Der vergessene Jesus - Martin Dreyer - E-Book

Der vergessene Jesus E-Book

Martin Dreyer

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15,99 €

Beschreibung

Revolutionär und Menschenfreund – Jesus, wie wir ihn bisher nicht kennen

Unser Jesusbild ist einseitig und falsch. Der Jesus, wie er seit Jahrhunderten präsentiert wird, zeigt fast ausschließlich seine fromme Seite. In der Bibel lassen sich jedoch unzählige Stellen finden, die seine anderen Seiten zeigen: Er war lebensfroh, hatte keine Probleme mit der Lust und legte sich gerne mit den Mächtigen der Welt an. Als sanfter Hippie wäre er uns wohl kaum eine Hilfe gewesen. Weil er aber stark war und Ecken und Kanten hatte, ist er für uns auch heute noch so bedeutsam.

Martin Dreyer zeigt uns in 12 überraschenden Kapiteln den anderen Jesus, wie wir ihn so noch nie gesehen haben. Seine Quelle? Die Bibel – man muss nur genau lesen!


- Das neue Buch vom Verfasser der »Volxbibel« und Gründer der Jesus-Freaks
- Jesus: keiner von einem anderen Stern, sondern lebensfroh, draufgängerisch, provokant
- Ein radikales und zugleich befreiendes Buch

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Seitenzahl: 327

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Martin Dreyer

DER

vergessene

JESUS

Auf keinen Fall von gestern

und auf jeden Fall für heute

Gütersloher Verlagshaus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2016 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © plainpicture/Hayden Verry, © Renáta Sedmáková – Fotolia.com

ISBN 978-3-641-18829-0V001

www.gtvh.de

»Der Geist des HERRN ist über mir, darum daß mich der HERR gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, daß ihnen geöffnet werde, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn.«

(Jesaja 61,1-3)

Inhalt

Einleitung

1. Unser Bild von Jesus

Erstes Jesusbild: das Baby

Zweites Jesusbild: der Erlöser

Drittes Jesusbild: der Gekreuzigte

In Vergessenheit geraten: Jesus als »Freak«

Ist das bisherige Gottesbild zu verweichlicht?

2. Jesus liebt Partys

Party? Christen müssen draußen bleiben!

Was steht in der Bibel wirklich?

Spaßverleugnung ist nicht christlich

Wie Jesus eine Party gerettet hat

Jesus hatte nichts gegen den Rausch

Zu viele Moll-Akkorde im Christentum

Styling steht auch Christen gut

3. Jesus mochte Sex

Gottes erste Weisung: Habt Sex!

Sex ist göttlich

Auch Luther mag Sex

Masturbation: zu Unrecht tabuisiert

Jesus hat nicht gegen Sexualität gepredigt

4. Jesus war kein Pazifist

Was meinte Jesus mit »Stecke dein Schwert ein«?

Jesus wurde handgreiflich

Jesu Frieden ist ein innerer Frieden

Was ist dran an der Parole »Schwerter zu Pflugscharen«?

5. War Jesus ein Poser?

Jesus macht auf dicke Hose

6. Jesus sagt: »Leute, scheißt aufs Geld!«

Schräge Kollekte

Geld regiert die Welt

Reichtum und Geld nicht zu wichtig nehmen!

7. Jesus und sein Gegenkonzept zur »gegenseitigen militärischen Abschreckung«

Wie geht »Feindesliebe« heute?

Könnte man Putin jesuslike überzeugen?

»Segnet, die Euch fluchen« – Segnet den IS?

Wie die Jesus-Freaks unterwandert wurden

Die heutigen Deeskalationsstrategien sind nicht jesuslike

8. Von Lilien, Sorgen und einer völlig entrückten Forderung

Wir dürfen Sorgen haben, aber sie dürfen nicht uns haben

Deutschland sucht den Super-Sorgenratgeber

Sorgen trotz Überfluss

9. War Jesus ein Wahnsinniger, ein Wahrsager oder ein Prophet?

Die Zurückhaltung heutiger Propheten

Stirbt die Prophetie aus?

War Jesus ein Prophet?

Welchen Sinn macht die Prophezeiung vom Weltuntergang?

10. Jesus glaubte an den Teufel

Brauchen wir den Teufel?

Was ist biblischer Fundamentalismus?

Niemand glaubt mehr an den Teufel? Ein Irrtum!

Der biblische Teufel

Das personifizierte Böse als lebenspraktisches Erklärungsmodell

11. War Jesus tolerant?

War Christus sogar ein Diplomat?

Der Klassiker: Ich, du, wir, alle sind okay!

Toleranz ist eine Erfindung der Moderne

Jesus konnte kompromisslos sein

Jesus, der »Radikalisierer«

Christentum und Islam sind gleichermaßen intolerant

12. Jesus wollte keine Karriere. Es ging ihm um unser Herz

Wir sind nicht unsere Arbeit

Karriereleiter ohne Herz?

Nach Äußerlichkeit strebend, ohne Herz lebend

13. Zum Schluss: Jesus klebt?

Jesus hat gelebt

Der Gottessohn war ein Mensch

Mein Credo. Was ich glaube

Ich glaube an Gott

… den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

… Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. Unseren Herrn.

… empfangen durch den Heiligen Geist. Geboren von der Jungfrau Maria.

… Gelitten unter Pontius Pilatus,

… gekreuzigt,

… gestorben,

… und begraben,

… hinabgestiegen in das Reich des Todes,

… am dritten Tage auferstanden von den Toten,

…aufgefahren in den Himmel.

… Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.

… Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

… Ich glaube an den Heiligen Geist,

… die heilige christliche Kirche,

… Gemeinschaft der Heiligen,

…Vergebung der Sünden,

… Auferstehung der Toten,

… und das ewige Leben.

