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Die Lebenswelt der alten Griechen neu entdeckt: Schönheit, Lebensfreude, Geist und die Lust zum Risiko Tonio Hölscher, einer der weltweit angesehensten Altertumsforscher, bietet eine ebenso überraschende wie fulminante Neudeutung eines der schönsten und zugleich rätselhaftesten Denkmäler der Antike. Dabei führt er uns unmittelbar in die sinnliche Lebenswelt und glanzvolle Lebenskultur der damaligen Menschen. Der wunderbare Wirklichkeitssinn der Griechen: Hier erschließt er sich in unvergesslichen Bildern des gelebten Lebens. Das Grab des Tauchers in Paestum hat seit seiner sensationellen Entdeckung im Jahr 1968 alle Betrachter in Bann geschlagen. Seine Fresken sind das einzige erhaltene Beispiel der großen Malerei aus dem Beginn der klassischen griechischen Kunst, die in der Antike noch höher geschätzt wurde als die heute so berühmte Skulptur. Das einzigartige Bild des Epheben im eleganten Kopfsprung hat der Forschung große Rätsel aufgegeben: Welche Bedeutung hat das Motiv des sprühenden Lebens in einem Grab? In seinem elegant geschriebenen Buch entschlüsselt Tonio Hölscher die vielschichtige Bedeutung dieses einzigartigen Kunstwerkes. Mit weitem geschichtlichem Blick stellt er zentrale Aspekte der griechischen Antike dar: die Kultur der Jugend und ihre Rolle für die Gesellschaft, die Erotik als bindende Kraft der menschlichen Gemeinschaften, die Bedeutung des athletischen Körpers und der schönen Erscheinung im sozialen Leben, die Konzepte der Lebensräume von Meer und freier Natur als Gegenwelt zur hohen Kultur der städtischen Lebenswelt. Zwischen Bäumen, Turm und Wasser wird der Mensch, im Augenblick seines höchsten Glanzes, zum reinen Bild. Wir schauen in einen Kosmos der Einheit von Körper, Geist und Lebenslust.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2021
Tonio Hölscher
Der Taucher von Paestum
Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
unter Verwendung einer Abbildung von © Parco Archeologico Paestum & Velia/Ministero dei Beni e delle Attività Culturali, Turmspringer (Deckengemälde, 5. Jahrhundert vor Christus, aus dem Grab des Turmspringers – Tomba del Tuffatore). Paestum, Archäologisches Museum
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
ISBN 978-3-608-96480-6
E-Book ISBN 978-3-608-11701-1
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
1.
Grab, Stadt und Lebenskultur: Herausforderungen eines sensationellen Fundes
2.
Eschatologie oder Lebenswelt?
3.
Epheben am Meer: Bilder
4.
Epheben am Meer: Orte
5.
Mädchen am Meer: Bilder
6.
Mädchen am Meer: Orte?
7.
Altersstufen und Lebensräume
8.
Mythische Helden und Mädchen in der Wildnis und am Meer
9.
Körper, Schönheit und die Kultur des unmittelbaren Handelns
10.
Bilder des Lebens im Anblick des Todes
11.
Das Grab in Paestum: Der Verstorbene, seine Lebenswelt und sein Totenraum
12.
Ausblick
Wissenschaftlicher Anhang
Zur Forschung über die Tomba del Tuffatore
1. Grab, Stadt und Lebenskultur
2. Eschatologie oder Lebenswelt?
3. Epheben am Meer: Bilder
4. Epheben am Meer: Orte
5. Mädchen am Meer: Bilder
6. Mädchen am Meer: Orte?
7. Altersstufen und Lebensräume
8. Mythische Helden und Heldinnen am Meer
9. Körper, Schönheit und die Kultur des unmittelbaren Handelns
10. Bilder des Lebens im Anblick des Todes
11. Das Grab in Paestum: Der Verstorbene, seine Lebenswelt und sein Totenraum
12. Ausblick
Abbildungsnachweise
Meinen Studentinnen und Studenten
Die Welt ist schön – und das ist eigentlich traurig.
