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In diesem 320-seitigen Familienroman lässt der Autor den Leser an Erkenntnissen teilhaben, die er über viele Jahre hinweg gewonnen hat. Die Erzählung ist ein Spagat zwischen Liebe und Leben, zwischen Trauer und Tod. Trotzdem darf man beim Lesen auch mal laut lachen, denn es auch ist eine amüsant erzählte Geschichte: eine Mischung aus munterem Leben und der bitteren Erfahrung, dass Leben und Tod Zwillinge sind. Der schüchterne Protagonist Cedric Tilman macht auf der Insel Sylt eine aufregende Urlaubsbekanntschaft. Der jüngere Bruder Amadeus genießt in Lübeck unbekümmert im Kreise von Schulfreunden die Zeit des Heranwachsens. Der Vater sorgt fleißig für den Lebensunterhalt. Die Mutter: Ich kümmere mich daheim, ergo sum. Der Unfalltod von Amadeus, auf sonderbare Weise unausweichlich, erschüttert die heile Familienwelt. Cedric verliert seinen Job, Selbstbild und Gefühlsleben bekommen Risse. Sexuelle Wirrungen stellen sich ein. Und Erosionen im Familienalltag. Wie verkraftet man den Verlust eines geliebten Menschen?
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Eine alte Frau
Eine blaue Blume
Ein kurzer Halt
Ein Leuchtturm
Eine Lieblingsdüne
Eine Feier
Ein Goldfisch
Eine Prüfung
Ein Chef
Eine Einberufung
Ein Unstern
Ein dämmriger Morgen
Eine Frau Wolter
Ein Rückblick
Ein Theaterbesuch
Eine andere Welt
Eine Flasche Glühwein
Eine Kündigung
Eine Runde Golf
Ein Kandidat
Ein Kurztrip
Ein Ende?
Ein roter Fleck
Ein Geburtstag
Entspannte Stille.
Der anhaltende Schneefall hat ein Ende gefunden. Weiße Pracht wohin man schaut. Weite Wiesen mit weißer Tusche überzogen. Kälte und Frost sind ein Versprechen, dass sich die schlichte Schönheit nicht so bald wieder in miesen Matsch wandeln wird. Endlich beginnt die Himmelsapotheke Sonnenschein zu liefern. Eine willkommene Medizin.
In die Ruhe der Winterlandschaft mischen sich knarzende Geräusche. Eine junge Frau zieht einen Kinderschlitten durch den wuchernden Neuschnee. Stählerne Kufen pressen Furchen in das jungfräuliche Weiß des Feldweges; der Nadelwald dahinter eine wohltuende, in zartes Silber getauchte Silhouette. Puderzucker rieselt herab. Kristalle blitzen fluchtartig auf. Kaltes Geschmeide. Aus scheinbar lebloser Erde reckt sich eine Christrose empor - ein zerrupfter Stern. Weit verstreut in die Landschaft geschmiegte Häuser. Die Dächer tragen unterwürfig ihre bleichen Schneemassen.
Ein tuckerndes Geräusch weht über das Feld. Im Dorf bricht ein Schneepflug zum Einsatz auf. Die junge Frau schaut hinüber, rafft die Pelzkappe noch tiefer ins Gesicht und wendet sich hin zu einem Kleinkind, das eingekuschelt in einem stützenden Sitz auf einem hölzernen Kinderschlitten hockt. Blaue Augen lugen zwischen einer bis an die Augenbrauen herabgezogenen Pudelmütze und einem bis an die Nase reichenden Wollschal in die weiße Welt.
„Na, alles klar bei dir?“ klingt es aus dunstiger Atemfahne.
Die Antwort ist ein leises Juchzen.
Die junge Frau lächelt glücklich. „Wir müssen einen Schritt zulegen. Dein Bruder wartet auf uns. Den Cedric wollen wir doch nicht solange alleine lassen.“
Eine gebeugte Frauengestalt stapft heran. Unter einem fransigen Kopftuch schauen tiefliegende Augen hervor. Das wollene Tuch wird von einer gichtigen Hand zusammengehalten. An der bis dicht an die Oberlippe herangezogenen Nase hängt ein frostiger Tropfen. Darunter verstecken sich abgebrauchte Zähne. Die dunkle Kopfbedeckung verbirgt unvollständig einen schlohweißen Schopf. Ein absonderliches Weib. Abweisend wie die sibirische Taiga. Die welke Hand zupft am zerfransten Kopftuch. Analytische Augen fixieren die Mutter, Augen, die an venezianische Gondeln denken lassen.
„Bestimmt genießt ihr Kleiner die Spazierfahrt.“
„Wieso…, ja, ich denke schon.“
„…soll achtgeben.“
„Was haben Sie gesagt, ich soll achtgeben?“
„Ihr Junge, der soll später auf sich achtgeben.“
Die Mutter fröstelt. Schmaläugig starrt sie in das antike Gesicht. „Ich verstehe nicht, wie kommen Sie darauf?“
Sie runzelt die Stirn, erinnert sich, dass eine Zigeunerin vor Jahren einmal ihre Hand begutachtet und festgestellt hat, dass der Mondberg zu hoch, der Sonnenberg zu flach und der Zeigefinger im Verhältnis zu den anderen Fingern zu lang geraten sei. Dann hatte sie mit geheimnisvollem Blick erklärt, dass die deutliche Kurve der Schicksalslinie hin zum Jupiterberg dennoch einiges Gutes erwarten ließe. Das war damals unterhaltsam gewesen, nicht ernst zu nehmen. Wer glaubt schon an Chiromantie. Nun aber dieser neue Hinweis?
„Wollen Sie mich vor etwas warnen? Was ist mit meinem Kleinen?“
Die Alte zögert. „Ja nun… ich denke, also, ihr Sohn wird auf sich achtgeben müssen, später.“
Ein kurzes Nicken, dann schlurft die Frau durch den tiefen Schnee davon. Der lange Mantel schleift im Schnee. Ein Windstoß lässt das ausgefranste Kopftuch unruhig flattern.
Sabine Tilman wendet sich ihrem vermummten Kind zu. „Mensch Amadeus, woher wusste die Alte, dass du ein Junge bist?“
Verunsichert packt sie das grobe Schlittenseil. Mit erheblicher Anstrengung zerrt sie das winterliche Gefährt durch eine dicke Schneewehe. Sie stolpert, rutscht aus, findet sich auf den Knien im Schnee wieder, rappelt sich hoch und blickt in runde Kinderaugen.
„Da schaust du, Sohnemann! Merke dir, hinfallen ist nicht schlimm, aber liegenbleiben schon.“ Sie streift Schnee von der Jacke und greift nach dem kaltstarren Strick.
Ein besonders heftiger Windstoß fegt über das Ackerland, wirbelt frische Flocken empor und scheucht zwei Krähen auf. Laut meckernd kreisen die Rabenvögel über dem verschneiten Feld.
Im tiefen Osten verblasst ein letzter Stern.
Der Himmel gibt sich wolkenarm, wirkt unendlich entfernt. Diffuses Blau wölbt sich über einem bleichen Horizont.
„Primär kreierte das Absolute den Kosmos und der Mikrokosmos war ein Chaos“, tut ein elegant gekleideter Herr auf dem Beifahrersitz einer Limousine kund. Sein blauer Zwirn erinnert an ein Modejournal. Das stimmt. Sein eulenhaftes Gesicht wirkt wenig intelligent. Das nicht stimmt. Durchaus möglich, dass der Mann einmal den Boxsport ausgeübt hat. Flüchtige Schlaglöcher im hageren Gesicht und eine schiefe Nase rechtfertigen diese Vermutung. Mag auch sein, dass er als Baby mit dem Kopf voran aus dem Bett gefallen ist. Dieses Gesicht könnte einem Landschaftsmaler als Anregung dienen. Der schlanke Mann wirkt glatt. An einem solchen Typ bleibt nichts hängen. Da könnte es eher gelingen, einen Pudding an die Wand zu nageln.
„Na, werter Partner, klingelt es bei Ihnen, können Sie mit dieser Aussage was anfangen?“ In das Gesicht kommt Bewegung. Die asketischen Wangen zerfließen zu einem fetten Grinsen.
Der Mann am Lenkrad ist ebenfalls von schlanker Statur und mittleren Alters. Frühe Geheimratsecken verstärken den gescheiten Eindruck. Er wirkt seriös. Er würde nie Hand an eine Frau legen, es sei denn in freundlicher Absicht. Über der kräftigen Nase hat sich eine aufrechte Falte gebildet. Das Stirnrunzeln ist berufsbedingt, kaschiert ein freundliches Gemüt.
„Mein lieber Blaumann, die Wucht ihrer Worte haut mich um. Lassen wir Denkspielchen. Muss mich konzentrieren. Der Verkehr ist nervig.“
„Meister Tilman, ein kleiner Tipp. Ist ein einführender Satz. In einem bekannten Buch. Kennen Sie bestimmt!“
„Kann ich mir nicht vorstellen!“ Klare Augen blicken geradeaus. Dieser Mann hat noch viel mit sich vor. Einer, der auch mit einem schlechten Skatblatt gut zu spielen versteht.
