Die Erben von Hammerfell - Marion Zimmer Bradley - E-Book

Die Erben von Hammerfell E-Book

Marion Zimmer Bradley

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Beschreibung

Bestsellerautorin Marion Zimmer Bradley ("Die Nebel von Avalon") hat mit dem opulenten Darkover-Zyklus eine einzigartige Romanreihe geschaffen: Die fesselnde Geschichte einer geheimnisvollen fremden Welt und ihrer Bewohner ist Kult! Auf dem fernen Planeten Darkover kämpfen die ungleichen Zwillingsbrüder Alastair und Conn um ihr Erbe... Zwischen den Herzogtümern Hammerfell und Storn tobt ein unerbittlicher Kampf. Nun scheint es, als habe Storn gewonnen, denn Rascard von Hammerfell stirbt bei der Verteidigung seiner Festung. Dennoch ist Storns Triumph nicht vollständig, denn in letzter Sekunde gelingt es Rascards junger Frau, ihre Zwillingssöhne aus der brennenden Burg zu retten. Jahre später sollen Alastair und Conn die Gelegenheit haben, ihren Vater zu rächen. Doch dann verstricken sie sich in einen erbitterten Bruderzwist.

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Marion Zimmer Bradley – Der “Darkover”-Romanzyklus bei EdeleBooks:

ISBN 978-3-95530-591-8Die LandungISBN 978-3-95530-598-7Herrin der StürmeISBN 978-3-95530-597-0Herrin der FalkenISBN 978-3-95530-609-0Der Untergang von NeskayaISBN 978-3-95530-608-3Zandrus SchmiedeISBN 978-3-95530-607-6Die Flamme von HaliISBN 978-3-95530-594-9Die Zeit der hundert KönigreicheISBN 978-3-95530-592-5Die Erben von HammerfellISBN 978-3-95530-593-2Die zerbrochene KetteISBN 978-3-95530-603-8Gildenhaus ThendaraISBN 978-3-95530-595-6Die schwarze SchwesternschaftISBN 978-3-95530-596-3An den Feuern von HasturISBN 978-3-95530-588-8Das ZauberschwertISBN 978-3-95530-599-4Der verbotene TurmISBN 978-3-95530-589-5Die Kräfte der ComynISBN 978-3-95530-586-4Die Winde von DarkoverISBN 978-3-95530-601-4Die blutige SonneISBN 978-3-95530-602-1Hasturs ErbeISBN 978-3-95530-585-7Retter des PlanetenISBN 978-3-95530-587-1Das Schwert des AldonesISBN 978-3-95530-600-7Sharras ExilISBN 978-3-95530-590-1Die WeltenzerstörerISBN 978-3-95530-604-5Asharas RückkehrISBN 978-3-95530-606-9Die SchattenmatrixISBN 978-3-95530-605-2Der Sohn des Verräters

Marion Zimmer Bradley Die Erben von Hammerfell

Ein Darkover Roman

Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by Edel eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg. Copyright © 1989 by Marion Zimmer Bradley Copyright First german Edition © 1991 by Hestia Verlag GmbH&Co.KG, Rastatt Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "The Heirs of Hammerfell" Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck Trotz intensiver Recherche war es dem Verlag nicht möglich, den Rechteinhaber der Übersetzung zu identifizieren bzw. einen Kontakt herzustellen. Wie bitten den Übersetzer bzw. seinen Nachfolger, sich ggf. beim Verlag zu melden.

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-592-5

edel.com

I

Der Sturm tobte über die Hellers. Blitze zerrissen den Himmel, und das Donnerkrachen hallte lange in den Tälern wider. Zwischen den Wolken wurden Fetzen eines fahlen Himmels sichtbar, noch beleuchtet von den letzten Strahlen der großen roten Sonne. Neben der Zacke des höchsten Gipfels hing die schmale Sichel des türkisfarbenen Mondes. Ein zweiter Mond, violett und tagesblaß, versteckte sich nahe dem Zenit hinter den rasenden Wolken. Schnee lag auf den Bergen, und hin und wieder machten vereiste Stellen den Weg für das kleine gehörnte Reittier, das den engen Pfad entlangfloh, gefährlich. Die anderen Monde waren im Augenblick nicht sichtbar, doch den einsamen Reiter kümmerte das nicht.

Der alte Mann auf dem Rücken des Chervines klammerte sich am Sattel fest. Er achtete nicht darauf, daß aus seiner Wunde immer noch Blut sickerte, das sich mit dem Regen mischte und die Vorderseite seines Hemds und Mantels befleckte. Ein Stöhnen entrang sich seinen Lippen, aber er war sich dessen ebensowenig bewußt wie der Wunde, die er völlig vergessen hatte. Und es war sowieso niemand da, der ihn hätte hören können.

So jung, und der letzte, der letzte von den Söhnen meines Lords und auch mir teuer wie ein Sohn, und so jung, so jung … viel zu jung zum Sterben … Jetzt ist es nicht mehr weit. Wenn ich es nur bis nach Hause schaffe, bevor die Storn-Leute merken, daß ich entkommen bin …

Das Chervine stolperte über einen Stein, den das Eis losgesprengt hatte, und wäre beinahe gefallen. Es fing sich wieder, aber der alte Mann wurde aus dem Sattel geschleudert. Er schlug hart auf und blieb liegen, denn ihm fehlte die Kraft zum Aufstehen. Und immer noch flüsterte er seine Klage.

So jung, so jung … und wie soll ich die Nachricht seinem Vater bringen? Oh, mein Lord, mein junger Lord … mein Alaric!

Mühsam hob er den Blick zu der Burg oben auf den Klippen, erbaut aus rauh behauenen Steinen. Sie wäre für ihn nicht schwerer zu erreichen gewesen, hätte sie auf dem grünen Mond gelegen. Verzweifelt schloß er die Augen. Das Chervine, das seiner Bürde ledig war, aber durch das Gewicht des Sattels immer noch an den Willen des Reiters gebunden wurde, stupste den alten Mann auf dem eisigen, nassen Pfad sacht mit der Nase an. Dann witterte es andere Tiere seiner Art. Sie kamen den steilen Weg herunter, den der alte Mann so mühsam emporgeklommen war. Das Chervine hob den Kopf und wieherte leise, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, denn das bedeutete Futter, Ruhe und Befreiung vom Sattel.

Rascard, Herzog von Hammerfell, vernahm das Wiehern. Er hob die Hand und brachte den kleinen Zug, der ihm folgte, zum Halten.

»Hör doch, was ist das?« fragte er den Friedensmann, der hinter ihm ritt. In dem trüben Licht des Unwetters konnte er gerade noch das reiterlose Tier und die zusammengesunkene Gestalt auf dem Weg erkennen.

»Bei den Dunklen Göttern! Es ist Markos!« rief er aus. Ohne daran zu denken, wie gefährlich es war, sprang er aus dem Sattel, eilte den steilen, schlüpfrigen Weg hinunter zu dem Verwundeten und kniete neben ihm nieder. »Regis! Lexxas! Bringt Wein und Decken!« rief er, beugte sich über den alten Mann und zog vorsichtig den Mantel zur Seite. »Er lebt noch«, fügte er leise hinzu, kaum imstande, es zu glauben.