Stanislaw Jerzy Lec
Das Bild des Tauchers aus einem Grab in Paestum, griechisch Poseidonia, gehört zu den wenigen Werken der antiken Kunst, die ganz unterschiedlichen Betrachtern unmittelbar in den Blick springen und unvergesslich im Gedächtnis bleiben. Für Liebhaber der Kunst ist dies einzigartige Beispiel der großen griechischen Malerei in seiner hellen Farbigkeit ein erfrischender Ausbruch aus der weißen Welt der antiken Marmorbilder, und das überraschende Motiv des Kopfsprungs strahlt mit einer körperlichen Eleganz und Anmut, der man sich schwer entziehen kann. Für Wissenschaftler aber ist das Bild in seiner Einzigartigkeit eine unerhörte Herausforderung: Bewusst oder unbewusst meint man, eine wesentliche Seite der antiken Kultur nicht verstanden zu haben, solange man dies Bild nicht verstanden hat.
Dabei ist das Bild auf den ersten Blick leicht zu verstehen: ein junger Mann, der von einem Turm kopfüber ins Wasser springt. Dazu aus demselben Grab die Szene eines lebhaften Symposions, ein häufiges und wohlbekanntes Thema der antiken Kunst und Literatur. Offenbar aber ist gerade die Diskrepanz zwischen dem scheinbar alltäglichen Charakter der Szene des Badens und ihrer Einzigartigkeit in der Kunst ein irritierender Befund: Hat das Bild des Springers etwa eine mehr als alltägliche Bedeutung? Ist es überhaupt ein Bild des gelebten Lebens – oder etwa ein Symbol irrealer Vorstellungen und Hoffnungen? Zieht dies dann auch eine symbolische Deutung des Symposions nach sich? Und was bedeuten die Bilder in einem Grab?
Meine eigene Überzeugung ging von Anbeginn in die Richtung einer Deutung als Szenen der vitalen kulturellen Lebenswelt. Aber mit Überzeugungen allein konnte es nicht getan sein. Erst als ich auf Befunde und Zeugnisse stieß, die die Themen der Bilder in den realen Lebensräumen und Lebenszeiten der Griechen verorteten, ließ sich die Brücke zur antiken Lebenswelt schlagen.
Die unmittelbare Attraktivität der Bilder und Themen dieses Grabes haben es wünschenswert erscheinen lassen, sie einem weiteren Publikum zu erschließen. Ich habe darum versucht, akademische Argumentation und theoretischen Jargon zu vermeiden, und habe zusätzliche wissenschaftliche Erörterungen und Belege in einen wissenschaftlichen Anhang verwiesen.
Die hier präsentierte Deutung der Tomba del Tuffatore habe ich zuerst in Tübingen zum Ende der akademischen Lehrtätigkeit von Thomas Schäfer vorgetragen. Er und Heidi Hänlein-Schäfer waren vier Jahrzehnte zuvor meine ersten Doktoranden gewesen, in einer Zeit des allgemeinen jugendlichen Aufbruchs der 1970er Jahre. Da lag es nahe, noch einmal nach Situationen der Jugend zu fragen, in der Antike, aber mit Blick auf die Gegenwart. Die Faszination des Kopfspringers von Paestum liegt nicht zuletzt in einem kulturellen Konzept der Jugend, das weite Freiräume lässt, das die Jugendlichen beim Übergang in den Status der Erwachsenen in eine eigene Welt jenseits der normativen Lebensordnung entlässt, eine Welt der Lebensfreude und des Übermuts. Damit kann die Szene zum Gegenbild der totalen Kontrolle werden, mit der heute die Jugendlichen auf den ›Ernst des Lebens‹ vorbereitet werden, auf zementierten Wegen der curricularen Ausbildung, eingezäunt in Forderungen von Pflichterfüllung, Zertifikaten und gestanzten Prüfungen. Gewiss können wir die Antike heute nicht mehr zum Vorbild unserer sozialen Lebensformen erheben: Zu stark haben sich seither die kulturellen und anthropologischen Vorstellungen vom Menschen, seiner Physis und seiner Seele, gewandelt. Aber in einem allgemeineren Sinn bleiben sie ein aktueller Anstoß zur Reflexion: Die Griechen haben mit großem Enthusiasmus auf Entfaltung von Körper, Geist, Lebensfreude und Lust zum Risiko gesetzt – und sind damit recht gut gefahren.
