Identität über alles? - Tonio Hölscher - E-Book

Identität über alles? E-Book

Tonio Hölscher

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Beschreibung

Identität – eine Gefahr für die Gemeinschaft? In einem scharfsinnigen Essay untersucht Tonio Hölscher das inflationär gebrauchte Konzept der kulturellen, sozialen und politischen Identität und befragt es mit einem kritischen Rückblick auf das alte Griechenland. Zur Debatte stehen die Dynamik von politischer und kultureller Identität in der Antike wie auch die Bedeutung des Begriffs in der Gegenwart. Eine brillante wie streitbare Analyse von großer politischer Aktualität.  Das Bewusstsein von Identität ist in der global geöffneten Welt zu einem universalen Fundament des Zusammenhalts von politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Einheiten geworden. Als Folge davon ist der Begriff der Identität in den aktuellen Diskursen wie in den historischen Wissenschaften in zwei Richtungen expandiert. Zum einen wird kollektiven Einheiten ihre Identität als ein nicht hinterfragbares Recht zugesprochen; dabei wird die konfliktsuchende Aggressivität kollektiver Identität in Kauf genommen. Zum anderen führt das fundamentalistische Konzept der Identität zu einem inflationären Gebrauch, der dem Begriff jede klärende Präzision nimmt und den Blick auf entscheidende Fragen des Lebens verdeckt.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dies ist der Umschlag des Buches »Identität über alles?« von Tonio Hölscher

Tonio Hölscher

IDENTITÄT ÜBER ALLES?

Von der Gegenwart zur Antike und zurück

COTTA

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Cotta

www.klett-cotta.de

© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos und Gabler, Hamburg

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media, Pößneck

ISBN 978-3-7681-9825-7

E-Book-ISBN 978-3-7681-9827-1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

1. 

Fragen eines Archäologen aus der Sicht der Gegenwart

Vorweg

Geschichte als Blick in den Spiegel oder aus dem Fenster?

Zeitgeist und Gegenstimmen

Ein Paar problematischer Begriffe

Konstruktionen von Identität und Alterität

Anthropologische Konstanten?

2. 

Antikes Griechenland

Archäologie, Identität und Alterität

Materielle Kultur und historische Akteure: Die Unsichtbarkeit von Identität

Kulturelle Durchlässigkeit: Griechenland und Orient in archaischer Zeit

Subversion von anthropologischen Grenzen: Mensch und Tier

Ideologische Identität in und seit den Perserkriegen

Partialität der Diskurse

Alterität als verdrängte Identität

Umkehrung von Identität und Alterität

3. 

Schluss: Lebensgemeinschaften statt Identitäten

Risiken der Identität

Umgang mit Identität: Eingrenzung, Versachlichung, Kontrolle

Identität und Solidarität

Wissenschaftlicher Anhang

Allgemeine Bibliographie

Allgemeine Theorie: Gesellschaft, Kultur, Politik:

Antike:

Geschichte als Blick in den Spiegel oder aus dem Fenster?

Zeitgeist und Gegenstimmen

Ein Paar problematischer Begriffe

Konstruktionen von Identität und Alterität

Archäologie, Identität und Alterität

Materielle Kultur und historische Akteure: Die Unsichtbarkeit von Identität

Kulturelle Durchlässigkeit: Griechenland und Orient in archaischer Zeit

Subversion von anthropologischen Grenzen: Mensch und Tier

Ideologische Identität in und seit den Perserkriegen

Partialität der Diskurse

Alterität als verdrängte Identität

Schluss

Bildnachweise

Vorwort

Die hier folgenden Überlegungen sind aus dem Versuch eines Archäologen und Historikers entstanden, seine Wissenschaft mit seiner aktuellen Lebenswelt in Beziehung zu setzen und in dieser Lebenswelt zu verantworten. Sie wenden sich darum nicht in erster Linie an Kolleginnen und Kollegen der historischen Wissenschaften, die neue Ergebnisse der Forschung erwarten (und die die meisten der hier dargestellten historischen Phänomene kennen, nicht zuletzt aus früheren Schriften des Autors selbst), sondern wollen innerhalb und außerhalb der Fachwelt am Fall eines spezifischen Begriffs ein gemeinsames Nachdenken darüber anregen, welche Rolle die historische Wissenschaft in der Gegenwart spielen und welchen Einfluss die Gegenwart auf die historische Wissenschaft ausüben kann.