»Markos, alter Freund, sprich zu mir! Oh, ihr Götter, wie bist du zu einer solchen Wunde gekommen! Waren es die Schurken von Storn?«

Der Mann auf dem Boden öffnete die Augen. Ihr Blick war mehr von Verwirrung denn vom Schmerz getrübt, als sich eine Gestalt über ihn beugte und ihm eine Flasche an den Mund hielt: Er schluckte, hustete qualvoll und schluckte von neuem. Doch der Herzog hatte den blutigen Schaum auf seinen Lippen bemerkt.

»Nein, Markos, versuch nicht zu reden.« Er nahm den offensichtlich Sterbenden in die Arme, und Markos, seit vierzig Jahren mit ihm verbunden, hörte die Frage, die der Herzog von Hammerfell nicht laut aussprechen mochte.

Was ist mit meinem Sohn? Was ist mit meinem Alaric? Oh, ihr Götter, ich habe ihn dir als meinem zweiten Ich anvertraut … Ein Leben lang hast du dieses Vertrauen nicht enttäuscht …

Und das Band trug ihn zu den Gedanken des halb bewußtlosen Mannes.

Auch diesmal nicht. Ich glaube nicht, daß er tot ist. Die Männer von Storn waren über uns, ehe wir sie gesehen hatten … ein einziger Pfeil für jeden … Fluch sei ihnen allen …

Herzog Rascard entfuhr ein Schmerzensschrei.

»Zandrus Dämonen sollen sie packen! Oh, mein Sohn, mein Sohn!« Er hielt den Gestürzten in seinen Armen und spürte das Leid des alten Mannes so deutlich wie die Pfeilwunde, die brannte, als sei sein eigener Körper durchbohrt worden.

Nein, mein alter Freund, der du mir mehr bist als ein Bruder, dich trifft kein Vorwurf … ich weiß doch, daß du ihn mit deinem Leben verteidigt hast …

Die Diener schrien auf vor Bestürzung über das Leid ihres Herrn. Er brachte sie mit einem strengen Befehl zum Schweigen.

»Hebt ihn hoch – paßt auf! Seine Wunde braucht nicht tödlich zu sein; ich mache euch dafür verantwortlich, wenn er stirbt! Die Decke über ihn – ja, so. Und noch ein bißchen firi … vorsichtig, daß er nicht erstickt! Markos, wo liegt mein Sohn? Ich weiß, du würdest ihn nicht allein lassen …«

»Der ältere Sohn von Lord Storn – Fionn – hat ihn mitgenommen …« Das harte, rasselnde Flüstern verstummte wieder, aber Herzog Rascard hörte die Worte, die Markos vor Schwäche nicht mehr aussprechen konnte. Ich dachte, es gehe wirklich über meine Leiche … dann kam ich wieder zu Bewußtsein und wollte dir die Nachricht bringen, und wenn es mit meinem letzten Atemzug wäre …

Mit Riesenkräften hob der Stallmeister Lexxas den Verwundeten hoch. »Du wirst nicht sterben, alter Freund«, sagte der Herzog sanft. »Setzt ihn auf mein Tier – vorsichtig, wenn ihr die Luft dieser Welt weiterhin atmen wollt. Jetzt zurück nach Hammerfell … so schnell es geht, denn es wird dunkel, und wir sollten vor Einbruch der Nacht in der Burg sein.«

Vorsichtig traten sie den Rückweg zum Gipfel an. Der Herzog, der seinen ältesten Gefolgsmann stützte, sah das Bild in Markos’ Geist, bevor dieser erneut das Bewußtsein verlor. Sein Sohn Alaric lag quer über Fionns Sattel, einen Storn-Pfeil in der Brust, das letzte Opfer einer Blutrache, die seit fünf Generationen zwischen Storn und Hammerfell tobte, einer so alten Fehde, daß sich keiner mehr an ihre eigentliche Ursache erinnerte.

Aber Markos, wenn auch schwer verwundet, lebte noch. War es nicht möglich, daß auch Alaric noch lebte, vielleicht sogar freigekauft werden konnte?

Ich schwöre es, wenn er stirbt, werde ich keinen Stein von Stornhöhe auf dem anderen lassen, und nirgendwo in den Hundert Königreichen soll ein einziger Mann vom Geschlecht der Storns am Leben bleiben, gelobte er. Sie überquerten die alte Zugbrücke und ritten in das Tor ein, das sich erst vor kurzem hinter ihnen geschlossen hatte. Sie trugen Markos in die Große Halle und legten ihn auf ein rauhes Sofa. Rascard blickte wild um sich, rief laut nach den Dienern und befahl: »Holt damisela Erminie.«

Die Haushalts-leronis war jedoch schon mit einem bestürzten Aufschrei in die Halle geeilt, kniete auf den kalten Steinen des Eingangs und beugte sich über den Verwundeten. Herzog Rascard erklärte schnell, was nötig war, aber auch die junge Zauberin hatte ihr ganzes Leben im Bann dieser Blutrache verbracht. Das schmächtige Mädchen war eine Cousine der vor langem verstorbenen Frau des Herzogs und diente ihm auf Hammerfell seit seiner Kindheit.

Erminie zog den blauen Sternenstein aus dem Ausschnitt ihres Kleides, konzentrierte sich auf ihn und fuhr mit den Händen an Markos’ Körper entlang, ohne ihn zu berühren. Etwa einen Zoll von der Wunde entfernt hielt sie an, die Augen ins Leere gerichtet. Rascard sah wie erstarrt zu.

Endlich erhob sie sich. Ihre Augen standen voller Tränen.

»Die Blutung ist gestillt; er atmet noch«, berichtete sie. »Mehr kann ich im Moment nicht tun.«

»Wird er am Leben bleiben, Erminie?« fragte der Herzog.

»Ich weiß es nicht, aber entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist er noch am Leben. Ich kann nur sagen, es liegt in den Händen der Götter. Wenn sie weiterhin gnädig sind, wird er es überstehen.«

»Ich bete darum. Wir sind zusammen aufgewachsen, und ich habe so viel verloren …« Dann stieß Rascard einen lange zurückgehaltenen Wutschrei aus. »Ich schwöre es bei allen Göttern! Wenn er stirbt, wird meine Rache …«

»Still!« befahl Erminie streng. »Wenn du brüllen mußt, Onkel, dann tu es dort, wo du den Verwundeten nicht störst.«

Herzog Rascard fügte sich mit rotem Kopf. Er ging zum Kamin, ließ sich in einen tiefen Sessel fallen und wunderte sich über die Gefaßtheit und ruhige Tüchtigkeit dieses doch noch so jungen Mädchens.

Erminie war nicht älter als siebzehn, schlank und zart und hatte Haare von der Farbe frischgemünzten Kupfers, das sie als Telepathin auswies, und tiefliegende graue Augen. Sie folgte dem Herzog ans Feuer und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Wenn er am Leben bleiben soll, muß er Ruhe haben … und auch du mußt ihn in Ruhe lassen, Onkel.«

»Ich weiß, meine Liebe. Du hattest recht, mich zu schelten.«

Rascard, der dreiundzwanzigste Herzog von Hammerfell, war über vierzig und stand in der vollen Kraft des mittleren Alters. Sein Haar, einst dunkel, war eisengrau, seine Augen zeigten das Blau von Kupferspänen im Feuer. Er war kräftig und muskulös. Sein wettergegerbtes Gesicht und die knotigen Muskeln verrieten das Erbe des zwergenhaften Schmiedevolks. Er sah wie ein früher einmal aktiver Mann aus, der mit dem Alter und der Untätigkeit ein bißchen weich geworden war. Sein strenges Gesicht wurde freundlicher als gewöhnlich, wenn er das junge Mädchen anblickte. Erminie war seiner Frau, die er vor fünf Jahren verloren hatte, nicht unähnlich. Alaric, ihr einziger Sohn, war damals erst dreizehn gewesen. Die beiden waren beinahe wie Bruder und Schwester erzogen worden, und der Herzog war einem Zusammenbruch nahe, als er daran dachte, wie sich die beiden rothaarigen Köpfe – kurzgeschnittene Locken, lange Zöpfe – gemeinsam über ein Schulbuch gebeugt hatten.

