Herrin der Falken - Marion Zimmer Bradley - E-Book

Herrin der Falken E-Book

Marion Zimmer Bradley

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Beschreibung

Bestsellerautorin Marion Zimmer Bradley ("Die Nebel von Avalon") hat mit dem opulenten Darkover-Zyklus eine einzigartige Romanreihe geschaffen: Die fesselnde Geschichte einer geheimnisvollen fremden Welt und ihrer Bewohner ist Kult! Während ein erbitterter Krieg zwischen den herrschenden Königsfamilien von Darkover tobt, wächst weit entfernt in den Bergen ein außergewöhnliches Mädchen heran: Romilly besitzt die Gabe, mit Tieren sprechen zu können. Als Herrin der Falken ist sie eine wertvolle Verbündete - oder aber eine mächtige Gegnerin. Und so versuchen die skrupellosen Kriegsherren, Romilly auf ihre Seite zu zwingen - koste es, was es wolle...

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Marion Zimmer Bradley – Der “Darkover”-Romanzyklus bei EdeleBooks:

ISBN 978-3-95530-591-8Die LandungISBN 978-3-95530-598-7Herrin der StürmeISBN 978-3-95530-597-0Herrin der FalkenISBN 978-3-95530-609-0Der Untergang von NeskayaISBN 978-3-95530-608-3Zandrus SchmiedeISBN 978-3-95530-607-6Die Flamme von HaliISBN 978-3-95530-594-9Die Zeit der hundert KönigreicheISBN 978-3-95530-592-5Die Erben von HammerfellISBN 978-3-95530-593-2Die zerbrochene KetteISBN 978-3-95530-603-8Gildenhaus ThendaraISBN 978-3-95530-595-6Die schwarze SchwesternschaftISBN 978-3-95530-596-3An den Feuern von HasturISBN 978-3-95530-588-8Das ZauberschwertISBN 978-3-95530-599-4Der verbotene TurmISBN 978-3-95530-589-5Die Kräfte der ComynISBN 978-3-95530-586-4Die Winde von DarkoverISBN 978-3-95530-601-4Die blutige SonneISBN 978-3-95530-602-1Hasturs ErbeISBN 978-3-95530-585-7Retter des PlanetenISBN 978-3-95530-587-1Das Schwert des AldonesISBN 978-3-95530-600-7Sharras ExilISBN 978-3-95530-590-1Die WeltenzerstörerISBN 978-3-95530-604-5Asharas RückkehrISBN 978-3-95530-606-9Die SchattenmatrixISBN 978-3-95530-605-2Der Sohn des Verräters

Marion Zimmer Bradley

Herrin der Falken
Ein Darkover Roman

Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by Edel eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg. Copyright © by Marion Zimmer Bradley Copyright First german Edition © by Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Hawkmistress" Ins Deutsche übertragen von Rosemarie Hundertmarck Trotz intensiver Recherche war es dem Verlag nicht möglich, den Rechteinhaber der Übersetzung zu identifizieren bzw. einen Kontakt herzustellen. Wie bitten den Übersetzer bzw. seinen Nachfolger, sich ggf. beim Verlag zu melden.

Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-597-0

edel.com

ERSTES BUCH

Falkenhof in den Kilgardbergen

1.

Romilly war so müde, daß sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Es war dunkel im Falkenhaus; eine sorgfältig abgeschirmte Laterne, die von einem Dachbalken hing, war die einzige Lichtquelle. Aber die Augen des Falkenweibchens waren so wach, so wild und so erfüllt von Wut wie eh und je. Nein, nicht nur von Wut, sagte sich Romilly von neuem, auch von schrecklicher Angst.

Sie hat Angst. Sie haßt mich nicht, sie hat nur Angst.

Sie spürte es in ihrem Inneren, das Entsetzen hinter der Wut, bis sie kaum noch wußte, was sie war – müde, die Augen brennend, kurz davor, erschöpft in dem schmutzigen Stroh zusammenzubrechen – und was aus dem Gehirn des Falken in ihren Geist floß: Haß, Furcht, rasender Hunger nach Blut und nach Freiheit.

Romilly zog das kleine Messer aus dem Gürtel und schnitt ein Stück von dem in Reichweite liegenden Kadaver ab. Dabei zitterte sie unter der Anstrengung, nicht um sich zu schlagen, sich nicht von der Fessel loszureißen, die sie hielt – nein, nein, nicht sie, die den Falken auf dem Block festhielt – erbarmungslose Lederriemen, die in seine Ständer einschnitten.

Die Flügel des Falkenweibchens peitschten heftig die Luft. Instinktiv zuckte Romilly zurück, und der Streifen rohen Fleisches fiel ins Stroh. Das Mädchen fühlte den Kampf, die Wut und die wahnsinnige Furcht, als bänden die Lederriemen, die den großen Vogel an den Block fesselten, auch sie, als schnitten sie qualvoll auch in ihr Leben... Sie versuchte, sich zu bücken, ruhig nach dem Fleisch zu suchen. Aber die Emotionen des Falken, die in ihren Geist einströmten, waren zuviel für sie. Sie bedeckte die Augen mit den Händen, stöhnte laut auf und ließ es alles Teil von ihr werden, die flatternden Flügel, die schlugen und schlugen... Als ihr das vor einem Jahr zum ersten Mal passierte, war sie in Panik aus dem Stall geflohen und gerannt und gerannt, bis sie eine Handbreit vom Klippenrand entfernt stolperte und fiel. Dort ging es von Falkenhof steil hinunter bis auf die steinigen Ufer des Kadarin.

Sie durfte es nicht so tief in ihren Geist eindringen lassen, sie mußte daran denken, daß sie menschlich, daß sie Romilly MacAran war... Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Die Worte der jungen Leronis fielen ihr ein, die – kurz und heimlich – mit ihr gesprochen hatte, bevor sie in den Turm von Tramontana zurückkehrte.

Du hast eine seltene Gabe, Kind – eine der seltensten von denen, die man Laran nennt. Ich weiß nicht, warum dein Vater so verbittert ist, warum er nicht erlauben will, daß du und deine Schwester und deine Brüder getestet und im Gebrauch dieser Gaben ausgebildet werdet. Er weiß doch bestimmt, daß ein unausgebildeter Telepath eine Bedrohung für sich und alle Menschen seiner Umgebung ist. Dein Vater besitzt die Gabe selbst in vollem Ausmaß!

Romilly wußte es, und sie vermutete, daß auch die Leronis es wußte. Aber aus Loyalität zu ihrem Vater wollte sie außerhalb der Familie nicht darüber sprechen, und die Leronis war immerhin eine Fremde. Der MacAran hatte ihr Gastfreundschaft gewährt, wie er es bei jedem Besucher getan hätte. Doch er hatte sich kalt geweigert, die Falkenhof-Kinder auf Laran testen zu lassen, zu welchem Zweck die Frau eigentlich gekommen war.

»Ihr seid mein Gast, Domna Marelie, aber ich habe einen Sohn an die verfluchten Türme verloren, die unser Land verpesten und die Söhne – aye, und auch die Töchter – anständiger Männer an sich locken, weg von den Pflichten, die sie Heim und Familie gegenüber haben! Ihr mögt Schutz unter diesem Dach suchen, solange der Sturm andauert, und werdet alles erhalten, was einem geehrten Gast zukommt. Nur unterlaßt es, in den Seelen meiner Kinder herumzuschnüffeln!«

Einen Sohn an die verfluchten Türme verloren – Romilly dachte an ihren Bruder Ruyven, der vor vier Jahren über den Kadarin in den Turm von Neskaya geflohen war. Und wahrscheinlich wird Vater noch einen Sohn verlieren. Denn sogar ich sehe, daß Darren eher für den Turm oder das Kloster von Nevarsin geeignet ist als zum Erben von Falkenhof. Darren und Ruyven waren zur Ausbildung nach Nevarsin geschickt worden, wie es der Brauch von den Söhnen eines Bergland-Adligen verlangte, und Darren wäre gern dort geblieben. Aber gehorsam dem Willen seines Vaters kehrte er nun heim, um seine Pflichten als Erbe zu übernehmen.

Wie konnte Ruyven seinen Bruder so im Stich lassen? Darren schafft das nicht ohne einen Bruder an seiner Seite. Ruyven war nicht einmal ein Jahr älter als Darren, und die Brüder hatten immer wie Zwillinge aneinander gehangen. Zusammen waren sie nach Nevarsin gereist, doch Darren war allein zurückgekommen. Ruyven, so berichtete er seinem Vater, war in den Turm gegangen. Der MacAran las Ruyvens Brief und warf ihn in die Mistgrube. Von dem Augenblick an hatte er Ruyvens Namen nie mehr ausgesprochen und es auch allen anderen verboten.

»Ich habe nur zwei Söhne«, pflegte er steinernen Gesichts festzustellen. »Der eine ist im Kloster, der andere auf dem Schoß seiner Mutter.«

Auch gegenüber der Leronis Marelie hatte er sich so geäußert. Bei ihrem kurzen Gespräch mit Romilly sagte sie: »Ich habe mein Bestes getan, Kind, aber er wollte nichts davon hören. Deshalb mußt du nun dein Bestes tun, damit du deine Gabe beherrschen lernst. Denn sonst wird sie dich beherrschen. Und in der Zeit, die mir bleibt, vermag ich dir nur wenig zu helfen. Erführe er, daß ich mit dir gesprochen habe, würde er mich bestimmt nicht über Nacht beherbergen. Aber ich mußte es tun, um dir wenigstens ein bißchen Schutz für die Zeit zu geben, wenn dein Laran erwacht. Du wirst allein damit sein, und es ist nicht leicht, allein damit fertig zu werden. Doch unmöglich ist es nicht, denn ich weiß von einigen, denen es gelungen ist. Dein Bruder gehört auch dazu.«

»Ihr kennt meinen Bruder!« flüsterte Romilly.

