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Ein Netz aus Liebe, Verrat und Täuschung … Sir Manuel Camargue, ein in ganz Kingsmarkham gefeierter Flötist, will im hohen Alter noch einmal heiraten – die fünfzig Jahre jüngere Dinah Sternhold. Als er kurz vor seiner Hochzeit in einer kalten Winternacht in seinem Gartenteich ertrinkt, sieht alles nach einem tragischen Unglücksfall aus. Doch Chefinspektor Wexford kommen Zweifel. Seine Ermittlungen ergeben schon bald, dass Camargue sein Testament ändern und seine Tochter enterben wollte – hatte sie also bei seinem Tod ihre Hände im Spiel? Vollends undurchsichtig wird der Fall, als Wexford von einem ungeheuerlichen Verdacht erfährt: Die Frau, die sich als Camargues Tochter ausgibt, soll eine Schwindlerin sein … »Auf meisterhafte Weise stellt Ruth Rendell ihre Protagonisten an den Rand des Abgrunds, lässt sie genüsslich eine Weile drum herum balancieren und dann grausam abstürzen – und die Leser dazu.« Brigitte Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Donna Leon und Elizabeth George – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2026
Sir Manuel Camargue, ein in ganz Kingsmarkham gefeierter Flötist, will im hohen Alter noch einmal heiraten – die fünfzig Jahre jüngere Dinah Sternhold. Als er kurz vor seiner Hochzeit in einer kalten Winternacht in seinem Gartenteich ertrinkt, sieht alles nach einem tragischen Unglücksfall aus. Doch Chefinspektor Wexford kommen Zweifel. Seine Ermittlungen ergeben schon bald, dass Camargue sein Testament ändern und seine Tochter enterben wollte – hatte sie also bei seinem Tod ihre Hände im Spiel? Vollends undurchsichtig wird der Fall, als Wexford von einem ungeheuerlichen Verdacht erfährt: Die Frau, die sich als Camargues Tochter ausgibt, soll eine Schwindlerin sein …
eBook-Neuausgabe März 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1981 unter dem Originaltitel »Out On By Cunning« bei Hutchinson & Co., London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2001 unter dem Titel »Durch Gewalt und List« bei Goldmann.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1981 by Kingsmarkham Enterprises Ltd.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Frank Wagner, WeerasakBooth und AdobeStock/Debu55y
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (fb)
ISBN 978-3-96898-366-0
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Ruth Rendell
Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 11
Aus dem Englischen von Ilse Bezzenberger
Für Simon
So sollt ihr hören ...
von Toden, durch Gewalt und List bewirkt und Plänen, die verfehlt zurückgefallen auf des Erfinders Haupt; dies alles kann ich mit Wahrheit melden.
Shakespeare, Hamlet
Gleich frisch gerupften Daunen schwebte der Schnee gegen die Engel und Apostel in den bunten Glasfenstern. Eine große, weiche Flocke landete auf einem der präraffaelitischen Heiligenscheine und blieb daran haften – Glitzerwatte auf Flittergold. Ein willkommenes Schauspiel für die apathischen Gottesdienstbesucher in dem nicht viel wärmeren Innenraum der St. Peterskirche zu Kingsmarkham, wo der Pfarrer soeben die zweite Bibellesung beendete. Matthäus 15, für den 27. Januar:
»Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen unrein machen ...«
Zwei der Gottesdienstbesucher lösten ihre Blicke von dem Muster, mit dem der Schnee eine rote, blaue, gelbe und purpurfarbene »Verkündigung« überzog und lauschten erwartungsvoll. Der Prediger schloß die schwere Bibel mit dem baumelnden Lesezeichen und öffnete ein sehr viel weltlicher aussehendes, kleines schwarzes Buch aus seinem Seelsorgearsenal. Dann räusperte er sich.
»Ich verkünde das Hochzeitsaufgebot für Sheila Katherine Wexford, ledig, Mitglied dieser Gemeinde, und Andrew Paul Thorverton, ledig, Mitglied der Gemeinde St. John, Hampstead. Dies ist das erste Aufgebot. Desgleichen werden aufgeboten Manuel Camargue, Witwer, Mitglied dieser Gemeinde, und Dinah Baxter Sternhold, Mitglied der Gemeinde St. Mary, Forby. Dies ist das dritte Aufgebot. Sollte irgendjemand von Ihnen Gründe oder nur Hindernisse kennen, die gegen eine Vereinigung dieser Personen in den heiligen Stand der Ehe sprechen, so möge er sich erklären.«
Er klappte das Buch zu. Es war nun schon die dritte Woche, daß Manuel Camargue die sonntägliche Predigt über sich ergehen ließ. Während die Gemeinde sich niedersetzte, blickte er sich um. Immer die gleiche Herde alter Gläubiger, Woche um Woche. Lediglich ein neues Gesicht sah er, ein schönes, blondes Mädchen, das er sofort erkannte, ohne daß ihm jedoch ihr Name eingefallen wäre. Fast die ganze nächste halbe Stunde zerbrach er sich den Kopf in der vergeblichen Mühe, sie irgendwo einzuordnen, zutiefst verärgert über sich selbst, weil sein Gedächtnis so hoffnungslos schlecht geworden war und auch Brillengläser seinen Augen nicht mehr viel halfen.
Aber als sich dann alles erhob und zum Aufbruch drängte, fiel ihm unverhofft ihr Name ein. Sheila Wexford. Natürlich. Sheila Wexford, die Schauspielerin, sie war es. Er und Dinah hatten sie im letzten Herbst in einer Somerset-Maugham-Retrospektive gesehen, obgleich ihm der Titel des Stücks entfallen war. Sie war mit Dinah zusammen zur Schule gegangen, und die beiden kannten sich nach wie vor oberflächlich. Ihr Aufgebot war es also gewesen, das vor seinem bekanntgegeben worden war, bloß war ihm der Name nicht weiter aufgefallen, wegen des eingeschobenen Vornamens Katherine. Wie merkwürdig, daß zwei so bekannte Leute wie sie beide gleichzeitig in der kleinen Kirche dieser Landgemeinde aufgeboten wurden!
Er blickte noch einmal zu ihr hinüber. Sie trug einen schimmernden, hellen Pelz über einem schwarzen Wollkleid. Ihre Blicke trafen sich, und er sah, daß auch sie ihn erkannte. Sie bedachte ihn mit einem leisen, flüchtigen Lächeln, zugleich komplizenhaft, wehmütig, glücklich, und dennoch leicht verlegen – ein Lächeln, das alle diese Regungen in einer Weise offenbarte, wie es nur eine Schauspielerin ihres Kalibers zuwege brachte. Camargue erwiderte es mit seinem eigenen Lächeln, so gut er eben konnte.
