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In den USA wird ein Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten der USA verübt – und der Verdächtige ist der eigene Sohn. Sprachlos verfolgt der Arzt Paul Allen die Meldung im Fernsehen. Und setzt nun alles daran, die Unschuld seines Sohns Daniel zu beweisen. Geplagt von Vorwürfen, die Erziehung vernachlässigt zu haben, deckt er unglaubliche Ungereimtheiten auf. Immer mehr deutet auf eine Verschwörung hin, bei der sein Sohn das Opfer sein soll. Als Daniel zum Tod verurteilt wird, setzt Allen alles auf eine Karte. Ein intelligenter psychologischer Roman über den Kampf eines Einzelnen gegen staatliche Macht, um Schuld und die Verfehlungen in der Vergangenheit.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Nagel & Kimche E-Book
Noah Hawley
Der Vater des Attentäters
Roman
Aus dem Englischen von
Werner Löcher-Lawrence
Nagel & Kimche
Titel der Originalausgabe: The Good Father Doubleday, New York © 2012 Noah Hawley
Die Passage aus Aufzeichnungen aus dem Kellerloch von Fjodor Dostojewskij (hier) wird zitiert in der Übersetzung von Swetlana Geier, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2006.
© 2014 Nagel & Kimche
im Carl Hanser Verlag München
Umschlaggestaltung:
David Hauptmann, Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Chang Szeling/Gallery Stock
Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz
Satz: Gaby Michel, Hamburg
ISBN 978-3-312-00625-0
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Kreutzfeldt digital, Hamburg
Für Kyle und Guinevere,
die der Beweis dafür sind, dass das Leben gut ist
Eins Zu Hause
Zwei Iowa
Drei Carter Allen Cash
Epilog Der Junge
Dank
Er kaufte diePistole in Long Beach, in einem Leihhaus namens Lucky’s. Es war eine Trojan 9mm, so steht es im Polizeibericht. Der Abzugsmechanismus war verrostet, also wechselte er ihn aus, mit einem Bausatz, den er sich übers Internet besorgte. Das war im Mai. Da wohnte er noch in Sacramento, ein junger Kerl mit spröden Lippen, der mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne blinzelte, seine Tage in der Bücherei verbrachte und alles über berühmte Mörder las. Davor war er in Texas, Montana und Iowa gewesen, nirgends länger als vier Monate. Manchmal schlief er in seinem Wagen. Er befand sich auf einer Reise, und jeder Kilometer brachte ihn dem Ende näher.
Die Trojan war eine von drei Pistolen, die er in diesen Monaten kaufte. Er bewahrte sie im Kofferraum seines Wagens auf, eines alten gelben Hondas, den die Polizei später auf einem Parkplatz in der Nähe des Staples Center in der Innenstadt von Los Angeles fand. Der Tachostand: 337000 Kilometer. In den fünfzehn Monaten, seit er das College abgebrochen hatte, war er unendlich viel gefahren. Hin und wieder jobbte er, um Geld zu verdienen, als Tagelöhner, in Fast-Food-Läden, auf dem Bau. Er meldete sich nirgends an. Alle sagten das Gleiche: Er sei ein ruhiger Kerl gewesen, immer für sich, etwas ernst. Das war später, als in alle Richtungen ermittelt wurde, als jede einzelne Etappe seiner Reise akribisch rekonstruiert und mit Dokumenten belegt wurde. Heute gibt es Tabellen, Bücher werden über den Fall verfasst, aber in den ersten Stunden danach wusste niemand etwas. Wer war dieser junge Mann? Woher kam er? Es heißt, die Natur hasst das Vakuum, das Leere – CNN hasst es noch mehr. Bereits Sekunden nach dem ersten Schuss suchten Journalisten nach einem Zusammenhang, spulten das Band zurück, analysierten Winkel und ballistische Kurven. Innerhalb weniger Stunden hatten sie einen Namen und Bilder parat. Darauf ein junger Mann mit wachem Blick und blasser Haut, der in die Sonne blinzelte. Er wirkte nicht so martialisch wie der gewehrschwingende Lee Harvey Oswald, aber im Licht der Geschehnisse hatten die Fotos etwas Prophetisches, wie man es etwa in Babyfotos von Hitler erahnen mag. Dieser finstere Schimmer in seinen Augen. Und doch, was genau ließ sich da schon erkennen? Es waren schließlich nur Fotos. Je näher man heranging, desto körniger wurden sie.
Wie bei allen Geschehnissen, die historisch genannt werden können, bleiben manche Details undurchdringlich und geheimnisvoll. Da sind einzelne Lichtblitze. Ein unerklärtes Echo. Selbst heute noch, nach vielen Monaten, gibt es Leerstellen, Tage, über die niemand etwas weiß, in einigen Fällen sogar Wochen. Wir wissen, dass er im August des vorangegangenen Jahres in Austin, Texas, ehrenamtliche Arbeit geleistet hatte. Die Leute dort erinnern sich an ihn als einen aufgeweckten Kerl, der sich schwer ins Zeug legte. Zehn Monate später arbeitete er als Dachdecker in Los Angeles, die Fingernägel schwarz von Teer, ein magerer junger Mann, der auf glühend heißem Schiefer hockte und die rauchige Luft einatmete.
