Der verbotene Turm - Marion Zimmer Bradley - E-Book

Der verbotene Turm E-Book

Marion Zimmer Bradley

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Beschreibung

Bestsellerautorin Marion Zimmer Bradley ("Die Nebel von Avalon") hat mit dem opulenten Darkover-Zyklus eine einzigartige Romanreihe geschaffen: Die fesselnde Geschichte einer geheimnisvollen fremden Welt und ihrer Bewohner ist Kult! Eine Bewahrerin, so besagt das Gesetz, hat nur für ihre Aufgabe zu leben. Doch Callista Lanart-Alton, Bewahrerin des mächtigen Turms zu Arilinn, will nach ihrer Rettung von den Katzenmenschen mit ihrem geliebten Terraner Andrew Carr zusammen sein. Sie ist nicht bereit, auf ihre Bestimmung zu verzichten, um ihrem Herzen folgen zu können. Noch nie hat eine Bewahrerin es gewagt, sich gegen die alten Gesetze aufzulehnen! Callista bricht mit der Tradition und zieht sich die Todfeindschaft von Leonie Hastur zu. Aber noch schlimmer sind die schrecklichen Kräfte des Laran, die in Callista schlummern und sich gegen sie selbst – und ihren Geliebten richten...

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Marion Zimmer Bradley – Der “Darkover”-Romanzyklus bei EdeleBooks:

ISBN 978-3-95530-591-8Die LandungISBN 978-3-95530-598-7Herrin der StürmeISBN 978-3-95530-597-0Herrin der FalkenISBN 978-3-95530-609-0Der Untergang von NeskayaISBN 978-3-95530-608-3Zandrus SchmiedeISBN 978-3-95530-607-6Die Flamme von HaliISBN 978-3-95530-594-9Die Zeit der hundert KönigreicheISBN 978-3-95530-592-5Die Erben von HammerfellISBN 978-3-95530-593-2Die zerbrochene KetteISBN 978-3-95530-603-8Gildenhaus ThendaraISBN 978-3-95530-595-6Die schwarze SchwesternschaftISBN 978-3-95530-596-3An den Feuern von HasturISBN 978-3-95530-588-8Das ZauberschwertISBN 978-3-95530-599-4Der verbotene TurmISBN 978-3-95530-589-5Die Kräfte der ComynISBN 978-3-95530-586-4Die Winde von DarkoverISBN 978-3-95530-601-4Die blutige SonneISBN 978-3-95530-602-1Hasturs ErbeISBN 978-3-95530-585-7Retter des PlanetenISBN 978-3-95530-587-1Das Schwert des AldonesISBN 978-3-95530-600-7Sharras ExilISBN 978-3-95530-590-1Die WeltenzerstörerISBN 978-3-95530-604-5Asharas RückkehrISBN 978-3-95530-606-9Die SchattenmatrixISBN 978-3-95530-605-2Der Sohn des Verräters

Marion Zimmer Bradley Der verbotene Turm

Ein Darkover Roman

Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by Edel eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg. Copyright © 1977 by Marion Zimmer Bradley Copyright First german Edition © 2000 by Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München. Die Originalausgabe erschien 1977 unter dem Titel "The Forbidden Tower" Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck Trotz intensiver Recherche war es dem Verlag nicht möglich, den Rechteinhaber der Übersetzung zu identifizieren bzw. einen Kontakt herzustellen. Wie bitten den Übersetzer bzw. seinen Nachfolger, sich ggf. beim Verlag zu melden.

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-599-4

edel.com

Ein Darkover-Roman

»Weit entfernt in der Galaxis und ungefähr 4000 Jahre in der Zukunft gibt es einen Planeten mit einer großen roten Sonne und vier Monden. Willst Du nicht mitkommen

1

Damon Ridenow ritt durch ein gereinigtes Land. Den größten Teil des Jahres über hatte die große Hochebene der Kilghardberge unter dem bösen Einfluss der Katzenwesen gelegen. Ernten verdorrten auf den Feldern unter der unnatürlichen Dunkelheit, die das Licht der Sonne auslöschte. Die armen Leute der Gegend verkrochen sich in ihren Hütten, denn sie hatten Angst, sich in das verheerte Land hinauszuwagen.

Aber jetzt arbeiteten wieder Männer im Licht der großen roten Sonne von Darkover, brachten die Ernte ein und sorgten für den kommenden Winter vor. Es war ein früher Herbst, und das Korn war zum größten Teil schon eingefahren.

Die Große Katze war in den Höhlen von Corresanti erschlagen worden, und der riesige illegale Matrix-Stein, den sie gefunden und zu so fürchterlichem Zweck gebraucht hatte, war mit ihr vernichtet worden. Was an Katzenwesen übrig blieb, floh in die fernen Regenwälder jenseits der Berge oder fiel unter den Schwertern der Krieger, die Damon gegen sie geführt hatte.

Das Land war wieder rein und frei von Schrecken, und Damon, der die meisten seiner Leute nach Hause entlassen hatte, ritt ebenfalls heimwärts. Nicht zu dem von seinen Vorvätern vererbten Besitz in Serrais. Damon war ein unwichtiger jüngerer Sohn und hatte Serrais nie als seine Heimat betrachtet. Er ritt jetzt nach Armida und zu seiner Hochzeit.

Er hielt abseits des Weges und sah zu, wie sich die letzten Männer entsprechend ihren Zielen in Gruppen zusammenfanden. Da waren Gardisten, die nach Thendara wollten, in ihren grünen und schwarzen Uniformen, da waren ein paar Männer von den Domänen Ardais und Hastur, deren Weg nordwärts in die Hellers führte, und ein paar ritten nach Süden zu den Ebenen von Valeron.

»Ihr solltet zu den Männern sprechen, Lord Damon«, sagte ein kleiner, knorrig aussehender Mann neben ihm.

»Ich bin nicht sehr gut darin, Ansprachen zu halten.« Damon war ein schmaler, schlanker Mann mit einem Gelehrtengesicht. Bis zu diesem Feldzug hatte er sich nie für einen Soldaten gehalten, und er wunderte sich immer noch, dass er diese Männer erfolgreich gegen die letzten Reste der Katzenwesen geführt hatte.

»Sie erwarten es, Lord«, drängte Eduin. Damon seufzte. Er wusste, der andere hatte Recht. Damon war ein Comyn von den Domänen – kein Lord einer Domäne, nicht einmal ein Comyn-Erbe, aber immerhin ein Comyn. Er gehörte der alten telepathischen, mit Psi-Talenten ausgestatteten Rasse an, die die Sieben Domänen seit unbekannten Zeiten regierte. Die Tage waren vorbei, als man die Comyn wie lebende Götter behandelt hatte, aber Respekt, der beinahe schon Ehrfurcht war, gab es immer noch. Und Damon war dazu erzogen worden, die Verantwortung eines Comyn-Sohnes zu übernehmen. Seufzend lenkte er sein Pferd an eine Stelle, wo die wartenden Männer ihn sehen konnten.

»Unsere Arbeit ist getan. Dank euch Männern, die ihr meinem Ruf gefolgt seid, herrscht Frieden in den Kilghardbergen und in der Heimat eines jeden von uns. Mir bleibt nur noch, euch meinen Dank und mein Lebewohl zu entbieten.«

Der junge Offizier, der die Gardisten von Thendara gebracht hatte, kam zu Damon, als die anderen Männer davonritten. »Wird Lord Alton mit uns nach Thendara reiten? Sollen wir auf ihn warten?«

»Ihr würdet lange warten müssen«, antwortete Damon. »Er wurde in der ersten Schlacht mit den Katzenwesen verwundet. Es war eine kleine Wunde, aber das Rückgrat wurde unheilbar verletzt. Er ist vom Gürtel abwärts gelähmt. Ich denke, er wird niemals mehr irgendwohin reiten.«

Der junge Offizier blickte bestürzt drein. »Wer wird die Gardisten jetzt befehligen, Lord Damon?«

Es war eine nahe liegende Frage. Generationenlang hatte der Befehl über die Gardisten in den Händen der Altons gelegen: Esteban Lanart von Armida, Lord Alton, hatte sie viele Jahre lang kommandiert. Aber Dom Estebans ältester überlebender Sohn Lord Domenic war ein Jüngling von siebzehn. Obwohl ein Mann nach den Gesetzen der Domänen, besaß er für den Posten des Befehlshabers weder das Alter noch die Autorität. Der andere noch vorhandene Alton-Sohn, der junge Valdir, war ein Junge von elf, ein Novize im Nevarsin-Kloster, und wurde von den Brüdern von Sankt-Valentin-im-Schnee unterrichtet.

Wer würde dann die Garde kommandieren? Es war eine brennende Frage, dachte Damon, aber er kannte die Antwort nicht. Das sagte er auch, und er fügte hinzu: »Der Rat der Comyn wird es im nächsten Sommer entscheiden müssen, wenn er in Thendara zusammenkommt.« Auf Darkover hatte nie ein Krieg im Winter stattgefunden, und es würde nie einen geben. Im Winter gab es einen grimmigeren Feind, die grausame Kälte, die Schneestürme, die von den Hellers herab über die Domänen hinfegten. Keine Armee konnte im Winter gegen die Domänen ziehen. Selbst Räuber blieben dann zu Hause. Man konnte bis zum nächsten Ratstreffen auf die Ernennung eines neuen Befehlshabers warten. Damon ging auf ein anderes Thema über.

