Der vergessene Soldat - Guy Sajer - E-Book

Der vergessene Soldat E-Book

Guy Sajer

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Beschreibung

Ein Welterfolg, der unter die Haut geht – jetzt endlich wieder erhältlich! Mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare, übersetzt in über dreißig Sprachen: Guy Sajers bewegendes Zeugnis vom Zweiten Weltkrieg berührt und erschüttert Leser bis heute. Mit siebzehn Jahren wird der im Elsass geborene Sajer – Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter – in den Malstrom des Krieges gerissen. Was zunächst wie ein großes Abenteuer beginnt, verwandelt sich schon bald in einen Alptraum aus Hunger, Kälte, Angst und unaussprechlicher Gewalt. An der Ostfront, in Kursk, Charkow und Bjelgorod, erlebt Sajer die grausame Realität des Krieges hautnah. Auf dem zermürbenden Rückzug durch Rumänien, Polen und bis zur Ostsee wird ihm klar: Es gibt kein Entrinnen mehr. Mit einer eindringlichen Sprache, die dem Grauen ebenso nahekommt wie der Hilflosigkeit des einzelnen Soldaten, gelingt Sajer ein Werk, das weit über eine reine Dokumentation hinausgeht – ein zeitloses Mahnmal für das menschliche Leid im Krieg. „Das Buch verdichtet Raum und Zeit zu einem einzigen pochenden Schmerz.“ – Time Magazine „Niemand, der das Buch zu Ende liest, wird es je wieder vergessen.“ – New York Times „Eine epische Geschichte, großartig erzählt.“ – Wall Street Journal Ein Buch, das Sie nicht nur lesen, sondern erleben werden – entdecken Sie Guy Sajers unvergessliches Meisterwerk.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Guy Sajer

Der vergessene

Soldat

EK-2 Militär

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Liebe Leserin, lieber Leser,

zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie dieses Buch erworben haben. Wir sind ein Familienunternehmen aus Duisburg und jeder einzelne unserer Leser liegt uns am Herzen!

Mit unserem Verlag EK-2 Publishing möchten wir militärgeschichtliche und historische Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.

Vor allem aber möchten wir, dass jedes unserer Bücher Ihnen ein einzigartiges und erfreuliches Leseerlebnis bietet. Haben Sie Anmerkungen oder Kritik? Lassen Sie uns gerne wissen, was Ihnen besonders gefallen hat oder wo Sie sich Verbesserungen wünschen. Welche Bücher würden Sie gerne in unserem Katalog entdecken? Ihre Rückmeldung ist wertvoll für uns und unsere Autoren.

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Ihr Team von EK-2 Publishing

Inhalt

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Inhalt

Prolog

Erster Teil. Russland

Erstes Kapitel. Nach Stalingrad

Zweites Kapitel. Die Front

Drittes Kapitel. Auf dem Rückmarsch

Zweiter Teil. Division Großdeutschland

Viertes Kapitel. Urlaub

Fünftes Kapitel. Ausbildung für eine Elitetruppe

Sechstes Kapitel. Und das war Bjelgorod

Dritter Teil. Der Rückzug

Siebtes Kapitel. Die neue Front

Achtes Kapitel. Der Durchbruch von Konotop

Neuntes Kapitel. Der Übergang über den Dnjepr

Vierter Teil. Nach Westen

Zehntes Kapitel. »Gott mit uns«

Elftes Kapitel. Statt des Urlaubs: Partisanen

Zwölftes Kapitel. Die roten Panzer

Dreizehntes Kapitel. Der dritte Rückzug

Vierzehntes Kapitel. Neuaufstellung in Polen

Fünfzehntes Kapitel. Wieder in der Ukraine

Fünfter Teil. Das Ende

Sechzehntes Kapitel. Von Polen nach Ostpreußen

Siebzehntes Kapitel. Memel

Achtzehntes Kapitel. Der Kreuzweg

Neunzehntes Kapitel. Der Westen

Epilog. Die Rückkehr

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Impressum

Guy Sajer … Guy Sajer, wer bist du?

Meine Eltern sind einige hundert Kilometer voneinander entfernt auf die Welt gekommen. Eine Entfernung voller Schwierigkeiten, voller seltsamer Verwicklungen und verschwimmender Grenzen, voller Gefühle, die gleich viel bedeuten und unübersetzbar sind.

Ich, der ich aus dieser Verbindung hervorgegangen bin, versuche den Spagat zwischen diesem Gefüge, mit nur einem Leben, um mit so vielen Problemen fertig zu werden.

Ich war ein Kind, aber das ist nicht wichtig. Die Probleme haben vor mir existiert, und ich habe sie kennen gelernt.

Dann kam der Krieg. Und ich habe ihn zu meiner Sache gemacht, da es nichts anderes gab zu dieser Zeit, in der auch ich in das Alter kam, in dem man sich verliebt.

Ich war unerbittlich davon erfüllt. Ich sollte plötzlich zwei Fahnen dienen, an zwei Fronten kämpfen, am Westwall und an der Maginotlinie, und dann gab es noch die großen Feinde draußen. Ich habe gedient, ich habe geträumt, ich habe gehofft. Mir war auch kalt, und ich hatte Angst unter dem Tor, unter dem Lili Marleen nie erschienen ist.

Es kam der Tag, an dem ich auch hätte sterben sollen, und seither ist alles nicht mehr so wichtig.

So bleibe ich weiter hier, ohne Reue, vom ganzen menschlichen Dasein distanziert.

Guy Sajer

Prolog

18. Juli 1942. Ich komme nach Chemnitz, in eine riesige, ganz weiße Kaserne, die wie ein Zirkus gebaut ist. Ich bin sehr beeindruckt, eine Mischung aus Bewunderung und Angst. Auf meinen Wunsch hin werde ich der 26. Staffel des Sturzkampfgeschwaders von Kommandant Rudel zugeteilt. Leider schickt man mich nach einer Reihe von Luftwaffentests wieder weg; die wenigen Augenblicke an Bord einer Ju-87 bleiben mir aber als wunderbare Erinnerung. Wir leben mit einer Intensität, wie ich sie noch nie zuvor empfunden habe. Jeder Tag bringt etwas Neues. Ich habe eine brandneue Uniform in meiner Größe bekommen, außerdem ein Paar Stiefel, zwar nicht mehr ganz neu, aber in sehr gutem Zustand. Ich bin sehr stolz auf mein Aussehen. Die Verpflegung ist gut. Ich lerne einige Soldatenlieder, die ich mit einem schauderhaften französischen Akzent schmettere. Die anderen Soldaten, die meine ersten Kameraden an diesem Ort sein werden, lachen.

Die Ausbildung bei der Infanterie, der ich zugeteilt wurde, ist weit weniger lustig als das Leben eines Fliegers. Die Hindernisbahn ist das Härteste, das ich bisher erlebt habe. Ich bin völlig erschöpft; mehrere Male schlafe ich in der Kantine ein. Trotzdem kann ich mich dafür begeistern; in mir ist eine große Freude, die ich – vor allem im Hinblick auf meine früheren Befürchtungen – nicht ganz verstehe.

Am 15. September verlassen wir Chemnitz und seine Umgebung. Wir marschieren nach Dresden – vierzig Kilometer –, wo wir auf einen Zug Richtung Osten verladen werden.

Wir durchqueren einen großen Teil Polens. In Warschau haben wir einige Stunden Aufenthalt. Mit meiner Abteilung besichtige ich die Stadt, vor allem das berühmte Ghetto, oder besser, was davon übrig ist. Wir kommen in ziemlicher Unordnung zurück. Alle haben fröhliche Gesichter. Auch die Polen lächeln uns an, vor allem die jungen Mädchen; einige ältere und mutigere Soldaten werden von den Mädchen sogar bis an den Zug gebracht, der sich erneut in Bewegung setzt und schließlich endgültig in Brest-Litowsk Halt macht.

Von hier erreichen wir ein etwa fünfzehn Kilometer entferntes kleines Dorf. Das Wetter ist kühl, aber unwahrscheinlich schön. Über dieser hübschen, hügeligen Landschaft liegt schon der Herbst. Wir durchschreiten einen Wald mit riesigen Bäumen. Feldwebel Laus brüllt uns an, wir sollen in Reihe marschieren. Im Gleichschritt erreichen wir eine Lichtung, von der ein märchenhaftes Schloss aufragt. Diesem nähern wir uns über eine Allee, während wir vierstimmig singen: »Und das heißt: Erika.« Eine Gruppe von etwa zehn Soldaten kommt uns entgegen. Unter ihnen sehe ich einen, der die Hauptmannssterne trägt.

Im perfekten Gleichschritt und mit den letzten Noten unseres Liedes kommen wir auf Höhe der anderen Gruppe an. Wieder brüllt der Feldwebel; wir stehen still, ein weiterer Befehl folgt und nach einer makellosen Vierteldrehung schlagen dreihundert Paar Stiefel laut knallend gegeneinander. Man bringt uns einen militärischen Willkommensgruß entgegen und wir nehmen unseren Marsch bis zum Eingang des beeindruckenden Schlosses wieder auf.

Auf dem Hof müssen wir uns zum Appell aufstellen. Die Aufgerufenen bilden eine neue Formation, die immer größer wird, je weiter sich unsere verkleinert. Der Schlosshof ist voller Militärfahrzeuge aller Art, um die herum ein halbes Tausend Landser in voller Ausrüstung auf ihre Abfahrt warten. In Gruppen zu dreißig werden wir in unsere Unterkünfte gebracht. Ein Alter ruft uns zu:

»Ablösung, hier entlang.«

Wir schließen daraus, dass die um die Lkw herumstehenden Landser dabei sind, dieses königliche Quartier zu verlassen, was ihre verdrießlichen Mienen erklären würde.