Da war er schon länger als ein Jahr unterwegs. Ein Auto-Hobo, der sich im großen amerikanischen Nichts verlor. Irgendwann unterwegs begann er sich Carter Allen Cash zu nennen. Ihm gefiel der Klang der Silben, das Gefühl, das sie auf seiner Zunge hinterließen. Eigentlich hieß er Daniel Allen. Er war zwanzig Jahre alt. Als kleiner Junge hatte er keinerlei aggressive Neigungen gezeigt, er hatte keine Spielzeugpistolen gesammelt und auch keine anderen Gegenstände als Waffen benutzt. Er rettete Vögel, die aus dem Nest gefallen waren, und teilte, was er hatte, mit anderen. Und doch zog er jetzt durchs zweispurige Texas und probierte auf kleinen Schießständen mit Zigarettenkippen auf dem Boden Automatikwaffen aus.
In klaren Mainächten saß er in irgendwelchen Motelzimmern auf dem Fußboden, feilte an seinen Plänen. Er spielte mit Patronen, schüttete sie aus ihrer Schachtel und ließ sie durch seine Hände klackern. Er war ein menschlicher Pfeil, der unausweichlich auf etwas zuraste. Die Fernsehnachrichten zeigten Bilder von Politikern, die in Provinzlokalen und verstaubten Farmhäusern des Mittleren Westens Reden hielten. Es standen Wahlen an. Wähler und Kandidaten, Experten und Geld – alle bewegten sich auf ein großes demokratisches Ereignis zu. Die Vorwahlen waren so gut wie gelaufen, Parteitage wurden vorbereitet. Auf seinem Motelzimmerboden malte sich Carter Allen Cash aus, wie er seine Stimme mit einer Kugel abgab.
Mit sieben hatte er für sein Leben gern geschaukelt. Er hatte wild die Füße auf- und abgeschwungen, die Fersen in den Himmel gereckt und «Mehr, mehr, mehr!» geschrien. Er war ein unbändiger Junge gewesen, nicht zu stoppen und so voller Leben, dass alles um ihn herum kränklich und still wirkte. Nachts lag er zusammengerollt auf einem verworrenen Haufen aus Decken und Laken, mit verrutschtem Schlafanzug, die Stirn kraus, die Fäuste geballt. Wie ein Tornado, dem die Luft ausgegangen war. Wer war dieser Junge, und wie hatte er zu einem Mann werden können, der in Motelzimmern hockte und mit Patronen spielte? Was brachte ihn dazu, sein bequemes Leben wegzuwerfen und einen Akt der Barbarei zu begehen? Ich habe die Berichte gelesen, die Bilder studiert, doch die Antwort entzieht sich mir. Mehr als alles andere will ich es wissen.
Ich bin sein Vater, verstehen Sie?
Er ist mein Sohn.
Eins
Zu Hause
Donnerstags war Pizzaabend bei den Allens. Mein letzter Termin war um elf Uhr vormittags, und um drei saß ich für gewöhnlich bereits im Zug zurück nach Westport, blätterte durch Patientenkarten und erledigte Telefonanrufe. Ich sah gern dabei zu, wie die Stadt nach Norden hin ausdünnte und die Ziegelbauten der Bronx von den Gleisen zurückwichen. Bäume traten an ihre Stelle, triumphierend, und gleich dem befreienden Jubel nach einer langen Zeit der Unterdrückung brach Sonnenlicht durch. Aus den Straßenschluchten wurden Täler, aus den Tälern Felder, und ich atmete langsam auf, als wäre ich einem Schicksal entronnen, das ich für unausweichlich gehalten hatte. Es war merkwürdig, schließlich war ich in New York City aufgewachsen und ein Kind von Beton und Asphalt, aber am Ende hatte ich all die rechten Winkel und das ständige Sirenengeheul nur noch als erdrückend empfunden, und so waren wir vor zehn Jahren hinaus nach Westport, Connecticut, gezogen und wurden eine typische Vorortfamilie mit den entsprechenden Hoffnungen und Träumen.
Ich bin Rheumatologe und war zu der Zeit Chef der Rheumatologie des Columbia Presbyterian Hospital in Manhattan. Viele Leute wissen kaum, was sie sich darunter vorzustellen haben, und vermuten, dass ich vor allem mit alten Menschen und ihren Zipperlein zu tun habe. Tatsächlich jedoch gehört die Rheumatologie zur inneren Medizin und Kinderheilkunde. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort rheũma ab, was so viel bedeutet wie «das, was wie ein Fluss oder Strom fließt». Rheumatologen beschäftigen sich hauptsächlich mit klinischen Problemen von Gelenken, Weichteil- und Bindegewebe. Wir sind oft die letzte Zuflucht, wenn Patienten rätselhafte Symptome entwickeln, und das in fast allen Körpersystemen: Nerven, Atmung, Kreislauf. Der Rheumatologe wird immer dann gerufen, wenn eine Diagnose schwerfällt.
Ich bin gelernter Diagnostiker, ein Detektiv in Sachen Krankheiten, der Symptome und Testergebnisse analysiert und die bösartigsten Krankheiten und kaum fassbare Traumata aufspürt. Auch nach achtzehn Jahren faszinierte mich meine Arbeit noch, und ich nahm sie oft gedanklich mit nach Hause, grübelte vorm Eindämmern über Patientengeschichten nach und suchte nach verborgenen Mustern.
Der 14. Juni war ein sonniger Tag, noch nicht zu heiß, doch die typische New Yorker Schwüle lag bereits in der Luft. Man konnte den ersten Hauch Feuchtigkeit riechen, der vom Schotter aufstieg, und bald würde jede Brise wie der heiße Atem eines Fremden sein. Später würde man die Hand heben und die Autoabgase wie Ölfarbe über den Himmel schmieren können. Aber im Moment war es nur ein leichter Druck, ein Rinnsal unter den Achseln.