Der Begriff der kollektiven Identität – und der damit gesetzten Alterität – von Gemeinschaften und Gruppen, um den es dabei geht, hat seit einigen Jahrzehnten sowohl in den historischen Wissenschaften als auch in den politischen, sozialen und kulturellen Diskursen der Gegenwart eine ubiquitäre Bedeutung gewonnen, die geradezu von einem »Zeitalter der Identität« (Titel eines Buches von Florian Coulmas, 2019) reden lässt. Für einen Beobachter, der Wissenschaft und Gegenwart seit mehr als zwei Generationen vor Augen hat, stellt sich dabei die Frage, wie man früher weitgehend ohne Identität auskommen konnte. Der Begriff und die Kategorie der Identität bezeichnet nicht so sehr ein neues Feld der Forschung und der gegenwärtigen Lebensordnung, sondern ist als Schlüssel des Verständnisses in fast alle Bereiche des historischen wie des gegenwärtigen Lebens eingedrungen, die seit jeher im Blick des historischen wie des gegenwärtigen Bewusstseins gewesen waren. Als Wissenschaftler kann man das als neuen Trend der aktuellen Forschung hinnehmen – man kann sich aber auch fragen, was man mit Begriffen und Kategorien in der Geschichte anrichtet, und wie man mit ihnen in der Gegenwart zurechtkommt.

Die Überlegungen, die in diesem Essay vertreten werden, sind bewusst klar konturiert, kritisch, in vieler Hinsicht auch einseitig formuliert. Sie stehen in einem partiellen Gegensatz zu den Positionen mancher von mir besonders hoch geschätzter Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Arbeiten dem Begriff der Identität ein starkes heuristisches Potential abgewonnen haben. Demgegenüber sollen in keiner Weise die Vorzüge und Errungenschaften eines Bewusstseins von kollektiver wie auch individueller Identität geleugnet werden, die oft und zu Recht als wohltuende Grundlage der Bildung von Persönlichkeit und Gemeinschaft gepriesen worden sind. Aber darüber sollte nicht versäumt werden, die fälligen Gegenrechnungen aufzumachen.

Der erste Anstoß zu diesem Essay war eine Einladung zu einer internationalen Graduierten-Tagung an der Universität Basel, »Postkoloniale Antike? Alterität und Macht in den Altertumswissenschaften« (2017), für die ich den Veranstaltern Christian Guerra und Andreas Bohnenkämper herzlich danke. Dank für Kritik und Anregungen, aus Anlass von Vorträgen, geht an Anja Klöckner, Wulf Raeck und Dietrich Raue; für entschiedenen freundschaftlichen Widerspruch an Aleida Assmann; für eingehende kritische Lektüre des Skripts an Manfred Berg, Hans-Joachim Gehrke, Jonas Grethlein, Lucian Hölscher und Michael Sommer; für stetige inspirierende Begleitung bis zu der vorliegenden Fassung an Fernande Hölscher. Ich habe mich bemüht, alle vielfältigen Bedenken zu berücksichtigen, bin aber sicher, sie nicht alle ausgeräumt zu haben. Bei einer Streitschrift kann das kaum anders sein.

Christoph Selzer vom Verlag Klett-Cotta hat die Endfassung und formale Konzeption dieses Essays mit verlegerischem Elan, ermutigenden Vorschlägen und hilfreicher inhaltlicher Kritik gefördert. Museen, wissenschaftliche Institutionen und Bildarchive sowie Leonidas Bournias und Barbara Mittler haben zur Zusammenstellung der Bilder beigetragen. Das Team des Verlags Klett-Cotta hat die Drucklegung mit sachlichem Verständnis und technischer Kompetenz durchgeführt. Auch dafür sage ich herzlichen Dank.