»Ich kenne ihn, Kind – was glaubst du denn, wer mich hergeschickt hat?« Romilly preßte die Lippen zusammen, und Marelie setzte sanft hinzu: »Du darfst nicht denken, er habe euch ohne Grund verlassen. Er liebt dich, er liebt auch euren Vater. Aber ein Käfigvogel ist kein Falke und ein Falke kein Kyorebni. Hierher zurückzukehren, ein Leben zu führen, in dem er keinen vollen Gebrauch von seinem Laran machen kann – das wäre der Tod für ihn. Verstehst du das, Romilly? Er käme sich taub und blind und von seinesgleichen getrennt vor.«

»Aber was ist dies Laran, daß er uns alle dafür aufgibt?« fragte Romilly. Marelie blickte traurig drein.

»Das wirst du erfahren, wenn dein eigenes Laran erwacht, mein Kind.«

Romilly rief aus: »Ich hasse Laran. Und ich hasse die Türme! Sie haben uns Ruyven gestohlen!« Sie wandte sich ab und wollte nicht mehr mit Marelie reden. Die Leronis seufzte: »Ich kann dir deine Loyalität zu deinem Vater nicht zum Vorwurf machen, mein Kind.« Sie ging in das ihr zugewiesene Zimmer und reiste am nächsten Morgen ab, ohne ein weiteres Wort mit Romilly gewechselt zu haben.

Das war zwei Jahre her, und Romilly hatte versucht, es zu vergessen. Erst in diesem Jahr war ihr klargeworden, daß sie die Gabe der MacArans in vollem Ausmaß besaß. Sie war irgendwie imstande, in die Gedanken von Falke, Hund und Pferd oder eines anderen Tieres einzudringen. Jetzt wünschte sie fast, sie hätte mit der Leronis darüber sprechen können... Natürlich war daran überhaupt nicht zu denken. Ich mag Laran haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst, aber nie würde ich für so etwas Heim und Familie aufgeben!

So hatte sie darum gekämpft, der Gabe selbst Herr zu werden. Jetzt zwang sie sich, ruhig zu sein, gleichmäßig zu atmen. Sie spürte, wie es sie und ein bißchen sogar die tobende Wut des Falken beschwichtigte. Der Vogel saß bewegungslos da, und das wartende Mädchen wußte wieder, daß es Romilly war, nicht ein gefesseltes Tier, das sich von den einschneidenden Riemen freizumachen versuchte...

Langsam schälte sich dies eine Stückchen Information aus dem Wust von Angst und Aufregung heraus. Die Riemen sind zu eng. Sie tun ihr weh. Romilly beugte sich nieder und versuchte, nur beruhigende Wellen in das Gehirn des Falkenweibchens abzustrahlen – aber sie ist zu verrückt vor Hunger und Panik, um zu verstehen, sonst wäre sie ruhig und wüßte, daß ich ihr kein Leid antun will. Sie zog an den geschlitzten Riemen, die um die Ständer des Falken gewunden waren. Ganz tief unten in ihrem Bewußtsein, sorgfältig abgeschirmt durch die besänftigenden Gedanken, die sie dem Falken zusandte, wehrte sich Romillys eigene Angst gegen das, was sie tat. Einmal hatte sie gesehen, wie ein junger Falkner ein Auge verlor, als er zu nahe an den Schnabel eines verängstigten Vogels kam. Aber sie befahl der Furcht, still zu sein und sich bei dem, was sie zu tun hatte, nicht einzumischen. Wenn der Falke Schmerzen litt, machte das seine Angst und seine Raserei um so schlimmer.

Romilly fummelte mit einer Hand im Halbdunkeln herum und segnete die ständigen Übungen, bei denen sie alle Falkenknoten mit verbundenen Augen und einer Hand zu schlingen gelernt hatte. Der alte Davin hatte immer wieder und wieder betont: Die meiste Zeit wirst du dich in einem dunklen Raum befinden und eine Hand für deinen Falken brauchen. Und so hatte sie Stunde um Stunde diese Knoten um Zweige geknüpft und gelöst, bevor sie in die Nähe der dünnen Ständer eines Vogels gelassen worden war. Das Leder war feucht vom Schweiß ihrer Finger, aber es gelang ihr, es ein bißchen zu lockern – nicht zu sehr, denn sonst würde der Vogel die Fesseln abstreifen und frei fliegen, sich vielleicht die Schwingen an den Wänden des Stalles brechen –, aber doch so, daß sie nicht mehr in die lederige Haut des oberen Beins einschnitten. Dann bückte sich Romilly, hob den ins Stroh gefallenen Fleischstreifen auf und wischte den Schmutz davon ab. Sie wußte, es kam gar nicht so sehr darauf an – Vögel mußten Schmutz und Steine schlucken, um ihre Nahrung im Kropf zu zermahlen. Aber die dreckigen Strohhalme, die an dem Fleisch klebten, widerten sie selbst an. Sorgfältig zupfte sie sie ab und streckte ihre behandschuhte Hand von neuem dem Falken auf dem Block hin. Würde der Vogel jemals von ihrer Hand kröpfen? Nun, sie mußte einfach hierbleiben, bis der Hunger die Furcht überwand und der Vogel das Fleisch nahm. Andernfalls würden sie auch diesen Falken verlieren. Und Romilly war entschlossen, das nicht zuzulassen.

Sie war jetzt froh, daß sie den anderen Vogel freigelassen hatte. Vor drei Tagen hatte der alte Davin zwei Falken gefangen und Romilly versprochen, einen dürfe sie abtragen, während er sich mit dem anderen beschäftigte. Aber dann war das Sommerfieber nach Falkenhof gekommen, und auch Davin war krank geworden. Heute morgen hatte Romilly ihn gefunden, wie er sich stöhnend umherwarf. Er hatte ihr befohlen, die Falken freizulassen. Sonst würden sie verhungern, denn sie nahmen noch keine Nahrung von einer menschlichen Hand. Es würde andere Gelegenheiten, andere Falken geben.

Trotzdem hatte Romilly anfangs gemeint, beide Falken retten zu können. Denn es waren wertvolle Vögel, die feinsten Verrin-Falken, die Davin seit vielen Jahreszeiten gefangen hatte. Das wurde Romilly so richtig klar, als sie den größeren der beiden aufließ. Ein Falke wie dieser war unbezahlbar – König Carolin in Carcosa hatte keine besseren Vögel, hatte Davin gesagt, und er mußte es wissen. Romillys Großvater war vor der Rebellion, die König Carolin in die Hellers und wahrscheinlich in den Tod sandte, Falkenmeister Carolins gewesen. Der Usurpator Rakhal hatte die meisten von Carolins Männern auf ihre eigenen Güter zurückgeschickt und sich mit Leuten umgeben, denen er trauen konnte.

Es war sein eigener Schaden gewesen. Romillys Großvater war vom Kadarin bis zum See von Dalereuth als der beste Falkner der Kilgardberge bekannt. Er hatte alle seine Künste an Mikhail, jetzt der MacAran, und seinen nichtadligen Cousin Davin Falkenmeister weitergegeben. Verrin-Falken, voll ausgewachsen in der Wildnis gefangen, waren widerspenstiger als Nestlinge. Ein Wildfang mochte verhungern, bevor er Atzung von der Hand nahm. Besser sollte er frei fliegen, um andere von der gleichen guten Rasse auszubrüten, als ungezähmt vor Furcht und Hunger im Stall zu sterben.

Deshalb hatte Romilly bedauernd den größeren Vogel aus dem Falkenhaus geholt und die Fesseln von der lederigen Haut seiner Ständer gestreift. Von einem hohen Felsen hinter den Ställen hatte sie ihn fliegen lassen. Tränen verschleierten ihren Blick, als der Falke außer Sicht verschwand. Etwas tief in ihrem Inneren war mit ihm geflogen in der wilden Ekstase des Aufsteigens, Kreisens, frei, frei... Einen Augenblick lang sah Romilly das schwindelerregende Panorama von Burg Falkenhof unter ihr liegen, tiefe Klüfte, bis an den Rand mit Wald bedeckt, und weit entfernt ein schimmerndes weißes Bauwerk, von dem sie wußte, daß es der Hali-Turm am Ufer des Sees war... ob ihr Bruder in diesem Augenblick dort weilte? Und dann war sie wieder allein, vor Kälte zitternd auf dem hohen Felsen. Vom langen Starren ins Licht flimmerte es ihr vor den Augen, und der Falke war fort.

Sie kehrte in den Stall zurück und streckte die Hand bereits nach dem zweiten Vogel aus. Doch da traf sich der Blick des Falkenweibchens mit dem ihren, und in dieser Sekunde überkam sie ein starkes und berauschendes Wissen: Die hier kann ich zähmen, ich brauche sie nicht freizulassen, ich kann mit ihr fertig werden.