In diesem Sinn widme ich dies Buch meinen Studentinnen und Studenten, die die stimulierenden Herausforderungen der antiken Kultur weiter tragen.
Bei der immer erfreulichen Arbeit über die Tomba del Tuffatore habe ich von verschiedenen Seiten Hilfe und Zustimmung erhalten. Gabriel Zuchtriegel hat das Projekt des Buches mit bestärkender Zustimmung begrüßt, die Thesen selbst weiter verfolgt, hat den Text kritisch gelesen und mit hilfreichen Hinweisen verbessert. Aliki Moustaka, Victoria Sabetai und Katja Sporn haben mich auf wichtige Befunde und Denkmäler aufmerksam gemacht. Von Daniel Graepler, Gustav Adolf Lehmann und Anne Paule erhielt ich weitere fruchtbare Hinweise. Nicht zuletzt hat Fernande Hölscher die Arbeit an dem Buch mit inspirierender Freude und Kritik begleitet. Ihnen allen sei herzlich gedankt.
Christoph Selzer hat den Plan zu diesem Buch mit erfrischendem Engagement in das Programm von Klett-Cotta eingeführt, hat die endgültige Fassung durch Anregung zu kulturgeschichtlichen Erweiterungen mitgeprägt und die Drucklegung verständnisvoll und ideenreich begleitet. Marina Scheuermann und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bildverarbeitung und der technisch-formalen Gestaltung haben dem Buch eine Form gegeben, die mir große Freude macht. Petra Glockner hat den Text mit sicherem Sprachgefühl korrigiert. Auch ihnen sage ich herzlichen Dank.
Heidelberg, im Februar 2021
Tonio Hölscher
1.
Die italienischen Archäologen, die in den 1960er Jahren unter der weitsichtigen Leitung des Soprintendenten Mario Napoli die Nekropolen der antiken Stadt Paestum, griechisch Poseidonia, ausgruben, stießen am 3. Juni 1968 zu ihrer großen Überraschung auf ein Grab, das dieser berühmten historischen Stätte einen völlig neuen Glanzpunkt aufsetzte (Abb. 1–6). Der kistenartige Innenraum, in der Grundfläche 1,93 m × 0,96 m und in der Höhe 0,79 m messend, war an den Seitenwänden und an der waagerechten Decke mit einzigartigen Malereien von hohem künstlerischen Rang geschmückt. Wände und Decke waren je aus einzelnen massiven Platten aus Kalkstein gebildet, die so sorgfältig verfugt und mit einer feinen Putzschicht überzogen worden waren, dass die Farben sich darauf in stupender Frische erhalten hatten.