An jenem Abend kam ich später als gewöhnlich nach Hause. Die nachmittägliche Visite hatte unerwartet lange gedauert, und als ich aus dem Zug stieg, war es bereits kurz vor sechs. Ich ging zu Fuß vom Bahnhof nach Hause, vorbei an sorgfältig gepflegten Rasenflächen und Briefkästen mit amerikanischen Flaggen. Weiße Lattenzäune, gleichzeitig einladend und abweisend, zogen wie die Speichen eines Fahrrads am Rand meines Gesichtsfelds vorbei und vermittelten mir das Gefühl von Bewegung und Fortschreiten entlang einer Ordnung. Es war ein wohlhabender Ort, und ich war einer seiner Bürger, ein führender Rheumatologe, der an der Columbia University Vorlesungen hielt.
Ich war noch in der Zeit vor dem Health Maintenance Organization Act Arzt geworden, vor Beginn des großen Erbsenzählens, und stand finanziell gut da. Das Geld ermöglichte uns gewisse Freiheiten und Annehmlichkeiten. Ein Haus mit fünf Zimmern und ein paar Hektar Hügelland mit einer Trauerweide und einer verblichenen weißen Hängematte, die sich träge im Wind wiegte. An diesen lauen Sommerabenden ging ich mit einem Gefühl von Frieden durch die Vorortstille, mit dem Bewusstsein, es zu etwas gebracht zu haben, und das hatte nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern mit einer tiefen Ruhe. Es war wie der Triumph des Marathonläufers nach dem Rennen, der Jubel des Soldaten, wenn ein Krieg endlich beendet ist. Ich hatte mich einer Herausforderung gestellt und sie gemeistert, was mich reifer hatte werden lassen.
Fran knetete bereits den Pizzateig, als ich hereinkam, und rollte ihn auf der marmornen Arbeitsplatte aus. Die Zwillinge rieben Käse und verteilten den Belag. Fran war meine zweite Frau, eine großgewachsene Rothaarige mit sanften Rundungen wie ein träger Fluss – mit etwa vierzig war die athletische Drahtigkeit der Volleyballspielerin üppigeren Formen gewichen. Fran war ein Mensch, der in sich ruhte und die Dinge weitsichtig und bedachtsam anging. Meine erste Frau war da ganz anders gewesen, impulsiv und immer dem wilden Auf und Ab ihrer Gefühle unterworfen. Unsere Heirat war ein Irrtum, aber ich stelle mir gern vor, dass eine meiner besseren Eigenschaften darin besteht, aus meinen Fehlern zu lernen, und ich Fran dann einen Antrag machte, weil wir – ein romantischerer Ausdruck dafür fällt mir nicht ein – miteinander kompatibel waren, und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Fran arbeitete als virtuelle Assistentin, was hieß, dass sie von zu Hause aus arbeitete. Sie half Leuten, die sie noch nie persönlich getroffen hatte, Termine zu vereinbaren und Flüge zu buchen. Statt Ohrringen trug Fran einen Bluetooth-Kopfhörer, den sie sich gleich nach dem Aufwachen ans Ohr klemmte und erst kurz vorm Schlafengehen wieder abnahm. Was bedeutete, dass sie oft mit sich selbst zu sprechen schien.
Unsere Zwillinge, Alex und Wally, waren in diesem Jahr zehn Jahre alt geworden. Sie waren zweieiige Zwillinge und glichen sich in keiner Weise. Wally hatte eine Hasenscharte und wirkte immer etwas bedrohlich, als wartete er nur darauf, dass man ihm den Rücken zukehrte. Tatsächlich aber war er der Bravere der beiden, der Unschuldigere. Eine Genmutation hatte ihm den Spalt im Gaumen beschert, der zwar weitgehend korrigiert worden war, seinem Gesicht aber immer noch etwas aus dem Lot Geratenes, Ungenaues, Verletzliches gab. Sein Bruder Alex, blond und im Vergleich zu ihm äußerlich ein Engelchen, war in letzter Zeit wegen verschiedener Prügeleien in Schwierigkeiten geraten. Das war nichts Neues, schon im Sandkastenalter war er jedem zu Leibe gerückt, der glaubte, sich über seinen Bruder lustig machen zu können. Über die Jahre hatte sich dieser Beschützerinstinkt in den unbändigen Drang verwandelt, ganz allgemein für Außenseiter und Schwächere einzutreten: Dicke, Sonderlinge, Kinder mit Zahnspangen. Nachdem wir vor ein paar Monaten zum dritten Mal in diesem Schulhalbjahr zu seinem Rektor bestellt worden waren, gingen Fran und ich mit Alex essen und erklärten ihm, dass wir seinen Wunsch, den Schwachen zu helfen, guthießen, er aber weniger handgreifliche Wege dafür finden müsse.
«Wenn du diesen Rüpeln eine Lehre erteilen willst», sagte ich, «musst du dir etwas anderes einfallen lassen. Ich garantiere dir, dass durch Gewalt noch nie jemand dazugelernt hat.»
Alex war schlagfertig und redegewandt. Ich schlug ihm vor, er solle sich doch im Debattierclub der Schule anmelden, wo er lernen konnte, andere mit Worten zu schlagen.
Er zuckte mit den Schultern, aber ich konnte sehen, dass ihm der Gedanke gefiel. Während der nachfolgenden Monate wurde Alex zum Top-Debattierer der Klasse und beantwortete auch zu Hause jede Aufforderung, sein Gemüse zu essen oder im Haushalt zu helfen, mit einer philosophischen Gegenfrage.
