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Er dachte, er hätte dieses Leben hinter sich gelassen. Nun holt es ihn ein ... Harry Fletcher hat mit den Sünden seiner Vergangenheit abgeschlossen – der Ex-Söldner lebt mittlerweile ein friedliches Leben und betreibt ein touristisches Fischerboot vor der Küste Südafrikas. Doch als seine neuesten Kunden ihn zu einer besonders riskanten Ausfahrt zwingen, wird er zurück in eine Welt voller Gier und Gewalt gezogen: Was als Drogenschmuggel beginnt, entpuppt sich schnell als atemberaubende Jagd nach einem der größten Schätze auf dem Grund des Meeres: den »Indischen Tigerthron«. Und Harry weiß nur zu gut, dass manche Menschen über Leichen gehen würden, um einen solchen Schatz in die Hände zu bekommen … »Keiner schreibt so gute Abenteuerromane wie Wilbur Smith.« Daily Mirror Der actionreiche Abenteuerroman »Der Tigerthron« von Bestseller-Autor Wilbur Smith liefert packende Unterhaltung für alle Fans von Daphne Niko und Kevin Tumlinson!
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Harry Fletcher hat mit den Sünden seiner Vergangenheit abgeschlossen – der Ex-Söldner lebt mittlerweile ein friedliches Leben und betreibt ein touristisches Fischerboot vor der Küste Südafrikas. Doch als seine neuesten Kunden ihn zu einer besonders riskanten Ausfahrt zwingen, wird er zurück in eine Welt voller Gier und Gewalt gezogen: Was als Drogenschmuggel beginnt, entpuppt sich schnell als atemberaubende Jagd nach einem der größten Schätze auf dem Grund des Meeres: den »Indischen Tigerthron«. Und Harry weiß nur zu gut, dass manche Menschen über Leichen gehen würden, um einen solchen Schatz in die Hände zu bekommen …
eBook-Neuausgabe März 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1975 unter dem Originaltitel »The Eye of the Tiger« bei William Heinemann, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1988 unter dem Titel »Das Geheimnis der Morgenröte« im Paul Zsolnay Verlag.
First published in 1975 by William Heinemann Ltd
Copyright © Wilbur Smith 1975
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1988 Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m.b.H., Wien/Darmstadt
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/R-Studio, Shebeko, mernk, leolintung, KDdesign_photo_video, PeopleImages und AdobeStock/Adisorn
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (fb)
ISBN 978-3-69076-508-4
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Wilbur Smith
Roman
Aus dem Englischen von Irene Kohlhaas
Für meine Frau Danielle
Tiger, Tiger, grelle Pracht in den Dickichten der Nacht. Welcher Abgrund, welche Ferne barg die Glut der Augensterne?
William Blake
Es war eines jener Fangjahre, in denen der Fisch spät kam.
Ich holte das Letzte aus Boot und Mannschaft heraus, fuhr jeden Tag weit hinauf nach Norden und lief abends erst lange nach Einbruch der Dunkelheit wieder im Hafen ein. Aber erst am sechsten November sahen wir den ersten Großen auf den weinroten Wogen des Mozambiquestroms südwärts ziehen. Bis dahin hatte ich fast schon angefangen zu beten. Mein Boot war von einem einzelnen Mann angeheuert worden, einem Prominenten aus New York namens Chuck McGeorge. Er war schon Stammkunde – jedes Jahr unternahm er die sechstausend Meilen weite Reise nach der St.-Mary’s-Insel, um hier auf Jagd nach dem großen Schwertfisch zu gehen. Der Mann war klein und drahtig, mit kahlem Schädel und ergrauten Schläfen. Sein zerfurchtes, braunes Affengesicht nicht gerade attraktiv, aber er hatte die sicheren, starken Beine, die man braucht, um es mit dem großen Fisch aufnehmen zu können.
Als wir ihn endlich entdeckten, schwamm er weit an der Oberfläche, und seine Rückenflosse, die länger ist als ein Männerarm, ragte weit aus dem Wasser. Mit ihrer säbelartigen Kontur unterscheidet sie sich deutlich von der des Hais und des Delphins. Angelo sah ihn im gleichen Augenblick wie ich. Er beugte sich über die Reling am Vorderdeck und schrie vor Begeisterung. Sein zigeunerhaftes schwarzes Haar hing ihm in das dunkle Gesicht, und seine Zähne leuchteten im Licht der Tropensonne.
Der Fisch hob und senkte sich in der starken Dünung. Einen Augenblick wurde er emporgetragen, so daß er wie ein Baumstamm wirkte, schwarz und schwer und stark, und man erkannte die Schwanzflosse, die die gleiche Form hatte wie die Rückenflosse. Gleich darauf glitt er in das nächste Wellental hinab, wo die Wasser über seinem breiten, glänzenden Rücken zusammenschlugen.
Ich wandte mich um und warf einen Blick in das Cockpit. Chubby war schon dabei, Chuck in den großen Gefechtsstuhl zu helfen, seinen schweren Kampfanzug zu schließen und die Handschuhe überzustreifen. Er sah kurz auf und begegnete meinem Blick.
Chubby machte ein grimmiges Gesicht und spuckte über die Schulter. Ihm war nichts von der Aufregung anzumerken, die uns alle erfaßt hatte. Chubby ist so groß wie ich, aber insgesamt breiter und kräftiger gebaut. Er ist außerdem einer der beharrlichsten und unbeirrtesten Pessimisten in der Branche.
»Scheuer Fisch!« brummte er vor sich hin und spuckte wieder aus. Ich grinste ihn an.
»Laß dich von ihm nicht drausbringen, Chuck«, rief ich. »Onkel Harry holt ihn dir schon ran!«
»Zehn Riesen, daß du’s nicht schaffst!« brüllte Chuck zurück, während er mit verkniffenem Gesicht über die flimmernde See hinausstarrte.
»Topp!« Ich hatte eine Wette angenommen, die ich nie bezahlen konnte, und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Fisch zu.
Chubby hatte natürlich wieder recht. Er ist gleich nach mir der beste Hechtkenner der Welt. Der Fisch war groß, scheu und ängstlich.
Fünfmal warf ich Köder aus und verwandte all mein Geschick und Können darauf, ihn anzulocken. Und jedes Mal drehte er ab und tauchte unter, sobald ich die Nymphe auf Kurs brachte, um mich ihm zu nähern.
»Chubby, im Eis liegt ein frischer Delphin, zieh die andern Köder ein, dann holen wir ihn uns damit!« schrie ich erschöpft und am Rande der Verzweiflung. Dann warf ich den Delphin aus. Ich hatte den Köder selbst aufbereitet, und er wirkte sehr natürlich, als er so im Wasser schwamm. Ich erkannte den Augenblick, in dem ihn der Schwertfisch annahm. Er schien sich mit den Schultern heftig im Wasser abzustoßen, und als er wendete, schimmerte für den Bruchteil einer Sekunde sein heller Bauch unter der Oberfläche wie ein Spiegel. »Folgt!« kreischte Angelo. »Er folgt!«
Ich setzte Chuck kurz nach zehn Uhr morgens an die Angel und widmete mich dann der Aufgabe, die mir in diesem Kampf zukam. Sie verlangte sehr viel mehr Geschick als nur dazusitzen, die Zähne zusammenzubeißen und die schwere Angel aus Fiberglas mit aller Kraft festzuhalten. Denn jede überflüssige Bewegung des Schiffes bedeutete eine Erschwerung für den Mann an der Angel. Während der ersten rasenden Zuckungen und wilden Sprünge hielt ich die Nymphe nahe am Fisch, damit sich Chuck in den Gefechtsstuhl setzen und sich mit seinen idealen Kampfbeinen gegen den Schwertfisch stemmen konnte.
Kurz nach zwölf Uhr mittags hatte Chuck den Fisch besiegt. Er schwamm an der Wasseroberfläche. Mit jeder Umkreisung würde Chuck nun die Angel etwas einholen, bis wir ihn am Ladehaken hatten.
»He, Harry!« rief Angelo plötzlich. Ich schreckte auf. »Wir haben Besuch!«
»Was soll das denn heißen, Angelo?«
»Ein dicker Johnny kommt gegen den Strom geschwommen. Unser Fisch blutet, und er hat’s gerochen.«
Ich blickte hinüber und sah, wie die stumpfe Flosse des Hais, der durch den Kampf und den Geruch des Bluts angelockt wurde, stetig näherkam. Es war ein großer Hammerhai, und ich rief Angelo zu mir her.
»Brücke, Angelo!« Er übernahm das Steuer.
»Harry, wenn du den Scheißkerl an meinen Fisch ranläßt, kannst du deine zehn Riesen vergessen«, hörte ich Chuck schimpfen, der sich schweißtriefend in seinem Stuhl abmühte. Ich rannte in die Kabine, kniete auf den Boden und schlug die Riegel auf, die den Verschlag zum Maschinenraum verschlossen hielten.
Auf dem Bauch liegend, tastete ich über die Innenseite der Verschalung und bekam den Griff des FN-Karabiners zu fassen, der in seinen Schlaufen hing.
Als ich wieder an Deck rannte, überprüfte ich mit einem Blick den Lauf der Waffe und stellte sie auf Automatik.
