meinem Arm und ebenso den stummen Mund, der nicht mehr wusste, was er noch fragen sollte. Ferner herrschte bereits jene gänzlich hoffnungslose Leere vor, durch die keinerlei Worte vordringen können.
Dass Gienia so oft an die Grenze des Zerfalls geriet – und so oft wieder zurückkam –, grenzte an ein Wunder. Man sieht, Wunder geschehen, ich selbst kann es bezeugen. Unabhängig davon spürte ich – trotz der glücklichen Rückkehr –, dass etwas, irgendeine Welt, zu Ende ging. Dass diese neue Welt, nach dem momentan aufgeschobenen Tod, ein wenig anders war. Die Leere nach dem Tode der Tante musste noch niemand füllen, aber leichte Verschiebungen waren zu bemerken. Jedes Mal übernahm einer der Hausgenossen einen Bruchteil ihrer vorherigen Anwesenheit. Die Erste war die schwächliche Sabina, danach der sich nicht nur um seine Dinge kümmernde Iryś und schließlich, nach dem Tode Sabinas, Aloch, der wie im Scherz – aber trotz allem – diese neuen Grenzen absteckte. Das Herrschaftsgebiet von Gienia Koperwas begann zu schrumpfen.
Ein oder zwei Jahre, genau weiß ich es nicht mehr, waren vergangen und ich fuhr wieder in die Gegend meiner Kindheit, zur nächsten Beerdigung meiner Tante. Und wieder war alles so wie in einem geheimnisvollen, warmen Märchen. Man stand früh an einem winterlichen oder herbstlichen Morgen auf, ging den kurzen Weg zur Station, setzte sich in das Bähnlein und schlief abermals ein, bevor die Waggons es geschafft hatten, so richtig loszuschaukeln. Danach wachten wir – am Ärmel gezupft – auf, um umzusteigen, suchten unseren Bahnsteig und kletterten auf den hohen Stufen in den nächsten gemütlichen Waggon. Jetzt war es am wichtigsten, sich in den Mantel der Schwester oder eines zufälligen Mitreisenden hineinzuschmiegen und mit der vor sich hin pfeifenden Lokomotive durch die samten schwarze Nacht zu gleiten. Schwaden weißen Dampfes umhüllten die Holzwaggons und die vom Frost bereiften Beschläge, die Scheiben blitzten im widergespiegelten Licht der Laternen und wir, einer neben dem anderen, Abteil für Abteil, einem dahinrasenden Gruppenschlafraum gleich, fielen in einen harten, sich selbst genügenden Schlaf. Die schwarze Gestalt des Schaffners, die einen wankenden Schatten auf den Boden des Pullmannkorridors warf, tauchte dann und wann in den Türen des Abteils auf, stellte sich so in sie hinein, als erwarte sie den Fluchtversuch eines der Mitreisenden, und prüfte – um den Anschein zu wahren – die Gültigkeit der hingehaltenen Fahrkarten.
Und so vergingen die Stunden. Wenn der Zug mit Getöse über Weichen rollte, betrachtete ich, vom veränderten Rhythmus geweckt und ohne zu wissen, wo ich war, verwundert und im flimmernden Licht der Lampen die verschlafenen Gesichter meiner Mitreisenden. Mit geweiteten Pupillen, nach hinten geworfenen Köpfen und am Körper herunterbaumelnden Armen ließen wir uns – resigniert oder unbewusst – in den schwarzen, wolledichten Abgrund der Nacht tragen. Ein Lichtbündel hinter dem Fenster strich über die Wände des Abteils, war, nachdem es geschwind über die ewigen Schlafmützen hinweggehuscht war, auf dem Rückzug nach draußen und ließ uns wieder in der undurchdringlichen Schwärze der Nacht zurück. Unter den mit Getöse überquerten Brücken schimmerten die schwarzen Wellen der Flüsse, dann wurden irgendwelche Waggons abgekuppelt, wir hielten auf Nebengleisen und änderten die Fahrtrichtung. In dieser gleisverwirrten Expedition verloren wir vollends die Orientierung und nur mit einem kleinen Rest an Vertrauen war daran zu glauben, dass wir am Ende der Reise an dem uns vertrauten Ufer ankommen würden.