Daran konnte ich nur mir die Schuld geben.
Das also war unsere kleine Familie. Vater, Mutter und zwei Söhne. Daniel, mein Sohn aus meiner ersten Ehe, hatte während seiner mürrischen Teenagerzeit ebenfalls ein Jahr bei uns gelebt, war dann aber so kurzentschlossen wieder abgereist, wie er gekommen war. Eines Morgens, es war noch dunkel, weckte er mich und fragte, ob ich ihn zum Flughafen bringen könne. Seine Mutter und ich hatten uns getrennt, als er sieben war, und er war bei ihr an der Westküste geblieben, während ich nach Osten zog.
Mit achtzehn, drei Jahre nach seinem kurzen Aufenthalt bei uns, ging Danny aufs College. Nach weniger als einem Jahr jedoch warf er das Studium hin, stieg in sein Auto und fuhr Richtung Westen. Später sollte er sagen, dass er einfach nur «das Land sehen» wollte. Natürlich hatte er uns nichts davon gesagt. Stattdessen bekam ich eines Tages einen Brief, den ich ihm ins Studentenwohnheim geschrieben hatte, ungeöffnet und mit dem Stempel Nicht länger unter dieser Adresse erreichbar zurück. So war er von klein auf gewesen. Danny war immer schon ein Junge, der nie dort blieb, wo man ihn zurückließ, und ständig zu unerwarteten Zeiten an unerwarteten Orten auftauchte. Irgendwann meldete er sich, rief dann in unregelmäßigen Abständen an und schickte E-Mails aus Internetcafés in den weiten Ebenen des Mittelwestens. Gelegentlich, wenn ihm in einem Anfall von Familiennostalgie danach war, krakelte er auch schon mal eine Postkarte voll. Aber ihm musste danach sein, an mich dachte er dabei weniger.
Das letzte Mal hatte ich ihn in Arizona gesehen. Ich war auf einem Medizinerkongress, und Daniel kam auf seinem Weg nach Norden zufällig durch unseren Tagungsort. Ich lud ihn zum Frühstück in einen hippen Coffeeshop in der Nähe meines Hotels ein. Er hatte lange Haare und aß seine Pfannkuchen, ohne auch nur einmal innezuhalten. Die Gabel bewegte sich wie eine Baggerschaufel zwischen Teller und Mund auf und ab.
Daniel erzählte mir, er sei viel im Südwesten unterwegs gewesen, tagsüber sei er gewandert, nachts habe er im Schein der Taschenlampe in seinem Zelt gelesen. Er wirkte glücklich. Wenn man jung ist, gibt es keine romantischere Vorstellung als die Freiheit – die schöne Gewissheit, überall hinzukönnen, alles tun zu können. Und obwohl es mich immer noch ärgerte, dass er sechs Monate zuvor das Collegestudium abgebrochen hatte, konnte ich nicht sagen, dass ich überrascht war, schließlich kannte ich ihn.
Daniel war reisend groß geworden, ein heimatloser Teenager, der zwischen Connecticut und Kalifornien hin- und herflog. Er lernte früh eine gewisse Selbständigkeit, die typisch ist für Scheidungskinder. All die auf Flughäfen verbrachten Weihnachtsfeiertage, all die Sommerferien bei Mom und dann wieder bei Dad, all die unbegleiteten Reisen kreuz und quer über den Kontinent. Daniel schien das Ganze ohne größeres Trauma zu verwinden, trotzdem machte ich mir Sorgen, wie es alle Eltern tun. Ich hatte zwar keine schlaflosen Nächte, wurde aber von Zweifeln und einem nagenden Verlustgefühl geplagt, ganz so, als hätte ich etwas Wichtiges verlegt. Doch Daniel blieb selbständig, er war klug, gewandt, ein sympathischer Junge, und so redete ich mir am Ende ein, dass es ihm, wo immer er sich gerade befand, gut gehe.
Als wir uns damals in dem Coffeeshop in Arizona gegenübersaßen, zog mich Daniel wegen meines Jacketts und meiner Krawatte auf. Er verstehe nicht, warum ich so etwas an einem Samstag trüge.
«Es ist ein Kongress», erklärte ich ihm. «Ich habe einen Ruf zu wahren.»
Er lachte. Er fand all die erwachsenen Männer und Frauen lächerlich, die sich benahmen und kleideten, wie es gesellschaftlich als «professionell» galt.
Als wir uns verabschiedeten, versuchte ich ihm fünfhundert Dollar in die Hand zu drücken, doch er wollte sie nicht. Er sagte, er komme zurecht, er jobbe hier und da. So viel Geld bei sich zu tragen, würde sich komisch anfühlen.
«Das brächte mich aus dem Gleichgewicht, verstehst du?»
Er umarmte mich fest und lang. Sein Haar roch ungewaschen, nach dem süßlichen Moschusduft eines Landstreichers. Ich fragte ihn, ob er sich, was das Geld anging, ganz sicher sei. Darauf lächelte er nur, und ich sah ihm mit einem Gefühl der Hilflosigkeit hinterher. Er war mein Sohn, und ich hatte keinen Zugriff mehr auf ihn. Wenn ich ihn denn je gehabt hatte. Ich war nur mehr ein Zuschauer, ein Beobachter, der sein Leben von der Seitenlinie aus verfolgte.
An der Tür drehte sich Daniel noch einmal um und winkte. Ich winkte zurück. Dann trat er auf die Straße und aus meinem Blickfeld. Seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen.