»Angelo, geh mal längssseits.«
Ich hing über der Bugreling, während Angelo unser Schiff dem Hai näherbrachte. Es war ein ausgewachsener Hammerhai, insgesamt wohl gute dreieinhalb Meter lang. Sein Körper schimmerte kupfern durch das klare Wasser.
Ich zielte sorgfältig zwischen die riesigen Augenwölbungen, die den Kopf flach und breit erscheinen ließen. Dann feuerte ich eine kurze Salve. Die MP krachte und spuckte leere Metallhülsen aus, während das Wasser in kurzen Stößen aufspritzte.
Der Körper des Hais krümmte sich in Zuckungen, als die Kugeln in den Kopf einschlugen, den furchterregenden Schädel zerschmetterten und das kleine Gehirn zerfetzten. Er drehte sich auf den Rücken und begann zu sinken.
»Danke, Harry«, keuchte Chuck aus seinem Stuhl.
»Gehört alles zum Service«, rief ich grinsend hinüber und ging zu Angelo, um das Steuer wieder zu übernehmen.
Zehn Minuten vor ein Uhr hatte Chuck den Fisch am Fischhaken. Er zerrte ihn auf seine Seite herüber. Der sichelförmige Schwanz zuckte leise, während sich der lange Schnabel in verzweifelten Krämpfen öffnete und schloß. Das einzige, glasige Auge war so groß wie ein reifer Apfel, und der lange Körper glitzerte in tausend verschwimmenden Schattierungen von Silber, Gold und Purpurrot.
»Sauber arbeiten, Chubby«, rief ich, während ich mit meiner behandschuhten Rechten die Stahltrosse erfaßte und den Fisch behutsam zu der Stelle hindirigierte, an der Chubby den blitzenden Haken bereithielt.
Chubby warf mir einen vernichtenden Blick zu, der deutlich genug ausdrückte, daß er schon Schwertfische abgestochen hatte, während ich noch als dreckiger Fratz in einer Londoner Gosse gespielt hatte. »Wart, bis er drüben ist«, rief ich nochmals, weil es mir Spaß machte, ihn zu ärgern, und Chubby preßte als einzige Antwort auf den ungebetenen Ratschlag die Lippen fest aufeinander. Die Dünung schwemmte den Fisch zu uns herauf und bot uns seine breite Brust dar. Sie glänzte silbrig zwischen den ausgestreckten Seitenflossen.
»Jetzt!« rief ich, und Chubby bohrte die Hand mit dem Messer tief in den glitzernden Körper. Mit einem Schwall hellroten Herzblutes begann der Todeskampf des Fisches. Er peitschte die Wasseroberfläche zu schäumendem Weiß und durchnäßte uns Männer mit gut zweihundert Liter Seewasser, die er auf Deck emporschleuderte.
Ich hing den Fisch auf dem Admiralskai am Ladebaum eines Kranes auf. Benjamin, der Hafenmeister, stellte mir die Bescheinigung über ein Gesamtgewicht von achthundertsiebzehn Pfund aus. Die lebhaften, schillernden Farben waren zwar im Tode zu einem stumpfen, rußigen Schwarz erloschen, doch unsere Beute wirkte schon allein durch die Größe – vier Meter fünfunddreißig von Spitze des Schnabels bis zum Ende des riesigen, schwalbenähnlichen Schwanzes.
»Mister Harry hat ’nen Moses am Admiralskai aufgehangen!« Die Nachricht wurde von barfüßigen Bengeln durch die Straße getragen, und die Bewohner der Insel stürzten sich bereitwillig auf die gute Ausrede, um der Arbeit zu entrinnen. Bald drängte sich eine neugierige Menge gaffend am Kai.
Die Kunde drang bis zum alten Regierungsgebäude oben auf dem Steilufer, und bald kam der Landrover des Präsidenten die gewundene Straße heruntergebrummt. Ein kleines buntes Fähnchen flatterte munter auf der Kühlerhaube. Das Gefährt bahnte sich einen Weg durch die Menge und setzte auf dem Kai den bedeutenden Staatsmann ab, der bis zur Unabhängigkeitserklärung der einzige Rechtsanwalt der Insel gewesen war. Er war hier geboren und hatte in England studiert.
»Mister Harry, was für ein Prachtexemplar!« rief er begeistert aus, denn er wußte, daß so ein Fisch dem aufstrebenden Tourismus der Insel nur zuträglich sein konnte. Er packte meine Hand und begann sie zu schütteln.
»Danke, Mr. President. Danke, Sir.« Selbst mit dem schwarzen Homburg, den er auf dem Kopf trug, reichte er mir kaum bis zur Achsel. Er war eine wandelnde Symphonie in Schwarz: Anzug aus schwarzem Wolltuch, schwarze Lacklederschuhe, eine Haut wie poliertes Anthrazit und als einzige Aufhellung ein Haarsaum, der sich in erstaunlichem Weiß um die Ohren kräuselte.
»Wirklich, man muß Sie beglückwünschen!« Präsident Bidle hüpfte vor Begeisterung von einem Bein auf das andere, und ich wußte, daß ich auch dieses Jahr wieder zu den offiziellen Abendessen im Regierungsgebäude eingeladen würde. Ich hatte dafür ein oder zwei Jahre gebraucht – aber seitdem brachte mir der Präsident die gleiche Wertschätzung entgegen, als ob ich auf der Insel geboren wäre. Ich war eines seiner Kinder und durfte die vielen Privilegien in Anspruch nehmen, die dieser Status mit sich brachte.
Fred Coker kam in seinem Leichenwagen und förderte seine fotografische Ausrüstung daraus zutage. Während er sein Stativ aufbaute und unter dem schwarzen Tuch verschwand, um die altertümliche Kamera einzustellen, warfen wir uns neben dem Riesenkadaver in Pose. In der Mitte stand Chuck mit der Angel in der Hand. Wir andern gruppierten uns im Halbkreis um ihn und legten einander die Arme um die Schultern wie eine Fußballmannschaft. Angelo und ich grinsten, während Chubby ein schrecklich finsteres Gesicht machte. Das Bild würde sich gewiß gut in meiner nächsten Werbebroschüre machen – die Mannschaft und ihr unerschrockener Kapitän, dem das lockige Haar unter dem Rand der Mütze und aus dem Hemdausschnitt hervorquoll, ganz Kraft und Lächeln – das würde sie für die nächste Saison einfach vom Stuhl reißen. Ich veranlaßte, daß der Fisch in den Kühlraum bei den Ananas-Lagerhäusern gebracht wurde. Ich würde ihn von Rowland Wards aus London mit der nächsten Kühlladung abholen lassen. Dann beauftragte ich Angelo und Chubby, das Deck der Nymphe zu waschen, sie drüben im Shell-Hafenbecken wieder aufzutanken und danach zum Liegeplatz zu bringen.
Als Chuck und ich gerade in das Fahrerhäuschen meines klapperigen alten Ford-Lieferwagens kletterten, kam mir Chubby verlegen nachgelaufen. Dann sagte er mit zusammengebissenen Zähnen: »Wegen meiner Haifischzulage, Harry ...« Ich wußte genau, was kam, denn es war jedes Mal dasselbe.
»Mrs. Chubby braucht nichts davon zu wissen, was?« sagte ich.
»Genau.« Er nickte mit finsterem Blick und schob dann seine verdreckte Seemütze weit in den speckigen Nacken.
Am nächsten Morgen um neun setzte ich Chuck in sein Flugzeug. Auf der ganzen Rückfahrt sang ich lauthals und hupte den Mädchen, die in den Feldern bei der Ananasernte waren. Sie trugen breitkrempige Strohhüte und richteten sich mit strahlendem Lächeln auf, um mir zuzuwinken.
Ich löste Chucks American-Express-Schecks in Cokers Reisebüro ein und feilschte mit Fred Coker um den Umtauschkurs. Er war ganz in Schale, mit Frack und schwarzer Krawatte. Um zwölf Uhr hatte er eine Beerdigung. Stativ und Kamera waren vorübergehend außer Dienst gesetzt – der Fotograf war zum Leichenbestatter geworden.
Der Raum für die Bestattungsfeiern lag auf der andern Seite eines Flurs hinter dem Reisebüro. Den Leichenwagen benutzte Fred, um Touristen am Flughafen abzuholen – allerdings nicht, ohne vorher diskret das Werbeschild ausgewechselt und auf der Schiene, über die sonst die Särge rutschten, Sitzgelegenheiten in den Fond geschoben zu haben.
Coker vermittelte mir all meine Fanggesellschaften und schlug seine zehn Prozent Provision auf die Reiseschecks, die ich bei ihm einlöste. Er besaß auch eine Versicherungsgesellschaft und zog deshalb noch die Jahresprämie für die Nymphe ab, bevor er mir den Restbetrag sorgfältig auf den Tisch zählte. Ich zählte ihn gewissenhaft nach. Fred sieht zwar wie ein Dorfschullehrer aus – groß, dünn und verklemmt – und hat gerade soviel Inselblut in sich, um eine gesunde braune Gesichtsfarbe zu haben. Trotzdem kennt er jeden nur vorstellbaren Trick und gewiß noch ein paar mehr. Geduldig und ohne das geringste Anzeichen von Entrüstung wartete er, bis ich mit dem Nachzählen fertig war. Als ich schließlich das Bündel Geldnoten in meine Hosentasche stopfte, sagte er mir im Tonfall eines liebevoll besorgten Vaters, wobei der goldene Zwicker, den er auf der Nase trug, blitzte: »Und vergessen Sie nicht, Harry, daß morgen ihre nächste Fangpartie eintrifft.«
»Schon gut, Mr. Coker – Sie können sich darauf verlassen, daß wir alle bereit sind.«
»Sie sind schon im Lord Nelson angekommen«, sagte er mit leichtem Nachdruck. Fred hat immer den Finger am Puls der Ereignisse.
