Der Teufelstritt - Fritz Fenzl - E-Book

Der Teufelstritt E-Book

Fritz Fenzl

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Beschreibung

München - ein Ort, wo sich Raubritter, Isar-Nixen und Seher versammelten? Fritz Fenzl entführt den Leser in dieser mehrfach ergänzten Sammlung ausgewählter Sagen ins mittelalterliche München. Fesselnde Spukgeschichten und märchenhafte Legenden umranken Bauwerke und historische Orte der heutigen Metropole, und zahlreiche Zeugnisse dieser mystischen Vergangenheit lassen sich auch heute noch besichtigen - ein besonderes Lesevergnügen und ein alternativer Stadtführer zugleich.

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Seitenzahl: 268

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Fritz Fenzl

Magische Geschichten und Rundgaängezu Sagenortan in München

Impressum

Vollständige eBook-Ausgabe der im Stiebner Verlag erschienenen Printausgabe (4. Neuauflage 2013; ISBN 978-3-8307-1059-2).

Weitere Information zum Thema auf den Webseiten des Autors:

www.magische-kraftorte.de

www.magisches-muenchen.de

Umschlaggestaltung: Pierre Sick

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2013 Stiebner Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

ISBN 978-3-8307-3002-6

www.stiebner.com

Inhalt

Vorwort

Erst einmal die Kette durchbeißen!

Die eiserne Kette um München herum

Von Geistern, Gespenstern und spukhaften Erscheinungen

Der Schlafhaubenkramer

Das Fausttürmlein und der Raubritter

Das Fausttürmlein, das rote Licht und der Spuk der unschuldig Hingerichteten

Die Isar-Nixe war ein hochmütiges Fräulein von der Burg Grünwald!

Das versunkene Dorf bei Riem oder: Nicht nur Flughäfen verschwinden! (Auch Omnibusse in unseren Tagen)

Wenn der Teufel selbst mit im Spiel ist

Die drei Raben oder: Wie der Teufel sich die Seele eines Münchner Advokaten holte!

Der Teufel, der Blitz und der Petersturm

In der Residenz geht etwas Schwarzes um!

Der verborgene Schatz in der Michaelskirche existiert im Kopf als geistiges Gut

Die Teufelsgrube bei Holzkirchen

Ein schreckliches Fisch-Ungeheuer, das im Walchensee ruht, bedroht die Landeshauptstadt München!

Von sagenhafter Frömmigkeit

Das Bild mit den gesenkten Händen

Die Toten streiten für einen Frommen

Die Braut, die Monstranz der Asamkirche und der Tod

Die stille Beterin an der Mariensäule

Die Gründung der Dreifaltigkeitskirche und die »fromme Seherin«

Historische Sagen

Der Mönch im Wappen oder: Wie der Name »München« entstand

Unser König Ludwig II. spukt immer noch im Nymphenburger Schloss umher!

Münchner Originale, Viecher und Ur-Viecher

Diez von Schaumburg

Das Wurmeck

Die diebische Dohle

Der Türmer und der Komet

Herzog Christophs Stein in der Residenz

Von Häusern und Gebäuden

Die Hundskugel

Der Schöne Turm

Der Schöne Turm, der Goldschmied und die diebische Dohle

Der Spuk am Isartor

Die Bronzelöwen an der Residenz

Der Jungfernturm

Der Geisterstundenschlag von der Ramersdorfer Kirchturmuhr

Der dreigesichtige Götze am Neuhauser Tor

Aus den Stadtteilen

Der ewige Jude in Haidhausen

Pestsagen aus Giesing

Der fromme Wandermönch Winthir kommt nach Neuhausen

Sagenhaftes aus Pasing: Von der Spiegelwiese und den schwebenden Hexen

Gespensterwege von Pasing nach München

Von Bräuchen, Sitten, Meinungen, Urteilen und Vorurteilen

Die Tauben im Rathausturm

Der Schäfflertanz

Das Bäckerschnellen oder: Wie es einem im Mittelalter »nass ’neigeh’« konnte

Das Aha-Bergerl in Nymphenburg: der Berg der Weisheit!

Sagen um die Frauenkirche

Der Teufelstritt

Der Wind um die Frauenkirche

Der Balken in der Frauenkirche

Die Sage von der Gründung des Münchner Domes

Wie aus einem tiefen Brunnen

Der Spiegelbrunnen

Das Hungerbrünndl am Dom

Bittere Tränen in der Magdalenenklause haben die Augen geöffnet

Magische Orte im Umkreis der Stadt

Das Schlossgespenst bei Erding

Irrlichter im Erdinger Moos

Das versunkene Schloss bei Trudering

Das Gnadenbild von Maria Eich

Maria in der grünen Senke

Die Pippinger Glocke

Die betenden Schwestern von Leutstetten

Die Birg bei Höhenschäftlarn oder: »Das Birgweibl«

Die weinende Madonna von Bernried

Das »Münchner Bier« von Andechs, der Schatz und das Mäuschen

Sage ist: Wissen um Magie

Fürstengruft in der Michaelskirche: Ein fehlender König Ludwig II. – und ein gewaltiger Raum-Zeit-Tunnel!

Onuphrius, der Riese vom Marienplatz, den keiner sieht, weil er so sichtbar ist!

Die Reismühle und die Geburt Karls des Großen

Statt jemandem einen Bären aufzubinden, hat Korbinian dem armen Bären die Last aufgebunden!