An den vier Wänden spielt sich ein Symposion auf sechs Gelagebetten (Klinen) ab, auf denen zumeist Paare von erwachsenen und jugendlichen Männern lagern. Die Altersstufen sind fein differenziert: Reife Männer mit vollem Bart und Schnurrbart, jüngere mit Schläfen- und Kinnbart, Epheben ohne Bart, in immer wieder anderen Konstellationen. In der Mitte der nördlichen Längswand schleudert der jüngere aus seiner Trinkschale mit einer eleganten Bewegung die letzten Tropfen Weins auf ein imaginäres Ziel, in dem beliebten Spiel des Kottabos, in dem um die Gunst eines Geliebten gespielt wurde. Sein Gefährte dagegen blickt gebannt auf die beiden Nachbarn, die die Schalen auf dem Tisch abgestellt haben und schon weiter in dem erotischen Spiel begriffen sind: Der jüngere greift noch in die Seiten der Leier, während der ältere seinen Kopf zu sich zieht und beide sich einander zum Kuss zuwenden, der ältere mit gierigem Blick, der jüngere mit einer Bewegung der Hand in der ihm gebotenen Zurückhaltung. Auf der Gegenseite sind die Partner in der Mitte noch in verhaltener Form einander zugewandt. Rechts dagegen spielt der jüngere die Doppel-Flöte (Aulos) in einer Weise, die seinen Partner wie verzückt in die Höhe blicken lässt, die Hand auf den Kopf gelegt, den Mund singend geöffnet. Jeweils auf einer dritten Kline lagert ein einzelner älterer Mann: Der eine streckt seine Schale wie zum Willkommen aus, der andere hat seine Leier demonstrativ ausgestreckt, hält in der anderen Hand ein Ei, offenbar ein Liebesgeschenk, und wendet den Kopf neugierig in dieselbe Richtung. In Gesichtern und Gesten wird ein weites Spektrum von emotionalen Facetten entfaltet.
Abb. 1–4: Männer beim Symposion. Tomba del Tuffatore, Paestum. Um 480 v. Chr.
Auf einer Schmalseite der Grabkammer treten zwei weitere Teilnehmer auf, ein schöner Jugendlicher, bartlos, den nackten Körper mit einem auffallenden blauen Schärpentuch in Szene gesetzt, die Hand zum Gruß erhoben, gefolgt von einem erwachsenen bärtigen Mann mit Manteltuch und Stock; vorweg eine noch sehr junge Aulos-Spielerin. Man hat gezweifelt, ob sie ankommen oder aufbrechen, aber im Kontext der übrigen Szenen kann kaum ein Zweifel sein: An der Wand hinter ihnen nimmt niemand von einem Aufbruch Notiz, während an der Wand vor ihnen der einzelne Zecher sie mit vorgestreckter Trinkschale begrüßt, in freudigem Bezug auf den Grußgestus des vorderen jungen Mannes. Die beiden neuen Gäste werden offensichtlich an dem Gelage teilnehmen, und man geht kaum fehl in der Annahme, dass sie sich zu den noch partnerlosen erwachsenen Männern legen werden. Das Mädchen wird wohl die musikalische Unterhaltung übernehmen, wenn die Männer beim Gelage weiter fortgeschritten sind: Der Aulos mit seinem schrillen Klang in der Art einer Oboe wurde, im Gegensatz zu den gemäßigten Saiteninstrumenten Kithara und Lyra, bei den Symposien zur Erzeugung einer betörenden und stimulierenden Atmosphäre eingesetzt. Auf der Schmalseite gegenüber aber steht auf einem Tisch der metallene Krater, als Quelle und Ursprung der sympotischen und erotischen Vitalität. Dazu ein aktionsbereiter Ephebe, als einziger ganz nackt, der den Wein an die Symposiasten ausgibt. Wenn man schon in einem Grab liegen muss, ist ein schöneres Ambiente kaum denkbar.
Abb. 5/5a: Ephebe beim Kopfsprung ins Meer. Tomba del Tuffatore, Paestum. Um 480 v. Chr.
Die Sensation aber war, und ist bis heute, die Deckplatte des Grabes, die an der Unterseite ein Thema trägt, das sofort alle Blicke auf sich zieht: der »Taucher«, nach dem das Grab den Namen »Tomba del Tuffatore« erhalten hat. Wir blicken auf eine Naturlandschaft von äußerst sparsamer Zartheit. Ein Gewässer mit leicht gewellter Oberfläche. Am Ufer ein turmartiger Bau von nicht leicht zu erklärender Form, jedenfalls aber mit einer vorkragenden Deckplatte. Von dort hat ein junger Mann im Kopfsprung abgesetzt, den nackten Körper in hoher Eleganz gespannt, mit eingezogenem Kreuz, knackigem Hintern, weit gestreckten Armen und Beinen. Aus der biegsamen Kontur tritt nur das kleine Glied heraus, wie man es in der Antike schätzte; und vor allem der Kopf, mit dem ersten Backenbart, der aufgereckt dem Eintauchen entgegenblickt. Einzigartig ist die Kleinheit des Springers in dem weiten freien Bildfeld. Nur zwei filigrane Bäume, einer am jenseitigen Ufer, der andere am rückwärtigen Bildrand wachsend, breiten ihre Zweige wie in erotischem Verlangen nach dem schönen Epheben aus. Es ist ein Bild der weiten freien Natur, selbst der Bildrand biegt sich organisch zu den Ecken um, an denen pflanzenartige Voluten und Palmetten in die Szene hineinwachsen.