»Mr. Coker – ich betreibe ein Fangboot und keine Abstinenzlergesellschaft. Machen Sie sich keine Gedanken«, wiederholte ich. Dann stand ich auf. »An einem Besäufnis ist noch keiner gestorben.« Ich ging über die Drake Street zu Edwards Laden hinüber, wo ich wie ein Volksheld empfangen wurde. Ma Eddy kam höchstpersönlich hinter der Theke hervor und drückte mich an ihren weichen Busen.
»Mr. Harry«, gurrte sie und bedeckte mein Gesicht mit feuchten Küssen. »Ich war unten an der Mole und habe den Fisch gesehen, den Sie gestern geholt haben.« Ohne mich aus ihren Armen zu lassen, wandte sie sich zum rückwärtigen Teil des Ladens um und rief einem der Mädchen hinter der Theke zu: »Shirley, hol Mr. Harry ein schönes, kühles Bier, ja?«
Mit einiger Mühe zerrte ich das Geldbündel aus meiner Tasche. Die hübschen kleinen Inselmädchen zwitscherten wie die Spatzen, als sie es erblickten, und Ma Eddy rollte ihre riesigen Augen und umschloß mich noch fester.
»Was bin ich Ihnen schuldig, Missus Eddy?« Von Juni bis November ist eine lange Zeit, in der kein Fisch kommt, und Ma Eddy bringt mich über diese mageren Wochen. Mit einer Büchse Bier in der Hand lehnte ich gegen die Theke und ließ mir aus den Regalen herunterholen, was ich an Lebensmitteln brauchte. Ich betrachtete genußvoll die Beine der Mädchen, die in ihren Miniröcken auf die Leitern stiegen, um die verschiedenen Büchsen zu angeln. Mit dem Batzen grünen Papiers in der Hosentasche fühlte ich mich sehr unternehmend und kam mir unheimlich gut vor. Dann ging ich zum Hafenbecken der Shell hinunter, wo ich den Chef zwischen den riesigen glänzenden Benzintanks an der Tür seines Büros traf.
»Mein Gott, Harry, ich warte schon den ganzen Morgen auf Sie. Ich habe ganz schön Ärger gekriegt wegen Ihrer Rechnung.«
»Na, nun ist die lange Wartezeit vorbei...«, sagte ich beruhigend. Wie die meisten schönen Frauen ist auch die Nymphe eine teure Geliebte, und als ich wieder in meinen Lieferwagen kletterte, war das grüne Bündel in meiner Hosentasche schon bedenklich zusammengeschmolzen.
Sie warteten im Biergarten des ›Lord Nelson‹. Obwohl die Insel inzwischen keine britische Besitzung mehr ist, sondern sich seit sechs Jahren ihrer Unabhängigkeit erfreuen kann, ist sie sehr stolz auf ihre Beziehungen zur Königlichen Marine. Die zweihundert Jahre, in denen sie britischer Flottenstützpunkt war, lassen sich nicht einfach wegwischen. Die Wände des Restaurants waren mit alten Drucken längst verstorbener Künstler geschmückt, auf denen sich riesige Schiffe im Kampf mit den Wogen die Fahrrinne heraufarbeiteten oder im Hafen am Admiralskai lagen. Kriegsleute und Handelsschiffer hatten hier Proviant geladen und ihre Schiffe zum letztenmal ausbes- sern lassen, bevor sie sich auf die große Fahrt nach Süden zum Kap der Guten Hoffnung und zum Atlantik aufmachten.
St. Mary’s hat weder seinen Platz in der Geschichte noch die Admiräle und die stattlichen Schiffe vergessen, die hier anlegten. Das ›Lord Nelson‹ ist heute nur noch eine Parodie seiner früheren Pracht, aber mir gefällt seine heruntergekommene, schäbige Eleganz mit all den Erinnerungen, die ihm anhaften, besser als ein Turm aus Glas und Beton wie das Hilton-Hotel, das sie drüben auf der Landzunge vor dem Hafen hingestellt haben.
Chubby und seine Frau saßen nebeneinander auf einer Bank gegenüber vom Eingang. Beide trugen ihre Sonntagskleider, an denen sie am einfachsten voneinander zu unterscheiden waren: Chubby steckte in dem dreiteiligen Anzug, den er sich seinerzeit für die Hochzeit gekauft hatte und an dem mittlerweile die Knöpfe abzuspringen drohten. Auf seinem Kopf saß die blutbefleckte Hochseemütze, die vom getrockneten Salzwasser mit einer weißlichen Staubschicht überzogen war. Seine Frau dagegen war in ein bodenlanges, schwarzes Gewand aus schwerem Wollstoff gehüllt, das im Laufe der Jahre einen grünlichen Schimmer angenommen hatte. Ihre Füße steckten in schwarzen Knopfstiefeln. Die beiden dunklen Gesichter waren fast gleich – allerdings hatte sich Chubby gerade frisch rasiert, während auf der Oberlippe seiner Frau ein leichter Schnurrbart sproß.
»Hallo, Missus Chubby, wie geht es Ihnen?« fragte ich.
»Danke, Mister Harry.«
»Darf ich Sie zu einem Drink einladen?«
»Höchstens einen kleinen Orangengin, Mister Harry, und ein Bier zum Nachspülen.«
Während sie an ihrem Getränk nippte, zählte ich ihr Chubbys Lohn in die Hand. Ihre Lippen bewegten sich leise beim Mitzählen. Chubby sah angstvoll zu, und ich fragte mich einmal mehr, wie er es all die Jahre geschafft hatte, ihr die Zulage zu unterschlagen.
Missus Chubby schüttete das Bier hinunter, wobei etwas Schaum an der Oberlippe hängen blieb und ihren Schnurrbart unterstrich.
»Dann kann ich ja gehen, Mister Harry.« Sie erhob sich würdevoll und verließ den Garten. Ich wartete, bis sie in die Frobisher Street eingebogen war, bevor ich Chubby den kleinen Umschlag mit Banknoten unter dem Tisch zusteckte. Dann gingen wir zusammen in die Bar.
Angelo hatte auf jeder Seite ein Mädchen und dazu noch eine auf dem Schoß. Sein schwarzes Seidenhemd war bis zum Gürtel offen und zeigte die schimmernden Brustmuskeln. Die Jeans saßen so hauteng, daß über sein Geschlecht nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Dazu trug er handgefertigte, glänzende Wildweststiefel. Er hatte sich Pomade ins Haar geschmiert und es aus dem Gesicht gekämmt wie Elvis in seinen jungen Jahren. Sein blitzendes Lächeln streifte wie ein Scheinwerf er durch den Raum, und als ich ihm sein Geld gegeben hatte, steckte er zuerst jedem der Mädchen eine Banknote in den Ausschnitt.
»Hey, Eleanor, geh, setz dich Harry auf den Schoß, aber sei vorsichtig! Du weißt ja – er ist noch Jungfrau. Du wirst’s schon richtig machen, was?« Er brüllte vor Lachen und wandte sich dann zu Chubby.
»He Chubby, hör doch endlich auf mit deinem blöden Gekicher! Mensch, ist das albern – die ganze Zeit dieses Gekicher und Gegrinse!« Chubbys Gesicht wurde noch finsterer und legte sich in unzählige Falten und Runzeln wie das eines Boxerhundes. »He, Barmann – gib doch dem alten Chubby endlich mal einen Drink. Vielleicht hört er dann auf, dauernd den Blödmann zu spielen mit dem albernen Gekicher!«
Um vier Uhr hatte Angelo seine Mädchen verscheucht und starrte in das Glas, das vor ihm auf dem Tisch stand. Er hatte sein Ködermesser offen danebengelegt. Es war scharf wie eine Rasierklinge und schimmerte im Schein der Lampe böse und kalt. Er war tief in alkoholbedingte Melancholie versunken und murmelte düstere Worte vor sich hin. Im Abstand von wenigen Minuten prüfte er immer wieder die Schneide des Messers mit dem Daumen und warf finstere Blicke durch den Raum. Niemand beachtete ihn.
Auf meiner andern Seite saß Chubby. Er grinste wie eine braune Riesenkröte und entblößte dabei ein riesiges, verblüffend weißes Gebiß mit Zahnfleisch aus rosa Plastik.
»Harry«, sagte er überströmend, indem er mir einen seiner muskulösen Riesenarme um den Hals schlang. »Du bist ein anständiger Kerl, Harry. Weißt du was, Harry? Jetzt will ich dir mal was sagen, was ich dir noch nie erzählt habe.« Er nickte bedächtig, während er sich sammelte, um mir die Erklärung zu machen, die an jedem Zahltag fällig war. »Harry, Mensch, ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich; mehr als wenn du mein eigener Bruder wärest.«
Ich hob seine fleckige Mütze, streichelte sanft über den kahlen Schädel und sagte: »Und du bist mein blonder Schatz.«
Einen Augenblick hielt er mich mit beiden Armen von sich und betrachtete eingehend mein Gesicht. Dann brach er in wildes Gelächter aus. Es war ansteckend. Wir bogen uns immer noch beide vor Lachen, als Fred Coker hereinkam und sich an unseren Tisch setzte. Er rückte seinen Zwicker zurecht und sagte steif: »Mister Harry, ich habe gerade einen Eilbrief aus London erhalten. Ihre nächste Fangpartie hat abgesagt.«
Ich hörte auf zu lachen.