Die lange Agnes

Das Schnarchermandl in den Isarhöhlen

Die Insel Wörth im Wörthsee

Hexenprobe in Stockdorf!

Drei sagenhafte Rundgänge durch München – und die Kultführung durchs Mühltal

Erster Sagen-Rundweg: Marienplatz – Frauenkirche – Residenz

Zweiter Sagen-Rundweg: Marienplatz – Alter Peter – Schöner Turm – Neuhauser Tor – Dreifaltigkeitskirche

Dritter Sagen-Rundweg: Marienplatz – Asamkirche – Michaelskirche – Spuk am Isartor

Die Mühltalführung

Literaturverzeichnis

Vorwort zur 4. Auflage

Münchner Stadt-Sagen? Sie denken gleich an den Teufelstritt, das Wurmeck am Rathaus, den Riesen Onuphrius, die Blitzeinschläge am Alten Peter …

Irgendwie haben Sie alles schon einmal gehört. Jetzt aber wissen Sie: Erst das Hingehen und Da-Sein am Ort der Sage erschließt die verborgenen Wirklichkeiten.

Der vorliegende Band, nunmehr die vierte Ausgabe des neuauflagenstarken Klassikers »Münchner Stadtsagen«, will erzählend »hinführen«. Tauchen Sie ein, nicht nur in Folklore, Legende und Historie; sondern in eine faszinierende, seelengreifende »Welt hinter der Welt«. Entdecken Sie den »Sitz im Leben«, denn die Sagen-Geschichten, das sind …, eben: Das sind Sie selbst!

Es werden im vorliegenden Buch bewusst jene Sagen gewählt, die heute noch ergehbar sind, an die ein historisches »Beweisstück« erinnert. Wie etwa der drohende Lindwurm am Rathaus, der die Stadt München betretende Riese; oder jener geheimnistragende, in die Fußgängerzone gemauerte Grundriss des Schönen Turms, der eine Zeitenschleuse mitten in München markiert.

Die Sage komprimiert Wirklichkeit, sie bringt auf den Punkt. Die Erlebnis-Kausalität von Natur-, Götter-, Helden-Sagen, besonders der historischen Stadtsagen sind genau das, was andere den »Gral« nennen.

Sie verstehen bald, wenn Sie die Orte erfahren und erfühlen, jene sich aus dem Halbdunkel der Historie erschließende höhere Notwendigkeit, ja Determination der Agierenden, die auf der Jahrtausende alten Bühne des wuchtigen Weltentheaters so agieren, wie das Leben es will. Und wie es das Leben selbst dem Überlebens-Willigen zwingend vorschreibt.

In dieser sonst selten noch sagbaren, durchaus sozio-darwinistischen Archaik, die so mancher heutigen »Political Correctness« widerspricht, dort wo es nicht nur Gut gibt und Böse, sondern das Leben eben, – da liegt das Geheimnis, das Mysterium des Lebens selbst.

Sagen bewahren uraltes Einweihungswissen, sie entschlüsseln das Unterbewusst-Sein der gesamten Menschheit. Letztlich ist ein »hinführendes« Sagenbuch wie dieses ein »Überlebenstrainer« für das, was kommt.

 

Eine sagenhafte Zukunft!

Der Autor, im Frühjahr 2013

 

Wer Freude und neue Weltensicht aus diesem Buch gewonnen hat und seine Erlebnis-Touren bayernweit ausdehnen will, dem sei der dem Erfolg des »Teufels tritt« entsprungene Band »SAGEN UND MYTHEN AUS BAYERN« (Stiebner-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8307-1048-6) ans Herz gelegt.

Erst einmal die Kette durchbeißen!

Die eiserne Kette um München herum

Wie einem bald auffallen wird, führt dieses Buch gerne zu diesem und jenem magischen Ort, der an die Sage erinnert, es geleitet zu irgendeinem Bauwerk, einem Brunnen…, vor dem man dann stehen kann, sich gescheit mit dem Finger an die Stirn tippt und zu den lieben Begleitern sagt: »Soso. Aha. Ja da schau her.« Sodann hat man seine gebildete Pflicht und Schuldigkeit getan, darf das Buch zuklappen und sich ins nächste Wirtshaus begeben.

Erstmal aber haben wir es mit einer zauberwirksamen Kette zu tun, die um das »ursprüngliche München« herum gespannt ist.

Oder, sagenhaft schwer, davor liegt.

»Ja was denn«, wird so mancher ausrufen, »…diese Kette gibt es einfach nicht!«

So ist es auch. Man kann so lange außen um die Stadt herumlaufen, wie man will. Man findet einen »Innen oder Altstadt«-, einen »Mittleren« und gar einen »Äußeren« Ring, ein jeder von diesen stinkt mehr als der andere, aber eine Kette kann man lange suchen.

Es gibt sie aber. In der Sage und im Herzen! Wollen wir sehen:

Zunächst erzählt uns die Sage, dass in früheren Zeiten die Kinder und überhaupt die Leichtgläubigen »von draußen«, vom Lande also oder von anderswoher, wenn sie nach München herein haben wollen, gesagt bekamen:

»Nach München? Da darfst du aber sauber zur heiligen Apollonia beten.«

Der Angesprochene hat dies dann recht gut verstanden. Denn in Zeiten (das ist noch gar nicht so lange her), in denen ein ordentlicher Mensch genau gewusst hat, wo jeder Heilige hingehört, wie er zu Tode gefoltert worden ist und für welches Wehwehchen er also zu helfen vermag, da war bei dem Namen Apollonia ganz klar: Zähne!