»Werdet Ihr Thendara vor dem Dunkelwerden erreichen?«

»Wenn sich unterwegs nichts Besonderes ereignet, ja.«

»Dann lasst mich Euch nicht länger aufhalten.« Damon verbeugte sich. »Ihr habt den Befehl über diese Männer, Verwandter.«

Der junge Offizier konnte ein Lächeln nicht verbergen. Er war sehr jung, und dies war sein erstes Kommando, wenn es auch nur für kurze Zeit galt. Versonnen beobachtete Damon den Jungen, als dieser seine Männer versammelte und mit ihnen davonritt. Das war der geborene Offizier, und da Dom Esteban invalide war, konnten fähige Offiziere mit Beförderungen rechnen.

Damon selbst hatte sich, auch wenn er diesen Feldzug angeführt hatte, nie als Soldat gesehen. Wie alle Comyn-Söhne hatte er im Kadettenkorps gedient und zum gegebenen Zeitpunkt sein Offizierspatent erhalten, aber seine Begabung und sein Ehrgeiz lagen auf völlig anderem Gebiet. Mit siebzehn war er als Telepath in den Arilinn-Turm zugelassen und in den alten Matrix-Wissenschaften von Darkover ausgebildet worden. Viele, viele Jahre lang hatte er dort gearbeitet, an Kraft und Geschicklichkeit gewonnen und den Rang eines Psi-Technikers erreicht.

Dann war er aus dem Turm weggeschickt worden. Es sei nicht seine Schuld, hatte seine Bewahrerin ihm versichert. Er sei nur zu empfindsam, und die Gesundheit seines Körpers und sogar seines Geistes könne durch die fürchterliche Anstrengung der Matrix-Arbeit zu Grunde gehen.

Innerlich rebellierend, aber gehorsam war Damon gegangen. Das Wort einer Bewahrerin war Gesetz: Man stellte es nicht in Frage, und man lehnte sich nicht dagegen auf. Damon sah sein Leben zerstört, seine Hoffnungen in Scherben liegen. Er hatte versucht, bei der Garde von neuem anzufangen, obwohl er kein Soldat war und das wusste. Eine Zeit lang war er Kadettenmeister gewesen, dann Lazarettoffizier, Versorgungsoffizier. Und bei diesem letzten Feldzug gegen die Katzenwesen hatte er gelernt, selbstbewusst aufzutreten. Aber er hatte nicht den Wunsch, den Befehl zu führen, und er war froh, dass er ihn nun niederlegen konnte.

Er sah den davonreitenden Männern nach, bis sich ihre Gestalten im Staub der Straße verloren. Jetzt nach Armida, nach Hause ...

»Lord Damon«, sagte Eduin neben ihm, »es sind Reiter auf der Straße.«

»Reisende? Zu dieser Jahreszeit?« Es schien unmöglich. Der Schnee des Winters war noch nicht gefallen, aber jeden Tag konnte der erste Wintersturm von den Hellers herabfegen und die Straßen tagelang blockieren. Es gab ein altes Sprichwort: Nur der Wahnsinnige oder der Verzweifelte reist im Winter. Damon strengte seine Augen an, um die fernen Reiter zu erkennen, aber er war seit seiner Kindheit ein wenig kurzsichtig und konnte nur verschwommene Flecken ausmachen.

»Eure Augen sind besser als meine. Was meint Ihr, Eduin, sind es bewaffnete Männer?«

»Ich glaube nicht, Lord Damon. Es reitet eine Dame mit ihnen.«

»Zu dieser Jahreszeit? Das kann man sich kaum vorstellen«, antwortete Damon. Was konnte eine Frau veranlassen, in die Unsicherheit des sich nähernden Winters hinauszuziehen?

»Es ist ein Hastur-Banner, Lord Damon. Aber Lord Hastur und seine Dame würden Thendara zu dieser Jahreszeit nicht verlassen. Wenn sie aus irgendeinem Grund nach Burg Hastur ritten, würden sie auch nicht diese Straße nehmen. Ich kann es nicht verstehen.«

Doch noch bevor er den Satz beendete, war Damon klar, welche Frau ihm mit der kleinen Eskorte von Gardisten und Begleitern entgegenritt. Nur eine Frau auf Darkover würde allein unter einem Hastur-Banner reiten, und nur eine Hastur hatte Grund, diesen Weg zu nehmen.

»Es ist die Lady von Arilinn«, erklärte er schließlich widerstrebend und sah die Verwunderung und Ehrfurcht in Eduins Gesicht.

Leonie Hastur. Leonie von Arilinn, Bewahrerin des Arilinn-Turms. Damon wusste, die Höflichkeit erforderte, dass er seiner Verwandten entgegenritt und sie willkommen hieß. Und doch blieb er wie erstarrt auf seinem Pferd sitzen und rang nach Selbstbeherrschung. Die vergangene Zeit schien ausgelöscht. In einer gefrorenen, zeitlosen, widerhallenden Kammer seines Geistes stand ein jüngerer Damon zitternd vor der Bewahrerin von Arilinn und beugte den Kopf unter den Worten, die sein Leben zerstörten:

»Es ist nicht so, dass du uns enttäuschst oder mein Missfallen erregt hättest. Aber du bist viel zu empfindsam für diese Arbeit, zu verletzlich. Wärst du als Mädchen geboren, könntest du Bewahrerin werden. Aber wie die Dinge liegen ... Ich habe dich jahrelang beobachtet. Diese Arbeit wird deine Gesundheit, deinen Verstand zerstören. Du musst uns verlassen, Damon, zu deinem eigenen Besten.«

Damon war ohne Widerspruch gegangen, denn er hatte ein Gefühl der Schuld. Er hatte Leonie geliebt, geliebt mit all der verzweifelten Leidenschaft eines einsamen Mannes, aber in Keuschheit, ohne ein Wort oder eine Berührung. Denn Leonie hatte wie alle Bewahrerinnen gelobt, Jungfrau zu bleiben. Kein Mann durfte sie mit einem sinnlichen Gedanken ansehen, kein Mann durfte sie je berühren. Hatte Leonie das irgendwie erkannt? Hatte sie gefürchtet, eines Tages werde er die Beherrschung verlieren und sich ihr – auch wenn es nur in Gedanken war – auf eine Weise nähern, die gegenüber einer Bewahrerin verboten war?

Damon war geflohen, vernichtet. Jetzt, Jahre später, schien ein Lebensalter zwischen dem jungen Damon, der in eine unfreundliche Welt hinausgestoßen wurde, um sich ein neues Leben aufzubauen, und dem heutigen Damon zu liegen, der volle Kontrolle über sich selbst hatte und Veteran dieses erfolgreichen Feldzugs war.

Die Erinnerung war noch lebendig in ihm – der Schmerz würde ihm bis zum Tod bleiben – aber Damon wappnete sich, als Leonie näher kam, mit dem Gedanken an Ellemir Lanart, die ihn in Armida erwartete.

Ich hätte sie heiraten sollen, bevor ich ins Feld zog. Er hatte es gewollt, aber Dom Esteban hielt eine so hastig geschlossene Ehe für unschicklich unter Adligen. Er wollte seine Tochter nicht in aller Eile ins Brautbett geleitet sehen, als sei sie eine schwangere Dienstmagd! Damon hatte dem Aufschub zugestimmt. Die Existenz Ellemirs, seiner versprochenen Braut, sollte jetzt auch die schmerzlichsten Erinnerungen bannen können. Indem er die in seinem ganzen Leben errungene Willenskraft zusammenraffte, ritt Damon schließlich vorwärts. Eduin hielt sich an seiner Seite.

»Ihr erweist uns Gnade, Verwandte«, sagte er ernst und verbeugte sich im Sattel. »Es ist für eine Reise in den Bergen spät im Jahr. Wohin wollt ihr?«

Leonie erwiderte die Verbeugung mit der steifen Förmlichkeit einer Comyn-Dame in Gegenwart von Außenseitern.

»Ich grüße dich, Damon. Ich reite nach Armida – unter anderem, um an deiner Hochzeit teilzunehmen.«

»Es ist mir eine Ehre.« Die Reise von Arilinn war lang und zu keiner Zeit des Jahres ohne Mühsal. »Aber sicher ist es nicht nur meiner Hochzeit wegen, Leonie?«

»Nicht nur. Doch die Wahrheit ist, dass ich dir alles Glück wünsche, Cousin.«

Zum ersten Mal trafen sich – ganz kurz – ihre Augen, aber Damon blickte weg. Leonie Hastur, Lady von Arilinn, war eine hoch gewachsene Frau, schmal gebaut und mit dem flammend roten Haar der Comyn, das jetzt unter der Kapuze ihres Reitmantels einen Anflug von Grau zeigte. Sie war vielleicht einmal sehr schön gewesen; Damon würde nie im Stande sein, darüber ein Urteil abzugeben.

»Callista sandte mir die Nachricht, dass sie von ihrem Gelübde gegenüber dem Turm entbunden werden und heiraten möchte.« Leonie seufzte. »Ich bin nicht mehr jung; ich hatte mir gewünscht, mein Amt als Bewahrerin niederzulegen, wenn Callista ein wenig älter geworden sei und es hätte übernehmen können.«

Damon verbeugte sich schweigend. Das war ausgemacht gewesen, seit Callista als Mädchen von dreizehn in den Arilinn-Turm gekommen war. In Callistas erstem Jahr dort war Damon Psi-Techniker gewesen, und als solcher hatte er sein Urteil abgeben müssen, ob man sie zur Bewahrerin ausbilden solle.

