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Militärisch, wirtschaftlich und technologisch abgehängt? Bittsteller bei den Großmächten? Analysten unterschätzen Europas Fähigkeiten. Gerald Karner, Experte für internationale Sicherheits- und Geopolitik, zeigt, warum der alte Kontinent alle Voraussetzungen hat, um die neue Supermacht zu werden. Denn Autokratien und Diktaturen werden zerfallen. Europa setzt ihnen Vielfalt, Demokratie und Kultur entgegen. Statt über sie zu diskutieren, müssen wir uns auf sie besinnen. Denn sie sind die Grundlagen für den Aufstieg zur globalen Dominanz.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gerald Karner:
Der unterschätzte Kontinent
Alle Rechte vorbehalten
© 2025 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Bastian Welzer
Satz: Nica Steiner
Gesetzt in der Premiera
Gedruckt in Deutschland
1 2 3 4 5 — 28 27 26 25
ISBN: 978-3-99001-853-8
GERALD KARNER
Warum Europa die Zukunft gehört
edition a
Danksagung
Ich will meinem Verlag, der edition a, danken, für sein Vertrauen in die Relevanz des Themas und in meine Fähigkeit, dieses adäquat zu adressieren.
Ich danke auch meinen Freunden und Bekannten für die oftmals kontroversiellen, aber immer konstruktiven Diskussionen zum Thema.
Besonders danke ich meiner Familie, meiner Frau Lola und meinem Sohn Ludwig, für die herausfordernden inhaltlichen Gespräche, die organisatorische Unterstützung, vor allem aber für die liebevolle Begleitung und Stärkung in den entspannenden Schaffenspausen während des Werdens des Buches.
I. DIE GEGENWART EUROPAS Eine kurze Entwicklungsgeschichte
II EINE NEUE WELTORDNUNG UND DIE ROLLE EUROPAS
III DAS MACHTPOLITISCHE POTENZIAL EUROPAS Seine sanfte und seine harte Macht
IV DER WEG IN DIE ZUKUNFT Europas Handlungsoptionen
»If Europe were once united in the sharing of its common inheritance there would be no limit to the happiness, prosperity and glory which its 300 million or 400 million people would enjoy … We must build a kind of United States of Europe … Therefore I say to you ›Let Europe arise!‹«
»Wäre jemals ein vereintes Europa imstande, sich das gemeinsame Erbe zu teilen, dann genössen seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner Glück, Wohlstand und Ruhm in unbegrenztem Ausmaß. Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten. Damit sage ich Ihnen: ›Lassen Sie Europa entstehen!‹«
Winston Churchill, »Züricher Rede«, 19. September 1946
»We know that progress is not inevitable. But neither was victory upon these beaches. Now, as then, the inner voice tells us to stand up and move forward. Now, as then, free people must choose.«
»Wir wissen, dass Fortschritt nicht unvermeidlich ist. Aber auch der Sieg an diesen Stränden war nicht unvermeidlich. Heute wie damals sagt uns unsere innere Stimme, dass wir aufstehen und voranschreiten müssen. Heute wie damals müssen freie Menschen eine Entscheidung treffen.«
US-Präsident William J. Clinton zum 50. Jahrestag der alliierten Invasion in der Normandie
Einleitung
Die Szenerie könnte lieblicher kaum sein: Eine von Ahorn, Kiefern und Eichen beschattete, grasbedeckte Anhöhe überragt einen Sandstrand, an dem sich die von einer leichten Brise gekräuselte See in sanften Schaumkronen bricht. Nicht wenige Menschen nutzen die warmen Sommertage, um hier im Meer zu baden. Ein friedliches Bild. Wenn man sich dann allerdings umwendet und tausende exakt ausgerichtete Marmorkreuze sieht, wird klar, dass man an einem besonderen Ort steht, in Colleville-sur-Mer in der Normandie, auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof. Vor etwas mehr als 81 Jahren, also heute nur etwa einem Lebensalter, wurde dieser Strandabschnitt für die alliierten Streitkräfte mit dem Codewort »Omaha« bezeichnet. Hier landeten im Morgengrauen des 6. Juni 1944 US-amerikanische Soldaten, unter dem Donner von Schiffsgeschützen und dem Dröhnen von Bombenflugzeugen in der Luft. An diesem etwa zehn Kilometer langen Strand entschied sich am 6. Juni 1944 wesentlich, ob die Landungsoperation der Alliierten erfolgreich verlaufen oder in einen fortgesetzten Albtraum münden würde. Von den Opferzahlen zeugen die umliegenden Soldatenfriedhöfe: Bis zu 3.000 Gefallene waren es allein auf Omaha Beach bei den US-Truppen, Tausende auf deutscher Seite. Und das nur am ersten Tag dieser Operation.