Es schneite noch immer. Sheila Wexford spannte ihren Regenschirm auf und setzte zu einem eleganten Spurt in Richtung auf das Friedhofstor an. Sollte er ihr anbieten, sie mitzunehmen, wo immer sie auch wohnte? Aber Camargue sah ein, daß seine Beine ungeeignet waren, hinter ihr herzurennen, vor allem nicht durch fünfzehn Zentimeter hohen Schnee. Als er an der Pforte ankam, sah er sie zu einem Mann in den Wagen steigen, der mindestens alt genug war, um ihr Vater zu sein. Das versetzte ihm einen Stich; war das etwa der Bräutigam? Aber wie ein Schlag traf ihn gleich darauf die Erkenntnis, wie absurd solche Gedanken ausgerechnet bei ihm waren, packte ihn das reuige Gespür für die Torheit menschlicher Wesen und die Blindheit dem eigenen Ich gegenüber.
Ted wartete im Mercedes, hatte die Hände in Wollhandschuhen vergraben und las die News of the World. Er hatte den Motor laufenlassen, um Heizung, Scheibenwischer und Lüftungsgebläse in Betrieb zu halten. Als er Camargue kommen sah, sprang er aus dem Wagen und öffnete die Tür zum Fond.
»Da sind Sie ja, Sir Manuel. Ich hab da hinten eine Wolldecke bereitgelegt; man sah ja schon kommen, wie ekelhaft es werden würde.«
»Sie sind ein netter Kerl, Ted«, erwiderte Camargue. »Ja, es war ganz hübsch kalt in der Kirche. Hoffen wir, daß es bis zur Hochzeit noch ein bißchen wärmer wird.«
Ted beteuerte, das hoffe er auch, obwohl der Bericht über die Großwetterlage so düster gewesen war wie eh und je. Und wenn nicht Respekt und Ehrerbietung gegenüber seinem Herrn ihn daran gehindert hätten, so hätte er hinzugefügt, daß er ja immerhin seine Liebste hätte, um sich warmzuhalten. Camargue ahnte das sehr wohl. Er lächelte in sich hinein und zog sich das Plaid über die Knie. Dinah, dachte er, meine Dinah! Seine Gefühle für sie waren so leidenschaftlich, so intensiv wie die eines Jünglings; aber er würde sich hüten, sie anzurühren. Sein Mund verzog sich vor Abscheu bei der bloßen Vorstellung – er und sie zusammen: Nein, ihm war es genug, sie als Lebensgefährtin um sich zu haben – für die kurze Weile, die ihm noch blieb.
Sie hatten die Toreinfahrt passiert und fuhren die lange, geschwungene Zufahrt hinauf, die zum Haus führte. Ted fuhr in den zwei tiefen, mittlerweile wieder überschneiten Reifenspuren, die sie am Morgen hinter sich gelassen hatten. Aus dem weichen, strahlenden Weiß, das wie ein makelloses Tafeltuch über die Hügel und Mulden des Camargueschen Anwesens gebreitet lag, erhoben sich silbrig entblätterte Birken, Pappeln und Weiden neben den wie Zwerge vermummten Spitzkegeln kleiner Koniferen, aus denen dunkelgrüne, stahlblaue oder goldgelbe Nadeln hervorlugten.
Unvermittelt kam die »Marmeladenfabrik« in Sicht. Camargue nannte sein Haus die »Marmeladenfabrik« oder manchmal auch den »Schuhkarton«, weil es mit keinem der umliegenden Häuser zu vergleichen war. Weder Tudor – echt oder falsch – noch georgianischer Stil – linientreu oder nachempfunden, sondern einfach nur ein langgestreckter Kasten mit jeder Menge Glasfronten, und an einem Ende, als Eckpfeiler zwischen dem Originalgebäude und einem neueren Flügel, ein Turm mit spitzem Helm wie eine Hopfendarre. Auf der Wetterfahne, die die Gestalt eines Violinschlüssels hatte, hockte eine Möwe, die der Hunger ins Inland verschlagen hatte. Vor dem pechschwarzen Himmel wirkte sie ebenso weiß wie der Schnee.
Teds Frau Muriel öffnete die Haustür. Man betrat das Haus durch das Untergeschoß, mit dem es in den Hügel hineingebaut war. Von einer geräumigen Diele aus gelangte man durch einen Torbogen ins Eßzimmer.
»Es ist so kalt, Sir«, sagte Muriel, »deshalb werde ich Ihnen jetzt mal ein tüchtiges Mittagessen kochen, denn Sie haben ja gesagt, Sie gingen heute nicht zu Mrs. Sternhold.«
»Wie fürsorglich Sie sind«, lobte Camargue, dem es nicht mehr sehr wichtig war, was er zu essen bekam. Muriel nahm ihm den Mantel ab, um ihn zum Trocknen aufzuhängen. Sie und Ted wohnten ebenfalls auf dem Grundstück, und zwar in einem wahren Museumsstück von Häuschen. Ein krasserer Gegensatz zur Marmeladenfabrik war kaum vorstellbar. Camargue war daran gelegen, daß die beiden ihre Nachmittage frei hatten, ebenso alle Sonntage. Aber nicht immer gelang es ihm, ihre ergebene Fürsorglichkeit in Grenzen zu halten. Er war kaum halbwegs die Treppe hinauf, da stürmte ihm die Hündin Nancy entgegen, das Maul geöffnet wie zu einem breiten Lächeln, mit heraushängender rosa Zunge und mit den ungestümen jungen Pfoten, die einen sehr wohl aus dem Gleichgewicht bringen konnten. Sie war bereits sein fünfter Schäferhund, auch Elsässer genannt, ein Tier mit schönem, rötlichgrauem Fell, knapp zwei Jahre alt.
Die Wohnhalle mit ihren zwei riesigen Glasfronten war durchflutet von jenem merkwürdigen Licht, wie es nur von reflektierendem Schnee erzeugt wird. Er hatte eben die oberste Treppenstufe erreicht, da klingelte das Telefon.
»Na, hat man uns geziemend aufgeboten?« fragte er lächelnd.