»Doch jetzt möchte sie uns verlassen, um zu heiraten. Sie hat mir berichtet, dass ihr Liebhaber ...« – Leonie benutzte die höfliche Endung, die dem Wort die Bedeutung »versprochener Gatte« gab – «... ein Außenweltler ist, einer der Terraner, die bei Thendara ihren Raumhafen gebaut haben. Was weißt du über die Sache, Damon? Mir kommt sie verstiegen, phantastisch vor wie eine alte Ballade. Wie hat sie diesen Terraner überhaupt kennen gelernt? Sie nannte mir seinen Namen, aber ich habe ihn vergessen ...«

»Andrew Carr«, sagte Damon. Sie ritten Seite an Seite auf Armida zu. Ihre Begleiter und Leonies Dame folgten in achtungsvoller Entfernung. Die große rote Sonne hing niedrig am Himmel und warf trübes Licht auf die Gipfel der Kilghardberge hinter ihnen. Im Norden begannen sich Wolken zu sammeln, und ein kühler Wind blies von den fernen, unsichtbaren Höhen der Hellers herab.

»Ich bin mir auch heute noch nicht sicher, wie alles begann«, antwortete Damon nach einer Pause. »Ich weiß nur, als Callista von den Katzenwesen entführt wurde und voller Angst als Gefangene allein in den dunklen Höhlen von Corresanti lag, konnte keiner ihrer Verwandten ihren Geist erreichen.«

Leonie erschauerte und zog sich die Kapuze fester ums Gesicht. »Das war eine schreckliche Zeit.«

»Das war es. Und irgendwie geschah es, dass Andrew Carr, dieser Terraner, eine gedankliche Verbindung zu ihr herstellte. Bis zu diesem Tag kenne ich nicht alle Einzelheiten, aber er allein konnte ihr in ihrem Kerker Gesellschaft leisten, er allein konnte ihren Geist erreichen. Und so kamen sie sich mit Herz und Verstand näher, obwohl sie sich im Fleisch niemals gesehen hatten.«

Leonie seufzte. »Ja, solche Bande können stärker sein als die Bande des Fleisches. Und so lernten sie sich lieben, und als sie gerettet worden war, trafen sie sich –«

»Das meiste hat Andrew zu ihrer Rettung getan«, berichtete Damon, »und jetzt haben sie sich einander angelobt. Glaub mir, Leonie, das ist keine Phantasterei, die aus der Furcht eines eingekerkerten Mädchens oder dem Begehren eines einsamen Mannes geboren wurde. Callista erzählte mir, bevor ich ins. Feld zog, sie werde, sollte sie ihres Vaters und deine Zustimmung nicht erringen können, Armida und Darkover verlassen und mit Andrew zu seiner Welt gehen.«

Leonie schüttelte kummervoll den Kopf. »Ich habe die terranischen Schiffe auf dem Raumhafen bei Thendara liegen sehen. Und mein Bruder Lorill, der dem Rat angehört und mit den Terranern zu tun hat, sagt, sie scheinen in jeder Beziehung Menschen wie wir zu sein. Aber eine Ehe, Damon? Ein Mädchen von diesem Planeten, ein Mann von irgendeinem anderen? Selbst wenn Callista keine Bewahrerin wäre und kein Gelübde abgelegt hätte, wäre eine solche Ehe befremdlich und ein Risiko für beide.«

»Ich glaube, das wissen sie, Leonie. Und trotzdem sind sie entschlossen.«

»Ich habe immer die sehr starke Überzeugung gehabt«, meinte Leonie mit einer Stimme, die wie von weit her klang, »dass eine Bewahrerin niemals heiraten sollte. So habe ich mein ganzes Leben lang empfunden, und danach habe ich gelebt. Wäre dem nicht so gewesen ...« Sie sah kurz zu Damon hoch, und der Schmerz in ihrer Stimme erschreckte ihn. Er versuchte, sich dagegen abzuschirmen. Ellemir, dachte er, als sei der Name ein Schutzzauber. Doch Leonie fuhr seufzend fort: »Trotzdem, ich würde Callista nicht zwingen, sich nach meinem Glauben zu richten, wenn sie von tiefer Liebe zu einem Mann ihres eigenen Clans und ihrer eigenen Kaste erfüllt wäre. Dann würde ich sie bereitwillig freigeben. Nein ...« Leonie unterbrach sich. »Nein, nicht bereitwillig, weil ich weiß, welche Schwierigkeiten auf eine Frau warten, die als Bewahrerin eines Matrix-Kreises ausgebildet und konditioniert ist. Nicht bereitwillig. Aber freigegeben hätte ich sie, und da mir dann nichts anderes übrig bliebe, hätte ich sie dem Bräutigam mit Anstand übergeben. Aber wie kann ich sie einem Fremden übergeben, einem Mann von einer anderen Welt, der nicht einmal auf unserm Boden, unter unserer Sonne geboren ist? Der Gedanke erfüllt mich mit eisigem Entsetzen, Damon! Mich schaudert es dabei.«

Langsam antwortete Damon: »So habe ich anfangs auch empfunden. Aber Andrew ist kein Fremder. Mein Verstand weiß, dass er auf einer anderen Welt geboren ist, die um die Sonne eines anderen Himmels kreist, um einen fernen Stern, der von hier aus nicht einmal ein Lichtpünktchen an unserm Himmel ist. Dennoch ist er nicht unmenschlich, ist kein Ungeheuer, das sich als Mensch maskiert. Er ist in Wahrheit einer von unserer eigenen Art, ein Mann wie ich. Er mag uns fremd sein, aber fremdartig ist er nicht. Ich sage dir, Leonie, ich weiß es. Sein Geist ist mit meinem verbunden gewesen.« Unbewusst legte Damon seine Hand auf den Matrix-Kristall, den auf Psi-Kräfte reagierenden Stein, den er in einem isolierenden Beutel um den Hals trug. Er setzte hinzu: »Er hat Laran.«

Leonie sah ihn erschreckt, ungläubig an. Laran war die Psi-Kraft, die die Comyn der Domänen über das gewöhnliche Volk hinaushob, die erbliche Fähigkeit, die in das Comyn-Blut hineingezüchtet worden war. »Laran!«, rief sie beinahe zornig aus. »Das kann ich nicht glauben.«

»Glauben oder Unglauben ändert eine einfache Tatsache nicht, Leonie«, sagte Damon. »Ich habe Laran gehabt, seit ich ein Junge war, ich bin in einem Turm ausgebildet, und ich sage dir, dieser Terraner hat Laran. Ich habe meinen Geist mit dem seinen zusammengeschlossen, und ich versichere dir, er unterscheidet sich in nichts von einem Mann unserer eigenen Welt. Es gibt keinen Grund, Callistas Wahl mit Entsetzen oder Abscheu zu betrachten. Er ist ein Mensch wie wir.«

Leonie sagte: »Und er ist dein Freund.«

Damon nickte. »Mein Freund. Und um Callista zu retten, schlossen wir uns zusammen – durch die Matrix.« Es war nicht nötig, mehr zu sagen. Es war das stärkste bekannte Band, stärker als Blutsverwandtschaft, stärker als das Band zwischen Liebenden. Es hatte Damon und Ellemir zusammengebracht, und ebenso Andrew und Callista.

Leonie seufzte. »Ist das so? Dann nehme ich an, ich muss es akzeptieren, mögen seine Geburt und seine Kaste sein, was sie wollen. Da er Laran hat, ist er ein passender Gatte, wenn irgendein lebender Mann überhaupt ein passender Gatte für eine als Bewahrerin ausgebildete Frau sein kann.«

»Manchmal vergesse ich, dass er keiner von uns ist«, gestand Damon. »Und manchmal wieder kommt er mir merkwürdig, beinahe fremdartig vor, aber der Unterschied ist allein in den Sitten und in der Kultur begründet.«

»Auch das kann einen großen Unterschied bedeuten«, entgegnete Leonie. »Ich denke daran, wie Melora Aillard von Jalak von Shainsa entführt wurde und was sie zu erdulden hatte. Es hat noch nie eine Ehe zwischen den Domänen und den Trockenstädten ohne Tragödie gegeben. Und ein Mann von einer anderen Welt und einer anderen Sonne muss uns noch ferner stehen.«

»Dessen bin ich mir nicht so sicher«, meinte Damon. »Auf jeden Fall ist Andrew mein Freund, und ich werde seine Werbung unterstützen.«

Leonie sank im Sattel zusammen. »Du würdest mit einem Unwürdigen weder Freundschaft schließen noch dich mit ihm durch eine Matrix verbinden. Aber selbst wenn alles, was du sagst, wahr ist, wie kann eine solche Heirat etwas anderes als eine Katastrophe sein? Selbst wenn er einer von uns wäre und voll begriffe, welchen Einfluss der Turm auf Leib und Seele einer Bewahrerin hat, wäre es nahezu unmöglich. Hättest du so viel gewagt?«

Damon antwortete nicht gleich. Sie konnte nicht gemeint haben, was er dachte.

Man lebte nicht mehr in den Tagen vor dem Zeitalter des Chaos, als die Bewahrerinnen verstümmelt, ja sogar zu Neutren, zu weniger als Frauen gemacht wurden. O ja, Damon wusste, Bewahrerinnen wurden immer noch unter schrecklicher Disziplin dazu erzogen, ein von den Männern abgesondertes Leben zu führen. Dazu wurden in Körper und Gehirn Reflexe eingebaut. Aber verändert wurden Körper und Gehirn nicht mehr. Und bestimmt wusste Leonie nicht... andernfalls, dachte Damon, wäre er der eine Mann gewesen, dem sie jene Frage niemals gestellt hätte. Sicher war das in aller Unschuld geschehen, sicher wusste sie es nicht.