Zwei Stunden später erfahre ich, dass sich ihr neuer Bestimmungsort irgendwo tief in Russland befindet. Russland – das ist der Krieg! Der Krieg, von dem ich noch nichts weiß!

Kaum habe ich mein Marschgepäck auf eines der Holzbetten gelegt, als auch schon der Befehl kommt, wieder im Hof anzutreten. Es ist etwa zwei Uhr nachmittags. Seit der letzten Verpflegungsausgabe am Abend vorher, die aus Weißkäse, Marmelade und Graubrot bestand, haben wir bis auf die paar Kekse, die wir uns in Warschau auf unserer Fahrt durch Polen besorgt hatten, nichts mehr gegessen. Es kann sich also nur um das Mittagessen handeln, mit dem wir sowieso schon drei Stunden hinten dran sind. Aber weit gefehlt. Unten auf dem Hof nimmt uns ein Feldwebel im Trainingsanzug in Empfang und lädt uns mit ironischer Miene ein, an seiner den Appetit anregenden Badestunde teilzunehmen. Im Laufschritt führt er uns etwa einen Kilometer fort von unserer neuen Kaserne. Dort entdecken wir einen kleinen, versandeten Teich, der einen winzigen Fluss speist. Der Feldwebel befiehlt uns, mit gar nicht mehr freundlicher Miene, uns ganz auszuziehen. Da stehen wir nun alle splitternackt und idotisch herum. Der Feldwebel springt zuerst ins Wasser und gibt uns Zeichen, ihm zu folgen.

Wir platzen alle vor Lachen; doch was mich betrifft, muss ich zugegeben, dass es ein gezwungenes Lachen ist. Ich habe vorhin gesagt, dass das Wetter sehr schön war; aber es war schön zum Spazierengehen, nicht zum Baden. Ich glaube nicht, dass es mehr als sieben bis acht Grad hatte. Als ich gerade zaghaft meinen rechten Fuß in das wirklich äußerst kalte Wasser tauche, befördet mich ein von einem hämischen Lachen begleiteter Stoß brutal ins Wasser, wo ich wie ein Verrückter schwimme, um nicht das Bewusstsein zu verlieren. Als ich wieder ans Ufer krieche, fest davon überzeugt, dass ich am Abend mit einer Lungenentzündung im Lazarett liegen werde, suche ich unsicher das nach einer solchen Erfahrung unentbehrliche Handtuch … Aber es gibt keines! Niemand hat eines! Wir trocknen uns mit unseren Unterhemden ab. Die meisten meiner Kameraden haben nichts als das langärmlige Unterhemd, das in der Wehrmacht auch das Hemd ersetzt, sowie ihre Uniformjacke, die sie sogar auf der Haut tragen. Ich bin noch im Vorteil, da ich einen kleinen Pullover habe, der meine jugendliche Haut vor dem rauhen Stoff schützt.

Immer im Laufschritt, um unseren Ausbilder einzuholen, der schon wieder auf halbem Weg zurück ist, erreichen wir unseren mächtigen Wohnsitz. Wir haben alle einen fürchterlichen Hunger und suchen mit gierigen Blicken vergeblich im Hof nach einem Hinweis auf einen Speisesaal. Als es so scheint, dass wir uns selbst überlassen wären, da tritt ein junger, riesiger Elsässer vor einen Unteroffizier, mit einem Blick als wolle er ihn auffressen.

»Bekommen wir was zu essen?«, fragt er.

Ein schneidendes »Achtung!«, schallt uns entgegen. Gleichzeitig nehmen wir alle Haltung an, auch unser Advokat.

»Die Essensausgabe ist hier um elf Uhr!«, ruft der Unteroffizier. »Ihr seid drei Stunden zu spät gekommen! In Dreierreihen rechts antreten, wir gehen zum Schießen.«

Mit zusammengepressten Zähnen folgen wir unserem ›Futtermeister‹.

Wir schlagen einen schmalen Pfad ein, der durch den Wald führt. Unsere Reihen lösen sich auf und wir bewegen uns im Gänsemarsch weiter vorwärts. Etwa zehn Mann vor mir gibt es plötzlich ein kleines Durcheinander, begleitet von Geschrei. Gefolgt von Hinterleuten dränge ich mich nach vorn. Wir sind bestimmt an die dreißig Mann, die sich um ein Dickicht scharen, in dem sich drei Männer in Zivilkleidung befinden, drei Polen, von denen jeder einen Korb mit Eiern trägt. Ein Satz macht die Runde:

»Hast du Geld bei dir? Ich nicht.«

Zwar verstehe ich kein Wort davon, was die Polen sagen, aber es ist klar, dass sie uns die Eier verkaufen wollen. Leider haben wir noch keinen Sold bekommen, und es gibt nur wenige unter uns, die eigenes Geld haben.

Das ist wie die Marter des Tantalus, denn wir haben einen Mordshunger. Plötzlich gibt es ein Gedränge und Gestoße, und gierige Hände greifen in die Körbe. Eier gehen kaputt, Schläge werden ausgeteilt – all das jedoch leise, da beide Seiten Angst haben bestraft zu werden. Ich habe mich nicht schlecht geschlagen. Zwar ist mir jemand brutal auf den Fuß gestiegen, aber das ist auch schon alles, was ich zu beklagen habe, und ich habe sieben Eier.

Ich laufe wieder nach vorn zu meiner Gruppe und gebe zwei Eier einem jungen, dicken Österreicher, der mich perplex ansieht. Auf einer Strecke von nicht ganz hundert Metern verschlinge ich die restlichen fünf, einschließlich eines Teiles der Schalen. Wir kommen am Schießplatz an. Dort sind mindestens tausend Soldaten versammelt. Es wird ununterbrochen geschossen. Wir gehen auf eine bewaffnete Gruppe zu, die uns entgegenkommt, und übernehmen ihre Gewehre. Ich bekomme fünfundzwanzig Patronen, die ich verschieße als ich an der Reihe bin … Das Ergebnis ist nicht gerade berühmt, aber ich bin etwa Durchschnitt.

In meinem Magen beginnen die Eier zu arbeiten. Ich fühle mich nicht ganz wohl … Die Nacht bricht herein. Alle sind wir hundemüde. Unser Wachhund lässt uns antreten, und mit geschultertem Gewehr verlassen wir den Schießplatz. Andere Kompanien marschieren in andere Richtungen ab. Wir schlagen eine kleinen Schotterweg ein, der mit nicht die gleiche Straße zu sein scheint, die wir hergekommen sind.

Tatsächlich müssen wir sechs Kilometer singend im Gleichschritt zurücklegen, bevor wir das verfluchte Schloss erreichen. Es scheint, als würde Singen beim Marschieren jedenfalls als eine ausgezeichnete Atemübung betrachtet werden. Da ich an diesem Abend nicht tot umgefallen bin, mussten sich meine Lungen zu einem Blasebalg entwickelt haben. Zwischen zwei Liedern werfe ich einen Blick auf meine keuchenden Kameraden, und in allen Augen bemerke ich eine gewisse Unruhe. Da ich nicht zu verstehen scheine, zeigt der schräg vor mir marschierende Peter Deleige auf sein Handgelenk, wo eine Armbanduhr schimmert, und flüstert dazu:

»Uhr.«

Mein Gott! Ich verstehe, es ist beinahe Nacht, fünf Uhr vorüber, und wir haben das Essen versäumt!

Die ganze Abteilung scheint zu reagieren, der Takt unserer Schritte wird schneller. Vielleicht hat man uns etwas aufgehoben? An diese diese Hoffnung klammern wir uns und unterdrücken die Müdigkeit, die uns zu überwältigen droht. Wir überholen den Feldwebel, erst um einen, dann um zwei Schritte; er schaut uns ganz erstaunt an, beginnt zu schimpfen, schließlich fasst er sich aber wieder und fügt hinzu:

»Ah, ihr glaubt wohl, ihr könnt mich hinter euch lassen, na gut, dann los!«

Zum siebentenmal stimmen wir auf seinen Befehl »Die Wolken ziehen« an und überqueren ohne langsamer zu werden die massive Steinbrücke, die über den Wassergraben führt. Unsere Augen erforschen den dunklen Hof, der nur von ein paar Lämpchen beleuchtet wird. Vor einem Motorrad mit Beiwagen, auf dem sich drei große Kanister befinden, steht eine lange Schlange von Soldaten mit Essgeschirr und Feldflasche.

Der Unteroffizier lässt uns anhalten, und schon glauben wir, dass wir uns auf das nächste Kommando hin mit unserem Essgeschirr auf den Beiwagen stürzen werden. Aber leider ist es noch nicht soweit. Dieser Sadist lässt uns erst die Gewehre ins Lager bringen, in der Reihenfolge ihrer Nummerierung. Das kostet uns nochmal zehn Minuten, wir sind wütend. Dann sagt er unvermittelt:

»Seht zu, ob noch was da ist, aber der Reihe nach!«

Bis zur Tür des Magazins beherrschen wir uns. Aber einmal draußen, kann uns nichts mehr halten, wir stürmen zu unserem Quartier. Die genagelten Stiefel schlagen Funken auf dem Pflaster des Hofes, achtzig Besessene jagen die monumentalen Steintreppen hoch, die wenigen Soldaten zur Seite drängend, die herunter wollen. Vor den Schlafsälen nimmt das Durcheinander noch zu, da noch niemand seinen Raum und sein Bett gefunden hat. Wie die Verrückten rennen wir in die Stuben und wieder heraus, wenn wir feststellen müssen, dass es die falsche war. Fatal ist es, wenn in dem Moment, indem man hinaus stürmt, ein Kamarad hinein will. Das gibt Zusammenstöße, Flüche, Schläge. Für meinen Teil bekomme ich einen Schlag auf meinen Helm, der mir dadurch endlich richtig auf dem Schädel sitzt.