Einleitung

Überall begegnen mir Menschen mit ihren Gottesbildern. Seit 33 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Jesus Christus. Ich bete zu ihm. Ich lese alles, was über ihn gesagt wurde und wird. Ich beschäftige mich mit dem, was er selbst gesagt hat. Ja, ich glaube sogar, behaupten zu können, dass ich ihn selbst erlebe. Er berührt mich. Er trägt mich. Er redet mit mir. Manchmal jeden Tag, manchmal auch ein ganzes Jahr lang nicht.

Ich kann ihn erleben, weil es Jesus ist. Der Mensch, welcher stärker war als der Tod. Er lebt ewig, und mit diesem ewigen Gott kann ich stetig in Kontakt treten.

Vor vielen Jahren begann diese Reise. Auf diesem Weg hat er mir immer wieder neue Seiten von sich gezeigt. Die Gotteserkenntnis hat nie ein Ende.

Jesus ist vielseitiger als die Farben eines Prismas. Das macht den Glauben so faszinierend, so abwechslungsreich, so unendlich.

Eines ist sicher: Vor 20 Jahren wäre ein solches Buch nicht möglich gewesen. Mein Gottesbild steckte in einer anderen Phase. Einer ängstlichen und irgendwie auch distanzierten Phase. Ich betete und betete den heiligen Gott an. Den Jesus, der auf einem Thron sitzt. Der über den Himmeln schwebt. Der uns alle vor dem endgültigen Gottesgericht richten wird. Der so heilig ist, dass ihn bloß zu berühren den sicheren Tod bedeutet hätte. Ich fiel auf meine Knie. Ständig musste ich ihm meine Sünden bekennen. Nur so konnte er mich noch annehmen, weil ich durch sein Blut gewaschen wurde. Jesus war mir als Opferlamm begegnet, das für meine Schuld starb. Es war ein Gottesbild, wie es Mel Gibson in seinem Film »Passion Christi« zeichnet. Doch mit den Jahren hat sich mein Bild verändert. Es ist weiter und größer geworden. Jesus zeigte mir neue Seiten an sich. Neue Seiten am Glauben. Gott ist mir dabei immer nähergekommen. Immer weiter entgegengekommen. Hinab auf meine Ebene, in meine kleine Welt.

Darum geht es in diesem Buch. Ich möchte dem Leser ermöglichen, einen irdischen Jesus kennenzulernen. Einen Gott, der als Mensch auf die Erde kam. In unseren Staub, in unsere Gedanken, in unsere Welt. Über den heiligen Jesus gibt es genug zu studieren. Die Bücherregale dieser Welt sind voll davon. Aber es gibt auch andere Seiten an ihm zu entdecken. Seiten, die immer da waren. Die aber im Wechsel der Jahrhunderte vergessen worden sind.

In der schriftlichen Umsetzung meiner Gedanken habe ich versucht, am Ende eines jeden Kapitels die angesprochenen Inhalte noch einmal zusammenzufassen.

Als Bibel wurde die Lutherübersetzung von 1912 herangezogen.

Ich danke meiner Frau Rahel für ihre Unterstützung bei diesem Buch. Ohne sie wäre es nie entstanden. Des Weiteren danke ich Freunden, die mir in Experteninterviews zu den einzelnen Themenblöcken beiseite gestanden haben: Attila Albert, Pfarrer Andreas Ebert, Jocky Johannes Spörl, Dirk Tolle, Danielle Norberg, Andre Dick, Dennis Michalke, Lilija Kwic, Stefan Metzler, Dipl. Psych. Hajo Müller, Heiko Evermann und Steffen Bien. Ihr wart mir eine große Inspiration!

Mein besonderer Dank geht an die lektorale und inhaltliche Bearbeitung des gesamten Textes durch Antje Hildebrandt. Sie hat nicht nur sprachlich, sondern auch argumentativ zu großen Stücken dazu beigetragen, dass die Aktualität des Themas deutlich werden konnte.

Ich danke dem Gütersloher Verlagshaus für den Mut, dieses Buch zu veröffentlichen.

Meine Bitte an den Leser ist, die Aussagen und Inhalte erst zu beurteilen, nachdem das ganze Buch, zumindest ansatzweise, gelesen wurde.

Es wäre mir eine Freude, wenn meine womöglich radikalen Ideen und Gedanken Jesus Christus neu in den gesellschaftlichen Diskurs bringen. Er hätte es verdient. Wir hätten es alle verdient. Wir haben es nötig.

Martin Dreyer

Berlin 2016

1.

Unser Bild von Jesus

Unser Bild von Jesus ist unvollständig. Es wurde einseitig geprägt und religiös verfälscht. Es wurde oft missbraucht, spirituell vergewaltigt. Es wurde dazu genutzt, Macht zu vergrößern und Menschen zu kontrollieren. Menschen wurden in Jesu Namen klein- und stillgehalten. Gläubige wurden ruhiggestellt, regelrecht »eingeschläfert« und »wachtot« gemacht.

Deshalb muss dieses Bild gesprengt werden. Es muss zerstört und neu gemalt werden. Es muss eine neue Gestalt bekommen und vervollständigt werden. Denn erst dann ist es richtig und bewirkt, was es bewirken soll. Es soll uns verstören, herausfordern, verändern. Es soll uns Kraft geben, beflügeln und anfeuern. Er, Jesus, soll uns als Vorbild dienen und unser Denken wieder neu beeinflussen.

Denn dieser Jesus war anders. Er war ein Provokateur, der sich mit den Mächtigen der Welt anlegte. Mit seinen Worten und Taten hat er die religiöse Elite gegen sich aufgebracht. Er kritisierte öffentlich, mit scharfen und harten Worten. So gar nicht liebevoll und überhaupt nicht diplomatisch.

Er war nie p.c. (politisch korrekt). Er ging nie Kompromisse ein. Auf Nachfragen reagierte er ungehalten. Seine Kritik tat so weh, dass man ihn töten wollte. Er musste aus dem Weg geräumt werden. Man hat ihn schließlich umgebracht, vor aller Augen hingerichtet.