Er wappnete sich gegen Leonies Unschuld, er zwang sich, sie anzusehen und mit ruhiger Stimme zu sagen: »Mit Freuden hätte ich es gewagt, Leonie, wenn ich geliebt hätte, wie Andrew liebt.«

Sosehr er sich mühte, fest und leidenschaftslos zu sprechen, teilte sich etwas von seinem inneren Kampf Leonie doch mit. Sie blickte auf, schnell und nur für eine Sekunde oder weniger. Ihre Augen trafen sich, und Leonie wandte ihre ab.

Ellemir, erinnerte Damon sich verzweifelt. Ellemir, meine Liebste, meine versprochene Frau. Aber seine Stimme war ruhig. »Versuche, Andrew ohne Vorurteil gegenüberzutreten, Leonie, und du wirst feststellen, er ist ein Mann, dem du Callista bereitwillig zur Ehe geben kannst.«

Leonie hatte ihre Selbstbeherrschung zurückgewonnen. »Ich will deinem Rat gern folgen, Damon. Aber auch wenn alles, was du sagst, wahr ist, widerstrebt es mir trotzdem.«

»Ich weiß.« Damon blickte die Straße entlang. Sie waren jetzt in Sichtweite der großen Eingangstore von Armida, dem Erbsitz der Domäne Alton. Zu Hause, dachte er, und Ellemir wartet auf mich. »Aber auch wenn alles, was du sagst, Leonie, wahr ist, wüsste ich nicht, was wir tun könnten, um Callista an der Heirat zu hindern. Sie ist kein törichtes junges Mädchen, das sich einer Schwärmerei hingibt. Sie ist eine erwachsene Frau, im Turm ausgebildet, tüchtig, daran gewöhnt, ihren eigenen Willen zu haben. Ich bin überzeugt, sie wird ihren Willen auch durchsetzen, ohne Rücksicht auf uns alle.«

Leonie seufzte. »Ich möchte sie nicht mit Gewalt zurückholen, wenn sie nicht will. Die Bürde einer Bewahrerin ist zu schwer, um sie ohne innere Zustimmung zu tragen. Ich habe sie ein Leben lang getragen, ich weiß Bescheid.« Diese Bürde hatte sie müde gemacht, lastete auf ihr. »Aber an Bewahrerinnen kommt man nicht leicht. Wenn ich sie für Arilinn retten kann, dann, Damon, weißt du, dass ich sie retten muss.«

Damon wusste es. Die alten Psi-Gaben der Sieben Domänen, die hunderte oder tausende von Jahren lang in den Genen der Comyn-Familien herangereift waren, verflüchtigten sich jetzt, starben aus. Telepathen waren seltener als je zuvor. Es verstand sich nicht mehr von selbst, dass die Söhne und Töchter der direkten Nachkommen jeder Domäne die ererbte Psi-Kraft des betreffenden Hauses hatten. Und viele legten gar keinen Wert mehr darauf. Damons älterer Bruder, Erbe der Ridenow-Familie zu Serrais, hatte kein Laran. Damon selbst war der Einzige der Brüder, der Laran in voller Stärke besaß, und er war deswegen in keiner Weise besonders geehrt worden. Im Gegenteil, seiner Arbeit im Turm wegen hatten seine Brüder ihn verachtet, als sei er kein ganzer Mann. Es war schwer, Telepathen zu finden, die der Turmarbeit gewachsen waren. Einige der alten Türme waren geschlossen worden und standen dunkel. Dort gab es keinen Unterricht, keine Übungen, keine Arbeit mit den alten Psi-Wissenschaften von Darkover mehr. Außenseiter, solche mit nur wenigen Tropfen Comyn-Blut, waren zu den geringeren Türmen zugelassen worden, obwohl Arilinn sich an die alten Sitten hielt und nur jene aufnahm, die nahe Blutsverwandte der Domänen waren. Und wenige Frauen mit der Kraft, der Psi-Gabe, dem Durchhaltevermögen, konnten gefunden werden. Dazu mussten sie den Mut und den Willen haben, beinahe alles zu opfern, was einer Frau von den Domänen das Leben lebenswert machte, mussten sich der schrecklichen Disziplin der Bewahrerinnen unterwerfen. Wen würden sie finden, um Callistas Platz neu zu besetzen?

Also führten beide Wege zur Tragödie. Arilinn musste eine Bewahrerin verlieren – oder Andrew eine Frau, Callista einen Mann. Damon seufzte tief und sagte: »Ich weiß, Leonie«, und schweigend ritten sie auf die großen Tore von Armida zu.

2

Andrew Carr, der sich im äußeren Hof von Armida aufhielt, sah die sich nähernden Reiter. Er rief Stallknechte und Diener herbei, die sich um die Pferde kümmern sollten, und ging in die Haupthalle, um ihr Kommen anzukündigen.

»Damon kommt zurück!«, rief Ellemir aufgeregt und lief in den Hof hinaus. Andrew folgte langsamer. Callista hielt sich dicht an seiner Seite.

»Es ist nicht Damon allein«, sagte sie, und Andrew wusste, ohne zu fragen, dass sie ihr Psi-Wahrnehmungsvermögen benutzt hatte, um die Identität der Reiter festzustellen. Er war jetzt daran gewöhnt, und es erschien ihm nicht mehr unheimlich oder Angst einflößend.

Sie lächelte zu ihm auf, und von neuem war Andrew ergriffen von ihrer Schönheit. Er neigte dazu, diese Schönheit zu vergessen, wenn er sie nicht ansah. Bevor er das erste Mal seine Augen auf sie richtete, hatte er ihren Geist und ihr Herz, ihre Sanftheit, ihren Mut, ihr schnelles Verstehen kennen gelernt. Er wusste ihren Wert, ihre Fröhlichkeit und ihren Witz schon zu schätzen, als sie noch allein und verängstigt in der Dunkelheit von Corresanti eingekerkert war.

Aber sie war auch schön, sehr schön, eine schlanke, lang-gliedrige junge Frau mit kupferigem Haar, das ihr in losen Zöpfen über den Rücken hing, und grauen Augen unter geraden Brauen. Während sie mit ihm dahinschritt, stellte sie fest: »Es ist Leonie, die Leronis von Arilinn. Sie ist gekommen, wie ich sie gebeten habe.«

Er nahm ihre Hand leicht in seine, obwohl das immer ein Risiko war. Er wusste, sie war durch Methoden, die er sich nicht einmal vorstellen konnte, darauf konditioniert worden, auch die leiseste Berührung zu vermeiden. Aber diesmal ließ sie ihre Hand, wenn sie auch bebte, in der seinen liegen. Das schwache Zittern verriet, dass in ihrem Inneren, unter der anerzogenen Ruhe, ein Sturm sie schüttelte. Andrew konnte auf den schlanken Händen und Handgelenken eine Anzahl winziger Narben erkennen, die nach verheilten Schnitten oder Brandwunden aussahen. Einmal hatte er sie danach gefragt. Sie hatte es mit einem Schulterzucken abgetan. »Sie sind alt und lange verheilt. Sie waren ... Stützen für mein Gedächtnis.« Sie war nicht bereit gewesen, weiter darüber zu sprechen, aber er konnte erraten, was sie meinte, und von neuem schüttelte ihn das Entsetzen. Würde er diese Frau jemals richtig kennen lernen?

»Ich dachte, du seist die Bewahrerin von Arilinn, Callista«, bemerkte er nun.

»Leonie war schon Bewahrerin, bevor ich geboren wurde. Ich wurde von Leonie ausgebildet, um eines Tages ihren Platz einzunehmen. Ich hatte bereits begonnen, als Bewahrerin zu arbeiten. Ihre Sache ist es, mich freizugeben, wenn sie will.« Wieder war da das schwache Erschauern, der schnell zurückgezogene Blick. Welche Macht hatte diese fürchterliche alte Frau über Callista?

Andrew sah, dass Ellemir auf das Tor zurannte. Wie ähnlich war sie Callista – die gleiche hoch gewachsene Schlankheit, das gleiche kupferig-goldene Haar, die gleichen grauen Augen, dunklen Wimpern, geraden Brauen – und doch unterschied sich Ellemir so stark von ihrer Zwillingsschwester! Mit einer Traurigkeit, so tief, dass er sie nicht als Neid erkannte, beobachtete Andrew Ellemir, die zu Damon eilte. Er sah ihn aus dem Sattel gleiten und sie auffangen, sie umarmen und lange küssen. Würde Callista jemals so frei werden?

Callista führte ihn zu Leonie, der einer ihrer Begleiter vorsichtig aus dem Sattel geholfen hatte. Callistas schlanke Finger lagen immer noch in seiner Hand als Geste des Trotzes, als absichtlicher Bruch des Tabus. Er wusste, sie wollte, dass Leonie es sah. Damon stellte der Bewahrerin gerade Ellemir vor.

»Ihr erweist uns Gnade, meine Dame. Willkommen in Armida.«

Leonie schob ihre Kapuze zurück, und Andrew sah sie forschend an. Da er sich auf eine grässliche, herrschsüchtige alte Schachtel gefasst gemacht hatte, war es ein Schock für ihn, nur eine zarte, dünne, alternde Frau zu erblicken, deren Augen unter den dunklen Wimpern immer noch liebreizend waren und deren Gesicht Spuren früherer bemerkenswerter Schönheit trug. Sie sah nicht streng oder einschüchternd aus. Freundlich lächelte sie Ellemir an.

