DER TEUFEL IM LABYRINTH - Victor Gunn - E-Book

DER TEUFEL IM LABYRINTH E-Book

Victor Gunn

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6,99 €

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Matilda Scott, eine sehr reiche und egozentrische Dame, unterzieht ihre Erben einer seltsamen Prüfung: Derjenige, der in kürzester Zeit den Irrgarten in ihrem Park bewältigt, wird der Haupterbe ihres großen Vermögens. Doch ihr Neffe, Major Claude Pilbeam, kehrt aus dem Irrgarten nicht zurück. Und als man ihn endlich findet, ist er seit Sunden tot - ermordet. Chefinspektor Bill Cromwell und Johnny Lister von Scotland Yard übernehmen den Fall... Der Roman DER TEUFEL IM LABYRINTH von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1960; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr (unter dem Titel Die seltsame Idee der Mrs. Scott). Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 290




 

 

 

 

Victor Gunn

 

 

Der Teufel im Labyrinth

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 153

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DER TEUFEL IM LABYRINTH 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Matilda Scott, eine sehr reiche und egozentrische Dame, unterzieht ihre Erben einer seltsamen Prüfung: Derjenige, der in kürzester Zeit den Irrgarten in ihrem Park bewältigt, wird der Haupterbe ihres großen Vermögens.

Doch ihr Neffe, Major Claude Pilbeam, kehrt aus dem Irrgarten nicht zurück. Und als man ihn endlich findet, ist er seit Sunden tot - ermordet.

Chefinspektor Bill Cromwell und Johnny Lister von Scotland Yard übernehmen den Fall...

 

Der Roman Der Teufel im Labyrinth von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1960; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr (unter dem Titel Die seltsame Idee der Mrs. Scott).  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   DER TEUFEL IM LABYRINTH

 

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Carol Beaton versuchte die Bestürzung in ihren dunklen Augen zu verbergen, als das Taxi vor dem Landsitz ihrer Großtante hielt. Sie war zum ersten Mal hier, und die hohe Mauer um das Grundstück ließ eher ein Gefängnis dahinter vermuten als Privatbesitz. Das schmiedeeiserne Tor war verrostet und reparaturbedürftig, die Auffahrt zum Haus vernachlässigt und mit Unkraut bewachsen.

»Wissen Sie genau, dass Sie hier richtig sind?«, fragte der Taxichauffeur zweifelnd, als sie bezahlte.

»Aber das ist doch Haus Eibengrund, nicht wahr?«

»Ja, Miss.«

»Dann bin ich auch am richtigen Ort. Meine Großtante, Mrs. Matilda Scott, wohnt hier.«

»Na, viel Vergnügen«, sagte der Taxichauffeur mit einem verächtlichen Blick auf das alte Tor. »Ich hab’ immer gedacht, das alte Haus steht leer. Jedenfalls hat sich noch nie jemand hierherfahren lassen. Mir kommt es ziemlich unheimlich vor. Sind Sie sicher, Miss, dass hier jemand wohnt?«

Carol gab keine Antwort. Der Taxifahrer zuckte die Achseln und fuhr davon.

Carol zögerte, als sie vor dem Tor stand. Der grauverhangene Himmel dieses Märznachmittags trug nicht dazu bei, ihre plötzliche Mutlosigkeit und Bedrückung zu verscheuchen. Die hohen, finsteren Eiben, die auf dem Grundstück wuchsen und dem Haus seinen Namen gegeben hatten, erinnerten sie an einen Friedhof. Und die Zweifel des Taxifahrers beunruhigten sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.

Das zwanzigjährige Mädchen im eleganten Schneiderkostüm, mit roten Haaren, lebhaften, dunklen Augen und ebenmäßiger Figur passte in dieses melancholische Überbleibsel viktorianischer Zeit nicht im geringsten. Carol arbeitete als Mannequin bei Madame Rousseau in London; man hatte ihr den Nachmittag freigegeben, damit sie diesen Besuch machen konnte. Dabei handelte es sich keineswegs um einen gewöhnlichen Verwandtenbesuch. Die Einladung durch die alte Mrs. Scott war in Form eines gebieterischen Befehls erfolgt. Carol sollte sich um drei Uhr einfinden. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit...

Sie sah, dass einer der beiden Torflügel etwas offenstand. Sie stemmte sich dagegen, und der Torflügel bewegte sich knarrend nach innen. Sie schlüpfte hinein und ging langsam die Auffahrt entlang. Vor drei wollte sie das Haus nicht erreichen.

Die Aufforderung der alten Dame hatte ihr einiges Kopfzerbrechen bereitet. Sie war nie mit ihrer Großtante zusammengetroffen, hatte nur von ihr gehört und sie seit ihrer Kindheit als eine Art Märchengestalt betrachtet. Mrs. Matilda Scott musste jetzt mindestens achtzig Jahre alt sein, wahrscheinlich sogar ein bisschen älter. In Carols Familie wurde sie als steinreich angesehen - auch aus diesem Grund hatte es Carol nicht gewagt, die Einladung zu ignorieren.

Auf dem Weg zum Haus fühlte sie sich so einsam, als befände sie sich in einer völlig menschenverlassenen Gegend wie Dartmoor, anstatt in einer Nebenstraße von Richmond, beinahe in Hörweite einer verkehrsreichen Straße. Auch die Themse floss ganz in der Nähe vorbei.