„Handelt sich um einen Bestseller.“
Das Fragezeichen auf Tomas Tilmans Stirn will nicht weichen. „Mensch Blaumann, muss ich ihn deshalb kennen?“
Alexander Blaumann stöhnt auf. „Gewiss haben Sie schon in diesem Buch der Bücher gelesen. Allmächtiger! Noch nie was von der Bibel gehört?“
„Natürlich.“
„Und die beginnt bekanntlich mit den Worten: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und die Erde war ...?“
„Öd und leer.“
„Yes Sir! Da klappt sich doch glatt die Bibel von alleine auf. Chaos heißt übrigens im Original Tohuwabohu. Ist hebräisch, wurde später von einem gewissen Martin Luther eingedeutscht.“
„Mein Gott, Blaumann, alles gesundes Halbwissen! Haben Sie das einer toten Kuh aus dem Euter gesaugt? Blenden Sie damit auch Ihre Freundin?“
„Welche meinen Sie?“
„Angeber! Ich spreche von diesem verdorbenen Früchtchen. Haben Sie damals auf der Reeperbahn aufgerissen.“ In den Augen des Fahrers tanzen winzige Kobolde. „Sie wissen schon, als wir am Hafenprojekt arbeiteten.“
„Ja die! Wie könnte ich diese herrliche Frau vergessen. Wunderbare Erinnerung. Sie schlenderte vor dem Café Keese auf mich zu und hauchte mir etwas in den Nacken.“
„Heißen Atem?“
„Nein, heiße Worte.“
„Raus damit!“
„Gut, weil Sie es sind, lieber Tilman. Also, sie flüsterte Hallo Süßer, bei mir wohnt die Liebe!“
„Schluss mit der Schlüpfrigkeit!“
„Wieso, was heißt schlüpfrig? Hier spricht das wahre Leben. Im Gegensatz zu verdorbenen Früchten hat sich dieses Weibsbild wenig später als verdammt wohlschmeckend erwiesen. Wenn Sie nachvollziehen können, was ich meine.“ Alexander Blaumanns Zunge schleift genießerisch die Oberlippe. „Ach, Berater Tilman, wenn Sie wüssten, wie Recht ich habe.“
„Sie verhinderter Casanova! Eifern Sie bloß nicht diesem Mannsbild nach, das den Frauen angeblich so beherzt zugetan war. Mit einer lichten Höhe von 187 Zentimetern bot er einen erfreulichen Anblick. Selbst Friedrich der Große hielt ihn für einen schönen Mann. Er benötigte keine fiesen Tricks, um Frauen auf seine Seite zu bringen. Und was Sie vermutlich nicht wissen, der hat sogar für kurze Zeit den Priesterberuf ausgeübt. Bei diesem Job ist der Bursche mal angetrunken von der Kanzel gestürzt!“
„Das wusste ich nicht, verehrter Partner. Aber ich weiß, dass dieser Mensch auch Schriftsteller war. Hat Weltruhm erlangt.“
“Das wird stimmen. Ich denke wir sind jetzt ausreichend aufgeklärt. Aber nun legen Sie ihren Sicherheitsgurt an!“
„Sie haben ja Recht. Auf Landstraßen ereignen sich die häufigsten Unfälle.“ Vom Nikotin angegilbte Finger zerren den Kunststoffriemen aus der Halterung. „Ich fühle mich von diesen Dingern immer so stranguliert. Das geht Ihnen doch bestimmt nicht anders, werter Partner.“
Der Mann am Steuer nickt, ohne den Blick vom dunklen Band der Straße abzuwenden. Sie schlängelt sich wie ein Trauerflor in langen Schwüngen durch eine hügelreiche, vom Morgentau benetzte Landschaft und ist weitläufig eingerahmt von dunklen Wäldern. Die Wipfel erinnern ihn an zackige Zähne eines früheren Mitschülers. Der verzichtete beim Entfernen von Kronkorken gerne auf einen Flaschenöffner.
Immer mehr Autos bahnen sich ihren Weg über den bleiernen Asphalt. Hin und wieder lärmt ein kraftstrotzender Truck an ihnen vorbei.
„Haben Sie sich endlich eingeklinkt, Berater Blaumann?“
„Ja, nett, dass Sie sich Sorgen um mich machen.“ Der eitle Mann mit dem Eulengesicht rekelt sich im Beifahrersitz – ein Pfau, der bereits Federn reichlich gelassen hat. So einer bekommt keine Grippe, sondern Influenza. Mit knochigen Fingern greift er nach einer Tüte auf dem Rücksitz und pickt einen Apfel heraus. „Habe ich mir am frühen Morgen besorgt. Am alten Bahnhof.“
„Zeigen Sie mal her. Ist sicher ein Kulturapfel, ein malus x domestica, wie ich anzumerken pflege, wenn ich Eindruck schinden will. Diese Gattung gehört zur Familie der Rosengewächse. Dürften Sie kaum wissen, oder?“
„Ist mir wurscht, Herr Kollege. Jedenfalls stand so ein Nikolaustyp am Bahnhof. Der pries dieses Kernobst als Glücksäpfel an, bot mir gar noch einen Würfelbecher mit Würfeln als Zugabe.“
„Da konnten Sie nicht nein sagen, verehrter Partner.“
„Klar, also was ist, möchten Sie eines dieser knackigen Rotbäckchen?“
„Ich habe eine Idee. Zocken wir ein wenig. Weihen wir die Würfel ein. Wenn der Weiße eine höhere Zahl aufweist als der Schwarze, schenken Sie mir einen schönen Apfel. Andernfalls ist abends ein Drink fällig.“
Alexander Blaumann nickt. Er packt seine abgewetzte Aktenmappe, positioniert sie auf den Knien und schon knallen zwei Holzklötzchen auf strapaziertes Rindleder. „Mist! Ihr Weißer hat ein Auge mehr. Dann hat das Gute wieder mal gesiegt. Knapper ging es kaum. Freibier ade. Hier, dies ist doch ein prächtiger Apfel, oder?“
„Hm, sieht gesund aus. Ist dieses Rotbäckchen auch ordentlich gereinigt? Großmutter hat uns immer ermahnt, Obst nicht ungewaschen zu essen.“
„Also, blödelt Blaumann, „ich nehme vorher immer ein Bad.“
„Da laust mich doch der… wusste ich`s doch! Sie sind mit allen Abwassern gewaschen.“ Der Mann hinter dem Steuer kaut eine Weile auf seinen Gedanken herum. Sie werden lauter. Unerwartet hebt er die Stimme und deklamiert:
Ein Apfel, blank und rot vor Sonne,
im Wind sich wiegt im Abendlicht.
Adam davor in süßer Wonne
genüsslich an dem Apfel riecht.
Er greift ihn, schaut ihn zärtlich an,
beißt herzhaft in sein Fleisch sodann.
Er stockt. Denn drinnen ächzt `ne Made.
Das findet auch die Eva schade!
„Donnerwetter, eine tolle Epopöe! Haben Sie noch mehr?“
„Habe ich. Aber erzählen Sie, was wir von dem Poeten lernen können.“
„Tja, was will uns der Verseschmied damit sagen?“ Alexander Blaumann poliert ausgiebig einen Apfel am Jackenärmel. „Vermutlich will er uns bedeuten, dass sich Adam nicht nur auf Äußerlichkeiten verlassen soll. Auch dem leckersten Apfel sieht man nicht an, ob ein Wurm in ihm wühlt.“
„Sapperlot!“
„Ja, ja, ich kenne die Menschen. Die schlechtesten Früchte sind`s nicht, an denen die Würmer nagen“, behauptet Alexander Blaumann. „Verdammt!“ Ihm ist der schwarze Würfel unter den Sitz gerollt. Er putzt noch ein wenig am Kernobst herum, dann versenkt er entschlossen seine Schneidezähne im Apfel. Der Biss ist heftig. Es kracht geräuschvoll. Tomas Tilman zuckt am Steuer zusammen.
Aus einer Bodenwelle taucht ein grauer Klotz auf, ein wuchtiger Lastkraftwagen in riskantem Überholvorgang. Der LKW-Fahrer findet keine Lücke und versucht eine Notbremsung. Von der Masse des Fahrzeugs wird er brutal vorangeschoben. Die mächtige Zugmaschine gerät aus der Spur, schleudert auf die Limousine zu. Drohend türmt sich der Laster vor den beiden Männern auf. Tomas Tilman steigt erschrocken auf die Bremse, umklammert das Lenkrad, presst das Wort Scheiße heraus. Strangartig tritt am Hals eine dicke Ader hervor. Schon bohrt sich das schwere Fahrzeug in die Frontseite der Limousine. Der starke Aufprall wirft beide Insassen in die Sicherheitsgurte. Das Auto wird herumgeschleudert und kommt auf der Stelle zum Stehen.