»Hast du es gehört, Kind?«

Die junge Frau senkte die Augen. In einem Umkreis von tausend Meilen hatte niemandem, der auch nur eine Spur von telepathischer Wahrnehmungsfähigkeit besaß, der qualvolle Austausch entgehen können, durch den der Herzog vom Geschick seines Sohnes und seines alten Dieners erfahren hatte, erst recht nicht einer leronis, die im Gebrauch der parapsychischen Kräfte ihrer Kaste gründlich ausgebildet worden war. Aber sie schwieg darüber.

»Ich glaube, ich würde es wissen, wenn Alaric tot wäre«, sagte sie, und das harte Gesicht des Herzogs wurde weicher.

»Ich bete, daß du recht hast, chiya. Magst du zu mir in den Wintergarten kommen, sobald du Markos allein lassen kannst?«

»Ja, Onkel.« Sie wußte, was er wollte. Von neuem beugte sie sich über den Verwundeten, ohne Herzog Rascard, der die Halle verließ, noch einmal anzusehen.

Der Wintergarten, eine in jedem Haushalt des Gebirges zu findende Einrichtung, lag hoch oben in der Burg. Er hatte Fenster von doppelter Stärke und wurde von mehreren Feuerstellen beheizt, und sogar während dieser unwirtlichen Jahreszeit war er voll von Blumen und grünen Blättern.

Herzog Rascard hatte in einem alten, abgenutzten Lehnsessel, von dem aus er das ganze Tal überblicken konnte, Platz genommen. Er starrte auf den Weg, der sich zur Burg hinaufschlängelte, und dachte daran, daß er dort zu Lebzeiten seines Vaters in mehr als einer Schlacht mitgekämpft hatte. So versunken war er in seine Erinnerungen, daß er die leisen Schritte hinter sich nicht hörte, bis Erminie um den Sessel herumkam und sich auf ein Kissen zu seinen Füßen setzte.

»Markos?« fragte er.

»Ich will dir nichts vormachen, Onkel, seine Wunde ist sehr ernst. Der Pfeil hat die Lunge durchbohrt, und die Verletzung wurde dadurch, daß Markos ihn herauszog, noch schlimmer. Aber er atmet, und die Blutung hat nicht von neuem begonnen. Er schläft; mit Ruhe und viel Glück wird er am Leben bleiben. Ich habe Amalie bei ihm gelassen. Sie wird mich rufen, wenn er aufwacht. Im Augenblick stehe ich dir zu Diensten, Onkel.« Ihre Stimme war leise und heiser, aber ganz fest. Die Mühsale ihres Lebens hatten sie über ihre Jahre hinaus reifen lassen. »Sag mir, Onkel, warum war Markos unterwegs, und warum ist Alaric mit ihm geritten?«

»Du wirst nichts davon erfahren haben, aber die Männer von Storn kamen im letzten Mond und brannten ein Dutzend Schober im Dorf nieder. Es wird vor der Zeit der nächsten Aussaat Hunger geben. Deshalb entschlossen sich unsere Männer, Storn zu überfallen und Lebensmittel und Saatgut für die Geschädigten von dort zu holen. Alaric hätte nicht mitzugehen brauchen; es war Markos’ Aufgabe, die Männer anzuführen. Aber eine der niedergebrannten Scheunen gehörte Alarics Pflegemutter, und deshalb bestand er darauf, an der Spitze zu reiten. Ich konnte es ihm nicht abschlagen, denn er sagte, es sei eine Sache der Ehre.« Rascard holte krampfhaft Atem. »Alaric ist kein Kind mehr. Ich durfte ihm nicht verbieten, was er seinem Gefühl nach tun mußte. Ich bat ihn, einen oder mehrere der laranzu’in mitzunehmen. Er aber meinte, für Storn würden ihm Bewaffnete genügen. Als sie in der Dämmerung noch nicht zurückgekehrt waren, machte ich mir Sorgen – und fand Markos, der als einziger entronnen war, um mir die Nachricht zu bringen. Sie waren in einen Hinterhalt geraten.«

Erminie bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Der Herzog fuhr fort: »Du weißt, um was ich dich bitten möchte. Wie steht es um deinen Vetter, mein Mädchen? Kannst du ihn sehen?«

»Ich will es versuchen«, antwortete Erminie leise und holte den blaßblauen Stein aus seinem Versteck an ihrem Hals. Der Herzog erhaschte einen kurzen Blick auf die sich bewegenden Lichter in dem Stein, sah aber gleich wieder weg. Obwohl er als Telepath so gut war, wie man es von einem seiner Kaste erwarten durfte, hatte er nie gelernt, einen Sternenstein für die höheren Energie-Ebenen zu benutzen, und wie allen halbausgebildeten Telepathen vermittelten ihm die tanzenden Lichter ein vages Gefühl der Übelkeit.

Erminie beugte mit ernsten, sinnenden Augen den Kopf über den Stein, und der Herzog blickte auf ihren Scheitel nieder. Ihre Züge waren so frisch, so jung, unberührt von jedem tiefen und andauernden Leid. Rascard fühlte sich alt und müde. Auf ihm lasteten viele Jahre der Blutrache, und schon der Gedanke an den Storn-Clan, der ihm Großvater und Vater, zwei ältere Brüder und jetzt seinen einzigen überlebenden Sohn genommen hatte, drückte ihn nieder.

Aber wenn es den Göttern gefällt, ist Alaric nicht tot und mir nicht für immer genommen. Heiser sagte er: »Ich bitte dich, sieh nach und berichte mir, Kind …« Seine Stimme zitterte.

Nach ungewöhnlich langer Zeit sagte Erminie mit schwankender, unsicherer Stimme: »Alaric … Vetter …« Herzog Rascard fiel in Rapport und sah beinahe sofort das Gesicht seines Sohnes, eine jüngere Ausgabe seines eigenen, nur daß Alarics Haar leuchtend kupferfarben und überall gelockt war. Die jungenhaften Züge waren schmerzverzerrt, und die Vorderseite seines Hemds war mit hellem Blut bedeckt. Auch Erminies Gesicht war blaß.

»Er lebt. Aber er ist schwerer verwundet als Markos«, sagte sie. »Markos wird am Leben bleiben, wenn er ruhig gehalten wird, Alaric dagegen … die Blutung in der Lunge geht weiter. Die Atmung ist sehr schwach … er hat das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt.«

»Kannst du ihn erreichen? Ist es möglich, seine Wunde über eine solche Entfernung zu heilen?« Der Herzog dachte daran, was Erminie für Markos getan hatte. Das Mädchen seufzte. Tränen strömten ihr über die Wangen.