»Verdammte Scheiße!« sagte ich. Mitten in der Hochsaison zwei Wochen ohne Passagiere und dafür nur die lumpigen zweihundert Dollar Rücktrittsgebühren.
»Mr. Coker, Sie müssen mir eine neue Fangpartie besorgen.«
Ich hatte von Chucks Bezahlung noch dreihundert Dollar in der Tasche.
»Sie müssen mir eine Partie besorgen«, wiederholte ich. Angelo nahm sein Messer und hieb es krachend in die Tischplatte. Niemand beachtete ihn, und er warf wilde Blicke durch den Raum.
»Ich will es versuchen«, sagte Fred Coker, »aber es ist jetzt ein bißchen spät.«
»Telegrafieren Sie den Leuten, denen wir absagen mußten.« »Und wer bezahlt die Telegramme?« fragte Fred behutsam. »Verdammt noch mal, ich zahle!«
Er nickte und ging hinaus.
Ich hörte draußen den Leichenwagen anfahren.
»Mach dir nichts daraus, Harry«, sagte Chubby. »Ich liebe dich trotzdem, Mensch.«
Plötzlich schlief Angelo neben mir ein. Er kippte nach vorn und schlug mit lautem Krach seine Stirn auf den Tisch. Ich drehte seinen Kopf um, damit er nicht in der Lache von ausgegossenem Schnaps ertrank, steckte das Messer in die Scheide zurück und nahm ihm sein Bündel Geldnoten ab, um es vor den Mädchen zu schützen, die wieder bedenklich nahe gerückt waren.
Chubby bestellte noch eine Runde und begann ein dröhnendes Seemannslied zu singen, während ich dasaß und grübelte. Einmal mehr war ich am Rande des finanziellen Zusammenbruches. Herrgott, wie kotzte mich das Geld an – oder genauer gesagt, wie kotzte es mich an, keines zu haben. Die nächsten zwei Wochen würden darüber entscheiden, ob die Nymphe und ich die Nebensaison überstehen würden und dabei unseren guten Vorsätzen treu blieben. Ich wußte, daß wir es nicht konnten. Ich wußte, daß wir wieder auf die Nachttour gehen mußten.
Verdammt noch mal. Wenn es schon sein mußte, konnten wir ebensogut gleich damit anfangen. Ich würde das Gerücht ausstreuen, daß Harry wieder für einen Handel zu haben sei. Nachdem ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen hatte, fühlte ich wieder den erregenden Nervenkitzel, dieses leichte Kribbeln im Unterleib, das mit der Gefahr einhergeht. Die zwei Wochen ohne Charter sollten keine verlorene Zeit sein. Ich stimmte in Chubbys Gesang ein, ohne ganz sicher zu sein, ob wir auch tatsächlich das gleiche Lied grölten. Ich war jedenfalls mit meiner Strophe immer schon früher fertig als Chubby.
Wahrscheinlich war es unsere musikalische Glanzleistung, die schließlich das Gesetz auf den Plan rief. Es präsentierte sich auf St. Mary’s in Gestalt eines Inspektors und vier berittener Polizisten, was für die Insel mehr als genug ist. Abgesehen von zahlreichen ›sexuellen Umgangs mit Minderjährigen‹ und vereinzelten Frauenmißhandlungen gibt es dort kein Verbrechen, was dieses Namens würdig wäre.
Inspektor Peter Daly war ein junger Mann mit blondem Schnurrbart, weichen, geröteten Wangen und blauen Augen, die so eng zusammenstanden, daß man unwillkürlich an eine Kanalratte erinnert wurde. Er trug die Uniform der britischen Kolonialpolizei, dazu eine Mütze mit silbernem Abzeichen und glänzendem Lacklederschirm. Der Khakistoff seines Anzuges war so heftig gestärkt und gebügelt, daß er beim Gehen leise knisterte. Darüber lagen der Ledergürtel und gekreuzte Brustriemen. Er trug ein Offiziersstöckchen, das ebenfalls mit glänzendem Leder überzogen war. Wenn man von den grün-gelben Schulterstücken absah, die die Zugehörigkeit zu St. Mary’s anzeigten, wirkte er wie die verkörperte Pracht des britischen Empire. Allerdings hatte auch etwas vom Zusammenbruch des Empire auf die Männer abgefärbt, die seine Uniform trugen. »Mr. Fletcher«, sagte er, als er vor unserem Tisch stand, und klopfte sich dabei leise mit seinem Offiziersstöckchen in die Handfläche. »Ich will doch hoffen, daß wir heute abend keine Schwierigkeiten bekommen!«
»Sir, bitte!« sagte ich herausfordernd. Inspektor Daly und ich waren noch nie Freunde gewesen – ich mag keine Großmäuler, und erst recht keine von denen, die die vollkommen ausreichende Bezahlung ihrer Vertrauensstellung durch Bestechungsgelder und Provisionen aufzubessern wissen. Er hatte mir in der Vergangenheit viel von meinem sauer verdienten Geld abgenommen, und damit eine Sünde begangen, die ich ihm nicht vergeben konnte.
Die Lippen unter seinem blonden Schnurrbart verzogen sich zu schmalen Strichen, und das Blut schoß ihm in die Wangen. »Sir«, wiederholte er widerstrebend.
Es mochte zwar sein, daß Chubby und ich in lange zurückliegenden Zeiten unserer Freude über einen besonders gelungenen Fang ab und zu etwas übertriebenen Ausdruck verliehen hatten – das gab Inspektor Daly aber noch lange nicht das Recht, eine derart saloppe Sprache zu führen. Schließlich war er lediglich ein Auswanderer auf Zeit: Er diente einen Dreijahresvertrag ab, und ich wußte vom Präsidenten persönlich, daß der nicht verlängert würde.
»Inspektor, gehe ich richtig in der Annahme, daß dies hier ein öffentliches Lokal ist – und daß weder meine Anwesenheit noch die meiner Freunde einen Verstoß gegen das Gesetz darstellt?«
»Das stimmt.«
»Und täusche ich mich auch nicht in der Annahme, daß das Absingen melodischer und anständiger Lieder in einem öffentlichen Lokal kein Verbrechen darstellt?«
»Gewiß, das stimmt schon, aber ...«
»Dann machen Sie, daß Sie verschwinden«, sagte ich so liebenswürdig wie möglich. Er zögerte und warf einen unsicheren Blick auf Chubby und mich. Beide zusammen bildeten wir schon einen ganz ansehnlichen Muskelberg, und er konnte die unverhohlene Streitlust in unseren Augen kaum übersehen. Man sah ihm an, daß er sich seine berittenen Polizisten herbeiwünschte.
»Ich werde Sie nicht aus den Augen lassen«, sagte er. Er klaubte seine würdige Haltung zusammen wie ein Bettler seine Lumpen und verzog sich.
»Chubby, du singst wie ein Engel«, sagte ich, und er strahlte mich an.
»Harry, ich spendiere dir ’nen Drink!« Fred Coker kam gerade rechtzeitig, um mitzutrinken.
Er trank Lagerbier und Zitronensaft. Mir drehte es beim Zusehen schier den Magen um. Aber dafür brachte er Nachrichten, die meine Eingeweide wieder beruhigten.
»Mister Harry, ich habe Charterer für Sie.«
»Mister Coker, ich liebe Sie.«
»Ich liebe Sie auch«, sagte Chubby. Tief im Innern fühlte ich eine leise Enttäuschung. Ich hatte mich schon auf die Nachttour gefreut.
»Wann kommen sie an?« fragte ich.
»Sie sind schon da. Sie haben in meinem Büro gewartet, als ich zurückkam.«
»Im Ernst?«
»Sie wußten, daß die anderen Leute abgesagt hatten, und haben speziell nach Ihnen gefragt. Sie müssen mit demselben Flugzeug gekommen sein wie der Eilbrief.«
Wenn ich in diesem Augenblick nicht schon ziemlich benebelt gewesen wäre, hätte ich es zumindest sehr auffallend gefunden, daß die eine Gesellschaft gerade in dem Augenblick ankam, in dem die andere abgesagt hatte.
»Sie wohnen oben im Hilton.«
»Soll ich sie abholen?«
»Nein, sie kommen morgen früh um zehn zum Admiralskai.«
Ich war froh, daß die Gesellschaft erst so spät aufbrechen wollte.
An diesem Morgen bestand die Besatzung der Nymphe aus lauter Ölköpfen. Angelo stöhnte leise vor sich hin. Jedes Mal, wenn er sich niederbeugte, um eine Trosse aufzuwickeln oder die Angel zu richten, nahm seine Haut eine helle Schokoladentönung an. Chubby schwitzte reinen Alkohol und machte ein Gesicht, daß einem wirklich das Grausen kommen konnte. Er hatte den ganzen Vormittag noch kein einziges Wort gesagt.