Ein matter Morgen graute, danach stellte sich der Tag ein, der die erschlafften Körper der Reisenden zur Ordnung rief. Sie gerieten ins Licht, kniffen die Augen zu und ergriffen, indem sie ihre Ausgehanzüge in Ordnung brachten, ihr Pappdeckelgepäck, um in den Bahnhofspassagen zu verschwinden.
Wir wohnten damals in der Breslauer Provinz, wo Großmutter das einzige Gesundheitszentrum in der Gegend unterhielt. Unten befanden sich das Sprechzimmer, der Warte- und der Behandlungsraum, oben wohnten wir, fünf durch den Krieg zusammengewürfelte Menschen. Von dort brachen wir im Laufe etlicher Jahre mehrmals nach Danzig auf, um nach einigen Tagen, nachdem die Familienbande erneuert worden waren, auf derselben Trasse wieder ins alte Leben zurückzukehren. Denn in eben diese ehemalige Danziger Wojewodschaft verschlug es einst die durch das zerstörte Land streifende Tante. Als mutige und rührige Person häufte sie mit einer Pionieren gern zugeschriebenen Leichtigkeit ein beträchtliches Vermögen an, das sie in dem von ihr geführten Laden verdiente, aber hauptsächlich, indem sie den Hauptgewinn aus dem auf Nachkriegsdiebstählen beruhenden Schwarzhandel zog. Offiziell nannte Gienia dies die Suche nach dem im Krieg verloren gegangenen Ehegatten. Sie wurde dabei von zweien ihrer Söhne, später von allen vieren unterstützt und machte aus den Koperwasy in Kürze eine sehr gut bekannte, angesehene und respektierte Familie.
Es gibt verschiedene Versionen über diese Ereignisse, aber sicher ist, dass es die Tante war, die sich als Erste in dem von den Deutschen verlassenen Dorf niederließ. Sie begab sich als Erste in die Minenfelder und als Erste reparierte sie die durch die Kriegshandlungen zerstörten Zäune. Die Minen erwiesen sich als Gerücht, was aber niemand von den Zugereisten wissen konnte. Später lief alles glatt ab. In Anerkennung der Verdienste und um die Bürgerin Genofewa Koperwas für ihre erneuerend-patriotischen Aktivitäten gebührend zu würdigen, schlugen ihr die neuen Herrschenden vor, in die Parteiorganisation der Gemeinde einzutreten. Die Tante trat ein. Dem erbeuteten Dorf gab man ihren Namen.
Das Dorf hieß seitdem Koperwasy. Dieser Name verwischte den Unterschied zwischen Familie und Dorf und machte aus zwei Dingen eins. Er war auch eine Quelle des Stolzes. Man ging zu den Koperwasy, bei den Koperwasy war das Licht am längsten an, die Kinder stammten von den Koperwasy ab, obwohl die Tante alle neun ganz allein erzog. Nebenbei bemerkt war dies – außer dem Namen – das einzige Geschenk, das ihr der auf die Antipoden geflüchtete Onkel hinterließ.
Die Geschichte von Tantes Ehe wurde oftmals erzählt. Die einen behaupteten, dass die Koperwasy ein ideales Paar gewesen seien und dass sie mit dem gleichen Eifer Handel trieben wie sie sich vermehrten. Andere neigten dazu, zu behaupten, dass die Mehrung der Kinderzahl sowie des Vermögens die Sache von Gienia war. Auf diese Weise versuchte sie, den Luftikus Koperwas an sich zu binden. Dies gelang ihr lange, aber – wie das bei immer wieder gekitteten Ehen so ist – der Tag musste kommen, von dem an sich die Ereignisse in eine von der Tante unerwünschte Richtung entwickelten.
An jenem Tag geriet der Onkel, der ein wütendes Gespräch mit unschuldigen Worten eingeleitet hatte, mit seinem Teilhaber in Sachen Kriegsproduktion von Schwarzgebranntem in Streit. Ab einem bestimmten Moment der Fehde, bereits nach der Phase der Verkostung, kam es zu Handgreiflichkeiten. Es ist unmöglich, zu ergründen, wer anfing und worum es ging. Bekannt ist, wer aufhörte. Mir nichts, dir nichts traf der streitsüchtige Onkel den armen Teufel mit einem am Herd stehenden Kartoffelstampfer.