Wer nach München herein will, der muß erst die schwere eiserne Kette durchbeissen: Das heißt, er muss lernen, die Stadt mit dem Herzen zu sehen!; 17

Und so war’s auch gemeint, denn man hat den Kindern gesagt, sie müssten »eine Kette durchbeißen«, wenn sie denn nach München herein wollten. Da haben die nicht wenig Angst gehabt vor der großen, fremden Stadt. Meiner Oma selbst ist es noch so ergangen, die hat bei den Bauern gewohnt und ist lange schon tot.

»Die Kette«, das ist natürlich ein aussagekräftiges Symbol, wie sich das für eine g’scheite Sage so gehört. Denn von einem ordentlichen Kerl, der nach München herein wollte, hat man schon erwarten dürfen, dass er Manns genug ist, den Kraftakt zu tun. Er hat sich »durch etwas durchbeißen müssen«, sich die Stadt sozusagen erst mal verdienen, erarbeiten und, vor allem: mit dem Herzen erschließen müssen*.

Wenn man sich nun einmal mit dem Finger ans Herz tippt, dann findet man vielleicht die Kette!

Wenn nicht, dann muss man halt noch eine Zeitlang danach suchen, dann ist einer »im Herzen« noch kein rechter Münchner, wenn er auch noch so angestrengt so tut.

Es ist erstaunlich, was Max Rohrer in einem Buch vom Jahre 1949 schreibt, also kurz nach Kriegsende, als es noch recht lange hin war zur Olympiade, der U-Bahn, dem Großflughafen, der »Szene München« und all dem modischen Schnickschnack, der uns mit »Münchnern« segnet, die von der Kette nichts wissen und selbst wie eine Kette aus Kletten das Stadtbild verkitten:

»Aber wann sie in den Straßen und den Ausstellungen und den ›Bräus‹, wie sie sagen, eine Weil umeinander spekulieren, oder gar wann sie sich in der Stadt heimisch einnisten wollen, da merken dann die mehreren doch, dass zwischen ihnen und dem wirklichen München eine eiserne Kette ist, die durchbissen sein will. Das sind aber die Bessern und Gescheitern unter den Zugereisten; die ganz Siebengescheiten meinen nämlich, dass sie mitten darinnen sind, und spannen durchaus nichts von einer Kette.«**

Übrigens ist es eine magische Kette, die München umgibt: Ein zauberwirksamer Kreis, dem keiner sich entziehen kann …

*Ganz schön viel Menschen, die aus einer Notlage heraus in der Stadt ihr Glück gesucht haben, die mussten sich tatsächlich sauber durchbeißen! Das ist heute nicht anders.

**Max Rohrer, Alt-Münchner Geschichten, München 1949, S. 8.

Von Geistern, Gespenstern und spukhaften Erscheinungen

Der Schlafhaubenkramer

Wer den Liebfrauendom, das Wahrzeichen unserer Stadt München, besucht, der möge nicht nur den Teufelstritt unter der Orgelempore besichtigen und die grimmigen Winde des Teufels um die Ecken pfeifen hören, sondern auch daran denken, dass hier vor Zeiten ein Friedhof bestand, der »Frauenfreithof«, so wie er in alten Büchern genannt wird.

Darüber nun gibt es eine der lebendigsten und schaurigsten Sagen, die unsere Stadt zu bieten hat. Das ist die Sage vom »Schlafhaubenkramer«.

»Vor hundert und etlichen Jahren…«, wie wundersam doch altehrwürdige Überlieferungen sich auszudrücken vermögen! Also, sagen wir: Es war einmal, damals, als der alte Frauenfreithof noch bestand.

Dieser Ort galt damals als ganz und gar nicht geheuer, und jedermann mied die Stätte des Grauens. Die Stelle war so sehr verschrien, dass die schauerlichsten Spukgeschichten darüber in der Stadt herumerzählt wurden.

Eine davon ist die, dass ein Geist mit einer weißen Schlafhaube (so etwas trug man damals, wenn man zu Bette ging) den Friedhof beherrscht und unsicher gemacht haben soll:

Man muss wissen, in der Weinstraße, gegenüber dem alten Polizeigebäude, gab es damals einen Kramladen. Der Krämer, dem dieses Geschäft gehörte, der war in etwa das, was man heute einen »Gschaftlhuber« nennen würde. Immer und überall, wenn es g’schaftig etwas auszutragen galt, dann musste dieser Mensch mit der eingebauten inneren Unruhe mit dabei sein.

Der Krämer war, sobald er in seinem Geschäft stand, ein tüchtiger, geflissentlicher Kaufmann, nicht weniger tüchtig und pünktlich aber eilte er nach Ladenschluss zu seinen Trinkspezln, mit denen zusammen er beim Wirt tüchtig dem Biere zusprach. Und was dabei herauskommt, das weiß man ja.

Als der Kramer dann endlich das Gespenst auf dem gottverlassenen Friedhof erblickte, da rannte er um sein Leben.