»Nein, Onkel. Ich würde es gern versuchen, aber nicht einmal der Bewahrer von Tramontana wäre fähig, aus einer solchen Entfernung zu heilen.«

»Kannst du ihn dann erreichen und ihm sagen, daß wir wissen, wo er ist, daß wir kommen werden, um ihn zu retten oder bei dem Versuch zu sterben?«

»Ich fürchte mich, ihn zu stören, Onkel. Wenn er aufwacht und eine unkluge Bewegung macht, zerreißt er seine Lunge vielleicht so, daß sie nicht mehr zu heilen ist.«

»Aber wenn er allein aufwacht und sich in den Händen unserer Feinde sieht, könnte ihn das nicht auch in Verzweiflung und Tod treiben?«

»Du hast recht. Ich will versuchen, seinen Geist zu erreichen, ohne ihn zu stören«, sagte Erminie. Der Herzog verbarg das Gesicht in den Händen und bemühte sich, durch die Gedanken des jungen Mädchens zu erblicken, was sie sah: das Gesicht seines Sohnes, blaß und schmerzverzerrt. Obwohl er in den Heilkünsten nicht ausgebildet war, meinte er, den Stempel des Todes auf dem jungen Gesicht zu erkennen. Am Rand seiner Wahrnehmungsfähigkeit spürte er Erminies Gesicht, angespannt und suchend, und hörte, nicht mit den Ohren, die Botschaft, die sie auf eine tiefe Ebene von Alarics Geist zu senken versuchte.

Hab keine Angst, wir sind bei dir. Schlafe und heile dich selbst … Wieder und wieder kam die beruhigende, warme Berührung, die Trost und Liebe vermittelte.

Die intime Verbindung mit Erminies Gedanken erschütterte Rascard. Ich wußte nicht, wie sehr sie ihn liebt. Ich dachte, sie seien einfach Bruder und Schwester, beide Kinder. Jetzt sehe ich, daß es mehr ist als das.

Da wurde er sich bewußt, daß das junge Mädchen errötete. Erminie hatte seine Gedanken mitbekommen.

Ich habe ihn schon geliebt, als wir beide noch Kinder waren, Onkel. Ich weiß nicht, ob ich für ihn mehr bin als eine Pflegeschwester, aber ich liebe ihn viel mehr als einen Bruder. Es macht dich nicht zornig?

Wenn er dies auf andere Weise erfahren hätte, wäre Herzog Rascard wohl wirklich zornig geworden. Seit vielen Jahren schon kreisten seine Gedanken um eine vorteilhafte Heirat, vielleicht sogar mit einer Tiefland-Prinzessin aus dem Hastur-Reich im Süden. Aber jetzt hatte nichts anderes mehr Raum in ihm als die Furcht um seinen Sohn.

»Wenn er erst wieder gesund bei uns ist, mein Kind, und es das ist, was ihr beide euch wünscht, soll es geschehen«, sagte der Herzog mit dem strengen Gesicht so freundlich, daß Erminie seine Stimme, die sonst so hart klang, ganz fremd war. Für einen Augenblick saßen sie stumm da, und dann spürte Rascard zu seiner großen Freude eine neue Berührung in dem Rapport, eine Berührung, die er erkannte. Sie war schwach und schwankend, aber zweifellos die mentale Berührung seines Sohnes Alaric.

Vater … Erminie … ist es möglich, daß ihr es seid? Wo bin ich? Was ist geschehen? Was ist mit dem armen Markos …? Wo bin ich?

So behutsam sie konnte, teilte Erminie ihm mit, was passiert war. Er sei verwundet und befinde sich in der Feste von Stornhöhe.

Und Markos wird nicht sterben. Schlafe und heile dich selbst, mein Sohn, und wir werden dich auslösen oder dich retten oder bei dem Versuch umkommen. Mach dir keine Sorgen. Sei ruhig … ruhig …

Plötzlich zerrissen ein gewaltiger Zornesausbruch und das blaue Gleißen eines Sternensteins das tröstliche Muster des Rapports. Es war wie ein Stich ins Herz, eine körperliche Qual.

Du hier, Rascard, du schnüffelnder Dieb … was tust du in meiner Feste? Als habe er es vor sich, sah Rascard von Hammerfell das narbige Gesicht, die grimmigen Augen seines alten Feindes Ardrin von Storn, mager, wild wie ein Panther und flammend vor Wut.

Kannst du noch fragen? Gib mir meinen Sohn zurück, Schurke! Nenne die Summe für den Freikauf und sie soll bis zum letzten Sekal gezahlt werden, aber krümme ein Haar seines Hauptes, und du wirst es hundertfach bereuen!

So hast du in den letzten vierzig Jahren jeden Mond gedroht, Rascard. Du hast nichts, was ich haben will, außer deiner eigenen elenden Person. Behalte deinen Reichtum, und ich werde dich neben deinem Sohn von der höchsten Zinne auf Stornhöhe hängen lassen.

Rascard bezwang den Drang, mit voller laran-Kraft zuzuschlagen – der Feind hatte Alaric in seiner Gewalt. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, und erwiderte: Willst du mir nicht erlauben, meinen Sohn auszulösen? Nenne deinen Preis, und ich schwöre, du sollst ihn ohne Feilschen bekommen.

Er spürte den Triumph Ardrins von Storn. Natürlich hatte sein Feind nur auf eine solche Gelegenheit gewartet.

Ich werde ihn gegen dich austauschen, kam Ardrins Antwort durch die telepathische Verbindung. Komm her und liefere dich mir morgen vor Sonnenuntergang aus, und Alaric – falls er noch lebt oder, falls nicht, seine Leiche – soll deinen Leuten übergeben werden.

Rascard wußte, daß er nichts anderes hatte erwarten können. Aber Alaric war jung; er selbst hatte ein langes Leben hinter sich. Alaric konnte heiraten, den Clan und das Königreich wiederaufbauen. Es dauerte nur einen Augenblick, bis er antwortete.

Einverstanden. Aber nur, wenn er lebt. Stirbt er in deinen Händen, werde ich Storn über deinem Kopf mit Haftfeuer niederbrennen.

Vater, nein! Nicht um diesen Preis! rief Alaric. Ich werde nicht mehr so lange leben – und ich will auf keinen Fall, daß du für mich stirbst. Rascard spürte, wie die Stimme die schwachen Verteidigungen seines Sohnes durchschlug, und dann war Alaric fort, aus dem Rapport gefallen – ob tot oder bewußtlos, konnte er nicht sagen.

Kein Laut war im Wintergarten zu hören außer Erminies leises Schluchzen und ein weiterer Zornesausbruch des Lords von Storn.

Du hast mich um meine Rache betrogen, Rascard, alter Feind! Nicht ich habe ihm den Tod gegeben. Wenn du dein Leben gegen seine Leiche eintauschen möchtest, werde ich deinen Wunsch ehren …

Ehren? Wie kannst du es wagen, dieses Wort auszusprechen, Storn?

Weil ich kein Hammerfell bin! Jetzt verschwinde! Laß dir nicht einfallen, noch einmal nach Storn zu kommen – und wenn es im Geist wäre! schleuderte Ardrin ihm entgegen. Geh weg!

Erminie warf sich auf den Teppich und weinte wie ein Kind. Rascard von Hammerfell senkte den Kopf. Er war betäubt, leer, erschüttert. War die Blutrache nun um diesen Preis beendet worden?