Das Fieber, das seinen Einzug in die Burg gehalten und Davin befallen hatte, war beinahe ihr Freund. An einem gewöhnlichen Tag hätte Romilly Pflichten und Unterricht gehabt. Heute jedoch war die Erzieherin, die sie mit ihrer jüngeren Schwester Mallina teilte, ebenfalls von dem Fieber angehaucht. Sie fröstelte im Schulzimmer am Feuer und hatte Romilly die Erlaubnis gegeben, zu den Ställen zu gehen und auszureiten. Sie könne sich auch mit ihrem Buch oder ihrer Handarbeit ins Gewächshaus hoch oben in der Burg setzen und unter den Blättern und Blüten lernen – das Licht tat Domna Calindas Augen immer noch weh. Die alte Gwennis, Romillys Kinderfrau, als sie und ihre Schwester noch klein waren, hatte mit Mallina zu tun, die zu Bett lag, wenn auch nicht gefährlich krank. Und Lady Luciella, ihre Stiefmutter, wich nicht von der Seite des neunjährigen Rael, denn er hatte das Fieber in seiner schlimmsten Form, litt unter entkräftenden Schweißausbrüchen und konnte nicht schlucken.

So hatte Romilly sich selbst einen herrlichen Tag der Freiheit in Ställen und Falkenhaus versprochen. Ob Domna Calinda wirklich so dumm war, daß sie glaubte, Romilly würde einen unterrichtsfreien Tag mit einem blöden Lehrbuch oder einer Handarbeit verbringen? Aber sie hatte Davin auch fieberkrank gefunden, und er war froh, daß sie kam. Sein Lehrling war noch zu ungeschickt, um den unabgetragenen Vögeln in die Nähe zu kommen. Deshalb hatte er Romilly befohlen, sie beide freizulassen. Und sie hatte zunächst einmal gehorcht.

Aber dieser Falke gehörte ihr! Auch wenn er wütend und schlechtgelaunt auf seinem Block saß, die roten Augen verschleiert vor Zorn und Entsetzen, bei der geringsten Annäherung wild mit den Flügeln schlug – er gehörte ihr, und früher oder später erkannte er das Band zwischen ihnen bestimmt.

Romilly wußte jedoch, daß es weder schnell noch leicht gehen würde. Sie hatte schon Nestlinge aufgezogen – junge Vögel, im Falkenhaus ausgebrütet oder noch hilflos gefangen, bevor ihnen Federn wuchsen –, sie daran gewöhnt, Atzung von einer Hand oder einem Handschuh zu nehmen. Aber dieser Falke hatte zu fliegen, zu jagen und sich in der Wildnis selbst zu versorgen gelernt. Das waren bessere Jäger als in der Gefangenschaft groß gewordene Vögel, doch schwerer zu zähmen. Etwa zwei von fünfen verhungerten lieber, bevor sie Atzung annahmen. Romilly mochte gar nicht daran denken, daß dies auch ihrem Falken passieren könne. Irgendwie würde, mußte sie den Abgrund zwischen ihnen überbrücken.

Der Falke peitschte von neuem die Luft mit den Flügeln. Romilly kämpfte darum, sie selbst zu bleiben, sich nicht in die Panik und Wut des Vogels hineinziehen zu lassen. Gleichzeitig versuchte sie, Wellen der Ruhe auszusenden. Ich will dir nicht weh tun, Schöne. Sieh, hier ist Essen. Das Falkenweibchen ignorierte das Signal und tobte weiter. Romilly fiel es schwer, nicht ängstlich zurückzuweichen, sich nicht von den anbrandenden Wogen der Angst und des Entsetzens überfluten zu lassen, die von dem gefesselten Vogel ausgingen.

Diesmal hatte das Flügelschlagen doch schneller als vorher aufgehört? Der Falke ermüdete. Wurde er schwächer, würde er sich den Weg in Erschöpfung und Tod erkämpfen, bevor er bereit war, sich zu ergeben und von dem Handschuh zu kröpfen? Romilly wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war. Aber als der Falke sich beruhigte und ihre Gedanken sich klärten, so daß sie von neuem wußte, sie war Romilly und nicht der in Raserei versetzte Vogel, fand sie ihren Atem wieder. Für einen Augenblick ließ sie den Handschuh von der Hand gleiten. Ihr war, als würden Hand und Arm gleich aus den Gelenken brechen. Sie war sich nur nicht sicher, ob es daran lag, daß der Handschuh zu schwer für sie war (sie hatte Stunden damit verbracht, ihn am ausgestreckten Arm zu halten, hatte den Schmerz der verkrampften Muskeln ertragen, um sich an sein Gewicht zu gewöhnen) oder ob es etwas mit dem wilden Schlagen ihrer Flügel zu tun hatte... nein. Nein, sie durfte nicht vergessen, wer von ihnen sie selbst und wer der Falke war. Romilly lehnte sich an die rauhe Wand hinter ihr und schloß halb die Augen. Fast schlief sie im Stehen ein. Doch sie durfte weder schlafen noch sich bewegen.

Man läßt einen Falken in diesem Stadium nicht allein, hatte Davin ihr gesagt. Keinen Augenblick lang. Nicht einmal, um zu essen? hatte sie gefragt, als sie klein war. Und er hatte geschnaubt: »Was das angeht, ein Mensch kann es ohne Essen und Wasser länger aushalten als ein Falke. Wenn er nicht mehr Stehvermögen hat als der Falke, den er zähmen will, soll er sich gar nicht erst daran versuchen.«

Nur hatte Davin von sich selbst gesprochen. Damals war es ihm nicht in den Sinn gekommen, ein Mädchen könne einen Falken zähmen wollen oder es gar fertigbringen. Später hatte er ihr nichts in den Weg gelegt, als sie darauf bestand, alle Künste des Falkners zu erlernen – schließlich mochten die Vögel eines Tages ihr gehören, obwohl sie zwei ältere Brüder hatte. Es wäre nicht das erste Mal, daß Falkenhof auf die weibliche Linie vererbt wurde. Auch war es nicht ungewöhnlich, daß eine Frau mit einem zahmen und gut trainierten Vogel ausritt. Sogar Romillys Stiefmutter hatte es schon getan, einen mit viel Fingerspitzengefühl ausgebildeten Vogel, nicht größer als eine Taube, wie ein seltenes Schmuckstück auf dem Handgelenk. Natürlich hätte Luciella niemals einen der Verrin-Falken berührt. Und ihr wäre nie eingefallen, ihre Stieftochter könne den Wunsch dazu haben.

Aber warum nicht? fragte Romilly sich wütend. Ich bin mit der MacAran-Gabe geboren, mit dem Laran, das mir Herrschaft über Falke, Pferd und Hund gibt. Nicht Laran. Ich werde niemals zugeben, daß ich den bösen Fluch der Hastur-Sippe trage. Es ist die alte Gabe der MacArans... Ich habe ein Recht darauf, es ist kein Laran, nicht eigentlich... Ich mag eine Frau sein, aber ich bin ebensosehr ein MacAran wie meine Brüder! Wieder tat sie einen Schritt auf den Falken zu, das Fleisch auf dem Handschuh ausgestreckt. Doch der Falke warf den Kopf hoch und starrte Romilly mit seinen Perlenaugen kalt an. Er zog sich mit einem kleinen Hopser zurück, so weit es die Abmessungen des Blocks erlaubten. Romilly konnte spüren, daß die Fesseln ihm keinen Schmerz mehr verursachten. Sie murmelte tröstliche Worte, und ihr eigener Hunger machte sich wieder bemerkbar. Sie hätte sich etwas Essen in die Tasche stecken sollen. Oft genug hatte sie gesehen, daß Davin Brot und kaltes Fleisch bei sich trug, damit er in der langen Zeit, die er bei einem Falken aushielt, etwas zu kauen hatte. Wie gern hätte sie sich für einen Augenblick in die Küche oder Speisekammer geschlichen – und auch auf die Toilette; ihre Blase schmerzte vor Druck. Ihr Vater oder ihre Brüder hätten beiseite treten, sich kurz abwenden, die Hose öffnen und sich gegen die Wand erleichtern können. Aber obwohl Romilly eine alte Hose von Ruyven trug, hätte sie zu viele Bänder und Verschlüsse lösen müssen. Seufzend blieb sie, wo sie war.

Wer nicht mehr Stehvermögen als ein Falke hat, hatte Davin gesagt, darf sich gar nicht erst an einem versuchen. Das war der einzige echte Nachteil, den ein Mädchen bei der Arbeit in den Ställen hatte, dachte Romilly, und zum ersten Mal war es ein echter Nachteil für sie selbst.

Du bist auch hungrig, sprach sie stumm zu dem Falken. Komm, komm, hier ist Essen! Wenn ich hungrig bin, heißt das doch nicht, daß du nicht kröpfen darfst, du dummes Ding, du! Aber der Falke machte keine Anstalten, das Fleisch zu berühren. Er bewegte sich ein bißchen, und Romilly fürchtete schon, er werde einen neuen Anfall wilden Flügelschlagens bekommen. Er blieb jedoch ruhig, und nach einer Weile entspannte sie sich und hielt weiter bewegungslos Wache.