Heidelberg, November 2023

1.

Fragen eines Archäologen aus der Sicht der Gegenwart

Mein Widerstreben richtete sich gegen die Fetischisierung von Herkunft und gegen das Phantasma nationaler Identität. Ich war für das Dazugehören. Überall, wo man mich haben und wo ich sein wollte. Kleinsten gemeinsamen Nenner finden: genügte.

Saša Stanišić, Herkunft (2019) S. 221 f.

Vorweg

Die theoretische Reflexion über die Begriffe, mit denen wir die Geschichte zu verstehen suchen, ist eine selbstverständliche Forderung an die wissenschaftliche Praxis der Historiker. Wir entwickeln Begriffe aus unserem eigenen Denken und wenden sie auf Zeiten und Gesellschaften an, die anders gedacht und ihr Leben in anderen Vorstellungen vollzogen haben. Wie weit gelingt es uns, Begriffe zu entwickeln, die die Andersheit früherer Gesellschaften erfassen? Oder aber: Wie weit gibt es Begriffe, die eine allgemeine Geltung über die kulturellen Grenzen zwischen uns und den historischen Gesellschaften hinaus besitzen?

Die Frage stellt sich besonders scharf bei dem Begriff der kollektiven Identität, der heute eine geradezu unaufhaltsame Hochkonjunktur für die Beschreibung historischer Gesellschaften, Prozesse und Vorgänge erlangt hat, der aber zugleich eine höchst aktuelle Bedeutung in der politischen, sozialen und kulturellen Gegenwart besitzt. Das heißt, dass wir als Historiker den Gebrauch des Begriffs der Identität in zwei Richtungen zu verantworten haben. Zum einen: Was muten wir den historischen Gesellschaften zu, wenn wir ihnen unsere heutigen Konzepte von kultureller und politischer Identität zuschreiben? Zum anderen: Was richten wir an, wenn wir die heutigen Konzepte der Identität in langen historischen Traditionen begründen?

Die hier folgenden Überlegungen haben zum Ziel, zwei Diskurse der Gegenwart zusammenzuführen, die in aller Regel voneinander getrennt geführt werden, und daraus Folgerungen für beide Bereiche zu ziehen. In den Diskursen der Gegenwart hat die Identität von politischen, sozialen, kulturellen und anthropologischen Gemeinschaften eine geradezu fundamentale Bedeutung für deren Selbstverständnis und Zusammenhalt gewonnen. Sie bildet die Grundlage einer immer weiter ausgreifenden Identitäts-Politik für diese Gemeinschaften, die vielfach mit imperativer Zuversicht vorangetrieben wird, deren aktuelle Folgen aber dringend einer kritischen Wahrnehmung und Erörterung bedürfen. In der wissenschaftlichen Erforschung historischer Gesellschaften, vor allem früher Epochen, ist Identität zu einem Schlüsselbegriff für kulturelle, soziale und politische Gemeinschaftlichkeit erhoben worden. Sie wird als konstitutiv für die Entstehung von Ethnien, Staaten und anderen Gemeinschaften angesehen und in diesem Sinn gewöhnlich als positiver Impuls für die Ausbildung höherer kollektiver Strukturen gewertet. In diesem Kontext werden Phänomene der Lebenspraxis wie der materiellen Kultur vielfach sehr weitgehend im Sinn einer kollektiven Identität verstanden.

Bezüge zwischen diesen Diskursen werden vielfach, vor allem bei frühen Kulturen, nicht hergestellt, sie können aber in beiden Richtungen fruchtbar sein. Für die Gegenwart könnten sie den Horizont der sozialen und kulturellen Konzepte erweitern und dazu führen, dass wir die heutigen Vorstellungen nicht als selbstverständlich oder gar einzig möglich hinnehmen. In den historischen Wissenschaften sollten sie das Bewusstsein stärken, dass auch die Erforschung entfernter Epochen nicht in unschuldiger Distanz zur Gegenwart stattfinden kann. Als Historiker weben wir mit den Kategorien, Themen und Perspektiven der Forschung, bewusst oder unbewusst, ob wir wollen oder nicht, am Teppich der Gegenwart mit.