»Du siehst Callista sehr ähnlich, Kind. Deine Schwester hat mich gelehrt, dich zu lieben; ich freue mich, dich endlich kennen zu lernen.« Ihre Stimme war hell und klar und sehr weich. Dann wandte sie sich Callista zu und streckte ihr begrüßend die Hände entgegen.

»Geht es dir wieder gut, Chiya?« Es war eine ziemliche Überraschung, dass irgendwer die hoch gewachsene Callista »kleines Mädchen« nannte. Callista ließ Andrews Hand los. Ihre Fingerspitzen streiften nur eben die Leonies.

»O ja, ganz gut«, antwortete sie lachend, »aber ich schlafe immer noch wie ein Wickelkind mit einem Licht in meinem Zimmer, damit ich nicht in der Dunkelheit aufwache und glaube, wieder in den verfluchten Höhlen der Katzenwesen zu sein. Schämst du dich meiner, Verwandte?«

Andrew verbeugte sich förmlich. Er kannte die Sitten von Darkover gut genug, dass er die Leronis nicht direkt ansah, aber er fühlte Leonies graue Augen auf sich ruhen. Callista sagte mit ein wenig Herausforderung in der Stimme: »Das ist Andrew, mein versprochener Gatte.«

»Still, Chiya, du hast noch nicht das Recht, so zu sprechen«, verwies Leonie sie. »Wir wollen später darüber reden. Jetzt muss ich erst meinen Gastgeber begrüßen.«

So an ihre Pflichten als Gastgeberin erinnert, ließ Ellemir Damons Hand los und führte Leonie die Stufen hinauf. Andrew und Callista folgten. Doch als er nach Callistas Hand fasste, entzog sie sie ihm – nicht absichtlich, sondern mit langjähriger geistesabwesender Gewohnheit. Er merkte, sie wusste nicht einmal mehr, dass er da war.

Die Große Halle von Armida war ein enormer Raum mit Steinfußboden, in der alten Art mit eingebauten Bänken entlang der Wände und ehrwürdigen Bannern und Waffen über dem großen steinernen Kamin eingerichtet. Am einen Ende der Halle war ein Tisch fest eingemauert. In seiner Nähe lag Dom Esteban Lanart, Lord Alton, von Kissen gestützt auf einem fahrbaren Bett. Er war ein großer, schwerer Mann mit breiten Schultern und dichtem, lockigem rotem Haar, das reichlich mit Grau gesprenkelt war. Als die Gäste eintraten, befahl er gereizt: »Dezi, Junge, richte mich für meine Gäste hoch.« Ein junger Mann, der auf einer der Bänke saß, sprang auf, stopfte ihm geschickt Kissen in den Rücken und hob den alten Mann in sitzende Position. Damon hatte anfangs gedacht, der Junge sei einer von Estebans Leibdienern, doch dann bemerkte er die starke Familienähnlichkeit zwischen dem alten Comyn-Lord und dem Jüngling, der ihm behilflich war.

Er war noch ein Junge, dünn wie eine Peitschenschnur, mit lockigem rotem Haar und Augen, die eher blau als grau waren, aber die Gesichtszüge waren beinahe die von Ellemir.

Er gleicht Coryn, dachte Damon. Coryn war Dom Estebans erstgeborener Sohn gewesen, von seiner längst toten ersten Frau. Viele Jahre älter als Ellemir und Callista, war er Damons geschworener Freund geworden, als sie beide junge Burschen waren. Aber Coryn war seit vielen Jahren tot und begraben. Und er war nicht alt genug geworden, um einen Sohn in diesem Alter zu hinterlassen – nicht ganz alt genug. Trotzdem ist der Junge ein Alton, dachte Damon. Aber wer ist er? Ich habe ihn noch nie gesehen!

Leonie schien ihn jedoch sofort wieder zu erkennen. »Dann hast du also einen Platz für dich gefunden, Dezi?«

Der Junge antwortete mit gewinnendem Lächeln: »Lord Alton hat nach mir geschickt, damit ich mich hier nützlich mache, meine Dame.«

Esteban Lanart sagte: »Sei gegrüßt, Verwandte. Verzeih mir, dass ich mich nicht erheben kann, um dich in meiner Halle willkommen zu heißen. Du erweist mir Gnade, Domna.« Er bemerkte, in welche Richtung Damon blickte, und setzte ungezwungen hinzu: »Ich hatte vergessen, dass du unsern Dezi noch nicht kennst. Sein Name ist Deziderio Leynier. Es wird angenommen, dass er der Nedestro-Sohn eines meiner Cousins ist, doch der arme Gwynn starb, bevor er sich dazu aufgerafft hatte, ihn zu legitimieren. Wir haben ihn auf Laran getestet – er war ein paar Monate in Arilinn –, aber als ich jemanden brauchte, der sich ständig um mich kümmert, fiel Ellemir ein, dass er inzwischen nach Hause gekommen war, und so schickte ich nach ihm. Er ist ein guter Junge.«

Damon war empört. Wie gleichgültig, fast brutal hatte Dom Esteban in Dezis Anwesenheit von seinem Status als Bastard und armer Verwandter gesprochen! Dezis Mund war schmal geworden, aber er blieb ruhig, und Damon fühlte Sympathie für ihn. Also hatte der junge Dezi auch erfahren, was es bedeutet, erst die Wärme und Geborgenheit eines Turmkreises kennen zu lernen und dann ausgestoßen zu werden!

»Verdammt noch mal, Dezi, das sind genug Kissen! Hör auf, mich zu betütteln!«, befahl Esteban. »Ja, Leonie, das ist keine Art, dich nach so vielen Jahren unter meinem Dach willkommen zu heißen. Aber du musst den guten Willen für die Tat nehmen und dich als gebührend mit Verbeugungen und allen Höflichkeiten bedacht betrachten, wie ich sie dir zukommen lassen müsste und zukommen lassen würde, wenn ich mich von diesem verfluchten Bett erheben könnte!«

»Ich brauche keine Höflichkeiten, Cousin.« Leonie trat näher. »Es tut mir nur Leid, dich so wieder zu finden. Ich hatte gehört, dass du verwundet worden bist, aber ich wusste nicht, wie ernst es war.«

»Das wusste ich auch nicht. Es war eine kleine Wunde – ich habe schon tiefere und schmerzhaftere von einem Angelhaken gehabt –, aber klein oder groß, das Rückgrat war verletzt, und wie mir gesagt wird, werde ich nie wieder gehen können.«

Leonie meinte: »Das ist oft so bei Rückgratverletzungen. Du hast noch Glück, dass du deine Hände gebrauchen kannst.«

»O ja, ich glaube auch. Ich kann in einem Sessel sitzen, und Damon hat eine Stütze für meinen Rücken erfunden, so dass ich nicht umfalle wie ein Baby, das noch zu klein für sein hohes Stühlchen ist. Und Andrew hilft mir, das Gut und den Viehbestand zu beaufsichtigen, während Dezi Botengänge für mich erledigt. Ich kann immer noch von meinem Sessel aus regieren, und so bin ich wohl glücklich zu nennen, wie du sagst. Aber ich war Soldat, und jetzt ...« Er brach ab und zuckte die Schultern. »Damon, mein Junge, wie ist dein Feldzug verlaufen?«

»Da gibt es wenig zu erzählen, Schwiegervater«, antwortete Damon. »Die Katzenmänner, die nicht tot sind, haben sich in ihre Wälder geflüchtet. Ein paar leisteten noch einmal Widerstand, aber sie starben. Sonst war nichts.«

Esteban lachte trocken. »Man erkennt gleich, dass du kein Soldat bist, Damon! Auch wenn ich Grund zu der Annahme habe, dass du kämpfen kannst, wenn du musst. Eines Tages, Leonie, wird man überall erzählen, wie Damon mein Schwert gegen die Katzenmänner nach Corresanti trug, im Geist durch die Matrix vereinigt – aber dafür ist ein anderes Mal Zeit. Ich glaube, wenn ich jetzt Einzelheiten über den Feldzug und die Schlachten wissen will, muss ich Eduin fragen; er weiß, was ich hören möchte! Und du, Leonie, bist du hergekommen, um mein törichtes Mädchen wieder zur Vernunft zu bringen und sie nach Arilinn mitzunehmen, wo sie hingehört?«

»Vater!«, protestierte Callista. Leonie lächelte schwach.

»So leicht ist das nicht, Cousin, und ich bin überzeugt, das weißt du auch.«

»Verzeih mir, Verwandte.« Esteban blickte betreten drein. »Ich lasse es an Gastfreundlichkeit fehlen. Ellemir wird dir deine Räume zeigen – verdammt sei das Mädchen, wohin ist sie verschwunden?« Er hob seine Stimme zu dem Ruf: »Ellemir!«

Ellemir trat hastig durch die Tür an der Rückseite. Sie wischte sich die mehlbestäubten Hände an ihrer langen Schürze ab. »Die Mädchen riefen mich, ihnen beim Backen zu helfen, Vater – sie sind jung und unausgebildet. Verzeiht mir, Verwandte.« Sie schlug die Augen nieder und versteckte ihre mehligen Hände. Leonie sagte freundlich: »Entschuldige dich doch nicht dafür, eine gewissenhafte Haushälterin zu sein, mein Mädchen.«

Ellemir bemühte sich, ruhig zu sprechen. »Ich habe ein Zimmer für Euch herrichten lassen, meine Dame, und ein zweites für Eure Begleiterin. Dezi wird für die Unterbringung Eurer Eskorte sorgen. Willst du so gut sein, Cousin?« Damon stellte fest, dass Ellemir mit Dezi wie mit einem Familienangehörigen sprach; er hatte auch bemerkt, dass Callista es nicht tat. Damon sagte: »Wir beide werden dafür sorgen, Ellemir«, und ging mit Dezi hinaus.