Als meine Brüder in meinem Alter waren, wurde es als selbstverständlich angesehen – ein MacAran-Sohn trainiert seinen eigenen Hund, sein eigenes Pferd, seinen eigenen Falken. Und Rael ist erst neun, aber schon besteht Vater darauf, daß er seinen Hunden Manieren beibringt. Früher – bevor Ruyven sie verließ, bevor Darren nach Nevarsin geschickt wurde – hatte ihr Vater sie voller Stolz mit Pferden und Hunden arbeiten lassen.

Er sagte immer: Romilly ist eine MacAran, sie hat die Gabe. Es gibt kein Pferd, das sie nicht reiten, keinen Hund, mit dem sie nicht Freundschaft schließen kann. Die Hündinnen kommen und werfen in ihrem Schoß. Er war stolz auf mich. Er sagte oft zu Ruyven und Darren, ich sei ein besserer MacAran als sie, und sie sollten achtgeben, wie ich mit einem Pferd umgehe.

Aber jetzt – jetzt macht es ihn wütend.

Ruyvens Flucht hatte für Romilly zur Folge gehabt, daß ihr Vater sie streng unter die Aufsicht ihrer Stiefmutter stellte. Sie sollte im Haus bleiben und sich »wie eine Dame« benehmen. Nun war sie fast fünfzehn; ihre jüngere Schwester Mallina hatte bereits begonnen, das Haar wie eine Frau mit einer Schmetterlingsspange aufzustecken. Mallina war es zufrieden, Zierstiche zu lernen, sittsam im Damensattel zu reiten und mit kleinen dummen Schoßhunden zu spielen, statt sich mit den vernünftigen Hüte- und Arbeitshunden rund um die Weiden und Ställe zu beschäftigen. Mallina hatte sich zu einem törichten Ding entwickelt. Und das Schreckliche daran war, daß ihr Vater sie als törichtes Ding lieber hatte und erklärte, Romilly solle ihr nacheifern.

Nie. Ich möchte lieber tot sein als die ganze Zeit im Haus zu bleiben und wie eine Dame zu sticken. Mallina ist früher gut geritten, und jetzt ist sie wie Luciella, weich und schwabbelig. Sie schrickt zurück, wenn ein Pferd seinen Kopf in ihre Richtung dreht, sie könnte einen flotten Galopp keine halbe Stunde durchhalten, ohne herunterzufallen und wie ein Fisch in einem Baum zu japsen. Sie lächelt geziert und zwitschert, genau wie Luciella, und das Schlimmste daran ist, Vater gefallen sie so!

Am anderen Ende des Falkenhauses rührte sich etwas. Einer der Nestlinge dort stieß einen Schrei eines unabgetragenen jungen Vogels aus, der Futter riecht. Als habe der Laut eine Explosion hervorgerufen, begann Romillys Falke von neuem wild mit den Flügeln zu schlagen. Romilly, eins mit dieser Raserei, spürte grimmigen Hunger wie Klauen in ihrem Bauch wühlen. Der Junge des Falkenmeisters mußte eingetreten sein, um die anderen Vögel zu füttern. Er ging langsam von einem zum anderen, murmelte ihnen etwas zu. Also war es kurz vor Sonnenuntergang. Romilly war seit dem Vormittag hier. Der Junge beendete seine Arbeit, hob den Kopf und bemerkte sie.

»Mistress Romilly! Was tut Ihr hier, damisela?«

Seine Stimme brachte den Falken von neuem zum Flattern. Romilly wurde sich wieder der fürchterlichen Schmerzen bewußt und meinte, Hände und Arme würden gleich ins Stroh fallen. Mit Mühe riß sie sich los von dem Toben, der Angst, dem Zorn, der Blutlust – Krallen und Schnabel rissen, Blut schoß hervor, in ihren Mund... und zwang sich, leise zu sprechen, um den Vogel nicht noch mehr aufzuregen.

»Ich arbeite mit diesem Falken. Geh weg, Ker, du bist hier fertig und wirst ihn nur ängstigen.«

»Aber ich habe Davin sagen gehört, der Falke solle freigelassen werden, und der MacAran ist wütend darüber«, brummelte Ker. »Er wollte die Verrin-Falken nicht verlieren, und er hat Davin gedroht, ihn hinauszuwerfen, den alten Mann, wenn er sie freiläßt.«

»Nun, den hier wird Vater nicht verlieren, wenn du ihn nicht um den Verstand bringst«, stellte Romilly gereizt fest. »Geh weg, Ker, bevor er wieder zu flattern beginnt.« Schon fühlte sie das Zittern, das sich in des Vogels Körper und Gehirn aufbaute. Sollte das rasende Flügelschlagen wieder losgehen, würde sie erschöpft zusammenbrechen und vor Wut und Frustration schreien. Es machte ihre Stimme scharf. »Geh weg!«

Ihre eigene Erregung teilte sich dem Vogel mit. Schon schlugen die Flügel wieder, Wellen von Haß und Panik kamen und gingen, drohten ihr Bewußtsein und ihre Identität zu ertränken. Sie wehrte sich stumm, versuchte, ruhig zu bleiben, Ruhe auf den verängstigten Vogel abzustrahlen. Komm, komm, Schöne, niemand will dir etwas tun, sieh her, hier ist Essen... und als sie wieder wußte, wer und wo sie war, war der Junge verschwunden.

Er hatte die Tür offengelassen. Ein fürchterlicher kalter Luftzug drang von den Abendnebeln herein. Bald würde der nächtliche Regen- oder Schneefall beginnen – verdammter Schlingel! Romilly stahl sich für ein paar Sekunden auf Zehenspitzen von dem Block weg, um die Tür zuzuziehen – was nützte es, diesen Falken zu zähmen, wenn alle Vögel an der Kälte starben! Sobald sie sich von ihrem Falken entfernt hatte, stieg die Frage in ihr auf, was sie hier eigentlich tat und warum. Wie war sie auf den Gedanken gekommen, sie, ein junges Mädchen, könne etwas fertigbringen, woran selbst der geschickte Davin in zwei unter fünf Fällen scheiterte? Sie hätte dem Jungen sagen sollen, das Falkenweibchen sei völlig erschöpft, er solle zu ihrem Vater gehen und ihn bitten zu übernehmen. Sie hatte gesehen, was er mit einem wilden, tobenden, erschöpften Hengst fertigbrachte, der aus den freilebenden Herden in den Schluchten und auf den weiter entfernten Berghängen stammte. Eine Stunde, vielleicht zwei, mit ihrem Vater am einen Ende der Longe und dem Hengst an der anderen, und das Pferd kam zum Zaum, senkte seinen großen Kopf und rieb ihn an der Brust des MacAran... sicher gelänge es ihm ebenso, diesen Vogel zu retten. Romilly war müde und fror, sie sehnte sich nach der Zeit, als sie auf ihres Vaters Schoß klettern und ihm alle ihre Sorgen erzählen konnte...

Die Stimme ging ihr durch Mark und Bein, zornig und kalt – aber es lag auch Zärtlichkeit darin. Das war die Stimme Mikhails, Lords von Falkenhof, des MacAran.

»Romilly!« sagte er, schockiert, aber mitfühlend. »Tochter, was machst du denn da? Das ist keine Arbeit für ein Mädchen, einen Verrin-Falken zu zähmen! Ich habe diesem elenden Davin Befehle gegeben, und er liegt faul im Bett, während der eine Falke von einem Kind mißhandelt wird und der andere, da bin ich sicher, auf seinem Block verhungert ist...«

Romilly konnte kaum sprechen, so wehrte sie sich dagegen, in Tränen auszubrechen und die Beherrschung zu verlieren.

»Das andere Falkenweibchen fliegt frei, um weitere von ihrer Art auszubrüten«, antwortete sie. »Ich selbst habe sie bei Sonnenaufgang freigelassen. Und diese hier ist nicht mißhandelt worden, Vater –«

Worte und Bewegungen ließen den Falken heftiger als zuvor flattern. Romilly keuchte. Es war schwer, das Bewußtsein ihrer selbst aufrechtzuerhalten gegen die Wut der klatschenden Flügel, den Hunger, die Blutlust, das Verlangen, sich loszureißen, zu fliegen, sich an den dunklen, einengenden Balken zu zerschmettern... aber es ging vorüber. Romilly, die besänftigend auf den Vogel einsprach, spürte, daß ein anderer Verstand den ihren berührte und Wellen der Ruhe aussandte... also so macht Vater das, dachte sie in einem Winkel ihres Gehirns. Sie strich sich eine schweißtriefende Locke aus den Augen und tat wieder einen Schritt zu dem Falken hin.

Hier ist Essen, komm und nimm es... Der Magen drehte sich ihr um, als sie das tote Fleisch auf dem Handschuh sah und roch. Ja, Falken kröpfen frische Beute, sie werden gezähmt, indem man sie hungern läßt, bis sie Aas annehmen...