Qualm und Staub steigen auf. Splitter fliegen herum. Der Kopf des Fahrers kippt nach vorne. „Den Termin schaffen wir nicht mehr“, rauscht es noch durch seinen Kopf, dann wird er ohnmächtig. Er spürt keine Schmerzen, nicht im rechten Knie, das soeben gegen die Lenkradsäule krachte, nicht im Oberkörper, der in den starren Sicherheitsgurt hinein-geschleudert wurde. Es ist still. Eine Stille, als sei ihm das Gehör abhandengekommen. Wie in einem Freiluftballon entschwebt er dem zerstörten Fahrzeug und verweilt über den kollidierten Fahrzeugen. Er beobachtet herannahende Autos, heftige Bremsvorgänge, zum Autowrack eilende Menschen. Einem Buchhalter gleich registriert der stille Beobachter, wie an seiner verklemmten Fahrertür gerüttelt wird. Ein weiterer Helfer tritt hinzu, doch die Tür lässt sich nicht sofort öffnen. Auf der Beifahrerseite haben sie Erfolg. Alexander Blaumann liegt im Fond des Wagens, hin gekrümmt vor Schmerzen. Aus der missförmigen Nase rieselt Blut. Der Sicherheitsgurt ist aus der Verankerung gerissen. Vorsichtig wird er von zwei Passanten herausgehoben und ins frische Gras gelegt. Am Straßenrand liegt der andere Fahrer, gnadenlos aus seinem Lastzug in die kalte Morgenluft katapultiert. Ein grauköpfiger Mann kommt gelaufen und breitet eine Decke über ihm aus.
Tomas Tilman beobachtet, wie er nun hinausgezerrt wird. Von hoher Warte aus registriert er das flackernde Licht eines nahenden Krankenwagens. Angezogen von einer unbegreiflichen Kraft entfernt er sich vom Unfallort. Willenlos, in vollkommener Unbeschwertheit, schwebt er durch ein kristallines Tor, hinein in eine tunnelartige Röhre. Schnell weitet sich der streulichtige Durchlass und wächst zu einer leuchtenden Blume, vergissmeinnichtblau. Im Zentrum der Blüte flimmern ihm kleine Feuer entgegen, die sich langsam verstärken und zu einem funkensprühenden Spielzeugpanzer mutieren. Schnell verblasst dieses Bild. Eine großrädrige Karre wird sichtbar, dazu ein Bub und ein Mann in schäbiger Wehrmachtsuniform auf winterlichem Waldweg. Die Erscheinung verliert sich im Blau der Blume. Dann erneut zwei Menschen, jung, mit Tennisschlägern in den Händen, ein Farbiger, barfüßig, und ein Weißer in Sandalen. Das Blau wandelt sich zu ozeanischer Weite. Der Mann taumelt davon: ein im All schwebender Astronaut im Herzen des Himmels. Unversehens wird er zurückgesogen, heimgeholt.
„Hallo, können Sie mich hören?“ Ein silberbärtiger Mann hat sich über ihn gebeugt, schaut forschend auf ihn herab. Ein Blick, der in die Seele geht.
„Ist er tot?“, fragt jemand. Tomas Tilman möchte widersprechen. Fröstelnd verharrt er auf der Liege, die Hände in eine Decke gekrallt.
„Der Tod ist sicher“, sagt eine Stimme, „das Leben nicht.“
***
Die Stimme klingt besorgt.
„Hey Tom, allwedder Alpdröme?“
Der Mann hält die Bettdecke umklammert, findet zurück in die Realität. „Was? Wie spät?“ Die Uhr gibt Antwort. „Wieder kurz nach Mitternacht. Tut mir leid, Sabine. Ich habe dich schon wieder geweckt.“
„Ach Tom, jemmer düssen bannig slimmen Unfall?“
„Ja, war eine Begegnung der besonderen Art. Habe ein Stück Unendlichkeit geschaut. Solche Erfahrungen können einem die Furcht nehmen, wenn Gott einst das große Amen spricht. Es hat für mich heute wenig Beängstigendes, ins Jenseits hinüberzugleiten. Außerdem bin ich überzeugt, dass es danach irgendwie weitergeht.“
„Dat glöv ik ook, Tom.“
Sabine Tilman lebt ihre norddeutschen Wurzeln aus. Es macht Spaß, in diese althergebrachte Spraak zu verfallen. Is keen Dialekt!
„Sabine, der Glaube, das kannst du mir glauben, gehört in die Kirche, ist was Höheres als Verstand und Voraussicht. Der Glaube ist das Wissen, das aus dem Herzen kommt. Es war wohl Michelangelo, dem folgender Spruch zugeschrieben wird: Ich bin nicht tot, ich wechsle nur die Räume. Ich leb in euch und geh durch eure Träume. Das trifft es ganz gut.“
Die Stirn des Mannes präsentiert sich nach den vielen Jahren um einiges höher, die Frisur anspruchsloser. Seine flinken Augen erforschen die weiß getünchte Decke. Eine christliche Frage kommt ihm in den Sinn: Wozu sind wir auf dieser Erde?
„Weißt du, Biene, Leben und Tod sind Zwillinge. Der Tod ist so sicher wie unsere Geburt. Dieses Wissen sollte uns den Umgang mit dem knochigen Schnitter leichter machen. Meinst du nicht auch?“
„Na ja, ik weet nich. Ik hal mi wat to drinken.“
„Bitte für mich auch.“ Der Mann reibt sich das Knie. Dort ist ein großes vernarbtes U sichtbar, ein riesiger Schnitt. Eine unliebsame Erinnerung.
Die Frau ist zurück, reicht ihm ein Glas Wasser.
„Danke Sabine. Alles hat seine Zeit, das Leben und das Sterben. Ein schneller Tod kann eine Gnade sein.“
Er wälzt sich herum. „Weißt du noch, wie die den Blaumann und mich in ein christliches Kreiskrankenhaus transportiert haben? Eine Nonne stand an einem der Fenster und beobachtete unsere Ankunft. Eine andere empfing uns am Eingang, hielt meine die Hand und half, mich über den Flur ins Untersuchungszimmer zu schieben. Später landeten wir auf der Frauenstation. Bei den Männern waren keine Betten frei! Tja, damals waren wir das Tagesgespräch in der kleinen Kreisstadt“, erinnert er sich. „Ordentlich prominent waren wir, zumindest für einige Tage.“
„Nu klamüser man nich so rüm, Tom. Ji hebbt echt Sott hat, so een Kavents-mann von Laster!“
„Stimmt, Sabine. War noch nicht meine Zeit. Gott holt sich die zuerst, die er am meisten liebt. Da habe ich noch reichlich Reserven.“
„Spinnkrom!“
„Wie du meinst. Aber bei den Schwestern hatte ich richtig Schlag, wie man so sagt. Eine der Nonnen brachte mir später einen kleinen Blumenstrauß ans Bett. Selbst gepflückt, hinten im Schwesterngarten“, flüsterte sie mir zu, so, als hätte sie etwas Verbotenes getan.
„Grootmuul, aver ji hebbt Sott hat.“
„Das hatten wir. Auch wenn ich später meinen goldenen Kugelschreiber vermisste. Die im Krankenhaus waren alle sehr hilfsbereit. Bei der Einlieferung kümmerte sich sofort ein angehender Halbgott in Weiß um mich. Ich fragte ihn, ob die auch erfolgreiche Knieoperationen durchführen könnten. Knie, das sei doch sehr kompliziert, tat ich mein medizinisches Halbwissen kund. Daraufhin kam nur noch der Halbgott in Person des Chefarztes zu mir.“
Der Mann reibt sich erneut das Kniegelenk. „Der olle Chefarzt hat mich dann in der Tat wieder prima zusammengeflickt. Das war ein klasse Handwerker. Hat Schiffsmodelle gebastelt, Rosen gezüchtet und bei einem regionalen Fußballclub im Sturm ausgeholfen. In der dritten Liga, immerhin. Das hat mir die eine Schwester erzählt, die mit dem Blumenstrauß. Nach seiner Pensionierung wurde er Bürgermeister, so hat es mir Kollege Blaumann später berichtet.“ Sein Lächeln welkt. „Vielleicht haben uns ja Blaumanns Glücksäpfel geholfen. Die hatte er einem bärtigen Zausel am Bahnhof abgekauft. Oder die Würfel? Mein Kollege hat sie mir später geschenkt. Müssen irgendwo im Büro rumliegen.“
„Das weiß nur Gott.“
„Hast natürlich Recht, Biene. Da fährst du in einen sonnigen Morgen hinein und der Sensenmann taucht auf. Er hat mich angegrinst. Ich habe zurückgegrinst. Vielleicht hat ihn das irritiert!“
„So snackt`n avgeklärten Kirl.“
„Ach, meine süße Kartoffel. Was heißt abgeklärt? Das ist einer erst, wenn er einen flotten Bankrott hingelegt und mindestens zwei geschiedene Ehen samt Schwiegermüttern durchlebt hat. Mit beidem kann ich nicht dienen.“
„Quatsch nich son dumm Tüüch, Tom.“ Sie kneift die Augen zusammen, findet zurück ins Hochdeutsche. „Damals war gerade der Cedric geboren, wenige Monate alt. Weißt du noch, dass du mir ein Gedicht geschmiedet hast?“
„Natürlich, wie sollte mir das entfallen. Ich habe lange dran rumgebastelt, musste heftig mit der Muse flirten. Wurde eine Ode an unseren Erstgeborenen.“
„Die Zeilen habe ich nie vergessen, Tomas.“
„Tatsächlich? Bei deinem Gedächtnis ...“
„Warte, das kriege ich bestimmt noch hin, das ging etwa so:
Vor vierzehn Tagen wurde er geboren,
da war die Freude groß, denn Cedric war nun da.
