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Ein ungewöhnliches Buch, das einen kleinen Einblick in den Alltag der Medikamentenforschung verschafft. Ereignisse, die sonst kein Mensch mitbekommt, werden hier offen dargelegt. Persönliche Erlebnisse und Gefühle der Probanden werden hier wiedergegeben und sollen darauf aufmerksam machen, dass es nicht selbstverständlich ist, immer neuere und bessere Medikamente zu bekommen, sondern dass einige, wenige Menschen dafür ihre Gesundheit riskieren.
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Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gerda Althoff
Der Versuchskaninchenjob
Erlebnis einer Medikamentenstudie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Versuchskaninchenjob
Impressum neobooks
Lange habe ich überlegt, wie ich in meinem Alter noch zu Geld kommen könnte. Ist es mit dreißig Jahren schon schwierig einen Job zu bekommen, so ist es mit sechzig nahezu unmöglich und die war ich nun einmal. Eigentlich konnte ich mich nicht beklagen, denn hungern musste ich nicht. Um mir aber bei diesen stetig steigenden Preisen noch irgendetwas Besonderes leisten zu können, brauchte ich mehr Geld und das pronto. Nachdem ich mir wochenlang vergeblich das Hirn zermartert hatte, wie ich zu zusätzlichen Einkünften kommen könnte, schrieb ich alle Möglichkeiten, die sich mir meiner Meinung nach boten, auf einen Zettel. Da stand an erster Stelle „erben“, an zweiter „im Lotto gewinnen“, „Schatz finden“ und „Erfindung machen“, folgten. Ich starrte auf die verschiedenen Optionen und irgendwann wurde mir klar, dass es kompletter Blödsinn war, was ich da tat. Eine vernünftige Idee musste her. Früher hatte ich schon mal davon gehört, dass es Leute gibt, die noch nicht zugelassene Medikamente testen und dafür sehr viel Geld bekommen. Ich hatte aber auch gehört, dass damit ein nicht unerhebliches Gesundheitsrisiko verbunden war, bis hin zum Tod. War das wirklich die einzige Möglichkeit, die mir blieb und war ich überhaupt dafür geeignet? Bestimmt musste man einige Voraussetzungen erfüllen, um überhaupt für so eine Studie in Betracht zu kommen. Um das herauszufinden, gab es nur einen Weg, das Internet. Ich setzte mich also an den PC und googelte, bis mir die Fingerspitzen qualmten. Angeboten wurde einiges, allerdings konnte ich das meiste davon sofort wieder vergessen. Anfahrtswege von fünfhundert Kilometer und mehr, kamen nicht in Frage, ebenso wenig Studien, die sich über ein ganzes Jahr oder sogar noch länger hinzogen. Ich brauchte in absehbarer Zeit Geld und nicht erst nächstes Jahr. Bei einer Studie, die für mich infrage kam, scheiterte es dann am Alter, das auf fünfundfünfzig Jahre begrenzt war, wie man auf der betreffenden Webseite erfahren konnte. Nachdem ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, stieß ich auf ein Forschungsinstitut in Nordrhein-Westfalen, das ebenfalls gerade Probanden für verschiedene Studien suchte, unter anderem auch für eine Diabetes-Studie. Ich war vor einigen Jahren an Diabetes erkrankt, überlegte nicht lange und klickte das Registrierungsformular an. Schnell waren alle notwendigen Angaben gemacht. Ein Funken Hoffnung flammte auf, als am nächsten Tag das Telefon klingelte; am Apparat war die Firma X.
Um nicht für irgendetwas haftbar gemacht werden zu können, nenne ich diese Firma einfach mal "X".
Sie wollten noch etliche Informationen über mich haben, wie zum Beispiel Vorerkrankungen, Operationen, irgendwelche Schlaganfälle oder Herzinfarkte in der Familie und den Beginn meiner Krankheit und nicht zuletzt die Höhe des aktuellen HbA1c Wertes. Danach tat sich monatelang nichts mehr. Der Funken Hoffnung keimte noch einige Wochen in mir, um schließlich vollends zu erlischen.