II

Die vierzig Tage der Trauerzeit gingen zu Ende. Am einundvierzigsten Tag zog eine Karawane aus Fremden langsam den gewundenen Klippenpfad nach Burg Hammerfell hinauf, und als man sie willkommen hieß, erwiesen sie sich als ein Verwandter der verstorbenen Frau des Herzogs und sein Gefolge. Herzog Rascard, dem unbehaglicher zumute war, als er in Gegenwart dieses weltläufigen, fein gekleideten Städters zugeben mochte, empfing ihn in seiner Großen Halle und rief nach Wein und Erfrischungen.

»Ich bitte, die Mängel dieses Empfangs zu entschuldigen«, sagte er und führte den Gast zu einem Sessel in der Nähe des geschnitzten Kamins, der das Wappen von Hammerfell trug. »Aber bis gestern war dies ein Haus der Trauer, und wir sind noch nicht wieder zum normalen Zustand zurückgekehrt.«

»Ich bin nicht des Kuchens und des Weins wegen gekommen, Verwandter«, antwortete Renato Leynier, ein Tiefland-Vetter aus dem Hastur-Land im Süden. »Eure Trauer ist die Trauer unserer ganzen Familie; Alaric war auch mein Verwandter. Aber unser Besuch dient einem bestimmten Zweck. Ich bin gekommen, um die Tochter meines Verwandten, die leronis Erminie, abzuholen.«

Renato musterte den Herzog. Wenn er erwartet hatte, einem alten, durch den Tod seines Sohnes gebrochenen Mann zu begegnen, der bereit war, Hammerfell in die Hände von Fremden fallen zu lassen, sah er sich getäuscht. Im Gegenteil, dieser Mann wirkte, als sei er durch seinen Zorn und seinen Stolz stärker geworden. Er war ein vitaler Mann, und das Reich von Hammerfell, durch das Renato viele Tage lang gereist war, hatte er immer noch fest im Griff. Kraft sprach aus jeder Geste und jedem Wort des Herzogs. Rascard von Hammerfell war zwar nicht mehr jung, aber weit davon entfernt, ein gebrochener Mann zu sein.

»Warum wollt Ihr Erminie ausgerechnet jetzt abholen?« fragte Rascard, und es durchfuhr ihn wie ein Stich. »Sie fühlt sich wohl in meinem Haus. Dies ist ihr Heim. Sie stellt die letzte lebende Verbindung mit meinem Sohn dar. Ich würde es vorziehen, sie als Tochter in meiner Familie zu behalten.«

»Das ist nicht möglich«, entgegnete Renato. »Sie ist kein Kind mehr, sondern eine heiratsfähige Frau, und so alt seid Ihr nun auch noch nicht.« Bis zu diesem Augenblick hatte er Rascard von Hammerfell in der Tat für so alt gehalten, daß eine junge Frau in seiner Gegenwart keine Anstandsdame brauchte. »Es wäre ein Skandal, wolltet ihr beide allein zusammenleben.«

»Es gibt gewiß nichts Schmutzigeres als die Gedanken eines tugendhaften Mannes, höchstens noch die Gedanken einer tugendhaften Frau!« entrüstete sich Rascard, und sein Gesicht wurde rot vor Zorn. In Wahrheit war ihm diese Auslegung nie in den Sinn gekommen. »Fast von ihrer Säuglingszeit an ist sie die Spielgefährtin meines Sohnes gewesen, und in all den Jahren, in denen sie hier lebte, hat es keinen Mangel an Anstandsdamen und Duenas, Gesellschafterinnen und Gouvernanten gegeben. Sie werden Euch berichten, daß wir während der ganzen Zeit nicht zweimal auch nur in einem Raum allein gewesen sind, außer als sie mir die Nachricht vom tragischen Tod meines Sohnes übermittelte, und da, glaubt mir, hatten wir anderes im Kopf.«

»Das bezweifle ich nicht«, erwiderte Renato verbindlich, »aber auch so ist Erminie in dem Alter, daß sie verheiratet werden sollte. Und wenn sie unter Eurem Dach lebt, kann sie nicht, wie es sich schicken würde, mit einem Mann ihres Standes in die Ehe treten. Oder habt Ihr vor, sie zu degradieren, indem Ihr sie irgendeinem niedriggeborenen Friedensmann oder Diener gebt?«

»Natürlich nicht!« verwahrte sich der alte Herzog dagegen. »Ich hatte die Absicht, sie mit meinem eigenen Sohn zu vermählen, wäre er nur lange genug am Leben geblieben.«

Darauf folgte ein peinliches und für Rascard trauriges Schweigen. Doch so schnell gab Renato nicht auf.

»Wäre es doch so gekommen! Aber bei aller Achtung für Euren Sohn, einen Toten kann sie nicht heiraten, so traurig die Sache auch ist«, sagte Renato. »Und so muß sie zu ihrer eigenen Familie zurückkehren.«

Rascard traten die Tränen in die Augen, die zu vergießen er bisher zu stolz gewesen war. Er blickte zu dem dunklen Wappen über dem Kamin hoch und konnte sein bitteres Leid nicht länger verbergen. »Jetzt bin ich wirklich allein, denn andere Blutsverwandte habe ich nicht. Die Leute von Storn können triumphieren: Außer mir lebt kein Mann und keine Frau mehr vom Geschlecht der Hammerfells in den Hundert Königreichen.«

»Ihr seid noch kein alter Mann.« Die schreckliche Einsamkeit, die aus Rascards Stimme klang, bewegte Renato. »Ihr könntet wieder heiraten und ein Dutzend Erben großziehen.«

Rascard erkannte, daß Renato die Wahrheit sprach, und doch war er trostlos. Sollte er eine Fremde in sein Haus nehmen und auf die Geburt der Kinder warten, darauf warten, daß sie zu Männern heranwuchsen, nur um Gefahr zu laufen, daß die Blutrache auch sie auslöschte … nein, alt war er vielleicht noch nicht, aber dafür war er entschieden zu alt.

Doch was war die Alternative? Den Storns ihren Triumph zu lassen, zu wissen, daß niemand mehr da wäre, um ihn zu rächen, wenn sie nach seinem Sohn auch ihn ermordeten … zu wissen, daß Hammerfell selbst in Storn-Hände fiele und in den Hundert Königreichen keine Spur der Morays von Hammerfell bliebe.

»Dann will ich heiraten«, erklärte er, von tollkühner Verzweiflung ergriffen. »Welchen Brautpreis verlangt Ihr für Erminie?«

Renato war bis ins Innerste schockiert.

»Das habe ich damit nicht vorschlagen wollen, mein Lord. Sie ist nicht von Eurem Stand, sie ist in Eurem Haushalt eine gewöhnliche leronis gewesen. Es würde sich nicht schicken.«

»Wenn ich die Absicht hatte, sie mit meinem eigenen Sohn zu vermählen, ist sie doch wohl auch standesgemäß für mich selbst. Würde ich auf sie herabsehen, hätte ich doch niemals an eine solche Heirat gedacht«, erklärte Rascard.