Ich selber fühlte mich auch nicht gerade in Hochstimmung, Die Nymphe lag längsseits am Kai, und ich hing mit meiner dunkelsten Sonnenbrille auf der Brücke. Mein Kopf juckte, aber ich wagte nicht, die Mütze abzunehmen, weil ich Angst hatte, daß beim Kratzen die Schädeldecke gleich mit abginge.
Das einzige Taxi der Insel, ein Citroën, Baujahr 1962, kam die Drake Street heruntergefahren und hielt am Ende des Kais an. Zwei Leute stiegen aus. Ich wunderte mich, denn Coker hatte ganz deutlich gesagt, daß die Gesellschaft aus drei Leuten bestünde.
Sie kamen nebeneinander die lange, gepflasterte Mole entlang, und während ich sie beobachtete, richtete ich mich langsam auf und nahm die Schultern zurück. Meine Müdigkeit war wie weggewischt. Stattdessen fühlte ich wieder dieses leise Ziehen im Unterleib und das leichte Kitzeln an der Rückseite der Oberarme und im Nacken.
Der eine war groß und bewegte sich mit der Lässigkeit eines Berufsathleten. Er trug keinen Hut, und ich sah, daß sein helles, rötliches Haar sorgfältig über eine beginnende Glatze gekämmt war, die hell durchschimmerte. Um Bauch und Hüften hatte er jedoch noch kein Gramm zuviel. Er war wachsam. Anders kann ich diesen von Bereitschaft geladenen Eindruck nicht beschreiben, den mir dieser Mann vermittelte.
Um diese Sorte Mensch zu erkennen, muß man selbst einer von ihnen sein. Das war ein Mann, der gelernt hatte, mit der Gewalt und durch die Gewalt zu leben. Er war ein starker Arm, ein Soldat, wie man solche Leute im Metier nannte. Ihm war es gleichgültig, von welcher Seite des Gesetzes das Geld kam und ob er dazu beitrug, das Recht zu schützen oder es zu brechen. So einer brachte immer Ärger. Ich hatte gehofft, in den friedlichen Gewässern von St. Mary’s nie einen solchen Raubfisch zu sehen. Ein Anflug von Übelkeit erfaßte mich, als ich erkennen mußte, daß er mich aufgespürt hatte. Ich warf einen raschen Blick auf den zweiten Mann. Bei ihm war es weniger augenfällig. Alter und Ansätze von Verfettung verwischten hier die klare Linie. Die Klinge war nicht mehr ganz scharf. Aber er war vom gleichen Schlag, und das machte die Sache nicht besser. »Das wird was geben, Harry«, sagte ich zu mir selbst. »Wenn mir doch wenigstens der Schädel nicht so weh täte.« Die beiden waren nähergekommen, und es war nun offensichtlich, daß der ältere das Sagen hatte. Der jüngere hielt sich respektvoll einen halben Schritt hinter ihm. Er war ein paar Jahre älter als ich – schätzungsweise Ende Dreißig. Über dem Krokodilledergürtel zeichnete sich der Ansatz eines Bauches ab, und die Haut unter dem Kinn war schlaff. Sein Haarschnitt verriet jedoch einen Friseur aus der Bond Street, und er trug sein Seidenhemd und die Gucci-Schlappen wie Rangabzeichen. Während er die Mole entlangkam, betupfte er sich Kinn und Oberlippe mit einem weißen Taschentuch. Ich schätzte den Diamanten an seinem kleinen Finger auf zwei Karat. Er war in schlichtes Gold gefaßt, und auch die Armbanduhr war aus Gold – vermutlich von Lanvin oder Piaget.
»Fletcher?« fragte er, als er an der Nymphe angekommen war. Er hatte stechende schwarze Augen, die mich an ein Frettchen erinnerten. Ein kalter Glanz lag in ihnen. Es waren die Augen eines Räubers. Ich sah jetzt, daß der Mann älter war, als ich zunächst angenommen hatte, denn das Haar war gefärbt. Demnach war er schon grau. Die Haut über seinen Wangen war unnatürlich straff, und ich erkannte am Haaransatz die Narben einer Gesichtsoperation. Er hatte sich liften lassen. Ein eitler Bursche.
Er war der Typ des altgedienten, erfahrenen Soldaten, der sich von unten in die Befehlsposition heraufgedient hatte. Er war das Gehirn. Der andere war die ausführende Kraft. Jemand hatte die erste Garnitur geschickt, und blitzartig erkannte ich, warum die ursprüngliche Gesellschaft gekündigt hatte. Ein Anruf und der anschließende Besuch dieses Paares dürften genügen, um dem Durchschnittsbürger die Lust auf die Schwertfischjagd vergehen zu lassen.
»Mr. Materson? Kommen Sie an Bord ...« Wenn ich eines mit Bestimmtheit wußte, dann war es, daß die beiden nicht zum Fischen gekommen waren. Ich beschloß, mich klein zu machen, bis ich herausgefunden hatte, wie die Chancen standen. Daher fügte ich meiner Aufforderung ein verspätetes »Sir« hinzu.
Der Muskelknabe sprang auf das Deck und landete weich und federnd wie eine Katze. Das langsame Schwingen des Mantels, den er über dem Arm trug, ließ erkennen, daß etwas Schweres in der Tasche steckte. Er schob energisch den Kiefer vor, während er meine Mannschaft mit einem flüchtigen Blick musterte.
Angelo schenkte ihm eine verdünnte Ausgabe seines weithin berühmten Lächelns und tippte lässig mit dem Zeigefinger an die Mütze. »Guten Tag! Willkommen an Bord, Sir!« Chubbys finsterer Blick hellte sich für den Bruchteil einer Sekunde auf, während er etwas murmelte, das sich wie ein Fluch anhörte, vermutlich aber eine herzliche Begrüßung war. Der Mann schenkte ihm keine Beachtung. Er wandte sich um und half Materson, der auf das Deck herunterkletterte und dort wartete, während sein Leibwächter die Kabine der Nymphe untersuchte. Erst dann ging er hinein. Ich folgte ihm. Unser Schiff ist luxuriös ausgestattet, und für einen Preis von einhundertfünfundzwanzigtausend Dollar ist das auch das Mindeste, was man erwarten kann. Die Klimaanlage hatte die Vormittagshitze gemildert, und Materson seufzte erleichtert auf, während er sich sein Gesicht wieder mit dem weißen Taschentuch abtupfte und in einen der gepolsterten Sessel sank.
»Das ist Mike Guthrie.« Er deutete eine Bewegung in Richtung auf den Muskelknaben an, der gerade dabei war, Luken und Verschläge genau zu besehen. Er nahm sich offenbar ziemlich ernst und gab sich wie einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.
»Es ist mir ein Vergnügen, Mr. Guthrie.« Ich legte all meinen jungenhaften Charme in mein Lächeln, das er jedoch mit einer achtlosen Handbewegung beantwortete, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
»Was darf ich Ihnen anbieten, meine Herren?« fragte ich, während ich den Barschrank öffnete. Sie tranken beide eine Büchse Coke. Mir war auf den Schrecken nach etwas Handfesterem zumute. Der erste Schluck Bier erweckte mich zu neuem Leben. »Nun, meine Herren, ich denke, ich verspreche nicht zuviel, wenn ich Ihnen ein unvergeßliches Erlebnis in Aussicht stelle. Erst gestern haben wir einen Riesenfisch gefangen, und alles deutet darauf hin ...«
Mike Guthrie trat dicht vor mich hin und sah mir ins Gesicht. Seine Augen waren blaugrün gefleckt und erinnerten mich an handgewebten Tweed.
»Habe ich Sie nicht schon mal gesehen?« fragte er.
»Ich glaube nicht, daß ich das Vergnügen hatte.«
»Sie kommen aus London, nicht wahr?« Er hatte meinen Akzent erkannt.
»Ist aber schon ’ne ganze Weile her.« Ich grinste breit. Ohne das Gesicht zu verziehen, ließ er sich mir gegenüber in einen Sessel fallen und legte die Hände mit ausgespreizten Fingern flach auf die Tischplatte zwischen uns. Er hielt den Blick unverwandt auf mich gerichtet. Ein ganz schön ausgekochtes Kerlchen, daran hatte ich keinen Zweifel.
»Ich fürchte, für heute sind wir schon zu spät dran«, quatschte ich unbeirrt drauflos. »Wenn wir im Mozambiquestrom fischen wollen, müssen wir um sechs Uhr früh auslaufen. Ich würde deshalb vorschlagen, daß wir morgen schon sehr zeitig .. .« Materson unterbrach mich. »Gehen Sie diese Liste durch, Fletcher, und sagen Sie uns, was Sie noch brauchen.« Er reichte mir einen zusammengefalteten Bogen Papier herüber, und ich ließ meinen Blick über die handgeschriebene Liste gleiten. Sie umfaßte Tauch- und Rettungsausrüstungsstücke. »Oh, dann liegt Ihnen gar nicht so viel an der Großfischjagd?« Onkel Harry schien es gar nicht glauben zu können.