Der Weg machte eine Biegung, und sie konnte ihren ersten Blick auf Alas Haus werfen - ein massives, hässliches, vierstöckiges Gebäude, in dem vor fünfzig Jahren fröhliche Gesellschaften und Bälle stattgefunden hatten. Damals waren prächtige Kutschen vorgefahren, denen reiche und vornehme Gäste entstiegen. Aber vor nahezu einem halben Jahrhundert war Carols Großonkel gestorben, und für Großtante Matilda hatte eine Trauerzeit begonnen, die anscheinend bis zum heutigen Tage anhielt. Es gab keine Gesellschaften und keine Gäste mehr; Mrs. Scott wohnte immer noch in dem großen Haus, auch nachdem ihre beiden Kinder fortgezogen waren.

Wie schade!, dachte Carol bedauernd.

Langsam und unerbittlich waren Haus und Park im Lauf der Jahre verfallen. Ein leichtes Schaudern lief über Carols Rücken, als sie das nun genau in Augenschein nehmen konnte. Überall wuchernde und ungepflegte Sträucher; anstelle eines ehemals prächtigen Rasens eine Wildnis aus hohem, verfilztem Gras. Und die düsteren Eibenbäume überschatteten das ganze Grundstück, überfluteten es mit unsagbarer Melancholie.

Wie bedauerlich, dachte Carol, wenn man sich erinnerte, dass dieser große Garten einmal das Prunkstück von Richmond gewesen war. Schwacher Groll gegen ihre Großtante regte sich; die alte Dame mit ihrem Reichtum hatte nicht das Recht, etwas so Schönes verkommen zu lassen. Und dieser Park war praktisch schon dem Untergang nahe, daran konnte niemand mehr zweifeln.

Sie fröstelte wieder. War es klug gewesen, hierherzukommen? Sie begann sich sogar zu fragen, ob der Brief ihrer Tante, den sie über ein Rechtsanwaltsbüro erhalten hatte, als echt angesehen werden durfte. Konnte es sich nicht um einen Schwindel handeln? Sie dachte an die Worte des Taxifahrers. Vielleicht war dieses alte Haus wirklich leer, seit Jahren schon.

Sie verglich das Haus mit ihrer eigenen kleinen Wohnung in der Innenstadt von London - so hell und modern, mit indirekter Beleuchtung und hübschen Möbeln. Sie wagte gar nicht daran zu denken, wie die Villa ihrer Großtante von innen aussehen würde.

Lieber Himmel! Hoffentlich geht alles gut, sagte sie sich besorgt. Aber ich musste doch kommen.

Sie wusste sehr wohl, warum sie kommen musste. Seit Jahren schon hatte sie die unbestimmte Vorstellung, dass ihr Großtante Matilda in ihrem Testament etwas vermachen würde. Deshalb leistete sie der Einladung Folge. Carol war nicht habgierig oder gewinnsüchtig, aber es wäre doch bedauerlich gewesen, die alte Dame in Harnisch zu bringen...

Um Himmels willen! Was war denn das?

Carol blieb stehen. Sie glaubte, ein leises Knacken in den dichten Sträuchern auf der gegenüberliegenden Seite der Auffahrt gehört zu haben. Es ging kein Wind. Vielleicht irgendein Tier... Carol machte einen Schritt vorwärts, dann blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein Schrei entrang sich ihr. Nur einen Augenblick lang starrte sie aus den Sträuchern ein Gesicht an, um sofort wieder zu verschwinden. Aber ein Blick hatte genügt. Ein bösartiges Gesicht - hager und gemein«- mit einer breiten Narbe, die vom linken Auge bis zum Mundwinkel lief.

Stille.

Carol stand wie erstarrt.

Aus dem Gebüsch drang kein Laut. Sie fragte sich, ob sie sich das Gesicht eingebildet hatte. Nein, ganz unmöglich. Sie sah es noch vor sich - aschfahl und entsetzlich. Aber wenn sich dort ein Mann verborgen hielt, warum rührte er sich nicht? Sie hätte jede Bewegung hören müssen...

Sie drehte sich schnell um und starrte in die Richtung des Tores. Sie hatte jemanden laufen hören, und im nächsten Augenblick tauchte ein stämmiger junger Mann in Sportjacke und grauen Hosen auf.

»He! Waren Sie das?«, keuchte er, als er herankam.

»Ja.«

»Das war aber ganz schön laut«, meinte er und sah sich verwundert um. »Was ist denn los?« Er hatte blondes Haar, blaue Augen und war groß und ungeschickt. »Ich sehe nichts.«

»Dort. In diesem Gebüsch«, flüsterte sie. »Ein schreckliches Gesicht. Ich dachte, er würde mich anspringen.«

Der junge Mann sah sie einen Augenblick zweifelnd an, dann stolperte er schwerfällig in die Sträucher. Das Ergebnis war erstaunlich. Eine Gestalt brach aus der schützenden Deckung und rannte über den Rasen davon - ein großer, schlanker Mann in einem abgeschabten Mantel und zerknautschten Hut.

»Hallo! Einen Augenblick, Sie«, brüllte der junge Mann.

Der Flüchtende kümmerte sich nicht darum. Der junge Mann stürzte ihm sofort nach, lief mit aller Kraft und holte langsam auf. Der Mann mit der Narbe war offensichtlich nicht in Form, weil seine Bewegungen langsamer wurden, als er die andere Seite der freien Fläche erreichte und in eine Öffnung zwischen hochgeschossenen Taxushecken hineinsprang. Die Hecken waren nahezu zweieinhalb Meter hoch und die Öffnung sehr schmal.

Der Verfolger rannte gleichfalls hinein und fand sich in einem schmalen Gang zwischen den Taxushecken wieder. Er kam zu einer plötzlichen Biegung. Vor ihm erstreckte sich ein weiterer schmaler Weg. Der Boden des Pfades war mit Kies bestreut. Er erreichte eine neuerliche Öffnung in den Hecken und entdeckte zwei weitere Abzweigungen. Er blieb keuchend stehen.