»Ja, Liebling, das dritte Aufgebot. Und in St. Peter?«
»Ebenso. Ich kann dir sagen, es war kalt! Schneit es in Forby auch?«
»Ja, aber nicht besonders stark. Willst du nicht doch herkommen? Die Hauptstraßen sind völlig in Ordnung, und du weißt selbst, es würde Ted nichts ausmachen. Bitte, komm doch!«
»Nein. Du hast nachher deine Eltern bei dir. Sie haben mich ja nun schon kennengelernt. Laß sie ein wenig über den Schock hinwegkommen bis zum Sonnabend.« Camargue lachte über ihren entrüsteten Protest. »Nein, mein Liebes, ich komme heute nicht. Muriel kocht gerade Mittagessen für mich. Denk dran, ab Sonnabend mußt du alle Mahlzeiten mit mir zusammen einnehmen. Pardon wird nicht gegeben!«
»Manuel, soll ich heute Abend herüberkommen?«
Er lachte. »Nein, bitte nicht.« Es war merkwürdig, wie sich sein Akzent bemerkbar machte, immer wenn er mit ihr sprach; wahrscheinlich gefühlsmäßig bedingt, nahm er an. »Bis heute Abend sind die umliegenden Dörfer von Kingsmarkham abgeschnitten, verlaß dich drauf.«
Er ging ins Musikzimmer hinüber, und der Hund folgte ihm. Oben unter der gewölbten Decke des Raums herrschte dämmeriges Zwielicht. Sein Blick fiel auf die Flöte, die im offenen Futteral auf dem Tisch lag, und glitt dann nachdenklich, aber doch nicht mehr schmerzlich, auf seine gekrümmten Hände. Er hatte das Instrument so offen hingelegt, um es Dinahs Mutter zu zeigen, und Muriel hatte wohl Scheu gehabt, es wieder wegzupacken. Camargue schloß den Deckel des Etuis und ließ sich am Klavier nieder. Er war nie ein großer Pianist gewesen, allenfalls ein durchschnittlicher, zweitrangiger Konzertsolist, darum löste es in ihm weder Frustration noch Traurigkeit aus, wenn er gelegentlich mit seinen unnützen alten Händen, wie er sie nannte, ein bißchen herumklimperte. Er spielte »Für Elise«, und Nancy, die Klaviermusik liebte, schlug begeistert mit dem Schwanz auf den grauen Schieferfußboden.
Muriel rief ihn zum Essen, und er ging die Treppe hinunter. Sie liebte es, den großen Mahagonitisch einzig und allein für ihn mit Spitze, Silber und Kristall zu decken und ihn beim Essen zu bedienen. Und sehr viel entschiedener, als er selbst es je getan hatte oder je tun würde, war sie darauf bedacht, was einem Sir Manuel gebührte. Als er beim Kaffee angelangt war, trat Ted herein und sagte, er würde jetzt Nancy auf eine tüchtige Schneewanderung mitnehmen, denn sie hatte ja Schnee so gern. Dabei würde er auch gleich am Ufer des Sees das Eis aufschlagen. Nancy fiel geradezu die Treppe hinunter in ungestümer Vorfreude auf den Auslauf, als sie Kette und Halsband klirren hörte.
Camargue gab sich gelegentlich alle Mühe, nicht den ganzen Nachmittag zu verschlafen; aber er hatte selten Erfolg damit. In dem Flügel hinter dem Turm hatte er seine Privatzimmer, sein Schlafzimmer, Bad und einen kleinen Wohnraum, in dem auch Nancys Korb stand. Hier saß er gewöhnlich in seinem Lehnsessel und las oder hörte Platten. Zurzeit war er ganz hingerissen von James Galway. Galway, so fand er, war um Längen besser, als er es je gewesen war ... Und dennoch nickte er jedes Mal darüber ein. Nicht selten schlief er bis gegen fünf oder sechs. Heute legte er das Flötenkonzert Köchelverzeichnis 313 auf, und während die süßen, hellen, schwerelosen Töne erklangen, betrachtete er sich in dem hohen Spiegel. Er war – wenigstens das! – immer noch hochgewachsen. Und er war schlank. Eigentlich eher dürr wie eine alte Vogelscheuche, dachte er, wie ein morsches Skelett aus dem Trödelladen, mit Händen, die aussahen, als habe man jedes Fingerglied einzeln zerbrochen und schief wieder zusammengeklebt. Tout casse, tout lasse, tout passe ... Jetzt, da er alt geworden war, dachte er häufig wieder in den beiden Sprachen seiner Kindheit. Er setzte sich in seinen Sessel und lauschte der Musik, die Mozart einst für einen streitsüchtigen Holländer geschrieben hatte, und als der zweite Satz begann, war er fest eingeschlafen.
Nancy weckte ihn, als sie ihren Kopf in seinen Schoß legte. Sie war längst von ihrem Spaziergang zurück, es war schon fast fünf Uhr. Ted würde auch nicht noch einmal kommen, um sie am Abend hinauszulassen. Das wollte Camargue selbst besorgen, womöglich auch ein wenig mit ihr gehen, bis an den See hinunter vielleicht. Es hatte aufgehört zu schneien. Das letzte Tageslicht, ein merkwürdig gelblicher Schimmer, vergoldete das Weiß des Schnees und warf lange, blaue Schatten. Camargue nahm James Galway vom Plattenteller und schob ihn in die Hülle zurück. Dann ging er langsam durch den Korridor und durch das Musikzimmer, blieb stehen, um ein verschobenes Bild geradezuhängen, die Fotografie des Gebäudes, in dem die Camargue-Musikschule in Wellridge untergebracht war, und schlenderte dann weiter in die Wohnhalle. Als er an das Teetischchen trat, das Muriel für ihn vorbereitet hatte, klingelte das Telefon erneut. Wieder war es Dinah.