»Wir wollen eine kleine Expedition unternehmen, das ist alles.«
Ich zuckte die Achseln. »Solange Sie bezahlen, kann uns egal sein, was Sie vorhaben.«
»Haben Sie das ganze Zeug da?«
»Das meiste.« Um die allgemeine Finanzlage etwas aufzubessern, betreibe ich in der Nebensaison einen Großhandel mit Atemgeräten zu Vorzugspreisen. Ich hatte eine komplette Serie von Tauchausrüstungen da, und im Maschinenraum der Nymphe befand sich ein Luftkompressor zum Aufladen. »Ich habe keine Luftkissen und nicht so viel Seil...«
»Können Sie das besorgen?«
»Gewiß.« Ma Eddy verfügte über ein ganz ansehnliches Sortiment an Schiffsausrüstung, und Angelos Vater war Segelmacher. Er würde die Luftkissen in wenigen Stunden fertig haben.
»Also gut, kümmern Sie sich darum.«
Ich nickte. »Wann wollen Sie auslaufen?«
»Morgen früh. Wir werden zu dritt sein.«
»Hat Ihnen Mr. Coker gesagt, daß der Preis pro Tag fünfhundert Dollar beträgt? Die zusätzliche Ausrüstung geht auf Ihre Rechnung.«
Materson neigte den Kopf nach vorn und wollte aufstehen.
»Wären Sie mit einer kleinen Vorauszahlung einverstanden?« fragte ich ganz sanft. Die beiden erstarrten. Ich schenkte ihnen mein gewinnendstes Lächeln.
»Der Winter war lang und mager, Mr. Materson. Nun soll ich all das Zeug kaufen und muß außerdem meinen Tank füllen.« Materson zog seine Brieftasche und zählte dreihundert Pfund in Fünfern ab. Während er das Geld hinblätterte, sagte er in seiner leisen, gurrenden Stimme: »Ihre Mannschaft werden wir nicht brauchen, Fletcher. Wir drei helfen Ihnen mit dem Schiff.«
Das hatte ich nicht erwartet. »Auch wenn Sie sie nicht brauchen, müssen sie ihren vollen Lohn bekommen. Ich kann mit dem Preis nicht herunter.«
Mike Guthrie saß mir immer noch gegenüber. Nun beugte er sich vor. Seine Stimme war ganz leise. »Sie haben doch gehört, was er gesagt hat, Fletcher. Also schicken Sie ihre Nigger von Bord.«
Ich faltete das Bündel Geldscheine mit großer Sorgfalt zusammen und steckte es in die Brusttasche meiner Jacke, die ich langsam zuknöpfte, bevor ich ihn ansah. Er war schnell. Ich sah, wie jeder Muskel seines Körpers zum Sprung gespannt war, und zum ersten Mal entdeckte ich einen Ausdruck in seinen gefleckten Augen. Es war etwas wie Vorfreude. Er wußte, daß er gut gezielt hatte, und dachte, ich würde die Herausforderung annehmen. Er suchte die Gelegenheit, um sich mit mir zu messen. Seine Hände lagen immer noch flach auf dem Tisch. Ich stellte mir vor, wie ich die beiden kleinen Finger am mittleren Gelenk wie Zahnstocher nach hinten knicken würde. Ich wußte, daß ich es getan hätte, bevor er sich überhaupt rühren konnte, und dieses Bewußtsein rief tiefe Zufriedenheit in mir hervor und beschwichtigte den Zorn, der in mir aufgestiegen war.
Ich habe nicht viele Freunde – aber die wenigen halte ich in Ehren.
»Haben Sie verstanden, Mensch«, zischte Guthrie. Ich zauberte ganz langsam wieder das jungenhafte Lächeln auf mein Gesicht, wo es idiotisch schief hängenblieb.
»Ja, Sir, Mr. Guthrie«, sagte ich. »Sie zahlen. Und der Rest ist mir egal.« Die Worte würgten mich fast. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Enttäuschung war ihm deutlich anzumerken. Er war für die Knochenarbeit zuständig, und er tat seine Arbeit gern. Ich glaube, ich wußte schon damals, daß ich ihn töten würde, und der Gedanke verschaffte mir eine so große Genugtuung, daß es mir nicht allzu schwerfiel, das Lächeln auf meinem Gesicht zu halten.
Materson sah mit seinen flinken, schwarzen Augen zu. Er widmete uns das unbeteiligte, klinische Interesse, mit dem ein Wissenschaftler das Verhalten von Versuchtstieren verfolgt. Er erkannte, daß dieser erste Waffengang entschieden war, und sagte wieder mit seiner leisen, gurrenden Stimme:
»Ausgezeichnet, Fletcher.« Er ging auf das Deck. »Beschaffen Sie die fehlende Ausrüstung bis morgen, und halten Sie sich um acht Uhr bereit.«
Ich blieb allein zurück und trank mein Bier aus. Vielleicht lag es nur an dem verdammten Kater, daß ich ein ziemlich übles Vorgefühl hatte. Letztlich war es vielleicht tatsächlich das Beste, Chubby und Angelo hier zu lassen. Ich ging hinaus und sagte ihnen Bescheid.
»Tut mir leid, aber wir haben ein paar Irre erwischt. Sie haben irgendein großes Geheimnis und wollen euch rauskaufen.« Ich schloß die Unterwasseratmungsgeräte zum Auffüllen an den Kompressor an. Dann ließen wir die Nymphe an der Mole. Ich ging zu Ma Eddy’s Laden hinauf, während Angelo und Chubby die Skizze von den Luftkissen in die Werkstatt von Angelos Vater trugen.
Die Luftkissen waren um vier Uhr fertig. Ich holte sie ab und verstaute sie im Segelverschlag unter den Sitzen im Cockpit. Dann verbrachte ich eine Stunde damit, die Zufuhrventile der Atemgeräte zu überprüfen.
Bei Sonnenuntergang fuhr ich die Nymphe allein zu ihrem Anlegeplatz hinaus und wollte gerade von Bord gehen und im Beiboot zum Ufer rudern, als mir etwas einfiel. Es war ein guter Gedanke. Ich ging in die Kabine zurück und schlug die Riegel an der Maschinenraumluke zurück. Dann nahm ich die MP aus ihrem Versteck, schob eine Patrone in den Lauf und stellte den Hebel auf automatische Feuerung. Ich sicherte die Waffe, bevor ich sie wieder in ihre Lederschlaufen hing.
Vor Einbruch der Dunkelheit nahm ich mein altes Wurfnetz und watete in der Lagune zum großen Riff hinaus. Unter der Wasseroberfläche, die in der untergehenden Sonne wie Kupfer und Purpur leuchtete, blitzten silbrige Streifen auf. Mit weitem Schwung warf ich das Netz aus. Es blähte sich wie ein Fallschirm und bedeckte in großem Kreis die seichte Stelle, wo die Meeräschen durch das Wasser huschten. Als ich das Netz zuzog, zappelten fünf der großen, silbernen Fische, jeder so lang wie mein Unterarm, in den nassen, groben Falten.
Ich briet mir zwei und aß sie auf der Veranda vor meinem Haus. Sie schmeckten zehnmal besser als frische Forellen aus einem Gebirgsfluß. Als ich fertig war, goß ich mir einen zweiten Whisky ein und blieb in der Dunkelheit sitzen.
Das ist für gewöhnlich der Augenblick, in dem etwas vom Frieden dieser Insel in mich übergeht und in dem ich ganz nahe daran bin, einen Sinn in dieser ganzen lumpigen Existenz zu sehen. An diesem Abend war es anders. Ich war zornig, denn diese Leute hatten ein Gift mit sich gebracht, von dem ich wußte, daß es ansteckend war. Ich war vor fünf Jahren vor ihm weggelaufen und hatte geglaubt, es könne mich nicht mehr erreichen. Doch wenn ich ehrlich war, mußte ich mir eingestehen, daß unter dem Zorn auch die Erregung in mir aufstieg – eine Erregung, die ich genoß, weil sie die prickelnde Empfindung der Gefahr mit sich brachte. Ich wußte noch nicht, wie hoch der Einsatz war – aber ich ahnte, daß viel auf dem Spiel stand, und daß ich es einmal wieder mit ganz schweren Jungs zu tun hatte. Der dunkle Pfad tat sich wieder vor mir auf. Es war der Weg, den ich mit siebzehn zum ersten Mal beschritten hatte, damals, als ich mich entschloß, ein Universitätsstipendium auszuschlagen und aus dem Waisenhaus im Norden Londons auszureißen. Mit einer falschen Altersangabe ließ ich mich auf einem Walfangschiff anheuern, das wenige Tage später in die Antarktis auslief. Das Leben am Rande des ewigen Eises ließ mir die Lust an einer akademischen Laufbahn vollends vergehen. Als das Geld aufgebraucht war, das ich im Süden verdient hatte, trat ich in ein Sonderkommando ein, in dem ich Gewalt und Tod als Beruf erlernte. Ich übte ihn in Malaysia und Vietnam aus, im Kongo und Biafra – bis mich eines Tages in einem verlassenen Dschungeldorf, wo pechschwarze Rauchsäulen aus den brennenden Strohhütten zum trostlosen, grellen Himmel aufstiegen und die Fliegen in riesigen, summenden Wolken verschmorten, ein unendlicher Ekel überkam. Ich wollte aus dem allem heraus. Im Südatlantik hatte ich begonnen, das Meer zu lieben. Dort wollte ich leben. Alles, was ich brauchte, war ein Schiff und der Friede der langen, stillen Abende.