»Was zum Teufel...«

Und dann fiel es ihm ein. Das hier war der Garten von Großmutter Scott, und er hatte schon in seiner Kindheit gehört, dass sich darin ein altmodischer Irrgarten befinden sollte. Das war er also. Und er hatte sich darin verirrt.

»Verdammt!«, schimpfte George Temple.

Er hörte Schritte, irgendwo im Irrgarten, und das Knacken von Zweigen. Er drehte sich um und rannte zurück. Mehr durch Zufall als durch Überlegung fand er den Ausgang - denn er war noch nicht weit vorgedrungen. Draußen wartete Carol Beaton.

»Ach du meine Güte! Das ist ja der Irrgarten meiner Großtante, nicht wahr? Ich dachte schon, Sie hätten sich verirrt«, sagte sie atemlos. »Dieser furchtbare Mann kam vor ein paar Minuten heraus. Er lief dort hinüber.« Sie deutete geradeaus. »Jetzt ist er verschwunden.«

»Tut mir leid«, keuchte George. »Hab’ erst gemerkt, dass ich in einem Labyrinth steckte, als es schon zu spät war. Unsere Vorfahren zur Zeit der Königin Viktoria müssen doch ein bisschen verrückt gewesen sein, so etwas in ihren Gärten anzulegen. Ich dachte, alle Irrgärten seien verschwunden - außer dem einen berühmten in London?«

»Man behauptet, dieser hier sei eine genaue Nachbildung des Irrgartens im Londoner Hampton-Park - nur etwas kleiner«, erklärte Carol. »Vielen Dank übrigens, dass Sie den Mann verfolgt haben. Ich weiß nicht, wer er war. Wahrscheinlich hat er sich hierher verirrt. Es tut mir leid, dass ich so geschrien habe. Es war albern. Aber sein Gesicht hat mich erschreckt, als es so unerwartet aus dem Gebüsch auftauchte. Jetzt hat es keinen Zweck mehr, ihn weiter zu verfolgen.«

Irgendwie gefiel ihr das offene Gesicht George Temples, und sie fragte sich, wer er wohl sein könnte. George seinerseits sah Carol auch zum ersten Mal, und sein Pulsschlag ging rascher. Zweifellos war das Mädchen einer genaueren Betrachtung wert, mit seinem oval geschnittenen Gesicht, den blitzenden Augen, einem wunderschön geschwungenen Mund und einer überschäumenden Lebenslust. George starrte sie an, bis sie schwach errötete und die Augen senkte.

»Früher waren Irrgärten wohl die große Mode«, meinte George und streifte ein paar Zweige aus dem Haar. »Wahrscheinlich ein Steckenpferd meines Großvaters. Er ist übrigens schon seit vielen Jahren tot. Ich bin hier, um meine Großmutter zu besuchen.«

Carol riss die Augen auf.

»Ihre Großmutter?«

»Ja, sicher. Warum?«

»Sie ist meine Großtante.«

»Du lieber Himmel!«, rief George und machte ein verzweifeltes Gesicht. »Dann sind wir ja verwandt. Wie heißen Sie denn?«

»Carol Beaton. Meine Mutter war die Tochter von Mrs. Scotts Bruder.«

»Na so was!«, sagte George. »Und meine Mutter war die Tochter der alten Mrs. Scott. Dann sind - dann bist du also gar keine richtige Cousine von mir, nicht wahr?« Er sah sie besorgt an. »Ich meine, wir sind doch nicht blutsverwandt, oder?«

»Das ist doch auch egal«, erwiderte Carol lachend. »Ist es nicht komisch, dass sich Verwandte kaum kennen? Ich hab’ nur ganz unbestimmt von dir gehört.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. »Freut mich, Vetter. Wie heißt du denn übrigens?«

»George Temple.«

Er stellte fest, dass Carol außerordentlich anziehend war. Je länger er sie ansah, desto heftiger klopfte sein Herz. Er stolperte über eine Wurzel und wäre beinahe hingefallen. Carol konnte sich nur mit Mühe das Lachen verbeißen. Er wirkte wie ein Elefant. Seine Ungeschicklichkeit, sein Eifer und seine Bewunderung ihrer waren unverkennbar.

»Die alte Dame hat mir geschrieben, dass ich herkommen soll«, erklärte George. »Du hast sicher einen ähnlichen Brief bekommen?«

»Allerdings - und meiner klang genauso befehlend«, gab Carol lächelnd zur Antwort. »Vorhin überlegte ich mir schon, ob nicht irgendein Missverständnis vorliegt. Alles sieht so tot und unbewohnt aus. Glaubst du, dass Tante Matilda wirklich in diesem schrecklichen Haus wohnt?«

Sie hatten sich inzwischen der Vorderseite des Gebäudes mit seinen massiven Steinstufen und der gewaltigen Tür genähert. Die meisten Fenster in den Obergeschossen waren mit Gardinen dicht verhängt, und selbst die Fenster im Erdgeschoss ließen wegen der altmodischen Spitzenvorhänge keinen Blick ins Innere dringen.

»Wir werden es ja bald erfahren«, meinte George, während sie die Steintreppe hinauf stiegen. »Ich muss immer noch an diesen Kerl denken, dem ich nachgelaufen bin. Wenn ich nicht zur rechten Zeit auf der Bildfläche erschienen wäre, hätte er dich sicher überfallen.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte sie. »Er sah eher ängstlich als gefährlich aus. Vielleicht hat er auf jemanden gewartet.«

Sie sah ihn fragend an. »Auf wen wohl?«

»Na, hör mal, bestimmt nicht auf mich!«, protestierte er. »Niemand hat gewusst, dass ich komme. - Außerdem, warum sollte sich jemand im Gebüsch verstecken, wenn er auf mich wartet? Er kann genauso gut zu diesen widerlichen Burschen gehören, die sich auf Frauen und Mädchen stürzen. Für mein Gefühl bist du noch einmal glücklich davongekommen.«

Als George gerade den altmodischen Glockenzug betätigen wollte, hörten sie jemanden rufen. Sie drehten sich beide um. Ein großer, junger Mann in tadellosem Anzug mit Melone und zusammengerolltem Regenschirm kam auf sie zu.