»Ich habe schon mal angerufen. Hast du geschlafen?«
»Was wohl sonst?«
»Ich komme morgen früh rüber und bringe die restlichen Geschenke, ja? Mutter und Vater haben uns silberne Kuchengabeln von meinem Patenonkel mitgebracht.«
»Ich muß schon sagen, die Leute sind wirklich alle mächtig generös, und das doch immerhin schon zum zweiten Mal bei jedem von uns. Fein, ich werde eigens für dich die Auffahrt fegen lassen. Ted wird bei Morgengrauen aufstehen müssen, um das zu besorgen!«
»Armer Ted!« Ihm entging die leise Veränderung in ihrem Ton nicht, und er wappnete sich für das, was jetzt kommen würde. »Manuel, du hast wohl nichts mehr gehört von – Natalie?«
»Von der Person?« erwiderte Camargue leichthin. »Nein.«
»Damit du’s nur weißt – ich werde morgen früh noch einmal davon anfangen, um dich zur Vernunft zu bringen. Ich bin überzeugt, daß du dich täuschst, was sie betrifft. Und dann gleich soweit zu gehen, dein Testament zu ändern, ohne daß ...«
Sein Akzent trat scharf hervor, als er sie unterbrach. »Ich habe sie gesehen, Dinah, nicht du; und ich weiß Bescheid. Laß uns nicht mehr davon sprechen, ja?«
Sie sagte einfach: »Wie du willst. Ich will doch nur das Beste für dich.«
»Das weiß ich«, sagte er. Eine Weile plauderte er noch mit ihr, dann ging er hinunter, um sich seinen Tee zu bereiten. Die schöne Harmonie des Tages war plötzlich gestört, weil Dinah das Thema Natalie angeschnitten hatte. Das zwang ihn, erneut an diese Geschichte zu denken, nachdem er gerade begonnen hatte, sie aus seinem Bewußtsein zu verbannen. Er trug die Teekanne nach oben und hob die gefaltete Serviette von dem Teller mit Gurkensandwiches. Genauso hatte neulich diese Frau – wer immer sie war – die Teekanne heraufgetragen; und dann hatte sie drüben an der Wand Cazzinis goldenes Geschenk gesehen, und schlagartig hatte er es gewußt! Wie alle arglosen und aufrichtigen Menschen verabscheute Camargue jeden Versuch, ihn zu betrügen, viel leidenschaftlicher als Leute, die selber hinterlistig sind. Es war ein so verabscheuungswürdiger Vorfall gewesen, umso schlimmer, als dabei schamlos die Schwäche eines alten Mannes und die Liebe eines Vaters ausgenutzt wurden. Dinahs inständige Bitten konnten nicht das Geringste an seinen Gefühlen ändern. Er überlegte sogar, ob er nicht doch die Polizei oder seine Anwälte hätte benachrichtigen sollen. Aber nein, wozu auch. Er hatte der Frau ja erklärt, daß er sie durchschaut hätte, hatte ihr auch gesagt, was er zu tun beabsichtigte, und jetzt mußte er einfach alles daransetzen, das Ganze zu vergessen. Dinah war die Zukunft, die er noch hatte, Dinah würde ihm eine Tochter sein und mehr als eine Tochter.
Er blieb am Fenster sitzen, ohne die Vorhänge zuzuziehen, beobachtete, wie der Schnee sich blau färbte und dann, als die Dunkelheit hereinbrach, wieder dumpf weiß schimmerte. Der Mond kam herauf, ein voller, kalter Wintermond, eine grünlichweiß glimmende Scheibe. Um sieben trug er das Teegeschirr hinunter und fütterte Nancy mit einer großen Dose Hundefutter.
Sehr deutlich sah er vom Wohnhallenfenster aus den See unten im Mondlicht liegen. Die Bezeichnung See war geschmeichelt, eigentlich war es nur ein großer Teich. Er lag auf der anderen Seite der Auffahrt in einer flachen Senke und war von Weidenbäumen und Rotdornbüschen umgeben. Camargue sah deutlich, daß Ted, wie er es versprochen hatte, am Nachmittag dort unten gewesen und das Eis aufgehackt hatte, um den Fischen Luft zu verschaffen. In dem Teich hausten Karpfen, einige davon sehr groß und sehr alt. Teds Fußstapfen liefen zum Seeufer hinunter und wieder zurück zur Auffahrt. Das Eis hatte er in großen, grauen Blöcken am Ufer aufgeschichtet. Der Mond beleuchtete das alles so klar und deutlich wie ein Tiefstrahler. Überall waren auch Nancys Fußspuren zu sehen, und hier und da in den Schneewehen sah man, wo sie sich herumgewälzt hatte. Er streichelte ihren seidigen braunen Kopf, zog sie zu sich heran und stupste sie sanft, damit sie sich zum Schlafen zu seinen Füßen niederließ. Der Mond glitt über einen schimmernd schwarzen Himmel, von dem all die schweren Wolken des Tages verschwunden waren. Er öffnete sein Buch, die Biographie eines unbedeutenden rumänischen Komponisten, der einmal eine Etüde eigens für ihn geschrieben hatte, und las etwa eine Stunde lang.
Es war gegen halb neun, als er spürte, daß er schläfrig wurde. Deshalb stand er auf, reckte sich und trat ans Fenster. Zu seiner Überraschung sah er, daß es wieder schneite. Dichter Schnee fiel aus dem ziehenden Gewölk, das dem Mond entgegentrieb. Die Koniferen waren frisch überpudert, alle ... bis auf eine. Und dann sah er, daß dieser Baum sich bewegte. Schon oft hatte er denken müssen, daß im Halblicht, bei Nacht, und vor allem durch seine schlecht gewordenen Augen, diese Bäume aussahen wie menschliche Gestalten. Ja, jetzt hatte er doch tatsächlich einen Mann mit einem Baum verwechselt! Oder eine Frau? Er konnte nicht sagen, ob es nun Ted oder Muriel gewesen war, die er dort eben gesehen hatte, jedenfalls eine Gestalt in Hosen und schwerem Mantel, die sich jetzt hügelan bewegte, dorthin, wo der Weg zum Birkengehölz verlief. Einer von ihnen mußte es ja gewesen sein. Camargue beschloß, noch zehn Minuten zu warten, ehe er mit Nancy hinausging. Wenn Ted ihn jetzt sähe, würde er ihm den Ausgang sofort abnehmen wollen, würde alles Mögliche einwenden und wahrscheinlich darauf bestehen, der Hündin noch mal einen tüchtigen Auslauf zu verschaffen, den sie nach der vielen Bewegung am Nachmittag ja nun wirklich nicht nötig hatte. Und wenn es Muriel war, würde sie bestimmt hereinkommen und ihm eine heiße Schokolade machen wollen.
Die Gestalt im Garten war verschwunden. Der Mond schien jetzt nicht mehr so hell. Er konnte sich nicht erinnern, in all den Jahren, die er nun schon in Sussex lebte, je so viel Schnee gesehen zu haben. In seiner Jugend in den Pyrenäen, ja, dort hatte es solche Schneefälle gegeben, sogar mit noch grimmigerer Kälte. Die Erinnerung an die alten Zeiten war es ja auch gewesen, weshalb er all die Tannen, Eiben und Wacholderbüsche in seinen Garten gepflanzt hatte ...