In unserer Küche in Connecticut nun trat Fran zu mir und küsste mich auf den Mund. Ihre Hände waren voller Mehl, und sie hielt sie genauso in die Höhe, wie ich sie noch vor ein paar Stunden beim Betreten der Intensivstation in die Höhe gehalten hatte.
«Alex hat sich wieder geprügelt», sagte sie.
«Es war keine Prügelei», präzisierte Alex. «Bei einer Prügelei kriegen beide was ab. Es war eher ein Überfall.»
«Mister Klugscheißer ist für drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen», sagte sie.
«Ich werde mich gleich darüber aufregen», erklärte ich den beiden, «aber erst mal brauche ich etwas zu trinken.» Ich holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Fran ging zurück zu ihrem Pizzateig.
«Wir dachten, heute machen wir eine mit Peperoni und Pilzen», sagte sie.
«Dagegen habe ich nichts einzuwenden.»
Völlig unvermittelt sagte Fran: «Ja, der Sieben-Uhr-fünfzehn-Flug nach Tucson.»
Tucson? Da erst bemerkte ich das kleine blaue Licht.
«Ja, er wird ein Auto brauchen.»
Ich wollte etwas sagen, aber sie hob den Finger.
«Das klingt gut. Können Sie mir den Zeitplan mailen? Danke.» Das blaue Lichtlein verlosch. Der Finger senkte sich.
«Was kann ich tun?», fragte ich.
«Den Tisch decken. Und ich brauche dich in zehn Minuten, um die Pizzas aus dem Ofen zu holen. Das Ding macht mir immer noch Angst.»
Im Fernseher in der Ecke lief Jeopardy!. Gameshows bildeten ein weiteres Ritual in unserer Familie. Fran fand, es sei gut für die Jungs, sich mit den Kandidaten im Fernsehen zu messen, auch wenn ich keinen rechten Sinn darin erkannte. Jedenfalls wurde unser Haus abends gegen sieben regelmäßig von einer Kakophonie zusammenhangloser Antworten erfüllt.
«James Garfield», sagte Wally.
«Madison», korrigierte ihn Fran.
«In Form einer Frage», sagte Alex.
«Wer ist James Garfield?», fragte Wally.
«Madison», sagte Fran.
«Wer ist James Madison?»
Ich hatte mich an das abendliche Durcheinander gewöhnt und freute mich sogar darauf. Familien definieren sich letztlich durch Tagesabläufe. Die Kinder müssen abgeholt und irgendwo hingebracht werden, zu Fußballspielen, Debattierclubs, Arztterminen und Schulausflügen. Abends wird gegessen und abgewaschen. Die Eltern vergewissern sich, dass alle Hausaufgaben gemacht sind, schalten die Lichter aus und schließen die Haustür ab. Donnerstags werden die Mülleimer an den Bordstein gestellt und freitagmorgens wieder hereingeholt. Nach ein paar Jahren wiederholen sich sogar die Streitigkeiten, als erlebte man immer wieder den gleichen Tag. Das hat etwas Beruhigendes und treibt einen gleichzeitig in den Wahnsinn. Als virtuelle Assistentin war Fran eine militante Ordnungsverfechterin. Wir waren ihre Familie, aber auch ihre Bodentruppe. Fast stündlich versorgte sie uns mit E-Mails und SMS und brachte unsere Terminkalender fortlaufend auf den neuesten Stand. Dein Zahnarzttermin ist verschoben worden. Die Chorprobe fällt aus, stattdessen geht ihr eislaufen. Das Militär ist weniger stark reglementiert. Zweimal in der Woche wurden bei den Allens die Uhren verglichen, etwa so, wie es spezielle Einsatztruppen tun, die eine Brücke sprengen wollen. Der gelegentliche Verdruss, den das in mir hervorrief, wurde durch Liebe wieder wettgemacht. Das Scheitern einer ersten Ehe lässt einen auf eine tiefe, unromantische Weise erkennen, wer man ist. Man muss sich nichts mehr vormachen, was die eigenen Schwächen und Marotten betrifft, und ist frei genug, den Menschen zu heiraten, der das eigene, wirkliche Ich am besten ergänzt, nicht die idealisierte Version davon, die man im Kopf mit sich herumträgt.
Ich hatte mich lange für einen spontanen, offenen Menschen gehalten, aber nach acht Jahren Ehe mit Ellen Shapiro begriff ich, dass ich in Wirklichkeit ein strenges, auf Wiederholung bedachtes Wesen war. Ich ertrage keine Ungewissheiten und Nachlässigkeiten. Die blauäugige Hippie-Schusseligkeit, die mir an Ellen auf den ersten Blick so gefallen hatte, hatte mich schnell wahnsinnig gemacht. Umgekehrt erwiesen sich die Eigenschaften, die mich zu einem guten Arzt machten – meine Sorgfalt, meine Vorliebe für immer gleiche Abläufe und die Bereitschaft, lange zu arbeiten – für Ellen als lähmend und langweilig. Wir stritten bei jeder Gelegenheit. Es war nicht so sehr, was ich tat oder sie tat, sondern wer wir waren. Unsere Enttäuschung war am Ende die Enttäuschung über uns selbst, dass wir eine so unpassende Wahl getroffen hatten. Das Leben ist ein Lernprozess, und obwohl wir ein Kind, Daniel, in die Welt gesetzt hatten, war es doch das Beste gewesen, die Verbindung zu lösen, bevor wirklicher Schaden entstand.
