Häuschen mit Herz ... - Hartmut Salzmann - E-Book

Häuschen mit Herz ... E-Book

Hartmut Salzmann

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Beschreibung

Unterhaltsame Kurzgeschichten: Teils heiter und humorvoll, teils satirisch, oft zum Schmunzeln, am Ende auch ernsthaft: Sei es die Geschichte von der Muckibude oder die von dem Jungen, der durch das Herz schaute, eine Liebelei auf Sylt, ein geiler Nachwuchsgolfer oder eine nervige Golfspielerin, ein sehr spezieller Chef, Telefonterror oder eine verfluchte Eifersucht, schreckliche Urlaubsfreuden oder die neue Frau, weihnachtliche Vanillekipferl, Omilis Geburtstag oder der rote Fleck, die Geschichte vom Vater Leuchtturm, ein bekennendes Arschloch oder ...

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Das Kind muss einen Namen haben

Ein Gedicht, ein Gedicht!

Die Geschichte vom Vater Leuchtturm

Ein kesser Nachwuchsgolfer

Häuschen mit Herz

Vanillekipferl

Eine neue Frau

Ein süßes Gefäß der Anmut

Fußball beim Zitat genommen

Ein Schauspielschüler ist erkrankt

Einer – wird – gewinnen

Ulli und Bully

Urlaubsschrecken

Eine Tagesschau

Ein spezieller Chef

Bei Anruf: Cool bleiben!

Ludwig Thoma und der Golfsport

Die blonde Narzisse

Schweine haben keine Lobby

Ei verflucht – Eifersucht!

Alte Sauna, neuer Gast

Na, nun sagen Sie mal…

Der Beipackzettel

Ein Arztbesuch

Saisoneröffnung

Männerflight mit Dame

Glück hat man selten…

Ein besonderer Tag

Der Schlüssel

Theater

Magische Buchstaben

Schneewittchen und die 17 Zwerge

Titelwahn

Oh nein, der Nikolaus

Darf ich mal streicheln?

In der Muckibude

Der Musterschüler

Anbaden auf Sylt

Geht`s noch?

Der Herzschrittmacher

Ein Maler – ein Wort

Das bekennende Arschloch

Das Nordlicht

Alles super oder klasse?

Das Servicekonzept

Kalau & Co.

Was macht wohl KDM?

Omilis Geburtstag

Anna, Wilhelmine, Friederike, Marie…

Der rote Fleck

Das Kind muss einen Namen haben

Anno 1939. Der Weihnachtsmonat ist drei Tage alt.

Charlotte hat entbunden. Zum zweiten Mal. Ein Sohn. Björn soll der Junge heißen. Der sorgsam ausgewählte Name ist skandinavischer Herkunft. Björn bedeutet Bär oder Brauner.

Apropos braun. Reichskanzler Adolf Hitler, der mit Gewalt ein tausendjähriges Reich schaffen will, begrüßt Kindersegen; erwünscht ist: möglichst männlich, blond und blauäugig. Blond wird der Junge werden, mit blauen Augen freilich wird er nicht dienen können. Selbst später, beim Herumprügeln, wird ihm keiner ein blaues Auge verpassen. Eine Freundin, das sei schamhaft verraten, hat ihn später mal Kirschauge genannt.

Vater Erich, Sohn eines Meisters im Seifensieden, darf sich mit den weiteren Vornamen Otto und Karl schmücken. Er eilt von der Kriegsfront herbei, um seinen Sprössling mit väterlicher Freude zu begrüßen.

Charlotte, mit den weiteren Vornamen Irmgard und Gertrud ausgestattet, nennt ihren Mann nie Erich oder Otto oder Karl. Mag sie diese Namen nicht? Hält sie Erich womöglich für einen Schwulennamen? Vorne Er, hinten ich? Egal, sie nennt ihn stets Peter. Vielleicht deshalb, das ist Spekulation, weil in diesen Jahren ein musikalischer Ohrwurm über den Hörfunk verbreitet wird: Peterle, mein liebes Peterle, was hast du nur mit mir gemacht, hab` keine Ruh`. Peterle, du gutes Peterle…

Nach gebührender Begutachtung des Neugeborenen nutzt der Vater den Sonderurlaub, um den Sohn amtlich registrieren zu lassen. Im zuständigen Berliner Standesamt blättert ein Staatsdiener nervös in der Liste mit den staatlich genehmigten Vornamen. Ein Björn findet sich nicht. Kruzitürken, ausreichend nordisch ist dieser Name allemal!

Der Herr Papa kehrt zurück zu seiner Lotti ans Wochenbett. Sie lächelt. „Na, hast du den braven Björn angemeldet?“

„Ja“, ist die knappe Antwort. „Doch nun heißt er Hartmut!“

Ein Gedicht, ein Gedicht!

Fünfziger Jahre. Nachkriegszeit.

In einem Vorort von Hamburg ist ein Volkshaus entstanden. Damals nannte man es auch Volks- oder Arbeiterheim - ein Muster an Schlichtheit, ohne besonderen architektonischen Anspruch. Der Sparzwang war groß, der Anspruch der Gemeindefürsten auch.

Aufbruchsstimmung herrschte in Land, Stadt und Dorf. In dem Volkshaus sollte ein unterhaltsamer Abend stattfinden. Der Festausschuss beabsichtigte, der Veranstaltung einen kulturellen Hauch zu verleihen. So wurde die Darbietung eines anspruchsvollen Gedichtes eingeplant. Dafür, vermutlich aus Kostengründen, wird ein geeigneter Schüler gesucht.