»Ach Gott, Ronnie«, murmelte George.

»Ein Freund von dir?«

»Mein Bruder«, sagte George und schnitt eine Grimasse.

»Magst du ihn denn nicht?«

»Na, ja und nein«, erwiderte George zweifelnd. »Prima Kerl - nichts dagegen zu sagen -, aber immer wenn wir zusammentreffen, bringt er es fertig, dass ich mich wie ein Landstreicher fühle. Er macht ironische Bemerkungen über meine ausgebeulten Hosen und so. Er scheint nicht zu begreifen, dass ich gern bequem angezogen bin. Ich will jedenfalls nicht dauernd als Stutzer herumlaufen wie er.«

Ronald Temple, mit achtundzwanzig um zwei Jahre älter als George, grinste, als er die Stufen heraufkam und seinen Hut vor Carol zog. Er hatte ein freundliches, sympathisches Gesicht. Er blinzelte mit den Augen, als er von einem zum andern sah.

»Ei, ei! Hab’ nicht erwartet, dich hier zu finden, George«, sagte er überrascht. »Ich dachte, die Einladung von unserer alten Dame wäre für mich allein bestimmt. Ich bin enttäuscht.« Sein Blick blieb an Carol haften. »Oder vielleicht doch nicht? Warum stellst du mich nicht vor, George?«

»Oh, freilich! Selbstverständlich. Entschuldige«, sagte George hastig. »Miss Beaton - Carol Beaton...»

»Das klingt schrecklich formell«, unterbrach ihn Carol lachend. »Ich bin deine Cousine«, fuhr sie fort und lächelte Ronnie an. »Warum haben wir uns noch nie getroffen? Zwei verschiedene Zweige der Familie, dabei sind wir uns völlig fremd. Ist das nicht komisch?«

»Komisch genügt hier wohl nicht«, erwiderte Ronnie. »Ich betrachte es als ein Verbrechen. Seit wie vielen Jahren läufst du schon mit dem Aussehen eines Filmstars herum, ohne dass ich davon etwas weiß?« Er nahm ihre Hand und drückte sie begeistert. »Ich warne dich, Cousine. Hüte dich vor allen Vorschlägen, die dir George unterbreitet. Du bist genau der Typ, den er als Modell brauchen kann.«

»Na, hör mal, einen Moment...«, fuhr George dazwischen.

»Leugne nicht, mein Sohn«, fuhr Ronnie würdevoll fort. »Diese hübschen Mädchen von dir mit großen Augen, tollen Kurven und einem Minimum an Bekleidung sind doch berühmt.«

»Er ist Künstler?«, fragte Carol erstaunt.

»Halt doch den Mund, du Esel!«, brüllte George und sah seinen Bruder grimmig an. »Hör nicht auf ihn, Carol. Er redet dummes Zeug. Ich zeichne Bilderserien für Illustrierte, und es ist gar nicht wahr, dass sie wenig anhaben. Auf jeden Fall-, fügte er aufgeregt hinzu, »verwende ich keine lebenden Modelle. Mach dir also bitte keine falschen Vorstellungen.« Er sah Carol besorgt an. »Es ist nicht so einfach, diese Bilderserien zu zeichnen, wie man vielleicht glauben könnte. Immerhin kann man sich damit auf ordentliche Weise sein Geld verdienen, oder etwa nicht? Ich finde das immer noch besser, als den ganzen Tag in einem vornehmen Büro im Westend zu sitzen und wie eine ausgestopfte Eule auszusehen.«

Ronnie lachte. »Gut getroffen, George«, sagte er freimütig. »Nur das mit der ausgestopften Eule lehne ich ab. Ich bin Teilhaber beim Autohaus Frank Reynolds in London, Piccadilly«, fügte er, zu Carol gewandt, erklärend hinzu. »Mir gefällt es. Ich trage gerne gute Anzüge. George dagegen zieht es vor, wie ein Landstreicher herumzulaufen...«

»Na bitte!«, rief George. »Was hab’ ich dir gesagt?«

»Führt ihr zwei euch immer so auf, wenn ihr zusammenkommt?«, fragte Carol lachend. »Warum soll dein Bruder nicht bequeme Kleidung tragen, wenn es ihm behagt? Er ist Künstler - er ist sein eigener Herr - und er kann tun, was ihm passt.«

»Danke«, murmelte George siegesbewusst.

»Na gut, auf deine Verantwortung, alter Knabe«, meinte Ronnie. »Weiß der Himmel, was unsere verehrte Großmutter sagen wird, wenn du in diesen Klamotten vor ihr erscheinst. Sie ist sicher sehr empfindlich. - Übrigens, habt ihr beide auch so gebieterische Briefe von der alten Dame bekommen?«

»Ja.«

»Aha. Dann wird also die ganze liebe Familie auftreten«, meinte Ronnie. »Ich möchte nur wissen, warum. Die alte Dame soll nämlich trotz des hohen Alters noch sehr gesund sein.«

In diesem Augenblick öffnete sich die große Tür, obwohl George nicht geläutet hatte. Eine furchtsam dreinblickende Frau von unbestimmbarem Alter in einem einfachen, altmodischen Kleid erschien auf der Schwelle und starrte die Ankömmlinge zweifelnd an. Nach einigem Zögern konzentrierte sie ihre Aufmerksamkeit auf George und Ronnie.