Ellemir führte Leonie und ihre Begleiterin (ohne eine solche wäre es für eine Frau von Comyn-Blut skandalös gewesen, eine so weite Reise zu machen) die Treppe hinauf und durch die breiten Korridore des alten Hauses. Leonie fragte: »Führst du diesen großen Haushalt ganz allein, Kind?«

»Nur in der Zeit, wenn der Rat tagt«, antwortete Ellemir, »und unser Coridom ist alt und sehr erfahren.«

»Aber du hast keine verantwortliche Frau, keine Verwandte oder Gesellschafterin? Du bist zu jung, eine solche Bürde allein zu tragen, Ellemir.«

»Mein Vater hat sich noch nicht beschwert«, entgegnete Ellemir. »Ich habe für ihn den Haushalt geführt, seit meine ältere Schwester heiratete; damals war ich fünfzehn.« Sie sprach mit Stolz, und Leonie lächelte.

»Ich habe dir nicht die Fähigkeit abgesprochen, kleine Cousine. Ich meinte nur, dass du sehr einsam sein musst. Wenn Callista nicht bei dir ist, müsste meiner Meinung nach eine Freundin für eine Weile zu Besuch kommen. Du bist bereits überlastet, jetzt, wo dein Vater so viel Fürsorge braucht, und wie willst du fertig werden, wenn Damon dich sofort schwängert?«

Ellemir errötete schwach. »Daran hatte ich nicht gedacht...«

»Nun, eine Jungvermählte muss früher oder später daran denken«, sagte Leonie. »Vielleicht könnte eine von Damons Schwestern herkommen und dir Gesellschaft leisten – Kind, das ist mein Zimmer? Ich bin an solchen Luxus nicht gewöhnt!«

»Es war die Suite meiner Mutter«, erklärte Ellemir. »Nebenan ist ein Zimmer, wo Eure Dame schlafen kann, aber ich hoffe, Ihr habt Eure eigene Zofe mitgebracht, denn Callista und ich haben keine, die wir Euch zur Verfügung stellen könnten. Die alte Bethiah, die unsere Kinderfrau war, starb bei dem Überfall, als Callista entführt wurde, und uns war das Herz zu schwer, als dass wir bisher eine andere an ihre Stelle gesetzt hätten. Dann sind nur noch die Küchenmädchen und dergleichen auf dem Gut.«

»Ich halte keine Zofe«, sagte Leonie. »Im Turm ist das Letzte, was wir uns wünschen, Außenseiter in unserer Nähe zu haben. Das wird dir Damon sicher erzählt haben.«

»Nein, er spricht nie von seiner Zeit im Turm«, antwortete Ellemir, und Leonie fuhr fort: »Jedenfalls halten wir keine menschlichen Diener, auch wenn der Preis ist, dass wir für uns selbst sorgen müssen. Deshalb werde ich sehr gut zurechtkommen, Kind.« Ellemir stieg die Treppe hinab und dachte erstaunt: Sie ist freundlich; – ich mag sie! Aber vieles, was Leonie gesagt hatte, beunruhigte sie. Langsam wurde ihr klar, dass es manches gab, was sie von Damon nicht wusste. Sie hatte es als selbstverständlich hingenommen, dass Callista keine Dienerinnen um sich haben mochte, und ihrer Zwillingsschwester nicht in ihre Angelegenheiten hineingeredet. Aber nun erkannte sie, dass Damons Jahre im Turm, diese Jahre, von denen er niemals sprach – und sie hatte gelernt, dass es ihn unglücklich machte, wenn sie danach fragte – immer wie eine Barrikade zwischen ihr und Damon liegen würden.

Und Leonie hatte gesagt: »Wenn Callista nicht bei dir ist.« Wieso? Konnte Callista tatsächlich nach Arilinn zurückgeschickt, gegen ihren Willen dazu überredet werden, dass ihre Pflicht dort lag? Oder – Ellemir erschauerte – war es möglich, dass Callista gezwungen würde, ihre Drohung wahr zu machen, falls Leonie sie nicht freigab, Armida, ja, Darkover zu verlassen und mit Andrew zu den Welten der Terraner davonzulaufen?

Ellemir wünschte, sie hätte auch nur eine Spur der gelegentlichen Vorausschau, die hin und wieder bei denen von Alton-Blut auftrat. Aber der Blick in die Zukunft war ihr verschlossen. Sosehr sie sich mühte, ihre Gedanken vorauszuwerfen, sie konnte doch nichts sehen als ein beunruhigendes Bild von Andrew, der vorgebeugt das Gesicht mit den Händen deckte und weinte, und sein ganzer Körper wurde geschüttelt von unerträglichem Kummer. Nun machte sie sich Sorgen. Langsam ging sie in die Küche und suchte bei ihren vernachlässigten Kuchen Vergessen.

Ein paar Minuten später meldete sich die Begleiterin Leonies – eine trübe und farblose Frau namens Lauria – bei Callista und richtete ehrerbietig aus, die Lady von Arilinn wünsche allein mit Domna Callista zu sprechen. Widerstrebend erhob sich Callista und streckte Andrew ihre Fingerspitzen entgegen. In ihren Augen saß die Furcht, und er erklärte mit grimmigem Unterton: »Du brauchst ihr nicht allein gegenüberzutreten, wenn du nicht möchtest. Ich lasse es nicht zu, dass die alte Frau dich ängstigt! Soll ich mitkommen und ihr meine Meinung sagen?«

Callista ging auf die Treppe zu. Außerhalb des Zimmers, im Korridor drehte sie sich zu ihm um. »Nein, Andrew, das muss ich allein durchmachen. Du kannst mir jetzt nicht helfen.« Andrew wünschte, er könne sie in die Arme nehmen und trösten. Aber Andrew hatte unter Schmerz und Frustration gelernt, dass Callista so nicht getröstet werden konnte, dass er sie nicht einmal berühren durfte, ohne einen ganzen Komplex von Reaktionen heraufzubeschwören, die er bis heute nicht verstand, die aber Callista in Schrecken zu versetzen schienen. So sagte er nur liebevoll: »Mach es auf deine Weise, mein Herz. Aber lass dich von ihr nicht einschüchtern. Denke daran, ich liebe dich. Und wenn sie uns hier nicht heiraten lassen, dann gibt es immer noch eine ganze große Welt außerhalb von Armida. Und eine Menge Welten in der Galaxis außer dieser, falls du das vergessen haben solltest.«

Sie blickte zu ihm auf und lächelte. Manchmal dachte sie, wenn sie ihn zuerst auf normale Weise gesehen und nicht durch die Vereinigung ihrer Gedanken in der Matrix kennen gelernt hätte, dann wäre er ihr nie gut aussehend vorgekommen. Vielleicht hätte sie ihn sogar hässlich gefunden. Er war ein großer, breiter Mann, hellhaarig wie ein Trockenstädter, unordentlich, linkisch – und trotzdem, wie lieb war er ihr geworden, wie sicher fühlte sie sich in seiner Gegenwart! Sie wünschte mit Schmerzen, dass sie sich in seine Arme werfen und sich an ihn schmiegen könne, wie Ellemir es so zwanglos mit Damon tat, aber die alte Furcht lähmte sie. Doch sie legte ihre Fingerspitzen auf seine Lippen, was selten geschah. Er küsste sie, und sie lächelte. Sie sagte leise: »Und ich liebe dich, Andrew. Falls du das vergessen haben solltest.« Damit stieg sie die Treppe hinauf zu dem Zimmer, in dem Leonie auf sie wartete.

3

Die beiden Bewahrerinnen von Arilinn, die junge und die alte, standen sich gegenüber. Callista dachte über Leonies Erscheinung nach. Sie war vielleicht nie schön gewesen, abgesehen von den ausdrucksstarken Augen, hatte jedoch regelmäßige Gesichtszüge voll heiterer Ruhe. Ihr Körper war flach und schmächtig, geschlechtslos wie der einer Emmasca, das Gesicht blass und leidenschaftslos, wie aus Marmor gehauen. Ein leichter Entsetzensschauer überrieselte Callista, als sie erkannte, dass die Gewohnheit von Jahren, die Disziplin, die bis in die Knochen gegangen war, ihren eigenen Ausdruck abschliff und sie kalt und zurückhaltend machte wie Leonie. Das Gesicht der alten Bewahrerin schien ihr ein Spiegel ihres eigenen zu sein, über die vielen toten Jahre hinweg, die vor ihr lagen. In einem halben Jahrhundert werde ich genau wie sie aussehen ... Aber nein! Nein! Ich will nicht, ich will nicht!

Wie alle Bewahrerinnen hatte sie gelernt, ihre eigenen Gedanken abzuschirmen. Mit seltsamer Hellsichtigkeit erfasste sie, dass Leonie von ihr erwartete, sie werde zusammenbrechen und weinen, bitten und betteln wie ein hysterisches Mädchen. Und doch hatte Leonie selbst ihr vor Jahren mit dieser eisigen Kälte, dieser absoluten Selbstbeherrschung die nötige Rüstung gegeben. Sie war Bewahrerin, in Arilinn ausgebildet; sie würde sich nicht als ungeeignet erweisen. Ruhig legte sie die Hände in den Schoß und wartete, und schließlich musste Leonie als Erste sprechen.