Björn weiß nicht mehr, warum er bei dieser dörflichen Veranstaltung als Rezitator ausgewählt wurde. Erst kürzlich war er von der Dorfschule auf das nahe Gymnasium gewechselt und dort seinem Deutschlehrer beim Reklamieren von Goethes Zauberlehrling aufgefallen. Der promovierte Pädagoge litt unter einer Verminderung des Hörvermögens. Er verfügte über stark ausgeprägte Segelohren. Schüler hatten ihm den Spitznamen Jumbo verpasst. Im Gegensatz zu einem Elefanten, dem die großen Ohren zur Abkühlung dienen, waren sie dem Lehrer eine Hilfe, indem er einem Gesprächspartner seine Ohrmuschel mit gewölbter Hand entgegenbog. Eine solche Aktion erwies sich bei Björns Vortrag als entbehrlich, denn der Schüler konnte beim Aufsagen des Goethegedichtes phonetisch glänzen. Im Wissen um die Schwerhörigkeit des Studienrates trug er das Gedicht mit besonders kraftvoller Stimme vor. Er posaunte den geisterbeschwörenden Befehl in die Ecke Besen! Besen! Seid`s gewesen... extrem laut in den Klassenraum. Es habe sich nach dem Brüllen eines Jungstieres angehört, so ein Schulfreund später. Der Pauker hatte zufrieden geschmunzelt und einen Vermerk ins abgegriffene Notizbuch gemacht.

Eine Woche später durfte Björn auf Betreiben seiner Mitschüler das Goethegedicht noch einmal hinausposaunen. Zurück zum besonderen Abend im Volkshaus.

Es spricht einiges dafür, dass sich der Veranstalter auf der Suche nach einem Rezitator an die Lehrerschaft des naheliegenden Gymnasiums gewandt hatte. Wie auch immer, Björn wurde ausersehen, den kulturellen Teil des Abends mit lyrischer Dichtkunst zu bereichern.

Passend zur Jahres- und Nachkriegszeit war das strophenschwangere Gedicht Hoffnung des deutschen Lyrikers Franz Emanuel August Geibel ausgewählt worden. Geibel gilt als Bewahrer der uns heute eigenwillig anmutenden lyrischen Formensprache. Aus dessen Feder stammt auch, leicht abgewandelt, der auch später mal arrogant zitierte Satz: Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen. Die in diesem Satz steckende Geisteshaltung ist wohl auch heute noch mancherorts vorhanden.

In Originalschreibweise und mit eigenwilliger Interpunktion lauten die ersten Zeilen dieses Gedichtes:

Und dräut der Winter noch so sehr

Mit trotzigen Gebärden,

Und streut er Eis und Schnee umher,

Es muß doch Frühling werden!

Der Lehrer hatte sein Protegé durch Eis und Schnee zur Generalprobe ins Volkshaus begleitet und im hinteren Bereich des Saales, mit zwei hohlen Händen hinter den Segelohren, eine kritische Position bezogen. Brav und ohne zu stottern hatte Björn sein Gedicht vorgetragen.

„Gut, gut“, lautete der der Kommentar von Jumbo, „aber du musst heute Abend deutlich lauter reden. Man versteht dich hinten nicht!“

Wenige Stunden später verharrte Björn lampenfiebernd hinter der Bühne. Durch Schlitze im Vorhang konnte er in einen rauchigen, mit murmelnden Menschen gut gefüllten Saal blicken. Dann wurde er hinter dem Vorhang hervorgerufen, hinaus auf die Bretter, von denen behauptet wird, dass sie die Welt bedeuten. Geblendet von Scheinwerfern war das in stickiger Luft ausharrende Publikum nur zu erahnen. Björn holte tief Luft, so, als wolle er unmäßig viel Luft in einen Dudelsack blasen. Dann legte er los. Der lyrische Text quoll kraftvoll aus knabenhafter Kehle, so unaufhaltsam, wie aus einer mit Luft gefüllten Sackpfeife1). Der Vortrag endete mit den enthusiastisch in den Saal hineingeschleuderten Worten:

„...nur unverzagt auf Gott vertraut,

es muss doch Frühling werden!!“

Der tosende Beifall schwappte dem rotbackigen Björn aus übervollen Herzen entgegen. Einige Besucher sollen freilich, aus sanftem Schlaf hochgeschreckt, erst verzögert in den Jubel eingestimmt haben. Diese Aussage ist nicht beweisfest. Eines ist jedoch sicher: Jumbo war hoch zufrieden.

Björn ist heute noch der Meinung, dass ihm in seinem späteren Leben nie wieder ein derart mächtiger Applaus entgegengebrandet ist.

1) Sackpfeife ist der schon im 16. Jahrhundert verwendete Begriff für das Holzblasinstrument Dudelsack – nicht zu verwechseln mit dem 673 Meter hohen Berg im Rothaargebirge.

Die Geschichte vom Vater Leuchtturm

(eine Geschichte für Kinder und Junggebliebene)

Der Leuchtturm, von dem ich dir heute erzählen möchte, könnte an vielen Orten der Erde stehen, überall dort, wo große und kleine Schiffe auf einem Meer herumfahren und wo Land in der Nähe ist.

Unser Leuchtturm ist auf einer Insel zuhause. Die liegt ganz hoch im Norden Deutschlands in der Nordsee und erstreckt sich schlaksig lang von oben nach unten. Die großen Leute sagen von Norden nach Süden. Ich nenne sie Seepferdcheninsel, denn sie hat in ihrer Form einige Ähnlichkeit mit diesem niedlichen Fisch. Jawoll, du Landratte, ein Seepferdchen gehört zu den Fischen, auch wenn es nicht wie ein Fisch ausschaut. Vielleicht wusstest du das schon.

Die Insel ist mit dem Festland durch einen langen Damm verbunden. Der trägt den Namen Hindenburgdamm. Auf ihm können Eisenbahnen vom Land auf die Insel fahren. Natürlich auch wieder zurück. Selbst Autos, kleine und ganz große, werden von besonderen Zügen huckepack genommen, zur Insel und später wieder zurück aufs Festland gefahren.