Bald wurde die Runde immer lustiger und ausgelassener, man darf ruhig sagen: blöder im Denken, und bald, wenn der Geist vernebelt ist, sieht man Gespenster und redet von ebensolchen.

»Ich sage euch: Das Gespenst mit der weißen Schlafhaube soll wieder auf dem Friedhof umtriebig geworden sein…!« so sprach einer.

Den anderen gruselte, ihnen gefror das Lachen am Bierglas, denn der »Freithof« war ja nicht weit weg, und Gespenster gab es zu der Zeit tatsächlich.

(Es gibt sie, übrigens, auch heute noch, nur wird nicht mehr so viel davon geredet, denn wir sind ja, ach, so gescheit geworden in unserer sogenannten »aufgeklärten Neuzeit«.)

Nun denn. Den Trinkkumpanen schauderte, der Kramer von der Weinstraße aber, der riss sein Maul noch weiter auf, als man es eh schon von ihm gewohnt sein durfte. Um diese Zeit halt! Die Zeiger der Uhr standen kurz vor Mitternacht.

»So ein Geist käme mir gerade recht«, höhnte er, »der soll nur hergehen. Ich werde es ihm schon zeigen.«

»Geh doch du zu ihm!« so ein anderer.

»Ich geh schon«, prahlte der Kramer. Und damit stand er im Wort.

Er nahm Hut, Stock und Laterne und eilte zum Friedhof, der in unheildrohender Dunkelheit lag. Nicht einmal der Mond schien, und das Friedhofstor knarzte gotterbärmlich.

Er schritt über den Kies, stolperte über Gräber, stieß sich an einem Stein und verfluchte seine Angeberei und die Lage, in die er sich gebracht hatte.

Da! Etwas Weißes!

Das Gespenst. Ein hagerer weißer Kerl, der ihn anstarrte. Der Kramer lief hin und schlug dem untoten Wesen mitten ins Gesicht. Die Schlafhaube kullerte zu Boden.

Das hätte er nicht tun sollen! Jetzt hieß es Reißaus nehmen. Er vorneweg, der Geist hinterher. Der Vordere rannte jetzt um sein Leben. Doch sein Verfolger blieb ihm auf den Fersen, durch Straßen und Gässchen und Tore, treppauf, treppab…, und noch bis vor das Haus, in dem der Kramer wohnte.

Im allerletzten Augenblick schlüpfte er durch die Tür und verriegelte von innen, rannte die Treppe hoch…

… doch er spürte, dass das Gespenst weiterhin dicht bei ihm blieb. Denn es kletterte außen die Fassade hoch. Zur Tür konnte es nicht herein, denn diese war mit drei Kreuzen bezeichnet. Der Kramer gelangte schweißgebadet in sein Zimmer. Und etwas Weißes schaut schon zum Fenster herein!

Da wirft er dem aufgebrachten Zwischenwesen, das tot ist und doch nicht ruhen kann, ein Bildnis der Muttergottes von Altötting entgegen.

Weg ist der Geist.

Das war zuviel der Aufregung. Der Kramer, halbtot, verfiel in einen tiefen Schlaf, der einige Tage gedauert haben mag (heute würden wir sagen: Heilschlaf), und als er wieder erwachte, da hing sogar das Madonnenbild ruhig an seinem Nagel an der Wand.

Sicherlich hat sich alles ganz genau so zugetragen, wie soeben berichtet. Zumindest in des »Schlafhaubenkramers« verwirrtem Geist war alles so.

Und einen Spitznamen hatte er auch weg für sein Lebtag.

Das Gespenst hat man nie mehr gesehen, vielleicht, wenn es wirklich eins war, ist es wohl durch die wuchtige Watsch’n des Altmünchner Originals von einem jahrhundertealten Fluch erlöst worden. Und muss nun nicht mehr umgehen.

Vielleicht.

Das Fausttürmlein und der Raubritter

Steht man am Sendlinger-Tor-Platz, sollte man es nicht versäumen, das Sendlinger Tor und sein dunkles altes Mauerwerk zu betrachten. In der Phantasie fällt es nun gar nicht so schwer, das efeuumrankte Gemäuer zu erweitern, bis es die ehemaligen Ausmasse, die es in Zeiten des Mittelalters hatte, wieder erreicht, und vor seinem inneren Auge die »innere Stadtringmauer« erneut entstehen zu lassen.

Inmitten dieser alten Stadtringmauer, unfern vom Sendlinger Tore – da stand dereinst ein Türmchen mit einer drohenden Faust auf der Dachspitze. Damit hatte es die folgende nachtfinstere Bewandtnis:

Dereinst, als die Menschen noch an den Teufel glaubten, der Alchimie Glauben schenkten und öffentliche Hinrichtungen ein rechtes Volksspektakel waren, da hat ein Raubritter, dessen Namen allerdings nicht überliefert ist, der Stadt München »Fehde angekündigt«, wie das in altehrwürdigen Büchern so genannt wird.

Man darf sich das aber nicht wie eine offene Kriegserklärung vorstellen, weil der nun folgende Fortgang der Geschichte zeigen wird, dass in der Verfahrensweise des unedlen Raubritters von »offen« in keiner Weise die Rede sein kann.