»Es hat eine Zeit gegeben«, sagte sie, »als ein Mann, der eine Bewahrerin zu verführen suchte, mit Haken zerrissen wurde, Callista.«

»Das ist Jahrhunderte her«, erwiderte Callista mit ebenso leidenschaftsloser Stimme wie Leonie. »Außerdem hat Andrew nicht versucht, mich zu verführen; er hat mir einen ehrenhaften Heiratsantrag gemacht.«

Leonie zuckte leicht die Schultern. »Das ist alles eins.« Sie schwieg lange Zeit. Das Schweigen wurde zu Minuten, und wieder spürte Callista, dass Leonie wollte, sie solle die Beherrschung verlieren und sie anflehen. Aber Callista wartete bewegungslos, und wieder war es Leonie, die das Schweigen brechen musste.

»Das ist dann also die Art, wie du deinen Eid hältst, Callista von Arilinn?«

Einen Augenblick lang schnürte der Schmerz Callista die Kehle zusammen. Der Titel stand nur einer Bewahrerin zu, dieser Titel, den sie um einen so schrecklichen Preis errungen hatte! Und Leonie sah so alt, so traurig, so müde aus!

Leonie ist alt, sagte sie zu sich selbst. Sie möchte die Bürde abwerfen, möchte sie in meine Hände geben. Ich bin seit meiner Kinderzeit so sorgfältig ausgebildet worden. Leonie hat so geduldig gearbeitet und auf den Tag gewartet, an dem ich den Platz einnehmen könnte, den sie für mich vorbereitet hat. Was wird sie jetzt tun?

Dann wurde der Schmerz von Zorn abgelöst, Zorn auf Leonie, weil sie auf diese Art mit ihren Gefühlen spielte. Callistas Stimme klang ruhig.

»Neun Jahre lang, Leonie, habe ich die Bürde des Bewahrerinneneides getragen. Ich bin nicht die Erste, die darum bittet, von ihm befreit zu werden, und ich werde auch nicht die Letzte sein.«

»Als ich Bewahrerin wurde, Callista, war es selbstverständlich, dass die Entscheidung für das ganze Leben galt. Ich habe meinen Eid mein Leben lang gehalten. Ich hatte gehofft, du seiest bereit, nicht weniger zu tun.«

Callista hätte gern geweint, hätte gern hinausgeschrieen Ich kann nicht, hätte Leonie gern angefleht. Sie dachte mit seltsamer Objektivität, dass es besser wäre, wenn sie es tun könnte. Dann würde Leonie sie für ungeeignet halten und eher bereit sein, sie freizugeben. Aber man hatte sie Stolz gelehrt, und sie hatte darum gekämpft und sich damit gerüstet, und jetzt konnte sie ihn auch nicht mehr ablegen.

»Mir ist nie gesagt worden, Leonie, dass der Eid, den ich ablegte, für mein ganzes Leben gilt. Du warst es, die mir versicherte, die Bürde sei zu schwer, um ohne innere Zustimmung getragen zu werden.«

Mit steinerner Geduld antwortete Leonie: »Das ist wahr. Doch ich hätte dich für stärker gehalten. Nun, dann erzähle mir darüber. Hast du schon bei deinem Liebhaber gelegen?« Das Wort hatte einen verächtlichen Klang; es war das Gleiche, das sie zuvor mit der Bedeutung »versprochener Gatte« benutzt hatte, doch diesmal versah Leonie es mit der herabsetzenden Endsilbe, die ihm den Sinn von »Buhle« verlieh. Callista musste eine Pause machen und alle Kraft sammeln, bevor sie mit fester Stimme sprechen konnte.

»Nein. Ich bin bisher noch nicht von meinem Eid befreit worden, und er ist zu ehrenhaft, um es zu verlangen. Ich habe um Erlaubnis zu einer Heirat gebeten, Leonie, nicht um Absolution für Verrat.«

»Wirklich?« Leonie legte Unglauben in das Wort. »Da du dich entschlossen hattest, deinen Eid zu brechen, wundere ich mich, dass du auf meine Erlaubnis gewartet hast!«

Diesmal brauchte Callista all ihre Selbstbeherrschung, um nicht in eine wütende Verteidigung ihrer selbst und Andrews auszubrechen. Dann wurde ihr klar, dass Leonie sie herausforderte, dass sie prüfen wollte, ob ihre Schülerin wirklich die Kontrolle über ihre sorgfältig disziplinierten Emotionen verloren habe. Dies Spiel kannte sie aus ihren ersten Tagen in Arilinn, und die Erinnerung erleichterte sie so sehr, dass sie am liebsten gelacht hätte. Gelächter war in dieser ernsten Konfrontation ebenso unvorstellbar wie Tränen, aber Belustigung schwang in ihrer Stimme mit, und sie wusste, Leonie merkte es. »Wir haben eine Hebamme auf Armida, Leonie. Lass sie holen, wenn du willst, und meine Jungfräulichkeit bestätigen.«

Jetzt senkte Leonie die Augen. Schließlich sagte sie: »Das wird nicht nötig sein, Kind. Aber ich hatte mich, als ich hierher kam, darauf vorbereitet, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass du vergewaltigt worden bist.«

»In der Gewalt der Nichtmenschen? Nein, ich musste Furcht, Kälte, Einkerkerung, Hunger und Misshandlung ertragen, aber eine Vergewaltigung ist mir erspart geblieben.«

»Es hätte im Grunde nichts zu bedeuten gehabt, weißt du«, sagte Leonie, und ihre Stimme war sehr sanft. »Natürlich braucht sich eine Bewahrerin im Allgemeinen nicht sehr vor einer Vergewaltigung zu fürchten. Du weißt ebenso gut wie ich, dass jeder Mann, der Hand an eine Bewahrerin legt, die so ausgebildet worden ist wie du, sein Leben riskiert. Aber möglich ist eine Vergewaltigung schon. Manche Frauen sind durch rohe Kraft überwältigt worden und hatten dann im letzten Augenblick Angst, jene Kraft, die sie schützen kann, zu aktivieren. Deshalb wollte ich dir unter anderem auch sagen: Selbst wenn du wirklich vergewaltigt worden wärst, hättest du immer noch die Wahl, mein Kind. Es ist nicht der körperliche Akt, der den Unterschied ausmacht, wie du weißt.« Callista hatte es nicht gewusst und war ein bisschen überrascht.

Leonie fuhr sachlich fort: »Wenn dich ein Mann ohne deine Zustimmung genommen hätte, wäre nichts weiter notwendig gewesen als eine kurze Zeit der Absonderung, um deine Ängste und Wunden zu heilen. Aber auch, wenn es keine Vergewaltigung war, wenn du dich aus Dankbarkeit oder Freundlichkeit deinem Retter hingegeben hast, ohne gefühlsmäßig richtig beteiligt zu sein – was ja gut möglich ist – selbst dann braucht es nicht unwiderruflich zu sein. Eine Zeit der Absonderung, der Neukonditionierung, und du könntest sein wie zuvor, unverändert, unbeschädigt, immer noch fähig, Bewahrerin zu sein. Das ist nicht allgemein bekannt; wir halten es aus offensichtlichen Gründen geheim. Aber du hast immer noch die Wahl, Kind. Ich möchte nicht, dass du denkst, du seist wegen einer Sache, die ohne deinen Willen geschehen ist, für alle Zeit aus dem Turm verstoßen.«

Leonie sprach immer noch ruhig, beinahe unbeteiligt, aber Callista wusste, dahinter stand ein Flehen.

Von Mitleid und Schmerz gefoltert, sagte Callista: »Nein, so ist es nicht, Leonie. Was zwischen uns geschehen ist... Das ist etwas ganz anderes. Ich lernte ihn kennen und lieben, bevor ich in dieser Welt jemals sein Gesicht gesehen hatte. Aber er ist zu ehrenhaft, um von mir zu verlangen, ich solle einen gegebenen Eid brechen, ohne die Erlaubnis erhalten zu haben.«

Leonie hob die Augen, und der stahlblaue Blick war plötzlich wie ein gleißender Blitz.

»Liegt es daran, dass er zu ehrenhaft ist«, fragte sie hart, »oder daran, dass du zu viel Angst hast?«

Callista war es wie ein Stich ins Herz, aber ihre Stimme blieb fest. »Ich habe keine Angst.«

»Vielleicht nicht um dich selbst – das glaube ich dir. Aber auch nicht um ihn, Callista? Du kannst immer noch ohne Strafe, ohne Unbill nach Arilinn zurückkehren, doch wenn du nicht zurückkehrst – soll das Blut deines Liebhabers über dich kommen? Du wärst nicht die erste Bewahrerin, die einem Mann den Tod bringt!«

Callista hob die Hand und öffnete die Lippen zum Widerspruch, aber Leonie winkte ihr zu schweigen und fuhr erbarmungslos fort: »Bist du im Stande gewesen, auch nur seine Hand zu berühren?«

Callista fühlte sich von Erleichterung überflutet, einer so großen Erleichterung, dass sie wie körperlicher Schmerz war und ihr die Kraft nahm. Mit dem getreuen Erinnerungsvermögen des Telepathen ließ sie ein Bild in sich aufsteigen, und es war, als sei die Zeit, die zwischen dem Damals und dem Heute lag, ausgelöscht...