Ja, gewiss hast du es erraten. Ich spreche von meiner Lieblingsinsel Sylt. Stelle dir vor, du fährst mit der Bahn über den Hindenburgdamm zur Insel hinüber, dann kommst du in der Stadt Westerland an. Wenn du dann von Westerland in Richtung Norden blickst, kannst du ihn heute noch sehen, den großen Leuchtturm von Kampen. Vor zwei Reethäusern ragt er rank, schlank und rund aus hutzeligem Dünenland heraus. Wie eine Rakete reckt er sich achtunggebietend in den einmal blauweißen, einmal wolkigen Himmel. Bei Sonnenschein ist der kräftige helle Körper von Vater Leuchtturm, wie ich ihn nenne, weithin sichtbar. Wenn du näherkommst erkennst du sofort die breite pechschwarze Bauchbinde, die seinen Leib umspannt. Das ist bei Leuchttürmen ein untrügliches Zeichen für Männlichkeit. Er trägt einen dunkelgrünen Hut. Der soll ihn vor Regen, Wind und starker Sonne schützen. Wenn es dunkelt und die Nacht nahe ist, beginnen seine Augen zu leuchten, so richtig feurig und für Mensch und Tier weithin sichtbar. Je dunkler es wird, desto weiter strahlen die Augenlichter. Sie saugen sich hinaus aufs Meer, wo ein Fischerboot den Weg zum Hafen sucht oder immer mal wieder größere Schiffe an der Insel vorbeiziehen. Die Seeleute auf den Schiffen fangen die Blicke des Leuchtturms auf und wissen sofort: Achtung, da ist Land in der Nähe! Sie geraten dann nicht in die Gefahr, mit ihrem Schiff auf Grund zu laufen. Das ist vor gar nicht langer Zeit einmal einem dicken Fischkutter passiert. Da traf den Vater Leuchtturm keinerlei Schuld. Der Kapitän hatte nämlich gepennt. Geschwätzige Leute erzählten später, dass er zu tief ins Glas geschaut habe. Nicht ins Fernglas!

Ja, unser Leuchtturm hat schon viel erlebt. Da könnte ich dir Geschichten erzählen – zum Beispiel aus seiner Jugend. Da hatte er eine Freundin, die hieß Anna. Sie wohnte gleich an der Düne in seiner Nähe, war mit ihm aufgewachsen und wie er kräftig gebaut, groß und rund mit heller Haut. Du musst nämlich wissen, eine helle Haut gilt unter Leuchttürmen als schick und vornehm. So fühlte sie sich auch, die Anna. Sie reckte und streckte sich oft, als wolle sie die Wolken anfassen.

Wenn die Wolken recht tief daher schwebten, sah es für einige Passanten so aus, als würden sie ganz dicht um Annas Kopf herumstreichen. Nicht nur der Freund liebte diesen Anblick. Abends blinzelte er verschmitzt zu ihr hinüber. Er warf sich dabei so stolz in die Brust, dass man Angst haben musste, ihm würde seine schwarze Bauchbinde vom Leib wegplatzen. Anna flirtete dann emsig und mit gerötetem Gesicht zurück. Dabei blinkte sie so heftig wie ein abbiegendes Auto. Das magst du wohl glauben!

Ich denke, dass die beiden wirklich gut zusammenpassten. Das meinten Urlauber, die öfter mal stehenblieben, um die beiden in Ruhe zu betrachten. Im Laufe der Zeit verliebten sie sich ineinander. Wie das so ist, wenn man sich liebhat, kam eines Tages ein Baby ans Licht der Insel. Es war ein Sohn. Das konnte man daran erkennen, dass er eine schwarze, wenn auch noch kleine Bauchbinde trug. Weibliche Leuchttürme sind da immer ganz ohne. Baby Leuchtturm entwickelte beim Heranwachsen eine ähnliche Statur wie die Eltern, nur viel kleiner, so dass er später oft übersehen wurde.

Anna, also Mutter Leuchtturm, stand stolz daneben. Sie ließ sich den Wind um den Bauch wehen. Wie alle erfreute sie sich an der gesunden, frischen Meeresluft. An sonnigen Tagen, das waren eine ganze Menge, reckte sie sich den Sonnenstrahlen entgegen, ließ sich von ihnen liebkosen und nahm immer wieder ausgiebige Sonnenbäder.

Wie du vielleicht schon gehört hast, kann die Sonne, besonders auf einer Insel, ganz doll strahlen. Man muss sich deshalb immer sorgfältig mit Sonnenkrem einreiben, sonst kann man einen ganz schlimmen Sonnenbrand bekommen. Auch dann, wenn die Sonne sehr lieb zu scheinen scheint.

Aber die Anna war da sehr nachlässig. Große Leute können ja so unvernünftig sein! Du kannst dir sicherlich denken was dann passierte. Hellhäutig wie sie war, bekam sie einen argen Sonnenbrand, am ganzen Körper. Nur in der Mitte blieb sie hell. Sie legte sich meist ein riesiges Handtuch über den blassen Bauch. Vater Leuchtturm war die Sonnensucht von Anna nicht verborgen geblieben. Er hat sie oft ganz ordentlich ausgeschimpft und sie sonnenhungrige Anna genannt. Das hat die Anna gar nicht gestört. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass sie wenig Zeit für den Sohn hatte; weil sie so ausgiebige Sonnenbäder nahm. Bei jedem Sonnenstrahl räkelte sich Mutter Leuchtturm der Sonne entgegen. Dort brutzelte sie still vor sich hin. Sie wurde immer fauler. Je fauler sie wurde, desto mehr rötete sich ihre ehemals so wunderbare blasse Haut. Bald ging die Röte überhaupt nicht mehr weg.