Jetzt liegt er nachts uns schreiend in den Ohren.
Und trotzdem freu`n wir uns, denn er ist uns so nah.
In seiner kleinen Welt ...“
„gibt’s keinen Streit um Geld“, ergänzt er. Seine Augen funkeln. „Tja, unser Cedric. Was wohl mal aus ihm wird? Bald wird er dreißig. Wo sind nur all die Jahre geblieben.“
„Fast hätte er seinen Vater nie richtig kennengelernt. Hoffen wir, dass ihm solche Unfälle erspart bleiben.“
„Und natürlich auch deinem Liebling, dem Amadeus. Der…“
„Na was, Tom?“
„der wäre nie auf Kiel gelegt worden.“
„Stimmt schon.“ Sabine Tilman zögert. „Aber bitte, was heißt dein Liebling! Cedric steht voll im Leben und Ama ist nun mal immer noch unser Nesthäkchen. Auch wenn wir bald seinen neunzehnten Geburtstag feiern dürfen.“
„Es ist jedoch dann schon der Zwanzigste, meine süße Marzipankartoffel. Korrekterweise musst du den Tag der Geburt mitzählen.“
„Erbsenzähler! Mein Ama wird demnächst neunzehn Jahre alt!“
Ama. Ein freundliches Kürzel für Amadeus, ein Name, in welchem die alten Römer Liebe und Gott vereint haben. Für die Mutter ist er ein anderes Wort für Freude und Glück. Seut, een Bild för Götters. Nichts in dieser Welt ist so stark wie die seelische Bindung zwischen Mutter und Kind.
Kinder sind eine Brücke zum Himmel – sagt ein persisches Sprichwort.
Ein heißer Sommertag.
Drückende Schwüle wabert durch das veraltete Zugabteil, mikroskopisch winzige, für das menschliche Auge unsichtbare Wassertröpfchen. Das halb heruntergeschobene Fenster schafft wenig Abhilfe. Der Fahrtwind verwirbelt die Luft und lässt das Namensschild an der Reisetasche unruhig flattern.
An der Fensterseite des dahinratternden Eisenbahnwaggons döst ein junger Mann vor sich hin. Helle graublaue Augen in einem unausgeruhten Gesicht. Neben dem Twen liegt ein Buch, aufgeschlagen beiseitegelegt. Das Bildnis des Dorian Gray.
„Stickig wie im Puff, würde Amadeus behaupten, obwohl er bestimmt noch nicht drin war.“ Das Murmeln des Twens geht im Geräusch des Eilzuges unter. Mit einem Papiertaschentuch wischt er sich über das Gesicht. Es ist ein vertrauenswürdiges Gesicht, eins, das den Frauen gefällt. Lässig hockt er da, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die langen Beine von sich gestreckt, hin auf die gegenüberliegende Sitzbank. Die verschlissenen Stoffsitze wirken speckig, die wildledernen Slipper an den nackten Füßen ebenfalls. Das Schuhwerk erweckt den Eindruck, als hätte es schon viele Sommer seine Schuldigkeit getan und dabei ausgedehnte Märsche über den Sylter Strand oder über das holperige Vulkangestein von Lanzarote erlebt. Die modischen Jeans schmiegen sich an wie eine Liebende, lassen sein Geschlecht erahnen. Man könnte die Hose wegen Freiheitsberaubung verklagen. Der verschwitzte Haarschopf lehnt im knappen Schatten der Sommerjacke. Das vorsichtig aufgeknöpfte Hemd gewährt diskreten Einblick auf glatte Haut. Der hochgewachsene Mann macht schon auf den ersten Blick einen liebenswerten Eindruck; ein flotter Twen, dem nicht nur Frauen interessiert hinterherschauen.
Ein Bahnhof rückt heran. Er wirkt grau und unwichtig. Der Zug verliert an Fahrt. Die Bremsen keuchen. Vor das Abteilfenster schieben sich schwarze Buchstaben auf hellem Grund. Ein kurzes Rucken und die Lok schnauft aus.
„Niebüll“, brüllt eine scheppernde Stimme. Klingt, als würde ein Zentnersack Kartoffeln angepriesen.
„Der soeben eingefahrene Eilzug aus Hamburg, Weiterfahrt nach ...“ Die unpersönliche Stimme aus dem Lautsprecher wird undeutlich, ertrinkt im Gepolter eines über den Bahnsteig rumpelnden Gepäckwagens.
„Hier herein! In diesem Waggon ist Platz!“ kommandiert eine Frau ihren an zwei Koffern schleppenden Mann. Ächzend erklimmt sie die Stufen des Eisenbahnwagens.
Die Anatomie der Frau hat reichlich Verschwenderisches. Ihre dicken Finger zerren einen Knaben mit rostigen Haaren hinter sich her. Der Junge umklammert mit seiner schmuddeligen Hand ein kleines Päckchen. Stampfend durchpflügt die Frau den schmalen Gang. Hektisch blickt sie nach rückwärts und erteilt Anordnungen. „Paulchen, sei vorsichtig, hau nicht mit den Koffern gegen die Wand.“
Der junge Mann im Abteil wendet den Blick zur Schiebetür, fixiert die beleibte Frau mit verkniffenen Augen. Seufzend lehnt er den blonden Schopf an die Kopfstütze.
„Sehr geehrte Fahrgäste, Sie haben sieben Minuten Aufenthalt“, plärrt eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher.
„Schorsch, nach hier! Paulchen, zuerst den großen Koffer!“
Eine fleischige Hand mit einem protzig roten Stein am Mittelfinger schiebt die Abteiltür zur Seite. Ein erhitzter Frauenkopf mit Doppelkinn fragt: „Hier ist doch noch frei!?“
Die Frau wartet keine Antwort ab und nimmt sofort die gesamte Sitzbank in Besitz. Das großgeblümte Sommerkleid gibt knackende Geräusche von sich. Der sommersprossige Junge wirft das kleine Päckchen auf den Sitz. Paulchen wuchtet erfolgreich einen gewaltigen Koffer ins Gepäcknetz. Seine epileptischen Augen erfassen das Schild an der Reisetasche, entziffern neugierig einen Namen. Cedric Tilman.
Cedric. Ein hübscher, eher seltener Vorname. Keltischer Ursprung. Bedeutet freundlich und liebenswürdig. Passt schon.
Paulchen ist von dünner Gestalt. Auf den mickrigen Schultern thront ein Kopf, einem Henkeltopf nicht unähnlich.
„Dieser Mann harmoniert von der Statur her gar nicht mit der umfangreichen Dame“, denkt der junge Mann am Fenster, „Sie passt auch nicht nach Sylt… und in ihr Kleid passt sie auch nicht.“
„Schorsch, wo hast du die Stullen gelassen?“ fragt die Frau mit hungrigen Schweinsaugen. Ihr gewichtiges Hinterteil sinkt auf den Sitz herab. Sofort zeigen sich auf dem Kleid blumige Verwerfungen. Der Blick dieser lästigen Person gefriert. Sekundenlang wirken ihre Augen ausdruckslos. Zwei große Sultaninen in ausgewalztem Kuchenteig.
„Verdammter Bengel!“ Die Großgeblümte stemmt sich empor und zieht unter sich etwas Plattes hervor. Der Rötliche grinst und schiebt einen Kaugummi auf die andere Backenseite. Klatsch! Das Gesicht mit den Sommersprossen nimmt eine aufdringliche Farbe an.
„Aber Trudchen, wir haben doch heute unseren Hochzeitstag.“ Paulchens Knopfaugen im runden Gesicht mit den abstehenden Ohren blicken ärgerlich, ähnlich einem Schachspieler, der beim Verlieren das Brett umwirft. Schon ist er wieder draußen. Cedric schaut hinterher, lächelt das Lächeln des Chirurgen.
Auf dem Nebengleis rollt ein Schnellzug heran. „Der verspätete Intercity aus München fährt in Kürze weiter“, plärrt es aus dem Lautsprecher.