Ich nahm ein Glas aus dem Schrank und schüttete den Rest meines Biers hinein. Ich musste an die Patientin denken, die mich heute noch so lange im Krankenhaus aufgehalten hatte. Alice Kramer. Sie war vor zwei Wochen zu mir gekommen und hatte über Schmerzen in den Beinen geklagt. Es fühle sich an, als stünden sie in Flammen, sagte sie. Vor drei Monaten hatte es angefangen. Nach ein paar Wochen war noch ein Husten dazugekommen, der erst trocken war, bald aber schon blutig wurde. Früher war sie Marathon gelaufen, jetzt strengte sie schon ein kurzer Spaziergang an.
Ich war nicht der erste Arzt, bei dem sie Hilfe suchte. Sie war bereits bei einem Internisten, einem Neurologen und einem Lungenspezialisten gewesen. Eine gültige Diagnose stand aber noch aus, und trotz aller Bemühungen der Ärzte hatte sich an ihrer Schwäche und Kurzatmigkeit nichts ändern lassen.
Abgesehen von ihrem Husten schien sie gesund. Ihre Lunge klang frei. Ihre rechte Hüfte war eine kleine Schwachstelle, ansonsten jedoch war mit Gelenken, Haut und Muskeln alles in Ordnung. Die Symptome, die sie aufwies, deuteten auf eine Erkrankung hin, die mit dem Nervensystem und der Lunge zu tun hatte. Das war ungewöhnlich. Konnte es das Sjögren-Syndrom sein, bei dem das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise Flüssigkeit produzierende Drüsen angreift? Allerdings klagten Patienten mit dem Sjögren-Syndrom gewöhnlich über Augenschmerzen und einen trockenen Mund, was bei ihr beides nicht der Fall war.
Vielleicht war es auch eine Sklerodermie, die von einer Überproduktion Kollagen verursacht wird. Das führt zu einer Verdickung der Haut und kann auch andere Organe in Mitleidenschaft ziehen. Ich ordnete Bluttests an und ging die medizinische Akte der Patientin ein weiteres Mal durch. Wenn der Rheumatologe zum letzten Hoffnungsanker wird, besteht seine Aufgabe darin, noch einmal jede Einzelheit der Krankengeschichte mit frischem Blick zu betrachten. Ich studierte ihre CT- und MRT-Aufnahmen und entdeckte auf beiden Lungenflügeln Schatten. Für sich gesehen bedeuteten sie nichts. Erst im Kontext, in dem ich sie las, besagten sie etwas. Ein weiteres Stück fügte sich ins Puzzle.
Darauf ordnete ich eine Lungenbiopsie an. Der Bericht wies auf eine Entzündung hin. Als die Gewebeprobe zurückkam, setzte ich mich mit dem Pathologen ans Mikroskop. Und dabei entdeckte ich eine wichtige Spur: ein Granulom, ein Knötchen aus Zellen, die etwa hundertmal größer als normale Zellen sind. So etwas findet sich nur bei wenigen Krankheiten in der Lunge. Die verbreitetsten sind die Sarkoidose und die Tuberkulose, und da die Patientin keinerlei Symptome von Tuberkulose aufwies, war ich so gut wie sicher, dass sie unter einer Sarkoidose litt, einer chronischen Erkrankung, die mit einer Entzündung des Gewebes einhergeht.
Als ich der Patientin am Nachmittag meine Diagnose mitgeteilt hatte, fing sie an zu weinen. Die Symptome waren schon vor vielen Monaten aufgetreten, und sie war bei Dutzenden von Ärzten gewesen, von denen ihr etliche hatten einreden wollen, sie bilde sich alles nur ein. Meine Aufgabe war es, den Patienten zu glauben, die zu mir kamen, alle Einzelheiten zu betrachten, die nicht zusammenzupassen schienen, und das Rätsel zu lösen.
Die Gameshow im Fernsehen wurde von einem Nachrichtensprecher unterbrochen. Schlagzeilen liefen auf Schriftbändern durchs Bild. Krisenfarben. Keinem von uns fiel es gleich auf. Wir waren viel zu sehr mit unserem Pizzaritus beschäftigt. Der Teig war ausgerollt, Käse und Soße darauf verteilt, und ich rügte die Jungs, weil sie es mit dem Belag übertrieben hatten.
«Ich bin zwar kein Statiker, aber dem Gewicht kann nichts Rundes, Flaches standhalten.»
Wally erzählte uns, was er heute in der Schule gelernt hatte. Dass Frederick Douglass ein befreiter Sklave gewesen sei und George Washington Carver die Erdnuss erfunden habe.
«Ich glaube nicht, dass er sie erfunden hat», erklärte Fran ihm.
«Hat er sie entdeckt?»
«Ich glaube, du musst dir deine Mitschrift noch mal anschauen», sagte ich, trank mein Bier aus und holte mir ein neues.
Fran fiel es zuerst auf. Sie wandte sich dem Fernseher zu und sah statt grinsender Moderatoren und eifriger Kandidaten verwackelte Bilder von einer Art Kundgebung.
«Was ist denn das?», fragte sie.
Wir drehten die Köpfe. Auf dem Fernsehschirm waren Bilder einer politischen Veranstaltung in Los Angeles zu sehen. Eine Zuschauermenge. An den Wänden hingen rot-weiß-blaue Fahnen, und auf der Bühne stand der Präsidentschaftskandidat Seagram und hielt eine Rede. Was er sagte, war nicht zu hören, weil der Fernseher auf stumm gestellt war. Das machen die Jungs in den Werbepausen, da drehen sie die Lautstärke herunter und lassen die Reklamehanseln ihre Verkaufssprüche tonlos herunterrasseln. Wir sahen, wie der Politiker zusammenfuhr und zurücktaumelte. Zwei Secret-Service-Männer hinter ihm zogen ihre Waffen.