»Ihr seid sicher die Söhne meiner Schwester Ethel«, sagte sie und nickte. »Kommt herein - kommt. Ich habe euch seit eurer Kindheit nicht mehr gesehen. Ihr könnt euch sicher nicht mehr an mich erinnern.«

»Aber natürlich«, erwiderte Ronnie sofort. »Du bist Tante Cornelia.« Er trat vor und küsste sie auf die Stirn, worauf sie verlegen mit den Fingern spielte. »Wirklich jammerschade, Tante Cornelia, wie sich manche Familien auseinanderleben. Die alte Dame hat dich also auch eingeladen? Wer kommt noch?«

Miss Cornelia Scott sah immer noch furchtsam und aufgeregt umher. Sie war die nächste Verwandte der alten Dame - ihre Tochter. Eine typische alte Jungfer und, ihrer bescheidenen Kleidung nach zu urteilen, nicht allzu wohlhabend. Sie schwirrte aufgeregt herum, als die Besucher eintraten, und schloss dann die Tür sehr sorgfältig.

Der große Flur glich eher einem länglichen Zimmer und erstreckte sich düster nach beiden Seiten. Die alten, schweren Möbel aus der Zeit der Königin Viktoria konnte man nur sehr undeutlich erkennen; das Linoleum am Boden war so stark abgetreten, dass das ursprüngliche Farbmuster fast völlig verblichen war. Gegenüber dem massiven Flurständer ließ eine Zimmerlinde ihre welken Blätter hängen.

»Wann soll denn die Beerdigung sein?«, flüsterte Ronnie.

»Mein lieber Junge, so etwas solltest du nicht sagen«, protestierte Tante Cornelia schockiert. »Obwohl Mutter schon über achtzig ist, lässt ihre Gesundheit nichts zu wünschen übrig. Wir sollen nicht zu ihr hineingehen, bis wir alle versammelt sind.« Sie sah besorgt zur Tür. »Warum ist denn Claude noch nicht da? Und Linda...«

»Meine Schwester kommt auch?«, fragte Carol schnell.

»Ja, natürlich, mein Kind.« Tante Cornelia nickte so eifrig, dass ihr graues Haar in Unordnung geriet. »Sie gehört doch auch zur Familie, nicht wahr? - Oh, es hat geläutet. Vielleicht ist sie das.«

»Sie hastete zur Tür, die sie allerdings erst nach längerem verzweifeltem Kampf öffnen konnte. Ein adretter, sehr kleiner Herr Ende Fünfzig mit schneeweißem, steifem. Kragen und korrektem Binder, grauen Haaren und randloser Brille betrat das Haus. Major Claude Pilbeam wirkte beinahe wie die verkleinerte Ausgabe eines Mannes, denn er war ebenso schlank wie klein und wog sicher nicht mehr als ein ganz junges Mädchen.

»Bin ich der letzte?«, fragte er belustigt. »Ich nehme an, dass die ganze Familie eingeladen ist, nachdem ich dich hier sehe, Cornelia.« Seine hellen, blauen Augen blitzten übermütig, und sein sonnengebräuntes Gesicht legte sich in tausend kleine Fältchen. »Meine Tante hätte dich sicher nicht eingeladen, wenn nicht auch alle anderen erscheinen würden. Und diese netten jungen Leute? Ach, es ist wirklich schrecklich, wenn man seine eigenen Verwandten nicht kennt!«

Während man sich gegenseitig vorstellte, kamen durch eine andere Tür zwei weitere Personen herein.

»Linda!«, rief Carol erfreut.

»Du meine Güte, ich wusste gar nicht, dass ihr schon hier seid«, sagte Tante Cornelia, Linda und ihren Begleiter kurzsichtig anstarrend. »Wann seid ihr denn gekommen? Ich hab’ euch nicht bemerkt.«

»Du hast sicher gerade mit Tante Matilda gesprochen«, erwiderte Linda. »Mrs. Stokes ließ uns herein. Wir hörten Stimmen und kamen hierher. In diesem düsteren Zimmer war es einfach unheimlich. Hier ist es übrigens auch nicht viel besser.«

»Natürlich, du bist die Verheiratete, nicht wahr?«, meinte Major Pilbeam. »Die Töchter meiner Schwester. Warum haben wir uns noch nie gesehen? Ich wusste überhaupt nicht, dass ich zwei so reizende Nichten habe. Nein, also wirklich, eine Familie sind wir!«

Er strahlte die beiden Mädchen an. Linda stellte ihren Mann, Horace Graham, vor. Linda war dunkelhaarig und dicklich; sie hatte ein fröhliches Gesicht. Da sie erst ein Jahr verheiratet war, hätte man allerdings nicht den besorgten Blick in ihren Augen und die dunklen Lidschatten erwarten sollen. Für ein so offensichtlich kräftiges Mädchen sah sie erstaunlich blass aus.

Vielleicht hatte das etwas mit ihrem Mann zu tun, weil sie kaum den Blick von ihm ließ, während alle durcheinander sprachen. Horace Graham war, so hätte man sagen können, ein völlig normaler junger Mann. Er arbeitete als Angestellter im Rechtsanwaltsbüro von Denton, Walsh und Proude in London. Er hatte dunkles Haar, etwas weichliche Züge und sah um einiges älter aus, als es seinen siebenundzwanzig Jahren entsprach. Seine Augen waren dunkel umrändert, und er schien hochgradig nervös zu sein.