Der kleine Leuchtturm, den viele nur Baby Leuchtturm nannten, wuchs heran. Passanten sagten oft: Seht, dort steht der Sohn von Vater Leuchtturm. Er ist zwar noch recht klein, aber ist das nicht ein hübscher Junge? Aus dem wird mal was!

Einmal hörte der kleine Leuchtturm von einem ganz sonderbaren Meeresungeheuer. Vorbeispazierende Leute hatten davon erzählt. Der Name jenes Wesens, über das sie sprachen, klang wie Bessie, Lessie oder Nessie? Einen Nessie gibt es angeblich wirklich. Es ist ein geheimnisvolles Monstrum und soll bei Loch Ness in einem See bei Schottland leben. Nachts, so erzählt man sich, taucht Nessie aus der Tiefe des Sees empor. Ein furchterregender Schlund an einem langen, knöchrigen Hals recken sich Schrecken verbreitend aus dem Wasser heraus.

Dann ist das furchterregende Wesen ganz plötzlich wieder verschwunden. Der kleine Leuchtturm hatte bei der Geschichte aufmerksam gelauscht. Ihm war richtig gruselig ums Herz geworden.

Vater und Mutter Leuchtturm stritten immer häufiger miteinander. Als der Sohn eines Morgens aufwachte, war die Mutter verschwunden. Sie hatte das Geschimpfe sattgehabt, Knall auf Fall an einem frühen Morgen fortgegangen und in Richtung Süden gewandert. Sie meinte, dass dort die Sonne noch wärmer strahlen würde. Vierzehn Tage war sie unterwegs. Leuchttürme sind, wie du dir denken kannst, nicht gut zu Fuß. Sie müssen ungeheuer aufpassen, dass sie nicht umfallen.

Dann war sie endlich im Süden der Insel angekommen; in Hörnum, so heißt der Ort. Dort konnte sie nicht mehr weiter, wegen der Nordsee mit ihren vielen Wellen. So suchte sie sich einen ruhigen Platz und beschloss zu bleiben. Dort steht sie heute noch und thront auf einer Düne, mächtig von Statur und Röte. Du kannst Mutter Leuchtturm schon von Weitem erkennen, wenn du gen Süden wanderst. Passanten blicken respektvoll hoch zu ihr. Sie sagen häufig: Seht, dort steht sie, die Rote Anna. Manche Urlauber nennen sie auch Mutter Leuchtturm.

Der kleine Leuchtturm wuchs an der Seite des Vaters heran. Nachts musste er schlafen und durfte noch keine leuchtenden Blicke über das Meer wandern lassen. Mit der Zeit blieb er länger wach und schaute zu, wenn der Papa arbeiten ging. Vaters Blicke streiften dann wie lange, kalte Finger über Insel und Meer. Der Sohn fragte oft: Papa, siehst du ein Schiff? Ach ja? Papa, ist es ein schönes, ein großes Schiff? Papa, kommt es uns besuchen?

Vater Leuchtturm gab geduldig Auskunft: Warte nur, bis du groß bist. Dann kannst du weit über unsere wunderschöne Insel blicken und selbst nach Schiffen Ausschau halten.

Der Sohn wurde älter, doch sein Körper wollte immer noch nicht so richtig wachsen. Dabei wollte er sooo gerne sooo groß wie der Vater werden und dann einen ganz, ganz weiten Blick über das Meer haben.

Eines Tages kam Vater Leuchtturm eine Idee. Er rief seinen Sohn zu sich und sagte zu ihm, dass es langsam an der Zeit sei, sich von seiner Seite zu lösen. Selbständig sollte er werden, so nennen es die großen Leute. Da wurde der Sohn auf einmal ganz traurig. Er hatte sich in Papas Nähe stets wohlgefühlt. Zudem konnte er sich in stürmischen Nächten so wunderbar an Papas großer Bauchbinde festhalten und ihm nahe sein.

Der Vater spürte die Besorgnis des Sohnes, aber wie sagt man hoch im Norden: Wat mut, dat mut. So nahm er in einer ruhigen Stunde den Sohn beiseite.

Sohnemann, sagte er, siehst du dort drüben die kleine, hohe Düne? Da solltest du dich hinstellen. Von dort hast du einen wunderbaren Blick über die Insel und einen Großteil der Nordsee. Ist gar nicht weit weg. Wir können uns immer sehen.

Der Sohn dachte eine Weile darüber nach. Schließlich fand er diese Idee gar nicht so krass und er machte sich bald auf den Weg. Der ausgelaugte Sand knirschte heftig, als er zu der kleinen Düne hochstapfte. Mühsam quälte er sich voran. Der harte Strandhafer piekte. Er musste höllisch aufpassen, um in dem wabbeligen Sand nicht zu stolpern. Leuchttürme sind ja so behäbig. Du kannst dir sicherlich gut vorstellen, dass es für einen Leuchtturm schwer ist aufzustehen, wenn er einmal hinfallen sollte. Da hätte er sicherlich warten müssen, bis einige kräftige Leute vorbeigekommen wären, um ihm aufzuhelfen.

Oben angekommen stellte er fest, dass der Standort tatsächlich klasse war. Weit konnte er über die Nordsee blicken und die kabbeligen Wellen beobachten, die schäumend auf den Strand zurollten. Zum Kampener Strand hin, die großen Leute sprechend hier von der Buhne 16, hatte er einen hervorragenden Blick. So konnte er beobachten, wie dort Urlauber – igitt - völlig nackend ins Wasser sprangen!

Auch ich habe dort schon mal nackt gebadet. Als ich das erste Mal in eine Welle hineintauchte, griff ich erschreckt nach meiner Badehose. Ich hatte Angst, die starke Brandung würde sie mir vom Körper reißen. Dann merkte ich, dass ich ja gar keine anhatte! Vielleicht hat mich ja damals der kleine Leuchtturm beobachtet. Doch ich will nicht abschweifen.