Plötzlich zerbrach die Gedankenverbindung zwischen Mädchen, Mann und Falken. Mikhail von MacAran fragte barsch: »Romilly, was soll ich mit dir bloß anfangen? Du hast hier im Falkenhaus nichts zu suchen; das ist keine Arbeit für eine Lady.« Seine Stimme wurde sanfter. »Zweifellos hat Davin dich dazu angestiftet. Mit ihm befasse ich mich noch. Leg das Fleisch hin und geh, Romilly. Manchmal kröpft ein Falke von einem leeren Block, wenn er hungrig genug ist. Wenn dieser es tut, werden wir ihn behalten, wenn nicht, kann Davin ihm morgen die Freiheit geben. Oder sein Junge soll etwas tun, um sich den Brei zu verdienen! Heute ist es zu spät, den Falken aufzulassen. Er wird nicht sterben, und falls doch, ist es nicht der erste, den wir verlieren. Geh ins Haus, Romilly, nimm ein Bad und leg dich ins Bett. Überlasse die Falken dem Falkenmeister und seinem Jungen. Dazu sind sie da, Liebes. Mein kleines Mädchen braucht das nicht zu tun. Geh ins Haus, Romy, Kind.«

Sie schluckte schwer und spürte die Tränen hervorquellen.

»Vater, bitte«, flehte sie, »ich bin sicher, daß ich sie zähmen kann. Laß mich bleiben, ich bitte dich.«

»Zandrus Höllen!« fluchte der MacAran. »Wenn nur einer deiner Brüder deine Kraft und Geschicklichkeit hätte, Mädchen! Aber ich will nicht, daß man sagt, meine Töchter müßten in Falkenhaus und Stall arbeiten! Hinein mit dir, Romilly, ich will kein Wort mehr hören!«

Sein Gesicht war streng und unerbittlich. Der Falke flatterte von neuem, und Romilly spürte die Explosion von Wut, Frustration, Panik in ihrem eigenen Innern. Sie ließ den Handschuh fallen und lief schluchzend vor Zorn davon. Ihr Vater verließ hinter ihr das Falkenhaus und schloß die Tür ab.

Romilly ging auf ihr Zimmer, wo sie ihre schmerzende Blase leerte. Eine der Dienerinnen hatte ihr ein Tablett hingestellt, und sie aß ein Stück Brot mit Honig und trank eine Tasse Milch. Aber ihre Gedanken waren immer noch bei dem gefesselten, leidenden, verhungernden Falken im Stall.

Er wollte nicht kröpfen, und bald würde er sterben. Er hatte gerade begonnen, Romilly ein bißchen zu vertrauen... Die letzten zwei oder drei Male, bevor ihr Vater sie störte, hatte das Flügelschlagen schneller aufgehört, hatte der Vogel ihre besänftigenden Gedanken gespürt. Doch jetzt würde er bestimmt sterben.

Romilly machte sich daran, ihre Schuhe auszuziehen. Dem MacAran war niemand ungehorsam, vor allem seine Tochter nicht. Bis zu dem endgültigen Bruch hatte nicht einmal Ruyven, sechs Fuß groß und beinahe ein Mann, es gewagt, sich ihm offen zu widersetzen. Romilly, Darren, Mallina – alle gehorchten sie ihm aufs Wort und riskierten kaum einmal einen trotzigen Blick. Nur der jüngste, der verwöhnte kleine Rael, versuchte sich manchmal den Befehlen seines Vaters mit Schmeicheln und Schelmerei zu entziehen.

Nebenan, hinter den Glastüren, die ihre Zimmer trennten, schlief Mallina bereits fest, das blaßrote Haar und das Spitzennachthemd hell vor dem Kissen. Lady Calinda war längst zu Bett gegangen, und die alte Gwennis döste in einem Sessel neben der schlafenden Mallina. Obwohl Romilly sich nicht freute, daß ihre Schwester krank war, freute sie sich doch darüber, daß die alte Kinderfrau mit Mallina zu tun hatte. Wenn sie Romilly in diesem Aufzug gesehen hätte – schuldbewußt betrachtete Romilly ihre schmutzigen, schweißgetränkten Sachen – hätte es Vorhaltungen und Ärger gegeben.

Sie war erschöpft und dachte sehnsüchtig an saubere Kleider, ein Bad ihr eigenes weiches Bett. Sie hatte gewiß alles getan, was sie konnte, um den Falken zu retten. Vielleicht sollte sie aufgeben. Es war ja möglich, daß er vom Block kröpfte. Und wenn er das einmal getan hatte, würde er zwar nicht sterben, aber niemals mehr zahm genug werden, um Atzung von Hand oder Handschuh des Falkners zu nehmen. Dann mußte er freigelassen werden. Na gut. Und wenn er in seinem erschöpften und verängstigten Zustand nicht vom Block kröpfte und starb... nun, auch früher waren schon Falken auf Falkenhof gestorben.

Aber niemals einer, mit dem ich so tief in Rapport gestanden habe...

Als stände sie immer noch müde und angespannt im Falkenhaus, spürte sie von neuem, wie sich die Raserei aufbaute... auch wenn er sicher an den Block gebunden war, konnte sich der Falke beim wilden Schlagen die Flügel brechen... um nie mehr zu fliegen, um stumpfsinnig und gebrochen auf einer Stange zu sitzen oder zu sterben... wie ich im Haus, in Frauenkleidern bei einer blöden Stickerei...

Und da wurde ihr klar, daß sie es nicht zulassen konnte.

Ihr Vater, schoß es ihr durch den Kopf, würde sehr böse sein. Diesmal bekam sie vielleicht sogar die Schläge, die er ihr für den nächsten Ungehorsam angedroht hatte. Bisher hatte er noch nie Hand an sie gelegt. Ihre Erzieherin hatte sie ein- oder zweimal verhauen, als sie noch sehr klein gewesen war. Doch meistens war sie mit Zimmerarrest, mit Reitverbot, mit harten Worten oder dem Verzicht auf ein versprochenes Vergnügen bestraft worden.

Diesmal wird er mich sicher schlagen, dachte sie, und die Ungerechtigkeit schüttelte sie. Ich werde Schläge bekommen, weil ich mich nicht darin finde, das arme Ding verhungern oder sich zu Tode toben zu lassen...

Nun, dann werde ich eben Schläge bekommen. Daran ist noch nie jemand gestorben, glaube ich. Romilly war bereits fest entschlossen, sich ihrem Vater zu widersetzen. Der Gedanke an seinen Zorn schreckte sie noch mehr als der an Schläge. Aber sie würde nie mehr ein gutes Gewissen haben, wenn sie jetzt ruhig in ihrem Zimmer blieb und den Falken sterben ließ. Sie hätte bei Sonnenaufgang beiden die Freiheit geben sollen, wie Davin es befohlen hatte. Vielleicht verdiente sie Schläge für diesen Ungehorsam. Doch jetzt, wo sie einmal angefangen hatte, wäre es grausam, aufzuhören. Sie wenigstens, dachte Romilly, konnte verstehen, warum sie geschlagen wurde. Der Falke verstand die Gründe für die lange Qual bis zu seinem Tod nicht. Ihr Vater selbst hatte ihr immer gesagt, ein guter Ausbilder begänne nichts mit Falke, Hund oder Pferd, das er nicht beenden könne. Es sei ungerecht gegen eine stumme Kreatur, die nichts von Gründen wisse.

Wenn, so hatte er ihr einmal auseinandergesetzt, du einem menschlichen Wesen aus irgendeinem Grund, der dir stichhaltig erscheint, die Treue brichst, kannst du es ihm hinterher wenigstens erklären. Aber wenn du einer stummen Kreatur die Treue brichst, hast du sie auf unverzeihliche Weise verletzt, weil du es ihr niemals begreiflich machen kannst. Nie in ihrem Leben hatte Romilly ihren Vater von Treue und Glauben in Zusammenhang mit einer Religion sprechen hören, nie hatte er – außer in einem Fluch – einen Gott genannt. Doch bei diesen Worten hatte sie einen Blick in die Tiefe seines Glaubens und sein Inneres getan. Sie war ihm ungehorsam, ja. Doch in einem tieferen Sinn tat sie, was er sie als recht gelehrt hatte. Deshalb würde er, selbst wenn er sie dafür schlagen sollte, eines Tages erkennen, daß ihre Tat sowohl richtig als auch notwendig gewesen war.

Romilly trank noch einen Schluck Wasser. Sie konnte den Hunger ertragen, wenn es sein mußte, die eigentliche Folter war der Durst. Davin hielt bei der Arbeit mit einem Falken für gewöhnlich einen Wassereimer in Reichweite. Romilly hatte vergessen, Eimer und Schöpfkelle bereitzuhalten. Leise schlüpfte sie aus dem Zimmer. Mit etwas Glück würde der Falke vor Sonnenaufgang »brechen« – würde vom Handschuh kröpfen und dann schlafen. Diese Unterbrechung mochte Ursache sein, daß sie den Falken verloren – wenn er nicht bald kröpfte, mußte er sterben –, aber sie, der er das Verbleiben in der Gefangenschaft verdankte, war es dann nicht, die ihm die Treue gebrochen und ihn dem Tod überlassen hatte.

Romilly war bereits vor der Tür, als sie noch einmal umkehrte und Stahl und Feuerstein holte. Sicher hatte ihr Vater oder der Junge des Falkenmeisters die Laterne gelöscht, und sie würde sie wieder anzünden müssen. Im Nebenzimmer hinter den Glastüren regte Gwennis sich und gähnte. Romilly erstarrte. Aber die Kinderfrau beugte sich nur zu Mallina nieder, fühlte ihre Stirn und prüfte, ob das Fieber nachgelassen habe. Seufzend setzte sie sich wieder in ihrem Sessel zurecht, ohne einen Blick in Romillys Richtung zu werfen.