In der Normandie kristallisiert sich die europäische Geschichte, und mit ihr auch die Weltgeschichte, wie in kaum einer anderen Region: Von ihren Häfen setzte jenes Heer im Jahr 1066 nach England über, das unter Wilhelm dem Eroberer in der Schlacht von Hastings die normannische Herrschaft über England begründete. In der normannischen Küstenstadt Barfleur landete der Ur-Ur-Enkel Wilhelms, König Richard I., genannt Löwenherz, um seine Ansprüche auf den französischen Thron mit militärischer Gewalt zu untermauern. Im Hundertjährigen Krieg belagerte der englische König Heinrich V. die normannische Stadt Harfleur, bevor er sich in den Pas de Calais zurückziehen musste und bei Azincourt einen historischen Sieg erfocht, der von William Shakespeare im entsprechenden Königsdrama auch literarisch unsterblich gemacht wurde.
Und an den Landungsstränden wird auch die Verklammerung des Schicksals der europäischen Nationen mit den transatlantischen Partnern deutlich: Ohne das Engagement der transatlantischen Alliierten wäre diese Operation nicht möglich gewesen. An keinem Strandabschnitt fehlen daher auch die kanadische und die US-amerikanische Flagge.
Bei der »Operation Overlord«, der alliierten Invasion, ging es im Kern um die Befreiung Europas von der Bedrohung seiner Unterwerfung unter das faschistische Regime des Nationalsozialismus. Sie steht auch für das Bewusstsein eines vitalen Interesses der Alliierten jenseits des Atlantiks an der Existenz eines freien, demokratischen Europas. Ohne diese Landung in der Normandie sowie die enorme materielle Unterstützung der Westalliierten, allen voran der USA, wäre die Sowjetunion wohl auch nicht in der Lage gewesen, den Aggressor niederzuringen, vor allem aber kaum, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien.
Dort in der Normandie liegen also in der jüngeren Geschichte die Wurzeln des modernen, freien, liberaldemokratischen Europas. Aber bedauerlicherweise auch jene einer durch nichts verbrieften Auffassung, dass im Fall einer konkreten Bedrohung ohnehin die transatlantischen Partner automatisch die europäische Sicherheit gewährleisten würden.
Heute sieht das freie, demokratische Europa sich wieder bedroht. Ein imperialistischer Aggressor, Russland, hat mit militärischer Gewalt die Ukraine überfallen und schickt sich an, ein Glacis abhängiger Nachbarstaaten zu schaffen und Europa zu marginalisieren. Jenseits des Atlantiks beginnt ein US-amerikanischer Präsident, eine neue Welt-(Un-)Ordnung zu verfolgen, in die Machtpolitik von geistesverwandten Autokraten besser zu passen scheint als regelbasierte Interaktion demokratischer Nationen. Und China arbeitet konsequent daran, nach Jahrzehnten kontinuierlichen wirtschaftlichen Wachstums seinen Interessen nunmehr auch mit militärischer Macht auf der Weltbühne Nachdruck zu verleihen, mit noch schwer absehbaren Konsequenzen für den Weltfrieden. Atemlos strapazieren europäische Politiker den Begriff »Zeitenwende«, aber nur wenige präzisieren, was sie darunter verstehen, noch weniger, welcher Natur die Konsequenzen sein sollten. Und viele scheinen insgeheim nach wie vor zu hoffen, dass sich über kurz oder lang ohnehin wieder alles irgendwie erledigt und man wieder zur alten, sehr bequemen Tagesordnung würde übergehen können: Eigenes wirtschaftliches Wachstum, günstige Energie in Hülle und Fülle aus Russland, billige Produkte aus Asien und, natürlich, der militärische Schutz durch die USA.