Jesus Radikalität kannte keine Grenzen. Er setzte alles auf eine Karte. Sein Leben bestand aus Schwarz oder Weiß. Was er sagte, meinte er. Sein Wort war im Einklang mit seinen Taten. Seine Sätze hatten Sprengkraft. Bis heute können wir ihren Knall noch wahrnehmen, wie ein Echo aus der Urzeit, wie eine Schallwelle aus dem universellen Über-Ich. Sie verfolgt uns – leise, aber unnachgiebig.

Seine Worte kritisieren, fordern uns heraus, ermutigen uns. Niemand wurde so oft zitiert und nachhaltig studiert wie er.

Doch sehen wir diesen radikalen Jesus überhaupt? Nehmen wir ihn heute so wahr, wie er war? Oder haben wir ihn nur noch als Baby im Blick? Es liegt in einer Krippe bei schummerigem Lagerfeuerlicht. Ein Esel steht am Rand und kaut Stroh. Mehrere seltsam gekleidete Männer schauen das Neugeborene an. Weihrauchgeruch. Englein singen im Hintergrund. Es lächelt. Sie lächeln. Alle lächeln. Über dem Kopf des Kleinen glänzt ein strahlender Ring. Weihnachtlich.

Erstes Jesusbild: das Baby

Dies ist das erste Bild, das viele Menschen vor ihrem inneren Auge sehen, wenn sie an Jesus denken: das Christkind. Es ist der erste Eindruck, den wir von ihm bekommen. Dieses Bild saugen wir schon mit der Muttermilch auf. Ich weiß noch, wie ich als Sechsjähriger mit meinen Eltern eine Weihnachtskrippe gebastelt habe. Da lag es nun, in Windeln gewickelt in einer Krippe. Wie niedlich. Wie süß. Das Jesusbaby.

Zweites Jesusbild: der Erlöser

Jesus sitzt auf einem Berg im Schneidersitz. Männer in braunen oder beigen, bodenlangen Hemden hocken um ihn herum. Auch Frauen sind da. In der rechten Hand hält der Messias ein Fladenbrot und in der anderen einen Fisch. Es sind Tausende, auch Kinder. Sie haben Hunger. Sie sind Zeugen. Es steht kurz bevor: das große Vermehrungswunder. Vielleicht ist das sogar noch die spannendste Geschichte, die wir aus der Bibel kennen. Sie wurde uns im Kindergottesdienst erzählt. Rauf und runter. Immer und immer wieder.

Drittes Jesusbild: der Gekreuzigte

Das dritte Bild ist das des Gekreuzigten. Jesus hängt blutverschmiert an einem Kreuz. Jede Hand ist von einem Nagel durchbohrt. Leidend blickt er auf uns herab. In seiner Seite klafft eine Wunde, auf seinem Kopf thront ein Kranz aus Dornenzweigen. Die Spitzen der Dornen drücken sich in sein Gesicht, aus den Händen und Füßen tropft Blut. Um ihn herum weinende Frauen, dunkle Wolken, ein Donner im Hintergrund. Es regnet. So hängt er in fast allen Kirchen. So können wir ihn täglich sehen. Der sterbende Jesus am Kreuz. Schaurig, aber schön.

Das sind die Bilder, die uns durch den Kopf schwirren, wenn wir ihn uns vorstellen. Den Gottessohn. Den Christus. Diesen Jesus. Den Mann, der die weltweit größte Religion gegründet hat. 2,2 Milliarden Menschen glauben an ihn. Sie gehen mehr oder minder regelmäßig in eine Kirche. Sie beten ihn an. Sie nennen sich nach ihm, nämlich »Christen«.

Sie glauben an den Mann, der unser Denken wie kein anderer in der westlichen Welt beeinflusst hat. Er hat unsere Werte über viele Generationen hinweg immer wieder neu hinterfragt und verortet. »Segnet, die euch fluchen.« – »Und wer dir auf die rechte Wange haut, dem halte die linke auch noch hin.« – »Geben ist seliger als nehmen.«

Es sind hohe Ansprüche, die er an sich selbst und an uns stellt. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: Das meiste von dem, was er von uns Menschen fordert, tun wir nicht. Sind Jesu Vorstellungen vom Leben zu abgehoben? Oder haben wir ihn möglicherweise falsch verstanden? In seinem Namen wurden blutige Kriege geführt und Menschen gefoltert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. In seinem Namen wurden im Mittelalter Mediziner, Magier und Hexen bei lebendigem Leibe verbrannt. In seinem Namen haben beide großen Kirchen im Dritten Reich erst die Waffen der Nazis gesegnet und dann die Bomben der Amerikaner. Welchen Teil des Jesusworts »Liebe deinen Nächsten« haben seine Anhänger dabei wohl nicht verstanden?

Seine Religion hat viel Gutes bewirkt. Das ist unbestritten: Sie appelliert an Soziales Denken, Fürsorge für Arme und Kranke. Das ist Jesu Vermächtnis. Und doch wurden in seinem Namen Menschen auch missbraucht, vergewaltigt, verführt, verletzt und vernichtet.

Viel wurde über ihn geschrieben. Unzählige Bücher stehen in den Bibliotheken dieser Welt. Benedikt, der erste deutsche Papst der Neuzeit, hat ihm eine Enzyklopädie gewidmet. Tausende Seiten, drei Bände, ein weiterer wird folgen. Wer hat sie gelesen, und wer hat sie verstanden? Unzählige Bilder wurden von ihm gemalt, von Rubens bis Rembrandt, von van Gogh bis Versace. Man hat versucht, ihn auf diese Weise zu begreifen und sichtbar werden zu lassen. Viel Schönes ist dabei entstanden und viel Verstörendes.

Auch die Musik hat sich mit Jesus beschäftigt, von Bach bis Beethoven, von Techno bis House. Rockbands haben sich nach ihm benannt und Heavy-Metal-Bands nach seinem Gegner. Ganze Arien, Opern und natürlich Choräle erzählen von seinem Leben.

Der historische Jesus füllt Geschichtsbücher. Sein Leben bietet unendlich viel Gesprächsstoff. Was hat er getragen? Hatte er einen Bart? Wie hat er gesprochen? Was hat er gegessen? War er verheiratet? War er ein Prophet? Hat er wirklich jeden geheilt? Wir versuchen, dem wahren Bild Jesu näherzukommen. Wir versuchen, ihn zu begreifen.