Er hätte schwören können, daß sich dort schon wieder ein Baum bewegte! Wie grotesk war doch das Greisenalter, wenn einem Fähigkeiten, auf die man sich verließ wie auf treue, alte Freunde, plötzlich derart boshafte Streiche spielten. Er rief laut:
»Nancy! Ausgehen!«
Sie war längst vor ihm am Kopf der Treppe. Wenn er vorangegangen wäre, hätte sie ihn unweigerlich hinuntergestoßen, deshalb stieg er hinter ihr hinunter und stupste sie jedesmal sanft mit dem Fuß, wenn sie stehenblieb und sich erwartungsvoll nach ihm umdrehte.
Unten schaltete er die Außenbeleuchtung ein, die den großen Vorhof erhellte, in den die Auffahrt mündete. Wie Funken tanzten die Schneeflocken durch das gelbliche Licht, und als er die Tür öffnete, fuhr die schneidende Kälte der Nacht herein. Nancy stürmte hinaus in den wirbelnden Schnee. Camargue nahm seinen Schaffellmantel, Handschuhe und einen Spazierstock aus dem Garderobenschrank und folgte ihr nach draußen.
Sie war nirgends zu sehen, aber ihre Pfoten hatten eine deutliche Spur hinterlassen, die den Abhang zum See hinunterführte. Er knöpfte den Mantel zu und zog sich den Wollschal hoch um den Hals. Nancy wußte zwar ganz genau, daß dieser abendliche Ausgang kein regulärer Spaziergang war, sondern einzig als Stimulation gedacht war, daß sie ihr Geschäft machte, aber manchmal entwischte sie dennoch. Wenn das Wetter danach war, wenn es etwa sehr feucht und schwül oder auch so wie jetzt war, dann kam es schon einmal vor, daß sie eine halbe Stunde lang verschwunden blieb. Aber es wäre schon verdrießlich, wenn ihr das ausgerechnet heute Abend einfiele, wo er sich so schläfrig fühlte, daß selbst jetzt beim Gehen, und trotz der eisigen Luft, die ihm ins Gesicht stach, die Müdigkeit ihn schier zu überwältigen drohte.
»Nancy! Nancy, wo bist du?«
Er konnte natürlich ins Haus zurückgehen und Ted anrufen, ihn bitten, herüberzukommen und die Rückkehr der Hündin abzuwarten. Ted würde das nichts ausmachen. Aber hieße das nicht, sich allzusehr der Hilflosigkeit anheimzugeben, gegen die er sich doch immer so sträubte? Was fiel ihm denn ein, sich noch einmal zu verheiraten, wieder ein Haus zu führen, von Neuem gesellschaftlichen Umgang zu pflegen, wenn er noch nicht einmal so viel Eigenständigkeit aufbrachte, den Hund hinauszulassen, bevor er schlafen ging? Was er also tun würde, war, ins Haus zurückkehren, sich in den Sessel in der Diele setzen und warten, bis Nancy zurückkam. Und wenn er dabei einschlief, dann würde ihr Kratzen an der Haustür ihn schon aufwecken.
Und als er sich dazu entschlossen hatte, tat er genau das Gegenteil. Er folgte der Spur, die sie gemacht hatte, den Hang hinunter zum See und rief beim Gehen allmählich immer besorgter nach ihr.
Die Fußspuren, die Ted hinterlassen hatte, als er zum Ufer gegangen war, um das Eis aufzubrechen, waren schon wieder von Schnee überzogen, und auch Nancys frische Abdrücke wurden schnell zugedeckt.
Nur die aufgeschichteten Eisblöcke zeigten noch an, wo Ted gewesen war. Das breite Loch, das er freigehackt hatte, war schon wieder mit einer dünnen grauen Schicht überfroren. Der ganze See war eine starre weiße Eisfläche, auf der ein matter Abglanz des überwölkten Mondes lag, und die Konturen der Weiden, die sonst wie zusammengekauerte Spinnen oder Weberknechte aussahen, waren jetzt unter ihrer Schneelast ganz verändert. Wieder rief Camargue nach der Hündin. Erst vorige Woche hatte sie ihm das gleiche angetan, bis sie urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und über die Eisfläche ihm entgegengeschlittert war.
Er begann mit seinem Stock das neue Eis kaputtzustochern. Da hörte er die Hündin hinter sich, ein feines Knirschen im Schnee. Aber als er sich umdrehte, um sie mit der Krücke seines Stocks unter dem Halsband zu packen, da war gar keine Hündin da. Nichts war da: außer den Zwergkoniferen und dem Lampenschein, der auf die weiße Fläche des runden Vorhofs fiel. Na schön, er würde noch den Rest der dünnen, neuen Eisdecke zerschlagen, eine Öffnung von etwa einem Meter Länge und dreißig Zentimetern Breite, so wie Ted es gemacht hatte, aber dann würde er endgültig nach Hause gehen und drinnen auf Nancy warten.
Wieder knirschte ein Schritt hinter ihm. Ein Baum bewegte sich. Er richtete sich auf und fuhr herum. Und als er den Stock hob, wie um sich zu verteidigen, da blickte er in das Gesicht des wandelnden Baums.
Musik tönte ihm entgegen, als Chief Inspector Wexford in die Tür seines Hauses trat. Eine Flöte, die mit einem Orchester zusammen spielte. Wahrscheinlich eine von Sheilas dramatischen Gesten, vermutete er, und genau auf den Zeitpunkt seiner Ankunft ausgerichtet. Es war eine wundervolle Musik, langsam, gemessen, weltlich und dennoch mit einem fast religiösen Anflug.
Seine Frau saß und strickte. Auf ihrem Gesicht lag jener amüsierte Ausdruck trockenen Humors und leichter Atemlosigkeit, den sie oft hatte, wenn Sheila zu Hause war. Und Sheila würde in den nächsten drei Wochen sehr spürbar zu Hause sein, nachdem sie den spontanen, nostalgischen Entschluß gefaßt hatte, von ihrem Elternhaus aus zu heiraten, in der kleinen Kirche ihrer Heimatgemeinde, und zuvor den Rest ihrer Mädchenzeit im Hause ihres Vaters zuzubringen. Sie saß auf dem Fußboden zwischen dem Kaminfeuer und dem Plattenspieler, den Kopf auf ihren runden weißen Arm gelegt, der graziös auf einem Sofakissen ruhte, so daß das blaßgoldene, glatte Haar ihr halb übers Gesicht fiel. Als sie aufblickte und das Haar zurückschüttelte, sah er, daß sie geweint hatte.