Der Sohn stand mannhaft auf seiner Düne. Jeden Tag blickte er hinüber zum Strand der Buhne 16. Er konnte gut erkennen, wie die Menschen juchzend und teilweise barfuß bis zum Hals ins Wasser hüpften. Hübsche Frauen waren dabei, einige mit ganz leckeren Figuren, wie er meinte. Das konnte er ziemlich gut erkennen, und auch, wie einige Leute herumknutschten. Dann wurde Baby Leuchtturm immer ein wenig rot. Er konnte sich kaum sattsehen an den munteren Spielchen der heiter herumspringenden und oft lärmenden Urlauber. Ja, der Vater hatte Recht gehabt. Von dieser Düne aus hatte man einen herrlichen Ausblick!

Im Laufe der Zeit nahm der Körper des kleinen Leuchtturms eine backsteinrote Farbe an. Lag es an der Sylter Sonne? Er wuchs heran, wurde aber immer noch nicht wesentlich größer, obwohl er sich reckte, streckte und dehnte. Jeden Morgen machte er fleißig Kniebeugen und andere Leibesübungen, um sich fit zu halten. Durch die ständigen Übungen ließ die rundliche Form seines Körpers nach und wurde sportlicher.

Wenn es dunkelt und die Abendsonne wie ein gelbroter, großer Luftballon vom Horizont heranflimmert, bietet Baby Leuchtturm ein friedliches Bild. Oft ist dann der Abendhimmel in rosarotes Licht getaucht. Man könnte dann meinen, dass die Engel im Himmel Brot backen.

Als der Sohn zum ersten Mal beobachtete, wie die Sonne dabei war, am Horizont als leuchtender Ball in die Nordsee hinein zu tauchen, fürchtete er, dass sie laut zischend ertrinken könnte. Das war dann Gott sei Dank nicht so.

Es kam immer wieder vor, dass er nachts aufwachte, weil er verdächtige, irritierende Geräusche hörte. Wenn er ängstlich und noch im Halbschlaf in die kabbelige Nordsee hineinlauschte, kam ihm manches so unheimlich gespenstisch vor.

Mein junger Zuhörer und Leser, da würde auch dir das Herz stark und ängstlich klopfen, in dunkelster Nacht, ganz einsam und verlassen auf einer windigen Düne. Das würde dir vermutlich ähnlich ergehen, oder?

In einer stürmischen Nacht wurde Baby Leuchtturm wieder einmal durch sonderbare Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Lange starrte er auf die kabbelige See hinaus, bis ihm die Augen tränten. Er sah große dunkle Schatten über das Wasser huschen. War das der furchterregende Kopf eines Seeungeheuers gewesen, der gefräßig aus den Wellen herausblickte und dann schnell wieder verschwand? War womöglich das Ungeheuer von Loch Ness von Schottland herbeigeschwommen? Vielleicht hatte er nur die hoch emporragende Flosse von einem sehr großen Haifisch wahrgenommen.

Der kleine Leuchtturm erinnerte sich, dass ältere Einwohner Geschichten von einem sagenumwobenen Meermann mit dem Namen Ekke Nekkepenn verbreitet haben. Dieser Ekke Nekkepenn soll heute noch durch Sturm und Fluten sein Unwesen vor der Insel Sylt treiben - jedenfalls, wenn man einigen alten Leuten auf der Insel Glauben schenken darf. Wie sah der wohl aus, dieser sagenhafte Mensch? Wenn es überhaupt ein Mensch war! Der Sohn mochte sich das gar nicht vorstellen.

Am nächsten Morgen meinte er dann, dass alles der dicke Mast eines Fischerbootes oder nur eine im Sturm hin und her pendelnde Wasserboje gewesen sein konnte. Haifische gibt es ja gar nicht in der Nordsee!

Bei Arbeitsbeginn wirft Vater Leuchtturm regelmäßig einen lieben Blick zum kleinen Leuchtturm hinüber, als wolle er sagen: Mein Sohn, ich wünsche dir einen guten Abend. Ich hoffe, es geht dir gut. Dieser lächelt dann zurück, mit hell blinkenden Augen. Er weiß, dass er nicht alleine ist. Und dass er geliebt wird.

In sehr klaren Nächten, wenn die Sicht sehr gut ist, können Vater Leuchtturm und Baby Leuchtturm weit in den Süden der Insel schauen. Sie erkennen dann zuerst die Lichter der Orte Westerland und Rantum und ganz weit hinten manchmal, bei sehr gutem Wetter, sogar die von dem Ort Hörnum. Von dort dringt dann ein flackerndes Leuchten zu ihnen. Da nämlich späht Mutter Leuchtturm wie ein Indianer durch die Nacht, hin zu Vater und Sohn. Ob sie hofft, einen freundlichen Blick der beiden aufzufangen? Was meinst du, hat sie ein bisschen Sehnsucht nach ihrem Sohn?

Ich wette ja! Da bin ich ganz sicher.

Ein kesser Nachwuchsgolfer

Hey Sie!

Haben Sie schon einmal einen Golfschläger in die Hand genommen und versucht, den kleinen Genarbten möglichst schwungvoll in eine wunderbare Natur zu schlagen? Es wird behauptet, dass bereits im Mittelalter diese anspruchsvolle Sportart entdeckt wurde.

Der Legende nach entstand die Idee des Einlochens durch gelangweilte Schäfer in Schottland. Klar, wenn man nur Obacht geben muss, dass niemand ein Schaf klaut, hat man viel Zeit. Daher kamen eines grauen Tages einige Schäfer auf die Idee, mit ihren Hirtenstäben rundliche Steine in Mause- oder Rattenlöcher kullern zu lassen. So nahm die Erfolgsgeschichte des Golfspiels vermutlich ihren Anfang.

