Der Tote an der Lesum - Ingo M Schaefer - E-Book

Der Tote an der Lesum E-Book

Ingo M. Schaefer

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Beschreibung

Der dritte Fall für Hauptkommissar Karl Nagel. Tote Raben fallen vom Himmel. Ein Toter liegt am Ufer der Lesum. Kinder sterben. Nagels Lieblingspathologin und sein Jugendfreund von der Spurensicherung sind im Urlaub. Nagel muss schnell handeln, wenn man ihn lässt....

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Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ingo M Schaefer

Der Tote an der Lesum

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Tote an der Lesum

Grundsätzliches

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Impressum

Impressum neobooks

Der Tote an der Lesum

Ingo M. Schaefer

Für Melanie, meine liebste Große

Grundsätzliches

Nichts, aber auch gaaar nichts, verbindet meine Krimis mit der real existierenden Polizei, deren Methoden, Zugehörigkeiten oder Instituten.

Alles hier Niedergeschriebene ist frei erfunden: die Figuren, die Handlungen, einfach alles.

1

Der Rabe kreischte mich an. Sein Schnabel war rot und das Ende seiner Sturzbahn zeigte auf mein Vorderrad. Dann folgte Stille, und die Speichen rupften schwarze Federn, bis Gabel und Speiche den Vogel einklemmten. Meine Vollbremsung bewahrte den Verkündiger des Todes nicht vor seinem eigenen Lebensabgang, während ich über den Asphalt schlitterte. Am Boden liegend sah ich mehrere Raben hinter dem Deich hoch fliegen. Einige waren bereits über mir, als sie ebenfalls kreischend das Flügelschlagen einstellten und um mich herum auf den Asphalt platzten oder sich in den Rasen bohrten. Die Schnäbel, die ich sah, glänzten dunkelrot.

Halb zehn in Deutschland, dachte ich. Ich zog mich unter dem umgestürzten Aluhengst hervor und stellte ihn auf, während meine Ahnung bereits zur anderen Seite des Deiches glitt. Den Tuchkorb öffnete ich. Die Beschichtung hielt die Flüssigkeit drinnen. Mein Einkauf beim Bauern schwamm darin. Zerschlagene Milchflaschen, Äpfel und Fleischpakete sowie die Milch suchten den Weg nach draußen. Ich staunte über den Reißverschluss, der bisher nichts durchgelassen hatte.

Jeder anständige Bürger informierte jetzt die Polizei oder die Feuerwehr. Der Rest, der sich selbst als anständig bezeichnete, rief die Presse oder machte gleich seine eigenen Videos und hoffte auf Werbeeinnahmen. Herab fallender Rabe stellte vielleicht eine neue Form der Terrorwarnung dar. Dass ich an einen ganz anderen Film dachte, war wirklich nur Zufall. Ja, wirklich.

Ich ging den Deich hoch über den Weg und sah hinunter zur Lesum. Eine bekleidete männliche Leiche lag längs zum Flusslauf vor der steinigen Uferbefestigung, während ein Arm im Flutwasser schwamm. Um sie herum lagen weitere Totenbegleiter und andere Vögel, die so ein Essen nicht verschmähten. Manche trieben bereits Richtung Flussmitte.

Ich nahm das Handy.

„Äh!“, sagte ich.

„Ja?“

Die Frage enthielt alles, was ich wissen musste. Gutes Zeichen. Augen zu und durch.

„Ich bin ausgerutscht und betrachte eine Leiche.“

„Okay!“ Sie legte auf und ich hörte einen gleichmäßigen Ton. Jetzt hüpften Zweifel hoch. Das war nicht Marga, wie ich sie kannte. Kein Wort über freie Tage und Überstundenabbau, die auch ein Leiter, ein Hauptkommissar - wie sie betonte - einzuhalten hatte. Kein liebevoller Vorwurf, dass ich Frühstück zu holen hätte. Nur ein ‚okay‘ gab es diesmal.

Ich bin Hauptkommissar Karl Nagel, Leiter der K007, einem kleinen Stein im Kiesweg der bremischen Verbrechensbekämpfung. Noch hatte ich frei. Ich rief die Bereitschaft an. Meine gesamte Abteilung feierte Überstunden ab. Von oben verordnet.