Und doch scheint uns dieser Jesus bei aller Nahbarkeit auch immer fern zu bleiben. Ein umfassendes Bild, das ihn in all seinen Facetten zeigt, kann es gar nicht geben.

Denn dieses Bild verändert sich mit den Menschen und damit, was sie Neues über ihn erfahren. Es ändert seine Farbe im Lichte neuer Erkenntnisse der Theologie. Es unterliegt einer Art Evolution.

Einen Menschensohn, so nannte sich Jesus selbst. Es ist ein Begriff, der im Judentum vorbelastet ist, denn Juden verbinden damit eine ganz konkrete Erwartung. Der Menschensohn sollte alles gut werden lassen. Er sollte die Verheißungen der alten Propheten erfüllen. Mit ihm sollte eine neue Zeit anbrechen. Doch ist das passiert?

Die wichtigere Frage für uns ist aber: Haben wir in all dem, was über Jesus geschrieben, geforscht, gemalt oder gesungen wurde, vielleicht etwas vergessen? Eine Seite an ihm, die wir vielleicht gern übersehen? Und ist diese andere Seite vielleicht sogar die entscheidende?

In Vergessenheit geraten: Jesus als »Freak«

Damit meine ich den Freak Jesus: den Jesus, der uns alle überrascht und provoziert, weil er einen völlig anderen Blickwinkel auf das Leben hat. Gibt es vielleicht sogar eine Seite, die uns befreien könnte? Befreien von dem religiösen Druck, der drückenden Moral, der Angst vor dem Leben?

Diese Frage habe ich mir gestellt und unter diesem Blickwinkel die Schriften neu studiert. Dieser vergessene Jesus ist Thema meines Buches. Der Jesus, der uns aus dem Gefängnis unserer Religion befreit.

Machen Sie sich auf neue Bilder von Jesus gefasst. Die nächsten Seiten werden provozieren. Sie werden verstören. Sie werden an Glaubensvorstellungen rütteln. Vermutlich werden sich einige von Ihnen über diesen Jesus ärgern. Trotzdem ist er da. Er wird uns so im Neuen Testament geschildert. Wir müssen nur genau hinschauen.

Und wenn sich jemand über diesen Jesus ärgert, wäre das so schlimm? Ich denke, nein. Ganz im Gegenteil: Ein Jesus, der nicht provoziert, ist wie das Open-Air-Konzert der Heavy-Metal-Fans in Wacken ohne Headbanger und Musik. Die Welt in Frage zu stellen, das ist seine Mission. Und genau deswegen haben sich Menschen jahrhundertelang über ihn aufgeregt. Und Jesus genoss es, zu polarisieren. Er nannte das »salzig sein«.

Meine Grundlage für dieses Buch ist die Bibel. Die Schrift, auf der die gesamte christliche Religion aufbaut. Aus dieser Schrift wurden immer wieder Passagen ausgeblendet, oder sie wurden nicht stark genug gewichtet. Warum eigentlich? Weil sie nicht in die Moralvorstellungen der jeweiligen Zeit passten? Weil man sie für unrealistisch oder sogar irre hielt? Oder weil man sie einfach nicht verstand?

Die Kirchen schrumpfen. Nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt. Diesen Trend beobachten alle Christen natürlich mit wachsender Sorge. Ob es die evangelische oder katholische Kirche in ihrer heutigen Form in hundert Jahren in Deutschland noch geben wird, ist mehr als fraglich.

Im Gottesdienst haben sich die Reihen im Internet-Zeitalter gefährlich gelichtet. Mitunter kommen nur noch so wenige Besucher, dass diese lieber einen Stuhlkreis um die Kanzel bilden, damit sie nicht so verloren in der leeren Kirche sitzen. Dieser Abwärtstrend betrifft übrigens auch die Freikirchen. Die Gemeindemitglieder sind anspruchsvoller geworden. Kein Mensch quält sich morgens aus dem Bett, um sich von Predigern einschläfern zu lassen, die außer ihrer Brille oder der Frisur seit Jahren nichts an sich und ihrem Stil geändert haben. Die Oldies unter ihren Schäfchen lassen sich das vielleicht gefallen. Die Jüngeren aber lassen ihnen das nicht mehr durchgehen. Sie wechseln die Kirche und gehen zur besseren Predigt, zur moderneren Musik, zum hipperen Style.

Ist das bisherige Gottesbild zu verweichlicht?

Die Unzufriedenheit mit den Gottesdiensten rührt aber auch von dem Bild her, das uns die Kirchen immer noch von Gott verkaufen. Ihr Gott ist lieb, harmlos und sanft. Ein imaginärer Ein-Mann-Ältestenrat, der nirgends aneckt und es allen recht zu machen versucht. Zu stromlinienförmig, um echt zu sein. Doch kann mir so einer wirklich helfen, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe? Hat dieser vollbärtige Hippie im Schneidersitz Antworten auf meine Fragen? Versteht er mich wirklich? Kann er mir Orientierung geben? Ich denke: Nein!

Wie verhält es sich mit Christus? Er kommt als anämischer Gutmensch daher, dem jede Bodenhaftung fehlt, der über den Dingen schwebt. Mit diesem Gott kann kein modern denkender Mensch etwas anfangen. Dabei hat er uns noch so viel zu sagen.

Lassen wir uns deshalb auf den vergessenen Jesus ein. Den, der die Menschen befreit, weil er unsere Vorstellungen sprengt. Von Gott, von Kirche ‒ und vom Leben. Es ist genau dieser Jesus, der uns in der zweitausend Jahre alten Bibel begegnet. Sehen wir ihm endlich in die Augen! Gott auf Augenhöhe. Immanuel: Gott ist mit uns.

2.