Wir wollen innehalten und ein Wort über Raubritter verlieren. Dieser erst durch spätere Abenteuerromane zu Ehren gekommene Ritter hatte es wohl nicht leicht zu Lebzeiten, sonst nämlich hätten die Herren Raubritter ganz sicherlich nicht die immer schon anrüchige Lebens- und Existenzform »Raubritter« als die Ihrige erkoren.

Vielmehr ist das Raubrittertum ein sicheres Zeichen für den Niedergang des »klassischen« Rittertums mit all seinen edlen Tugenden: manheit, zuht, mâze, milte, güete, êre, staete.

Überhaupt Beständigkeit! Denn beständig ging es mit dem Tugendkatalog bergab, und ab der Mitte des 13.Jahrhunderts hatten es die Ritter, die König Artus noch an seinen runden Tisch gebeten hätte, wahrlich schwer! Denn damals kam das merkantile Bürgertum zu Ehren und Reichtum. Siehe: Alter Adel war schon damals nicht mehr das, was er einmal gewesen!

Man darf sagen, dass mit dem Raubrittertum die Neuzeit beginnt, zumindest aber unsere geliebte freie Marktwirtschaft.

Nun denn. Der Raubritter von damals, um den es hier in unserer Schauersage geht, der war sogar noch etwas moderner, denn er lieferte der Stadt den allerersten Bestechungsskandal.

Weil nämlich er mit einem Ratsherren gegen hohen Lohn ein heimliches Bündnis einging, dass dieser Ratsherr ihm zu einer bestimmten und ausgemachten Zeit eines der wuchtigen Tore der Stadtmauer auftun würde. Alsdann wollte der strategisch gewitzte Raubritter die Stadt überfallen und »mit Brand anstoßen«.

Wenn eine unschuldige arme Seele hingerichtet wurde, dann stand über dem Falltürmchen und dem Scharfrichterhaus ein feuerroter Lichtschein… (Aquarell von 1874)

Aber! Gottlob! Die verräterische Tat ward rechtzeitig entdeckt und der enttarnte Ratsherr lebendig in eben diesen Faustturm eingemauert.

Elendiglich musste er im finstersten Verliese, unentrinnbar seinem Ende entgegensehend, verhungern und verdursten, wenn nicht ein gnädiger Wahnsinn, eine durch Auszehrung einsetzende Umnachtung der Sinne seinem bewussten Ende und Endleiden einen milderen Schlusspunkt gesetzt haben möge.

So schändlich die Tat des hinterlistigen Verrates wider die Stadt München gewesen ist, so grausam und unmenschlich war der Tod im kaltfinsteren Verliese.

Und zur Warnung an alle Verräter wurde daraufhin eine drohende Faust auf die Spitze des Turmes gesetzt, die für alle Vorübergehenden als grausige Mahnung da oben prangte.

Möge der Liebe Gott des im Turme verdorrten Ratsherren gnädig sein.

Das Fausttürmlein, das rote Licht und der Spuk der unschuldig Hingerichteten

Alle, die immer noch am Sendlinger-Tor-Platz stehen und denen das Fausttürmchen partout nicht aus der Phantasie verschwindet, mögen sich die Zeit der grausigen Hinrichtungen im Mittelalter vergegenwärtigen und daran denken, dass immer, wenn das Blutgericht auftritt, auch Unschuldige dran glauben müssen. So war es auch damals. Aber dann hat es hier in dieser Gegend, die zu einem »besetzten Ort« wurde, sauber gespukt…

Nun hat es mit diesem Fausttürmlein aber noch eine ganz besondere Bewandtnis gehabt, die nicht weniger schauerlich zu nennen wäre:

Denn damals existierte das Scharfgericht, und wie schon das obige Schicksal des durch Gerichtsbeschluss eingemauerten Ratsherren zeigt, war man mit derlei Urteilen damals nicht gerade zimperlich oder zurückhaltend.

Da kam es dann schon das eine oder andere Mal vor, dass die Richter sich in ihrem Urteilsspruch irrten.

Nun denke keinesfalls, lieber mitfühlender Leser, dass dieser Irrtum allen miteinander nicht ganz besonders leid getan hätte; für eine Begnadigung war es dann halt ein für allemal zu spät. Denn der Betroffene hing unschuldig am Strick, er ward unschuldig einen Kopf kürzer gemacht oder unschuldig eingemauert. (Unser verräterischer Ratsherr, der hat sozusagen noch Glück gehabt, denn er musste wenigstens verdientermaßen den Tod erleiden!)

Musste aber ein ganz und gar Unschuldiger dran glauben, dann war zwar sein Gewissen heil (solange er noch lebte), und sein ewiges Leben war ebenfalls zum Guten hin gerettet. Für sein irdisches Dasein jedoch war dies ein sogenannter irreversibler Schaden.

Immer aber, wenn solcher Justizirrtum passierte, zeigte sich das ganze Grauen des Geschehens in folgender Szene:

Denn dann erglomm in der darauffolgenden Nacht das Fausttürmlein in blutrotem Lichte, und zugleich tat es drei schwere gewaltige Schläge, von dumpfer todbringender Wucht, die das entsetzliche Niedersausen des Schwertes auf dem Richtblock wiedergaben. Dies dreimalige Pochen geschah an der Tür des Scharfrichterhauses, das früher innerhalb der Stadtmauer auf einem kleinen Platz, der sich unter dem gruseligen Turmbauwerk öffnete, lag.