Ein paar Glückliche, die auf Anhieb ihr Essgeschirr gefunden haben, rennen in dreifachem Galopp zurück. Diese Bastarde! Sie werden alles fressen! Endlich finde ich mein Marschgepäck und mach mein Essgeschirr los. In diesem Moment springt ein Scheißkerl mit seinen dreckigen Stiefeln auf mein Bett und wirft mein Gepäck herunter. Das verfluchte Essgeschirr rollt unter das Bett des Nachbarn. Ich tauche ihm nach, bekomme es schließlich zu fassen, doch jemand tritt mir dabei auf die andere Hand.

Ich kehre zurück auf den Hof und reihe mich dort unter den wohlwollenden Blicken des Unteroffiziers schweigend in die Schlange ein, beruhigt, dass es noch mindestens einen vollen Topf gibt.

Da ich jetzt eine Verschnaufpause habe, sehe ich mir meine Kameraden an. Alle sehen todmüde aus; die mit einem hageren Gesicht, wie ich, haben tiefe Ringe unter den Augen. Die Anderen, die Aufgedunsenen, sind leichenblass.

Ich beobachte Bruno Lensen, er hat schon was bekommen und geht jetzt mit langsamen Schritten davon, während er den Inhalt seines Napfes hinunterschlingt. Fahrenstein, Olensheim, Lindberg und Halls tun das Gleiche. Als ich an der Reihe bin, öffne ich mein Essgeschirr. Ich hatte seit dem letzten Essen keine Zeit es zu reinigen, und so kleben darin noch einige Reste.

Der Koch kippt eine große Kelle in mein Kochgeschirr und füllt den Deckel mit einer großen Portion Joghurt. Ich setze mich etwas entfernt auf eine der Bänke, die an der Mauer der Wirtschaftsgebäude stehen. Die Rennerei auf dem Rückweg hatte wenigstens den Vorteil, dass ich die Eier, die ich am Nachmittag viel zu schnell hinuntergeschlungen hatte, wieder von mir gegeben habe, und mit Heißhunger verzehre ich in der Dunkelheit drei Viertel meines Abendessens. Es ist nicht schlecht. Ich stehe auf und gehe zu einem unverhängten Fenster, um einen Blick in mein Geschirr zu werfen. Es scheint eine Art Grießauflauf mit Pflaumen und Fleischstücken zu sein. In fünf Minuten wird alles verschlungen sein.

Da wir nichts zu trinken bekommen haben, mache ich es wie meine Kameraden, steuere zur Tränke für das Vieh und stürze nacheinander drei bis vier Becher eisigen Wassers hinunter. Außerdem nutze ich die Gelegenheit mein Essgeschirr zu spülen.

Der Abendappell findet in einem großen Saal statt, wo uns ein einfacher Gefreiter vom Deutschen Reich erzählt. Es ist acht Uhr. Ein Bataillonstrompeter bläst auf einem kleinen Horn das Signal zum Löschen der Lichter. Wir gehen auf unsere Stuben, wo wir in einen abgrundtiefen Schlaf fallen.

Das war mein erster Tag in Polen. Wir haben den 18. September. Am folgenden Tag werden wir um fünf Uhr geweckt, und das bleibt so für die nächsten vierzehn Tage. Wir bekommen eine harte Ausbildung, und jeden Tag durchqueren wir diesen verdammten Teich. Aber nicht mehr im Badeanzug, sondern in voller Kampfausrüstung.

Schweißtriefend, zerschlagen und am Ende unserer Kräfte fallen wir jeden Abend auf unsere Matratzen, von einem bleiernen Schlaf überwältigt, nicht einmal mehr imstande, unseren Familien zu schreiben.

Ich mache große Fortschritte im Schießen. Ich muss mehr als fünfhundert Patronen verschossen haben, sowohl im Manöver als auch auf dem Übungsplatz. In diesen vierzehn Tagen dürfte ich auch an die fünfzig Übungshandgranaten geworfen haben.

Das Wetter ist trüb, von Zeit zu Zeit regnet es. Kündigt sich der Winter schon an? Noch ist es nicht soweit: Wir haben erst den 5. Oktober. An diesem Morgen ist das Wetter klar. Es herrscht leichter Frost; wahrscheinlich wird es ein schöner Tag heute. Im Morgengrauen salutieren wir vor der Fahne. Mit dem Gewehr auf der Schulter ziehen wir los zu unserem täglichen Ausmarsch.

Die Abteilung marschiert über die Steinbrücke, die den Graben überspannt und unter dem Tritt von sechzig Paar Stiefeln dröhnt. Laus lässt heute nicht singen. Eine halbe Stunde lang höre ich nichts anderes als den Tritt unserer Stiefel. Ich mag dieses Geräusch und habe nicht das Bedürfnis zu reden. Tief atme ich die frische Waldluft ein, und ein wunderbares Lebensgefühl fließt durch meine Adern. Bei den Strapazen, die wir jeden Tag bewältigen müssen, kann ich mir nicht erklären, warum wir uns so gut fühlen. Alle sehen wir blendend aus. Wir begegnen einer Kompanie, die etwa zehn Kilometer von uns entfernt im Quartier liegt, in einem Dorf, das so ähnlich wie Kremenstövsk heißt.

Wir grüßen uns beim Vorbeimarschieren, wir den Kopf nach links gewandt, sie nach rechts. Dann geht es in Reih und Glied etwa eineinhalb Stunden lang abwechselnd im Laufschritt und im Marschschritt. Als wir in unser Schloss zurückkehren, sehen wir neue Gesichter, viele neue Gesichter.

Während unserer Abwesenheit sind junge Rekruten angekommen. Wir müssen jetzt hier mindestens tausendfünfhundert Mann sein. Und es ist noch Platz für mehr.

Alle Unteroffiziere und Ausbilder haben sich auf die Grünschnäbel gestürzt. Wir stehen in der Nähe des Eingangs herum. Als sich nach etwa einer Stunde noch immer niemand um uns kümmert, stellen wir die Gewehre zusammen und hocken uns auf das Pflaster des Hofes.

Ich unterhalte mich, halb auf französisch, halb auf deutsch, mit einem Lothringer. Damit vergeht der Vormittag. Es wird zum Mittagessen geläutet; nachdem wir unsere Waffen aufgeräumt haben, gehen wir in den Speisesaal.

Es kommt der Nachmittag, und immer noch kein Dienst, kein Manöver; wir können es kaum glauben. Keiner denkt auch nur daran, hinunter auf den Hof zu gehen, denn dann würde man sofort zu irgendeiner Arbeit eingeteilt. Gemeinsam verziehen wir uns in den zweiten Stock. Dort gibt es weitere Schlafsäle. Wir entdecken eine Leiter, die uns auf den Speicher und von dort auf das Dach führt. Die Sonne brennt auf die massiven Schieferplatten, wir strecken uns aus und stemmen unsere Absätze in die Dachrinne, um nicht unten auf dem Hof zu landen.

Das Wetter ist herrlich, und auf dem Dach liegt eine drückende Hitze; wir liegen mit nacktem Oberkörper herum wie am Strand. Schließlich wird uns die Hitze zu viel, und ich verlasse mit einigen anderen meinen Sitz. Doch war es ganz amüsant zu sehen, wie die Neuankömmlinge unter einer Flut von Kommandos und Flüchen herumgescheucht wurden.

Auf dem Hof bin ich wieder in Gesellschaft dieses komischen Lothringers, der mir mit seinen Reden über sein Medizinstudium das Ohr abkaut. Da ich dazu ausersehen bin meinem Vater in seiner Mechanikerwerkstatt zu helfen, langweilt mich die Sache eher. Und welchen Sinn macht es schließlich, an die berufliche Zukunft zu denken, wenn man eben in die Armee eingetreten ist!

Im Hof kümmert sich wiederum kein Mensch um uns. Ich flaniere ungestört herum und zum erstenmal habe ich Gelegenheit, mir diese imposante Burg näher anzusehen. Alles hat hier kolossale Ausmaße, die kleinste Stiege ist mindestens sechs Meter breit, das geringste Stück Holz, Balken oder Pfeiler, ist roh behauen und mindestens fünfzig Zentimeter im Durchmesser. Der Vorbau, durch den man eintritt, besteht aus vier gewaltigen runden Türmen. Die Einfahrt ist an die fünfzehn Meter breit, zwanzig Meter lang und acht Meter hoch. Das Ganze beeindruckt einen so sehr mit seinen Ausmaßen, dass man den düsteren Charakter beinahe vergisst.

Hinter dem Eingang, den ich eben beschrieben habe, und parallel dazu, erheben sich die Gebäude, die sich zu einem geschlossenen Bereich ausdehnen. Am anderen Ende beschließt ein weiterer Block, bestehend aus vier Türmen, den Burgkomplex.

Das Ganze beeindruckt mich und gefällt mir sehr; in dieser wagnerischen Szenerie bekomme ich das Gefühl einer unbesiegbaren Stärke. Und in allen vier Himmelsrichtungen streckt sich ein mächtiger, dunkelgrüner Wald bis zum Horizont.

Die folgenden Tage vergehen recht lustig. Ich bekomme Fahrunterricht, zuerst auf einem großen Motorrad, dann auf einem VW, schließlich auf einem Steyr. Ich fühle mich so selbstsicher, dass mir das Fahren dieser Maschinen kindisch erscheint; ohne ein besonderer Fahrer zu sein, komme ich mit ihnen in allen Lagen zurecht. Wir sind etwa fünfzehn Leute und wechseln uns am Steuer ab, ohne dass irgendein Drill herrscht. Wir albern herum wie echte Jungen, die wir ja auch sind.