Jesus liebt Partys

»Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa; und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen. Und da es an Wein gebrach, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben nicht Wein. Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es waren aber allda sechs steinerne Wasserkrüge gesetzt nach der Weise der jüdischen Reinigung, und ging in je einen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s. Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und wußte nicht, woher er kam (die Diener aber wußten’s, die das Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie trunken geworden sind, alsdann den geringeren; du hast den guten Wein bisher behalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen zu Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.«

(Johannes 2,1-12)

[Jesus spricht:] »Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!«

(Matthäus 11,19)

»Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.«

(Johannes 1,3)

Professionelle Christen werden oft als Party-Schreck empfunden. So habe ich es immer wieder erlebt. Eine Party, die Stimmung ist ausgelassen. Menschen trinken, rauchen, kiffen, lachen, flirten. Hier und da wird getanzt. Und plötzlich kommt der Pastor zur Tür herein und die Stimmung ändert sich schlagartig. Die Dame mit dem zehnten Weinglas in der Hand knüpft sich umständlich ihre obersten Knöpfe wieder zu. Gesichtszüge erstarren, die Flasche Wodka wandert unter das Sofa. Man lächelt ihm zu, dem Profi-Christen, und versucht, sich so normal wie möglich zu verhalten. »Hallo! Wir sind ja alle noch so nüchtern!«

Party? Christen müssen draußen bleiben!

Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht als Christ, den relativ viele kennen, weil sie sein Gesicht schon mal irgendwo gesehen haben. Und woran liegt das? Warum schlägt die Stimmung um, wenn Christen mitfeiern wollen? Warum unterstellt man Jesu Jüngern, sie verstünden das Wort »Party« nicht wirklich? War das schon immer so? Oder haben sie sich diesen Ruf erst in den letzten 2.000 Jahren Christentum erworben?

Überschwang, Spaß und Exzess: Das sind Worte, die im Vokabular der Christen fehlen. Die besten Partys, so das gängige Klischee, laufen in der Welt. Und »Welt« bedeutet »gottlos«. Orte, an denen Gottes Wort nicht verbreitet wird. Wo niemand an Gott denkt oder an Jesus glaubt.

Wenn Christen feiern, dann nur mit Contenance und Anstand. Und natürlich mit einem tieferen Hintergedanken. Ökologisch, sozial verträglich, friedliebend. Entwicklungsländer unterstützend. Nachhaltig. Selbstgestrickt. Das kalte Buffet bestückt mit Lebensmitteln aus Neu Guinea oder Indien – alles bio, alles fairtrade, und wenn möglich noch vegan. Es sind Häppchen, die nicht gerade die Geschmacksnerven kitzeln. Aber vielleicht ist das sogar symptomatisch. Das gute Gewissen isst schließlich mit.

Und selbst auf den großen Massenevents der christlichen Szene kann man das spüren, bei Kirchentagen oder im Jesus House. Manchmal hat man den Eindruck, da wird auf »Teufel komm raus« gefeiert, bloß eben ohne Teufel. Lichtshow, laute Musik, Videobeamer und Nebelschwaden. »Seht her, wir können auch Party!«, wollen die Veranstalter wohl demonstrieren. Manchmal gelingt das sogar. Doch meistens wirkt es peinlich. Zumindest auf den Zuschauer, der sich eher aus Versehen bei solchen Partys verirrt hat.

Und das ist der Gesamteindruck aus allen Kirchen. Wer richtig feiern will, geht überall hin, aber nicht in die Gemeinde. Egal, welcher Konfession er angehört.

Ich habe mich schon oft gefragt, woher das eigentlich kommt. Diese Angst vor dem Feiern. Diese Spaßfeindlichkeit. Diese Antiparty-Theologie. In einem bin ich mir sicher: Bestimmt nicht von Jesus!

Was steht in der Bibel wirklich?

Ich kann nur vermuten, dass einer der Gründe aus einer falschen Ableitung der Theologie des Paulus herrührt. Paulus, und nicht Jesus! Vielleicht nur ein Übersetzungsfehler, eine Fehlinterpretation? Ein Grund von vielen, oder vielleicht der entscheidende.

Im Brief an die Römer wird Paulus zitiert: »Das Sinnen des Fleisches ist Tod. Das Sinnen des Geistes aber ist Leben und Frieden.« So steht es im achten Kapitel, Vers sechs. Über Jahrtausende wurde diese Stelle von Predigern, Pfarrern und Pastoren falsch ausgelegt. Wer »Fleisch« las, dachte an das Körperliche und daran, was der Körper will und was wir mit ihm machen, was wir ihm zuführen, was der Körper fühlt. Und vor allem: Was der Körper will! Das Sinnen des Körpers eben.

Da kommt sofort die Sexualität auf den Schirm. Sinnen des Körpers ist Lust. Fleisch ist gleich Körper. Körper ist gleich Sex. Ah! Fleischlich leben ist also sexuell freizügig leben. Und das führt am Ende zum Tod. Exitus durch Sexeslust. Das meint Paulus also?!

Geht es um Dinge, die wir mit dem Körper tun, die wir ihm zufügen? Ein fleischlicher Lebenswandel wird mit einem lustvollen Lebenswandel in Verbindung gebracht. Lust, die wir über unseren Körper in unseren Gefühlen erleben.

Das beinhaltet natürlich auch den Rausch. Rausch, bewirkt durch Stoffe, die wir zu uns nehmen. Alkohol, Tabletten, Zigaretten oder Drogen. Sie beeinflussen unseren Körper und unseren Geist. Sie sorgen für einen Rausch. Rausch ist »Wein-Geist«. Gott ist »Heiliger-Geist«. Versteht man die Stelle so, dann stehen die beiden im Widerspruch zueinander. Sie passen nicht zusammen. Sie bekämpfen sich sogar.

Daraus erwächst ein Kampf, der sich zwischen Körper und Geist abspielt. Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und dem Teufel, Joda und Darth Vader. Ein Kampf zwischen unserer Liebe zu Gott und den Bedürfnissen unseres Körpers.