Von hier an wurde die Erzählung über die Kriegsgeschichte der Familie noch verworrener. Einige erwähnten Verrat und einen Volksdeutschen, andere eine geheime Bestattung sowie ein getarntes oder wiederentdecktes Grab, genug, um den Onkel zu verhaften. Er wurde zur Zwangsarbeit mitgenommen, von wo er nie mehr zurückkehren sollte. Nicht, dass er nicht überlebt hätte; man wusste, dass er nach dem Krieg Frankreich bereiste, das Benelux streifte, wo ihn Argonauten aus dem gleichen Dorf gesehen hatten, aber später, in Dünkirchen, bestieg er ein Schiff, um es erst in Australien zu verlassen. Hier verlor sich die Spur und man hörte, außer einem einzigen Brief an den ältesten Sohn Iryś, nichts mehr von ihm.
Zur Überraschung aller Familienangehörigen weinte sich die Tante nicht die Augen aus. Nur einmal, anlässlich eines Namenstags, brauste sie in Gesellschaft auf. Später, aller Illusionen beraubt, nahm sie das Steuer der üppig bevölkerten Arche in ihre Hände und segelte durch die unsicheren Zeiten. So begann bei den Koperwasy das über lange Jahre anhaltende Matriarchat.
Es stellte sich heraus, dass die erzwungene Wendung zur Frauenherrschaft kein Hindernis für die Erweiterung des Familienbesitzes darstellte. Auf der einen Seite dehnte die Tante, die die Kriegspfründe nutzte, die Latifundien aus, auf der anderen tat es die Familie. Diese bevölkerte, sich mit plebejischer Verbissenheit vermehrend, sehr bald nicht nur dieses Dorf, sondern auch die benachbarten. So waren in dieser Gegend alle miteinander verwandt, väterlicherseits, mütterlicherseits – oder auf nicht ganz so formale Art.
Niemals gelang es mir, mich im komplizierten Netz familiärer Verwandtschaftsverhältnisse zurechtzufinden. Sie waren Großmutter Weber bekannt, die bei den meisten Geburten geholfen hatte, sicherlich kannte sie auch Marta, obwohl ich mit ihr darüber nie sprach. Tante Gienia antwortete mir, wenn ich sie wegen jemandem fragte, aus Zeitmangel gewöhnlich mit einem Scherz. »Das sind die aus dem Haus mit dem Schornstein« oder »dieselben, bei denen wir die Gänse gekauft haben« – und ähnliche Rätsel. Die von allen und am häufigsten benutzte Abkürzung war die Antwort Alochs, die zu einer Art Familienspruch wurde. »Das ist der Sohn des Onkels von Vaters Bruder«, antwortete er zuweilen genervt. Und dann gab es nichts mehr zu entwirren.
Marta war die Lieblingsschwester von Gienia. Aufgrund des Altersunterschieds behandelte sie die Jüngere wie ihr Kind. Aber dieses Kind verhielt sich widerspenstig. Kurz nach dem Krieg fuhr es über den Ozean und nicht nur, dass es nicht zurückkommen wollte, es antwortete sogar (außer den erwähnten Karten) nicht auf Gienias Briefe. Aus nebligen Erzählungen wusste ich, dass Marta aus dem Land geflohen war und zunächst nicht mehr einreisen durfte, es später aber nicht mehr wollte. Ich dachte, sie sei einfach an ihrem neuen Ort fest verwurzelt, aber später begann ich aufgrund der von Aloch hingeworfenen Worte etwas anderes zu vermuten. Wie schon erwähnt, soll es zwischen den Schwestern nach dem Krieg eine Angelegenheit gegeben haben, in die der erste Mann Martas, Kazik, verwickelt war, irgendein Gefängnis, die Deutschen, aber auch ein Russe mit einem Hengst (oder vielleicht nur mit einem Hengstfohlen). Das war ein Wirrwarr, den ich nicht zu einer Familienlegende zusammenfügen konnte. Es half mir auch niemand dabei. Gienia selbst sprach nicht nur nicht darüber, sie schien es den anderen zu verbieten. Ausgerechnet Aloch stieß ab und an etwas hervor, natürlich erst nach einem tiefen, versonnenen Schluck. Viele Jahre später erfuhr ich von der Großmutter mehr.