Aber das bekam man nur mit Geld – mit viel Geld. So viel konnte ich nur mit meinem Beruf verdienen. Ich beschloß, es ein letztes Mal zu tun, und plante den Coup mit großer Sorgfalt. Ich brauchte einen zweiten Mann. Meine Wahl fiel auf einen Kollegen, den ich im Kongo kennengelernt hatte. Wir holten uns die gesamte Goldmünzensammlung aus dem Britischen Museum für Numismatik am Belgrave Square. Die dreitausend seltenen Münzen paßten mühelos in eine Aktentasche von mittlerer Größe. Es waren Münzen der Cäsaren und der byzantinischen Kaiser, Geldstücke aus dem frühen Amerika und aus der Vergangenheit des britischen Weltreiches – Zweishillingstücke aus der Zeit Eduards III., Engelstaler der verschiedenen Heinriche, Goldstücke mit dem Wappen Eduards IV., Rosenkronen aus der Regierungszeit Heinrichs VIII., Fünfpfundstücke von Georg III. und Victoria – insgesamt dreitausend Münzen, die selbst unter ungünstigsten Umständen nicht weniger als zwei Millionen Dollar bringen mußten.
Dann beging ich meinen ersten Fehler in meiner Laufbahn als Berufsverbrecher. Ich vertraute einem anderen Verbrecher. Als ich in einem arabischen Hotel in Beirut wieder mit meinem Kollegen zusammentraf, nannte ich eisern meine Bedingungen. Als ich schließlich fragte, was er eigentlich mit der Aktentasche angefangen habe, zog er blitzschnell eine 38er Beretta unter seiner Matratze hervor. In der anschließenden Rauferei brach er sich das Genick. Es war ein Versehen – ich hatte nicht die Absicht gehabt, ihn zu töten; noch viel weniger allerdings, mich von ihm töten zu lassen. Ich hing das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Tür und setzte mich ins nächste Flugzeug. Zehn Tage später wurde die Aktentasche von der Polizei in einem Schließfach im Bahnhof Paddington gefunden. Alle englischen Zeitungen brachten die Geschichte auf der Titelseite.
Das nächste Mal versuchte ich es auf einer Diamantenausstellung in Amsterdam. Aber ich hatte die elektronische Sicherheitsanlage nicht gründlich genug untersucht und lief in einen Strahl, den ich übersehen hatte.
Die Veranstalter der Ausstellung hatten Sicherheitsbeamte in Zivil engagiert. Sie rannten geradewegs der uniformierten Polizei in die Arme, die zum Haupteingang hereinstürzte. Beide Parteien lieferten sich eine tolle Schießerei, während sich ein völlig unbewaffneter Herr Fletcher in der Dunkelheit verdrückte.
Ich war schon auf halbem Wege nach Schiphol, bis die beiden Ordnungsgruppen einen Waffenstillstand aushandelten, der allerdings nicht mehr verhindern konnte, daß ein holländischer Polizeioberst lebensgefährlich verletzt wurde.
Stundenlang saß ich in meinem Zimmer im Holiday Inn am Züricher Flughafen, zerkaute mir die Nägel und leerte unzählige Flaschen Bier, während ich den Lebenskampf des mutigen Obersten am Fernsehapparat verfolgte. Der Gedanke, eine zweite Leiche auf meinem Weg zu hinterlassen, war mir zuwider, und ich gelobte feierlich, meinen Platz an der Sonne für alle Zeiten zu vergessen, falls der Polizist hops ginge.
Er rappelte sich jedoch erstaunlich schnell wieder auf, und als man schließlich erklärte, daß er außer Lebensgefahr sei, empfand ich einen ungeheuren Besitzerstolz. Als man ihn gar noch beförderte und ihm außerdem eine Belohnung von fünftausend Kronen zuerkannte, redete ich mir ein, daß ich sein Glück gemacht habe und der Mann mir für den Rest seines Lebens zu Dankbarkeit verpflichtet sei.
Dennoch hatten mich die beiden Mißerfolge stark verunsichert, und ich nahm für sechs Monate einen Job als Volksschullehrer an, um in Ruhe über meine Zukunft nachzudenken. Als die Zeit um war, hatte ich beschlossen, einen letzten Versuch zu machen.
Dieses Mal ging ich kein Risiko ein. Ich wanderte nach Südafrika aus, wo es mir aufgrund meiner Qualifikationen ohne besondere Schwierigkeiten gelang, eine Stelle in der Firma zu bekommen, die für die Überwachung der Goldtransporte von der South African Reserve Bank in Pretoria nach Übersee verantwortlich war. Ein Jahr lang beobachtete ich die Verschickung von Goldbarren im Wert von vielen hundert Millionen Dollar und studierte das System bis ins winzigste Detail. Schließlich hatte ich den schwachen Punkt entdeckt. Er war in Rom. Aber auch hier ging es wieder nicht ohne Hilfe. Diesmal hielt ich mich an die Profis und setzte meinen Preis so fest, daß es ihnen leichter erscheinen mußte, mich auszuzahlen, als mich umzulegen. Ich baute hundert Sicherungen ein, um nicht vorher ausmanövriert zu werden.
Alles ging so glatt, wie ich es geplant hatte. Diesmal waren keine Opfer zu beklagen. Es gab keine verirrte Kugel und keine zertrümmerten Schädel. Wir zweigten lediglich einen Teil einer Ladung ab und ersetzten ihn durch Bleikisten. Dann brachten wir zweieinhalb Tonnen Gold in einem Möbelwagen über die Schweizer Grenze.
Sie zahlten mich in Basel aus. Wir saßen behaglich in den mit unschätzbaren Antiquitäten ausgeschmückten Privaträumen eines Bankiers und sahen über den rasch fließenden Rhein, auf dem majestätische, weiße Schwäne einherglitten. Manny Resnick unterzeichnete die Überweisung von einhundertfünfzigtausend Pfund Sterling auf mein Nummernkonto. Mit einem fetten, gierigen Auflachen sagte er:
»Wir sehen uns wieder, Harry – du hast Blut geleckt – du kommst zurück. Mach dir einen netten Urlaub und zeig dich, wenn du wieder so ein Ding ausgeklügelt hast.«
Er irrte sich. Ich kam nicht zurück. Ich fuhr mit einem Leihwagen nach Zürich und flog von dort nach Paris-Orly. Dort rasierte ich in der Herrentoilette meinen Bart ab und holte aus dem Schließfach die Aktentasche, in der sich mein Paß auf den Namen Harold Delville Fletcher befand. Dann bestieg ich die nächste PanAm-Maschine nach Sidney, Australien. Die Nymphe kostete einhundertfünfundzwanzigtausend Pfund Sterling. Ich belud das Deck mit Benzinfässern und fuhr mit ihr die zweitausend Meilen nach St. Mary’s hinüber. Auf dieser Reise lernten wir uns lieben. Dann kaufte ich fünfundzwanzig Morgen Frieden auf St. Mary’s und baute mir mit meinen eigenen Händen ein Haus – vier Zimmer, ein Strohdach und eine große Veranda. Das Ganze unter Palmen am Strand. Abgesehen von den wenigen Fällen, in denen ich zu einer nächtlichen Unternehmung gezwungen gewesen war, hatte ich den rechten Pfad seitdem nicht mehr verlassen.
Es war spät geworden, als ich mit meinen Erinnerungen fertig war. Die Flut stand hoch und glitzerte im Mondlicht. Ich warf einen letzten Blick darauf. Dann ging ich hinein und schlief den Schlaf des Gerechten.
Am nächsten Morgen kamen sie pünktlich zum Boot. – Charly Materson schien sein Team gut in Schuß zu haben.
Das Taxi setzte sie oben am Kai ab, während die Motoren der Nymphe leise zu brummen begannen.
Ich sah sie mir genau an, während sie näherkamen, und richtete meine Aufmerksamkeit besonders auf den dritten Mann. Er war anders, als ich ihn mir vorgestellt hatte: groß und schlank, mit einem offenen, freundlichen Gesicht und dunklem, weichem Haar.
Im Gegensatz zu den beiden anderen war seine Haut an Gesicht und Armen von der Sonne tief gebräunt. Er hatte große, blendend weiße Zähne. Er trug Shorts aus Jeansstoff und ein weißes Frotteehemd. Die breiten Schultern und kräftigen Arme verrieten den geübten Schwimmer. Ich brauchte mich nicht länger zu fragen, wer wohl die Taucherausrüstung benutzen würde.
Über seiner Schulter hing eine große Reisetasche aus grünem Segeltuch, die er ohne Anstrengung zu tragen schien, obwohl sie offensichtlich schwer war. Dabei sprach er vergnügt auf seine beiden Begleiter ein, die ihm jedoch nur sehr einsilbig antworteten. Sie hatten ihn in die Mitte genommen und wirkten wie ein Paar Wachhunde.
Als sie das Boot erreicht hatten, blickte er zu mir herauf. Er wirkte jung und voller Lebenslust und strahlte eine Erwartung und Vorfreude aus, die mich fast schmerzlich an mich selbst erinnerte, wie ich vor zehn Jahren gewesen war.
»Hallo!« rief er mir mit breitem Grinsen zu. Er sah verdammt gut aus.
»Tag!« gab ich zurück. Er gefiel mir, und ich fragte mich, wie er wohl unter die Wölfe geraten sein mochte. Unter meiner Anleitung wickelten sie die Haltetaue los. Ich erkannte unschwer, daß der Junge von allen dreien der Einzige war, der mit einem kleinen Schiff umgehen konnte.