Auf lautlosen Sohlen kroch Romilly die Treppe hinunter.

Sogar die Hunde schliefen. Zwei der großen graubraunen Wachhunde lagen quer vor der Tür. Sie waren nicht bissig und würden nicht einmal einen Eindringling beißen oder angreifen, falls er sie nicht bedrohte. Aber einen Lärm konnten sie veranstalten! Ihr freundliches, lautes Bellen diente dem Zweck, den Haushalt aufmerksam zu machen, daß jemand kam, ob Eindringling oder Freund. Romilly kannte jedoch beide Hunde, seit sie geworfen worden waren. Sie hatte ihnen die ersten festen Bissen gegeben, als sie nicht mehr bei der Mutter saugten. Nun schob sie sie ein bißchen von der Tür weg. Die Hunde, die eine vertraute und geliebte Hand fühlten, schnauften nur ein bißchen im Schlaf und ließen sie vorbei.

Das Licht im Falkenhaus war tatsächlich gelöscht worden. Als Romilly über die Schwelle trat, fiel ihr eine alte Ballade ein, die sie als Kind von ihrer eigenen Mutter gehört hatte. Es hieß darin, des Nachts, wenn kein menschliches Wesen in der Nähe sei, sprächen die Vögel miteinander. Unwillkürlich ging Romilly auf Zehenspitzen und rechnete beinahe damit, sie zu belauschen. Aber die zahmen Vögel im Falkenhaus waren nichts als Federkugeln auf den Blöcken und schliefen fest, und sie nahm nur eine verworrene Stille wahr.

Ob sie unter sich telepathisch sind, ob sie die Furcht oder den Schmerz eines anderen Vogels empfangen? fragte sie sich. Nicht einmal die Leronis hatte ihr das sagen können. Jetzt vermutete sie, daß die meisten, wenn nicht alle dieser Vögel kopfblind waren, ohne telepathischen Sinn oder Laran. Andernfalls würden sie erwachen und unruhig werden. Denn Romilly selbst empfing immer noch die Wellen von Angst und Wut, von Hunger und Raserei, die von dem großen Verrin-Falken ausgingen.

Romilly zündete mit bebenden Händen die Lampe an. Vater hatte also nie geglaubt, der Falke werde die Atzung vom Block nehmen; er wußte ja, daß kein Falke im Dunkeln kröpft. Wie hatte er das tun können? Auch wenn er auf sie, Romilly, böse war, brauchte er den Falken doch nicht um seine letzte Lebenschance zu bringen!

Nun mußte sie wieder ganz von vorn anfangen. Sie sah das tote Fleisch auf dem Block liegen, unangerührt, ohne eine Schnabelspur. Der Falke hatte nicht gekröpft. Das Fleisch begann, ranzig zu riechen. Romilly hob es hoch und mußte ihren eigenen Ekel überwinden – puh, wenn ich ein Falke wäre, würde ich dies Aas auch nicht anrühren.

Der Falke schlug wieder mit den Flügeln. Romilly trat näher, besänftigende Worte murmelnd. Und nach kurzer Zeit wurden die peitschenden Flügel ruhig. Konnte es sein, daß der Falke sich an sie erinnerte? Vielleicht hatte die Unterbrechung ihre Chancen nicht völlig verdorben. Sie ließ die Hand in den Handschuh schlüpfen, schnitt ein frisches Stück Fleisch von dem Kadaver ab und hielt es dem Vogel hin. Aber wieder meinte sie, der Abscheu vor dem Aasgeruch sei stärker als vorher.

Fühlte sie also, was der Falke fühlte? Eine Sekunde lang begegnete Romillys Blick in einer betäubenden Welle von Übelkeit den großen gelbgrünen Augen des Vogels. Es kam ihr vor, als balanciere sie über einen schmalen Grat, auf dem sie nicht genug Platz zum Stehen hatte, unbekanntes Leder schnürte ihre Beine ein. Und es war eine fremde und hassenswerte Präsenz da, die sie zwingen wollte, einen scheußlichen schmutzigen Klumpen hinunterzuschlingen, der absolut ungenießbar war... Für einen Sekundenbruchteil war Romilly wieder ein kleines Kind, das noch nicht sprechen konnte, gefangen in ihrem hohen Stühlchen, und ihre Kinderfrau löffelte irgendein widerwärtiges scheußliches Zeug in ihre Kehle, und sie konnte nur um sich schlagen und schreien...

Der Magen drehte sich ihr um. Zitternd trat sie zurück und ließ das Aas zu Boden fallen. So sah der Falke sie? Sie hätte ihn freilassen sollen, sie konnte nicht mit einem solchen Haß leben... hassen uns alle Tiere, die wir beherrschen, auf diese Weise? Dann ist jemand, der Pferde und Hunde abrichtet, schlechter als ein Kinderquäler... und wer einen Falken vom Himmel holt, um ihn an einen Block zu ketten, ist nicht besser als ein Mann, der Frauen Gewalt antut... Aber diesmal war der flatternde, kämpfende Falke von der Stange abgekommen. Romilly trat zu ihm, richtete geduldig den Block so her, daß der Falke einen sicheren Platz zum Stehen finden konnte, bis er seine Hände wiederfand und das Gleichgewicht zurückgewann.

Dann stand sie stumm, versuchte, den Falken nicht einmal durch ihr Atmen zu beunruhigen, während der Kampf in ihrem Gehirn weiterging. Sie spürte, wie in dem gefesselten Falken Angst und Wut miteinander um die Vorherrschaft stritten. Romilly, um die eigene Ruhe ringend, füllte ihren Geist mit der Erinnerung an das letzte Mal, als sie mit ihrem Lieblingsfalken gejagt hatte. Sie stieg mit ihm auf, schlug die Beute, und deutlich wie damals wurde das Gefühl, das in ihren Begriffen Stolz und Freude war, als der Falke von ihrem Handschuh kröpfte... Sie wußte, diese Freude an etwas Vollbrachtem, dieses Gefühl einer plötzlichen Einheit mit dem Vogel wäre noch stärker gewesen, hätte sie den Falken selbst abgetragen.

Und sie hatte mit ihrer Lieblingshündin das Entzücken geteilt, unausgesprochen, unmöglich in Worte zu fassen, aber eine tiefe und schwellende Freude, als sie ihr ihre Welpen brachte. Das Vergnügen des Tiers an der Liebkosung war etwas wie die Liebe, die sie für ihren eigenen Vater empfand, ihre Freude und ihr Stolz bei seinem seltenen Lob. Ja, sie empfand den Schmerz und die Furcht eines jungen Pferdes, das sich gegen Zaum und Sattel wehrte, doch sie nahm ebenso an der Verbindung und dem Vertrauen zwischen Pferd und Reiter teil, die sie als echte Liebe erkannte. Deshalb liebte sie es, halsbrecherisch zu reiten, weil sie wußte, es konnte ihr nichts geschehen, solange das Pferd sie trug, und sie ließ es laufen, wie es wollte, und ihnen beiden gemeinsam war die Ekstase des Dahinfliegens...

Nein, dachte sie, es ist keine Vergewaltigung, ein Tier auszubilden und zu trainieren, ebensowenig wie es ein Unrecht war, als die Kinderfrau mich lehrte, Brei zu essen. Anfangs fand ich ihn scheußlich und wollte nichts anderes als Milch. Doch wenn man mich weiter mit Milch ernährt hätte, nachdem mir Zähne gewachsen waren, wäre ich krank und schwach geworden. Ich brauchte feste Nahrung, um stark zu werden. Ich mußte lernen, das zu essen, was gut für mich war, und Kleider zu tragen, obwohl ich damals bestimmt lieber wie ein Wickelkind in Decken eingehüllt worden wäre. Später lernte ich, mein Fleisch mit Messer und Gabel zu schneiden, statt es in die Finger zu nehmen und wie ein Tier mit den Zähnen daran zu nagen. Und heute bin ich froh, all das zu können.

Als das Falkenweibchen wieder flatterte, zog sich Romilly nicht vor der Angst zurück, sondern teilte sie. Halblaut flüsterte sie: »Vertrau mir, Schöne, du wirst wieder frei fliegen. Wir werden zusammen jagen, du und ich, als Freunde, nicht als Herr und Sklave, das verspreche ich dir...«

Sie füllte ihren Geist mit Bildern von freiem Schweben über den Bäumen im Sonnenschein, rief ihre Erinnerung an die letzte Beize zurück. Sie sah den Vogel mit seiner Beute in Spiralen niedersteigen, sie riß das eben getötete Fleisch entzwei, damit sie dem Falken seinen Anteil geben konnte... und wieder, mit einem Verlangen, das sie krank machte, spürte sie den wahnsinnigen Hunger, das geistige Bild des Falkens vom Schlagen der Beute, frisches Blut floß in ihren Mund... Ihr eigener menschlicher Ekel, der Hunger des Falken vermischten sich so in ihr, daß sie kaum noch wußte, was was war. Diesen Hunger spürend, streckte sie den Streifen Rabbithornfleisch aus. Aber jetzt stieß der Gestank sie ebenso ab wie den Falken. Sie meinte, sich übergeben zu müssen.