Folgt man dieser merkwürdigen Logik, dann töten wir den Geist Gottes in uns in dem Maße ab, in dem wir unsere fleischlichen Bedürfnisse nähren. Wir beleidigen ihn. Wir verdrängen ihn. Wir verscheuchen ihn.

Und das läuft auf den Worst Case hinaus: Am Ende hat Gott keinen Platz mehr in unserem Leben.

Ernähren wir unseren Geist aber mit geistlichen Dingen, dann, so das christliche Bild, stirbt das Fleisch, die Lust wird bekämpft. So wie ionisierende Strahlen in der Therapie den Krebs abtöten, soll uns der Geist durch spirituelle Handlungen reinigen und uns aus dem eisernen Griff der Lust befreien. Wir verändern uns innerlich, psychisch und geistlich. Mit spirituellen Handlungen sind Bibellektüre, Meditation und Gebet gemeint. Oder das Singen von geistlichen Liedern. Oder der Gang zum Gottesdienst.

In den Ohren von Agnostikern mag das mittelalterlich klingen, aber – bewusst oder unbewusst – einige Christen denken tatsächlich so. Und nicht nur die Charismatiker, man kann es in allen Konfessionen finden. Sie gehen in die Gottesdienste, um ihr Fleisch »bestrahlen« zu lassen. Sie lesen in der Bibel, um ihre sinnliche Lust zu verdrängen. Sie singen Lobpreisungen, um sich dem Geist auszusetzen. Sie legen die Beichte ab, um damit die Gewissensbisse wegen ihrer sinnlichen Bedürfnisse loszuwerden. Sie hören geistliche Musik und singen geistliche Lieder, um geistlich zu sein. Denn 100-prozentige Christen sind nun einmal spirituelle Menschen. Sie denken und leben geistlich. Sie wollen das.

Mit anderen Worten: Gebet ist geistlich. Gebäck ist fleischlich. Segen ist geistlich. Sexualität ist fleischlich. Gottesdienstbesuche sind geistlich. Partybesuche sind fleischlich. Doch wenn man unvoreingenommen an diese Gleichungen herangeht, wird einem schnell klar: Was ist das für ein Unsinn! Das kann Jesus Christus doch nicht gemeint haben! Und Paulus übrigens auch nicht.

Wenn Paulus vom Fleischlichen spricht, meint er immer eine Existenz ohne Gott. In Römer 7,14 wird das deutlich, wenn er über einen fleischlichen Zustand schreibt: »… ich aber bin Fleisch, das heißt: verkauft an die Sünde …«

Wer an Jesus glaubt, ist keineswegs »verkauft an die Sünde«, er ist vollständig befreit davon. Sünde hat den Schrecken verloren, weil Vergebung durch Christus möglich wurde. Fleisch und Gott mögen zwar keine Freunde sein. Wer aber Jesus folgt, wer ihn toll findet, ist natürlich niemals ein Feind Gottes.

Es ist mir wichtig, dass wir das Christentum nur von Christus aus denken können. Er ist das Zentrum. Von ihm geht alles aus. Er ist zentral in allem. Was er getan und gesagt hat, ist das oberste Gebot, auf das sich alles andere ausrichten muss.

Bis heute begeht die Kirche einen Jahrhunderte alten und folgenschweren Fehler: Sie nahm die Worte von Paulus zur Richtschnur, nicht die Worte von Jesus Christus. Paulus’ Theologie aber ist nicht immer die Theologie von Jesus. Es ist höchste Zeit, dass wir Jesus in das Zentrum des Glaubens zurückholen. Denn nur er hat die höchste Autorität in allen Fragen, auch in den moralischen.

Meine fundamentalistischen Freunde können dieser Argumentation nicht folgen. Aber nur so macht für mich das ganze Evangelium Sinn. Man muss die Worte aus der Bibel richtig gewichten. Sonst reiben wir uns in unserem Glauben an Widersprüchen auf. Jesus ist das Zentrum! Was von ihm in der Schrift erzählt wird, ist die Richtschnur. Er gibt den Ton an.

Was Jesus sagt, hat oberste Priorität. Seine Worte stechen alles andere aus. Weder die Worte von Mose noch die Worte von Paulus oder Petrus können sich daran messen. Natürlich haben sie auch großes Gewicht. Sie sind Worte, die uns im Glauben weiterhelfen. Sie stehen in der Bibel. Durch dieses Wort kann der lebendige Gott zu uns sprechen.

Aber wenn sich für uns ein Widerspruch in der Schrift darstellt, bezogen auf unser heutiges Leben, dann kann nur Jesus der höchste Trumpf sein.

Seine Worte haben das stärkste Gewicht. Ihnen muss sich alles unterordnen. Sie geben die Werte vor, nach denen ein Christ zu leben hat. Auch wenn uns diese Werte hoch erscheinen, vielleicht sogar unerreichbar.

Werte? Das klingt wieder nach Moral, nach Verzicht und Selbstkasteiung. Und nicht nach Party. Ein Christ folgt Jesus. Und wie hat der gelebt? War sein Leben feierfeindlich? Hat er jemals etwas gegen Spaß, Musik und Partys gesagt? Bedeutet das Leben als Christ ein Leben unter ständigem Verzicht?

Sicher: Jesus hat von Verzicht gesprochen. Davon, dass Glaube auch Konsequenzen haben kann. Konsequenzen, die wehtun. In Lukas 9,23-25 wird der Gottessohn so zitiert: »Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten …«. Bedeutet diese Aussage nicht genau das? Wer ein schönes Leben haben will, der wird das Leben verlieren? Wer Partys mag, wird daran sterben? Und nur wer sein Kreuz auf sich nimmt, nur wer bereit ist, sich für seinen Glauben töten zu lassen, den erwartet am Ende ein ewiges Leben im Himmel? Ich habe das jahrelang geglaubt. Doch heute sage ich: Nein!