Der Scharfrichter, also von Gespensterhand aus dem Bette geholt, eilte gleich zur Türe, um diese tüchtig abzusperren, wusste er doch seit Urgroßvaters Zeiten nur zu genau, was der ernste Spuk zu bedeuten habe!

Zugleich fragte der Henker durch die geschlossene Türe nach draußen, wer denn da klopfe?

Dann kniete er nieder und betete mit lauter Stimme ein Vaterunser und ein Ave Maria ums andere, so lange, bis es ein Uhr von der inneren Stadt herüberschlug und die Geisterstunde, wie das so üblich ist, endlich beendet schien. Das alles mag an dunkle Einweihungen erinnern. Vielleicht ist es auch so?

Mit dem Vorüberziehen der Geisterstunde war auch das rote Licht verschwunden, der Scharfrichter versuchte nun zu schlafen, was ihm natürlich nach dem zuvor Erlebten nicht gelang.

Gleich am Morgen eilte er nun zum Rat der Stadt, zeigte an, was geschehen, und sogleich begab sich die Münchner Bevölkerung in Kirchen und Kapellen und betete inständig für die ungerecht hingerichtete arme Seele.

Denn nichts anderes hatte der Spuk zu bedeuten, als dass ein Unschuldiger von Henkershand vom Leben zum Tode befördert worden.

Das kam leider immer wieder vor.

Einmal erwischte es den Goldschmied vom Schönen Turm (Man findet die Sage auch in dieser Sammlung), ein andermal musste eine bildhübsche junge Dienstmagd, die ihr Stüblein »zuhöchst« in einem Hause unweit der Dienergasse hatte, unschuldig dran glauben.

In diesen beiden Fällen waren eine Dohle und ein Rabe »die Schuldigen«, denn diese schwarzen Galgenvögel hatten glitzernden Schmuck »von oben«, also aus der Luft und durch offene Fenster, fort genommen.

Als man dies merkte, da konnte man die enthaupteten Opfer aber auch nicht wieder zum Leben erwecken. Was mit den »wahrhaft Schuldigen«, den beiden Vögeln geschah, das weiß keiner. Wahrscheinlich sind sie eines ganz natürlichen Todes gestorben, und nicht einmal das Gewissen hat die gefiederten Freunde sonderlich geplagt.

Wie auch?

Die Isar-Nixe war ein hochmütiges Fräulein von der Burg Grünwald!Oder:Das Isar-Ufer hatte schon immer etwas Magisches an sich.

Die folgende Geschichte soll den Leser, zu einem Spaziergange an der Isar verführen. (»Verführen« ist hier genau das richtige Wort, wie man bald sehen wird!) Zwischen Harlaching und Thalkirchen mag das sein, am besten beginnt man an der Marienklause nahe dem Tierpark Hellabrunn, denn hier waren, noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts, verschiedene Marterl aufgestellt, die an den Tod zahlreicher Flößer in den Stromschnellen der Isar erinnerten.

Und schuld war stets eine Nixe, die mit ihrem lockenden Ruf die Vernunft und den Orientierungssinn der Männer in jeder Hinsicht aus dem Lot gebracht hat.

Also, das war so:

Dereinst, da lebte auf der Burg Grünwald – es war just die Zeit, als noch die »Geister von densölben / Nachts in den Gewölben…« spukten – ein ganz wunderschönes Burgfräulein.

Allerdings sollte man sich nicht allzu schnell in die hier geschilderte Person verlieben. Denn leider ist es nicht immer so, dass äußerliche Schönheit auch einer inneren Schönheit und Feinheit des Charakters entsprechen muss.

Dagegen mag man zwar einwenden: »Halt! Ist es nicht die moderne Psychologie unserer Tage und gar die Esoterik, die uns da lehren mögen, dass der Körper und damit ›das Äußerliche‹ die Vermittlerfunktion der ›Innenwelt‹ zur ›Außenwelt‹ darstellen und also das äußere Erscheinungsbild eben genau dem ›inneren Zustand‹ zu entsprechen habe?

Und ist nicht gerade in den Sagen des Mittelalters ›Schönheit‹ mit ›schön im Geiste‹ gleichzusetzen?«

Wir wissen es nicht. Vielleicht war dieses Burgfräulein gar nicht so schön, wie wir wohl annehmen sollen.

Für einen jungen, hübschen Spielmann aber, von dem wir gleich hören werden, war sie die Schönste der Welt. Diese Absolutsetzung einer leichten Verwirrung des Geschmacks und das, dadurch ausgelöste, von allen Sinnen verlassene Gebaren im Minnedienst sollten für ihn tödlich enden.

So hört:

Vor über 500 Jahren, es war um das Datum 1487 herum, da vermählte sich der Bayernherzog Albrecht IV. mit Kunigunde, der Schwester des späteren Kaisers Maximilian I.

War das eine mittelalterliche Prunkhochzeit! Wer etwas galt im Lande, der ward geladen und kam auch prompt angereist, all die Großen und Mächtigen erschienen in München (wie heute doch auch, wenn man gesehen wird) zum großen Hoffest.

Fast alle Künstler, Spielleute, fahrenden Sänger, die einen Namen hatten zur damaligen Zeit, waren da. Und des Fressens, Saufens, Grölens war schier kein Ende. Daneben gab es natürlich die vornehmen und höfischen Darbietungen und Wettbewerbe, wie etwa das Lanzenstechen.