Als wir ausliefen, kam Materson mit ihm auf die Brücke. Matersons Gesicht war rötlich angelaufen, und die kleine Anstrengung hatte ihn offenbar außer Atem gebracht. Er stellte mir den Neuankömmling vor.
»Das hier ist Jimmy«, sagte er, nachdem er sich verschnauft hatte. Wir gaben uns die Hand. Ich schätzte ihn wenig über zwanzig. Auch bei näherem Hinsehen fand ich keinen Anlaß, meinen ersten Eindruck zu revidieren. Der Blick seiner grauen Augen war ruhig und offen, sein Händedruck trocken und fest.
»Das ist ein feines Schiff, Käpt’n«, sagte er. Mir wurde warm ums Herz – es war genauso, wie wenn man einer jungen Mutter sagt, sie habe ein schönes Baby.
»Sie ist nicht schlecht.«
»Wie lang ist sie denn – vierundvierzig oder fünfundvierzig Fuß?«
»Fünfundvierzig«, sagte ich. Er wurde mir immer sympathischer.
»Jimmy wird Ihnen Anweisungen geben«, sagte Materson. »Sie haben sich an seine Befehle zu halten.«
»Gut«, sagte ich. Jimmy errötete leicht unter der gebräunten Haut.
»Ich gebe Ihnen keine Befehle, Mr. Fletcher. Ich sage Ihnen nur, wo wir hinwollen.«
»Schon gut, Jim. Ich bringe Sie hin.«
»Sobald wir von der Küste weg sind, nehmen wir Kurs nach Westen.«
»Und wie weit soll es in dieser Richtung gehen?« fragte ich.
»Wir wollen uns vor der afrikanischen Festlandküste bewegen«, erwiderte Materson knapp.
»Na fabelhaft«, sagte ich. »Hat Ihnen auch schon mal jemand erzählt, daß die dort keine Willkommensschilder für die Fremden aufstellen?«
»Wir werden ein ganzes Stück von der Küste entfernt bleiben.«
Ich überlegte einen Augenblick. Dann ging ich auf den Kai und packte das ganze Zeug ein, das wir dort noch liegen hatten.
»Interessieren Sie sich für die Gegend südlich oder nördlich der Flußmündung?«
»Nördlich«, sagte Jimmy.
Das ging ja noch. Südlich der Flußmündung bewachten sie die Küste mit Hubschraubern und waren sehr empfindlich mit ihren Hoheitsgewässern. Dort würde ich mich am helllichten Tage nicht hinwagen.
Im Norden dagegen war die Küste recht ruhig. Ein einziges Rammboot lag in Zinballa, aber wenn die Motoren gerade fahrtüchtig waren, was nur wenige Tage in der Woche der Fall war, traf es sich zumeist, daß die Besatzung durch den Palmenschnaps, der entlang der Küste gebraut wurde, völlig benebelt war. In den seltenen Fällen, in denen Mannschaft und Maschine gleichermaßen einsatzbereit waren, brachten sie es immer noch auf höchstens fünfzehn Knoten, während die Nymphe jederzeit zweiundzwanzig schaffte.
Was die Situation endgültig zu meinen Gunsten entschied, war die Tatsache, daß ich die Nymphe selbst in pechschwarzer Nacht und bei heftigem Monsun durch das Gewirr der Riffe und Inseln steuern konnte, die dem Festland vorgelagert waren. Dagegen hatte mir die Erfahrung gezeigt, daß der Kommandeur des Rammbootes derartig waghalsige Unternehmungen scheute – selbst an einem strahlenden Sonnentag bei völlig unbewegter See fühlte er sich in der geschützten Bucht von Zinballa sicherer. Man hatte mir überdies berichtet, daß er an akuter Seekrankheit leide und seinen augenblicklichen Posten nur dem Umstand zuzuschreiben hatte, daß ihn dieser weit von der Hauptstadt entfernt hielt. Dort war der Kommandeur nämlich im Zusammenhang mit dem Verschwinden größerer Summen ausländischer Entwicklungshilfe in einige Unannehmlichkeiten verstrickt gewesen. Für mich war er jedenfalls der ideale Mann auf seinem Posten.
»Okay«, sagte ich zustimmend und wandte mich zu Materson. »Ich fürchte allerdings, daß Sie dafür noch mal zweihundertfünfzig Dollar am Tag zahlen müssen – Gefahrenzulage.«
»Das habe ich auch schon befürchtet«, sagte er leise.
Ich wendete mein Schiff und fuhr nahe am Leuchtturm von Oyster Point vorbei.
Es war ein strahlender Morgen. Im weiten, hellen Himmel bezeichneten unbewegliche weiße Wolkenberge die einzelnen Inselgruppen. Hier stellte sich das Bollwerk des afrikanischen Kontinents den langsam dahinstreichenden Passatwinden entgegen. An der Küste bekamen wir die Randströmungen mit, deren heftige Böen das hellgrüne Wasser verdunkelten und die Wellen mit weißem Gischt krönten. Der Nymphe gefiel das, denn es gab ihr einen Vorwand, keck zu schlingern und zu schwänzeln.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes, oder wollen Sie sich nur umsehen?« fragte ich beiläufig. Jimmy wandte sich um. Seine Augen blitzten auf, während er den Mund öffnete, um mir die ganze Geschichte zu erzählen.
»Wir wollen uns nur umsehen.« Materson kam ihm mit schneidender Stimme zuvor. Sein Gesicht hatte einen bösen Ausdruck angenommen, und Jimmy schloß seinen Mund, ohne etwas gesagt zu haben.
»Ich kenne die Gewässer hier wie meine Westentasche. Ich kann bei Nacht jede Insel und jedes Riff umfahren. Ich könnte Ihnen eine Menge Zeit sparen – und auch ein bißchen Geld.«
»Das ist sehr liebenswürdig«, Matersons Stimme war voller Ironie. »Ich glaube aber, daß wir auch so zurechtkommen.«
»Es ist ja Ihr Geld«, sagte ich mit einem Schulterzucken, während Materson Jimmy anblickte und ihm mit einer Kopfbewegung bedeutete, er solle ihm folgen. Dann ging er in das Cockpit voraus. Ich sah sie nebeneinander an der Reling stehen. Materson sprach zwei Minuten lang ernst und eindringlich auf Jimmy ein. Der wurde rot, und in seinem Gesicht wandelte sich der Ausdruck des Bedauerns langsam in kindlichen Zorn. Offensichtlich erhielt er eine Lektion über Geheimhaltung und Sicherheit. Kochend vor Wut kam er auf die Brücke zurück, und zum ersten Mal fiel mir auf, was er für einen energischen Kiefer hatte. Er war also doch mehr als ein hübscher Junge.
Wenige Augenblicke später erschien Guthrie, der Muskelmensch, und stellte, offensichtlich auf Geheiß von Materson, den großen, gepolsterten Gefechtsstuhl gegenüber der Brücke auf. Dann ließ er sich betont lässig darin nieder. Es lag etwas Gewalttätiges in jeder seiner Bewegungen, wie bei einem schlafenden Leoparden. Er beobachtete uns unverwandt und hatte dabei ein Bein lässig über die Armstütze gelegt, während er die Leinenjacke mit dem schweren Gewicht in der Tasche auf dem Schoß hielt.
Eine richtig vergnügte Ferienreise, dachte ich sarkastisch, während ich die Nymphe durch das Gewirr der Inseln hindurchmanövrierte und eine dünne Spur auf der hellgrünen Wasseroberfläche zog. Darunter lauerten die dunklen Riffe wie bösartige Fabelwesen. Die Inseln waren von einem Saum von Korallensand umgeben, der so blendend weiß wie eine Schneewächte war. Die dichte, dunkle Vegetation wurde von den zarten Stämmen der Palmen überragt, deren Wipfel sich in den leisen Ausläufern des Passatwindes wiegten.
Der Tag wurde mir lang. Wir kreuzten scheinbar ziellos durch die Gegend, und ich versuchte vergeblich, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der mir einen Hinweis auf das Ziel unserer Expedition geben würde. Jimmy hatte jedoch Matersons Zurechtweisung noch nicht verwunden. Er blickte finster vor sich hin und sagte keinen Ton. Zwischendurch ließ er sich unsere Position auf der großen Seekarte zeigen, die er aus seiner Reisetasche gezogen hatte, und nannte mir einen neuen Kurs. Ich betrachtete verstohlen die Karte, konnte aber keinerlei Eintragungen entdecken. Mir schien, daß die Expedition einem Gebiet galt, das fünfzehn bis dreißig Meilen nördlich der verzweigten Mündung des Rovuma und bis zu sechzehn Meilen vor der Küste lag. In diesem Umkreis befanden sich schätzungsweise dreihundert Inseln, deren Größenordnung von wenigen Morgen bis zu vielen hundert Quadratkilometern reichte – ein ziemlich großer Heuhaufen also, wenn es eine Stecknadel zu finden galt.
Eigentlich war ich ganz zufrieden, oben auf der Brücke zu sitzen und die Nymphe ruhig dahintuckern zu lassen. Ich genoß es, den Körper meiner Geliebten unter mir zu spüren, und beobachtete das Meer und die Lebewesen um uns her.