Spaßverleugnung ist nicht christlich

Mit diesen Versen wurde und wird in vielen Gemeinden eine lebens- und spaßverleugnende Theologie gerechtfertigt. Sie verbietet die Freude am Feiern. Sie engt jeden Christen ein. Sie erlaubt keinen Partyspaß. Dabei sind sich die meisten seriösen Bibelausleger einig: Jesus griff mit diesen Sätzen der Zeit der Christenverfolgung vor. Das Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet, sich für den Glauben an Gott buchstäblich hinrichten zu lassen. Die zwölf Jünger haben das auch so erlebt. Keiner ist eines natürlichen Todes gestorben. Diese Worte sind also eine Ermutigung in Zeiten der Verfolgung und kein Aufruf zur Ernüchterung. Und kein Grund, das Feiern zu verteufeln.

Ich denke dabei gern an die eingangs zitierte Geschichte, die uns Johannes von Jesus erzählt hat. Es ist die erste Geschichte in seinem Evangelium. Sozusagen der Kickstart für Jesus. Eine Wundergeschichte der besonderen Art, und das gleich zu Anfang. Sie steht im zweiten Kapitel des Johannes-Evangeliums ab Vers zwölf. Was lesen wir dort?

Wie Jesus eine Party gerettet hat

Jesus ist auf einer Party. Und er rettet diese Party, indem er 600 Liter Wasser in 600 Liter Wein verwandelt. Ich möchte uns diese Geschichte noch einmal in Erinnerung rufen. Was ist dort eigentlich genau passiert?

Johannes erzählt uns von einer großen Hochzeitsfeier. Diese fand in Kanaa statt, einem kleinen Dorf in der Nähe von Nazareth. Jesus war eingeladen, und er brachte seine Freunde mit. Die Party hatte schon vor einer Weile begonnen. Jüdische Hochzeiten dauern bis zu einer Woche. Es wird viel gegessen und getanzt. Und es wird auch richtig viel getrunken, um nicht zu sagen, gesoffen. Es muss wohl gegen Mitte der Feier gewesen sein, da stellt die Mutter überraschend fest: »Der Alk ist alle! Kein Wein mehr da! Die Fässer sind leer!« Und es war nicht die Mutter der Braut, es war die Mutter Jesu!

Ein Horrorszenario. Auf allen großen Partys meines Lebens war das der Todesstoß. Kein Alkohol mehr da? Auch nichts zu kiffen? Da bleibt nur noch die Tanke. Oder die nächste Party.

Jesus fühlte sich angesprochen. Und er scheint erbost. Wie kann man sich seine Reaktion sonst erklären? Es klingt für mich sehr unwirsch, fast schon abweisend, wenn er nach der Luther-Übersetzung mit den Worten zitiert wird: »Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?« Höflich ist das nicht gerade. So redet kein Gentleman, so redet auch kein religiöses Vorbild. Denn im Klartext sagt Jesus: »Was willst du von mir, Alte?« Jesus, abgenervt? Ja!

Und was macht er dann, der Gottessohn? Ein guter Katholik, ein frommer evangelischer Christ und vermutlich jeder evangelikale Freikirchler hätte an dieser Stelle wohl gesagt: »Das ist ein Zeichen des Himmels! Es wurde genug getrunken. Das Bier ist alle, der Wein ist aus! Gott hat gesprochen. Ab jetzt geht die Party ohne Alkohol weiter! Holt die Kisten Selters raus! Wir sind gläubige Menschen, wir können auch ohne Wein Spaß haben!«

Nicht so der Messias. Er forderte die Knechte auf, sie sollten die sechs Fässer mit Wasser befüllen, welche in einer Ecke des Saals standen. Vermutlich sollten sich die Gäste darin die Hände waschen. Diese Fässer hatten Badewannengröße! Man schätzt, dass fast hundert Liter darin Platz hatten. Nachdem man seine Anweisungen befolgt hatte, muss Jesus irgend etwas getan haben. Vielleicht ein heimliches Gebet gesprochen. Vielleicht auch nur das Wasser berührt. Vielleicht auch nur einmal gepustet. Die Bibel gibt uns darüber keine Auskunft.

Doch Fakt ist, dass der Weinschenk bei der anschließenden Probe mehr als geschockt ist. Der Barkeeper flippt aus. Unfassbar! Er probiert das Wasser und rennt sofort völlig aufgelöst zum Bräutigam. »Warum hast du das getan?«, fragt er. »Bei jeder Party gibt man den Gästen am Anfang den guten Tropfen! Den edlen Wein. Erst wenn alle Gäste total betrunken sind, schenkt man den billigen Fusel aus! Du machst es genau umgekehrt?« So hat Jesus sein erstes Wunder nach Johannes vollbracht und damit eine Party gerettet! Wenn das kein Statement ist!

Ich bin Christ, und als solcher glaube ich nicht an Zufälle. Alles hat einen Sinn, auch wenn wir den manchmal nicht verstehen. Das gilt erst recht für die Bibel. Warum ist das so passiert? Warum hat uns Gott diese Geschichte so prominent überliefert? Was kann man aus dieser Begebenheit über Jesus lernen?

Jesus hatte nichts gegen den Rausch

Zum einen: Jesus hat nichts gegen Rausch! Ich weiß, meinen Freunden von den Anonymen Alkoholikern muss das wie ein Faustschlag erscheinen. Aber ich kann leider keine Bibelstelle finden, die sagt: »Ein Christ darf nichts trinken! Alkohol ist nicht gut! Der Teufel hat den Schnaps gemacht!«

Ich finde nur Stellen, die das Gegenteil belegen. Jesus hat Wein getrunken. Seine Jünger haben Wein getrunken. Die Apostel haben Wein getrunken. Das ist schon Provokation genug. Dass Jesus selbst nicht asketisch gelebt hat, wissen wir auch aus anderen Stellen in der Bibel. In dem oben zitierten Vers beschwerte sich der Messias zum Beispiel über den Umgang mit seinem Vorgänger, Johannes dem Täufer.

