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Sie laufen vor einem Löwen weg, den Sie nicht mehr sehen können Sie sehen einen Menschen, der schreiend und wild mit den Armen fuchtelnd die Straße entlangrennt. "Er ist verrückt", denken Sie – und wollen nur weg von ihm. Plötzlich sehen Sie einen Löwen um die Ecke preschen, der diesen Menschen verfolgt. Sein Verhalten erscheint Ihnen plötzlich normal und Sie möchten ihm vielleicht helfen. Was ist, wenn Sie dieser Mensch sind? Wenn Sie nicht verrückt, schwierig oder krank sind, sondern nur den Löwen nicht sehen können, der Sie verfolgt? Manchmal können wir uns unser Verhalten selbst nicht erklären. Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Nervensystem, dessen Funktionsweise und Entwicklung der Autor anschaulich und in einfachen Worten beschreibt. Ob Sie unter den Folgen eines Unfalls leiden, Missbrauch erfahren haben oder andere Schicksalsschläge verkraften müssen: Nach der Lektüre dieses Buches verstehen Sie, welche Auswirkungen das Geschehen auf Ihr Nervensystem hatte und Sie erfahren, was Sie zu Ihrer Heilung tun können. Ein 28-Tage-Programm wird Ihnen helfen, den Löwen sichtbar zu machen und ihn zu zähmen – und nicht mehr davonzulaufen.
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Seitenzahl: 440
Veröffentlichungsjahr: 2023
Benjamin FryDer unsichtbare LöweWie Menschen psychisch reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen
Über dieses Buch
Sie laufen vor einem Löwen weg, den Sie nicht mehr sehen können
Sie sehen einen Menschen, der schreiend und wild mit den Armen fuchtelnd die Straße entlangrennt. „Er ist verrückt“, denken Sie – und wollen nur weg von ihm. Plötzlich sehen Sie einen Löwen um die Ecke preschen, der diesen Menschen verfolgt. Sein Verhalten erscheint Ihnen plötzlich normal und Sie möchten ihm vielleicht helfen. Was ist, wenn Sie dieser Mensch sind? Wenn Sie nicht verrückt, schwierig oder krank sind, sondern nur den Löwen nicht sehen können, der Sie verfolgt?
Manchmal können wir unser Verhalten uns selbst nicht erklären. Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Nervensystem, dessen Funktionsweise und Entwicklung der Autor anschaulich und in einfachen Worten beschreibt. Ob Sie unter den Folgen eines Unfalls leiden, Missbrauch erfahren haben oder andere Schicksalsschläge verkraften müssen: Nach der Lektüre dieses Buchs verstehen Sie, welche Auswirkungen das Geschehen auf Ihr Nervensystem hatte und Sie erfahren, was Sie zu Ihrer Heilung tun können.
Ein 28-Tage-Programm wird Ihnen helfen, den Löwen sichtbar zu machen, ihn zu zähmen – und nicht mehr davonzulaufen.
Benjamin Fry, Psychotherapeut, Autor und Unternehmer, gründete eine Klinik, in der vor allem „Menschen mit schwer erklärbaren gesundheitlichen Problemen“ Hilfe finden. Darüber hinaus engagiert er sich für wirksamere Behandlungsansätze im britischen Gesundheitswesen und entwickelt neurologisch fundierte Technologien für eine Vielzahl von Verhaltensproblemen.
Copyright © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2023
Originalausgabe: The Invisible Lion. © 2019 Benjamin Fry
Coverfoto: © Evgeny Baranov – AdobeStock
Übersetzung: Antoinette Gittinger
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2023
ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0410-7
ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0429-9 (EPUB), 978-3-7495-0430-5 (PDF).
Allen früheren, gegenwärtigen und künftigen Klienten von Khiron House und allen Menschen, die dort arbeiten und gearbeitet haben.
Die Ideen zu diesem Buch wurden mit Ihnen allen in zahllosen Workshops, Gruppen und Informationsgesprächen erörtert. Danke, dass Sie dies ermöglicht haben.
Mein letztes Buch endete damit, dass die Klinik, die ich aufbauen wollte, am Vorabend ihrer Eröffnung vor meinen Augen abgerissen wurde. Dank mehrerer Wunder konnte die Klinik in einem anderen Gebäude wieder eröffnet werden und überlebte diese sehr eigenartige Feuertaufe. Genau sieben Jahre später schreibe ich diese Zeilen und denke über den Weg nach, den wir alle seitdem zurückgelegt haben.
Ich hatte das große Glück, im Rahmen meiner Arbeit die Welt bereisen zu können, an Konferenzen, Workshops und Veranstaltungen teilzunehmen und von den Pionieren zu lernen, deren Lebenswerk uns ein neues Verständnis unseres Verhaltens und unserer Gesundheit beschert hat. Ich hatte auch das Glück, mit vielen von ihnen Zeit verbringen zu können. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet. Ursprünglich wollte ich herausfinden, was ihre Ideen speziell mit meiner Arbeit zu tun hatten. Dazu musste ich alles, was ich von ihnen lernte, miteinander verbinden, damit es zusammenwirkte und zu etwas wurde, das meinem Verständnis nach von einem ganz gewöhnlichen Leben handelte.
Dieses Buch ist für normale Menschen, für ein breites Publikum, und nicht für Wissenschaftler oder Mediziner geschrieben. Doch es entstand auf der Grundlage des Fachwissens einiger brillanter Wissenschaftler, Klinikerinnen und Autoren. Dr. Bessel van der Kolk, Dr. Stephen Porges, Dr. Peter Levine, Dr. Pat Ogden, Dr. Janina Fischer, Dr. Dan Siegel, Dr. Richard Schwartz und Pia Millody verdanke ich meine Erkenntnisse auf diesem Fachgebiet, und ich weiß, dass sie ihre wiederum vielen anderen verdanken.
Der größte Teil der folgenden Ausführungen ist eine Synthese ihrer Ideen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, sie angemessen darzustellen und korrekt wiederzugeben. Der Bekanntheitsgrad dieser Namen bei künftigen Generationen wird ein Maßstab dafür sein, wie gut wir als Weltgemeinschaft sind. Am Ende dieses Buchs habe ich weiterführende Literatur aufgeführt, um auf einige ihrer Schlüsselwerke zu verweisen. Danke auch Colleen Derango und ihrem Team, die diese Ideen als Erste für mich in die Praxis umgesetzt und ihren dankbaren Klienten vermittelt haben.
Dies ist meine Interpretation dessen, was ich glaube, aus meiner eigenen Arbeit und meinen Erfahrungen gelernt zu haben. Für eventuelle Fehler in diesem Buch bin ausschließlich ich verantwortlich. Alle Fehler, Ungenauigkeiten oder Auslassungen sind einzig und allein mir anzulasten.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen seelenruhig Ihres Wegs, sind mit Ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, und Sie sehen plötzlich auf der anderen Straßenseite einen Mann rennen. Er fuchtelt wild mit den Armen, schreit, wendet sich hierhin und dorthin und schaut über die Schulter. Er sieht mitgenommen aus, wirkt ungestüm, beängstigend.
Die Menschen gehen ihm aus dem Weg. Sie weichen ihm aus, wechseln auf die andere Straßenseite, als sie ihn kommen sehen. Sie selbst verspüren den Drang, dasselbe zu tun, denn dieser Kerl bereitet Ihnen wirklich Unbehagen. Sie sagen sich, dass er verrückt ist, dass Sie nicht so sind wie er.
Sie wollen gerade wegschauen, als Ihnen etwas ins Auge fällt. Ein Löwe springt um die Ecke. Ein ausgewachsener, brüllender Löwe. Und er rennt hinter dem Mann her. Plötzlich sehen Sie den Mann mit anderen Augen. Sie begreifen, dass er in Gefahr ist. Sie wollen ihm helfen und sind damit nicht allein. Auch andere Menschen erkennen die Gefahr und wollen helfen.
Keiner hält den Mann mehr für verrückt. Keiner hat mehr Angst vor ihm.
Der Mann hat sich jedoch nicht verändert. Er rennt immer noch ziellos umher, voller Angst und blind vor Panik. Doch alles andere hat sich verändert. Sein Verhalten ist dasselbe wie vorher. Sein Körper tut dasselbe wie vorher. Doch irgendwie ist aus dem verrückten Mann ein normaler Mann geworden; aus dem Mann, den man gemieden hat, wurde ein Mann, dem man helfen möchte.