»Das Ganze ist nichts als Unsinn!«, meinte Major Pilbeam ungeduldig. »Meine Tante scheint recht kindisch zu werden. Wozu will sie uns denn alle hier haben? Es ist das erstemal, dass sie etwas Derartiges veranstaltet.« Er lachte plötzlich. »Na, macht ja nichts. Jedenfalls sind wir wenigstens einmal alle zusammengetroffen. Donnerwetter, so hübsche Nichten!«, fügte er hinzu und strahlte wieder die beiden Mädchen an.

»Wir haben natürlich von dir gehört, Onkel Claude«, erwiderte Carol lächelnd. »Du bist der berühmte Junggeselle in der Familie, nicht wahr? Meine Mutter hat oft von dir gesprochen.«

Das Gesicht des kleinen Majors wurde ernst.

»Schreckliche Geschichte - wirklich schrecklich«, sagte er bedrückt. Eure Eltern sind beide bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen, nicht wahr? Wie lange ist das her? Vier - oder fünf Jahre? Na, egal. Ich hätte gar nicht davon anfangen dürfen.« Er suchte in seiner Tasche und holte ein Zigarettenetui hervor. »Du scheinst hier den Befehl zu führen, Cornelia. Kommt noch jemand? Gibt es überhaupt noch weitere Familienmitglieder?«

»Ich glaube nicht«, antwortete Tante Cornelia nervös. »Wir sind nur noch sechs Personen - das heißt, sieben, wenn man meine Mutter mitrechnet.«

»Und was ist mit diesem jungen Mann da?«, meinte der Major und deutete mit seiner langen, dünnen Zigarre auf Horace Graham. »Oh, natürlich, er gehört ja nicht direkt zur Familie.« Er ließ sein Feuerzeug aufschnappen, zündete seine Zigarre an und paffte hastig. »Was ich noch fragen wollte - warum stehen wir eigentlich alle so im Flur herum?«

Wie als Antwort auf seine Frage tauchte eine kleine, ältliche Frau im einfachen schwarzen Kleid aus dem Dunkel des Hausflurs auf. Es war Mrs. Stokes, die Haushälterin der alten Dame. Sie kam langsam auf die Besucher zu; der Schlüsselbund, mit einer Kette an ihrer Schürze befestigt, klirrte. Sie schien zu gleiten, nicht zu gehen.

»Nun sind wohl alle hier?«, fragte sie mit ruhiger, leiser Stimme. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen... Und legen Sie bitte Ihre Zigarre weg, Major Pilbeam. Die gnädige Frau wünscht nicht, dass geraucht wird.«

»So, so. Auch das noch«, brummte der Major. »Das ist aber sehr bedauerlich. Du drückst wohl auch am besten deine Zigarette aus, mein Junge«, fügte er hinzu und sah Ronnie an. »Für wen hält sich denn die Alte eigentlich - vielleicht für Königin Viktoria?«

»Es tut mir leid, Sir...«, meinte die Haushälterin.

»So ein Quatsch!«, schimpfte Pilbeam. »Meine verehrte Tante hat schon viel zu lange alles nach ihrem Kopf durchgesetzt ...Na ja, meinetwegen, soll sie ihren Willen haben«, fügte er hinzu und warf seine Zigarre in den Topf mit der Zimmerlinde. »Alles fertig?«

»Fertig«, lachte Ronnie. »Also los, Mrs. Stokes. Wir sind zur Audienz zugelassen!«

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Ronnie Temples Vergleich war sehr passend, weil tatsächlich alle das Gefühl hatten, vor das Angesicht eines Monarchen zu treten.

Mrs. Stokes führte sie zu einer breiten Flügeltür, öffnete sie feierlich und trat dann zur Seite. Die Besucher marschierten in ein großes Wohnzimmer mit zwei riesigen Fenstern gegenüber der Tür. Trotzdem kam nur sehr wenig Licht in den Raum, weil draußen dichte Bäume emporwuchsen und der Himmel stark bedeckt war.

Die ganze Atmosphäre hatte etwas sehr Formelles, sehr Würdevolles an sich. Die Jüngeren amüsierten sich innerlich darüber, ließen sich aber, mit Ausnahme Ronnies, der offen lächelte, nichts anmerken. Das Wohnzimmer war mit schweren, altmodischen Möbeln vollgestopft, an allen möglichen Ecken und Enden standen Nippsachen, kleine Tische mit gerahmten, vergilbten Fotos und Porzellanfiguren. Neben dem Kamin saß die Besitzerin des Hauses. Sie sagte kein Wort der Begrüßung, sondern blieb bewegungslos wie eine Statue; nur ihre intelligenten Augen bewiesen, dass sie lebendig, sogar sehr lebendig war. Mrs. Matilda Scott erwies sich als große, grobknochige Frau, aber ihr Sessel war noch größer. Und doch füllte sie ihn aus.

Mrs. Stokes hatte die Tür hinter sich geschlossen und blieb nun, mit dem Rücken daran gelehnt, stehen, als halte sie Wache. Die anderen zögerten; eine Weile herrschte gespanntes Schweigen. Schließlich machte Mrs. Scott eine Bewegung: Sie deutete auf sieben Stühle, die in einiger Entfernung von ihr im Halbkreis aufgestellt waren.

Unvermeidlich, dass George, das Elefantenbaby, sofort an einen der kleinen Tische stieß, ihn umwarf und diverse Porzellanfiguren auf den Boden schmetterte.

»Oh, verflucht! Entschuldige!« George starrte das Trümmerfeld entsetzt an und warf dann seiner Großmutter einen Blick zu. »Hab’ den blöden Tisch nicht gesehen. Tut mir wirklich leid...«

Eine kleine Hand legte sich auf seinen Arm. Er sah auf Carol hinunter, die ihm einen warnenden Blick zuwarf und ihn um das nächste Hindernis herumführte. Erleichtert sank er neben ihr auf einen der Stühle nieder. Auch die anderen nahmen Platz, und wieder trat absolute Stille ein. Das feierliche Schweigen der alten Dame und die bedrückende Düsternis des Zimmers verbreiteten allgemeine Unbehaglichkeit.