Sehr rasch wurde der »Taucher« zum zugkräftigen Symbol von Paestum. Er fehlt in keiner Geschichte der griechischen Kunst. Der französische Filmregisseur und Publizist Claude Lanzmann hat ihn in seinem Essay-Band »La tombe du divin plongeur« zur Leitfigur seines Lebens gemacht, das er als eine Folge von Kopfsprüngen ins Ungewisse sieht. Die deutsche Ausgabe hat unter dem Titel »Das Grab des göttlichen Tauchers« den Nachdruck auf das Untertauchen gelegt, das eigentlich nicht dargestellt ist, aber weitere bedeutungsvolle Assoziationen weckt.
Abb. 6: Tomba del Tuffatore, Paestum, Ansicht der Grabkammer. Um 480 v. Chr.
Gewiss hatte es dem antiken Paestum auch vor dieser Entdeckung nicht an historischem Glanz gefehlt. Griechische Siedler aus Sybaris, der Stadt des legendären Luxus im Süden der italienischen Halbinsel, hatten kurz vor 600 v. Chr. eine Tochterstadt an der weiten Küste südlich der Halbinsel von Sorrent, nahe bei der Mündung des Flusses Sele, gegründet, die sie nach Poseidon, dem Gott des Meeres, Poseidonia benannten. Die ungemein fruchtbare Ebene um die Stadt, die bis heute die Büffelherden für die beste Mozzarella Italiens nährt, wurde bald zur Grundlage eines steigenden Reichtums; dieser manifestiert sich in einer weiträumigen Stadtanlage mit rechtwinklig geplantem Netz von Straßen und einem großzügig angelegten Zentrum mit weiter Agora und monumentalen Heiligtümern. Drei prachtvolle Tempel in selten guter Erhaltung zeugten durch die Jahrhunderte von der Blütezeit der Stadt im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Europäische Bildungsreisende des 18. und 19. Jahrhunderts, soweit sie sich, wie etwa Goethe, über die gepflegten und beschützten Ziele von Rom, Neapel und Pompeji hinaus in den Süden Italiens wagten, erlebten die griechischen Tempel von Paestum, meist die einzigen erreichbaren Zeugnisse der griechischen Kultur, als eine fremde, aber gleichwohl höchst eindrucksvolle Welt. Wer sich etwas weiter umsah und nicht nur an der großen architektonischen Kunst der Tempel interessiert war, konnte auch die am besten erhaltene Stadtmauer der vorrömischen Antike bestaunen, die aus einer späteren Epoche stammte: eine immense Befestigung aus Kalkquadern, errichtet in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr., als die Stadt weitgehend unter den Einfluss einheimischer Lukaner gekommen war, deren Vordringen an die Küsten zu weitreichenden kriegerischen Unruhen führte – bis 273 v. Chr. die Römer dort eine Bürger-Kolonie mit dem neuen Namen Paestum gründeten.