»O Paps, Liebling, ist es nicht traurig? Sie haben vorhin eine unwahrscheinliche Gedächtnissendung für ihn gebracht. Sogar Mutter hat ein paar Tränen vergossen. Und dann dachten wir uns, wir betrauern ihn am besten mit seiner eigenen Musik.«
Wexford bezweifelte sehr, daß Dora, seine ebenso gelassene wie hochsensible Frau, ihre Gefühle auf so extravagante Weise gezeigt hatte. Er nahm die Plattenhülle auf. Mozart, Konzert für Flöte und Harfe, Köchelverzeichnis Nr. 229, gespielt vom English Chamber Orchestra, Dirigent Raymond Leppard, Flöte Manuel Camargue, Harfe Marisa Roblès.
»Einmal haben wir ihn sogar persönlich gehört«, erinnerte sich Dora. »Weißt du noch? Das war in Wigmore Hall – bestimmt dreißig Jahre her.«
»Ja.«
Aber er konnte sich nicht recht besinnen. Das auf der Plattenhülle abgebildete Gesicht – zu sensibel, zu beweglich, um schön zu sein, mit dem Schimmer verhaltenen Humors in den Augen – rief in ihm keine Erinnerung wach. Der Satz endete, und nun wurde die Musik leicht und bewegt, eine liedhafte Melodie. Mochte Camargue auch tot sein, hier lebte er wieder durch seine Flöte. Sheila wischte sich über die Augen und stand auf, um ihrem Vater einen Begrüßungskuß zu geben. Es war acht lange Jahre her, seit er und sie unter demselben Dach gelebt hatten. In der Zwischenzeit war sie ein Schwan geworden, eine berühmte Frau, ein Bildschirmgesicht. Aber immer noch küßte sie ihn, wenn er ging oder kam, schlang die Arme um seinen Nacken wie ein ängstliches Kind. Ein wenig verschämt genoß er es.
Er setzte sich und hörte dem letzten Satz zu, während Dora ihre angefangene Reihe an einem Islandpullover zu Ende strickte und dann hinausging, um ihm sein Abendbrot zu machen. Andrews allabendlicher Anruf hinderte Sheila daran, ihre Trauerzeremonie für Camargue bis zur Neige auszukosten, denn als sie ins Zimmer zurückkehrte, war die Platte zu Ende, und ihr Vater aß seinen Steak-and-Kidney Pie.
»Du hast ihn doch eigentlich gar nicht gekannt, Sheila, oder?«
Sie dachte, er wolle sie wegen ihrer Tränen tadeln. »Tut mir leid, Paps, ich weine eben so leicht. Das kommt davon, wenn man lernen muß, es auf Kommando zu tun; dann kann man es nicht wieder verlernen.«
Er blickte sie schmunzelnd an. »Denn am verhängnisvollen Nil – weint das listige Krokodil? – So hab ich’s nicht gemeint. Ich wollte ganz einfach wissen: Hast du ihn persönlich gekannt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube aber, er hat mich in der Kirche erkannt. Er muß gewußt haben, daß ich hier aus der Gegend stamme.« Es war nichts Besonderes, daß man sie erkannte. Wo sie ging und stand, erkannte man sie. Fünf Jahre lang war die Serie, in der sie die schönste der Stewardessen spielte, zweimal wöchentlich zur Hauptsendezeit im Fernsehen gelaufen. Alle Welt sah sich »Startbahn« an, auch wenn viele Leute leicht verschämt behaupteten, sie sähen immer nur zufällig den Schluß, bevor die Nachrichten kämen, oder: »Wissen Sie, die Kinder mögen es halt!« Stewardess Curtis war berühmt für ihr Lächeln. Auch jetzt lächelte Sheila es mit nachdenklich zur Seite geneigtem Kopf. »Ich kenne seine Beinahe-Ehefrau persönlich«, sagte sie. »Vielmehr, ich kannte sie. Wir sind zusammen zur Schule gegangen.«
»Ein junges Mädchen?«
»Besten Dank, Vaterherz. Sagen wir lieber, reichlich jung, um Sir Manuel zu heiraten. Mitte Zwanzig. Sie hat ihn im letzten Herbst einmal mitgebracht, als ich in ‹Der Brief› spielte, aber ich habe sie damals nicht gesprochen. Er war zu müde, um hinterher noch auszugehen.«
Es war Dora, die das Gespräch auf das Wesentliche zurückbrachte. »Seinerzeit hieß es, er sei der größte Flötist der Welt. Ich weiß noch, wie er diese Musikschule in Wellridge gründete und Prinzessin Margaret eigens kam, um sie zu eröffnen.«
»Weißt du, wie die Schüler das Konservatorium nennen? Windyridge.« Sheila mimte mit tanzenden Fingern das Spiel auf einem Blasinstrument. Und plötzlich füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen. »O mein Gott, so zu sterben!«
Das Who is Who ist nicht gerade ein Nachschlagewerk, das man in vielen Privathäusern findet. Wexford besaß es, weil Sheila darinstand. Jetzt nahm er aus dem Regal, schlug unter C nach und las laut vor:
»Camargue, Sir Manuel, Ritter. Ehrenmitglied des Order of the British Empire, Chevalier der Ehrenlegion. Britischer Flötist. Geboren 3.6.1902 in Pamplona, Spanien. Sohn von Aristide Camargue und Ana Parral. Erste Ausbildung durch den Vater, später vom Konservatorium Barcelona. Studierte bei Louis Fleury. Professor der Flötistenklasse am Konservatorium Madrid von 1924 bis 1932. Kämpfte im spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Republikaner. 1938 Flucht nach England. 1942 Ehe mit Kathleen Lister. Eine Tochter. Britische Staatsbürgerschaft 1946. Konzertflötist, Tourneen durch Europa, Amerika, Australien, Neuseeland und Südafrika. Gründete 1964 in Wellridge/Sussex im Andenken an seine Frau die Kathleen-Camargue-Musikschule und 1968 das Kathleen-Camargue-Jugendorchester. Interessen außer Musik: Wandern, Lesen, Hunde. Adresse: Sterries, Ploughman’s Lane, Kingsmarkham, Sussex.«
»Es heißt, das sei ein richtiges Traumhaus«, meinte Sheila. »Ich möchte mal wissen, ob sie es wohl verkauft, diese einzige Tochter? Wenn sie es nämlich täte, dann würden Andrew und ich vielleicht überlegen ... Wär’s dir nicht recht, wenn ich gleich hier um die Ecke wohnen würde, Paps?«
»Vielleicht hat er es ja auch deiner Freundin vermacht«, wandte Wexford ein.