Am Beginn der Entwicklung einer relevanten Eigenständigkeit Europas muss daher die Erkenntnis stehen, dass dies nicht so sein wird. Die Welt ist tatsächlich in eine Phase tiefgreifender Veränderungen der politischen Lage eingetreten, aus der es kein Zurück in die Situation gibt, wie wir sie seit dem Zerfall der Sowjetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges 1991 kannten. Europa sieht sich heute mit nichts weniger konfrontiert als einer neuen Großmächtedynamik, in der letztlich die USA und China die Entwicklung der Welt bestimmen können, auch gegen europäische Interessen. Und damit nicht genug, lauert an den Grenzen des freien Europas ein imperialistisch-nationalistisches Russland, das bestrebt ist, die Machtverhältnisse des Kalten Krieges wiederherzustellen. Dieser russische Angriff markiert auch am sichtbarsten die geopolitischen Herausforderungen, denen sich die liberalen Demokratien Europas gegenübersehen. Es ist nichts weniger als ein Coup de grâce, der ihnen nunmehr versetzt werden soll: die Entwicklung der Ukraine zu einem liberal-demokratischen Staat und ihre europäische Integration zu verhindern, Europa durch Spaltung zu schwächen, die Nationalstaaten potenziell gefügig zu machen, abhängig und für eigene Zwecke instrumentalisierbar. Und um die Probleme, denen sich Europa durch den imperialistischen Ansatz Russlands gegenübersieht, noch zu toppen, muss man wohl erkennen, dass man es bei der gegenwärtigen US-Administration mit einem unberechenbaren, erratisch agierenden und nicht mehr verlässlichen Partner zu tun hat. Es würde mehr als fahrlässig sein, wenn man in Europa davon ausgehen würde, dass sich dies mit einer neuen US-Administration automatisch ändern würde.
Quo vadis, Europa? Nach einer im September 2025 veröffentlichten Umfrage in der gesamten Europäischen Union (EU) fordern neunzig Prozent der Europäer (83 Prozent der Österreicher), die EU solle angesichts der aktuellen geopolitischen Krisen und Herausforderungen geschlossener auftreten. 77 Prozent der Befragten sagten zudem, die EU brauche dafür mehr Geld. Eine überzeugende Mehrheit, eigentlich sollte dies die europäischen Politiker anspornen, nationale Egoismen zurückzustellen und Reformen anzugehen, die dieses entschlossene Auftreten ermöglichen. Die politische Realität stellt sich allerdings (noch) anders dar. Eine überzeugende gesamteuropäische Vision seitens der Politik fehlt nach wie vor. Ein einigender europäischer Grundgedanke, eine identitätsstiftende Erzählung, wurde bis heute nicht entwickelt. Wenn heute von »Europa« die Rede ist, verstehen viele darunter den geografischen Kontinent, manche die EU, andere vielleicht sogar den Europarat oder andere europäische Institutionen. Die Frage, was Europa eigentlich ist und ausmacht, wurde nicht beantwortet, schon gar nicht jene, was Europa sein könnte. Die Chance, es sich nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs unter dem Schirm der USA (militär-)strategisch bequem zu machen und sich auf wirtschaftliche Prosperität zu konzentrieren, war offenbar zu verlockend. Die Agitation nationalistisch/populistischer Politiker, alles Negative auf das zentralistische »Brüssel« und jede Errungenschaft dem eigenen souveränen Wirken zuzuschreiben, tat und tut ihr Übriges für eine Unterstützung europafeindlicher Kräfte. Und zugegeben: Zu oft und zu stark trifft dies für eine sehr ausgeformte, überregulierte EU-Bürokratie, die die Zeichen der Zeit offenbar nicht erkannt hat und von der überforderten Politik zu selten an die Kandare genommen wird, auch zu.
Es ist einfach und billig geworden, Europa totzureden, von innen und auch von außen. Besonders gern tut dies, nicht erst seit dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022, eine so machtvolle wie umfangreiche staatlich gesteuerte russische Desinformation und Propaganda und bemüht sich nach Leibeskräften, die Erzählung vom dekadenten »Westen«, der unweigerlich dem Untergang geweiht wäre, auch Realität werden zu lassen.