Neue Entdeckungen des 20. Jahrhunderts verstärkten den Glanz von Paestum als Ort großer Kunst noch einmal beträchtlich. Nördlich der Stadt, an der Mündung des Sele-Flusses, wurde ein Heiligtum der Göttin Hera ausgegraben, in dem offenbar vor allem die weibliche Jugend sich außerhalb des städtischen Raumes zu Ritualen der Initiation zusammenfand. Zwei große Kultbauten des 6. Jahrhunderts v. Chr. waren mit großen Serien von Reliefplatten (Metopen) geschmückt: Die eine, in kräftig-derben Stilformen, enthielt die bei weitem größte Zahl von Bildern griechischer Mythen, die von einem antiken Bauwerk bekannt sind: Taten des Herakles (Abb. 7), Krieg um Troia, Aias, der sich in der Verblendung in sein Schwert stürzt, Sisyphos, der vergeblich den Felsen bergauf wälzt – ein ganzes Panorama heroischer Ruhmestaten und Schicksale. Die andere zeigt eine Schar von Mädchen, reich und elegant gekleidet, beim verführerisch-anmutigen Tanz zum Fest der Göttin (Abb. 8). Beide Serien sind einzigartig in der griechischen Bildkunst.
Abb. 7: Herakles tötet den Riesen Alkyoneus. Metope vom ersten archaischen Tempel von Foce del Sele. Paestum, Museo Archeologico Nazionale. Um 550 v. Chr.
Abb. 8: Tanzende Mädchen. Metope vom spätarchaischen Tempel von Foce del Sele. Paestum, Museo Archeologico Nazionale. Um 510–500 v. Chr.
Mit dieser glanzvollen Lebenskultur präsentierte Paestum sich als Vorposten am nördlichen Rand der griechischen Welt gegenüber den ganz andersartigen, aber ebenfalls hochstehenden Kulturen der einheimischen Italiker. Unmittelbar nördlich des Territoriums von Paestum hatten Etrusker aus dem Norden, mit einer bedeutenden Kultur von Metallarbeiten und Keramik, seit Jahrhunderten das Gebiet um das heutige Pontecagnano erschlossen und besiedelt. Andere ethnische Gemeinschaften hatten Zentren von hohem Anspruch im bergigen Inneren der Halbinsel ausgebaut. Es war eine Zeit weiträumiger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Verbindungen, Auseinandersetzungen und Konflikte. Die Bewohner von Paestum müssen in dieser Grenzsituation ein deutliches Bewusstsein für kulturelle Eigenarten und Unterschiede entwickelt haben.
Die Grabungen der 1960er Jahre in den Nekropolen außerhalb der Stadtmauer von Paestum waren darauf angelegt, jenseits der Entdeckung großer Kunst weiterreichende Einsichten in die Sozial- und Kulturgeschichte der antiken Stadt zu gewinnen. In der neueren Forschung waren theoretische Fragestellungen und Methoden entwickelt worden, mit denen vor allem die Beigaben in den Gräbern für die Toten als Zeugnisse sozialer Konzepte ausgewertet werden konnten. Die neu entdeckten Gräber in Paestum, vor allem aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., der Zeit der vordringenden Lukaner, boten für solche Fragen ganz unerwartete Dokumente: Die unterirdischen Grabkammern trugen an den Wänden, in locker skizzierender lokaler Malerei, Szenen aus der sozialen Welt der nun dominierenden lokalen Elite: Krieger treten im Zweikampf gegeneinander an, kehren triumphal von Feldzügen zurück, werden von ihren Frauen mit Opfergefäßen empfangen (Abb. 9); dazu Athleten im Boxkampf, beim Wettrennen und so fort. Eine Gesellschaft, die sich in den Gräbern mit einem starken Bewusstsein von kriegerischer Leistung und sozialem Status präsentiert.
Abb. 9: Heimkehr eines Kriegers. Lukanisches Grab. Paestum, Museo Archeologico Nazionale. Um 360 v. Chr.