Trotzdem mußt du essen und neue Kraft gewinnen, preciosa. Wieder und wieder schickte sie den Gedanken aus und nahm den Hunger des Falkenweibchens, ihr schwächer werdendes Toben wahr. Preciosa, das ist dein Name, so will ich dich nennen, und ich möchte, daß du frißt und stark wirst, Preciosa, damit wir zusammen jagen können. Aber zuerst mußt du mir vertrauen und fressen... Ich möchte, daß du frißt, weil ich dich liebe und dies mit dir teilen möchte. Aber zuerst mußt du lernen, von meiner Hand zu fressen... friß, Preciosa, meine Schöne, mein Liebling, willst du das hier nicht fressen? Ich möchte nicht, daß du stirbst...

Stunden mußten vorübergeschlichen sein, so kam es ihr vor, während sie dastand, eingespannt in den endlosen Kampf mit dem schwächer werdenden Falken. Jedes Mal waren die Tobsuchtsanfälle kürzer. Das Hungergefühl quälte den Falken so sehr, daß sich Romillys eigener Körper vor Schmerz verkrampfte. Seine Augen waren so grell, so von Entsetzen gefüllt wie zuvor, und aus diesen Augen flutete das alles mit wachsender Verzweiflung in Romilly ein.

Ganz bestimmt wurde der Falke schwächer. Wenn er nicht bald kröpfte, nach all diesem Toben, mußte er sterben. Er hatte keine Nahrung zu sich genommen, seit er vor vier Tagen gefangen worden war. Würde er sich wehren, bis er starb?

Vielleicht hatte ihr Vater recht gehabt, vielleicht besaß keine Frau die Kraft für dieses...

Romilly dachte an den Moment, als sie sich selbst mit den Augen des Falken gesehen hatte. Und sie, Romilly MacAran, war nicht einmal mehr eine Erinnerung gewesen, dafür aber etwas anderes als menschlich. Furcht und Verzweiflung überwältigten sie. Das Bild bedrängte sie, wie sie sich den Handschuh abriß, wie sie resignierend ihre Handarbeit ergriff, sich für immer von Mauern einschließen ließ. Eine Gefangene, mehr eine Gefangene als der gefesselte Falke, der wenigstens hin und wieder Gelegenheit bekommen würde, zu fliegen und die Ekstase der Freiheit in den Lüften zu empfinden...

Nein. Lieber wollte sie sterben, als in solcher Gefangenschaft leben...

Es muß einen Weg geben, wenn ich ihn nur finden könnte!

Sie würde nicht aufgeben, niemals eingestehen, daß der Falke sie geschlagen hatte. Sie war Romilly MacAran, geboren mit der MacAran-Gabe, und sie war stärker als jeder Falke. Sie würde den Falken nicht sterben lassen... nein, es war nicht mehr »der Falke«, es war Preciosa, die sie liebte, und sie würde um ihr Leben kämpfen, bis sie beide zusammen tot umfielen. Noch einmal langte sie hinaus, glitt furchtlos hinein in das Vogelgehirn, sich diesmal ihrer selbst als einer jetzt vertrauten Tortur in Preciosas Verstand und des übelkeiterregenden, ranzigen Geruchs des Fleisches auf dem Handschuh voll bewußt... Schon glaubte sie, Preciosa werde von neuem mit den Flügeln schlagen. Aber diesmal beugte der Vogel den Kopf auf den Handschuh mit dem Fleisch.

Romilly hielt den Atem an. Ja, ja, friß und gewinne neue Kraft... und dann meinte sie, von dem schrecklich fauligen Gestank des Fleisches erbrechen zu müssen.

Jetzt will sie fressen, sie würde mir vertrauen, aber sie kann das nicht mehr zu sich nehmen. Vielleicht, wenn sie es genommen hätte, bevor sie so schwach wurde, aber jetzt... sie ist kein Aasfresser...

Romilly geriet in Verzweiflung. Sie hatte das frischeste Fleisch mitgebracht, das in der Küche aufzutreiben war, und nun war es nicht frisch genug. Der Falke begann, ihr zu vertrauen, hätte vielleicht Atzung vom Handschuh angenommen, wenn sie etwas gehabt hätte, das sich ohne Ekel schlucken ließ... Eine Ratte raschelte im Stroh, und Romilly ertappte sich dabei, daß sie aus den Augen des Vogels mit echtem Hunger nach dem kleinen Tier blickte...

Der Morgen war nahe. Im Garten draußen zirpte ein verschlafener Geistervogel, und es gurrte aus dem Schlag der halb erwachten Tauben, die manchmal für besondere Gäste oder für Kranke gebraten wurden. Romilly war schon unterwegs, bevor sich der Gedanke deutlich formuliert hatte. Sie hörte sich selbst sagen: Der Geflügelwärter wird sehr böse auf mich sein, ich darf mich nicht ohne Erlaubnis an den Tauben vergreifen. Aber der Hunger, der durch ihren Geist, durch den Vogelgeist flutete, ließ sich nicht verleugnen. Romilly warf das Stück stinkige Rabbithornfleisch in die Mistgrube. Dort mochte es verfaulen oder von einem Raubtier oder einem der Hunde, die weniger eigen mit ihrer Nahrung waren, gefunden werden. Sie streckte ihren Arm in das Geflatter des Taubenschlags und holte eine zappelnde, kreischende Taube heraus. Die Angst des Tiers erfüllte sie mit etwas, das halb Schmerz und halb Aufregung war. Adrenalin floß durch ihren Körper und verkrampfte ihre Beine und Hinterbacken in der vertrauten Furcht. Aber Romilly war auf einem Gutshof aufgewachsen und nicht zimperlich. Geflügel war für den Topf und bekam dafür sichere Behausungen und lebenslanges Futterkorn. Mit kurzem Bedauern hielt sie die zappelnde Taube zwischen den Händen. Dann nahm sie sie in eine Hand, während sie den Handschuh wieder anzog. Ohne Worte schleuderte sie in das Falkengehirn ein schnelles scharfes Bild von Hunger und frischer Atzung... drehte der Taube mit einer einzigen entschlossenen Bewegung den Hals um und hielt Preciosa den noch warmen Körper hin. Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als werde Preciosa von neuem mit wildem Flügelschlagen reagieren. Romilly wurde im Gedanken an ihr Versagen schon ganz übel. Doch da neigte der Falke den Kopf. So schnell, daß Romilly mit den Augen nicht folgen konnte, stieß er mit dem starken Schnabel zu. Das Mädchen taumelte unter der Wucht. Blut spritzte. Der Falke stieß noch einmal zu und begann zu kröpfen.

Romilly schluchzte laut auf. Ekstatische Kraft erfüllte sie, als sie den Vogel an dem frischen Fleisch reißen, schlucken, reißen fühlte. »Oh, du Schönheit«, flüsterte sie. »Du Schönheit, du Kostbarkeit, du Wunder!«

Der Falke war fertig. Sie spürte das Einschlafen des Hungers, und sogar ihr eigener Durst wich von ihr. Nun setzte sie ihn wieder auf den Block und streifte ihm eine Haube über den Kopf. Preciosa würde jetzt schlafen, und, wenn sie erwachte, sich erinnern, woher ihre Nahrung kam. Romilly mußte Befehl hinterlassen, daß die Atzung für diesen Falken sehr frisch zu sein hatte. Sie wollte eben getötete Vögel oder Mäuse für Preciosa haben, bis der Falke für sich selbst jagen konnte. Das würde nicht lange dauern. Er war ein intelligenter Vogel, sonst hätte er nicht so lange gekämpft. Romilly, immer noch in lockerer Verbindung mit dem Vogel, war sich sicher, daß Preciosa sie jetzt als Futterquelle erkannte. Und eines Tages würden sie zusammen jagen.

Ihr Arm fühlte sich an, als werde er gleich abfallen. Sie schlüpfte aus dem schweren Handschuh und wischte sich die Stirn mit dem schweißnassen Arm. Außerhalb des Falkenhauses war es hell; sie hatte die ganze Nacht hier gestanden. Kaum hatte sie das Licht bewußt wahrgenommen – bald würde der Haushalt zum Leben erwachen –, sah sie ihren Vater und Davin im Eingang stehen.

»Mistress Romilly! Seid Ihr die ganze Nacht hier gewesen?« fragte Davin entsetzt und besorgt.

Die Schläfen ihres Vaters waren angeschwollen vor Zorn.

»Du ungezogenes Mädchen, ich hatte dir befohlen, ins Haus zu gehen! Glaubst du, ich lasse mir diesen Ungehorsam von dir bieten? Komm heraus und laß den Falken.«

»Der Falke hat gekröpft«, sagte Romilly. »Ich habe ihn für dich gerettet. Bedeutet das gar nichts?« Ihre ganze Wut kehrte zurück, und wie ein flügelschlagender Falke explodierte sie: »Schlag mich, wenn du willst – wenn es dir wichtiger ist, daß ich mich wie eine Dame benehme und einen unschuldigen Vogel sterben lasse! Wenn das bedeutet, eine Lady zu sein, hoffe ich, daß ich nie eine werde! Ich habe das Laran –«, in ihrer Erregung benutzte sie das Wort, ohne nachzudenken, »– und ich glaube nicht, daß die Götter Fehler machen. Wenn ich es habe, heißt das, daß ich es auch benutzen soll! Es ist nicht mein Verdienst, daß ich die MacAran-Gabe besitze, die meinen Brüdern fehlt. Wie konnte ich aber mit dieser Gabe weggehen und Preciosa sterben lassen?« Sie hielt inne und würgte das Schluchzen nieder, das ihre Stimme völlig zu ersticken drohte.