10. Oktober. Das Wetter ist noch immer schön, aber in der Früh friert es bei minus fünf Grad. Den ganzen Tag üben wir das Steuern eines Raupenfahrzeugs, mit dem wir steile Hänge erklettern. Wir sind zu fünfzehnt an Bord. In dem Wagen, der eigentlich für acht Leute vorgesehen ist, ist es sehr unbequem und nur durch akrobatische Kunststücke können wir uns im Wageninneren halten. Den ganzen Tag lang haben wir gelacht, und am Abend ist wirklich jeder von uns fähig, mit dem Raupenfahrzeug umzugehen. Doch fühlen wir uns so gerädert, als hätte man uns geprügelt.

Am nächsten Morgen, als wir uns beim Sport völlig verausgaben, vor allem, um uns warm zu halten, unterbricht Laus unseren Schwung.

»Sajer!«, ruft er.

Augenblicklich trete ich aus der Reihe.

»Leutnant Starfe braucht einen Fahrer für seinen Schützenpanzer, und da Sie sich gestern sehr gut bewährt haben … Also machen Sie sich fertig.«

Ich salutiere und bin auch schon weg. Das ist doch nicht möglich … ich bin der beste Fahrer der Gruppe! Ich führe einen wahren Freudentanz auf. Schneller als man es aussprechen kann bin ich angezogen und wieder unten im Hof. Ich will zur Schreibstube rennen, aber das ist nicht nötig, denn Starfe ist bereits auf dem Hof. Er ist ein magerer und kantiger Mann, aber nicht übellaunig. Er soll in Belgien schwer verwundet worden sein und ist seither als Ausbilder in der Armee. Ich erstarre in Habachtstellung.

»Kennen Sie die Straße nach Kremenstövsk?«, fragt er.

»Jawohl, Herr Leutnant.«

Wenn ich ehrlich sein soll, kann ich nur vermuten, dass es die Straße ist, auf der wir manchmal anderen Übungskompanien begegnet sind, die wahrscheinlich aus dem Dorf kamen. Aber ich bin viel zu glücklich, um zu zögern. Endlich einmal wird etwas Anderes von mir verlangt als dieses Exerzieren.

»Also gut«, antwortet er, »dann los«.

Starfe deutet auf das Raupenfahrzeug von gestern. Am Heck ist ein vierrädriger Anhänger befestigt. Tatsächlich ist es ein 8,8-Zentimeter-Geschütz, bedeckt mit einer Tarnplane. Ich setze mich hinter das Lenkrad und lasse den Motor an: Die Nadel zeigt zehn Liter an, das ist nicht genug. Ich bitte um Erlaubnis auftanken zu dürfen, was mir zugestanden wird, und werde gelobt für diese wichtige Beobachtung. Einige Minuten später fahren wir los und mein Fahrzeug kommt mehr schlecht als recht durch das Eingangsportal und über die Brücke. Ich traue mich nicht, Starfe anzusehen, dem mein anfängerhaftes Fahrverhalten sicher nicht entgangen sein kann. Nach etwa sechshundert Metern biege ich in eine Straße ein, von der ich annehme, dass sie nach Kremenstövsk führt. Die nächsten zehn Minuten fahre ich langsam dahin, ziemlich unsicher, ob wir auch auf dem richtigen Weg sind. Wir passieren zwei mit Heu beladene polnische Karren. Sie machen meinem Schützenpanzer schleunigst Platz. Angesichts der Hast der Polen sieht Starfe mich an und lächelt.

»Die glauben, dass du absichtlich auf sie losgefahren bist. Die würden nicht im Traum annehmen, dass du das Ding gar nicht in der Hand hast.«

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder seine Worte als eine Warnung ansehen soll. Ich verkrampfe mich immer mehr, und der arme Leutnant wird mehr herumgeschaukelt als auf einem Kamel. Endlich kommen wir zu einer Ansammlung ziemlich schäbiger Häuser. Ich suche vergeblich nach einem Schild mit dem Namen des Ortes, doch nur eine Horde hellhäutiger Kinder stürzt uns entgegen, um uns passieren zu sehen, dabei Gefahr laufend unter unser Fahrzeug zu geraten.

Plötzlich bemerke ich auf einem kleinen Platz etwa hundert abgestellte deutsche Fahrzeuge. Starfe zeigt mir ein Haus. Dort, wo die Fahne weht, ist es. Ich atme auf! Es war also doch die Straße nach Kremenstövsk.

»Es wird eine gute Stunde dauern«, sagt Starfe, »geh in die Kantine, sieh zu, ob sie was Warmes für dich haben.«

Während er dies sagt, klopft er mir mit seiner Rechten auf die Schulter. Ich bin sehr gerührt über diese freundschaftliche Geste, die mir der Leutnant entgegenbringt, dem doch den ganzen Weg lang hart zugesetzt wurde. Ich hätte nie gedacht, dass dieser verschlossen aussehende Mann mir gegenüber so väterlich sein würde. Es wird immer kälter, doch in mir steigt eine Welle von Wärme auf.

Selbstsicheren Schrittes steuere ich auf ein Gebäude zu, das wie ein Rathaus aussieht. Auf einem Schild steht mit schwarzer Farbe auf weißem Grund: ›Soldatenschenke 27. Kompanie‹. Alle Augenblicke gehen Landser ein und aus. Da es keine Ordonnanz gibt, trete ich ein und durchquere einen Raum, in dem drei Landser Verpflegungskisten auspacken. Es folgt ein weiterer Raum mit einer Theke im hinteren Bereich, an der drei oder vier Soldaten stehen und sich unterhalten.

»Kann ich etwas Warmes bekommen? Ich habe einen Offizier hierhergebracht, gehöre aber nicht zur 27.«

»Hm«, brummt der Mann hinter der Theke, »schon wieder so ein Elsässer, der so tut, als könnte er Deutsch sprechen.«

Es ist offensichtlich, dass mein Deutsch furchtbar schlecht ist.

»Ich bin kein Elsässer, sondern halber Deutscher, durch meine Mutter«, erkläre ich.

Den Landsern ist das egal. Der hinter der Theke verschwindet in der Küche. Ich bleibe dort stehen, mitten im Raum, in meinen großen grünen Mantel gehüllt. Fünf Minuten später kommt er mit einer dampfenden, zur Hälfte mit Ziegenmilch gefüllten Schüssel zurück. Der komische Kauz gibt noch einen ordentlichen Schuss Alkohol dazu und reicht mir die Schüssel, ohne ein Wort zu sagen.

Es ist siedend heiß, aber ich trinke es in einem Zug, während mir alle anderen zusehen. Ich habe den Geschmack von Alkohol nie gemocht, trinke aber Schluck für Schluck den ganzen Liter, um nicht wie ein Mädchen dazustehen.

Ohne zu salutieren verlasse ich den Proleten-Haufen und gehe hinaus in die Kälte. Diesmal habe ich den Eindruck, dass der polnische Winter angekommen ist. Der Himmel ist immer noch bedeckt, aber das Thermometer zeigt sechs Grad unter Null.

Ich weiß nicht recht, wohin ich gehen soll. Auf dem Platz ist kaum ein Mensch zu sehen. In den Häusern dürften die Polen es sich an einem schönen Feuer gemütlich machen. Ich gehe also zu dem Wagenpark, wo sich einige Soldaten an den Fahrzeugen zu schaffen machen. Ich wechsele ein paar Worte mit ihnen. Ihre Antworten kommen lustlos. Wahrscheinlich bin ich ihnen zu jung, sie sind gute dreißig Jahre alt. Während ich etwas unschlüssig von einer Gruppe zur anderen gehe, sehe ich drei bärtige Männer in langen, dunkelbraunen Umhängen, die dabei sind, einen Baumstamm mit einer großen Schrotsäge zu zerkleinern. Ich habe diese Uniformen noch nie gesehen.

Lächelnd gehe ich auf sie zu und frage etwas belanglos: »Na, wie geht's?« Als Antwort unterbrechen sie das Sägen und richten sich auf. Unter ihren dichten Bärten erahne ich ein Lächeln. Einer von ihnen ist ein großer und breiter Kerl, die anderen beiden sind untersetzt und gedrungen. Ich stelle noch zwei oder drei weitere Fragen, die ohne Antwort bleiben. Diese Kerle begnügen sich damit zu lächeln. Ich habe den Verdacht, dass sie sich über mich lustig machen. In diesem Augenblick höre ich hinter mir Schritte und gleich darauf eine Zurechtweisung:

»Lass sie in Ruhe! Sieht so aus als weißt du nicht, dass es verboten ist mit ihnen zu reden – außer für Befehle natürlich.«

»Jedenfalls haben diese Wilden mir nicht geantwortet. Ich frage mich, was die überhaupt in der Wehrmacht zu suchen haben!«, antworte ich.

»Teufel!«, grinst der Bursche, der gekommen ist, um mich anzuschnauzen. »Man merkt, dass du noch nicht im Feuer gestanden hast. Das sind Gefangene! Russische Gefangene. Und wenn du jemals an die Front kommst und so einen siehst, bevor er dich entdeckt, dann schieß, schieß ohne zu zögern, sonst siehst du keinen zweiten mehr.«

Ich bin ziemlich vor den Kopf gestoßen und schaue noch mal zu den Russen hin, die ihre Sägerei fortgesetzt haben. Das sind also unsere Feinde, diejenigen, die auf die deutschen Soldaten schießen! Auf die Soldaten, die meine Uniform tragen. Aber warum haben sie mir dann zugelacht?

Noch vierzehn Tage lang führe ich mit meinen Kameraden von der 19. Kompanie, die im Transportdienst auf der Rollbahn eingesetzt ist, das Leben auf der Burg. In ihrer Gesellschaft vergesse ich die triste Erinnerung an die 27. Kompanie, die ausschließlich aus unfreundlichen Typen bestand. Zu ihrer Entlastung muss ich einräumen, dass diese Männer schon seit 1940 unter dem Hakenkreuz dienten.