Das in Wirklichkeit größte Problem für eine erfolgreiche Bewältigung dieser multiplen Herausforderungen stellt, vorsichtig ausgedrückt, der bedauerlich geringe Informations- und Bildungsstand, um nicht zu sagen, die Naivität der europäischen Bevölkerungen, inklusive der sogenannten Eliten, in außen- und sicherheitspolitischen Belangen dar. Damit ist Europa nicht allein. In den USA ist das ähnlich, dort bildet die Beschäftigung mit Außen- und Sicherheitspolitik allerdings seit jeher ein Programm von »Professionals« (die aber jetzt von den Schalthebeln der Macht entfernt werden). Und je absolutistischer das Regime, desto mehr erwartet die jeweilige Bevölkerung ohnehin, dass »die starken Männer« an der Staatsspitze am besten wissen, was für das Land auch außenpolitisch gut wäre, von Ungarn bis China.
Das kann und darf Europa sich nicht leisten. Nicht nur während meiner Arbeit im Dienst der Republik Österreich, sondern auch später in Kontakten mit der politischen Ebene und mit Menschen aller Bildungsschichten in diesem Land war ich immer wieder erstaunt, welch geringes Wissen die meisten Menschen in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik aufweisen. Erkenntnisse, die für Experten selbstverständlich sind, bleiben zu vielen Menschen verborgen. Das ist keine Schuldzuweisung und schon gar keine Geringschätzung. Es gibt vielmehr ein großes Bedürfnis in der Bevölkerung nach Information in außen- und sicherheitspolitischen Fragen. Dieses wird allerdings offenbar weder von den staatlichen Bildungseinrichtungen noch von (den meisten) Medien oder der Politik selbst gedeckt. Wenn es heute wichtiger scheint, politische Entscheidungen, abseits ihrer sachlichen Qualität, möglichst professionell zu kommunizieren, als diese so professionell wie möglich vorzubereiten, delegitimiert sich das demokratische System allerdings längerfristig selbst.
Ich bin davon überzeugt, dass politische Entscheidungen auf Basis von Erkenntnissen, die auf der Analyse von Fakten aufbauen, essenziell für den Bestand eines demokratisch konstituierten Staatensystems sind. Eine die Fakten verdrehende oder missachtende Entscheidung sollte das »Privileg« autoritärer Regimes bilden. Dabei ist auch klar, dass derartige Entscheidungen in unseren Systemen immer den demokratischen Konsens benötigen. Und genau deswegen braucht es die informierten, mündigen Staatsbürger und Wähler.
Ich bin darüber hinaus davon überzeugt, dass die Fähigkeit zur Verteidigung dieser Eigenschaften und Möglichkeiten eine entscheidende Voraussetzung für die Entfaltung der persönlichen Freiheit im Rahmen der Gesetze sowie der Wahrung der Grund- und Freiheitsrechte darstellt und damit letztlich der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen dient.
Diese Überzeugungen haben mich auch zu diesem Buch motiviert: jene, dass wir Europa neu erklären, sicherheitspolitisch vielleicht auch neu gründen müssen, jene, dass es wert ist, Europa sowohl als Idee, als auch als geopolitische Entität zu verteidigen, und nicht zuletzt jene, dass wir Europa global eine neue, viel stärkere Rolle verschaffen müssen, wollen wir unser Modell des friedlichen und prosperierenden Zusammenlebens zwischen diversen Nationen und Regionen im globalen Kontext beibehalten, weil dieses fundamental bedroht ist.
Ich denke, dass heute das auf Österreich gemünzte Zitat aus dem Drama König Ottokars Glück und Ende von Franz Grillparzer auf Europa zu übertragen wäre: »… es ist ein gutes Land, wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde!«
Dies soll daher kein wissenschaftliches Buch sein. Davon gibt es bereits zu diesen Themen viele. Es geht aktuell vorrangig darum, die Schwelle für einen Zugang zu seriöser Information möglichst niedrig zu halten, ohne an Qualität und Aussagewert einzubüßen. Ich will die Leser daher erreichen, indem ich sie auf eine persönliche gedankliche Reise einlade: Wie kommt es überhaupt zur global machtpolitisch minderwertigen Rolle Europas? Welches sind die aktuellen und künftig bestimmenden geopolitischen Herausforderungen für ein Weiterbestehen eines freien, demokratischen Europas? Und nicht zuletzt: Warum und unter welchen Voraussetzungen können Europa und sein demokratisches System unter der Herausforderung autoritärer Regimes nicht nur überleben, sondern sogar eine weltpolitisch bestimmende Entität werden?