In den Naturwissenschaften werden seit der Entdeckung der Atomkernspaltung bis zur Entwicklung der Gen-Technik öffentliche Debatten darüber geführt, ob und in welcher Weise die Ergebnisse der Forschung politisch und ethisch verantwortbar sind. Doch auch in den Geisteswissenschaften ist die Frage nach »Nutzen und Nachteil für das Leben« kaum zu umgehen. Für die Gegenwart ist die Frage, wie heilvoll die Konzepte kollektiver Identitäten sind, Gegenstand breiter Diskussionen. Doch auch Historiker früherer Epochen sollten daran teilnehmen und Erfahrungen aus anderen Kulturen beitragen. Mit der unkritischen Übernahme der Begriffe werden nur, wenngleich unabsichtlich, aktuelle Positionen und Trends bestätigt.

Das Thema der Identität betrifft Grundfragen des sozialen Lebens: Geschlecht und Hautfarbe, Nation und Region, Klassen und Gruppen, Religion und Lebenskultur. Es hat daher einen zentralen Platz in den verschiedensten Wissenschaften, die sich mit dem Thema der Identität nicht nur in historischen Gesellschaften, sondern vor allem in der aktuellen Gegenwart, und dazu mit seinen theoretischen Grundlagen beschäftigen: in Philosophie, Theologie und Psychologie, Soziologie und Politologie, Rechts- und Kulturwissenschaft. Dies alles liegt weit jenseits der Kompetenz des Autors dieses Essays als Archäologe und Historiker der griechischen und römischen Antike. Die Absicht der folgenden Überlegungen ist, aus dieser begrenzten Sicht die historische Distanz zwischen der Gegenwart und der Antike auf beiden Seiten fruchtbar zu machen für einen kritischen Umgang mit den Konzepten der kollektiven Identität: ohne generalisierenden Anspruch auf aktuelle Geltung, nur im Sinn einer Perspektive von außen, mit besonderem Blick auf den Bereich der Lebenskultur.

Dabei geht es um zwei Fragen, die miteinander zusammenhängen. Zum einen ist der Begriff der Identität im lebensweltlichen wie im wissenschaftlichen Sprachgebrauch in einer Weise inflationär ausgeufert, dass er zugleich allumfassend und nichtssagend zu werden droht. Zum anderen kommt es zunehmend dazu, dass Gemeinschaften eine Identität mit einer solchen Emphase als Fundament ihrer Existenz entwickeln, pflegen, zelebrieren und durchsetzen, dass sie leicht entweder in Selbstabschließung oder in Aggression umschlägt. Wenn beides, der inflationäre Gebrauch und die emphatische Selbstbezogenheit, zusammenkommen, kann es bedrohlich werden.

Es ist unbestritten, dass fest gegründete Gemeinschaften für ihre Mitglieder eine ungemein wohltuende, sowohl schützende als auch stärkende und stimulierende Bedeutung haben. Und ebenso, dass dabei affektive Mentalitäten, die Liebe zu den Mitgliedern und den gemeinsamen Lebensräumen, der Stolz auf gelungene Leistungen wie auch die Verantwortung für verschuldete Aktionen der Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielen. Heimat, Sprache, Traditionen, historische Schicksale und affektive soziale Bindungen erweisen sich gerade heute, angesichts des drohenden Verlusts dieser Bindungen durch Globalisierung und Individualisierung, als ungemein starke Fundamente von Gemeinschaftlichkeit. Man kann sich aber fragen, wohin es führt, wenn dies mit einer emphatischen Steigerung von Identität bewirkt wird, mit der die Gemeinschaft sich so explizit auf ihr kollektives Selbst bezieht. Oder anders, wie weit Gemeinschaften, die auf emphatische Identität begründet sind, mit ihrem Potential an Exklusivität und Aggressivität, zu einem gedeihlichen Zusammenleben mit anderen Gemeinschaften beitragen. Jede Gemeinschaft braucht Kohärenz, aber wenn der Gemeinschaftssinn durch emphatische Identität aufgeladen wird, werden die Gräben nach außen vertieft.