Sie war also schon wieder krank. Ihre engsten Verwandten bezweifelten dies, natürlich auf taktvolle Art, doch man erlaubte sich nie, die Diagnose des Arztes infrage zu stellen. Noch wichtiger war der tatsächliche Zustand der Tante. Wie auch immer, einige Male war es so, dass sie bei der Leitung der vielköpfigen Familie pausieren musste. Im Laufe der Jahre lieferte sie – in diesem sehr schwierigen Handwerk geübt – durch Leber- oder Bauchspeicheldrüsenattacken hervorgerufene Beweise für ihre Leiden. Ihre Echos ließen das Haus still werden und bewirkten, dass alle mit versteinerten Gesichtern umhergingen. »Sie stirbt«, flüsterten sie oder hoben, wenn sie zufällig im Korridor aufeinandertrafen, den Blick mit der eindeutigen Frage: »Lebt sie noch?«
Außer der Bauchspeicheldrüse (genauer gesagt des »Sechsers«) war der Organismus der Tante auch mit dem »Zwölfer« ausgestattet. Diese beiden Organe, die sie am häufigsten plagten, waren ihr am besten vertraut. Es ist nicht bekannt, welche Nummern die übrigen erhielten, es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie überhaupt keine besaß. Diese drei, inklusive der Leber, befanden sich auf der ersten Frontlinie. Sie mussten über Jahre mit dem unbändigen Appetit zurechtkommen und die mehrtägigen üppig begossenen Zechgelage aushalten. Ein durch nichts beschränkter Lebensstil war ihre zweite Natur, die viel voller und breiter war als die Seele einer Dorfladenbesitzerin. Zu diesem Stil kehrte sie nach jedem ihrer Tode zurück, vielleicht nicht gestärkt, aber gleichsam verjüngt. Sie kehrte zurück, ohne die Abreise der Trauernden abwarten zu wollen, vielmehr nutzte sie ihre zahlreiche Anwesenheit geradezu aus. Wie auch immer, solche doppelten Anlässe ergaben sich nicht gerade häufig, zunächst der kritische Zustand und dann die wundersame Gesundung. Es wäre leichtsinnig gewesen, sie nicht auszunutzen. Dank dessen nahm Gienia mehrmals an ihrem eigenen Leichenschmaus teil, nicht nur in Gestalt einer aus Albträumen wiederauferstandenen Leiche, sondern als erster Beweger und Organisator eines Mehrgenerationenfestmahls. Natürlich freuten wir uns alle, dass die Tante wieder der Sense entkommen war und dass jetzt, nach einem kleinen Koma, alles zum alten Rhythmus zurückkehren würde.
Ich komme eines Tages, recht zufällig, nach Koperwasy und stoße mitten in der Woche auf einen seltsamen Feiertag. Im Dorf wird nicht gearbeitet. Scharen in der Kirche, Scharen vor der Kirche, das Volk vereint und eifrig betend, obschon wir weder Mariä Geburt noch Mariä Himmelfahrt haben. Im Alltag waren sie weder besonders fromm noch gottlos, aber dass man einen Werktag in einen Feiertag ummünzt? Ich trete ins Haus der Tante – niemand da. Alles ist abgeschlossen, sogar die Kinder sind abwesend, nur der Schäferhund trippelt vor der Bude hin und her und wedelt mich mit seinem einstdeutschen Schwanz an. Ich setze mich auf die Bank vor der Darre und warte. Schließlich sehe ich, wie die Gesellschaft zurückkommt. Feierlich angezogen, in weißen Hemden und dunklen Hosen, die Kinder vorneweg, die Junggesellen und jungen Frauen hinten. Wir begrüßen uns, ich frage nach dem Grund der Feierlichkeit und bekomme »Dankgottesdienst« zu hören. Ja, gerade in der Wochenmitte, »denn am Dienstag gab es