Von den Antworten auf diese Fragen hängt nichts weniger als die Zukunft unserer Kinder ab.
An den Landungsstränden der Normandie wurde vor 81 Jahren eine klare Antwort auf die damaligen Fragen gegeben: Ist Europa großer, allenfalls auch ultimativer Opfer wert? Ist uns, den Europäern (aber auch den transatlantischen Partnern) ein freies, demokratisches Europa diese Opfer wert oder nehmen wir eine Dominanz autoritärer Regimes in Kauf?
Die Herausforderungen stellen sich heute, in anderer, komplexerer Form, durchaus ähnlich dar. Und auch neue Fragen erfordern Antworten: Welche Rolle soll Europa im Kräftespiel der Mächte spielen? Benötigen die europäischen Staaten wiederum die Unterstützung der transatlantischen Alliierten, und wenn ja, verfügen sie darüber auch verlässlich? Kann und soll Europa sich sicherheitspolitisch emanzipieren? Vor allem aber: Was bedeutet letztlich eine weltpolitisch relevante Rolle Europas für uns Europäer?
Auf diese Fragen will ich versuchen, Antworten zu geben. Sie erheben keinen Anspruch auf ultimative Gültigkeit, sollen aber Wege und Optionen aufzeigen. Und sie sollen meiner Überzeugung Gewicht verleihen, dass eine weltpolitisch starke Rolle Europas essenziell nicht nur für einen europäischen, sondern auch für einen globalen Fortschritt ist, der wirtschaftliche Prosperität, persönliche Freiheits- und Menschenrechte, soziale Fairness und Sicherheit vor militärischen Angriffen vereinen und gewährleisten kann.
Eine Bewältigung der aktuellen Herausforderungen und die Erreichung dieser Zielsetzungen wird hoffentlich nicht die gleiche Opferbereitschaft, jedenfalls aber eine ähnliche Hinwendung, Anstrengung und Entschlossenheit benötigen, wie sie die Alliierten am 6. Juni 1944 zeigten.
1 Der Begriff »Europa« wird hier nicht im geografischen Sinn verstanden, sondern im politischen. Er steht für die Mitgliedstaaten der EU sowie jene Staaten des Kontinents, die nach westlich-liberal-demokratischem Muster konstituiert sind, auch wenn sie aktuell nicht Mitglieder der EU sind.
Wenn wir im Folgenden die Hintergründe der relativen machtpolitischen Schwäche Europas im Licht der zeitgeschichtlichen Entwicklung betrachten, sollten wir uns zunächst drei wichtige Fakten vor Augen halten.
Zum Ersten resultieren viele der angeführten Schwächen aus objektiven Stärken: So mögen demokratische Pluralität und die Schaffung von Regeln zwar manche Entscheidungen verlangsamen, andere vielleicht auch verwässern. Aus der Tatsache, dass diese Entscheidungen aber die Interessen aller Menschen auf diesem Kontinent nach bestem Wissen und Gewissen berücksichtigen, entsteht zumeist ein nachhaltiger Konsens.
Zum Zweiten muss bei aller berechtigter Kritik die Gründung der EU als eine der bedeutendsten politischen Leistungen des 20. Jahrhunderts gewürdigt werden. Sie sorgt weit über eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit hinaus dafür, dass Europa ein Raum bleibt, in dem Demokratie und Menschenrechte den Maßstab für das politische Handeln darstellen, und nicht die Wünsche und das Wohl einzelner Autokraten und ihrer Clans. Die EU war und ist die Grundlage für das friedliche Zusammenleben von einst sich unversöhnlich gegenüberstehenden Feinden, und das in einer Dauer wie noch niemals zuvor in der Geschichte dieses Kontinents.
Und zum Dritten muss hervorgehoben werden, wie flexibel, anpassungsfähig und veränderungsbereit diese Völkergemeinschaft ist. Trotz ursprünglich großer Skepsis und allen Unkenrufen zum Trotz hat sich die Einführung einer gemeinsamen Währung als großer Erfolg erwiesen. Die EU hat in ihrer Geschichte viele politische und wirtschaftliche Krisen gemeistert, denken wir etwa an die Rettung der griechischen Volkswirtschaft nach 2010.