So befand sich unter der Gästeschar auch ein junger Edelmann, der war als Musikant angereist gekommen (er besaß eine ausgesprochen musische Ader, war aber träumerisch und nicht besonders den Finessen des Lebens gewachsen), der verstand es wirklich vortrefflich, den Dudelsack zu pfeifen und fremde Vogelstimmen nachzuahmen.

Als dieser Schöngeist das stolze Burgfräulein von Grünwald sah, da war es, als hätte ihm eine fremde Macht jeden Verstand aus dem Schädel gerissen.

Nur noch ein einziges Ziel hatte er: Sie.

Die merkte das bald. Kein Wunder. Denn bei jeder sich bietenden Gelegenheit stammelte er ihr von seiner Minne.

Wir sehen ja gerne ein, dass die Macht der Liebe besonders stark daherkommen mag, das steht dieser Macht zu, allein schon der Gedichte und Gesänge wegen, die daraus entstehen. Geht es bei diesem Spiel doch immerhin um den Fortbestand der Menschheit! Aber muss das Manöver denn gleich Todesopfer verlangen!

Nun also. Der junge Spiel- und Edelmann gestand seine Liebe. Immer und immer wieder tat er das, gerade überall, wo er das stolze Fräulein erwischen konnte.

Das schmeichelte dem Ding, selber empfand sie aber keinerlei Gefühle für ihn. Da war sie in ihrer Auffassung ganz modern: Kühler Blick nach vorn und warten auf den Märchenprinzen.

So begann sie, geschmeichelt, aber doch ärgerlich, weil sie ihren Verehrer als zu gering für sich erachtete, mit ihm, seinen Gefühlen und, weil der Teufel sie ritt, mit seiner Seele zu spielen:

»Der Mann, den ich liebe, der muss durchaus sein Leben für mich riskieren wollen!«

(Oh, du Dummkopf! Jetzt hättest du merken müssen, wie es mit der »inneren Schönheit« der jungen Herrin bestellt war. Aber er sah nur die roten Haare unter der Spitzhaube, die ergossen sich wie glühende Lava aus ihrem bösen Haupte, flammend, Verderben signalisierend, aber gleichzeitig verführerisch, und brannten ein schlimmes Loch ihm in Herz und Verstand.)

»Mein Leben, es gehört Euch. Alles tue ich, was Ihr verlangt.«

Da kokettierte das üble Weib, zierte sich spielerisch, aber gekonnt, rückte die Haube zurecht, überlegte aber mit messerscharfer Genauigkeit, was wohl die schlimmste Gemeinheit sei, die sie dem Spund jetzt antun könne: Und sie warf, weit ausholend, ihren Ring in die Isar, die an dieser fürchterlichen Stelle besonders reißend sich durch Untiefen ergoss. Für jedermann ersichtlich, ein Todesurteil.

Das hochmütige Ritterfräulein warf den Ring in die tiefsten Strudel der Isar, die sich unterhalb der Burg ergossen. (Ansicht von Grünwald nächst München, Radierung, Mitte 19. Jahrhundert); 12

»So spring hinein und hol ihn mir!« befahl sie.

Schon war er im eiskalten Flusse, mitsamt Kleidung, Schwert und Kopfbedeckung, für Überlegungen hatte er keine einzige Gehirnzelle zur Verfügung. In dem Moment, da er aufs Wasser klatschte, riß es ihn hinab und dort blieb er für immer.

Ertrunken in tiefer Sehnsucht. So wie es um ihn stand, war dieser schnelle Tod vielleicht noch eine Gnade gewesen.

Seine Leiche hat man bis heute nicht gefunden. Schade um ihn. Schade?

Hier soll angemerkt werden: Zu den klassischen Rittertugenden zählt neben Zucht, Ehre, Milde, Stete, Frömmigkeit, Mannhaftigkeit, Treue… eben, und vor allem, auch die »Maße«.

Die Mäßigung also. Und damit auch das Maßhalten mit den Gefühlen. Damit war es bei dieser besinnungslosen Hingabe des Minnerekruten natürlich nicht weit her. Maßlosigkeit ist oft eine tödliche Untugend. Schon mancher angesehene Ritter der Artusrunde hat wegen Unmäßigkeit (auch mit Frauen), also wegen des Verlustes der Mitte, eine lange und beschwerliche Aventiure-Fahrt auf sich nehmen müssen. Denken wir an Erec und Enite! Doch der Sänger war kein Erec. Für Läuterung blieb ihm keine Gelegenheit. Eines Burgfräuleins Schabernack willen in die tiefsten Untiefen der wütenden Isar zu springen, das eben war nicht Man-nheit, sondern schlicht Blödheit.

Sie aber hätte es wissen müssen. Sah sie doch von Anfang an in seinen Augen, dass er mit sich machen ließ, was sie wollte. Mag auch der übrigen Menschheit ihre Missetat verborgen geblieben sein, der höheren Macht blieb nichts verborgen.

Sofort tat sich die Erde auf, viele Klafter tief, und weg war das lose Ding.

Wer an einsamen Abenden, vor allem im Spätsommer und Frühherbst, wenn die Jahreszeit des Vergessens erste Schleier über das Land zu breiten beginnt, wer dann dort am Isarstrande spazierengeht, der vernimmt gar oft das sehnend-lockende Gesäusel des verwunschenen Fräuleins.