Hier bei der 19. gibt es nur sehr junge Männer wie mich. Für uns ist alles ein Anlass zu lachen, und obwohl das Wetter sehr schlecht geworden ist, stellen wir uns jeden Tag im Freien mit großer Begeisterung den militärischen Anweisungen.

Der Winter ist gekommen, mit einer Sintflut von Regen und Schnee, die das Land in ein Meer von Schlamm verwandeln. Bei Einbruch der Nacht kehren wir verdreckt und erschöpft zurück, doch wir behalten uns unsere Fröhlichkeit, wie sie die Jugend in einem unversehrten Körper mit sich bringt.

All diese kleinen Müdigkeiten sind nichts im Vergleich zu dem, was uns noch erwartet. Abends wärmen wir uns in unseren bequemen Betten auf und machen Späße, bis uns der Schlaf der Gerechten überkommt.

28. Oktober. Das Wetter ist zwar nicht sehr kalt, bleibt aber dennoch abscheulich. Vierundzwanzig Stunden am Tag jagen Regen und Windböen graue Wolken über den Himmel. Unsere Unteroffiziere, die es satt haben, täglich bis auf die Haut durchnässt zu werden, erlassen uns die Übungen. Wir verbringen die meiste Zeit damit, uns im Autofahren und als Mechaniker zu verbessern. Ich kenne noch immer nichts Unangenehmeres, als bei strömendem Regen an einem Motor herumzufummeln.

Das Thermometer zeigt meist um null Grad.

30. Oktober. Es regnet und es ist kalt.

Nach dem Morgenappell bekommen wir den Befehl zur Bekleidungskammer zu gehen. Ohne uns Gedanken zu machen, begeben wir uns an den genannten Ort; wenigstens regnet es dort nicht. In dem Lager, das aus einer ziemlich großen Halle besteht, sind die beiden ersten Züge unserer Kompanie bereits bedient worden. Die Jungen kommen zurück und schleppen Verpflegung aller Art mit, Decken, Socken und so weiter. Als ich an der Reihe bin, bekomme ich vier Sardinenbüchsen einer französischen Marke, zwei große, in Cellophan verpackte Gemüsewürste, ein Paket Vitaminkekse, zwei Tafeln Schweizer Schokolade, Räucherspeck und etwa zweihundertfünfzig Gramm Würfelzucker. Einige Schritte weiter drückt mir ein Lagerist in meine ohnehin schon vollen Hände eine wasserundurchlässige Zeltbahn, ein Paar Socken und ein Paar Wollhandschuhe. Beim Ausgang gibt man mir zu alldem noch eine Leinentasche mit der Aufschrift »Verbandszeug zur Ersten Hilfe«. Im anhaltenden Regen kehre ich zurück zu meiner Gruppe, die sich um einen auf der Plattform eines Lkw stehenden Offizier formiert hat. In seinem graugrünen Ledermantel gut gegen den Regen geschützt, scheint er darauf zu warten, dass sich die ganze Kompanie versammelt; als er meint, dass alle zusammen sind, richtet er das Wort an uns. Er spricht zu schnell, als dass ich alles genau verstehen könnte. Dennoch habe ich so viel behalten:

»Ihr verlasst diese Unterkunft, um einige Militärtransporte nach vorn zu bringen. Ihr habt Verpflegung für acht Tage erhalten, die ihr in eurem Gepäck verstaut. In zwanzig Minuten sind alle am Sammelplatz. Wegtreten!«

Hastig, in ängstlicher Schweigsamkeit, erreichen wir unsere Quartiere und packen unsere wenigen Habseligkeiten zusammen. Während ich meinen Tornister auf den Rücken hänge, fragt mein Bettnachbar:

»Wie lang bleiben wir fort?«

»Weiß nicht.«

»Ich habe vorgestern meinen Eltern geschrieben, sie sollen mir ein paar Bücher herschicken.«

»Die Feldpost wird dir das Päckchen nachschicken.«

In diesem Augenblick schlägt mir der große Halls auf die Schulter.

»Endlich werden wir die Russen sehen!«, brüllt er und lacht dabei albern.

Ich habe den Eindruck er blödelt, um sich Mut zu machen. In der Tat sind alle etwas betroffen, und trotz unserer jugendlichen Leichtfertigkeit schreckt uns der Gedanke an den Krieg.

Wir sind wieder unten im Hof, in diesem verdammten Regen. Jeder bekommt einen registrierten Mauser Karabiner und fünfundzwanzig Patronen. Ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, dass wir die Waffen bekommen haben, aber wir werden alle immer bleicher. Ohne Zweifel sind wir entschuldigt: Keiner meiner Kameraden ist älter als achtzehn Jahre. Was mich betrifft, so werde ich in zweieinhalb Monaten sogar erst siebzehn. Der Leutnant bemerkt unsere Niedergeschlagenheit. Um unsere Moral zu heben, liest er uns den jüngsten Wehrmachtsbericht vor: Paulus steht an der Wolga, die Heeresgruppe Mitte ist nicht weit entfernt von Moskau, die Anglo-Amerikaner haben schwerste Verluste bei ihren Angriffen auf die deutschen Städte erlitten. Wir schreien »Sieg Heil!«, und unser Leutnant ist zufrieden. Die ganze 19. Kompanie ist jetzt unter der Fahne angetreten.

Laus, unser Feldwebel, ist ebenfalls da, in Stahlhelm und voller Ausrüstung; an der Seite trägt er eine große MP in einem schwarzen Lederfutteral, das im Regen glänzt. Alle sind wir still, dann wird der Befehl zum Abmarsch erteilt; es klingt wie der gellende Pfiff, der einen Zug in Bewegung setzt.

»Stillgestanden! Rechtsum! Im Gleichschritt marsch!«

In Dreierreihen verlassen wir die Burg, die für die dreihundert Mann unserer Kompanie die Stätte der ersten Kameradschaft in der Wehrmacht war. Wir marschieren ein weiteres Mal über die Steinbrücke auf die Straße, auf der wir vor anderthalb Monaten hergekommen sind. Mehrere Male drehe ich mich um und werfe einen Blick zurück auf die imposante graue Masse der alten polnischen Burg, die ich nie mehr wiedersehen werde, und ich hätte mich leicht der Melancholie hingegeben, wären meine Kameraden nicht an meiner Seite gewesen um mich aufzuheitern.

Der Regen hat aufgehört. Wir erreichen Bialystok, ein grünes Meer von Soldaten, und gehen in Richtung Bahnhof.

Erster Teil. Russland

Herbst 1942

Erstes Kapitel. Nach Stalingrad

Minsk. Kiew. Die Feuertaufe. Charkow

N

eben einer langen Kolonne von Eisenbahnwaggons machten wir Halt. Es kam der Befehl, die Gewehre am Bahndamm zusammenzustellen und das Gepäck abzulegen. Es war etwa ein Uhr am Mittag. Laus hatte etwas Proviant aus seinem Gepäck geholt und kaute darauf herum. Sein Gesicht, obgleich nicht sehr einnehmend, war uns vertraut geworden, und seine Anwesenheit gab uns Sicherheit. Seine Geste war wie ein Signal, und wir holten alle unser Essen heraus. Einige vertilgten gleich so viel, dass es zwei Mahlzeiten entsprach. Laus bemerkte es, begnügte sich aber damit zu erklären:

»Fresst nur! Fresst alles auf! … Aber keine Proviantausgabe mehr innerhalb der nächsten acht Tage!«

Dennoch hatten wir das Gefühl, nicht einmal die Hälfte der Menge gegessen zu haben, die wir gebraucht hätten, um unseren Bärenhunger zu stillen. Immerhin haben wir uns ein wenig aufgewärmt.

Nun warteten wir schon seit zwei Stunden, und die Kälte begann uns zu durchdringen. Wir liefen hin und her, blödelten herum und trampelten mit den Füßen, um sie warm zu halten. Einige brachten es fertig zu schreiben, meine Finger waren aber zu steif dafür. Ich begnügte mich damit zu beobachten. Unaufhörlich fuhren Züge mit Kriegsmaterial ein. Sie stauten sich am Bahnhof in einer Länge von etwa sechshundert Metern. Das Ganze schien sehr schlecht organisiert zu sein. Einzelne Wagenkolonnen fuhren vor, nur um gleich wieder zurückgeschoben zu werden. Einige Kompanien standen sich wie wir die Beine in den Bauch, andere mussten ausweichen, um einen Zug vorbeizulassen, der gleich wieder zurückgeschickt wurde. Ein heiliges Durcheinander.

Der Zug, an dem wir lehnten, schien für alle Zeiten stehen geblieben zu sein. Vielleicht war es besser, er setzte sich niemals in Bewegung.

Um mich zu beschäftigen, zog ich mich zu den Öffnungen der Wagen hoch, durch welche die Tiere ein wenig frische Luft bekamen. Anstelle von Tieren waren die Waggons aber vollgestopft mit Munitionskästen.

Vier Stunden warteten wir nun schon. Auf Grund der Untätigkeit war uns bitterkalt geworden. Die Temperaturen erreichten den Gefrierpunkt, und die Dämmerung brach langsam herein. Um die Zeit totzuschlagen, griffen wir wieder zu unseren Vorräten. Es wurde Nacht, doch der Zugverkehr ging im Schein spärlicher Beleuchtung weiter. Laus schien ebenfalls die Nase voll zu haben. Er hatte die Mütze über die Ohren gezogen, den Mantelkragen hochgeschlagen und lief auf und ab. So musste er mindestens zwanzig Kilometer zurückgelegt haben. Inzwischen hatten wir eine kleine Gruppe von Kameraden gebildet, die lange zusammenbleiben würde. Einige von ihnen kannte ich schon seit Chemnitz: Lensen, Olensheim und Halls – drei Deutsche, die genauso schlecht Französisch sprachen wie ich Deutsch; Morvan, ein Elsässer, und Uterbeick, ein brünetter Österreicher, der wie ein italienischer Tänzer frisiert war und sich später von unserer Gruppe trennen würde. Und dann ich selbst, halb Franzose, halb Deutscher. Wir sechs lernten jeder ein bisschen von der Sprache der anderen, mit Ausnahme des verdammten Uterbeick, der nicht aufhören wollte italienische Schnulzen zu summen. Seine Klagelieder klangen ziemlich fremd in unseren Ohren, die eher an Wagner, als an italienische Komponisten gewöhnt waren. Besonders die Leiden eines verlassenen neapolitanischen Liebhabers waren nicht mitanzuhören.