Eine einzigartige Überraschung aber war es, als die Ausgräber dann ein Grab öffneten, das ein Jahrhundert früher, um 480 v. Chr., angelegt worden war, dessen Ausmalung sehr viel näher an griechischen Stilformen lag und dessen Themen in eine ganz andere kulturelle Welt führten. Noch einmal wartete das griechische Poseidonia-Paestum mit einem exzeptionellen Kunstwerk auf, diesmal von besonders weitreichender Bedeutung. Denn die große griechische Malerei dieser Zeit, die in der Antike noch höher geschätzt wurde als die in der Neuzeit gefeierte Skulptur der Griechen, war nahezu völlig verloren. Nur aus den fremden Kulturen jenseits der griechischen Welt, aus Etrurien im nördlichen Italien und aus Lykien im südlichen Kleinasien, waren aus dieser Zeit Gräber mit Wandgemälden bekannt, bei denen jedoch unklar war, wie weit sie ›echter‹ griechischer Malerei entsprachen. Nun aber besaß man ein einzigartiges Dokument der Malkunst aus einer Stadt des griechischen Westens aus der Zeit ihrer großen Blüte, von der die berühmten Tempel zeugten!
Für die verantwortlichen Archäologen kann das Glück einer spektakulären Entdeckung mit schwierigen Herausforderungen einhergehen. Der Leiter der Ausgrabung konnte zum Zeitpunkt der Öffnung des Grabes nicht anwesend sein, er hatte nicht das Erlebnis des überwältigenden ersten Anblicks der Malereien, musste aber sofort mit Entscheidungen reagieren: die Deckplatte noch am Abend ins Museum bringen, den Grabungsplatz über Nacht gegen den ständig drohenden Diebstahl absichern, die Platten der Wände am folgenden Morgen noch vor dem Einfall schädigender Lichtstrahlen abmontieren und abtransportieren lassen. Presse und Öffentlichkeit sollten rasch informiert werden, ohne aber die hochempfindlichen Malereien durch Zugänglichkeit zu gefährden. Mit der Konservierung gegen das drohende Verschwinden der Farben musste sofort begonnen werden, obwohl die nötigen Informationen über die Materialien und die Maltechnik zunächst fehlten. Die Fachwelt und das breitere Publikum erwarteten erste Ergebnisse und Erklärungen, noch bevor Zeit für seriöse wissenschaftliche Forschung über die außergewöhnlichen Funde war. Kollegen äußerten kontroverse Meinungen auf oft unzureichender Grundlage. Mario Napoli ist den Anforderungen in vorbildlicher Weise gerecht geworden: indem er die Malereien 23 Monate lang kompromisslos in einem dunklen Raum für langsame Trocknung und fachgerechte Konservierung unter Verschluss hielt, sie aber liberal für Kollegen zugänglich machte und sie nach zwei Jahren sowohl dem breiten Publikum im Museum präsentierte als auch der Fachwelt in einer Monographie vorlegte.
2.
Je außergewöhnlicher ein Zeugnis vergangener Kulturen ist, desto stärker entzieht es sich dem Verständnis. Historische Interpretation gelingt am leichtesten und überzeugendsten, wenn sie die Zeugnisse in einen Kontext von ähnlichen Dokumenten stellt und sie auf diese Weise in einem bekannten Rahmen der betreffenden Kultur und Gesellschaft ›zum Sprechen bringt‹. Viel größer ist die Herausforderung bei einzigartigen Zeugnissen: Wie kann man ihre kulturelle Bedeutung erkennen, wenn das kulturelle Umfeld unklar bleibt? Das gilt ganz besonders für Bildwerke, die viel weniger eindeutig ›sprechen‹ als Texte. Das Deckenbild des Grabes in Paestum ist zwar auf den ersten Blick leicht ›lesbar‹: Ein junger Mann springt in einem wohltrainierten Kopfsprung von einem Turm ins Wasser. Aber was bedeutete das für die Bewohner von Poseidonia-Paestum im 5. Jahrhundert v. Chr.? War es ein persönlicher Zeitvertreib? Ein verbreiteter Brauch? Ein athletischer Sport? Ist es überhaupt eine Szene des realen Lebens oder eine Vorstellung der Phantasie? Eine symbolische Metapher? Und welche Bedeutung hat sie in einem Grab?