Gewiss ist es verständlich, dass soziale, kulturelle, ethnische oder religiöse Gruppen, sobald sie diskriminiert, unterdrückt oder bedroht sind, sich auf ihre Identität besinnen, um sie mit gestärktem Selbstbewusstsein zu verteidigen. Heutige Identitäts-Politik wird darum mit dem Ziel betrieben, unterdrückte Identitäten zu stärken, um solchen Gruppen zu gerechter Anerkennung zu verhelfen. Aber gerade hier wird die Problematik der Identitäten pointiert deutlich. Denn Diskriminierung und Bedrohung entstehen fast immer daraus, dass dominante Gruppen – Männer, Heterosexuelle, Deutsche – eine emphatische eigene Identität ausbilden und in der Folge andere Gruppen – Frauen, Homosexuelle, Juden – ausgrenzen, indem sie diese auf eine alteritäre, negativ besetzte Identität festlegen. In diesem Sinn ist Identität kein Heilmittel, sondern Teil des Problems. Das oben zitierte Motto von Saša Stanišić macht das deutlich. In Francesca Melandris Roman »Eva schläft« fürchtet die Titelfigur aus Südtirol nichts so sehr wie die Frage: »Fühlst du dich eher als Italienerin oder als Deutsche?«

Das Ziel kann kaum sein, wie gelegentlich vorgeschlagen wurde, den Begriff der Identität einfach aus dem Sprachgebrauch zu eliminieren. Denn die Kategorien der Identität und der Alterität existieren als soziale Denkform und beherrschen die gegenwärtigen politischen, sozialen und kulturellen Diskurse in einer Weise, die ihre eigene Realität hat. Worum es geht, ist zum einen, dem Begriff der Identität eine klar umgrenzte Bedeutung im Spektrum der Begriffe der Gemeinschaftlichkeit zu geben, und zum anderen, die Kategorie der Identität nicht einseitig als Inbegriff idealer »Selbstheit« und »Selbstverwirklichung« zu verstehen, sondern sie auch in ihren unheimlichen Abgründen und Folgen zu erkennen.

Wir werden weiter mit Identitäten leben. Die Frage ist, wie viel Identität es sein soll? Und wie gut es sich damit lebt?

Geschichte als Blick in den Spiegel oder aus dem Fenster?

Da steht er... und schaut aus dem Fenster in die Welt, die ihn immer mehr interessiert hat als der Blick in den Spiegel

Peter Stamm, In einer dunkelblauen Stunde (2023) S. 251 f.

Es gibt zwei Zugänge zur Geschichte, die sich grundsätzlich in den allgemeinen Erwartungen dessen unterscheiden, was von der Beschäftigung mit der historischen Vergangenheit erhofft wird.

Der eine Zugang ist: Geschichte als Grundlegung und Begründung der eigenen gegenwärtigen Existenz. In diesem Sinn wird die historische Vergangenheit darauf hin betrachtet, wie sie auf die eigene Gegenwart hingeführt und die eigene Gegenwart geprägt hat. Die historischen Traditionen der eigenen politischen, sozialen, religiösen oder kulturellen Gemeinschaft werden als das Fundament ihres gegenwärtigen Zustands betrachtet. Auf Grund ihres historischen Alters werden diese Traditionen als autoritative und legitimierende Grundlagen dessen gesehen, was man als Identität der eigenen Gemeinschaft versteht. Die Vertreter dieses Zugangs schauen in die Geschichte als einen Spiegel, in dem sie, wenn nicht sich selbst, so doch fundamentale Aspekte ihrer selbst suchen, die »Wurzeln« ihrer eigenen kulturellen Wesensart und Ausrüstung, aus denen sie hoffen, zum einen sich selbst zu verstehen und zum anderen die Grundmuster ihrer eigenen kulturellen Praxis zu legitimieren.