Cedric Tilmans Blicke irren am verwaschenen Beton des Bahnsteigs entlang. Er schaut auf, blickt unversehens in ein liebes Frauengesicht. Honigfarbenes Haar und volle Lippen. Das verhalten blonde Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Frau, Mitte zwanzig, hat sich abgewendet, hinein ins Abteil. Das Halbdunkel zaubert einen perlenhaft seidigen Schein auf ihr Antlitz. Ein breiter, goldener Querstreifen auf dem T-Shirt lässt beunruhigende Formen ahnen. Ein edles Gefäß der Anmut. Der Blick des jungen Mannes klebt an der Frau. Wann wendet sie endlich den Kopf und schaut zu ihm hinüber! Pochend protestiert das Herz gegen sein enges Gefängnis.
Paulchen schleppt einen weiteren Koffer ins Abteil. Erst nach mehrfachen Versuchen gelingt es, das schwere Ding ins Gepäcknetz zu wuchten. Dabei quetscht er sich einen Finger.
„Hi, hi, Papa hat sich die Hand wehgetan!“ kräht der rotblonde Bengel.
Die Dame im Großgeblümten zieht die fett bemalten Augenbrauen hoch. Der Ehemann flucht undeutlich vor sich hin.
Cedrics Blicke haben sich noch immer an dem bezaubernden Mädchen von gegenüber festgehakt. Jetzt endlich blickt es auf. Kastanienbraune Augen blinken zu ihm hinüber. Volle Lippen öffnen sich langsam zu einem neugierigen Lächeln. Der junge Mann hebt den Arm, will winken, doch die Hand zögert in der Aufwärtsbewegung.
„Schorschi, willst du ein Butterbrot?“ Die Dame im Großgeblümten wartet die Antwort nicht ab und reicht Schorschi etwas Plattes. Der Rötliche pappt sein Kaugummi unter den Sitz und befummelt argwöhnisch das verunglückte Nahrungsmittel.
Auf dem Bahnsteig schlurft eine Eisverkäuferin herbei. Cedric blinzelt der jungen Frau zu, deutet auf die Verkäuferin und schleckt an der Luft. Zwei dunkelbraune Augen blinken ein OK. Die scheppernde Stimme aus dem Lautsprecher meldet sich und fordert die Fahrgäste ultimativ zum Einsteigen auf. Es ist gerade noch Zeit, der hübschen Frau eine Eiswaffel hinüberzuschicken. Das unwillkommene Abfahrtssignal klingt nervig. Zwei junge Menschen mit Blickkontakt schlecken an ihrem Eis.
Mit leisem Vibrieren setzt sich der Zug in Bewegung, gewinnt langsam an Fahrt. Der Mann winkt mit der Eiswaffel, die Frau waffelt zurück. Schon sind nur noch Umrisse von ihr wahrnehmbar, denn das Sonnenlicht spiegelt sich in den Scheiben des anfahrenden Zuges. Viel zu schnell verliert der Mann sie aus den Augen.
Eine Weile schaut Cedric dem Zug hinterher. Dann setzt sich auch der Eilzug in Bewegung. Er drückt das Schiebefenster hoch. Seine Hand gleitet an der schmuddeligen Scheibe abwärts. Die Finger hinterlassen eine schlierige Spur.
„Schorschi, schmatz nicht!“ tönt es durchs Abteil.
Der Junge mit den rostigen Haaren schiebt sich den Rest des Butterbrotes in den Mund. Dann fährt er mit seinen Fettfingern über das Polster und betastet den Sitz unter sich. Mit einem zufriedenen Grunzen klaubt er sein Kaugummi hervor und lässt es im Mund verschwinden.
Ein Gegenzug naht, ein langer Autozug. Dröhnend passiert das eiserne Ungetüm den Eilzug. Die wenigen Autos auf der oberen Plattform huschen vorbei. Die Insel Sylt zeichnet sich in der Ferne ab, zeigt sich lang hingestreckt, doch noch verschwommen. Ganz entlegen wird die Nordspitze des Eilands sichtbar und links davon eine helle kleine Säule, ein Leuchtturm mit einem schwarzen Streifen mittendrin. Den Streifen kann man zunächst nur bei genauem Hinsehen erkennen.
Ah, da ist er ja. Vater Leuchtturm. Cedric blickt angestrengt zur Insel hin und versucht, vertraute Einzelheiten auszumachen. Ich darf morgen Amas Geburtstag nicht vergessen, hetzt ihm der Gedanke an den Bruder durch den Kopf. Er lehnt sich zurück und denkt an ein freundliches Gesicht.
Es knistert im Abteil. Blinzelnd nimmt Cedric wahr, dass die beleibte Dame ein Butterbrotpapier zerknüllt. Abfällig betrachtet sie das Hinweisschild am Fenster, das kategorisch dazu auffordert, nichts hinauszuwerfen. Die Frau entsorgt mit blitzartiger Handbewegung das zerknautschte Papier. Sekunden später betrachtet sie die frevlerische Hand. Der eben noch am Mittelfinger funkelnde Rubinring ist verschwunden!
Bald zeichnen sich die Hochhäuser des Kurzentrums gegen den leicht bewölkten Himmel ab. Wenige Minuten später poltert der Eilzug über zahlreiche Weichen in den Westerländer Kopfbahnhof. Der Zug ist pünktlich. Das Rattern verstummt. Viele Reisende haben es eilig, auch im Urlaub. Cedric lässt sich Zeit. Er ist einer der letzten Fahrgäste, die dem Zug entsteigen.
Maritimer Urlaubsduft liegt über der Urlaubsstadt. Der Neuankömmling schlendert in Richtung Bahnhofsvorplatz. Vor ihm schleppt eine dünne Gestalt zwei Koffer davon. Daneben bewegen sich ein großgeblümtes Kleid und ein rothaariger Knabe in Richtung wartender Taxis. Auf dem gewaltigen Kopf der Großgeblümten schwankt ein Wagenrad aus Stroh. Ein glatzköpfiger Mann in verschwitztem Hemd eilt ihnen vom Taxistand entgegen.
Das Fremdenverkehrsbüro befindet sich vor dem geklinkerten Bahnhofsbau, gleich links nahe am Ausgang. Ein flacher, unscheinbarer Anbau mit einem hellen Plakat, das auf touristische Dienstleistungen hinweist. Die Tür ist einladend geöffnet. Ein ledernes Frauengesicht blickt Cedric freundlich an. Das vielfaltige Antlitz vermittelt den Eindruck, als hätte es in der Blüte seiner Jugend noch das Heraufziehen des Charleston miterlebt. Die Frau wirkt unglaublich gesund. Klare Augen, großer Busen, breites Becken in strammen Jeans.
„Na denn, dschunger Mann, was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, liebe Frau. Cedric Tilman ist mein Name. Für mich ist hier ein Autoschlüssel deponiert.“
„Na denn, da weiß ich doch gleich Bescheid.“
Die liebe Frau wühlt einige Augenblicke in einem vor Schriftverkehr überquellenden Ablagekorb, der auf einer schmuddelig abgenutzten Holzplatte auf Bearbeitung wartet. Ihr Suchen ist schnell erfolgreich. Die Frau kennt sich gut aus in ihrer Unordnung. Mit einem wohlmeinenden Na denn! reicht sie dem Urlaubsgast einen braunen Umschlag. Cedric öffnet das Kuvert und liest:
Lieber Herr Tilman,
im Auftrag von Herrn Mönckemeier überreiche ich Ihnen die Autoschlüssel.
Gehen Sie pfleglich mit dem Prachtstück um. Ich kann mich nicht erinnern, dass er seinen alarmroten Flitzer jemals in fremde Hände gegeben hat! Der Chef muss einen besonders schwachen Moment gehabt haben.
Ich wünsche Ihnen schöne Tage und nicht allzu viel Spaß auf der sündigen Insel Sylt.
Der rote Porsche steht auf dem Parkplatz in Bahnhofsnähe. Er dürfte kaum zu übersehen sein. Wenn Sie die Insel wieder verlassen, stellen sie das gute Stück dort bitte wieder ab.
Ich beneide Sie.
Es grüßt herzlich
Clarissa Rose
(Sekretärin, Mönckemeier & Co KG)
Der Beneidete steckt Brief und Schlüssel in die Jackentasche, bedankt sich artig, legt einige Geldmünzen auf den Tresen und wendet sich zum Gehen. Die Dame mit dem Ledergesicht streicht das Trinkgeld lächelnd und mit der Gewandtheit einer routinierten Kassiererin ein.
„Na denn, einen schönen Aufenthalt.“
„Na denn, da bedanke ich mich recht herzlich und wünsche auch Ihnen eine gute Zeit, liebe Frau.“
Der Inselbesucher tritt hinaus auf den Bahnhofsvorplatz. Der Himmel gibt sich inzwischen wolkenlos. Cedric bleibt stehen, um sich zu orientieren. Richtig, dahinten entdeckt er einen Platz, auf dem dichtgedrängt zahlreiche Fahrzeuge abgestellt sind.