Was ist, wenn Sie genauso sind? Was ist, wenn alles, was Ihrer Meinung nach mit Ihnen nicht stimmt, in Wirklichkeit normal ist, aber einfach in einen anderen Kontext gehört? Was ist, wenn Sie nicht verrückt, schwierig oder krank sind, sondern nur den Löwen nicht sehen können?
Das Verhalten des Mannes ist normal. Sein Körper funktioniert perfekt. Seine Reaktion und seine Entscheidungen sind vernünftig. Doch wenn man den Löwen nicht sehen kann, wird er zu einem Problem, für das man eine Lösung braucht.
Sie lesen dieses Buch, weil Sie vor einem Löwen weglaufen, den Sie nicht mehr sehen können.
Niemand ist verrückt. Die Menschen wollen helfen. Sie können nur den Löwen nicht sehen.
Ich habe in meinem Leben einige bedrohliche Situationen erlebt. Meine Mutter starb nach einer Leidenszeit von sechs Monaten kurz vor meinem ersten Geburtstag.
Menschenbabys sind nicht in der Lage, allein zu überleben. Sie brauchen bis zum dritten Lebensjahr eine enge Bindung zu einer Bezugsperson, bevor sie so weit sind, Unabhängigkeit anzustreben. Meine ersten drei Lebensjahre waren jedoch durch Chaos geprägt.
Nach dem Tod meiner Mutter lebte ich ein Jahr lang bei der Familie ihrer Freundin. Dann heiratete mein Vater wieder, und ich zog zurück zu ihm und seiner neuen Frau. Danach verlief alles ruhiger, und ich genoss ein sehr privilegiertes Leben, besuchte renommierte Schulen und Universitäten. Aber das Vermächtnis jener frühen Jahre, in denen mein menschliches Grundbedürfnis nach Sicherheit nicht erfüllt wurde, war immer noch präsent.
Als Erwachsener wurde ich von Ängsten geplagt. Ich empfand Beziehungen als schwierig. Es fiel mir schwer, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen. Nachdem ich zehn Jahre in Internaten verbracht hatte, war mir meine Familie emotional fremd geworden. Um diese zwischenmenschliche Lücke zu schließen, baute ich auf meine Freundinnen, konnte aber nicht damit umgehen, wenn eine dieser Beziehungen zu Ende ging. Andererseits hatte ich auch starke Bindungsängste. Als ich mich verlobte und meine Verlobte schwanger wurde, war ich fast ständig in Panik, mit weitreichenden Folgen für mein ganzes Leben.
Es fiel mir auch schwer, effizient zu arbeiten. Ich litt unter Angstzuständen, war gelähmt von Panikattacken, hatte keine Lust, ins Büro oder zu Meetings zu gehen. Paradoxerweise würden manche Menschen mein damaliges Berufsleben als riskant bezeichnen, denn es war unternehmerisch ausgerichtet und entsprach keiner konventionellen „Normalkarriere“, die ich eher mied. Ich glaube, ich konnte mit Risiken umgehen, weil ich das Leben ohnehin als beängstigend empfand, sodass mir das nicht als zusätzliche Bürde erschien. Vermutlich sagte man über mich, ich wirke ziemlich gelassen oder cool, dabei hatte ich einfach nur gelernt abzuschalten. Deshalb waren persönliche Beziehungen für mich auch so schwierig. Ich wirkte distanziert, hatte aber in Wirklichkeit einfach nur Angst.
Auf diese Weise überlebte ich. Ich gründete Unternehmen, heiratete und wurde Vater. Aber ich improvisierte immer nur, hatte keinen Plan, keine Strategie. Ich konnte nicht langfristig denken. Ich versuchte einfach, den Tag zu überstehen. Gott sei Dank war ich darin ziemlich gut. Ich konnte überzeugend und charmant sein, und es fiel mir leicht, das nach außen hin „zu verkaufen“.
Aber letztlich reichte das nicht, und als die Probleme überhandnahmen, war ich völlig unvorbereitet.
Ich hatte einen Schuldenberg angehäuft, hielt mich für schlau und investierte in den griechischen Immobilienmarkt. Es schien der nächste große Boom zu sein, und ich hoffte, damit meine Probleme auf einen Schlag lösen zu können. Das war 2007, und kurz danach brachen alle Märkte zusammen, am schlimmsten in Griechenland.
Ich war ruiniert. Ich hatte keinen Job, kein Geld, enorme Schulden und eine Familie. Als meine Frau feststellte, dass sie mit unserem fünften Kind schwanger war, verkraftete ich das nur schlecht.
Langsam, schmerzhaft und unausweichlich bahnte sich der Zusammenbruch an. Es begann mit Angst, auf die Panik und Schlaflosigkeit folgten. Schließlich hatte ich mich nicht mehr unter Kontrolle. Ich hatte das Gefühl, als sei mein Körper in ständiger Alarmbereitschaft. Er schüttete Adrenalin aus, und es gab nichts, was ich oder jemand anders hätte tun können, um dem Einhalt zu gebieten. Ich rannte rund um die Uhr vor dem Löwen davon. Und am Ende wurde ich dadurch sehr krank und benötigte Hilfe.
Als ausgebildeter Psychotherapeut wollte ich es mit einer Therapie versuchen, aber die Symptome ließen kein bisschen nach. Ich mied die Ärzte, weil ich Angst vor Medikamenten hatte. Stattdessen unternahm ich alles Mögliche: Gesundbeten, Kirchgänge, Sport, neuer Job. Von allen Seiten ließ man mich voller Zuversicht wissen, dass ich auf dem richtigen Weg sei und wieder gesund werden würde, aber nichts funktionierte. Im Gegenteil: Es ging mir immer schlechter.
In meiner tiefen Verzweiflung fuhr ich schließlich schwere Geschütze auf und wies mich selbst in eine renommierte Londoner psychiatrische Klinik ein. Sie hatte einen so guten Ruf, dass ich überzeugt war, dort Heilung zu finden.
Doch das war nicht der Fall. Ich vertrug die Medikamente schlecht, die Ärztinnen und Ärzte waren arrogant, und die Art und Weise, wie sie über mein Problem sprachen, war auch nicht hilfreich. Sie sagten lediglich, ich sei depressiv oder ängstlich oder beides. Doch sie konnten in meiner Geschichte und dem, was ich durchlebte, nicht wirklich einen Sinn erkennen. Sie gingen einfach davon aus, dass durch Pillen alles wieder gut werden würde. Doch mir leuchtete das nicht ein.
Ein paar Monate lang nahm ich immer wieder Medikamente, bis mich erneut die Verzweiflung überkam. Ich wusste, dass ich nicht überleben würde, wenn ich zu Hause bliebe, konnte aber den Gedanken nicht ertragen, erneut in diese Klinik oder in eine ähnliche zu gehen. Es schien sehr schwierig zu sein, fundierte Hilfe zu finden, bis mir ein Freund von einer Klinik in Arizona berichtete. Ich buchte einen Flug dorthin. Auch dies war eine schreckliche Erfahrung, aber es gab in dieser Klinik einen Psychiater, der mich durch eine äußerst behutsame Verabreichung von Medikamenten buchstäblich wieder gesund pflegte.
Ich begab mich dann in die Nachsorgeabteilung der Klinik und entdeckte dort, mit ganz neuen Augen, eine völlig andere Welt. Alles, was man mir zuvor über meinen Zustand gesagt hatte, wurde förmlich weggefegt und durch eine Geschichte ersetzt, die für mich wirklich Sinn ergab. Ich litt nicht unter einer mysteriösen Krankheit namens Angst, sondern hatte ein Nervensystem, das so reagierte, als schwebe ich in großer Gefahr. An meinen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen war eigentlich nichts Seltsames – ich war nur auf der Flucht vor einem gefährlichen Löwen. Das Problem war nicht ich, sondern der unsichtbare Löwe.
Dies veränderte alles für mich.
Meine Behandlung, die auf diesem Modell gründete, funktionierte. Sie war hart und schmerzhaft, aber ich überstand sie und begann langsam, mein Leben neu aufzubauen. Doch was geschehen war, faszinierte mich auch weiterhin.