Halls besaß eine Uhr mit Leuchtziffern, auf der wir erkennen konnten, dass es halb neun war. Bestimmt ging es bald los, schließlich wollten wir hier nicht übernachten. … Eine Stunde später hatten viele von uns bereits ihre Decken abgeschnallt und sich so gut es ging auf den Boden gelegt – vorzugsweise auf erhöhte Stellen, um sich vor der Feuchtigkeit zu schützen. Einige hatten sogar den Mut, sich unter die Waggons zu legen. Sie hofften, dass der Zug nicht abfahren würde.

Unser Feldwebel hatte sich einfach auf einen Stapel Eisenbahnschwellen gesetzt. Er rauchte eine Zigarette, und jedesmal wenn sie aufglomm, sah man seine müden Gesichtszüge. Was unsere kleine Gruppe anging, so konnten wir uns nicht gut damit abfinden, die Nacht draußen verbringen zu müssen. Man konnte uns doch unmöglich hier schlafen lassen. Bestimmt würde bald zur Abfahrt gepfiffen werden, und all die Dummköpfe, die keine Geduld gehabt hatten, würden dann alle Mühe haben, in der Eile ihre Decken einzusammeln. Tatsächlich hätten wir besser daran getan, ihrem Beispiel zu folgen und dadurch zwei Stunden Schlaf zu gewinnen. Denn zwei Stunden waren seither vergangen, und wir saßen noch immer auf dem Schotter des Bahndammes. Es wurde immer kälter, und es begann leicht zu regnen. Unser gutmütiger Feldwebel war dabei, sich mit den Eisenbahnschwellen einen Unterstand zu bauen, was keine dumme Idee war. Er spannte noch seine wasserdichte Plane darüber und schützte sich so wirkungsvoll gegen den Regen.

Nun wurde es auch für uns Zeit, einen Unterstand zu finden, der diesen Namen verdiente. Doch wir konnten uns nicht allzu weit von den Haufen mit den Gewehren entfernen und diese dort im Freien lassen, wo sie dem Regen ausgesetzt waren. Das würde sonst später einen ordentlichen Ärger geben. Natürlich waren die besten Plätze besetzt, und es blieb uns nichts anderes übrig, als unter die Wagen zu kriechen. Wir hätten gern Unterschlupf in den Waggons selbst gefunden, aber die Türen waren fest mit Draht verschlossen.

Fluchend nahmen wir unter diesem äußerst unheimlichen und sehr notdürftigen Schutz Platz. Der Regen fiel schräg vom Himmel und gelangte so auch unter die Wagen. Das, dachte ich, sollte die deutsche Armee sein! Wir waren wütend. Im Nachhinein konnte ich über dieses bisschen Ärger nur lachen …

Mehr schlecht als recht gelang es uns, Schutz vor dem verdammten Regen zu finden. Dies war meine erste Nacht unter freiem Himmel. Es ist wohl überflüssig hinzuzufügen, dass ich kaum ein Auge zugetan habe. Ich erinnere mich, dass ich lange Zeit die Radachse fixiert habe, die mein Baldachin war. In meiner Müdigkeit bildete ich mir ein, dass sie sich drehte, so als ob sich der Zug in Bewegung setzen würde. Ich schreckte hoch, nur um festzustellen, dass sich nichts rührte, und fiel dann wieder in einen Halbschlaf – nur um erneut hochzufahren. Beim ersten Tageslicht verließen wir unser komfortables Hotel, steif, niesend und mit leichenblassen Gesichtern.

Um acht Uhr hieß es Antreten und Abmarsch zu den Bahnsteigen. Halls unterließ es nicht kundzutun, wir hätten ruhig einen Tag länger auf der Burg bleiben und erst in der Früh aufbrechen können, um dennoch rechtzeitig hier zu sein. Der arme Junge – genausowenig wie wir hatte er zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung von den zermürbenden Anforderungen des Soldatenlebens im Krieg. Dies war unsere erste Nacht im Freien, und es sollte nicht die letzte sein. Bald lernten wir weit schlimmere kennen.

Wir wurden als Zugbegleiter eingeteilt. Unsere Kompanie wurde auf drei lange Transportzüge für Militärmaterial verteilt, zwei bis drei Mann pro Waggon. Ich fand mich mit Halls und Lensen auf einem offenen Güterwagen wieder, der mit Tragflächen von Flugzeugen beladen war, die ein schwarzes Balkenkreuz trugen, sowie mit anderem, mit Planen bedecktem Material. Der Zug war für die Luftwaffe bestimmt. Den Aufschriften nach kam er aus Regensburg und fuhr nach Minsk.

Minsk – das war Russland. Wir schluckten.

Vom Pech verfolgt, waren wir zur Fahrt auf einem offenen Waggon verdonnert worden. Der Regen hatte sich in Schnee verwandelt und es herrschte eine unerträgliche Kälte, die durch den Fahrtwind noch verschlimmert wurde. Kurz entschlossen krochen wir unter eine große Plane, die den riesigen Motor einer Do-17 abdeckte. Das hielt den Wind ab, und indem wir ganz nah zusammenrückten, verschafften wir uns einen Hauch von Wärme. Eine gute Stunde blieben wir dort und alberten herum. Der Zug fuhr mit einer Geschwindigkeit von etwa sechzig Stundenkilometern, und wir hatten keine Ahnung, was draußen vorgehen mochte. Von Zeit zu Zeit vernahmen wir das Dröhnen von Zügen, die in entgegengesetzte Richtung an uns vorüberfuhren.

Plötzlich glaubte Lensen, im Lärm des fahrenden Zuges jemanden rufen gehört zu haben. Vorsichtig streckte er den Kopf aus unserer Deckung heraus.

»Es ist Laus«, sagte er, drehte sich unbeeindruckt um und zog die Plane wieder zu.

Zehn Sekunden später wurde diese weggerissen, und der Feldwebel bekam angesichts unserer heiteren Mienen einen Wutanfall. Laus war in voller Dienstmontur, mit Stahlhelm und Handschuhen. Seine Kapuze und das Gesicht darunter waren ebenso verschneit wie der Rest des Zuges, der sich schwankend hinter seiner Silhouette abzeichnete. Ein schallendes »Achtung!«, schlug uns entgegen, aber das Rütteln des Waggons machte es unmöglich, diesem Befehl mit einer der Situation angemessenen Diensteifrigkeit nachzukommen.

Die Szene wäre einer Burleske würdig gewesen! Ich sehe heute noch, wie sich der Riese Halls vergeblich bemühte Haltung anzunehmen, während er hin- und hergeworfen wurde. Auch ich schaffte es partout nicht mich komplett aufzurichten, weil sich mein langer Mantel in einem der vielen Teile des Flugzeugmotors verhakt hatte. Doch selbst Laus war nicht in der Lage eine würdevolle Haltung zu bewahren. Verzweifelt stützte er sich mit einem Knie auf die Plattform, und wir machten es ihm nach. Aus einer gewissen Entfernung mussten wir wie vier Verschwörer ausgesehen haben, die ihre Köpfe zusammensteckten und sich irgendwelche Geheimnisse anvertrauten. In Wahrheit wurden wir ordentlich zur Sau gemacht.

»Was treibt ihr da unten?«, schrie Laus. »Was glaubt ihr, wo ihr seid? Was denkt ihr denn, wozu ihr auf diesem Zug seid?«

Halls, der sich gern spontan äußerte, erlaubte sich, das Wort an unseren Vorgesetzten zu richten. Es sei nur unter dieser Plane möglich gewesen es hier auszuhalten, die Kälte sei mörderisch, und da es ohnehin nichts zu bewachen gäbe …

Halls Äußerungen zeugten ganz offensichtlich von einem völligen Mangel an Objektivität.

Wie ein wütender Gorilla packte der Feldwebel unseren Kameraden beim Kragen und schüttelte ihn heftig hin und her, während er ihn mit Flüchen überschüttete.

»Ich mache Meldung! Beim ersten Halt lasse ich euch in eine Strafkompanie versetzen. Ihr habt einfach euren Posten verlassen! Ihr riskiert das Erschießungskommando … Wenn ein Waggon hinter euch in die Luft gegangen wäre, was dann? Ihr hättet von eurem Nest aus nicht Alarm schlagen können!«

»Wieso«, wagte Lensen einzuwenden »sollte ein Waggon in die Luft gehen?«

»Halt's Maul, du Trottel! Es gibt Partisanen, die entlang der Eisenbahnlinien lauern. Wenn sie die Züge nicht gerade in die Luft jagen, dann werfen sie Spreng- oder Brandkörper rein, wenn die Wagen langsam fahren. Um so etwas zu verhindern seid ihr hier! Schnappt euch eure Helme und dann ab nach vorne, oder ich schmeiße euch aus dem Zug!«

Wir ließen es uns nicht zweimal sagen und bezogen trotz der Kälte, die uns ins Gesicht schnitt, Posten an besagtem Ort. Laus setzte seine Runde fort, indem er von einem Waggon zum anderen kletterte. Der Mann war kein Drückeberger, er hatte eine genaue Vorstellung von den Pflichten, die er zu erfüllen hatte. Ich habe es nie erlebt, dass er sich vor irgendeiner Aufgabe gedrückt hätte. Wahrscheinlich fand ich ihn deshalb irgendwie sympathisch, obwohl ich noch nie mit ihm gesprochen hatte. Alle anderen Feldwebel der Kompanie stellten im normalen Dienst weniger strenge Anforderungen. Sie gaben vor, sich für die große Aufgabe bereitzuhalten, aber wenn es darauf ankam, war Laus genauso auf seinem Posten wie sie, wenn nicht mehr. Er war der Älteste unter ihnen. Wir wussten aber nicht, ob er schon an der Front gewesen war. Im Grunde war er wie alle Feldwebel der Welt: pflichtbewusst, und nahezu Unmögliches von uns fordernd.