Wenn jemand mit dem Golfspiel begonnen hat, kann er süchtig danach werden. Der Autor hat deshalb schon vor Jahren angeregt – bisher freilich erfolglos – den Golfsport in die Kategorie der Suchtkrankheiten aufzunehmen.

Der Profigolfer Lee Trevino hat behauptet, dass man beim Golfen pure Erotik spüren kann, wenn einem Spieler, was bei einem Amateur nicht so häufig vorkommt, tolle Schläge gelingen. Er hat geprahlt: Golfspielen könnte dann der größte Spaß sein, den man mit angezogenen Hosen haben kann.

Apropos Hosen. Beinkleider sind wichtiger Bestandteil der Golfetikette. Golfetikette wird in den Clubs großgeschrieben. So sind zum Beispiel Jeans auf den Fairways ungern gesehen. Und an heißen Tagen gar mit nacktem Oberkörper herumzulaufen… wäre schockierend. Die folgende Anekdote möge nun als beispielgebend herhalten.

Der Hochsommer hat auf dem Golfplatz seit Wochen Einzug gehalten. Es ist Hölle heiß. Auf der Toilette droht das Gesäß an der Klobrille festzukleben. Einige Flächen auf den Fairways ähneln einem gerösteten Toastbrot.

Felix, ein junger Spieler auf der Schwelle vom Teenie zum Twen begibt sich ins Clubhaus. Der Bursche ist nur unterhalb der Hüfte bekleidet. Ein schweißnasses Hemd, miefige Socken und verstaubte Golfschuhe trägt er betont lässig in der Hand. Im Freibad würde seine ansprechend trainierte Figur manche Mädchenaugen magnetisch anziehen. Seiner Wirkung bewusst steuert der Bursche auf den Empfang zu. Er schickt ein Lächeln zur Clubsekretärin hinüber. Die korrekte Dame ist damit beschäftigt, einem Goldfisch, der müde und schlaff in einem Aquarium herumschwänzelt, Spezialfutter hineinzubröseln. Offensichtlich setzt auch ihr die Hitze zu. Eben hat sie noch wenig damenhaft gegähnt. Nun wandern ihre müden Augen hin zu dem Jüngling. Der bewegt sich barfüßig auf die Umkleideräume zu. Vermutlich lechzt er nach einer erquickenden Dusche.

Die altgediente, im Herzen junge Frau stockt. Sie schaut genauer hin, mag ihren müden Augen nicht trauen. Gefühle erwachen aus der Narkose. Sie greift nach ihrer Weitsichtbrille, sieht ihren ersten Eindruck voll bestätigt. Jegliche Müdigkeit ist verflogen.

„Hey, du Jungspund, bist doch der Felix! Ist ja ein tolles Outfit, das du mir an diesem hitzigen Sommertag so reizend, um nicht zu sagen aufreizend, präsentierst. Hast du die Absicht, Unterhosenmodel zu werden?“

„Geile Idee“, feixt der Verschwitzte, „können Sie mir zu einer professionellen Agentur verhelfen? Sie kennen doch gewiss viele Leute hier im Club.“

Die Sekretärin schnauft tief durch, nimmt einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse. Dann sagt sie leise: „Darüber werde ich ernsthaft nachdenken. Wenn ich dich genau anschaue… mutig, mutig, junger Mann! Da hätte ich einen begnadeten Vorschlag. Was hältst du davon, wenn du auch noch dein heißes Höschen ablegen würdest?“

Felix fixiert die Empfangsdame mit kessem Blick. Er zögert eine Winzigkeit, dann schlüpft der Schlingel grinsend aus Shorts und Schlüpfer. Barfuß bis hinauf ins strubbelige Haar steht er vor der Clubsekretärin. Provozierend lässt er sein letztes Textil, einen feschen String Tanga der Marke Spitzenjunge, wedelnd um den Zeigefinger kreisen. Dabei dreht er sich gekonnt um die eigene Achse. Ein Model auf dem Laufsteg könnte kaum besser performen.

Der Frau ist baff. Diese konsequente und unerwartete Reaktion des frechen Burschen kam zu überraschend. Selbst der im Aquarium still vor sich hin schwänzelnde Goldfisch scheint Schnappatmung zu bekommen.

„Was denken Sie, schöne Frau. Soll ich Ihnen auch noch mein heißes Höschen zuwerfen?“

Bei der schönen Frau zeigen sich Himbeerflecken im Gesicht. Schlüpfrige Augen kleben an dem standhaften Bengel. Beschlägt ihre Weitsichtbrille? Nervös beginnt die Frau, ihre Augengläser zu putzen. Will sie sich einen klareren Durchblick verschaffen? Nach kurzem Zögern nickt die Empfangsdame empfänglich. Ihre Stimme bekommt einen vorweihnachtlichen Klang.

„Ja, mein flotter Felix, wirf mir das reizende Stück herüber.“

Schon fliegt der Libido verströmende Slip der Sekretärin entgegen. Sie fängt ihn auf, streicht darüber mit nervösen Händen. Dann schwebt eine enthusiasmierte Flüsterstimme durch den Raum. „Weißt du was, du himmlischer Jungspund?“

„Liebe gnädige Frau, ich lausche.“

„Möchtest du mir nicht auch noch deinen entzückenden Putter überlassen?“

Häuschen mit Herz

Damals, im letzten Jahrhundert, bevor das Fernsehbild farbig wurde, die meisten Frühstückseier größer und deren Schalen dicker waren, sprach man von Kindern. Die bewegten sich ohne Schutzhelm auf klapperigen Fahrrädern durch die Gegend. Wenn sie sich bei einem Sturz blutige Knie holten, pappte man ein Pflaster drauf und gut war`s.