Seine Botschaft lautet: Man kann es den hyperfrommen Gläubigen nie recht machen. Egal wie man lebt, sie kritisieren und verurteilen alles. Fast schon wütend klingt es, wenn er in Matthäus 11, 18 und 19 sagt: »Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: Er ist besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer …« Jesus streitet also nicht ab, dass er Wein trinkt. Aber er regt sich über die Einstellung seiner Mitmenschen auf. Darüber, dass sie andere sofort verurteilen, ohne nach den Hintergründen zu fragen. Diese Einstellung ist heute noch weitverbreitet, auch unter Frommen. Unter Menschen also, die Jesus eigentlich folgen wollen.

Sicher: Paulus schreibt im Epheserbrief 5,18: »Saufet euch nicht voll Weines, daraus ein unordentliches Wesen folget.« Aber hier kann es nur um ein tägliches Sichbetrinken gehen, um eine immer wiederkehrende Handlung. Ein gelegentliches Trinken wird dagegen wohl geduldet, sogar vom Heiligen Paulus.

Was ich auch interessant finde: Die Wirkung des Heiligen Geistes scheint vergleichbar mit der Wirkung von Alkohol zu sein. Oder von Cannabis und anderen Drogen.

Wir lesen davon in der Stelle der Bibel , die von der Gründung der Kirche erzählt. Sie steht im Neuen Testament in der Apostelgeschichte, im zweiten Kapitel. Man erfährt dort, wie die Jünger mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Wie sie singen, beten und »pogen«. Wie sie lallen, wie ihre Gliedmaßen zucken. Wie sie völlig high sind, »breit im Heiligen Geist«.

Dort steht, dass ihr Anblick die zuschauende Menge verwunderte. »Sie sind voll süßen Weines«, bemerkten sie nach der Luther-Übersetzung (Apostelgeschichte 2,13). In der Übertragung der Volxbibel haben wir es so übersetzt: »Acht Uhr morgens … und diese Christen sind alle schon stoned …«

Sie plappern. Sie wanken. Sie sind breit, breit im Heiligen Geist. In dem Geist, welchen Jesus selbst versprochen hatte. Ein Geist, der auch eine berauschende Wirkung haben kann. Viele Christen konnten das über Jahrtausende immer wieder erleben. Und doch wurde es im großen Zusammenhang irgendwie vergessen. Es trat in den Hintergrund. Es war auf einmal nicht mehr so wichtig. Und dann wurde plötzlich aus »nicht wichtig« sündig.

Wenn Jesus wirklich etwas gegen Rausch gehabt hätte, dann würde er die Menschen nicht mit seinem Geist berauschen. Und er hätte nicht eine Party gerettet, indem er für Nachschub von Alkohol gesorgt hat, mit Weinfässern in Wannengröße. Und es wird nicht berichtet, dass der Gottessohn den Rest der Party neben den Fässern gesessen hat, um zu kontrollieren, dass sich keiner betrinkt. »Na, Schwester? Schon dein drittes Glas? Reicht es nicht für heute? Zähl doch mal rückwärts bis zehn!«

Das heißt nicht, dass er Alkoholikern einen Freibrief erteilt hätte. Sucht ist eine Krankheit. Sie kann einem die Kontrolle über sich selbst rauben und das ganze Leben zerstören. Wer nicht aus Genuss trinkt, sondern weil er muss, ist krank. Er braucht Hilfe. Und Jesus hat solche Menschen geheilt. Für alle anderen aber gilt: Ab und zu betrunken sein oder auch bekifft, das ist keine Todsünde. Das Leben ist schließlich zu kurz, um es nicht zu genießen.

Wein war zu Jesu Zeiten das am weitesten verbreitete Getränk. Oft war der Wein sauberer als das Trinkwasser. Jeder trank Wein, auch die armen Leute. Ganz besonders die. Der Wein war nicht heilig, hätte Jesus sonst ausgerechnet ihn als Getränk zum Abendmahl gewählt? Ein Getränk, das bis zu 18 Prozent Alkohol enthielt. Hätte er nicht auch Tee nehmen können oder stilles Wasser? Er wird wohl gewusst haben, warum er gegorenen Traubensaft bevorzugte: »Dieser Wein ist mein Blut, das für euch vergossen wird, zur Vergebung Euer Sünden.« (Matthäus 26, 28)

Würde Jesus heute in Deutschland predigen, er hätte sich vermutlich nicht für Wein entschieden, sondern für Bier. Ob für Weißbier oder Kölsch, vermag ich nicht zu sagen. Aber Hopfen und Malz hätten es sein müssen. Bier ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, direkt nach Kaffee. 2014 trank jeder Bundesbürger durchschnittlich 107 Liter im Jahr.

Wofür stand der Wein damals? Galt gegorener Traubensaft als etwas besonders heiliges, göttliches? Sicher nicht! Jesu Botschaft war eine andere: Wein löscht den Durst. Er gehört zum Leben dazu. Und womit Ihr Euren Durst löscht, das nehme ich! Und auch mit dem Getränk, womit ihr feiert und euch betrinkt. Genau dieser Wein steht symbolisch für mein Blut.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich sein indirektes Plädoyer für das Recht auf Rausch nur auf Wein beschränkte. Sicher war es damals das am weitesten verbreitete Getränk. In der Bibel gibt es sage und schreibe 1543 Verse, in denen von Wein die Rede ist. Doch auch das Bier wird darin immerhin 16 Mal erwähnt, das Lieblingsgetränk der Deutschen. Hätte die oben erwähnte Hochzeitsfeier in Deutschland stattgefunden, der Messias würde mit Sicherheit das Bierfass vollmachen. Dann hätte die Bibel vielleicht das Bierwunder von Warstein beschworen und nicht das Weinwunder zu Kanaa.

Würde Jesus heute kiffen oder etwa koksen? Davon finden wir nichts in den heiligen Büchern. Wahrscheinlich war Jesus auch so vom Heiligen Geist erfüllt, dass er diesen Flash nicht mehr brauchte. Es hätte ihn vermutlich eher abgetörnt. Christus war beseelt von Gottes Kraft und seiner Liebe. Aber gegen einen Rausch hat er nie gepredigt. Sonst gäbe es dafür Belege in der Bibel.