Andrew hatte sie aus der Höhle getragen, wo die Große Katze tot lag, ein geschwärzter Leichnam neben der zerschmetterten Matrix, die sie entweiht hatte. Andrew hatte sie in seinen Mantel gewickelt und vor sich auf sein Pferd gesetzt. Von neuem fühlte sie, als sei es Wirklichkeit, wie sie sich an ihn lehnte, wie ihr Kopf an seiner Brust lag, in die Beugung seines Arms geschmiegt, wie sein Herz dicht an ihrer Wange schlug. Sicher, warm, glücklich, völlig im Frieden. Zum ersten Mal, seit sie zur Bewahrerin gemacht worden war, fühlte sie sich frei. Sie berührte und wurde berührt, sie lag in seinen Armen und war es zufrieden. Und während des ganzen langen Rittes nach Armida hatte sie dort gelegen, in seinen Mantel gewickelt, erfüllt von solchem Glück, wie sie es sich nie hatte vorstellen können.

Als Leonie das Bild in Callistas Gedanken auffing, veränderte sich das Gesicht der älteren Frau. Dann sagte sie mit sanfterer Stimme, als Callista je von ihr gehört hatte: »Ist das so, Chiya? Dann, wenn Avarra dir gnädig ist, möge es sein, wie du wünschst. Ich hatte es nicht für möglich gehalten.«

Und Callista empfand eine merkwürdige Unruhe. Ganz ehrlich war sie zu Leonie doch nicht gewesen. Ja, in dieser kurzen Zeitspanne hatte sie gebrannt vor Liebe, hatte sich warm, furchtlos, zufrieden gefühlt – aber dann war der alte nervöse Zwang nach und nach zurückgekommen, und jetzt fand sie es schon schwierig, seine Fingerspitzen zu berühren. Bestimmt war das nur die Gewohnheit, die jahrelange Gewohnheit, versicherte sie sich selbst. Bestimmt kam alles in Ordnung ...

Leonie fragte liebevoll: »Dann, Kind, würde es dich tatsächlich unglücklich machen, wenn du von deinem Liebhaber scheiden müsstest?«

Callista merkte, dass sie ihre ruhige Haltung verloren hatte. Sie sagte – und sie wusste, dass ihre Stimme brach und dass die Tränen aus ihren Augen stürzten –: »Ich würde nicht weiterleben wollen, Leonie.«

»So ...« Leonie sah sie mit schrecklicher, losgelöster Traurigkeit lange an. »Begreift er, wie schwer es sein wird, Kind?«

»Ich glaube – ich bin sicher, dass ich es ihm klarmachen kann«, meinte Callista zögernd. »Er hat versprochen, so lange zu warten, wie wir müssen.«

Leonie seufzte. Nach kurzem Schweigen sagte sie: »Nun, dann, Kind ... Kind, ich will nicht, dass du unglücklich wirst. Wie ich gesagt habe, der Eid einer Bewahrerin ist eine zu schwere Bürde, um ohne innere Zustimmung getragen zu werden.« Sie vollführte eine merkwürdige förmliche Geste: Sie streckte Callista ihre Handflächen entgegen, und die jüngere Frau legte die ihren dagegen. Leonie holte tief Atem. »Sei frei von deinem Eid, Callista Lanart Vor den Göttern und vor allen Menschen erkläre ich dich für schuldlos und von der Fessel los, und dabei werde ich bleiben.«

Langsam trennten sich ihre Hände. Callista flog an allen Gliedern. Leonie nahm ihr Taschentuch und trocknete Callistas Augen. Sie flüsterte: »Ich bete darum, dass ihr beide stark genug sein werdet.« Sie schien noch etwas sagen zu wollen, unterließ es jedoch. »Nun, ich nehme an, dein Vater wird eine ganze Menge dazu zu sagen haben, mein Liebling. Deshalb wollen wir gehen und es uns anhören.« Lächelnd setzte sie hinzu: »Und dann, wenn er es alles gesagt hat, werden wir ihm berichten, was sein wird, ob es ihm gefällt oder nicht. Hab keine Angst, mein Kind; ich fürchte mich nicht vor Esteban Lanart, und du darfst es auch nicht tun.«

Andrew wartete in dem Gewächshaus, das sich hinter dem Hauptgebäude auf Armida erstreckte. Allein, wie er war, blickte er durch das dicke, wellige Glas auf die Umrisse der fernen Berge. Es war heiß hier, und es roch durchdringend nach Blättern und Erde und Pflanzen. Unter dem Licht der Sonnenkollektoren musste er die Augen zusammenkneifen, bis er sich daran gewöhnt hatte. Er schritt durch die Reihen der Pflanzen, die feucht waren vom Bewässern, und fühlte sich isoliert und schrecklich einsam.

Hin und wieder überkam ihn dies Gefühl. Meistens fühlte er sich hier zu Hause, mehr zu Hause als er sich je anderswo im Imperium gefühlt hatte, seit die Pferderanch in Arizona, wo er seine Kindheit verbracht hatte, schuldenhalber verkauft worden und er als Zivilangestellter des Imperiums in den Raum gegangen war. Damals war er achtzehn gewesen. Nach dem Willen der Administratoren und Computer war er von Planet zu Planet geschickt worden. Und hier hatte man ihn nach den ersten paar Tagen der Fremdheit willkommen geheißen. Als man hörte, er verstehe etwas über das Einbrechen und Trainieren von Pferden, was auf Darkover ein seltenes und hoch bezahltes Fachgebiet war, hatte man ihn als einen Mann, der seinen Beruf verstand, mit Achtung behandelt. Von den Pferden auf Armida hieß es, sie seien die Besten in den Domänen, aber die Trainer holte man sich für gewöhnlich aus Dalereuth weit im Süden.

Und so war er im Allgemeinen in den Wochen, seit er als Callistas versprochener Gatte hierher gekommen war, glücklich gewesen. Seine terranische Geburt war nur Damon und Dom Esteban, Callista und Ellemir bekannt. Die anderen hielten ihn einfach für einen Fremden aus dem Tiefland jenseits von Thendara. So unglaublich es war, er hatte hier eine zweite Heimat gefunden. Die Sonne war riesig und blutig rot, die vier Monde, die nachts über den merkwürdig violetten Himmel zogen, hatten ungewohnte Farben und trugen Namen, die er noch nicht kannte, aber trotz allem war das hier sein Zuhause geworden ...

Zuhause.

Und doch gab es Augenblicke wie diesen, Augenblicke, da er sich grausam isoliert fühlte, da er erkannte, nur Callistas Anwesenheit machte Armida zu einem Zuhause für ihn. Unter dem mittäglichen Glitzern des Gewächshauses überkam ihn diese Stimmung von neuem. Wonach sehnte er sich? Es gab nichts in der Welt, das man ihn gelehrt hätte, sein Eigen zu nennen, nichts in der trockenen und öden Welt des Terranischen Hauptquartiers, und er verlangte auch nach nichts. Aber konnte er hier Wurzeln schlagen, oder würde Leonie Callista wieder in die fremdartige Welt der Türme entführen?

Nach langer Zeit wurde ihm bewusst, dass Damon hinter ihm stand. Damon berührte ihn nicht – Andrew hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass das unter Telepathen nicht der Brauch war –, aber er war ihm nahe genug, dass er die Anwesenheit des älteren Mannes als Trost empfand.

»Mach dir darüber keine Sorgen, Andrew. Leonie ist kein Menschenfresser. Sie liebt Callista. Die Bande eines Turmkreises sind die stärksten, die wir kennen. Sie wird wissen, was Callista wirklich wünscht.«

»Gerade das fürchte ich«, würgte Andrew mit trockener Kehle hervor. »Vielleicht weiß Callista nicht, was sie wünscht. Vielleicht wandte sie sich mir nur zu, weil sie allein und verängstigt war. Ich fürchte den Einfluss dieser alten Frau auf sie. Die Macht des Turms – sie ist vielleicht zu stark.«

Damon seufzte. »Und doch kann sie gebrochen werden. Ich habe sie gebrochen. Es war schwer – ich kann dir gar nicht erzählen, wie schwer es war und doch habe ich mir schließlich ein neues Leben aufgebaut. Und solltest du Callista auf diese Weise verlieren, ist es besser jetzt als später, wenn es für sie zu spät für eine Rückkehr ist.«

»Es ist bereits zu spät für mich«, sagte Andrew, und Damon nickte mit beunruhigtem Lächeln.

»Auch ich möchte dich nicht verlieren, mein Freund.« Bei sich dachte Damon: Du bist Teil dieses neuen Lebens, das ich mir mit so unendlicher Mühe aufgebaut habe. Du und Ellemir und Callista. Ich ertrage keine weitere Amputation mehr. Aber Damon sprach es nicht aus, er seufzte nur und blieb neben Andrew stehen. Das Schweigen in dem Gewächshaus dauerte so lange, dass die rote Sonne vom Zenit herniederstieg und ihre Kraft verlor, und Damon ging schließlich, um die Sonnenkollektoren umzustellen. Andrew schleuderte ihm entgegen: »Wie kannst du so ruhig warten? Was sagt diese alte Frau ihr?«

Doch Andrew hatte bereits gelernt, dass das Belauschen der Gedanken eines anderen in der Kaste der Telepathen als schändlichstes Verbrechen galt. Er wagte nicht einmal einen Versuch, Callista auf diese Weise zu erreichen. In seiner Erregung lief er im Gewächshaus auf und ab.

»Ruhig, ruhig«, mahnte Damon. »Callista liebt dich. Das lässt sie sich von Leonie nicht ausreden.«

»Selbst dessen bin ich mir nicht mehr sicher!«, rief Andrew verzweifelt. »Sie lässt es nicht zu, dass ich sie berühre, dass ich sie küsse ...«

Freundlich erwiderte Damon: »Ich dachte, das hätte ich dir erklärt. Sie kann es nicht