Das gesamte Konzept der psychischen und verhaltensbezogenen Gesundheit wurde auf den Kopf gestellt und die Erkrankung als Folge eines Problems dargestellt, das eigentlich im Körper zu finden war. Aber wie bei allen neuen Entwicklungen gab es auch hier Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten. Die Pioniere dieser Ideen zerstritten sich, und ihre Anhänger übernahmen ihre Konzepte und setzten sie nicht immer nur zum Nutzen anderer ein. Sehr ähnliche Theorien wurden aufgestellt, und statt einer Synthese entwickelten sich Konkurrenzen. Es war nicht einfach, all das zu verstehen.
Aber ich versuchte es, weil ich es wollte. Ich wollte nachvollziehen können, was ich selbst erlebt hatte. In jedem Bereich meines Lebens hatte ich Schiffbruch erlitten, und ich musste den Sinn dahinter erkennen. Irgendwie musste ich verstehen, wie es dazu gekommen war, dass ich fast alles, was wertvoll in meinem Leben gewesen war, sabotiert, zerstört oder ruiniert hatte, und was mein Nervensystem damit zu tun hatte. Das war mir sehr wichtig.
Ich gründete eine Klinik in England, in der ich nach derselben Methode arbeitete wie die Klinik in Arizona. Durch diese Arbeit lernte ich viele weitere Therapeuten, Klinikärztinnen und Pioniere auf diesem Gebiet kennen. Ich traf auch viele Menschen, die dieselben Probleme hatten wie ich. Sie erhielten nicht ihre erste Behandlung in der Klinik, auch nicht die zweite, dritte oder vierte. Genau wie ich hatten sie viele Therapeutinnen und Ärzte aufgesucht oder Zeit in Kliniken, Reha-Zentren und Krankenhäusern verbracht.
Sie kamen, genauso verzweifelt, wie ich es einst gewesen war, um ein letztes Mal eine Behandlung auszuprobieren. Als Erstes versuchte ich, ihnen zu erklären, was vor sich ging. Ich versuchte, alles, was ich auf meinem Weg gelernt hatte, in einfache Konzepte und eine leicht verständliche Sprache zu fassen, um ihnen zu helfen, ihre Probleme zu verstehen.
Als mein Leben sich wieder zum Besseren wendete, begann ich, mich mehr nach außen zu orientieren. Ich konzentrierte mich nicht mehr allein auf meine Kernfamilie und meinen Job, sondern beschäftigte mich mehr mit dem Leben außerhalb dieser Bereiche. Ich begann, über meine sonstigen Beziehungen nachzudenken, über meine Familie und über meine Freunde. Zudem interessierte ich mich mehr dafür, was in der Welt vor sich ging.
Wohin ich auch schaute, überall erkannte ich dieselben Muster. Wenn ich Patientinnen und Patienten im Sprechzimmer etwas erklärte oder Vorträge in der Klinik hielt, tat ich dies auf dieselbe Weise, wie ich mit den Menschen über ihr Leben außerhalb der Klinik, über Politik, über Kultur, über Verhaltensweisen und sogar über den Planeten sprach.
Und dann beschloss ich, darüber zu schreiben.
Wenn Sie vor einem unsichtbaren Löwen davonlaufen, dann ist das hier Ihr Buch. Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie den Löwen finden und wie Sie Ihr Verhalten und Ihre Erfahrungen richtig einordnen können. Dann werden wir versuchen, den Löwen zum Einschlafen zu bringen.
Dieses Buch ist für wirklich jeden. Ich war zwar im Bereich der psychischen Gesundheit tätig, und doch geht es hier nicht um psychische Gesundheit. Und obwohl ich in einer Klinik gearbeitet habe und dort mit einigen sehr schweren und speziellen Fällen zu tun hatte, ist es kein Fachbuch und richtet sich deshalb nicht nur an Fachleute. Im Wesentlichen geht es darum, wie schwierig es ist, ein Mensch zu sein.
Zwar lassen sich die Ideen und die Sachkenntnis auf ein gesundheitswissenschaftliches Fachgebiet zurückführen, aber weil es im Wesentlichen darum geht, wie der Mensch funktioniert, treffen diese Ideen auf jeden und überall zu. Sie können dieses Buch also lesen, wie immer Sie möchten. Es soll Ihnen helfen zu verstehen, wie bestimmend Ihr Nervensystem für jeden Aspekt Ihrer Erfahrung als Mensch ist.
Als Lernunterstützung biete ich Ihnen zu jedem Kapitel einige Multiple-Choice-Fragen; Sie finden sie im 28-Tage-Genesungs-Plan, der Ihnen hilft, die Ideen in die Praxis umzusetzen.
Zwei Wörter werde ich in diesem Buch nicht benutzen: „Trauma“ und „Stress“. Sie werden in der klinischen Arbeit und im Alltag derart überstrapaziert, dass sie ihre eigentliche Bedeutung verloren haben. Alles, was in diesem Buch steht, wird Ihnen helfen zu verstehen, was die Menschen vermitteln wollen, wenn sie diese Worte verwenden.
Schließlich werden Sie in diesem Buch auch einige sehr schlechte Illustrationen finden, denn ich bin kein Künstler. Ich kann diese Zeichnungen jederzeit gut an einer Tafel oder auf einem Blatt Papier wiedergeben. Ich hätte sie fantastisch designen lassen können, aber das wollte ich nicht. Das heißt nicht, dass ich Sie hinters Licht führen oder ein billig aussehendes Buch schaffen wollte. Vielmehr wollte ich Ihnen die Möglichkeit geben, diese Zeichnungen selbst nachzumachen.
Sie sind so einfach, dass jeder sie ausführen kann. Ich möchte, dass Sie diese Zeichnungen Ihren Freunden, Ihrer Familie und Ihren Kollegen mit ein paar einfachen Strichen auf einem Blatt Papier erklären können. Ich verwende bis zu vier Farben, und an manchen Stellen bezieht sich auch der Text auf diese Farben.1 Wenn Sie die Bilder einmal im Kopf haben, sollten Sie in der Lage sein, sie überall, jederzeit und für jeden zu zeichnen. Sie sind also nicht ohne Grund einfach. Genau wie die Sprache in diesem Buch. Ich möchte jeder und jedem diese Ideen vermitteln, nicht nur Künstlern und Fachleuten. Unsichtbare Löwen lauern überall. Und wir alle sollten in der Lage sein, mit ihnen fertigzuwerden.
Ich möchte zu einer Welt beitragen, in der niemand Angst vor dem Löwen hat; einer Welt, in der jeder den Löwen sieht und in der wir all jenen, die gejagt werden, entgegeneilen und nicht vor ihnen weglaufen. In einer solchen Welt helfen die Menschen einander und erhalten Hilfe von anderen.
Ich möchte Ihnen helfen, möchte anderen helfen und mir selbst helfen. Ich möchte nicht mehr mit all diesen Löwen allein sein.
1 Auf der (englischsprachigen) Website des Autors, http://www.theinvisiblelion.com, wird Ihnen auch ein Flipp-Book nur mit den Bildern angeboten.
Was Sie lernen werden
Um einen Menschen zu verstehen, ist es hilfreich, etwas über seine Familie zu wissen. Genauso verhält es sich mit einem Land. Es ist hilfreich, mit seiner Geschichte vertraut zu sein. Will man, wie in unserem Fall, die Menschen verstehen, so hilft es, ihre Entwicklungsgeschichte zu verstehen.
Der Grundgedanke der Evolution besteht darin, dass bei einem Lebewesen kleine zufällige Veränderungen erfolgen und diese sich dann auf seine Überlebenschancen auswirken. Die daraus resultierende Zunahme der Anzahl derjenigen, die überlebenstüchtiger sind, wird als natürliche Selektion bezeichnet.
Ein berühmtes Beispiel ist eine Schmetterlingsart, die im Grunde weiß ist, aber manchmal zufällig schwarz zur Welt kommt. In der freien Natur haben es die schwarzen Schmetterlinge nicht so leicht, weil sie besser zu sehen sind und deshalb von Feinden leichter entdeckt und dann gefressen werden. Die Folge ist, dass es weniger von ihnen gibt, um sich fortzupflanzen, sodass dann die weißen Schmetterlinge in der Überzahl sind.