Im Café gegenüber erhebt sich ein Pärchen von einem Bistrotisch und nimmt Arm in Arm Kurs auf den Parkplatz. Cedric registriert es eher zufällig, schaut dann aber genauer hin. Das rundliche Gesicht des männlichen Begleiters, ein dunkelhaariger Typ mit Kurzhaarschnitt, strahlt Sympathie und Frohsinn aus. Das kurzärmelige Hemd klebt an Brust und Schultern. Es zeichnet deutlich Formen eines durchtrainierten Oberkörpers nach. Bei der jungen Frau fällt sofort das T-Shirt ins Auge, besonders die Verzierung in Form eines goldfarbenen Querstreifens. Der dunkelhaarige Mann hat den Arm um die Frau gelegt und haucht ihr einen Kuss auf die Wange. Mit der freien Hand öffnet er die Beifahrertür eines Cabriolets. Ganz Kavalier vergewissert er sich, dass seine Begleiterin bequem Platz gefunden hat.
Cedric schaut verkniffen, schlendert langsam Richtung Parkplatz, erreicht die Auffahrt in dem Moment, als der Sportwagen in zügigem Tempo an ihm vorbeikurvt. Schmallippig starrt er dem Cabriolet hinterher. Im Laden an der Ecke kauft er eine Flasche Jameson, twelve years old. Wer Irish Whiskey nicht kennt, sollte mit Jameson anfangen. Sagt man.
***
Das alte Friesenhaus trägt ein beleibtes Reetdach. Es vermittelt einen heimeligen Eindruck. Abseits der Keitumer Hauptstraße liegt es, umrahmt von einem mit wilden Rosen bewachsenen Friesenwall. Die Eltern haben hier schon mehrfach gewohnt und sich in die besondere Atmosphäre dieses typischen Friesenhauses verliebt.
„Die Wirtin heißt Erna Tiffemann. Sie ist auf taktvolle Weise neugierig. Solange man ihr das Mobiliar nicht zertrümmert, kannst du tun und lassen was du willst“, hat der Vater dem Sohn mit auf den Weg gegeben. „Außerdem tischt die Erna ein saustarkes Frühstück auf.“
Der Nachmittag ist schon weit vorangeschritten. Der knallrote Sportwagen rollt vor dem Urlaubsquartier aus. Wie zufällig steht die Wirtin vor der in friesischem Blau lackierten Eingangstür.
„Da lerne ich endlich den großen Sohn der Familie kennen. Tach auch, ich bin Erna Tiffemann. Dolles Ding da, was Sie Auto nennen. Ein flotter Flitzer!“
„Gehört mir leider nicht, liebe Frau Tiffemann. Also, ich bin Tilmans Cedric. Guten Tag erst einmal. Wollte zeitiger hier sein, aber das Wetter! Musste es unbedingt ausnutzen. Bin gleich runter an den Strand, rein in die Wellen. Schon mal zur Probe.“
„Kann ich gut verstehen, wenn man verschwitzt daherkommt. Unsere frische Nordsee lockt unwiderstehlich. Außerdem weiß man nie, ob es am nächsten Tag auch noch so angenehm warm ist. Immerhin, die Wettervorhersage für die nächsten Tage ist vielversprechend.“
„Na, hoffentlich verspricht die nicht zu viel.“
„Denn mal rein mit Ihnen, Herr Tilman, habe Sie schon früher erwartet. Ihr Zimmer ist seit Stunden gerichtet.“
„Nennen Sie mich doch Cedric. Schön, dass ich meine Liegestatt nicht von zu Hause mitbringen muss.“ Er amüsiert sich über die gerunzelte Stirn der Wirtin. „Sie müssen wissen, Frau Tiffemann, das war früher, zum Beispiel zu Mozarts Zeiten, gang und gäbe. Wenn sich der Wolfgang Amadeus auf eine Reise begab, war das lebensgefährlich. Man hatte seine eigenen Bettsachen dabei und war gut beraten, vor einer Reise sein Testament zu machen.“
„Das Gestern ist ein altes Land, junger Mann. Da haben Sie sicherlich recht.
Treten Sie näher, ich zeige Ihnen das Zimmer.“
Das kleine Appartement erweist sich als recht schlicht, ist aber behaglich eingerichtet. Und für zwei Personen geeignet. Darauf deutet ein breites Bett hin. An der verblassenden Tapete fällt dem Ankömmling ein Holzschildchen ins Auge. Es präsentiert eine kategorische Forderung. Selbst bei dreißig Grad im Schatten, darf die Liebe nicht ermatten!
In der Ecke hinter einer perlgrauen Tür entdeckt Cedric ein kleines Badezimmer. Der Duschbereich ist durch einen schlichten Kunststoffvorhang abgetrennt. Er wirft seine Kleidung auf den einzigen Stuhl und gönnt sich eine flüchtige Dusche. Die Anreise, die Wärme, der Stress der vergangenen Wochen, Cedric überfällt große Müdigkeit. Er beschließt, frühzeitig schlafen zu gehen. Gemeinsam mit Jameson, twelve years old.
Er zerrt ein luftiges Hemd aus dem Koffer. Unterhalb des V-Ausschnitts sind in geschwungenen Lettern die Worte Born to sleep eingestickt. Er hat dieses kurze Nachtshirt schnell noch vor Reiseantritt gekauft. Niemand wird ihn heute Nacht darin bewundern.
Die Vertiefung im Mittelteil der Matratze ist ein deutlicher Fingerzeig. Auf dieser Unterlage haben bereits zahlreiche Urlauber ihren Hintern gebettet. Er beschließt, alles erträglich zu finden, geht ins Bad, greift sich das einzige Wasserglas, kippt ordentlich Jameson hinein und prostet seinem Spiegelbild zu.
„Hallo, du attraktiver Bursche! Wünsche dir schöne Tage auf der sündigen Insel!“ Er genehmigt sich einen weiteren, kräftigen Gute-Nacht-Schluck, kippt ins Bett und versucht sich wegzuträumen. Er schläft unruhig, wie so häufig, wenn er die erste Nacht in einem fremden Bett verbringen muss.
Am Morgen kämpft Cedric unausgeschlafen mit dem großen Kopfkissen. Seine Gedanken projizieren unter die Lider der geschlossenen Augen das Bild einer schönen jungen Frau mit Kastanienaugen. Wäre es nicht toll, mit ihr ausgiebig zu kuscheln, den Kopf in ihren festen Hügelchen vergraben? Und dann, nach innigem Vorspiel in ihre Ohren keuchen und sich dahintreiben lassen.
Der Magen knurrt. Er ist des Schlafens müde, wirft die Beine hoch und schafft es im ersten Versuch, aus der Bettkuhle herauszukommen. Die Sprache des Spiegels zwingt ihn zu einem kurzen Gang unter die Dusche. Tapfer versucht er, die Maske der Nacht aus dem Gesicht zu wischen. Beim Abtrocknen betrachtet er kritisch seine ebenmäßigen Füße, greift zu einer Nagelschere. Sorgfältig bearbeitet er die vom Duschwasser aufgeweichten Zehennägel. Er hasst ungepflegte Füße. Dann schlüpft er in die Freizeitschuhe. Die ledernen Dinger sind bequem und praktisch. Er muss sich nicht einmal bücken um einzusteigen, ist bereit, um auf Nahrungssuche zu gehen.
Kaffeeduft kriecht ihm in die Nase. Er betritt den Frühstücksraum: kleine hölzerne Vierertische, eingedeckt mit weißblauem Geschirr, locker verteilt. Von einem Zweiertisch am Fenster duften ihm aus einem Weidenkörbchen frische Brötchen entgegen.
Mit einem schon so früh hoch? erscheint Witwe Tiffemann in der altfriesischen Küchentür, an welcher der blaue Lack abzubröckeln beginnt. „Guten Morgen, dschunger Mann. Hoffe, dass Sie sich hier wohlfühlen. Wurst, Käse, Ei, vielleicht auch Lachs, ja?“ Die Wirtin schlurft zurück in die Küche, kehrt mit einer Kanne Kaffee und einem beladenen Teller zurück und wünscht einen guten Appetit.
„Des Schweines Ende ist der Wurst Anfang“, murmelt der Gast und rammt sein Frühstücksmesser in die pralle Leberwurst. Frühstück bei Tiffemann.
Von der Treppe her sind trippelnde Schritte zu vernehmen.
„Guten Morgen, Fräulein von Horwitz. Haben Sie gut geschlafen?“
„Ja, Frau Tiffemann, herrlich, wie ein Waschbär in einem Berg frischer Bettwäsche“, antwortet eine angenehme Frauenstimme.
„Was darf ich Ihnen bringen?“
Die angenehme Stimme erbittet ein weiches Ei und Schinken. Und natürlich
Kaffee. Gleich darauf erreicht Cedric ein fröhliches guten Morgen. Er wendet sich zur Seite, um den Gruß zu erwidern und verschluckt sich beinahe an einer Wurstscheibe. Die Angebetete aus dem Zug!