»Mein Lord …«

»Sie ist im gebärfähigen Alter, und ich habe keinen Grund, sie für etwas anderes als tugendhaft zu halten. Einmal habe ich in der Hoffnung geheiratet, eine adlige Braut würde mir zu mächtigen Bündnispartnern verhelfen. Wo sind sie jetzt, da mein Sohn tot ist? Diesmal möchte ich nichts anderes als eine gesunde junge Frau; und sie kenne ich als die Spielgefährtin meines Sohnes. Mit ihr wird es besser werden als mit den meisten anderen, und es bleibt mir erspart, mich an die Art einer Fremden gewöhnen zu müssen. Nennt den Brautpreis; ich will ihren Eltern geben, was der Brauch verlangt.«

Lord Renato sah ihn bestürzt an. Ihm war klar, er konnte diese Heirat nicht kategorisch ablehnen, ohne sich einen schrecklichen Feind zu schaffen. Hammerfell war ein kleines Reich, aber Renato wußte, wie mächtig es war. Die Herzöge von Hammerfell regierten schon lange in diesem Teil der Welt.

Er konnte den alten Herzog nur hinhalten und hoffen, er werde sich, während die Klärung rein praktischer Fragen die Sache verzögerte, dieses Vorhaben aus dem Kopf schlagen.

»Nun«, sagte er schließlich, »wenn das Euer Wunsch ist, mein Lord, werde ich Erminies Vormündern eine Botschaft schicken und die Erlaubnis erbitten, daß ihr Mündel Euch heiratet. Es mag Schwierigkeiten geben; vielleicht ist sie als Kind anderweitig verlobt worden oder etwas von der Art.«

»Ihren Vormündern? Warum nicht ihren Eltern?«

»Sie hat keine, Sir. Als meine Cousine Ellendara, Eure verstorbene Frau, für Alaric, der damals noch ein Kind war, einen Spielgefährten aus dem eigenen Blut wünschte, wurde Erminie hergeschickt, weil sie ein Heim brauchte. Sicher werdet Ihr Euch erinnern, mein Lord, daß Ellendara eine ausgebildete leronis aus Arilinn war, und da sie keine Tochter hatte, wollte sie Erminie in diesen Künsten unterrichten.«

»Ich sehe nicht, wo das Problem liegen soll, wenn keine hebenden Eltern sie erwarten«, bemerkte der Herzog. »Gibt es bei ihrer Abstammung ein Geheimnis oder einen Skandal?«

»Nichts dergleichen. Meine Schwester Lorna war ihre Mutter, und ihr Vater war mein Friedensmann und ein Hastur-Gardist, Darran Tyall mit Namen. Erminie wurde außerhalb der catenas geboren, das ist wahr. Ihre Eltern waren miteinander verlobt worden, als sie erst zwölf Jahre alt waren, und als Darran sein Leben an der Grenze verlor, war meine Schwester wahnsinnig vor Kummer. Nur zu bald merkte sie, daß sie Tyalls Kind trug. Erminie wurde in die Arme meiner Frau geboren, und wir liebten sie sehr. Deshalb nahm Ellendara sie mit Freuden in diesem Haushalt auf.«

»Sie ist also Eure Nichte«, stellte Rascard fest. »Lebt ihre Mutter noch?«

»Nein. Lorna überlebte ihren versprochenen Gatten nicht einmal um ein Jahr.«

»Dann sieht es so aus, als seid Ihr ihr nächster Verwandter und außerdem ihr Vormund, und dieses Gerede, es sei die Erlaubnis von ›anderen‹ notwendig, ist nichts als ein Mittel, meine Werbung auf die lange Bank zu schieben.« Rascard erhob sich zornig aus seinem Sessel. »Was habt Ihr dagegen, daß ich Erminie heirate, wenn ich für Eure Cousine, meine verstorbene Frau, gut genug war?«

»Ich will es Euch wahrheitsgemäß sagen«, antwortete Renato etwas beschämt. »Diese Blutrache mit Storn hat sich von einem Rauchsignal zu einem Waldbrand ausgeweitet. Sie hat mir damals schon mißfallen, und sie mißfällt mir heute noch viel mehr. Geht es nach meinem Willen, so soll es nicht wieder geschehen, daß eine Verwandte von mir in einen Clan einheiratet, in dem ein Mitglied nach dem anderen ausgelöscht wird.« Er sah, wie sich Rascards Unterkiefer spannte, und fuhr fort: »Ich weiß, wie es bei Euch in den Bergen zugeht. Es machte mich traurig, daß Eilendara in diese Fehde hineingezogen wurde, und ich möchte nicht, daß es noch jemandem aus meiner Familie genauso geht. Solange Erminie nicht mehr als ein Gast in Eurem Haushalt war, sagte ich mir, es gehe mich nichts an. Aber eine Heirat ist eine andere Sache. Und außerdem ist Erminie zu jung für Euch. Ich fände es in keinem Fall richtig, wenn ein so junges Mädchen einen Mann ehelichte, der alt genug ist, um ihr Vater zu sein. Doch soll sie selbst entscheiden. Wenn sie keinen Einwand hat, werde ich auch keinen erheben. Trotzdem sähe ich sie lieber in ein Haus einheiraten, das nicht von einer Blutrache verdüstert ist.«

»Dann laßt sie holen und fragt sie«, sagte Herzog Rascard.

»Nicht in Eurer Gegenwart«, erklärte Renato. »Sie könnte Hemmungen haben, vor ihrem Freund und Wohltäter auszusprechen, daß sie ihn verlassen möchte.«

»Wie Ihr wünscht.« Der Herzog rief einen Diener.

»Bitte die damisela, ihren Verwandten Renato im Wintergarten zu empfangen.« Seine Augen blickten eisig. Renato schritt hinter dem Diener durch den dunklen Gang und konnte sich kaum vorstellen, daß irgendeine junge Frau wünschen sollte, diesen ältlichen und reizbaren Mann zu heiraten. Er war fest überzeugt, seine junge Verwandte werde sich über die Neuigkeit, daß er gekommen sei, um sie abzuholen, freuen.

Rascard sah Erminie den Gang zum Wintergarten hinuntergehen. Er betrachtete sie mit großer Zärtlichkeit, und zum erstenmal sah er sie als eine begehrenswerte junge Frau und nicht als das Kind, das die Spielgefährtin seines Sohnes gewesen war. Die Heirat war ihm wie eine verzweifelte Notwendigkeit erschienen. Jetzt erst kam ihm der Gedanke, sie könne auch einige Annehmlichkeiten haben.

Nach einer Weile kehrten beide in die Große Halle zurück. Renato machte ein finsteres Gesicht, während Erminie errötete und Rascard hinter dem Rücken ihres Verwandten ein Lächeln zusandte. Rascard wurde warm ums Herz. Sie mußte seinen Antrag freundlich aufgenommen haben.

Er fragte mit großer Zärtlichkeit: »Bist du also bereit, meine Frau zu werden, Erminie?«

»Meine Nichte ist eine Törin«, grollte Renato. »Ich habe ihr gesagt, ich würde einen Mann für sie finden, der besser zu ihr paßt.«

»Warum glaubt Ihr, einen Mann finden zu können, der mir besser paßt, Verwandter?« fragte Erminie und lächelte Rascard liebevoll zu. Zum ersten Mal, seit der Herzog das Gesicht seines toten Sohnes durch den Sternenstein gesehen hatte, brach ein Lichtstrahl durch das Dunkel seiner Erstarrung im Leid.

Er nahm ihre Hand und sagte freundlich: »Wenn du meine Frau werden willst, chiya, werde ich versuchen, dich glücklich zu machen.«

»Das weiß ich.« Erminie erwiderte sanft den Druck seiner Finger.