»Möglich. Ja, ich hoffe es sogar. Arme Dinah; den ersten Mann, den sie abgöttisch liebte, verloren, und jetzt auch den zweiten, der es gar nicht erst geworden ist. Sie hat wirklich eine Art Entschädigung verdient. Ich werde ihr einen Beileidsbrief schreiben. Oder nein, das werde ich nicht tun. Ich gehe hin und besuche sie. Gleich morgen früh rufe ich sie an, und dann ...«
»Ich an deiner Stelle würde damit lieber noch einen oder zwei Tage warten«, meinte ihr Vater. »Gleich morgen früh wird zunächst einmal die gerichtliche Untersuchung stattfinden.«
»Gerichtliche Untersuchung?« Sheila sprach das Wort mit dem ungläubigen Entsetzen einer Lady Bracknell aus. »Gerichtliche Untersuchung? Aber er ist doch wohl eines natürlichen Todes gestorben?«
Dora, vertieft in knifflige Zauberkunststücke mit drei verschiedenfarbigen Wollfäden, blickte von ihrem Strickzeug auf. »Natürlich ist er das nicht. Ertrinken – oder was sonst mit ihm passiert ist – und zu Tode frieren, das kann man nicht gerade natürlich nennen.«
»Ich meine, er hat es doch nicht absichtlich getan, und niemand hat ihm etwas angetan.«
Wexford konnte sich das Lachen nicht verkneifen angesichts dieser Definitionen von Mord und Selbstmord. »Bei den meisten Fällen eines plötzlichen Todes«, erklärte er, »und in jedem Fall eines gewaltsamen Todes muß eine gerichtliche Untersuchung durchgeführt werden. Sie erfolgt unabhängig von der Wahrscheinlichkeit, daß das Ergebnis auf Unfall lauten wird.«
Unglücksfall. Dieses Urteil, das so grotesk klingen kann, wenn es auf den Tod eines Babys im Kinderbettchen oder eines Patienten in der Narkose angewandt wird, schien jedoch das Schicksal Camargues angemessen zu umschreiben. Ein alter Mann, knöcheltief im Schnee, hatte in der Dunkelheit die Balance verloren, war ins Wasser gefallen und unter die Eisdecke gerutscht. Wenn er nicht ertrunken war, so war der Tod innerhalb von Minuten durch Erfrieren eingetreten. Starker Schneefall hatte seine Fußspuren zugedeckt, und zehn Grad Frost hatten in aller Stille die Öffnung versiegelt, in die der Körper geglitten war. Lediglich ein Handschuh aus dickem schwarzem Leder – er war ihm von der linken Hand gerutscht – blieb übrig. Er zeigte auf die Stelle, wo der Tote lag – mit einem gekrümmten Finger, der aus dem Schnee ragte. Unglücksfall.
Wexford ging einzig und allein zur gerichtlichen Untersuchung, um sich aufzuwärmen, denn die Zentralheizung der Polizeistation war aus unerklärlichen Gründen über Nacht kaputtgegangen. Das für die Untersuchung zuständige Bezirksgericht Kingsmarkham, Abteilung zwei im ersten Stock, erfreute sich des Rufs, während des ganzen Winters eine Temperatur von 28 Grad Celsius aufzuweisen. Und diesen Ruf verteidigte es anscheinend auch heute. Wexford, der seine Gummistiefel gleich unten neben der Tür abgestellt hatte, saß nun im Hintergrund des Gerichtssaals, genoß die wohlige Wärme und pellte sich verstohlen diverse überflüssige Hüllen vom Leib, einen khakifarbenen Regenmantel aus trüb durchsichtigem Plastik, einen alten schwarz-grauen Mantel im Fischgrätenmuster und einen riesigen Schal aus verfilzter, bräunlicher Wolle.
Außer der Reporterin vom Kingsham Courier auf einem der Presseplätze waren nur noch zwei Frauen im Saal, und diese beiden saßen so betont weit voneinander entfernt, daß man den Eindruck gewann, jede von ihnen lege es darauf an, die andere zu ignorieren. Die eine war vermutlich die Tochter, die andere die Braut. Beide waren dunkel gekleidet, nachlässig und ohne Sorgfalt. Aber die Frau dort in der ersten Sitzreihe hatte Augen und Profil einer Callas, und das glänzend schwarze Haar war zu einer fernöstlichen Geishafrisur aufgetürmt, während die andere, die ein, zwei Meter von ihm entfernt saß, eher einer kleinen grauen Maus glich, zusammengesunken, mit Kopftuch und gefalteten Händen. Keine von beiden war, soweit er sehen konnte, dem Gesicht auf der Plattenhülle mit all seiner vergeistigten Lebendigkeit auch nur entfernt ähnlich. Aber als das Untersuchungsergebnis verkündet wurde und die Geishafrau den Kopf wandte, wobei ihre dunklen, funkelnden Augen ihn einen Augenblick lang ansahen, da bemerkte er, daß sie weit älter war als Sheila, gut und gern zehn Jahre älter. Dies also mußte die Tochter sein. Kaum war er zu diesem Schluß gekommen, da richtete der Leichenbeschauer seinen Blick auf sie und sagte, er erlaube sich, Sir Manuels Tochter sein tiefes Beileid auszusprechen angesichts des herben Verlustes, und sie seiner persönlichen Anteilnahme zu versichern, die zweifellos von Tausenden von Menschen geteilt werde, nämlich von all jenen, die seine Musik geliebt und bewundert hätten. Er hoffe, seine Befugnisse nicht zu überschreiten, wenn er bei dieser Gelegenheit Samuel Johnson zitiere, der gesagt hätte, daß es nicht darauf ankäme, wie ein Mensch stürbe, sondern wie er gelebt hätte.
Wahrscheinlich hatte niemand ihm von der bevorstehenden Ehe des Toten erzählt. Die kleine Maus stand auf und verschwand unbemerkt. Nachdem alles zu Ende war, erhob sich die Schöne mit den schwarzen Augen ebenfalls und war sofort von etlichen Männern umringt. Wexford sagte sich zwar, daß es natürlich Zufall war – es waren schließlich die Begleiter, die sie auch hergebracht hatten, ihres Vaters Arzt, sein Diener, ein oder zwei Freunde, dennoch hatte er das untrügliche Gefühl, daß diese Frau sich immer, wo sie auch war, inmitten eines Kreises von Männern befände, beobachtet, bewundert, begehrt. Er kroch wieder in seine Vermummung und trat widerstrebend in die beißende Kälte der Kingsmarkham High Street hinaus.