Heute sind aus Kindern Kids geworden. Zum Telefonieren, nur als Beispiel, müssen sie nicht mehr an einer Wählscheibe drehen oder zu einem miefigen Telefonhäuschen trappeln, um in einen verspeichelten Telefonhörer zu plappern. Damals ging man los und überbrachte eine Nachricht persönlich. Oder man schrieb einen Brief - mit Tinte, auf ein Stück Papier. Das steckte man in einen Umschlag, beleckte eine Zehnpfennigmarke und warf das Ganze in einen Briefkasten. Den gab es oft an der nächsten Straßenecke. Einige Jahre früher, am Ende des zweiten Weltkrieges, war das Leben noch anspruchsloser. Erst, wenn das Wasser im Zahnputzglas zu gefrieren drohte, wurde Holz im Bollerofen entfacht.

In dieser Zeit wuchs ein Junge heran. Nennen wir ihn Björn. Er wohnte im Norden der Republik. Ziemlich weit im Norden. Wenn er denn mal musste, musste er zur Haustür raus, hin zu einem Ort nicht viel größer als eine Telefonzelle. Das primitiv gezimmerte Holzhäuschen stand im Garten einer bescheidenen Unterkunft, in der die Familie eine notdürftige Bleibe gefunden hatte. Für das eilige, auch nächtliche Geschäft, stand ein abgestoßener emaillierter Pisspott bereit. Die Eltern sprachen vornehm von einem Nachtgeschirr. Das lauerte unter dem elterlichen Bett.

Das vom Björn regelmäßig besuchte hüttenähnliche Örtchen hatte eine grob gezimmerte Tür, so grob, als sei sie mit einer Axt geschnitzt worden. Darin gab es einen Lichteinlass durch ein herausgesägtes Herz, kaum größer als das, welches eine deutsche Bundeskanzlerin seinerzeit beim Posieren oder beim Reden mit ihren Händen formte. Bemerkenswert die Innenausstattung dieses rustikalen Scheißhauses, wie es die Kids gerne nannten. Im Zentrum eine hölzerne Sitzfläche, mittendrin ein Loch, durch das ein Kleinkind leicht hätte hindurchfallen können, hinein in einen Kübel mit zwei Henkeln. Dieser eiserne Behälter hatte im zweiten Weltkrieg bis zum bitteren Ende seinen Dienst in einer Feldküche abgeleistet - beim Transportieren von Erbsensuppe. Ähnlich wie Björn muss sich im Mittelalter ein braver Schlossherr gefühlt haben, wenn er in seinem überdachten Abort-Erker der Burg auf einem Sitzbrett verweilte, um verdaute Nahrungsreste durch einen Fallschacht in den Schlossgraben hinabsausen zu lassen.

Schlichteres ist in der zivilisierten Welt kaum denkbar. Es wird an Einfachheit allenfalls übertroffen von dem legendären sibirischen Steppenklo, das vor vielen Jahren in der Taiga durch vagabundierende Abenteurer dankbar Anwendung gefunden haben soll. Es bestand aus zwei soliden Wanderstäben. Im Fall des Falles rammte man den einen Stab in den Boden, hockte sich nieder und hielt damit das Gleichgewicht. Den anderen Stock benutzte man, um herumstreunende Wölfe zu verjagen. Da könnte man das beherzte Örtchen als komfortabel bezeichnen.

Welch ein Ereignis, wenn dem Vater die Aufgabe zukam, den schwabbelnd gefüllten Kübel in einer frisch gebuddelten Grube in einer Ecke des Gartens zu entsorgen! Der kleine Björn durfte zuschauen, wenn alle vier bis fünf Monate diese Arbeit erledigt werden musste. Im Sommer, während der Pflaumenernte, ergab sich dieses Erfordernis öfter. In den Wintermonaten erwies sich diese Pflichterfüllung wegen häufiger Bodenfröste als besonders undankbar.

Heute würden die Kids von einem echten Event sprechen. Sie nutzen, wenn sie nicht in einem Kral in Afrika geboren sind, ein komfortables Wasserklosett - aus Porzellan, in diversen Farben wählbar. In Sonderfällen, bei feinen Leuten, gibt es so etwas mit beheizter Klobrille. Bei Betätigung der Wasserspülung ertönt schon mal Wagners Walküre oder Beethovens Neunte, dazu steht hautsympatisches Klopapier bereit, mehrlagig, zuweilen nach Veilchen duftend, mit kurzweiligen Texten und putzigen Bildchen bedruckt; kurz: Qualität und Komfort für wahre Wohlfühlmomente.

Schon in der Antike, im alten Rom, gab es eine Klokultur. Die meisten Römer marschierten hin zu öffentlichen Latrinen. Die waren oft stilvoll ausgestattet - mit prächtigen Mosaiken und verzierten Säulen. Auch eine Fußbodenheizung war vorhanden. Man hockte nebeneinander auf Marmorsitzen. An solchen Örtchen war auch mal Platz für fünfzig bis sechzig Personen. Es gab keine Trennwände und somit keine echte Privatsphäre. Man kam sich näher, zuweilen sehr nahe, verfiel in ein gemütliches Plaudern und verrichtete nebenbei seine Notdurft. Diese wurde in einen Wassergraben abgeleitet. Sie floss von dort in die Cloaca Maxima, in einen großen Abwasserkanal. Die Latrinen waren kackige Keimschleudern. In Versteinerungen fanden Forscher später die Überreste von Läusen, Flöhen, Zecken und Darmparasiten. Man fand auch mehrere Meter lang werdende Fischbandwürme. Warum? Das Wasser in öffentlichen Latrinen wurde selten ausgetauscht. Wenn sie überzuquellen drohten, wurde das stinkende Gebräu mit ihren prächtigen Parasiten auf die Felder verbracht. Die landeten im geernteten Gemüse und damit später auf Bauern- und anderen Märkten. So verbreiteten sich jede Menge Krankheitserreger über die Keimschleuder Klo im ganzen Römischen Reich. Dass dies zu dessen Niedergang beigetragen haben soll, ist reine Spekulation.