»Erminie!« Renato bemühte sich, seine ruhige Haltung zurückzugewinnen. »Du kannst es besser treffen. Willst du wirklich diesen alten Mann heiraten? Er ist älter, als dein Vater es heute wäre; er ist älter als ich. Ist es das, was du willst? Überleg es dir, Mädchen!« forderte er sie auf. »Nur wenigen jungen Frauen wird die Freiheit der Wahl zuteil. Niemand hat von dir verlangt, in das Haus Hammerfell einzuheiraten.«

Erminie ergriff die Hand des Herzogs und erklärte: »Onkel Renato, dies ist auch meine Familie und mein Heim. Ich bin schon als kleines Mädchen hergekommen, und ich habe keine Lust, zurückzukehren und von der Wohltätigkeit von Verwandten zu leben, die für mich Fremde geworden sind.«

»Du bist eine Törin, Erminie«, sagte Renato. »Willst du, daß auch deine Kinder in dieser wahnsinnigen Fehde ausgelöscht werden?«

Ihr Gesicht wurde ernst. »Ich gestehe, ich möchte lieber in Frieden leben. Aber wer von uns würde das nicht, wenn er die Wahl hätte?«

Und der Herzog, im Augenblick von etwas ergriffen, das stärker war als sein Stolz, erklärte: »Wenn du es von mir verlangst, Erminie, werde ich Lord Storn bitten, Frieden zu schließen.«

Den Blick auf ihre Handrücken gerichtet, erwiderte sie: »Es ist wahr, ich sehne mich nach Frieden. Aber es war Lord Storn, der sich sogar weigerte, die Leiche deines Sohnes zurückzugeben. Ich möchte nicht, daß du dich vor ihm demütigst, mein versprochener Gatte. Du sollst nicht als Bittsteller zu ihm gehen und mit ihm Frieden zu seinen Bedingungen schließen.«

»Also dann ein Kompromiß«, sagte Rascard. »Ich werde eine Abordnung zu ihm schicken, die ihn höflich um die Herausgabe der Leiche meines Sohnes bitten soll, damit er anständig begraben werden kann, und wenn er darauf eingeht, werden wir einen ehrenvollen Frieden schließen. Weigert er sich, heißt das Krieg zwischen uns auf ewig.«

»Auf ewig?« fragte Erminie, plötzlich ernüchtert. Dann seufzte sie. »So sei es. Wir wollen seine Antwort abwarten.«

Renato blickte finster drein. »Ich merke jetzt, daß ihr beide hoffnungslose Toren seid. Wenn ihr wirklich Frieden wünschtet, würdet ihr diesen Stolz überwinden, der droht, Storn und Hammerfell auszulöschen und eure Burgen in verlassene Horste zu verwandeln, wo Raben krächzen und Räuber lauern!«

Rascard erschauerte, denn Renatos Worte hatten den Klang einer Prophezeiung. Sein Blick wanderte zu der Balkendecke der Halle empor, und einen Moment lang glaubte er tatsächlich die Klippe und die verlassene Ruine zu sehen, die einst die stolze Feste von Hammerfell gewesen war. Aber als Renato fragte: »Könnt Ihr diesen verdammten Stolz denn nicht überwinden?« rief das seinen Trotz hervor, und Erminie richtete sich mit einem Anflug von Arroganz auf.

»Warum muß es mein Gatte sein, der seinen Stolz überwindet?« fragte sie in barschem Ton. »Warum kann es nicht Storn sein, dem der Triumph zuteil geworden ist, den Clan meines Gatten fast vollständig auszulöschen? Ist es nicht Sache des Siegers, großmütig zu sein?«

»Du magst recht haben«, sagte Renato, »nur wird nicht das Recht diese Fehde beenden. Einer von euch muß seinen Stolz opfern.«

»Vielleicht«, meinte Rascard. »Aber warum soll ich das sein?«

Renato zuckte die Schultern und trat ans Fenster. Mit einer Geste der Resignation sagte er: »Erminie, du hast dir das Bett gemacht. Was es auch wert sein mag, du hast meine Erlaubnis, dich hineinzulegen. Nehmt sie, Verwandter; ihr verdient einander, und möge euch beiden viel Gutes daraus erwachsen.«

»Darf ich das als einen Segen verstehen?« fragte Rascard trocken.

»Als einen Segen, als einen Fluch, als alles, was Euch gefällt, verdammt noch mal«, erwiderte Renato zornig, sammelte seine Habseligkeiten ein und verließ die Halle.

Rascard legte den Arm um Erminie und lachte.

»Er war so wütend, daß er vergessen hat, einen Brautpreis zu verlangen. Ich fürchte, du entfremdest dich deiner Familie, wenn du mich heiratest, Erminie.«

Sie lächelte ihn an. »Eine solche Familie ist mir entfremdet lieber als freundlich. Wenigstens werden uns viele unangenehme Verwandtenbesuche erspart bleiben.«

»Wenn er nur so lange bleibt, daß er bei unserer Hochzeit die Rolle des Verwandten übernehmen kann, mag er gehen, wohin es ihm beliebt – zur Hölle, wenn Zandru ihn einlassen will. Und möge der Teufel an seiner Gesellschaft mehr Vergnügen haben als wir«, stimmte Rascard ihr zu.

III

Zu Mittsommer fand die Hochzeit von Herzog Rascard und Erminie Leynier statt. Für den Adel des Berglands war es eine kleine Feier, denn die Verwandten der Braut weigerten sich zu kommen, ausgenommen ein knappes Dutzend von Lord Renatos Friedensmännern, die zeigen sollten, daß Erminie mit Zustimmung ihrer Sippe in das Haus Hammerfell einheiratete. Weniger als das wäre ein Skandal gewesen, aber es war offensichtlich, daß Renato diese Pflicht widerwillig erfüllte, und die frischgebackene Herzogin von Hammerfell erhielt von ihrer Familie nur wenige Geschenke. Als wolle er sie für diesen Geiz entschädigen, übergab der alte Herzog seiner jungen Frau all die berühmten Schmuckstücke des Herzogtums. Die wenigen entfernten Verwandten Hammerfells, die der Zeremonie beiwohnten, waren verstimmt, denn sie hatten gehofft, in Ermangelung eines Erben oder eines nahen Verwandten werde der Titel und das Land des Herzogs einem von ihnen zufallen. Diese neue Heirat mit einer jungen Frau, von der zu erwarten war, daß sie Kinder gebären werde, machte all ihren Hoffnungen ein Ende.