Aber alles ändert sich. Einst wurden in einer englischen Industriestadt die Gebäude durch den Ruß der Fabriken immer schwärzer. Dies bot den schwarzen Schmetterlingen eine neue Tarnung, und die weißen Schmetterlinge waren hier auffälliger. Jetzt hatten die schwarzen Schmetterlinge bessere Überlebenschancen, und sie pflanzten sich stärker fort, da die weißen für die Feinde leicht zu sehen waren und folglich gefressen wurden. Innerhalb kurzer Zeit wurden die schwarzen Schmetterlinge zur neuen dominanten Art. (Vergessen Sie nicht, dass die Schmetterlinge dies zufällig tun, um zu überleben, nicht absichtlich. Es passiert einfach.)
Es ist hilfreich, zu beobachten, wie Lebewesen im Verlauf ihrer Geschichte auf Bedrohungen reagiert haben, weil wir unbedingt verstehen wollen, wie wir Menschen auf Bedrohungen reagieren. Und kaum etwas ist für die natürliche Selektion wichtiger als die Art, wie wir auf Bedrohungen reagieren. Bei Menschen und Tieren wird dies im Großen und Ganzen durch das Nervensystem bestimmt.
Wenn Sie nicht viel über das Nervensystem wissen, ist das kein Anlass zur Panik. Stellen Sie sich das Nervensystem einfach als eine Art „Festverdrahtung“ des Körpers vor. Im Zusammenhang mit unserer Reaktion auf Bedrohungen interessieren uns bestimmte Teile des Gesamtsystems, und diese können Sie sich als Gaspedal und Bremse vorstellen.
Bitte beachten Sie: Sowohl Gaspedal als auch Bremse sind Teile unseres Körpers. Sie funktionieren automatisch, ohne dass wir etwas entscheiden müssen. Das ist vergleichbar mit Ihrem Herzen, das auch in seinem eigenen Rhythmus schlägt, unabhängig von Ihren Entscheidungen. Sie haben keinen Einfluss darauf.
Später, wenn die Organismen komplexer werden, etwa so komplex wie die Menschen, können sich diese Automatismen als sehr problematisch erweisen. Aber so weit sind wir noch nicht. Anfangs waren die Dinge noch recht einfach.
Unsere modernen Nervensysteme gehen zurück auf Lebewesen, die vor über 500 Millionen Jahren lebten und heute noch als Fossilien erhalten sind. Und es war kein Geringerer als ein kieferloser Fisch, bei dem sich erste Anzeichen für eine Verfeinerung des Systems finden. Im Grunde genommen war dieser Fisch ein prähistorischer Wasserstaubsauger, der mit offener Frontseite herumschwamm und Essbares einsaugte.
Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Raubfisch, etwa ein Hai, und Sie begegnen einem Schwarm dieser Fische, die langsam im warmen blauen Ozean herumschwimmen. Sie sind hungrig. Und es erfordert keine große Anstrengung, an sie heranzuschwimmen und so viele von ihnen zu fressen, wie Sie mögen. Diese Fische unternehmen nicht wirklich etwas, um sich zu verteidigen, außer weiter zu schwimmen. Der Ozean ist groß, und sie lassen es darauf ankommen.
Stellen Sie sich nun vor, Sie wären einer dieser Fische. Sie sehen, wie sich der Hai nähert. Und aus irgendeinem Grund tun Sie, statt einfach so weiterzumachen wie üblich, einfach nichts. Buchstäblich nichts. Sie erstarren. Das ist eine Revolution. Und um das zu verstehen, müssen wir uns damit befassen, was Haie zu Haien macht.
Das Hauptziel des Hais ist einfach: Er will Beute aufspüren und sie fressen. Zu diesem Zweck hat er (nicht absichtlich, sondern zufällig und infolge natürlicher Selektion) sehr gute Augen entwickelt, um Dinge zu entdecken, die sich bewegen. Er ist weniger interessiert an Felsen oder Pflanzen, sondern lediglich an Fischen. Stellen Sie sich also vor, was geschieht, wenn der Hai zufällig auf einen Schwarm Fische stößt, der um das Riff herumschwimmt. All seine Sensoren leuchten auf, und er sieht jede Menge Fischmahlzeiten vor sich.
Während er auf diese mäandernde Mahlzeit zusteuert, verfolgt er weiterhin die Bewegungen der Fische. Durch eine zufällige genetische Veränderung reagiert der kieferlose Fisch auf diese Gefahr, indem er sich völlig reglos verhält. Somit sieht der Hai ihn nicht und schwimmt an ihm vorbei. Der Fisch überlebt.
Wie wir gesehen haben, ist das Überleben der Schiedsrichter der natürlichen Selektion. Durch die Entwicklung dieser neuen Verhaltensweise, die wir als Schreckstarre bezeichnen könnten, ist dieser Fisch nun besser in der Lage, zu überleben. Und so kann er sich vermutlich fortpflanzen und länger leben. Diese Fischart wird viel mehr Nachkommen haben als ihre nicht erstarrenden Verwandten. Dies wird sich einige Generationen lang fortsetzen, und langsam sehen wir eine Veränderung der Population. Immer mehr Fische erstarren, wenn sie angegriffen werden. Sie verändern sich als Art, und die Folge ist, dass sie besser überleben. Dies ist die Anpassung, die erforderlich ist, um Bedrohungen durch natürliche Selektion zu überleben.
Aber es bleibt nicht unbemerkt oder ungestraft.
Betrachten Sie das Ganze nun aus der Sicht des Hais. Mit der Zeit stellt der Hai fest, dass es immer weniger Fische zu fressen gibt. Nun, im Grunde genommen sind sie alle da, aber der Hai kann sie nicht sehen, weil sie sich nicht mehr bewegen, wenn er angeschwommen kommt, um sich Nahrung zu besorgen. Die Haie sind hungrig, fangen an zu verhungern und zu sterben. Immer weniger Haie pflanzen sich fort, und immer weniger von ihnen überleben. Die Haipopulation ist gefährdet.
Und dann gibt es einen weiteren Zufall. Ein Hai entwickelt die Fähigkeit, die Fische zu sehen, die erstarren, wenn Haie vorbeischwimmen. Für diesen Hai stellt der Ozean ein köstliches Büffet aus hilflosen bewegungslosen Fischen dar. Er muss sie nicht einmal jagen, um sie zu fangen. Er ist umringt von Essbarem. So gedeiht er, pflanzt sich fort und gründet eine neue Linie von Haien, die über die Fähigkeit verfügen, reglose Fische zu erkennen. Die anderen Haie sterben aus, aber seine Nachkommen gedeihen prächtig. Nach und nach gelingt es der gesamten Haipopulation, die reglosen Fische besser zu erkennen und Nahrung zu finden.
Und so geht es weiter.
Die nächste Anpassung ist ein Fisch, der eine noch raffiniertere Reaktion auf Bedrohungen entwickelt. Inzwischen erstarren alle Fische, wenn sich ein Hai nähert, und der Hai frisst so viele Fische, wie er möchte. Und wiederum zufällig entwickelt ein Fisch eine neue Mutation. Wann immer ein Hai sich nähert, entfernt sich der Fisch blitzschnell.
Dies ist eine neue Art der hilfreichen Reaktion. Sobald sich ein Hai in der Nähe des Fisches befindet, schaltet dieser einsame, kieferlose Speedy Gonzales den Nachbrenner ein und macht sich aus dem Staub, während all seine Verwandten erstarren. Er entkommt, und alle anderen werden gefressen. Und so bekommt er mehr Nachkommen, die besser überleben, und die Population verändert sich. Sicherlich verstehen Sie, was das bedeutet. Das ist Anpassung und natürliche Selektion in Aktion.
Aber was lehrt uns Menschen diese Geschichte des kieferlosen Fisches über uns selbst?
Im Lauf von Millionen von Jahren hat es bei allen Arten Stufe für Stufe immer mehr Anpassungen gegeben, die zu der Vielfalt des Lebens führten, die wir heute auf der Erde beobachten können. Sogar unsere eigenen Gehirne haben sich stufenweise herausgebildet. Wir stammen von Reptilien ab, die sich zu Säugetieren und von Säugetieren zu Menschen entwickelt haben. Innerhalb unseres Gehirns haben wir sogar drei unterschiedliche Gehirne! Eines funktioniert wie das unserer Reptilienvorfahren, eines wie das der Säugetiere und eines wie das eines Menschen.
Dies bietet mir auch eine wirklich gute Gelegenheit, die Qualität der Illustrationen zu demonstrieren, die ich Ihnen in diesem Buch präsentieren werde. Eine fachmännische Illustration des Gehirns ist die links abgebildete. Ich möchte jedoch, dass Sie diese Schaubilder für sich selbst und für andere zeichnen können, sodass Sie sich von nun an mit meinem rechts abgebildeten Schaubild abfinden müssen.