Von ganz besonderer Bedeutung war aber zweifellos der Erweiterungsprozess, mit dem den ehemals im sowjetischen Einflussbereich gelegenen Staaten Mittel- und Osteuropas bei ihrer wirtschaftlichen und demokratiepolitischen Entwicklung substanzielle Unterstützung zuteil wurde.
Die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg stellt daher keineswegs eine des Niedergangs dar, sondern im Gegenteil eine der Schaffung unschätzbarer immaterieller und auch materieller Werte. Und wenn diese Errungenschaften heute bedroht sind, so hat Europa genau wegen dieser Werte die geistige wie auch die wirtschaftliche Kraft und damit alle Voraussetzungen, aus manchen Fehlern und Versäumnissen der letzten Jahre zu lernen und sich wiederum flexibel an die neuen Umfeldbedingungen anzupassen.
In diesem Licht sollten auch die nachstehenden Ausführungen gesehen werden: als klare Benennung der Schwächen und Fehler, um aus ihnen lernen und sie beheben zu können.
Der Kalte Krieg
1945 lagen große Teile des Kontinents in Trümmern. Ein Zweiter Weltkrieg hatte, neuerlich aus Europa heraus entstanden, mit nur gut zwanzig Jahren zeitlichem Abstand vom »Großen Krieg« Europa verwüstet. Selbst die westlichen Siegernationen, vielleicht mit Ausnahme der USA, lagen wirtschaftlich darnieder. Die Sowjetunion (UdSSR) war weit nach Zentraleuropa vorgedrungen und schickte sich an, ihre Macht in diesem Teil des Kontinents zu konsolidieren und den besetzten Nationen ihre Ideologie, ihr politisch-wirtschaftliches System und in weiterer Folge ein Bündnis aufzuzwingen. Allein die USA waren, wirtschaftlich vor allem mithilfe des Marshall-Planes, der Garant für die Erhaltung eines freien, demokratisch konstituierten und prosperierenden Teils des Kontinents. Europa selbst war müde geworden. Müde von Kriegen, von Konflikten, müde von Verantwortung, müde von der Geschichte. Das über Jahrhunderte entwickelte, tiefe Misstrauen zwischen den großen europäischen Nationen schien sich neuerlich bestätigt zu haben (und wirkte letztlich zumindest bis zum Ende des Kalten Krieges nach). Als der Kalte Krieg dann begann, begaben sich allzu gern auch die früheren europäischen Protagonisten in ein »System kollektiver Sicherheit«, das Bündnis Nordatlantische Vertragsorganisation (NATO), und unter den strategischen Nuklearschirm der USA, die, kleinere Nuklearmächte wie China, Großbritannien und Frankreich hin oder her, mit der Sowjetunion die Weltlage im Kalten Krieg dominierten. Das sogenannte bipolare globale Machtsystem war konstituiert.
Trotz aller Krisen und auch interner politischer Konflikte hatte man es sich in Europa dann bis zum Ende der 1980er-Jahre in diesem System recht bequem, weil im Allgemeinen auch berechenbar, eingerichtet. Das »Gleichgewicht des Schreckens« wurde im Wesentlichen für den Westen durch die USA gehalten, Europa gab sich militärisch mit einer im konventionellen Bereich durchaus nennenswerten unterstützenden Rolle zufrieden und konzentrierte sich hauptsächlich auf Schaffung und Erhaltung wirtschaftlicher Prosperität im Rahmen der Europäischen Union (EU). Als sich 1989 der Zusammenbruch der UdSSR und die Auflösung ihres politisch-strategischen Glacis, des Warschauer Paktes, abzuzeichnen begann, fühlte man sich in den eigenen Haltungen und Vorgehensweisen bestätigt. Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, der folgenden deutschen Wiedervereinigung und der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 schien das »Ende der Geschichte« angebrochen zu sein, wie es der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama formulierte: das Ende einer historischen Phase, in der militärische Auseinandersetzungen die Beziehungen der Nationen zueinander und die Machtverhältnisse entscheidend prägten. Dies traf den Geist der Zeit perfekt: Die auf dem Höhepunkt des Wettrüstens zwischen den Supermächten entstandene »Friedensbewegung« sah sich praktisch bestätigt und beinahe am Ziel. So sehr wollten die Menschen, besonders in Europa, in den frühen 1990ern an dieses verlockende