»Kopf hoch«, sagte einer der Landsleute des Herzogs zu einem anderen. »Es braucht die Situation gar nicht zu verändern. Rascard ist nicht mehr jung; diese Ehe könnte durchaus kinderlos bleiben.«

»So viel Glück werden wir nicht haben«, gab der andere zynisch zurück. »Rascard sieht seit dem Tod seines Sohnes zwar älter aus, als er ist, aber er ist in voller Kraft, nicht älter als fünfundvierzig, und selbst wenn es nicht so wäre, kennst du doch das alte Sprichwort: Ein Gatte von vierzig wird vielleicht nicht Vater werden, ein Gatte von fünfzig aber bestimmt.« Höhnisch auflachend setzte er hinzu: »Traurig ist es nur für die junge Frau. Sie ist hübsch und gesund und verdient einen besseren Ehemann. Ich könnte in Versuchung geraten, hier einen Posten anzunehmen, um sie in den langen Winternächten zu trösten.«

»Ich bezweifle, daß du viel Glück haben würdest«, erwiderte der erste. »Sie scheint mir ein anständiges Mädchen zu sein und den alten Kerl ehrlich zu mögen.«

»Als Vater – das will ich gern glauben«, antwortete der zweite. »Aber als Mann?«

So wie dieses verliefen auch die anderen Gespräche. Erminie war eine sehr gute Telepathin, und da ihre Barrieren an die Gesellschaft derart vieler Menschen nicht gewöhnt waren, mußte sie dies alles mit anhören, ohne zu verraten, daß sie es gehört hatte. Sie brauchte ihre ganze Kraft, um ihre Entrüstung nicht zu zeigen – und das an ihrem Hochzeitstag! Der Zeitpunkt kam, zu dem die Frauen sie in das Brautgemach führen sollten – es waren zum größten Teil ihre Dienerinnen, denn keine ihrer Tanten und Cousinen hatte die lange Reise auf sich genommen. Erminie war den Tränen nahe und hatte nicht die geringste Lust zu dem üblichen Spiel, zu protestieren und sich zu wehren, als sie aus dem Raum geführt wurde, auch auf die Gefahr hin, beschuldigt zu werden, sie habe nicht die schickliche Keuschheit einer Braut gezeigt.

In dem Gemach war es kalt und zugig, obwohl es Mittsommer war. Erminie wurde mit dem durchscheinenden Nachtgewand, das traditionell für die Zeremonie des Zubettbringens war, bekleidet. (Nach altem Brauch sollte man sehen können, ob die Braut gesund und frei von verborgenen Entstellungen und Mängeln war.) Sie wartete, zitternd vor Kälte, und versuchte die Tränen zurückzuhalten – Rascard sollte doch nicht denken, sie gehe mit Widerwillen in die Ehe. So streng er wirkte, sie wußte sehr wohl, daß er eine sanfte Seite hatte, und sie war der Überzeugung, eine gute Partie zu machen, ganz gleich, was ihre Verwandten sagten. Es war schon etwas, Herzogin von Hammerfell zu sein. Früher oder später hätte sie sowieso heiraten müssen, und ihr war ein älterer Mann, bei dem sie sicher war, daß er wenigstens freundlich zu ihr sein würde, lieber als ein Fremder, so jung und schön er auch sein mochte. Schon viele Bräute waren in den Armen eines Mannes, den sie überhaupt nicht kannten, allein gelassen worden – sie war von Herzen froh, daß ihr dieses Schicksal erspart blieb.

Die Juwelen von Hammerfell lagen kalt und schwer um ihren Hals. Sie hätte sie gerne abgelegt, doch die Dienerinnen, die ihr die Kleider auszogen, ließen es nicht zu.

»Der Herzog würde glauben, Ihr verachtet seine Geschenke«, warnten sie sie. »Ihr müßt sie wenigstens heute nacht anbehalten.«

So ertrug sie das Gewicht und die Kälte der Steine, und sie fragte sich, wie lange es noch dauern würde. Man reichte ihr einen Becher Wein, den sie dankend nahm. Sie fühlte sich kraftlos, nachdem sie während der ganzen Zeremonie hatte stehen müssen, und das Herz tat ihr weh von all dem, was sie gehört hatte. Von dem Hochzeitsmahl hatte sie nicht viel essen können. Sie trank den Wein, und er erwärmte sie schnell. Sie spürte, daß etwas Farbe in ihre Wangen zurückkehrte. Als nun Herzog Rascard in das Gemach geführt wurde, angetan mit einem pelzbesetzten Nachtgewand (Erminie fragte sich, warum der Brauch nicht auch vom Bräutigam verlange, daß er sich zum Nutzen der Familie der Braut als frei von körperlichen Fehlern und Entstellungen zeige), sah er sie in dem hohen, mit Vorhängen versehenen Bett aufrecht sitzen, die Wangen rosig angehaucht, die Wohlgestalt ihres jungen Körpers von dem dünnen Gewand enthüllt, das aufgelöste Kupferhaar über die Brüste fließend. Noch nie hatte er ihr Haar offen gesehen, nur streng in Zöpfe geflochten. Es ließ sie so jung und unschuldig aussehen, daß ihm das Herz in der Brust weh tat.

Das dienende Volk entfernte sich mit vielen groben Witzen. Doch einen hielt der Herzog mit einer Handbewegung zurück.

»Geh in mein Ankleidezimmer, Ruyven, und bring mir den Korb, der dort steht«, sagte er, und als der Mann mit einem großen Korb auf den Armen zurückkehrte, befahl er: »Setz ihn dort ab. Ja, am Fußende des Bettes. Nun geh.«

»Gute Nacht, mein Lord, meine Lady, und ich wünsche euch beiden viel Glück.« Mit breitem Grinsen zog sich der Mann schnell zurück. Erminie betrachtete neugierig den großen Korb, über den eine Decke gebreitet war.

»Dies ist mein wahres Hochzeitsgeschenk für Euch, meine Lady«, sagte Rascard liebevoll. »Ich weiß, Schmuck bedeutet dir nichts, deshalb habe ich etwas für dich ausgesucht, von dem ich hoffe, daß es dir ein bißchen besser gefallen wird.«

Erminie spürte, daß ihr das Blut von neuem in die Wangen stieg. »Mein Lord, bitte, haltet mich nicht für undankbar. Es ist nur so, daß ich nicht daran gewöhnt bin, Schmuck zu tragen, und die Steine sind so schwer – ich möchte um nichts in der Welt Euer Mißfallen erregen.«

»Was soll denn das? Mein Mißfallen …?« Er faßte sie sanft bei den Schultern. »Meinst du, ich möchte um der Juwelen willen, die ich dir gegeben habe, geliebt werden? Ich fühle mich geschmeichelt, daß dein Mann dir mehr gilt als dein Brautgeschenk. Nehmen wir das Zeug also ab.« Lachend öffnete er die massiven goldenen Schließen der Smaragde und half ihr, sie beiseite zu legen. Erminie seufzte vor Erleichterung. Als all die Halsketten und Armbänder auf dem Nachttisch lagen, fragte er leise: »Willst du jetzt mein anderes Geschenk öffnen?«

Erminie setzte sich im Bett auf und griff eifrig nach dem Korb. Sie zog die Decke weg, und mit einem Ausruf des Entzückens faßte sie in den Korb und hob einen großen wolligen jungen Hund heraus.

»Ist der süß!« Sie drückte den Hund fest an sich. »Oh, ich danke dir!«

»Ich freue mich, daß dir das Geschenk gefällt, meine Liebe«, sagte Rascard lächelnd. Sie warf ihm die Arme um den Hals und küßte ihn impulsiv.

»Hat er einen Namen, mein Lord Herzog?«

»Nein. Ich dachte, du würdest ihr gern selbst einen Namen geben«, sagte Rascard. »Aber ich habe einen Namen, und du mußt mich bei diesem Namen nennen, meine Liebe.«

»Dann – Rascard – danke ich dir«, sagte sie schüchtern. »Darf ich ihn Juwel nennen, weil ich ihn mehr liebe als alle Juwelen, die du mir schenken könntest?«

»Sie«, berichtigte Rascard sie. »Ich habe dir ein Weibchen besorgt. Sie sind sanftere und im Temperament ausgeglichenere Haushunde. Ich dachte, du hättest sicher gern einen Hund, der zu Hause bleibt und dir Gesellschaft leistet, und ein Rüde würde draußen herumstreunen und auf Erkundung ausgehen.«