Mit seiner Standpauke hatte er zu Recht die Frage aufgeworfen, was aus uns im Angesicht des Feindes werden sollte, wenn wir nicht einmal fähig waren, ein bisschen Kälte und Gefahr auszuhalten. Ich nahm mir seine Vorwürfe zu Herzen. Schlagartig wurde ich mir meiner Rolle bewusst. Es wäre doch zu dumm, uns von irgendeinem Anarchisten in die Luft jagen zu lassen, bevor wir irgendetwas anderes gesehen hätten.

Wir fuhren jetzt durch einen Wald mit niedrigen, verschneiten Tannen. So konnte ich mit Muße über die Gewissensfrage nachdenken, die der Feldwebel aufgeworfen hatte, und gleichzeitig die Landschaft bewundern. Dieser nördliche Teil Polens war wirklich spärlich besiedelt; nur selten waren wir an Dörfern vorbeigekommen. Plötzlich bemerkte ich vor dem Zug eine Silhouette, die den Eisenbahndamm entlanglief. Ich nahm nicht an, dass ich der einzige war, der die Gestalt sah, aber niemand auf den Waggons vor mir schien zu reagieren.

Ich lud schnell meine Mauser durch, legte das Gewehr auf der sich vor mir befindenden Kiste auf und zielte auf die Gestalt, die nur ein Partisan sein konnte.

Unser Zug fuhr langsam. Die Gelegenheit, einen Sprengkörper zu werfen, wäre günstig gewesen. Bald war der Mann auf meiner Höhe. Ich konnte an seinem Verhalten nichts Verdächtiges entdecken; wahrscheinlich war es ein polnischer Waldarbeiter, der aus Neugierde herangekommen war. Die Arme in die Hüften gestemmt sah er sich ruhig den Zug an. Ich war völlig verwirrt. Ich war bereit zu schießen, doch nichts rechtfertigte meine Absicht. Da hielt ich es nicht länger aus, zielte ein Stück weit über seinen Kopf und drückte ab.

Die Denotation ließ die Luft erzittern, und der Gewehrkolben schlug heftig gegen meine Schulter, denn ich hatte in meiner Aufregung den Karabiner nicht ordentlich gehalten. Der arme Kerl lief davon, was seine Beine hergaben, mit dem Schlimmsten rechnend. Ich bin sicher, dass ich durch mein unbedachtes Handeln dem Reich einen weiteren Feind beschert hatte.

Der Zug hatte seine Geschwindigkeit nicht verringert. Einige Augenblicke später tauchte Laus auf, der trotz der Kälte seine endlosen Kontrollen fortsetzte. Er sah mich erstaunt an.

Wir hatten nun trotz der Befehle entschieden uns abzuwechseln. Zwei von uns standen Wache, der Dritte versuchte sich unter der Plane aufzuwärmen. Wir waren jetzt an die acht Stunden ununterbrochen unterwegs und fürchteten uns vor der Nacht, die wir wahrscheinlich auf dieselbe Weise würden verbringen müssen. Vor zwanzig Minuten hatte ich Halls abgelöst, und seit zwanzig Minuten kämpfte ich vergeblich gegen das Zittern an. Die Nacht kam näher, und mit ihr vielleicht auch Minsk. Wir fuhren auf einer eingleisigen Strecke; im Norden wie im Süden waren wir von dunklem Wald umgeben. Seit einer Viertelstunde hatte der Zug seine Fahrt beschleunigt, was uns nun endgültig würde gefrieren lassen. Auch hatten wir bereits einen großen Teil unserer Verpflegung aufgegessen, um keinen Kalorienmangel zu erleiden.

Plötzlich verlangsamte der Zug seine Geschwindigkeit. Die Bremsen kreischten auf den Rädern und die Kupplungen prallten heftig aufeinander. Bald fuhren wir nur mehr so schnell wie ein Radfahrer. Ich sah den Zug vorne nach rechts schwenken: Wir bogen ab auf ein Neben- oder Abstellgleis.

Noch etwa fünf Minuten fuhren wir weiter, dann stand der Zug still. Aus den ersten Waggons sprangen zwei Offiziere und gingen den Zug entlang nach hinten. Laus und zwei Unteroffiziere gingen ihnen entgegen. Sie besprachen etwas miteinander, doch wir erhielten keine Kenntnis darüber.

Wir horchten nach allen Richtungen. Der Wald, der uns umgab, schien für Angriffe jeder Art wie geschaffen. Wir waren gerade ein paar Minuten da, als ein ratterndes Geräusch ertönte. Um uns die Füße zu vertreten und durch die Bewegung etwas aufzuwärmen, waren wir von den Waggons gesprungen; doch ein Pfiff, begleitet von Gesten, forderte uns auf wieder unsere Posten einzunehmen. Auf dem rechten Gleis kam uns in der Ferne eine dampfende und völlig unbeleuchtete Lokomotive entgegen.

Was ich dann sah, ließ mich vor Schreck erstarren. Ich wünschte ich wäre ein begabter Schriftsteller, um beschreiben zu können, was sich unseren Blicken bot. Zuvorderst kam ein mit Eisenbahnmaterial beladener Waggon, den die Lokomotive vor sich herschob, und der die Ursache dafür war, dass ich den Zug für unbeleuchtet gehalten hatte. Anschließend kam die rauchende und japsende Lokomotive selbst, ihr Tender sowie ein geschlossener Waggon, durch dessen Dach ein kurzer Schornstein hervorragte, von dem dünner Rauch aufstieg – offenbar die Feldküche. Der folgende Waggon mit hohen Seitenwänden war mit bewaffneten deutschen Soldaten besetzt; ein Zwillings-MG war auf den Rest des Zuges gerichtet: Er bestand aus offenen Waggons, ähnlich den unseren, nur hatten sie eine ganz andere Fracht. Auf der ersten Ladefläche, die vor meinen erstaunten Augen vorbeizog, sah ich nur eine undefinierbare Masse. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass es übereinander gestapelte Menschen waren. Direkt dahinter waren andere in kauernder Haltung oder stehend aneinander gepresst. Jeder Waggon war bis zum Bersten voll. Einer von uns, der erfahrener war als ich, sagte nur zwei Worte:

»Russische Gefangene.«

Ich hätte eigentlich die braunen Mäntel erkennen müssen, die ich schon einmal in der Umgebung unserer Burg gesehen hatte, aber es war bereits zu dunkel. Halls sah mich an; abgesehen von den durch den Frost hervorgerufenen roten Flecken war sein Gesicht kreidebleich.

»Hast du gesehen«, sagte er leise, »sie stapeln ihre Toten vorne auf, um sich vor der Kälte zu schützen.«

»Was!?«, sagte ich verstört.

Tatsächlich hatte jeder Waggon vorne seinen Stapel Leichen. Gebannt durch diesen grauenvollen Anblick war ich außerstande meinen Blick von dem Schauspiel abzuwenden, das da langsam an mir vorbeizog. Flüchtig sah ich blutleere Gesichter und nackte, von Frost und Tod steife Füße.

Gerade fuhr ein zehnter Waggon an mir vorbei, als etwas noch Schrecklicheres passierte. Von einem der wackeligen, makabren Stapel glitten vier bis fünf Körper herunter und fielen neben die Gleise. Der Todeszug hielt nicht an. Nur die Gruppe unserer Offiziere und Unteroffiziere näherte sich. Der Zug rollte weiter vorbei; er war endlos lang. Ich weiß nicht mehr, was mich veranlasste herunterzuspringen und zu den Offizieren zu gehen. Verstört salutierte ich und fragte stotternd, ob die Leute tot seien. Einer der Offiziere sah mich erstaunt an, und es wurde mir klar, dass ich meinen Posten verlassen hatte. Er sah wie durcheinander ich war und äußerte nicht den geringsten Vorwurf.

»Ich fürchte, ja«, sagte er traurig. »Du wirst deinen Kameraden helfen, sie zu beerdigen.«

Dann drehte er sich um und ging weg. Halls war mir gefolgt; wir kehrten zu unserem Waggon zurück um die Spaten zu holen und begannen etwas seitab vom Bahndamm eine Grube auszuheben. Laus und ein anderer durchsuchten die Leichen nach irgendwelchen Hinweisen auf deren Identität. Ich erfuhr später, dass die Mehrzahl dieser armen Teufel keine Papiere hatte. Halls und ich nahmen unseren ganzen Mut zusammen und zogen, ohne hinzusehen, zwei Leichen in die Grube.

Als wir gerade dabei waren die Körper mit Erde zuzudecken, wurde zur Abfahrt gepfiffen. Es wurde zunehmend kälter und wir waren tief erschüttert. Ein ungeheurer Ekel packte mich.