Mrs. Matilda Scott inspizierte ihre Besucher, und zwar, charakteristisch für sie, durch eine Lorgnette. Sie war eine beachtliche alte Dame, und sie hielt sich, trotz ihrer zweiundachtzig Jahre, so aufrecht wie eine Frau von Fünfzig. In ihrem faltigen Gesicht fiel vor allem der entschlossene Zug um den Mund auf; auch ihre Augen waren ungeheuer lebendig. Diese alte Frau war im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, offensichtlich fehlte es ihr auch nicht an Willensstärke.

Die jüngeren Mitglieder der Familie waren überrascht; sie hatten eine gebrechliche alte Dame erwartet, schwerhörig, zitternd und gebeugt durch ihre zweiundachtzig Jahre. Die Wirklichkeit erzeugte fast einen kleinen Schock.

Nachdem Mrs. Scott jeden einzelnen durch ihre Lorgnette scharf und genau betrachtet hatte, schwieg sie weiter. Major Pilbeam brummte leise etwas vor sich hin, und Miss Cornelia Scott, der die Stille unerträglich wurde, rief plötzlich: »Mutter! Bitte, sag doch etwas! Wenn du nicht redest, muss ich schreien.«

Die alte Dame schnaufte verächtlich durch die Nase.

»Wann hab’ ich dich zum letzten Mal gesehen, Cornelia?«, fragte sie beißend. »Vor zehn Jahren? Oder vor fünfzehn? Ich weiß es nicht mehr.« Ihre Augen funkelten spöttisch. »Du bist immer so furchtsam wie eine Maus gewesen, nicht wahr? Du bedauernswertes Geschöpf.«

Das unglückliche Fräulein schwieg.

»Ich bin nie in der Lage gewesen, zu begreifen, wie du einer ganzen Schulklasse Herr werden konntest«, fuhr Mrs. Scott fort, die Augen immer noch auf ihre Tochter gerichtet. »Wahrscheinlich hat man dich schließlich wegen Unfähigkeit von der Schule entfernt.«

»Das ist wirklich nicht gerecht, Mutter. Ich war krank. Das weißt du doch. Du selbst hast mir geraten, nicht mehr weiter als Lehrerin zu arbeiten, und hast mir eine kleine Rente ausgesetzt. Ich bin dir dankbar. Ich lebe sehr zurückgezogen, und...«

»Schon gut«, unterbrach Mrs. Scott. »In mancher Beziehung bist du wie ich. Du hast nie etwas für Luxus und teure Kleider übrig gehabt. Deinen schwachen Charakter verdankst du deinem Vater.« : Sie senkte ihre Lorgnette und ließ den Blick über die ganze Versammlung gleiten. »So. Das ist also meine Familie. Alles, was von den Scotts noch übrig ist.«

Ihre Augen wanderten von einem zum andern.

»Meine einzigen Verwandten«, fuhr sie fort und schüttelte dabei den Kopf, als sei sie sehr enttäuscht. »Du, Cornelia. Meine zweite Tochter, noch am Leben, aber kaum lebendig. Ein verschrumpeltes, bedauernswertes Geschöpf. Nun ja. Du bist eben immer ein Schwächling gewesen. Ganz anders als deine Schwester Ethel. Sie heiratete diesen frechen Burschen, diesen Tom Temple. Es ist bedauerlich, dass sie nicht robuster waren und diese Grippeepidemie damals nicht überstanden.« Sie schwieg einen Augenblick und ließ ihren Blick auf George und Ronnie ruhen. »Sie sind jedoch robust genug gewesen, zwei kräftige Söhne in die Welt zu setzen. Immerhin etwas.«

»Vielen Dank für die freundlichen Bemerkungen, Oma«, sagte Ronnie.

»Nur keine Frechheiten, junger Mann«, erwiderte die alte Dame scharf. »Im Übrigen möchte ich dich darauf hinweisen, dass ich nicht deine Oma, sondern deine Großmutter bin. Wenn man sich überlegt, dass ihr noch junge Burschen gewesen seid, als eure Eltern starben, habt ihr euch recht gut gehalten.«

»Nun, wir haben dich jedenfalls nie um Geld gebeten, nicht wahr?«, sagte Ronnie. »Dafür wären reiche Großmütter doch eigentlich da. Nein, George und ich sind ganz ordentlich vorwärtsgekommen. Ich beschwere mich nicht über mein Einkommen, und George verdient sich auch seine Brötchen mit diesen komischen Zeichnungen.«

»Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du sie nicht immer komisch nennen wolltest«, meinte George verärgert. »Ich male doch keine ulkigen Bilder. Du scheinst diese Bilderserien nicht zu verstehen. Jede von ihnen erzählt eine bestimmte Geschichte, und manche laufen viele Wochen in Fortsetzungen. Es handelt sich dabei um eine überall anerkannte Methode, etwas zu erzählen.«

»Umso bedauerlicher«, fuhr die alte Dame barsch dazwischen und sah George streng an. »In meiner Jugend gab es viele Zeitschriften für Kinder, die eine Menge anregender Geschichten enthielten. Was haben denn die armen Dinger heutzutage? Nichts als Zeichnungen und Bilder! In ein paar Generationen werden die Kinder das Lesen verlernt haben!«

»Ja, Himmel noch mal, was kann ich denn dafür?«, rief George aufgebracht. »Das ist doch nicht mein Fehler. Es ist einfach eine - Tendenz. Ich bin selbst nicht allzu begeistert von diesen Comicstrips, aber sie werden verlangt, und ich kann gut zeichnen und verdiene mir meinen Lebensunterhalt damit. Dagegen ist doch nichts zu sagen, wie? Außerdem täuschst du dich, Großmutter«, fuhr er unbekümmert fort und wagte ihr zu widersprechen. »Es ist einfach so, dass sich die Lesegewohnheiten des Publikums verändert haben. Zeitschriften mit vielen Artikeln und Geschichten sind außer Mode, aber Taschenbücher und lange Romane gehen großartig. Und ich glaube auch nicht, dass sich diese Bilderserien lange halten werden.«

Mrs. Scott hatte das Interesse an George verloren; sie versuchte ihn durch heftige Gesten zum Schweigen zu bringen. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem kleinen Major Pilbeam zu.