Doch was kümmern uns heute noch die alten Römer! Denken wir zurück an Björn und seine Bedürfnisse. Der Junge hat zuweilen länger als nötig auf dem schlichten Örtchen ausgeharrt. Bei strahlendem Sonnenschein flimmerte grelles Licht durch die groben Ritzen. Er konnte Mücken und Fliegen herumflattern sehen. Oft hat er durch das ausgesägte Herz geschaut und in seltener Ruhe die Weite der Welt betrachtet. Zuweilen ist er philosophischen Gedanken nachgegangen, hat dahinfliehende Himmelsverformungen beobachtet, wundersame Wolkengebilde verfolgt, zugeschaut, wie sich diese durch Zauberhand in flüchtige Tiere verwandelten: kurz, er hat die Poesie der Natur genossen. Da reichten verträumte Blicke durch das ausgesägte Loch, um die Seele ins Gleichgewicht zu bringen. In dem kleinen Häuschen fühlte er sich behütet. Gelegentlich verfiel er in Träumereien. Andere hatten die Uhr, er hatte die Zeit.

Wie äußerte sich einst ein Heimatdichter? Kurz und bündig scheißt der Hund, ein guter Deutscher fast `ne Stund. Dies mag auch für manche Länder gelten, gibt es doch heute noch in ländlichen Gegenden Nordeuropas wie in Norwegen oder auf den Lofoten primitive Plumpsklosetts. Diese finden sich dort auch als Doppelsitzer oder gar als Dreisitzer. Da fragen wir zu Recht wieso, weshalb, warum? Norwegische Landsleute dürften kaum häufiger als andere Europäer von Diarrhö heimgesucht werden! Der verdutzte Leser kann nun, falls er Phantasie besitzt, diese sprühen lassen, an die Latrinen der alten Römer denken oder anderweitig spekulieren.

Hand aufs Herz, braver Bücherwurm. Hat jemand schon einmal einen Gedanken darauf verschwendet, weshalb in schlichte Plumpsklosetts Herzen in die Holztüren gesägt wurden? Warum finden diese auch heute noch symbolträchtige Verwendung? Herz gesund, wenn`s Arscherlbrummt? Oder sollte es eine Signalform darstellen? Hallo, hier ist Klo!

Über den Sinn lässt sich herrlich schwadronieren. So könnte das kleine Guckloch der elterlichen Kontrolle gedient haben, um den aus jugendlichem Mund herausquellenden Zigarettenrauch zu orten. Es ist auch denkbar, dass ein sesshafter Nutzer dank dieses Ausgucks einem heraneilenden Familienmitglied gerade noch rechtzeitig ein beherztes besetzt entgegenrufen konnte, bevor es sich womöglich anschickte, den schwächlichen Haken herauszureißen, der die Klotür von innen sicherte.

Zur Entsorgung von gasähnlichen Gerüchen war das herzige Guckloch gewiss nicht gedacht. Schließlich wurde unterhalb des Sitzes dem entblößten Gesäß reichlich Frischluft zugeweht. Das machte an stürmischen Tagen den Besuch dieses Ortes weniger attraktiv. Denkbar ist auch, dass jemand in das Häuschen hätte hineinpeilen können, um festzustellen, ob ein besonders sesshafter Mensch in Ohnmacht gefallen war. Es ist zwar kein verbrieftes Recht, doch schließlich sollte jedem Klobesucher, besonders einem nachhaltig Sesshaften, erträgliche Atemluft zur Verfügung stehen. Und dann, eine Sitzung könnte sogar erquicken, kommt doch laut einem gewissen Martin Luther nur aus einem fröhlichen Arsch ein fröhlicher Furz.

Bieten die genannten Ausführungen eine sinnvolle Erklärung für den so bemerkenswert gestalteten Lichtdurchlass in der Klotür? Wofür dieses verdammte Guckloch, das bekanntlich in Form eines muskulären Hohlorgans gestaltet ist und durch seine Pumpfunktion den Blutfluss bei Mensch und Tier in Gang hält? Ein Herz hat zwei Hälften, Herzkammern genannt. Man muss schon sehr schräg denken, um Ähnlichkeiten mit einem gewissen Körperteil unterhalb des Steißbeines zu erkennen.

Egal, der in die Jahre gekommene Björn hat bis heute keine zufriedenstellende Erklärung gefunden. Besonders Herzliches geschah ja nicht an diesem speziellen Ort.

Aber halt, einmal doch! Da war Björn mit der blondnaiven Nachbarstochter zu diesem Örtchen geschlichen. Die primitive Holztür hatte wie immer geknarrt, als der Junge sie leise öffnete und dann geschwind hinter sich zuzog. Niemand hatte etwas mitbekommen. Bis zum heutigen Tag hat keiner davon erfahren, glaubt Björn.

Vanillekipferl

(Kannste wohl glauben!)

„Liebes?“

Der Mann steht in der Küche, leckt sich die Lippen und fingert an einer leeren Keksdose herum.

„Was ist, Männe?“

„Liebes, magst du Vanillekipferl?“

„Ja, ich mache nachher welche, ganz frisch. Auch wenn die Dinger aussehen wie kleine dicke Maden. Aber schmecken tun sie klasse, muss ich zugeben. Also, die Büchse ist bald wieder randvoll, kannst sie hinstellen und ganz beruhigt sein. Ist ja bald Weihnachten. Also, ich backe nachher welche. Kannste wohl glauben.“

„Magst du sie?“