Eine Stunde später passierten wir zwei Gebäudereihen. Trotz der fehlenden Beleuchtung konnten wir sehen, dass sie mehr oder weniger zerstört waren. Ein weiterer Zug kam uns entgegen, nicht so schrecklich wie der vorhergehende, aber auch nicht gerade ermutigend. Er bestand aus großen Waggons, die mit dem roten Kreuz versehen waren. Durch die Fenster sahen wir Tragbahren, es musste sich um Schwerverwundete handeln, wenn sie auf diese Art transportiert wurden. An anderen Fenstern gaben uns Soldaten mit Verbänden freundschaftliche Zeichen.

Endlich erreichten wir den Bahnhof von Minsk. Unser Zug hielt an einem breiten und langen Bahnsteig, der von Menschen wimmelte: Soldaten in voller Ausrüstung oder in Arbeitskleidung, Zivilisten, russische Kriegsgefangene, die von anderen Gefangenen mit rot-weißen Armbinden bewacht wurden. Letztere waren meist mit Stöcken oder Knüppeln bewaffnet – es waren Antikommunisten, die berüchtigte Volkskommissare der russischen Armee denunziert und sich so das Recht erkauft hatten, ihre Kameraden überwachen zu dürfen. Das spielte uns in die Hände; niemandem gelang es besser als ihnen, aus den Gefangenen gute Arbeitsleistungen herauszuholen.

Zuerst hörte man Befehle auf deutsch, dann auf russisch. Eine Menschenmasse näherte sich unserem Zug, und im Licht von Lkw-Scheinwerfern begann auf dem Bahnsteig das Ausladen. Wir beteiligten uns an dieser Arbeit, die etwa zwei Stunden dauerte und uns ein bisschen aufwärmte. Wieder griffen wir zu unseren Vorräten. Der Fresssack Halls hatte in zwei Tagen bereits mehr als die Hälfte seiner Verpflegung aufgebraucht. Für den Rest der Nacht wurden wir in einem großen Gebäude untergebracht, wo wir halbwegs bequem schliefen.

Am nächsten Tag wurden wir zu einem Lazarett gebracht, in dem wir eine Reihe von Impfungen erhielten. Hier blieben wir zwei Tage. Minsk sah aus, als hätte es einiges durchgemacht. Es gab viele zerstörte Häuser mit von Einschüssen durchlöcherten Fassaden. Manche Straßen waren für jedwede Fahrzeuge unpassierbar. Ein Bomben- oder Granattrichter folgte auf den anderen, sodass sie teilweise sogar ineinander übergingen. Oft waren die Krater bis zu vier, fünf Meter tief. Hier musste es ordentlich eingeschlagen haben! Behelfspfade aus Brettern und anderen Materialien überbrückten dieses Chaos. Von Zeit zu Zeit machten wir einer Russin Platz, die mit einem großen Vorratsbeutel bepackt war und immer drei bis vier Knirpse im Gefolge hatte. Diese starrten uns mit unglaublich großen Augen an. Es gab auch einige merkwürdige Geschäfte, deren schmale, zerbrochene Schaufenster durch Bretter oder Strohsäcke ersetzt worden waren. Um zu erfahren, was in ihnen verkauft wurde, machten Halls, Lensen, Morvan und ich ein paar Abstecher hinein. Hier gab es große Steinguttöpfe in verschiedenen Farben, gefüllt mit einer Flüssigkeit – wahrscheinlich ein Getränk –, in der irgendwelche Pflanzen schwammen oder mit verschiedenen Sorten getrockneten Gemüses. Andere beinhalteten einen undefinierbaren Sirup, irgendetwas zwischen Marmelade und Butter.

Da wir auf Russisch nicht einmal guten Tag sagen konnten, redeten wir nur untereinander, wenn wir diese Geschäfte betraten. Die wenigen Russen, die wir dort antrafen, verfielen meistens in Schweigen und nahmen eine halb höfliche, halb ängstlich Haltung ein. Für gewöhnlich kamen die Hausherrin oder der Hausherr mit einem strahlenden Lächeln auf uns zu und boten uns in großen Schöpflöffeln ihre wunderbaren Erzeugnisse an, mit dem Ziel die furchterregenden Kämpfer, die sie offenbar in uns sahen, zu besänftigen.

Oft gaben sie uns ein feingemahlenes, gelbes Mehl gemischt mit diesem Sirup. Es schmeckte nicht unangenehm und erinnerte, natürlich nur sehr entfernt, an Honig. Unangenehm war nur der hohe Fettgehalt. Ich sehe noch immer die Gesichter der Russen, wie sie uns lächelnd diese Paste anboten und dabei etwas aussprachen, das wie »Urlka« klang. Ich habe nie erfahren, ob das heißen sollte: »Bedienen Sie sich, essen Sie«, oder ob es einfach der Name dieser Mischung war. Es gab Tage, da schwelgten wir geradezu in Urlka. Was uns nicht daran hinderte, uns pünktlich um elf Uhr zur Essenausgabe einzufinden.

Halls nahm alles, was ihm die Russen so höflich anboten. Es gab Momente, in denen er mich anwiderte. Er hielt den russischen Händlern sein Essgeschirr zum Befüllen hin, die ihm stets lächelnd darin verschiedene flüssig-triefende Speisen zusammenschütteten. In seinem Geschirr mischte sich das berühmte Urlka mit geröstetem Korn, zerstückelten Salzheringen und verschiedenen anderen Dingen. Halls das Schwein verschlang alles mit unerschütterlicher Zufriedenheit.

Von diesen Momenten der Zerstreuung in den Pausen unseres Dienstes abgesehen, hatten wir kaum Gelegenheit uns zu amüsieren. Minsk war ein großes Nachschubzentrum der Armee. Auf- und Abladen lösten sich unaufhörlich ab.

Die Truppe war in diesem Sektor bestens organisiert. Es gab regelmäßig Post, für die Soldaten, die außer Dienst waren, gab es Kinos, zu denen wir anderen aber keinen Zutritt hatten, es gab Bibliotheken und Restaurants, die von russischen Zivilisten geführt wurden, aber ausschließlich deutschen Soldaten vorbehalten waren. Sie waren ziemlich teuer, ich für meinen Teil bin nie hingegangen. Halls, der alles geopfert hätte um sich vollzustopfen, gab dort sein ganzes Geld sowie einen Teil unseres Geldes aus. Selbstverständlich musste er uns dann alles ganz genau schildern, was er mit entsprechenden Ausschmückungen auch tat. Beim Zuhören lief uns das Wasser im Mund zusammen.

Wir wurden hier besser versorgt als in Polen und konnten uns zusätzlich fast umsonst besorgen, was wir uns an Verpflegung wünschten. Das war auch nötig. Es herrschte jetzt, zu Anfang Dezember, strenge Kälte. Die Temperatur erreichte dreizehn bis vierzehn Grad unter Null, und der Schnee, der immer wieder fiel, taute nicht weg. Stellenweise lag er einen Meter hoch. Dadurch verzögerte sich die Versorgung der Fronttruppen natürlich sehr, und den Erzählungen der Infanteristen zufolge, die aus den vorderen Linien zurückkamen, wo die Kälte noch mörderischer war als in Minsk, mussten sich die armen Kerle dort winzige Rationen teilen. Die Kälte und der Mangel an Kalorien führten zu körperlichen Leiden wie Lungenentzündungen, Erfrierungen, usw.

Das Reich unternahm zu dieser Zeit gewaltige Anstrengungen, um die Truppen vor dem erbarmungslosen Feind des russischen Winters zu schützen. In Minsk, Kowno und Kiew sahen wir zu riesigen Stapeln aufgetürmt Decken, spezielle Winterbekleidung aus Lammfell sowie Stiefel mit dicken, isolierenden Sohlen, deren filziger Schaft aussah als bestände er aus zusammengeballten Haaren. Handschuhe, mit Katzenfell ausstaffierte Kopfschützer, Heizlampen, die mit Benzin, Diesel oder Trockenspiritus funktionierten, Berge von Kartons mit Spezialkonserven sowie tausend andere Dinge häuften sich in den riesigen Lagern. Wir hatten mehr als genug von allem in Minsk. Und wir von den Transporttruppen der Rollbahn hatten die Aufgabe diese Sachen bis zu den vorderen Linien zu bringen, wo sie von den unglücklichen Kämpfern verzweifelt erwartet wurden.

Wir taten alles Menschenmögliche, doch das war nicht genug. Wie sehr wir gelitten haben, nicht unter der roten Armee, die sich bisher eigentlich nur zurückgezogen hatte, sondern unter dieser Kälte, ist kaum zu beschreiben. Außerhalb der großen Zentren hatten die deutschen Pioniere nicht die Zeit, die ohnehin raren Straßen zu reparieren oder gar neue anzulegen. Während wir diesen Herbst Sport getrieben hatten, hatte sich die Wehrmacht nach einem außergewöhnlichen Vormarsch mit dem ganzen Material in einem unglaublichen Meer aus Schlamm festgefahren. Dann war der erste Frost gekommen und hatte die großen Wagenspuren, die nach Osten führten, gefrieren lassen. Die Mechanik der Fahrzeuge hatte auf diesen Wegen, die höchstens von Panzern normal befahrbar waren, furchtbar gelitten. Trotzdem hatte das Gefrieren des Bodens für einen Moment die Versorgung der Truppen ermöglicht. Bis der Winter seine Schneemassen über die endlose Weite Russlands verteilte und damit ein weiteres Mal den Verkehr lahm legte.

In diesem Dezember 1942 waren wir schwer damit beschäftigt, täglich den gefallenen Schnee wegzuschaufeln, um unseren Lkw zu ermöglichen an einem Vormittag zwanzig oder dreißig Kilometer zurückzulegen. Unter dem Schnee offenbarte uns der steinharte Boden seine unheilvolle, mit Buckeln und Schlammlöchern gespickte Oberfläche, die wir sprengen oder auffüllen mussten, um die Fahrbahn zu ebnen. Am Abend beeilten wir uns dann für die Nacht einen Unterschlupf zu finden.