In diesem Moment sitze ich an meinem Computer und schreibe dieses Buch. Vor langer Zeit war es eine gewaltige Leistung, diesen Computer zum Laufen zu bringen. Doch heute ist dies für uns selbstverständlich. In jedem Computer gibt es ein kleines erbsenhirnförmiges Ding namens BIOS, das auf den „Einschalt“-Knopf horcht, wenn wir glauben, dass das gesamte System schläft. Wie könnte es sonst wissen, dass ich den Knopf drücke? Ein Teil des Systems muss ständig wach sein.
Ähnlich verhält es sich mit dem ursprünglichen Reptiliengehirn, das wir noch in uns haben. Es ist sehr klein, sehr einfach und befindet sich in einer Art Ein-und-Ausschalt-Modus. Es ist nicht hoch entwickelt. Es wird nicht viel mehr tun, als Sie ein- und auszuschalten und Sie erstarren zu lassen, wenn Ihnen eine große Gefahr droht, z. B. die, von einem Löwen gefressen zu werden.
Sobald besagter Computer eingeschaltet ist, läuft auf ihm ein Betriebssystem, z. B. Windows oder Linux. Es handelt sich einfach um die Software, die den Computer einsatzbereit macht, um unsere an ihn gerichteten Aufgaben zu erfüllen. Diese Stufe ist eher mit unserem Säugetiergehirn vergleichbar. Es ist ziemlich hoch entwickelt und eröffnet uns viele komplexe Möglichkeiten, auf Stimuli aller Art zu reagieren, aber es verfügt über keine Sprache. In ihm sind unsere Triebe, etwa Instinkte oder Gefühle angelegt, aber es gibt keine Worte. Es bestehen auch keine Pläne, um etwas zu erledigen.
Um den Computer dazu zu bringen, etwas Sinnvolles zu tun, muss ich ein Programm hochladen, wie z. B. Word. Mithilfe dieses ausgeklügelten Programms kann ich schließlich meinen Computer nutzen, um Probleme zu lösen und Aufgaben zu erledigen. Dies ist vergleichbar mit unserem menschlichen Gehirn. Es ist viel größer als das Säugetiergehirn, welches wiederum größer ist als das Reptiliengehirn. Es verfügt über eine Sprache und komplexe Verknüpfungen. Es versucht, die Signale, die es von unseren anderen Gehirnteilen und all unseren Sinnen erhält, zu interpretieren und in ihnen einen Sinn und Nutzen zu erkennen.
Mein menschliches Gehirn ermöglicht mir diverse Dinge. Es ist der Grund dafür, dass ich gerade in einem warmen, trockenen Zimmer sitze und nicht in einer Höhle. Es erkennt, dass es in der Welt Ursache und Wirkung gibt, und wird dann aktiv, um die Wirkung zu etwas zu verändern, das ich verursachen möchte. Es ermöglicht mir, in der ansonsten scheinbar eher durch Zufälle bestimmten Welt, in der Säugetiere und Reptilien leben, ein wenig Kontrolle zu erlangen. Das menschliche Gehirn kann sich über die Natur hinwegsetzen und scheint jetzt über ihr zu thronen und die Dinge so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen, statt sie der Natur zu überlassen.
Aber so, wie ein Computer ohne ein BIOS oder ein Betriebssystem nicht funktioniert, kann ich all diese komplizierten Dinge nicht ohne meine drei Gehirne tun. Alles ist miteinander verknüpft. Wenn ich meinen Computer nicht einschalten kann, kann ich ihn nicht zum Schreiben benutzen. Wenn mein Betriebssystem meinen Computerbildschirm nicht erkennt, kann ich nicht sehen, was ich schreibe. Egal, wie anspruchsvoll mein Verwendungszweck ist, diese Grundlagen müssen funktionieren, damit ich überhaupt etwas Kompliziertes in Angriff nehmen kann. Und genauso verhält es sich bei uns Menschen.
Leider beginnen hier auch die Probleme. Wir Menschen sind inzwischen so komplex geworden, dass die ältere Software, die in unseren Reptilien- und Säugetiergehirnen installiert ist, mit den darüber gelagerten Schichten neuer Upgrades in Konflikt gerät. Jeder weiß, wie sich das bei einem Computer auswirkt. Man kauft ihn, und er funktioniert großartig. Jahre später braucht er, nach all den Installationen und Updates, manchmal bis zu fünf Minuten, um hochzufahren. Irgendwie haben all diese zusätzlichen Funktionen das Ding verstopft.
Sie geben auf und kaufen einen neuen Computer, und alles beginnt von vorne. Das Problem ist, dass Sie dieser Computer sind, allerdings Tausende von Jahren später. Und Sie können ihn nicht einfach ersetzen.
Betrachten wir also einige dieser fortgeschritteneren Funktionen. Dr. Peter Levine und Dr. Stephen Porges haben uns mit ihrer Forschung einen Einblick darin vermittelt, wie diese Komplexität der menschlichen Entwicklung unsere heutige Situation beeinflusst.
Die Geschichte der menschlichen Reaktion auf Bedrohung nahm ihren Ausgang bei jenen prähistorischen kieferlosen Fischen und reicht bis in die Gegenwart. Wir können eine ganze Reihe von Reaktionen im Lauf der Zeit erkennen, sie sind in diesen Stufen enthalten. In der oben erwähnten Geschichte wird aufgezeigt, wie sie sich entwickelt haben, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Die erste Möglichkeit, die kieferlose Fische entwickelten, um besser auf Bedrohungen zu reagieren, bestand im Erstarren. Dann begann der Tanz von Fisch und Hai, und als Nächstes lernten die Fische, sich aus dem Staub zu machen. Einige langsamere Fische nahmen vielleicht sogar an, sie könnten sich wehren, wenn die Haie sie umkreisten. Denn warum sollten die Haie, die jede Menge Fische zur Auswahl hatten, sich mit den aufsässigen Fischen herumschlagen? Als dann mit der Zeit alle Fische entweder davonschwammen oder kämpften (was wir als Kampf oder Flucht bezeichnen), hatte weder die eine noch die andere Seite einen Vorteil.
Der nächste Wettbewerbsvorteil für eine Spezies bestand darin, ein besseres Radar für Haie zu entwickeln, etwas, das wir als Wachsamkeit bezeichnen könnten. Einige Fische erkannten früher als andere, dass der Hai sich näherte, und konnten eher flüchten und an der Spitze des Schwarms vor dem Hai davonschwimmen. Sie überlebten besser, und so wurde die gesamte Population auf natürliche Weise selektiert. Und so weiter.
Lassen Sie uns große Zeiträume überspringen, denn dieses Muster wiederholte sich bei allen möglichen Arten, und nach und nach bildete sich bei den Säugetieren die Aktivität komplexer Gesellschaften heraus. Nachdem sich bei allen Arten grundlegende Überlebensfähigkeiten entwickelt hatten, wurden kleinere Nuancen zu einem entscheidenden Faktor dafür, wer überlebte und wer nicht. Vielleicht rannten alle zur selben Zeit los, sodass der Schnellste überlebte. Oder alle kämpften zur selben Zeit, sodass der Stärkste gewann. Aber was sollte man tun, wenn man weder der Schnellste noch der Stärkste war? Dann war es wohl optimal, der beste Freund des Schnellsten und des Stärksten zu sein.
Unsere komplexen gesellschaftlichen Regeln entstanden im Zuge des exakt selben Prozesses und aus denselben Gründen, aus denen der erste kieferlose Fisch erstarrte, wenn der Hai Ausschau nach einer Fischmahlzeit hielt. Die Anpassung wurde einfach immer komplizierter. Und so haben wir es letztlich mit so althergebrachten Szenarien zu tun, die sich z. B. auf Schulhöfen abspielen können, wo man Rüpel und böse Mädchen, Streber und Sportler findet. Mit anderen Worten: mit einem System, in dem via Gewinner und Verlierer Einfluss ausgeübt wird. Dann bringt sich die ganze Gruppe in Stellung: bereit, einen Angriff abzuwehren und vollkommen auf das Überleben eingestellt.