«Macht mal Ton», sagte Fran.
«Wo ist die Fernbedienung?», fragte ich und ließ den Blick schweifen.
Es dauerte wertvolle Sekunden, bis ich sie fand, und dann noch ein paar mehr, bis ich endlich den richtigen Knopf drückte. Als der Ton wieder da war, hörten wir den Nachrichtensprecher sagen: «… habe der unbekannte Täter mindestens zwei Schüsse abgegeben. Seagram ist in das nächste Krankenhaus eingeliefert worden. Über das Ausmaß seiner Verletzungen gibt es noch keine Angaben.»
Wir sahen noch einmal das gleiche Filmmaterial: Der Kandidat stand auf der Bühne, dann hörte man die Schüsse aus dem Publikum. Dieses Mal wurde der Film langsamer, und die Kamera ging näher heran.
«Wir versuchen einen besseren Winkel zu finden», sagte der Sprecher.
Ich wechselte den Kanal. CNN berichtete ebenfalls über das Attentat. Genau wie ABC und NBC.
«Um es noch einmal zu wiederholen: Vor dreißig Minuten wurde Jay Seagram, der das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur anführende Senator aus Montana, von einem unbekannten Attentäter niedergeschossen.»
Auf CNN stand eine Reporterin vor einem Krankenhaus. Der Wind blies ihr das Haar zur Seite. Sie sprach mit einer Hand am Kopf.
«Ted, wir hören, dass Senator Seagram operiert wird. Er ist von mindestens zwei Schüssen getroffen worden, in die Brust und in den Hals. Bis jetzt gibt es noch keine Aussage über seine Überlebenschancen.»
Das ist so ein Moment. Erst ist da nichts und dann, plötzlich, ändert sich etwas. Eine Familie bereitet das Abendessen vor, redet, lacht, und plötzlich drängt die Welt von außen herein.
Fran schickte die Zwillinge ins Wohnzimmer, sie seien zu jung für so etwas. Sie war schockiert. Sie war bei Seagrams Wahlkampfauftritt in der Stadt gewesen und hatte im vorigen Monat sogar ein Wochenende lang Wahlkampfmaterial für ihn eingetütet. Er war jung, sah gut aus und sprach mit großer Sachkenntnis. Fran hielt ihn für den Einzigen, «der in Frage kommt».
«Wer sollte so etwas tun?», sagte sie.
Als Arzt wusste ich, dass Seagram eine lange Nacht vor sich hatte. Die Reporter berichteten, die erste Kugel habe seine Lunge durchschlagen, die zweite die Halsschlagader. Die Rettungssanitäter hatten ihn schnellstmöglich ins Krankenhaus gebracht, aber derartige Verletzungen waren mit hohem Blutverlust verbunden. Der Blutverlust schwächte wiederum den Kreislauf und behinderte die sowieso schon eingeschränkte Atmung. Da war ein erfahrener Chirurg gefragt, der unter hohem Zeitdruck arbeiten konnte.
Im Fernsehen sagte ein Augenzeuge: «Ich habe seiner Rede zugehört, und plötzlich ging es Bäng!, Bäng!, Bäng!»
Drei Schüsse? Die Nachrichtenleute hatte nur von zweien gesprochen.
«Zwei Stunden», sagte Fran gerade. «Aber Sie müssen in Dallas umsteigen.» Sie saß am Computer und versuchte mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ihr Bluetooth-Kopfhörer leuchtete. Auf ihrem Bildschirm sah ich neben der Website der Fluglinie das Fenster eines politischen Livetickers.
«Schalte auf MSNBC», sagte Fran und sah von ihrem Schirm auf. Ich schaltete um. Wir kamen gerade recht, um die Szene aus einem anderen Winkel zu sehen, in Camcorder-Qualität, von der Seite der Bühne gefilmt.
«Die Bilder, die Sie gleich sehen werden», sagte der Sprecher, «sind ziemlich drastisch und könnten jüngere Zuschauer verstören.»
Ich vergewisserte mich, dass die Kinder nach wie vor im Wohnzimmer waren. Auf dem Bildschirm zoomte der Camcorder auf Seagrams Gesicht, der noch bei seiner Rede war. Der Ton war undeutlich, amateurhaft aufgenommen. Dieses Mal ließ uns der erste Schuss regelrecht zusammenfahren. Es klang, als stünde der Schütze direkt neben der Kamera.
Der Senator auf der Bühne wankte, Blut spritzte ihm aus der Brust. Der Kameramann drehte sich, und für den Bruchteil einer Sekunde sah man eine über die Menge gereckte Pistole. Der Attentäter trug ein weißes Button-Down-Hemd. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, denn alles bewegte sich und befand sich in Aufruhr. Im Hintergrund schrien Leute und rannten. Wir sahen, wie sich der Schütze umdrehte und zur Tür drängte. Ein Beamter vom Secret Service sprang zwischen die Leute und versuchte ihn zu erreichen.
«An wen erinnert der nur?», sagte Fran. «An einen Schauspieler? Hast du das auch manchmal? Dieses Gefühl, dass du jemand Fremdes schon mal gesehen hast? Vielleicht, weil er einen an jemand anderes erinnert. Oder es ist einfach ein Déjà-vu.»