„Moin“, sagte ich. „Ich steh am großen Knick der Lesum. Da wo die Straße Im Pohl auf den Deichweg stößt.“ Ich erklärte den Zustand der Leiche.

„Mann, Karl. Hast du nicht frei? Du kannst es nicht lassen, wa?“, war die Antwort. „Ich schicke die Bechte. Ist in einer halben Stunde da.“

„Hm“, grunzte ich. In Gedanken war ich bei Marga. Das „Okay!“ hatte richtig fröhlich geklungen. Hörte ich mehr als eigentlich war?

Der Wind klappte schwarze Federn um. Ich blieb oben auf dem Deich stehen, atmete frische Luft.

2

Nach einer Stunde wuselten die üblichen Leichenträger, Overalls und Mützenpolizisten umher. Masken und Handschuhe schützten vor möglichen Giften oder Viren. Die Raben waren eingesammelt. Die Leiche geborgen.

Ich war hin- und hergerissen. Der Kommissar wollte sofort loslegen. Der Ehemann war nachdenklich. Marga hatte sich gefreut, dass ich aufgehalten wurde. Warum? Meine Augen verfolgten die Arbeiten. Mein Hirn war mit meiner Frau beschäftigt.

Mir fehlte Yannick Helmke, mein Jugendfreund, der in Südamerika irgendwelche unbekannten Insekten suchte oder so was in der Art. Alle meines Teams waren sicherheitshalber abgereist. Als vor dem Wochenende die Anweisung zum Urlaub kam, flüchteten sie auf meine Anweisung aus der Stadt mit dem Befehl ihre Dienst-Handys zu Hause zu lassen.

Die textsichere Pathologin Dr. Marker half drei Monate in Chicago aus. Das war meiner Frau zu verdanken, die in allen Instituten der Welt jemanden kannte, der jemanden kannte und so weiter. Sie, liebe Leserschar, haben von solchen Netzwerken bestimmt schon mal gehört! Vor drei Tagen brachten Marga und ich sie zum Flieger.

Dr. Markers Vertretung war Dr. Wichtig. Seinen richtigen Namen wollte ich mir nicht merken. Seit er ankam, ignorierte er mich. Das missfiel der diensttuenden Kommissarin Birte Bechte.

Sie hatte vier Versetzungsanträge in meine Abteilung gestellt. Viermal bekam ich kein Geld für sie und musste absagen. Alle Abteilungen waren unterbesetzt.

Andere Dezernate wie Einbruch und Diebstahl oder organisiertes Verbrechen, kurz OV, erstickten in der Anzeigenflut, seit man sich nicht wie früher abschlachtete, um zu Geld zu kommen, sondern sich online beklaute, ohne den anderen anzufassen.

Um das Recht im Auge zu behalten, stieß Staatsanwalt Sebastian Weinhaus zu uns, der mich verblüfft anschaute. Ich stellte mich vorsorglich neben mein Rad. Unser Paragrafenreiter bewies Scharfsinn.

„Bauen Sie nicht Überstunden ab? Was sagt bloß Ihre Frau dazu?“

Genau das wusste ich nicht. Das merkliche Räuspern der Umstehenden sagte mir, dass Weinhaus nicht der erste war, der sich diese Frage stellte. Karl Nagel, Hauptkommissar, dekoriert und so weiter und so weiter, kann frei haben, so viel er will. Die Morde verfolgen ihn. Gestern hätte ich gelacht und meinen Spaß gehabt. Margas Fröhlichkeit ließen mir keine Ruhe.

„Auch guten Tag, Herr Staatsanwalt“, sagte ich.

„Warum tragen die alle Schutzmasken? Ist das nicht ein wenig übertrieben?“, wollte Weinhaus wissen. Er fragte Bechte.

„Hauptkommissar Nagel bestand darauf. Seine Gründe waren schlüssig. Der Raben wegen. Solange wir nicht wissen, was so tödlich ist, müssen wir alle Schutzmaßnahmen treffen.“

Bechte schaute unbewegt. Ich grinste. Schließlich kam ich irgendwann aus dem Urlaub wieder und vermeidbare Fehler akzeptierte ich nie. Ich musste trotzdem gehen.