Um in dieser Reihenfolge konkurrieren zu können, dachten wir uns eine neue Reaktion auf Bedrohung aus, das sogenannte Social Engagement System (System des sozialen Engagements). Als Reaktion auf Bedrohung mutet es seltsam an, denn es erweckt den Anschein, als wären wir manchmal sogar zu den Menschen, die uns bedrohen, sehr freundlich. Aber es verbindet Menschen aus genau demselben Grund, aus dem Fische erstarren oder davonschwimmen: Es verschafft ihnen einen Wettbewerbsvorteil, um zu überleben. Menschliche Interaktion ist also die am besten funktionierende Ebene der Reaktion auf Bedrohungen, und im Idealfall sollten wir Menschen uns auf dieser Ebene einfinden. Es bedeutet, dass wir uns selbst die größtmögliche Sicherheit verschaffen, und das fühlt sich großartig an.
Diese Arten, auf eine Bedrohung zu reagieren, sind äußerst ausgefeilt. Auf einer Party einen Witz zu erzählen, um sich bei einer Gruppe unbekannter Menschen beliebt zu machen, ist etwas ganz anderes, als um sein Leben zu rennen oder auf Leben und Tod zu kämpfen. Körper und Geist müssen auf eine neue Art und Weise zusammenwirken. Stephen Porges zeigt in seiner Polyvagal-Theorie, wie die Anatomie genau hierfür sogar neue Bahnen im Nervensystem geschaffen hat.
Jede unserer möglichen Reaktionen auf Bedrohung ist das Vermächtnis einer anderen Evolutionsstufe. Und deshalb gehören sie zu jeweils verschiedenen Teilen des Gehirns, welches wiederum im Lauf der Evolution in verschiedenen Stufen entwickelt wurde.
Das Reptil reagiert durch Erstarren. Das ist eine einfache Reaktion, eine Art Ein-Aus-Schaltung. Das Säugetier reagiert mit Kampf oder Flucht. Diese Reaktion ist raffinierter und erfordert eine gewisse Einschätzung, ob ein Kampf gewinnbar oder die Flucht erforderlich ist. Der Mensch reagiert mit sozialem Engagement. Er schließt Freundschaften, schließt Bündnisse, trifft Menschen und gewinnt Einfluss. Der Mensch knüpft Kontakte.
Sie können (und sollten) alle drei Reaktionen auf Bedrohung durchgehen. Die Frage ist nur, in welcher Reihenfolge?
Stellen Sie sich diese als einen Stapel Pfannkuchen vor, die sich von unten nach oben türmen. Sie beginnen mit dem kieferlosen Fisch, der Sie inzwischen sicher tödlich langweilt. Ihr Pfannkuchenstapel sieht wie folgt aus:
Da die obersten Schichten als Letztes aufgetürmt wurden, sind sie leicht zu erreichen. Wie sich herausstellt, beginnt der Körper dort und frisst sich von oben nach unten durch den Stapel Pfannkuchen, wenn jede folgende Reaktion auf eine Bedrohung nicht ausreicht, um das Problem zu lösen. Im Grunde genommen gehen wir in der Zeit zurück. Wenn unsere neumodische Art, mit Dingen umzugehen, nicht funktioniert, suchen wir nach einer einfacheren Methode, und so weiter.
Stellen Sie es sich so vor. Sie mischen sich auf einer Party unter die Gäste. Welche ist Ihre erste Verteidigungslinie gegen dieses Meer von potenziell gefährlichen Säugetieren? Soziales Engagement. Sie plaudern, Sie flirten, stellen Gemeinsamkeiten mit den anderen fest. Dann hören Sie Lärm. Sie bemerken, dass all Ihre Sinne auf die Geräuschquelle fokussiert sind. Sie verlieren das Interesse an dem Gespräch, in das Sie gerade vertieft sind, und an Ihrem Gesprächspartner. Sie achten jetzt mehr auf eine mögliche Gefahr.
Ihre Wachsamkeit erweist sich als gute Idee! Als Sie sich der Geräuschquelle zuwenden, kommt ein maskierter Mann in den Raum gerannt, und die Partygäste zerstreuen sich panikartig nach links und rechts. Sie schalten wieder in einen anderen Gang und rennen los. Sie steuern auf den hinteren Teil des Raums zu, auf den Notausgang. Sie sind zuversichtlich, dass Ihnen die Flucht gelingt, aber die Tür ist blockiert. Sie drehen sich um. Der maskierte Mann kommt drohend auf Sie zu. Sie ergreifen nicht weiter die Flucht, sondern erinnern sich an Ihren Boxunterricht. Sie schlagen nach ihm.
Er weicht Ihrem Schlag aus und schleudert Sie gekonnt zu Boden. Dann zieht er eine Pistole, vier weitere Attentäter stürzen herbei. Sie liegen in einer Ecke auf dem Boden, ohne Waffe und allein. Sie erstarren. Sie befinden sich im letzten Pfannkuchen.
Es scheint ein recht gutes System zu sein. Sie können mit einer Reihe von Reaktionen auf eine Bedrohung reagieren. Und wenn die Bedrohung größer wird, können Sie die Gänge wechseln und zu den früher entwickelten Reaktionsstufen zurückkehren, um zu versuchen, das Problem zu lösen. Bei unseren Säugetierfreunden in der Wildnis scheint es zu funktionieren.
Und wenn die Software versagt? Und die Dinge aus dem Ruder laufen? Oder Ihre drei Gehirnteile anfangen, gegeneinander zu kämpfen, und sich nicht einigen können, was wann zu tun ist? Das wäre schlecht.
Wenn sich das Leben leicht, überschaubar und gut anfühlt, unabhängig davon, ob Sie sich gerade unterhalten, kämpfen oder erstarren, dann liegt das vermutlich daran, dass Ihre drei Gehirne richtig zusammenarbeiten. Sie sind sich alle einig, was zu tun ist, und Sie lassen es einfach fließen. Es fühlt sich organisch und natürlich an, Sie selbst zu sein und zu tun, was Sie tun.
Was ist also los, wenn Sie sich die meiste Zeit nicht so fühlen? Kennen Sie jemanden mit diesem Problem? Ich schon.
Genau darum geht es im Rest dieses Buchs.
Was Sie lernen werden
Im Lauf der Evolution hat sich eine Abfolge von Reaktionen auf Bedrohung herauskristallisiert. Wenn diese gut funktionieren, ist alles im Fluss. Körper und Gehirn sind im Einklang, und wir können mit allem, was um uns herum und in uns vorgeht, angemessen umgehen. Aber dann ist etwas passiert, das diesen Fluss unterbrochen hat … Die Tatsache, dass wir uns zu Menschen entwickelt haben, hat uns große Vorteile gegenüber den Tieren verschafft, aber auch dazu geführt, dass wir nicht auf die richtige Weise auf Bedrohungen reagieren. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir die Mechanismen einer Bedrohungsreaktion nachvollziehen können und verstehen, wie unser Menschsein alles durcheinander gebracht hat.
Mary und ihr perfekter Job
Mary arbeitet in einem Büro, in dem überwiegend Frauen tätig sind. Sie mag ihre Kolleginnen und ihre Arbeit bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die Benachteiligte unterstützt und weltweit Hilfe in Ländern leistet, die vor großen Herausforderungen stehen. Die Arbeit dort erscheint ihr sinnvoll und macht sie glücklich. Eigentlich hat sie gedacht, sie würde diesen Job für immer machen, doch nun starrt sie auf ihren Bildschirm und liest noch einmal das Kündigungsschreiben, das sie soeben verfasst hat. Sie fühlt sich verloren, versteht nicht, wie es dazu kommen konnte.
Vor neun Monaten kam Ann in ihr Team. Sie war klug und erfolgreich, verstand aber nicht, was Mary für die Kommunikationsstrategie der Organisation tatsächlich leistete. Zunächst schien das keine Rolle zu spielen. Ann war sehr freundlich, und das Team traf sich oft privat nach Dienstschluss. Ann bemühte sich sehr, mit Mary Freundschaft zu schließen, und Mary sah bald in Ann, wie in vielen ihrer Kolleginnen, eine Freundin. Sie fühlte sich bei Ann sicher und vertraute ihr. Und das war eine Erleichterung für sie, denn sie hatte sich Sorgen wegen dieser neuen Stelle gemacht, hatte überlegt, wie diese die Nische verändern würde, die sie sich geschaffen hatte.