Zu meiner großen Überraschung meldete sich die Firma X an einem Freitag im Mai wieder und bot mir die Teilnahme an einer Studie an. Mein Herz klopfte wie wild. Wenn ich mit allem gerechnet hatte, damit nicht. Wichtigste Voraussetzung für eine Teilnahme war ein Hba1c Wert zwischen 6,5 und 9,5 mg, was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Der Zufall wollte es, dass ich gerade an diesem Morgen bei meinem Hausarzt zur vierteljährigen Blutabnahme war, um den Wert des Langzeitzuckerwertes zu ermitteln. Da ich die Ergebnisse erst am folgenden Montag erfahren würde, bat ich sie, am Dienstag doch noch einmal anzurufen.
Als ich das Ergebnis erfuhr, erlitt ich einen Schock..... Der Wert war mit 10,2 mg außerordentlich hoch und ich war mir meiner Schuld voll bewusst.
In den vergangenen Monaten hatte ich es mit den Süßigkeiten stark übertrieben, außerdem jeden Tag ein bis zwei Flaschen Malzbier getrunken. Zu allem Übel gab es in der letzten Zeit auch noch drei Geburtstage zu feiern, ganz zu schweigen von den Osterfeiertagen. Wegen dieses hohen Wertes sollte ich jetzt Tabletten nehmen und zwar Metformin.
Der Dienstag verging, ohne dass sich etwas tat. Meine anfängliche Euphorie sank rapide ab und ich machte mir Gedanken, was das zu bedeuten hatte. Ich traute mich nicht aus dem Haus zu gehen, aus Angst, die Dame vom Recruiting könnte in der Zwischenzeit anrufen. Am Mittwochmorgen endlich kam der ersehnte Anruf und abermals spürte ich mein Herz vor Erregung pochen. Als ich dann aber erfuhr, dass mein hoher HbA1c Wert außerhalb der Toleranzgrenze lag, überkam mich eine unendliche Wut über mich selbst. Wie hatte es soweit kommen können, dass ich wider alle Vernunft, so viel süßes Zeug in mich hineingestopft hatte. Mein Langzeitwert lag normalerweise immer zwischen 7 und 8 mg.
Während ich meine Chance schon verloren sah, versuchte ich ihr trotzdem die Situation zu erklären und dass mein normaler Wert eigentlich viel niedriger war und dieser hohe Wert nur wegen der Geburtstage und der Feiertage zustande gekommen war und ich außerdem ab jetzt Tabletten nähme.
Die Aufwandsentschädigung hätte viertausendeinhundert Euro betragen, ich hätte so losheulen können. Anscheinend hatte ich sie aber überzeugt,
denn sie meinte, die Studie würde noch andauern und im Juli gäbe es eine weitere Gruppe, in die ich aufgenommen werden könnte, falls mein Zuckerwert bis dahin unter 9,5 mg fallen würde, was aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich ab jetzt Metformin nahm, kein Problem darstellen sollte. Selbstverständlich mussten auch noch alle anderen, vom Sponsor vorgegebenen Werte stimmen und dazu gab es eine Voruntersuchung, bevor man endgültig in die Studie eingeschlossen wurde. Anfang Juli wollte sie sich wieder melden, um mir die genauen Termine mitzuteilen und das waren noch fast zwei Monate. Die Zeit zog sich hin wie Kaugummi und immer wieder kamen mir Zweifel, ob sie sich tatsächlich wieder melden würde, doch ein kleiner Funken Hoffnung blieb und den pflegte ich mit Sorgfalt, damit er nicht verloren ging. In der Zwischenzeit hatte ich erneut einen Termin bei meinem Hausarzt und ich erhielt eine Nachricht, die mich hocherfreute. Mein HbA1c Wert war inzwischen auf 7,4 mg gesunken. Bezüglich des Zuckerwertes würde es also keine Probleme geben.