3

Ich betrachtete unser Reihenhaus in Lesum, der Ortsteil, der als Wohnzimmer der Roland-Stadt bezeichnet wurde. Ich wuchs hier auf und fand nie einen Grund fortzugehen. Dass meine Frau überall in der Welt ausgrub oder in ferne Gegenden gerufen wurde, war ihr Job und ihre Passion. So lernte ich sie lieben. Zum ersten Mal bekam ich ein ungutes Gefühl. Gab es einen anderen?

Im Flur standen vier neue Kisten mit Aufklebern „Fragil“ und chinesischen oder japanischen Schriftzeichen. Hinter dem Windfang, so nannten die alten Bremer den Raum hinter der Haustür, begann die Küche und das Wohnzimmer. Nach rechts kam man zum kleinen Anbau – Margas Knochenimperium. Im Keller standen ihre Maschinen, das Labor.

Ich rief sie.

„Ich bin oben“, zwitscherte sie.

Zwei Stufen auf einmal nehmend stand ich vor ihrem Studierzimmer. Sie saß am Schreibtisch, der drei Flachbildschirme trug, die unterschiedliche Ansichten eines Oberschenkelknochens zeigten. Als sie mich sah, erschrak sie.

„Was ist los, Schatz?“

„Du hast dich gefreut, als ich anrief, dass ich nicht pünktlich bin“, schoss ich heraus und ließ es fließen. „Das war noch nie. Mein Kopf platzt voller Spekulationen, Eifersucht, Angst. In der letzten Stunde durchlebte ich das. Sonst hast du ärgerlich-schnippisch reagiert. Damit kam ich klar.“

Sie stand auf und küsste mich, damit ich nicht weitersprach. Sie ließ mich los.

„Ich bekam einen neuen lukrativen Auftrag, den ich von hier aus erledigen kann. Großzügiger Zeitrahmen.“ Sie hob die Hand, weil sie wusste, dass ich was sagen, sie beglückwünschen wollte. „Du ziehst Leichen an wie ein schwarzes Loch Planeten. Wenn wir nicht weggefahren sind, wenn ich dich nicht aus Bremen entführte, gab es einen Mordfall. Neulich las ich die neue Männerstudie des Familienministeriums. Wie sich der Mann entwickelt hat, dass die Jüngeren sich nicht mehr als Alleinversorger sehen, dass die Ansichten zur deutschen Traumfrau sich geändert haben, die Einteilung in traditionelle und moderne Ansichten, so ein Zeug. Weißt du, dass mittlerweile die jungen Männer wieder meinen, dass ein Mann die Frau auf Händen tragen soll. Vor einiger Zeit war das noch anders.“

„Einsicht ist eben besser als Nachsicht.“

„Nein, es sind die jungen Männer, die deine Generation erzogen hat. Das ist der Grund. Worauf ich aber hinaus wollte. In einer Fußnote stellte man fest, dass Männer ab siebenundfünfzig den ersten Seitensprung begehen. Danach müsste ich also in vielen Jahren wachsamer werden.“

„Es wird nie eine andere Frau geben. Du bist meine Liebe.“

„Und du bist meine Liebe. Es gibt keine anderen Männer“, stellte sie fest. Vom Mühlstein befreit bekam mein Herz Flügel. „Viel wichtiger ist, dass du den Knochen an sich - vom ersten Augenblick an - als meinen Geliebten akzeptierst hast. Du bist mein Fels, hast dich für mich geopfert, als ich die ersten Aufträge bekam, und dich um die Kinder gekümmert, hast deine Karriere hinten angestellt. Du hast den Willen unserer Tochter akzeptiert. Hast unseren Sohn losgelassen. Ich dagegen fand mich unsäglich, wenn du um Verständnis batest, wenn diese Leiche und jene Leiche kam. Als ich diese lächerliche, idiotische Studie las, hatte ich tatsächlich eine einfache Antwort. Früher oder später stolperst du über eine tote Frau oder einen toten Mann. Die Leiche an sich, mein Liebster, ist deine Geliebte. Du gehst also von Anfang an fremd.“ Sie gab ein herzliches unbekümmertes Lachen ab. „Daher nahm ich mir fest vor, bei der nächsten Leiche ein frohes Okay zu sagen, damit du kein schlechtes Gewissen hast, weil du später kommst. Wir beide haben seit jeher unsere Seitensprünge mit Knochen und Leichen. Wir sind damit glücklich. Welches Paar kann das behaupten?“