Dann geschahen seltsame Dinge. Mary hatte eine gute Beziehung zu ihren Vorgesetzten, doch plötzlich kam es zu Spannungen. Vorschläge, die sie zuversichtlich unterbreitete, wurden nicht umgesetzt. Der Umgang mit Kollegen, mit denen sie bisher bestens ausgekommen war, erwies sich zunehmend als schwierig. Nach außen hin schien alles wie immer zu sein, aber etwas hatte sich verändert. Sie fühlte sich verunsichert. Früher hatte sie sich bereits am Sonntagabend auf den Montagmorgen gefreut, aber jetzt machte sie sich Sorgen, was der nächste Tag bringen würde. Marys Schlaf litt darunter. Wenn sie aufwachte, war sie nicht ausgeruht, sondern gestresst, und sie ging mit diesem unguten Gefühl zur Arbeit.
War sie es, die diese Probleme verursachte, weil sie sich weniger wohl in der eigenen Haut fühlte? Oder passierte da wirklich etwas? Sie konnte sich das Ganze nicht erklären.
Dann, wie aus heiterem Himmel, unterbrach Ann eines Tages Marys Präsentation. Sie kritisierte einzelne Vorschläge, die Mary gemacht hatte, und stellte auch den Sinn des Ganzen infrage. Für Mary war das ein Schock. Bei früheren privaten Treffen hatte Ann sie unterstützt. Mary war fassungslos. Statt Ann zu widersprechen, schwieg sie und akzeptierte, dass man ihren Plan eventuell überdenken müsste.
Mit Marys Freude, Spontaneität und Kreativität, die ihren beruflichen Erfolg ausgemacht hatten, war es mehr und mehr vorbei. Sie fühlte sich unsicher, wollte nicht mehr voller Begeisterung ihre Ideen mit ihren Kollegen teilen. Sie unterbreitete nur noch mittelmäßige Lösungen und hoffte, dass diese nicht kritisiert würden. Bald grauste ihr vor ihrer Arbeit. Ann gegenüber verhielt sie sich unterwürfig; sie fühlte sich machtlos und untergebuttert.
Ihre Freunde und ihre Familie drängten Mary, etwas zu unternehmen. Sie rieten ihr, Ann oder ihre Chefs auf die Situation anzusprechen. Sie führten ihr vor Augen, dass sie ihre Rolle aus dem Nichts aufgebaut und eine eher konventionelle Organisation mit ihrer Energie und ihren großartigen Ideen bereichert hatte und sie genügend gute Argumente habe, doch Mary schaffte es einfach nicht. Sie fühlte sich am Boden zerstört. Allmählich beherrschte sie nur noch ein Gedanke: zu kündigen. Dies schien die einzige Möglichkeit zu sein, das Problem zu lösen.
Also verbringt sie nun den Vormittag damit, das Kündigungsschreiben zu verfassen. Als sie die Worte liest, die sie geschrieben hat, kann sie nicht glauben, dass sich ihre Gefühle in nur wenigen Wochen so verändert haben. Den Gedanken, den Job einst so geliebten Job aufzugeben, empfindet sie jetzt als tröstlich. Sie ist verblüfft, erschöpft, verwirrt, und es bricht ihr fast das Herz. Während sie auf den Bildschirm starrt, kullern Tränen über ihre Wangen. Was wird sie als Nächstes tun?
Wenn sie gewusst hätte, wie das Nervensystem funktioniert, wäre es ihr vielleicht klar gewesen.
Wir alle wissen: Wenn man sich auf dem Laufband im Fitnessstudio bewegt, steigt der Puls. Hört man auf, sinkt er wieder. Aber nicht nur unser Puls kann schwanken. Viele Systeme im Körper haben diese Eigenschaft.
Es gibt Sollwerte für diese Systeme, wie z. B. den Ruhepuls, und davon ausgehend reagiert der Körper unterschiedlich auf bestimmte Aktivitäten oder Umstände. Ein weiteres Beispiel ist die Körpertemperatur. Diese schwankt innerhalb von 24 Stunden, je nachdem, ob wir im Schlaf- oder Wachmodus sind.
Es gibt noch viele weitere Beispiele für dieses Muster, z. B. das endokrine System, den Blutdruck und so weiter. Aber alles, was Sie im Augenblick wissen müssen, ist Folgendes: Wenn sich etwas verändert hat, sollte es zu dem Zustand zurückkehren, den wir als normal betrachten. Was es damit auf sich hat, wissen Sie, wenn Sie schon einmal auf einem Laufband gewesen sind, wieder abgestiegen sind und dann aufgehört haben zu schnaufen und zu keuchen. In der Medizin wird dies als Homöostase bezeichnet (griechisch für „derselbe Ort“).
Genauso verhält es sich mit der Reaktion des Körpers auf Bedrohung: Sie nimmt zu, wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, und wieder ab, wenn die Bedrohung abgewendet wurde, und kehrt zu diesem magischen Ort der Homöostase zurück, in etwa vergleichbar mit nachfolgender Zeichnung.
Entlang der waagerechten Linie der Abbildung messen wir von links nach rechts den zeitlichen Verlauf unserer Reaktion auf eine Bedrohung. Das kann ein flüchtiger Augenblick sein, manchmal dauert es auch einige Minuten. Der Unterschied zwischen Laufen und Ruhen wird auf der linken Seite, mit der senkrechten Linie gemessen. Man könnte es körperliche Bedrohungsreaktion nennen, die es uns ermöglicht, mit der gefährlichen Situation umzugehen. Mediziner würden hier von einer „Aktivierung des sympathischen Nervensystems“ sprechen, was lediglich eine ausgefallene Bezeichnung für unser Beschleunigungssystem ist.
Im Tierreich wird man entweder von dem Tier, das einen bedroht, gefressen, oder kann entkommen. Und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Haben Sie schon einmal eine Tierdokumentation gesehen, in der eine Gazellenherde von Löwen gejagt wird? Sobald ein oder zwei Tiere von den Löwen angefallen wurden, wendet sich der Rest der Herde schnell wieder dem Grasen zu. Kurz zuvor sind die Gazellen noch um ihr Leben gerannt, aber jetzt sind sie wieder zur Normalität zurückgekehrt. Sie sind wohl ziemlich coole Geschöpfe.
Peter Levine, der Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete, hat gezeigt: Wie die Gazelle haben auch wir uns so entwickelt, dass wir diesem einfachen Muster in unserem eigenen biologischen Beschleunigungssystem folgen. Wir beschleunigen, um auf eine Bedrohung zu reagieren, und hören damit auf, sobald die Gefahr vorbei ist. Aber es dauert eine Weile, bis wir wieder zur Homöostase bzw. zum „Normalzustand“ zurückkehren.
So, wie das Gaspedal dafür sorgt, dass ein Auto schneller wird (wird es nicht benutzt, verlangsamt sich die Geschwindigkeit), beschleunigt sich unser Nervensystem als Reaktion auf eine Bedrohung, verlangsamt sich dann wieder, wenn die Gefahr vorbei ist, und kehrt zum ursprünglichen Sollwert zurück. Doch wir bezeichnen die Aktivierung unseres Nervensystems nicht als Geschwindigkeit, sondern als Aufladung. Auf eine Bedrohung reagierend laden wir es auf und entladen es, wenn wir wieder in Sicherheit sind, was auf folgender Abbildung zu sehen ist.
Vermutlich dachten auch Sie schon einmal auf dem Weg zum Bahnhof, Sie hätten reichlich Zeit. Doch plötzlich war Ihnen so, als hätten Sie Ihre Fahrkarte verloren oder vergessen. Kennen Sie dieses Gefühl? Wahrscheinlich konzentrierten Sie sich nun voll darauf, nach der Fahrkarte zu suchen, und leerten voller Panik Ihre Taschen. Aber als Sie sie dann gefunden hatten und die Gefahr vorbei war, beruhigten Sie sich allmählich wieder. In dem Moment, in dem die Fahrkarte wieder auftauchte, hörten Sie auf, zu beschleunigen, doch es dauerte eine Weile, bis Sie wieder so waren wie vorher. Um es wissenschaftlicher auszudrücken: Ihr Nervensystem lud sich als Reaktion auf die Bedrohung auf und entlud sich wieder, als sie gebannt war.