Der alte Schnee lag am Straßenrand zu langen, niedrigen Wällen aufgehäuft, die von dicht fallenden, winzigen, glitzernden Flocken mit frischem Weiß überpudert wurden. Ein gelblich-bleifarbener Himmel versprach noch reichlich mehr Schnee. Es war nur ein Sprung vom Gerichtsgebäude zur Polizeistation, aber bei diesem Wetter reichte das, um bis auf die Knochen durchzufrieren.
Auf dem Parkplatz stand zwischen einem Fiat Panda und dem Rover des Polizeichefs noch immer der Montagewagen der Heizungsfirma. Argwöhnisch trat Wexford durch die Schwingtüren, drinnen war es kalt wie eh und je, und Sergeant Camb, der hinter seinem Schalter saß, wärmte sich die klammen Hände an einem Becher dampfenden Tees. Wenn Burden nur ein bißchen Verstand hatte, überlegte Wexford, dann hatte er sich zum Lunch irgendwo ins Warme verzogen. Sehr wahrscheinlich ins Café Carousel, genauer gesagt, in das, was das Café Carousel einmal gewesen war, bevor Mr. Haq es übernommen und in Perle von Afrika umgetauft hatte. Dies war laut Mr. Haq der allgemeine Beiname für sein Heimatland Uganda. Mr. Haq behauptete, er serviere authentisch ugandische Gerichte, er nannte es »unverfälschte« Ugandaküche, aber da niemand recht wußte, was das war – ob er damit die Kost der Eingeborenen vor der Kolonisation meinte oder Gerichte, die durch die asiatischen Einwanderer eingeführt wurden, oder aber solche, wie sie bei der modernen, westlich beeinflußten Bevölkerung Ugandas üblich waren, was immer das sein mochte –, es war jedenfalls schwierig, sein Menü in Frage zu stellen. Fast zu allem und jedem gab es Bratkartoffeln oder Reis, aber das konnte ja immerhin für die Küche Ugandas typisch sein. Wexford mochte die Kneipe, sie faszinierte ihn, besonders die üppige Urwaldvegetation aus Plastik.
Auch heute rankte sie sich zitternd in der dampfenden Wärme, und die ledrigen Blätter schienen Schweißtropfen abzusondern. Die Fenster waren total beschlagen und sahen aus wie Opal. Man glaubte sich in eine tropische Oase mitten in der Arktis versetzt.
An einem Tisch saß Inspektor Burden und aß Nubisches Hähnchen mit Reis Ruwenzori, ohne dabei seine neue Schaffelljacke aus den Augen zu lassen. Sie war ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau, und Mr. Haq hatte sie an die Garderobenablage in Gestalt einer Palme gehängt. Als Wexford sich zu ihm gesellte, meinte er düster, schließlich könnte sich irgendjemand damit aus dem Staub machen, heutzutage sei man ja nie sicher.
»Und weiß man denn, ob sie nicht hier im Kochtopf landet?« spöttelte Wexford. Er bestellte sich ebenfalls Hähnchen, allerdings mit der Bitte, diesmal die Kartoffeln wegzulassen. »Ich komme gerade von der gerichtlichen Untersuchung im Fall Camargue.«
»Was in aller Welt hattest du denn da zu suchen?«
»Ich hatte weiter nicht viel zu tun. Und dann hoffte ich, daß es dort warm wäre – was übrigens stimmte.«
»Du machst mir Spaß«, brummte Burden. »Ich hätte schon Arbeit für dich gefunden.« Seit ihre Freundschaft sich vertieft hatte, war zwar seine frühere Ehrerbietung gegenüber seinem Vorgesetzten verschwunden, nicht jedoch sein Respekt. »Diebstähle, Einbrüche – wir haben noch nie so viel davon gehabt. Dieser Atkinson, den sie gegen Kaution freigelassen haben, hat in der Zwischenzeit drei neue Dinger gedreht. Dabei ist er noch keine siebzehn, ein ziemlich vielversprechender kleiner Ganove.« Seine Stimme war spröde vor Sarkasmus, als er fortfuhr: »So jedenfalls nenne ich ihn. Der Psychiater sagt natürlich, er sei ein ‹Kleptomane mit pathologischem Persönlichkeitsbruch, verursacht durch Traumata, die im weitesten Sinne als paranoid zu klassifizieren seien›.« Er schnaubte verächtlich. Dann schwieg er und fragte in verändertem Tone: » Sag mal, fandest du es sehr klug, das zu tun?«
»Was zu tun?«
»Zu dieser Untersuchung zu gehen. Die Leute werden denken ... Ich meine, es wäre doch möglich, daß sie denken ...«
»Die Leute denken immer«, winkte Wexford ab. »Du redest wie eine Matrone, die eine Debütantin belehrt. Was sollen sie schon denken?«
»Ich meine nur, sie könnten doch denken, daß bei diesem Todesfall etwas stinkt, daß irgendetwas dahintersteckt. Die sehen dich dort, wissen natürlich genau, wer du bist, und sagen vielleicht, der wäre doch nicht da wie der Leichenbeschauer, wenn alles so sonnenklar gewesen wäre ...«
Eine Intervention von außen rettete ihn vor einem Wutausbruch Wexfords. Mr. Haq schlängelte sich heran. Er war klein, sehr schwarz, wenn auch mehr von kaukasischem Einschlag, und er lächelte mit einem Mund voll unglaublich weißer, aber entsetzlich schiefer, riesiger Zähne.
»Alles nach Ihrem Wunsch, ich hoffe, meine Liebe?« Mr. Haq nannte alle seine Gäste »meine Liebe«, einerlei, welchen Geschlechts sie waren, vielleicht in der Annahme, dies sei ein allgültiger Ausdruck äußersten Respekts, etwa so wie »Exzellenz«. »Ah, ich sehe, Sie haben Reis Ruwenzori.« Er verbeugte sich ein wenig. »Ein würziges und sehr, sehr köstliches Rezept von den Bewohnern des Mondgebirges.« Dieses Salbadern eines Werbefernsehfritzen für Tütensuppen war typisch für ihn.
»Jaja, sehr gut, danke«, sagte Wexford.
»Bitte, gern geschehen, meine Liebe.« Mr. Haq lächelte so breit, daß man fürchtete, ihm könnten ein paar Zähne dabei herausfallen. Dann ging er weiter zwischen den Tischen hindurch, tauchte mit dem Kopf unter den Plastikranken hindurch, die sich aus Plastiktöpfen schlängelten, welche in Plastikhalterungen steckten ...
»Nimmst du noch Nachtisch?«