»Das ist der Lockvogel«, sagen die einen.

»Die verwunschene Nixe!« die anderen.

Und keiner traut der Geschichte so recht.

Wahr ist, dass die hochmütige Evastochter augenblicklich in eine Nixe verwandelt wurde, mit einem glitschigen Fischschwanz statt langer Beine, und dass sie fortan bei einem stets grantigen Wassermann leben muss in einer finsteren Wassergrotte, gleich bei Großhesselohe. Dem alten Lustgreis muss sie dauernd die hässliche Glatze kraulen, aber schlecht aufgelegt bleibt der trotzdem und hat kein gutes Wort für sie übrig. Er lässt sich nur bedienen, erachtet dies als selbstverständlich, und sie, das ehedem so hochnäsige Geschöpf, kann nichts dagegen tun.

Ihr Hass auf Männer ist dadurch nicht besser geworden. Im Gegenteil!

Da sie besser aussieht denn je (Beobachter, denen man Glauben schenken darf, berichten: strahlend hellgrüne Nixenaugen, grüne, lang wallende Nixenhaare – nur einige wenige erzählen, sie hätten rote Haare gesehen –, Traumfigur, anmutig langer Hals), da sie also nach wie vor so blendend mit Blend-Werk ausgestattet ist, nützt sie die Magie ihres Körpers, um biedere Flößer ganz gemein und hinterlistig in den Tod zu locken. Denn diese verblendeten Herren übersehen dann die Gefahren und die Stromschnellen.

Die Flößer wissen dies und haben Angst. Dabei ist Angst überhaupt nicht das richtige Mittel gegenüber so einem Wesen, Vorsicht wäre besser.

Denn Angst ist letztlich das missratene Kind des Stolzes, und da ist die Neugierde gar nicht weit weg. Wer aber neugierig ist und diese Neigung, zusammen mit seiner Angst, zu einer Art Sehnsucht verbindet, der sehnt sich nach der Nixe, wird geradezu süchtig nach dem, was ihre Erscheinung verspricht und nie hält. Sucht aber kann tödlich sein.

Die Flößer bekreuzigen sich deshalb, tragen Amulette bei sich oder fromme Beigaben. Doch kaum singt die Nixe, »sind sie weg«.

Wer sollte die Nixe erlösen? Erlösung geschieht durch Liebe. Sie aber tritt Gefühle mit Füßen. Kein Wunder, dass sie nur begehrt, nie aber geliebt wird. Das macht ihren Zorn aus.

Und sie singt weiter. Drum Obacht geben, lieber Leser, nicht links und nicht rechts schauen, wenn die Nixe auftaucht. Wie immer hilft beten zu Gott am allermeisten. Denn: »Sie« verdreht sofort den Kopf.

Das ist ihr Dreh.

Das versunkene Dorf bei Riemoder:Nicht nur Flughäfen verschwinden!(Auch Omnibusse in unseren Tagen)

Bisweilen verschwinden Dinge und Einrichtungen, die uns über viele Jahre hinweg vertraut sind, mit sagenhafter Plötzlichkeit. So ist in der Umgegend von und im Luftraum über Riem im Mai 1992 von dem einen auf den anderen Tag der dröhnende Lärm der Flugzeuge verschwunden, weil die triebwerkspolternden Düsenriesen es plötzlich vorgezogen haben, den neuen Großflughafen in Erding anzusteuern beziehungsweise anzufliegen.

Jeder kann selbst raus nach Riem gehen und sich überzeugen, wie der sandsteinrote »Tower« unvergessen in den Himmel ragt, von allen Frequenzen verlassen.

Da steckt aber keine Sage im Hintergrund, sondern ein sehr detailliert vorbereiteter Umzug.

Ganz anders erging es dem nahegelegenen Ort Pachem, der, wenn man dem Stoff, aus dem die Sagen sind, Glauben schenken will, zwischen Riem und Berg am Laim gelegen haben muss.

In alten Urkunden, die aus dem 14. und dem 15. Jahrhundert stammen, wird dieses Dorf noch erwähnt, es soll Bachheim geheißen haben oder Pachem. Warum, das weiß weder der liebe Gott, die Sage noch die Urkunde, und der liebe Gott, der täte es dann am Ende vielleicht doch wissen, aber er verrät es uns nicht, damit die Sage recht geheimnisvoll bleibt und spannend.

Der Name »Bachheim« deutet darauf hin, dass ein Bach geflossen sein könnte, aber es ist da dort kein Bach gewesen, weder damals noch heute…

Oder doch! Denn wir wissen, dass das »Höllwasser«, ein unterirdischer Flusslauf, die schreckliche Buskatastrophe, nämlich das Einbrechen eines Linienbusses in den »Truderinger Krater« vor wenigen Jahren, ausgelöst hat.

Man hätte aus der Sage lernen können und sollen!

Damals nämlich ging das ganze Dorf »den Bach runter«, und davon wollen wir hören.

Denn die Sage berichtet, dass der Ort mit allem, was dazugehörte, im Erdboden versunken ist. Man stelle sich das vor: Da liegen eben noch Häuser, Ställe, Wirtshaus und natürlich die Kirche, mitsamt den dazugehörigen und in ihr Leben eingebundenen Menschen, geschäftiges Dasein breitet sich aus vor dem staunenden Betrachter und, plötzlich!