Wenn die Geschichte vom Nervensystem damit zu Ende wäre, hätte dieses Buch keinen Sinn. Leider wird alles noch komplizierter. Was geschieht, wenn die Gefahr immer wieder droht und Sie nicht entkommen können? Oder wenn Sie Ihre Fahrkarte immer noch nicht finden können und der Schaffner sich nähert? Sie können nicht ewig beschleunigen. So, wie ein Auto eine Höchstgeschwindigkeit hat, gibt es eine Grenze, bis zu der sich der Körper auflädt, und an diesem Punkt geschieht etwas anderes.
Wenn der Körper von seiner eigenen Reaktion auf eine Bedrohung überwältigt wird, stößt er gegen eine Art rote Linie, die er einfach nicht überschreiten kann. Und das ist ein Problem, denn die Bedrohung ist immer noch da, aber der Teil dieser Abbildung oberhalb der roten Linie ist nicht mehr erreichbar.
Um weiterhin auf diese Bedrohung reagieren zu können, ist eine neue Reaktion nötig. Erinnern Sie sich an den Pfannkuchenstapel (siehe Einführung), an die Schichten von Reaktionen, die wir auf Bedrohungen entwickelt haben? Wenn Kampf oder Flucht nicht funktioniert, wohin wenden wir uns dann als Nächstes? Wir gehen in der Zeit und in der Evolution zurück und nutzen etwas, das wir in unserem Körper noch vor der Beschleunigung entwickelt hatten. Wir erstarren.
Die Erstarrungsreaktion ist die älteste Reaktion auf Bedrohung. Sie ist tief in unserem menschlichen Körper verankert. Bei einem Säugetier oder einem Reptil (oder einem kieferlosen Fisch, Sie erinnern sich?) handelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes um ein Erstarren, d. h. das Tier versinkt in völlige Stille. Aber wir Menschen sind viel komplexer und verfügen über eine Reihe von Möglichkeiten, zu erstarren, angefangen von völliger Reglosigkeit bis hin zu dem Gefühl, an einem anderen Ort zu sein.
Menschen, die körperlich angegriffen wurden, berichten häufig, dass sie in diesem Augenblick den Körper verlassen und ein Gefühl hatten, als würden sie das Geschehen beobachten. Bei den meisten von uns wird diese Reaktion aktiviert, wenn wir meinen, nicht mehr weglaufen oder kämpfen zu können, oder wenn eine Bedrohung schlichtweg überwältigend ist.
Genau das war bei Mary der Fall, als Ann sie im Meeting kritisierte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie auf Anns plötzlichen und unerwarteten Angriff reagieren sollte. Wie jedes Säugetier hätte sie weglaufen (Flucht) oder sich wehren (Kampf) können, aber sie fühlte sich unfähig, eine dieser Strategien zu überstehen. Wegzulaufen wäre unprofessionell gewesen, und die Vorstellung, mit Ann zu streiten, erschien ihr zu gefährlich. Das Säugetier in ihr hatte keine andere Option, als zu erstarren.
Diese Entscheidung wurde von ihrem Säugetiergehirn getroffen, nicht von ihrem menschlichen. Sie erstarrte aufgrund ihrer Biologie und nicht aufgrund ihrer Entscheidung. Hierbei handelt es sich um eine fest verdrahtete, automatische Reaktion, die sich im Lauf der letzten 500 Millionen Jahre in unserem menschlichen Körper entwickelt hat. Und sie ist sehr viel älter als unser denkendes Gehirn.
Wir wissen bereits, dass die Aktivierung zunimmt, wenn wir auf die Bedrohung reagieren, und dann wieder abnimmt, wenn die Bedrohung vorbei ist (natürlich nur dann, wenn wir nicht aufgefressen wurden). Wir können nun Folgendes erkennen: Wenn diese Aktivierung die rote Linie überschreitet, müssen wir in der Mitte dieses Zyklus eine Pause einlegen. Das ist so, als würde man mitten in einem Film die Pausentaste drücken. Alles kommt zum Stillstand, und wenn es wieder sicher ist, geht es genau an derselben Stelle weiter, so, wie es weitergegangen wäre, wenn man den Film nicht angehalten hätte. Man könnte sagen, es sieht wie folgt aus.
Bei ihrer schicksalhaften Begegnung mit Ann hält Mary, auf dem Weg von links nach rechts, in der Mitte dieses Diagramms an. Sie befindet sich im Zustand des Erstarrens. Deshalb bleibt sie passiv. Wäre sie eine Gazelle in der afrikanischen Savanne, wäre die Situation sehr ähnlich.
Wenn ein Löwe eine Gazelle jagt, um seinen Hunger zu stillen, rennt die Gazelle davon, um zu überleben. Die Verfolgungsjagd beginnt, das Bedrohungssystem der Gazelle wird aktiviert, und das Beschleunigungssystem legt einen Zahn zu. Der Löwe nähert sich, und die Gazelle rennt noch schneller. Wenn der Löwe noch näher kommt, kann die Gazelle ihrer Flucht noch ein Kampfelement hinzufügen, indem sie mit den Hinterbeinen ausschlägt.
Aber sie entkommt dem Löwen nicht. Sie wird von ihm gepackt und erstarrt. Nun könnte man versucht sein zu denken, dass das Sich-tot-Stellen sehr schlau ist, aber tatsächlich handelt es sich hier um den fest verdrahteten biologischen Prozess. Entsprechend der Evolutionsgeschichte folgt der nächste Schritt: Kampf und Flucht sind ausgereizt, also setzt die nächste Phase ein.
Dieser Prozess und diese Reihenfolge sind ganz tief in unsere Gehirn-Körper-Biologie integriert. Wir können nichts daran ändern.
Ob wir eine im Gras liegende Gazelle sind oder Mary, die bei einem Meeting keine Worte findet: Wir erstarren, wenn wir diesen Punkt der Überforderung erreicht haben. Vielleicht hören wir sogar kurzfristig auf zu atmen. Wir werden es gewiss nicht riskieren, zu sprechen. Das Potenzial zu reagieren ist da, weil unser System voll aufgeladen ist, aber dennoch tun und sagen wir nichts. Wir bewegen keinen Muskel, sind aber keineswegs entspannt.
Das bedeutet aber, dass an obigem Diagramm etwas nicht stimmt.
Nach dem, was wir bisher gelernt haben, lädt sich das System auf, wenn „Gas“ gegeben wird, und es entlädt sich, wenn nicht mehr beschleunigt wird. Doch wenn wir erstarren, bewegt sich nichts mehr, selbst wenn noch viel Ladung im System vorhanden ist. Es ist in etwa so, als würde man alle Bremsen eines Autos betätigen, während der Motor auf Hochtouren läuft. Das Auto bewegt sich vielleicht nicht mehr, aber es ist keineswegs im Ruhezustand.
Was dann passiert, mag für viele eine große Überraschung sein.
Gehen Sie auf http://www.theinvisiblelion.com und sehen Sie sich das Entladungsvideo an. Es dauert lediglich 20 Sekunden, und alles, was jetzt folgt, ergibt dann viel mehr Sinn.
Was passiert in dem Video? Eine Antilope wird von einem Leoparden angesprungen. Sie liegt reglos, wie erstarrt, am Boden, und der Leopard schickt sich an, sie zu fressen. Doch dann rennt der Leopard plötzlich davon, und als er weit genug entfernt ist, wechselt die Antilope aus ihrem Erstarrungszustand zu einer eher aufgeladenen Bedrohungsreaktion. Sie fängt an zu zittern, schüttelt damit ihre erstarrte Kampf- und Fluchtenergie wieder frei, sie springt auf und rennt um ihr Leben. Beim Wegrennen schlägt sie mit ihren Hinterbeinen aus, denn genau das hatte sie getan, bevor sie erstarrte.
Eine der bahnbrechenden Beobachtungen von Peter Levine war diese: Wenn ein Löwe sich anschickt, eine Gazelle zu fressen, kann ihr Erstarren mehr oder weniger zufällig ihr Überleben sichern. Löwen schleppen manchmal tote (oder fast tote) Tiere weg, entweder zu ihrem Rudel oder um sie später zu fressen. Sie können auch nach dem Erlegen der Beute gestört oder abgelenkt werden. Sobald die Gazelle tot zu sein scheint, ändert sich etwas im Nervensystem des Löwen, und er fokussiert sich auf andere Probleme. Durch diese Ablenkung ist die Gazelle nicht mehr ganz so stark bedroht und sie hat die Chance zu fliehen.