»Sie hat recht, Sir«, sagte der alte Davin langsam. »Sie ist nicht die erste Lady von MacAran, die die Gabe hat, und sie wird, die Götter mögen es geben, nicht die letzte sein.«

Der MacAran schoß ihm einen bösen Blick zu. Trotzdem trat er vor, ergriff eine Feder und streichelte dem schläfrigen Falken sanft die Brust. »Ein schöner Vogel«, meinte er endlich. »Wie hast du sie genannt? Preciosa? Auch ein schöner Name. Das hast du gut gemacht, Tochter.« Es war ihm gegen seine Absicht entschlüpft. Dann verfinsterte sich sein Gesicht, und es war wie die Zornwellen, die von dem Falken ausgegangen waren.

»Mach, daß du hier wegkommst! Geh ins Haus, bade und zieh dich um – ich will dich nicht schmutzig wie eine Stallmagd haben! Geh und ruf deine Zofe und laß dich von mir nicht wieder außerhalb der Haustür erwischen!« Als sie an ihm vorbeiging, spürte sie, daß er den Impuls unterdrückte, sie zu schlagen – er brachte es nicht über sich, irgend etwas zu schlagen, und sie hatte das Leben des Falken tatsächlich gerettet. Aber in seinem Zorn und seiner Frustration brüllte er ihr mit voller Lungenkraft nach: »Darüber werde ich später noch mit dir reden, Romilly, verdammt noch mal!«

2.

Romilly starrte aus dem Fenster, den Kopf in den Händen. Die große rote Sonne stieg vom Mittagspunkt nieder. Zwei der kleinen Monde standen als blasse Tageslicht-Reflektionen am Himmel. Die ferne Linie der Kilgardberge lockte ihre Gedanken hinaus und hinauf, wo sie mit den Wolken und Vögeln flogen. Eine Seite mit fertigen Additionen lag vor ihr auf dem hölzernen Schreibtisch, dazu eine noch feuchte Seite mit sauber geschriebenen Maximen aus dem Cristofero-Buch der Bürden. Romilly sah sie nicht, und ebensowenig hörte sie die Stimme ihrer Erzieherin. Calinda schalt mit Mallina wegen ihrer schlimm verklecksten Seiten.

Heute nachmittag, wenn ich Preciosa mit dem Federspiel trainiert habe, wird Windracer gesattelt. Ich nehme die verkappte Preciosa vor mir auf den Sattel, damit sie sich an den Geruch und die Bewegungen des Pferdes gewöhnt. Ich kann ihr noch nicht soweit trauen, daß ich sie frei fliegen lasse, doch lange wird es nicht mehr dauern...

Auf der anderen Seite des Raums scharrte ihr Bruder Rael geräuschvoll mit den Füßen. Calinda verwies es ihm mit einem stummen Kopfschütteln. Rael, so dachte Romilly, war jetzt schrecklich verwöhnt – er war so gefährlich krank gewesen, und heute war sein erster Tag im Schulzimmer. Stille senkte sich auf die Kinder nieder. Nur das harte Kratzen von Mallinas Feder und das fast lautlose Klappern von Calindas Stricknadeln waren zu hören. Die Erzieherin machte eine wollene Unterweste für Rael. Und wenn sie damit fertig ist, dachte Romilly nicht ohne Bosheit, gilt es nur noch das Problem zu lösen, wie sie Rael dazu bringt, sie zu tragen!

Die Augen glasig vor Langeweile, blickte Romilly aus dem Fenster, bis das Schweigen von Mallinas lautem Jammern gebrochen wurde.

»Verfluchte Feder! Sie verspritzt Kleckse wie Nüsse im Herbst! Jetzt habe ich schon wieder eine Seite versaut!«

»Aber, Mallina!« rügte die Erzieherin. »Romilly, lies deiner Schwester die letzte der Maximen vor, die du aus dem Buch der Lasten abgeschrieben hast.«

Romilly, gegen ihren Willen ins Schulzimmer zurückgeholt, seufzte. Mißmutig las sie: »Nur ein schlechter Arbeiter gibt dem Werkzeug in seiner Hand die Schuld.«

»Es ist nicht die Schuld der Feder, wenn du nicht ohne Kleckse schreiben kannst«, erklärte Calinda, trat zu Mallina und führte die Hand ihrer Schülerin, die die Feder umklammerte. »So mußt du deine Hand halten.«

»Mir tun die Finger weh«, murrte Mallina. »Warum muß ich überhaupt schreiben lernen, mir die Augen verderben und meine Hände anstrengen? Keine der Töchter von Hohenklippen kann schreiben oder lesen, und sie stehen deswegen nicht schlechter da. Sie sind bereits verlobt, und es tut ihnen keinen Schaden!« »Du solltest dich glücklich preisen«, mahnte die Erzieherin streng. »Euer Vater wünscht nicht, daß seine Töchter in Unwissenheit aufwachsen, zu nichts anderem fähig als zu nähen, zu spinnen und zu sticken, ohne auch nur soviel zu lernen, daß sie zur Erntezeit ›Apfel-Nuß-Konserve‹ auf ihre Krüge schreiben können! Als ich ein Mädchen war, mußte ich darum kämpfen, auch nur soviel an Bildung zu bekommen! Euer Vater ist ein vernünftiger Mann, der weiß, daß seinen Töchtern Kenntnisse ebenso nützlich sind wie seinen Söhnen. Deshalb wirst du hier sitzen, bist du eine Seite ohne einen einzigen Klecks geschrieben hast. Romilly, laß mich deine Arbeit sehen. Ja, das ist sehr sauber. Willst du deinen Bruder aus seinem Buch lesen lassen, während ich deine Additionen nachrechne?«

Romilly stand flink auf und setzte sich zu Rael. Alles war besser, als bewegungslos an ihrem Schreibtisch zu hocken! Calinda beugte sich über Mallina und führte ihre Hand, und Rael lehnte sich an Romillys Schulter. Sie drückte das Kind verstohlen an sich. Dann zeigte sie pflichtbewußt mit dem Finger auf die erste Zeile der handgeschriebenen Fibel. Sie war sehr alt; Romilly hatte aus demselben Buch lesen gelernt und, wie sie annahm, auch Ruyven und Darren vor ihr. Denn ihre eigene Großmutter hatte die Fibel für ihren Vater geschrieben und geheftet. Auf dem ersten Blatt stand in krakeligen Lettern Mikhail MacAran, sein eigenes Buch. Die Tinte begann, ein bißchen zu verblassen, aber es war noch vollkommen lesbar.

»Das Pferd ist im Stall«, buchstabierte Rael langsam. »Das Huhn ist auf dem Nest. Der Vogel ist in der Luft. Der Baum ist im Wald. Das Boot ist auf dem Wasser. Die Nuß ist auf dem Baum. Der Junge ist in der –« Er betrachtete das Wort finster und riet: »Scheune?«

Romilly lachte leise. »Bestimmt wünscht er sich, dort zu sein, genau wie du«, flüsterte sie. »Aber das ist nicht richtig, Rael. Sieh hin, was ist der erste Buchstabe? Sprich ihn aus.«

»Der Junge ist in der Küche«, las Rael verdrießlich. »Das Brot ist – im Topf?«

»Rael, du rätst schon wieder«, sagte Romilly. »Sieh dir die Buchstaben an. Du kannst es doch.«

»Das Brot ist im Ofen.«

»Das ist richtig. Jetzt versuch es mit der nächsten Seite.«

»Die Köchin bäckt das Brot. Der Bauer –« er zögerte, bewegte die Lippen, betrachtete finster die Seite. »Sammelt?«

»Das ist richtig, mach weiter.«

»Der Bauer sammelt die Nüsse. Der Soldat reitet das Pferd. Der Knecht legt den Sattel auf das Pferd. Romy, wann darf ich etwas lesen, das Sinn hat?«

Wieder mußte Romilly lachen. »Wenn du deine Buchstaben ein bißchen besser kennst«, antwortete sie. »Zeig mir dein Schreibheft. Ja, die Buchstaben hast du geschrieben, aber sieh mal, sie wackeln über die Linie wie Enten, wo sie doch ordentlich marschieren sollten wie Soldaten – siehst du, wo Calinda für dich die Linie mit dem Lineal gezogen hat?« Sie legte die Fibel beiseite. »Aber ich will Calinda sagen, daß du deine Aufgabe kannst, soll ich?«

»Dann können wir vielleicht zu den Ställen gehen«, wisperte Rael. »Romy, hat Vater dich dafür geschlagen, daß du den Falken gezähmt hast? Ich hörte Mutter sagen, er sollte.«

Daran zweifele ich nicht im geringsten, dachte Romilly. Doch Lady Luciella war Raels Mutter, und sie wollte zu dem Kind nicht schlecht über sie sprechen. Und Luciella war niemals wirklich unfreundlich zu ihr gewesen. Sie antwortete: »Nein, ich bin nicht geschlagen worden. Vater sagte, ich hätte es gut gemacht – andernfalls hätte er den Falken verloren, und Verrin-Falken sind teuer und selten. Dieser war nahe daran, auf dem Block zu verhungern.«