Die Kamera schwenkte wild hin und her. Zuschauer ergriffen den Attentäter. Männer vom Secret Service und Polizisten erreichten ihn. Die Kamera vermochte sie nicht alle einzufangen.
Ich ging näher an den Fernseher heran, aber dadurch wurde nichts klarer, sondern war nur noch schwerer zu erkennen.
«Wie wir soeben hören», sagte der Sprecher, «konnte die Polizei die Identität des Attentäters klären.»
Es klingelte an der Tür.
Fran und ich sahen uns an. Ich ging im Kopf die Katastrophen meines Lebens durch. Den frühen Tod meines Vaters, meinen eigenen Autounfall in der Highschoolzeit, der drei Operationen nötig gemacht hatte, das Zerbrechen meiner ersten Ehe, die Patienten, die nicht überlebt hatten. Ich wägte alles gegeneinander ab. Es war eine warme Frühsommernacht, und ich war ein Mann, der mit seinem Leben zufrieden war, glücklich. Einer, dem das Schicksal gewogen war und der mit noch mehr Gutem rechnete. Ich wischte die Hände an der Serviette ab und ging in die Diele.
Zwei Männer in Anzügen standen vor der Tür, andere ein Stück dahinter auf dem Rasen. Ich sah eine ganze Reihe SUVs am Bordstein stehen, mit stumm zuckenden, blauroten Lichtern.
«Paul Allen?», sagte einer der Männer. Er war groß, ein weißer Mann mit einem unglaublich glattrasierten Gesicht. Ein geringeltes Kabel wand sich aus seinem Kragen zu seinem linken Ohr. Der Mann neben ihm war dunkelhäutig, breitschultrig. Vielleicht war er in einem früheren Leben einmal Footballspieler gewesen.
«Ich bin Agent Moyers», sagte der Weiße. «Das hier ist Agent Green. Wir sind vom Secret Service. Wir müssen Sie bitten, mit uns zu kommen.»
Das Bild, das ich sah, ergab keinen Sinn. Die Worte, die er sprach.
«Entschuldigen Sie», sagte ich, «sind Sie sicher, dass Sie sich nicht im Haus geirrt haben?»
Fran kam heran und stand mit großen Augen in der Diele. Sie hatte den Bluetooth-Hörer abgenommen. Die Filmmusik von Fluch der Karibik drang aus dem Wohnzimmer.
«Sie sagen, es war Daniel», sagte Fran. «Im Fernsehen. Er soll geschossen haben.»
Ich sah die beiden Agenten an. Sie zeigten keinerlei Gefühlsregung, ihr Blick war kalt wie Stahl.
«Mister Allen», sagte Moyers, «Sie müssen mit uns kommen.»
Ich fühlte mich wie ein Boxer, der einen Kinnhaken abbekommen hatte, ohne den Schlag gesehen zu haben.
«Lassen Sie mich meinen Mantel holen», sagte ich.
Ich ging zurück in die Küche. Mir war, als watete ich durch Wasser. Ich dachte an das Bier, das ich getrunken hatte, die Zugfahrt nach Hause. Ich dachte an die Zäune, die Rasenflächen und die Nachbarn, die ich seit Jahren kannte. Was würden die sagen?
Ich blickte auf den Fernseher und sah ein Foto meines Sohnes. Das ist die Schnelligkeit der Welt. Bevor du überhaupt nachdenken kannst, ist etwas geschehen. Seit dem Attentat war nicht einmal eine Stunde vergangen. Woher hatten sie das Foto? Es war eines, das ich nicht kannte. Daniel stand darauf in Jeans und Sweatshirt auf einem weiten Rasen und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen ins helle Licht, eine Hand erhoben, um sich vor der Sonne zu schützen. Er musste darauf etwa achtzehn Jahre alt sein. Vielleicht war es ein Foto vom College. Ich erinnerte mich an den Tag, als ich ihn nach Vassar gebracht hatte, einen mageren Jungen, dessen Habseligkeiten in eine kleine Truhe passten. Einen Jungen, der mit vierzehn versucht hatte, sich einen Schnauzer wachsen zu lassen, am Ende aber nur links und rechts vom Mund ein paar Haare hatte, wie eine Katze.
Was hast du getan?, dachte ich, und noch während ich das dachte, begriff ich, dass ich nicht wusste, ob die Frage an mich oder Daniel gerichtet war.
Ich saß allein auf dem Rücksitz des SUV. Der Wagen roch noch neu, was zu meiner unterschwelligen Übelkeit beitrug. Direkt vor und hinter uns fuhren zwei weitere Wagen. Wir fuhren schnell, mit Sirene und wild zuckendem Licht. Agent Moyers und Agent Green saßen vorn, Moyers am Steuer. Die ersten paar Minuten, während wir durch unser Wohngebiet rasten, sagten sie nichts. Sie nahmen die Bodenschwellen mit voller Geschwindigkeit, so dass der Wagen wie ein Pferd bockte.
Ich dachte an mein letztes Zusammentreffen mit Daniel, sein langes Haar, und wie er mich zum Abschied umarmt hatte. Ich hatte mich dabei gefühlt wie in einem Film, den ich nicht verstand. Warum hatte ich ihn ziehen lassen? Ich hätte ihn mit ins Hotel nehmen sollen, ihn zwingen, mit nach Hause zu kommen. Sich zu duschen, sich die Haare schneiden zu lassen und etwas Richtiges zu essen. Schließlich gehörte es doch zum Wesen des Menschen, in einer Familie zu leben, mit anderen Menschen, die einen liebten, oder etwa nicht? Aber ich hatte ihm nur hinterhergesehen.
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