„Wollen Sie sich vielleicht herüber setzen, hier an den Tisch dieses netten dschungen Mannes?“, animiert Erna Tiffemann ihren weiblichen Gast.
„Mache ich gerne, wenn dieser nette dschunge Mann nichts einzuwenden hat?“
Cedric kaut und schluckt an seinem Brötchen. Er nickt.
„Ich bin Martina von Horwitz aus München.“ Sie rückt sich den Stuhl zurecht, bevor der nette dschunge Mann tätig werden kann.
„Cedric ... aus Hamburg“, krächzt der.
Die Frau trägt helle Shorts. Das knappe Sommerhemdchen vermittelt Hinweise auf anatomische Schätze. In der Tat, ein edles Gefäß der Anmut. Der junge Urlauber weiß immer noch nicht, was er reden soll.
„Gesprächig sind Sie ja nun nicht. Schüchtern, wie?“
Endlich gelingt es Cedric, seine Redehemmung zu überwinden. „Schöne Frau, wenn Sie wüssten, wie recht Sie haben.“
„Was, tatsächlich? Raus mit der Sprache!“
„Ich muss an Tante Martha und ihre Würste denken. Die hat sie mir als Kind oft um den Hals gehängt, damit wenigstens der Nachbarhund mit mir spielte.“
„Oh, milieugeschädigt auch noch! Doch erzählen Sie, wer ist Tante Martha?“
„Eine vornehme, äußerst eloquente Verwandte. Wenn man ihr etwas unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, wird es in kurzer Zeit Allgemeingut. Sie kann stundenlang über Dinge reden, denen sie sprachlos gegenübersteht. Seit vielen Jahren ist sie Witwe. Als sie ihren Mann kennenlernte, handelte der mit Bananen und machte andere krumme Dinger. Sogar ein Buch hat er geschrieben. Der Roman freilich war eine Totgeburt. Tante Martha hat ihren Mann redlich unterstützt, besonders erfolgreich beim Schrumpfungsprozess des verfügbaren Einkommens. Dann ist ihr Ehemann zur See gefahren und wurde schließlich als verschollen gemeldet. Von ihm ist nur eine mickrige Witwenrente übriggeblieben. Da verfiel sie dem Geiz. Doch reden wir über erfreulichere Dinge.“
„Tun wir das, scheint sinnvoll. Ja, da denke ich zum Beispiel an das Eis von gestern. Das war klasse. Nochmals besten Dank.“
„Gern geschehen. Kam bei der Hitze vermutlich gerade recht.“
„Richtig, nun will ich mich aber erstmal für den heutigen Tag stärken. Wer weiß, was auf mich zukommt.“ Die junge Frau greift nach dem Schinken und entwickelt einen erstaunlichen Appetit.
Wenn ich mir die beiden anschaue, passen sie doch richtig gut zusammen, findet Witwe Tiffemann. Nach Wirtinnen Art hat sie das Gespräch der beiden hinter der Küchentür verfolgt. Die beiden jungen Leute gefallen ihr.
Cedric überlegt, wie er ein vernünftiges Gespräch zustande bringen kann. Die Entscheidung wird ihm abgenommen. In der Tür steht der dunkle Typ vom Vortag und eilt mit ausgebreiteten Armen und gespitztem Mund heran.
„Bist du fertig, Tinchen? Ja? Das ist gut, muss mich beeilen. Bin spät dran.“
„Gutes Timing, lieber Matze. Ja, ich bin so weit. Mein Tischpartner hier ist übrigens der Herr Tilman aus Hamburg.“
Matze lächelt einen guten Tag und vergisst sich vorzustellen. „Lass uns starten, Tinchen, ich muss zeitig in Westerland sein.“
Hat er es wirklich so eilig? Er drückt der Frau einen Kuss auf die Backe. Dann enteilen sie. Der Zurückgebliebene lächelt krampfhaft. So muss sich ein Sechsjähriger fühlen, dessen Alter man auf fünf geschätzt hat.
„Wenn das so weitergeht, handele ich mir noch Depressionen ein. Fertig Tinchen? Gutes Timing, lieber Matze!“
Motzig muffelt er auf dem Rest eines Brötchens herum und erwischt dabei die Zunge. Herzensfrust statt Herzenslust.
***
Ein junger Morgen.
Frischer, unschuldiger Duft dringt durch das angelehnte Fenster. Sonnenlicht reflektiert in der Scheibe, drängt in die Enge des Schlafraumes. Ein nächtliches Gewitter hat die Luft gewaschen. Zwei Männerfüße tapsen aus dem Bett zur Dusche. Kühles Wasser rieselt durch den angekalkten Duschkopf. Prüfend bewegen sich zwei Hände in die sprenkelnde Nässe, dann verschwindet Cedrics schlanke Gestalt hinter der Duschabtrennung. Das Nass, ein willkommener Muntermacher, rieselt an knapp hundertneunzig Zentimetern herab. Abrubbeln, abtrocknen, noch ein mutiger Blick in den Spiegel. Der junge Mann scheint zufrieden. Leise pfeifend schreitet er hinunter in den Frühstücksraum.
Wieder ist er der einzige Gast. Ohne zu zögern wählt er den Tisch vom Vortag. Ob ihm Tinchen wieder über den Weg laufen wird? Man soll ja den Lauf der Welt um eine Winzigkeit beeinflussen können, wenn man sich auf sein Ziel konzentriert. Und siehe da! Das erste Brötchen ist noch nicht geschmiert, da vernimmt er trippelnde Schritte. Schon das leichte Aufsetzten der Sandale verspricht Anmut.
Martina von Horwitz, heute früh die Morgenröte in Person, tiriliert ein duftiges Guten Morgen in den Frühstücksraum. Cedric spürt ein zartes Beben im Brustbereich. Eilig springt er hoch und rückt er für die Vermisste den Stuhl neben sich zurecht.
„Guten Morgen, schöne Frau. Sie machen mir doch die kleine Freude, ihr Frühstück wieder an diesem Tisch einzunehmen?“
„Diese kleine Freude gönne ich Ihnen.“ Sie schaut plötzlich unsicher. „Ist was, stört Sie etwas an mir? Ist mir der Lippenstift ausgerutscht?“
„Nö, im Gegenteil, sie schauen frisch und munter aus. Bestimmt haben Sie heute früh schon ein Bad genommen.“
Die Gegenfrage Wieso, fehlt eines? entkrampft die Situation.
„Hatten Sie gestern Zeit, diesen herrlichen Strandtag zu genießen? Sie sind doch hoffentlich nicht zum Arbeiten auf diese schöne Insel gekommen?“
„Wie man`s nimmt“, lächelt die Frau.
„Verstehe ich nicht.“
„Beides ist richtig. Ich jobbe hier, war gestern aber auch schon am Strand.“
Zwei blanke Kastanien funkeln. „Ich helfe bei einer Familie aus, mache Babysitten. Das Baby ist freilich schon fünf Jahre alt und heißt Justus. Mit ihm war ich gestern an der Nordspitze der Insel, am Ellenbogen bei List.“
„Die Ecke kenne ich, das ist ein hübscher, ruhiger Strandabschnitt. Der heißt so, weil der Nordteil der Insel dort einen sanften Bogen macht“, versucht er aufzuklären. „Man muss auf die starke Strömung achten, kann äußerst gefährlich werden, wenn man da ins Wasser steigt.“ Jetzt will er es wissen. „Haben Sie sich mit Justus allein hin getraut?“
„Junger Mann, Sie ziehen mir ja mächtig an der Zunge“, grinst sie. „Aber gut, Sie wollen wissen, ob mich dieser sympathische Typ von gestern Morgen begleitet hat!“ Ihre Gesichtskastanien leuchten. „Nein, hat er nicht. Der Matze muss auf der Insel einige geschäftliche Dinge regeln und in der Zwischenzeit kümmere ich mich um seinen Sohn. Zufrieden?“
„Whow!“ Cedric wird mutig. „Was halten Sie davon, wenn wir etwas gemeinsam unternehmen. Wir könnten zum Beispiel heute oder morgen unsere Haut zum Strande tragen. Ich habe in den Dünen bei Vater Leuchtturm eine wunderschöne Ecke entdeckt. Hätten Sie Lust?“
„Klingt gut, aber wer ist Vater Leuchtturm?“
„Pardon, das muss ich erklären. So nennen wir in unserer Familie den großen Kampener Leuchtturm in der Nähe der Hauptstraße. Da gibt es eine Geschichte, die erzähle ich Ihnen gelegentlich.“
„Klingt interessant, die Gegend kenne ich noch nicht. Heute muss ich mit dem Kleinen noch zum Arzt und auch sonst ist noch einiges zu erledigen. Und morgen? Ich habe Justus versprochen, noch mal mit ihm an den Ellenbogen zu gehen. Wenn Sie wollen, können Sie uns dorthin begleiten. Vater Leuchtturm kann uns ja nicht weglaufen.“
„Klar, will ich, kann ich. Aber wenn wir dann schon in Familie machen, sollten wir uns langsam duzen, was meinen Sie?“
„Habe nichts dagegen. Also, mein werter Name ist Martina und ich mache einen Diener.“ Sie deutet galant eine Verbeugung an.