»Und du bist mein Neffe Claude«, sagte sie. »Der Sohn meines einzigen Bruders John. Du hast nie geheiratet, und das war vielleicht auch das Beste.« Sie musterte verächtlich die winzige Gestalt Pilbeams. »Ich glaube kaum, dass du es zu brauchbaren Kindern gebracht hättest. Wie man dich je beim Militär nehmen konnte, bleibt mir ein Rätsel.«

»Nicht das reguläre Militär«, murmelte der kleine Major, peinlich berührt. »Territorialarmee. Damals nahmen sie jeden, den sie kriegen konnten. Zum Teufel, Tante, kann ich etwas dafür, dass ich klein bin? Es ist wirklich nicht nötig, dass du mich vor den Kindern hier verspottest.«

»Deine Schwester Amy hatte mehr von den Pilbeams, als du jemals hattest oder haben wirst«, fuhr Mrs. Scott fort. »Ich sehe sie noch als junges Mädchen vor mir - ein strammes, kräftiges Geschöpf. Wen heiratete sie doch gleich?« Die alte Dame dachte einige Zeit nach. »Ach ja, natürlich. Dieses ängstliche Männchen Arthur Beaton. Ich Ratte immer das Gefühl, dass das ein Fehler war...«

»Das ist gemein!«, platzte Carol entrüstet heraus. »Vater war überhaupt nicht ängstlich. Er war gütig und sanft. So etwas solltest du nicht sagen.«

»Du brauchst nicht wütend zu werden, mein Kind«, lächelte die alte Dame. »Ich wollte damit nichts Böses sagen. Aber Arthur Beaton war Amy sicher nicht gewachsen, und ich glaube auch nicht, dass ihr Leben sehr glücklich war.« Sie sah von Carol zu Linda. »Ihr beiden habt Glück gehabt, dass ihr damals in der Schule gewesen seid, sonst wärt ihr wohl auch umgekommen.«

Carols Gesicht wurde ernst. »Wir waren nicht in der Schule, sondern in den Ferien«, erklärte sie ruhig. »Wir sind nur ganz knapp davongekommen. Linda und ich sollten tatsächlich mit Vater und Mutter nach Spanien fliegen, aber zwei Tage vor dem Abflug bekam Linda Mumps, und sie ließen uns hier.« Sie hatte Tränen in den Augen. »Ich muss immer daran denken, dass Vater uns nachholen wollte, sobald es uns besser ginge - denn ich wurde natürlich auch krank.«

»Der Mumps hat euch das Leben gerettet«, meinte Mrs. Scott und nickte. »Das ist eine der großen Ironien, die wir nicht verstehen.« Sie sah wieder alle an. »Nun, da seid ihr also alle. Die letzten der Familie. Und ihr wartet nur darauf, dass ich sterbe. Ihr fragt euch, wieviel ich wohl jedem in meinem Testament hinterlasse.«

Sofort erhob sich allgemeiner Protest.

»So ein Quatsch!«, sagte Major Pilbeam unwillig. »Reiner Unsinn, zu behaupten, wir warteten nur auf deinen Tod.« Er holte sein Feuerzeug hervor und zündete sich die Zigarre an, die er vor wenigen Augenblicken geistesabwesend aus der Tasche gezogen hatte. »Das ist aber auch sehr unfreundlich von dir, Tante Matilda.«

»Die Wahrheit ist niemals angenehm«, gab die alte Dame zurück. »Einen Augenblick.« Sie erstarrte. »Habe ich dir denn erlaubt, dieses gräuliche Ding da anzuzünden? Wirf es sofort in den Kamin.«

»Wie? Ach so«, sagte der kleine Major und nahm die beleidigende Zigarre aus dem Mund. »Entschuldige. Hab’ mich vergessen. Dumme Angewohnheit.«

Er stand auf und warf die Zigarre voll Bedauern ins Feuer. Das war nun schon der zweite teure Stengel, den er seit seinem Eintritt in das Haus fortgeworfen hatte. Und Major Pilbeam hielt nichts, aber schon gar nichts von Verschwendung.

»Sehr bedauerlich, dass du nicht ehrlich sein kannst - das gilt übrigens für euch alle«, erklärte Mrs. Scott, während ein amüsiertes Lächeln über ihr faltiges Gesicht huschte. »Ihr wisst ganz genau, dass ihr alle nur darauf wartet, dass ich endlich sterbe. Ich bin sehr alt. Über achtzig. Es ist ganz natürlich, dass ich bald sterben muss. Ihr wisst nicht, warum ich euch alle hierhergeholt habe, nicht wahr? Ich will es euch sagen. Ich werde euch einer Probe unterziehen.«

Die Besucher sahen sie mit neuerwecktem Interesse an. Sie hatten sich von Anfang an über den Zweck dieser Familiensitzung den Kopf zerbrochen. Jetzt erfuhren sie ihn endlich.

»Probe?«, fragte Ronnie verständnislos.