Der junge Mann lüftet einen imaginären Zylinder. „Chapeau. Chapeau, es ist kein Trick, ich bin der nette Cederic!“
Das Verliebtsein beginnt Spaß zu machen. Die beiden jungen Leute ergreifen ihre Kaffeetassen, verhaken die Arme ineinander, nippen ein Schlückchen, verharren Wange an Wange und hauchen sich, ein liebestoller Höhepunkt, ein vorsichtiges Küsschen auf die geröteten Backen.
Cedrics Finger sucht den Klingelknopf.
Das Ding Dong dröhnt deutlich, aber im Haus rührt sich nichts. Über den Sandweg, von der Düne her, joggt ein Mann heran. Er hat offensichtlich einen strammen Strandlauf hinter sich. Schnaufend begrüßt er den Wartenden.
„Tach auch, ich bin Martinas Bruder.“
„Und ich bin erfreut“, grinst Cedric. „Wir haben uns schon kurz in der Pension kennengelernt.“
„So ist es, Herr Tilman, ihren Namen habe ich mir gemerkt.“
„Ist das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen? Sie wissen sicher, dass ich mit ihrer Schwester und Justus verabredet bin. Martina ist vorhin schon mit dem Fahrrad vorausgefahren. Wollte sie abholen, aber sie hat vermutlich die Klingel nicht gehört.“
„Klar, prima, dass Sie sich zusammentun. Ich bin Matthias, meine Freunde sagen Matze. Wollen wir uns duzen?“
„In Ordnung, Matze. Siezen macht alt. Also, ich bin der Cedric.“
„Meine Schwester duzt du ja auch, oder?“
„So ist es. Haben Sie gerade ihren Frühsport hinter sich?“
„Du hast ...“, korrigiert der Jogger.
„Entschuldigung, die Situation ist neu“, stottert Cedric und beschließt, den verschwitzten Matthias ab sofort sympathisch zu finden. „Du hast `ne tolle Figur, Matze, treibst viel Sport, was?“
„Kann man so sagen.“
„Regelmäßig?“
„Kann man so sagen.“
„Was ist denn dein Lieblingssport?“
„Schach.“
Witzig ist Matze auch noch. Besser als dröge oder taubstumm.
„Übst du noch andere Extremsportarten aus?“
„Aber ja, Cedric. Bogenschießen.“
„Oh je! Das stelle ich mir recht schwierig vor. Ist doch schon schwer genug, geradeaus zu schießen!“
Matthias von Horwitz schmunzelt. Der neue Freund gefällt ihm. Tina erscheint in der Haustür. Sie hat mitbekommen, dass sich ihre Urlaubs-bekanntschaft vor dem Haus eingefunden hat.
„Hallo Matze, da bist du ja. Schön ausgepowert? Ich habe alles gerichtet, hole nur noch den Kurzen, dann können wir los.“ Tina verschwindet im Haus, ist schnell mit dem Fünfjährigen und einem Rucksack zurück. Ihr Bruder verabschiedet sich, dreht sich in der Tür noch einmal um.
„Heute ist Freitag, der Dreizehnte. Also fahrt vorsichtig und passt gut auf meinen Sprössling auf.“
„Ach Matze, seit wann bist du abergläubisch? Leidest du etwa unter Paraskavedekatriaphobie?“ Tina amüsiert sich über sein überraschtes Gesicht.
„Oh je, Tina, wie lange hast du an diesem Wort geübt! Aber ich kann dich beruhigen. Ich leide nicht, aber ich kenne genug Menschen, die mit einer solchen Phobie kämpfen. Aber keiner von denen, wenn ich es richtig weiß, hat deswegen schon einmal auf sein dreizehntes Monatsgehalt verzichtet, auch nicht an einem Freitag.“ Matze präsentiert lachend sein blendendes Gebiss. „Macht voran. Habt ihr Schutzcreme dabei an diesem sonnenbrandfreundlichen Tag, ja? Gut, dann befreit mich von eurer Gegenwart. Muss mich umziehen, habe nachher noch einen wichtigen Termin. “
Termine sind immer wichtig. Tina, Cedric und Justus klettern in den roten Sportflitzer. Der Kleine klemmt sich auf den Notsitz. Cedric tritt so zügig auf das Gaspedal, dass der Schotter vom Wege aufspritzt. Schnell haben sie die Hauptstraße erreicht und befinden sich auf der einzigen Durchgangsstraße, die zum Norden der Insel führt. Die rechts und links der Straße verstreut liegenden Anwesen schmiegen sich mit ihren Reetdächern vornehm geduckt in die Dünenlandschaft. Im Autoradio melden sich die Beatles. All you need is love.
„Oh, sieh nur da rechts, der sssöne Leuchtturm.“ Justus kann das sch nicht richtig aussprechen.
„Das ist Vater Leuchtturm“, klärt ihn Cedric auf.
„Aha“, murmelt Justus, ohne groß zu reagieren.
Kurz darauf zeigt Cedric auf einen kleinen Leuchtturm. „Schaut da vorne links, auf der Düne kurz vor dem Strand. Das ist Baby Leuchtturm. Wenn du schön brav bist, erzähle ich dir nachher die ganze Geschichte.“
„Cedric, du versuchst ein Märchen unter die Leute zu bringen.“
„Nicht wirklich. Wir waren früher häufig auf dieser herrlichen Insel. An einem heißen Nachmittag, wir kamen vom Strand, mochte der Ama nicht mehr laufen. Mein Vater sollte ihn huckepack nehmen. Dem war aber auch heiß und er hatte keine Lust, den Sohn bis zum Parkplatz zu schleppen. Um ihn abzulenken, fing er an, Erlebnisse vom Vater Leuchtturm zu erfinden. Wenn ich einmal Kinder haben sollte, werde ich ihnen diese Geschichte bestimmt erzählen.“
„Oh, ja.“ Justus zeigt zunehmend Interesse.
„Also später mal“, weicht Cedric aus und steuert das flotte Gefährt mit mäßiger Geschwindigkeit über die Landstraße. „Mein Vater wollte früher auch einen Porsche fahren. Er war richtig heiß darauf, aber Mutter fand das zu protzig. Sie liebt das Understatement. Du musst wissen, sie ist in Hamburg geboren. Echte Hanseaten sind so.“
„Ah ja. Und wie geht es deinen Eltern?“
„Ich denke gut. Sie leben schon länger in Lübeck. Da ich seit einige Jahren nicht mehr zu Hause wohne, habe ich sie in den letzten Monaten kaum gesehen.“
„Sind sie berufstätig?“
„Meine Mutter ist Hausfrau, mit Leib und Seele. Mein Bruder und ich nennen sie diskret Hamburgensie. Eine liebenswerte Glucke. Das hat sich auch nicht geändert, als ich ausgezogen bin. Dafür wird mein jüngerer Bruder mit seinen knapp neunzehn Lenzen umso heftiger umhegt. Aber wenn Amadeus nach hoffentlich bestandenem Abitur zur Bundeswehr geht, dürfte es zu Hause ruhig werden. Ich denke, Mutter wird ordentlich dran zu knabbern haben.“
„Und dein Vater?“
„Ein freiberuflicher Ingenieur.“
„Viel auf Reisen?“
„Ja, aber er hat sein Büro zu Hause, ist dadurch einigermaßen präsent.“
Auf der linken Seite drängt sich eine Wanderdüne ins Blickfeld. Sie wälzt sich seit vielen Jahren der Straße entgegen, unaufhaltsam, im Zentimetertempo, vom dauernden Westwind angetrieben.
Die drei Ausflügler haben den nördlichsten Ort auf der Insel erreicht. Justus hat Hunger. Am Ende der Straße lockt ein rustikales Restaurant. Eine bunte Fahne flattert an der holzverkleideten Front. Das nördlichste Restaurant Deutschlands, so steht es auf einer betagten Holztafel. Tina lässt Cedric den Vortritt, damit er ihr die Tür öffnen kann. Schon steht er am Garderobenständer und fragt den vorbeieilenden Kellner: „Hier können wir uns doch aufhängen?“
„Aber bitte nur die Jacken!“
„Na klar“, grinst Cedric, „wir wollen Ihnen ja nicht die Gäste vergraulen.“
Tina hat sich einen Fensterplatz ausgewählt. „Hier hat man einen tollen Blick auf die Wattseite“, staunt sie.
Das Lokal ist zu dieser Tageszeit kaum besucht. Nur hinten im Eck hocken einige Gäste. Die Drei haben kaum Platz genommen, da ist auch schon der Ober mit der Speisekarte zur Stelle. Cedric blättert darin herum.
„Ich werde eine Portion orthographische Fehler bestellen“, entscheidet er.
